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Alice Schwarzer und die Frauenaktion 70

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Der Kampf gegen den § 218 (16)

„Den Staatsanwaltschaften wird nichts anders übrigbleiben, als gegen alle Frauen, die sich öffentlich der Abtreibung beschuldigen, zu ermitteln.“

Alice Schwarzer

Was bisher geschah: Alice Schwarzer machte sich von Paris aus auf, um die französische Aktion, sich selbst öffentlichkeitswirksam der Abtreibung zu bezichtigen, auch nach Deutschland zu exportieren. Kontakte mit Parteien und Gewerkschaften blieben fruchtlos, doch Teile der Roten Frauen in München und der Sozialistische Frauenbund Westberlin unterstützten die Aktion und sammelten Unterschriften.

Bevor Alice Schwarzer allerdings die eher universitären, sozialistischen Frauengruppen kontaktierte, wandte sie sich – was eigentlich nicht weiter verwunderlich ist, an die Frauenaktion 70. Denn diese hatte ja schon einige Zeit vor Alice Schwarzer die Debatte um den § 218 in die bundesrepublikanischen Öffentlichkeit getragen. Nicht nur lokale Medien, sondern auch überregionale Zeitungen und Zeitschriften hatten über die Teach-Ins, Unterschriftensammlungen, Demonstrationen und Kundgebungen der Frauenaktion 70 berichtet. Und diese waren keineswegs auf Frankfurt beschränkt gewesen, sondern auch in Dortmund, Düsseldorf, Essen und Köln wurde das Frankfurter Modell kopiert ([2], S. 83). Wenn also damals jemand Ansprechpartner für eine Kampagne gegen den § 218 war, dann ganz sicher die Frauenaktion 70.

Doch in den diversen Darstellungen Alice Schwarzers, in denen sie ihre eigene Rolle bei der Initiierung der Bekenntnisaktion herausstreicht, spielte die Frauenaktion 70 eine mehr als untergeordnete Rolle. Ende 1971, als sich Schwarzer erstmals als Initiatorin der Stern-Kampagne offenbarte, wird die Frauenaktion 70 nur als bedeutungslose, lokale Vorläuferin erwähnt, eine Beteiligung an der Aktion wird nicht erwähnt. 1981 erscheint sie auf einmal als eine der Gruppen, die die Unterschriften für den Stern beibrachten. 2008 schreibt sie dann in der Emma:

„Die einzigen, die die »Aktion 218« als Gruppe mittrugen, war die »Frauenaktion 70« in Frankfurt.“ ([6])

In ihrer Autobiographie von 2011 ist dann die Frauenaktion 70 wieder verschwunden. Warum dieses merkwürdige Herumgeeiere? Aufklärung gibt ein Blick in die berühmte Ausgabe des Stern, in der Alice Schwarzer die Anfänge der Aktion beschreibt:

„Um einen runden Couchtisch in Frankfurt-Eschersheim, Fritz-Reuter-Straße 5, saßen am 3. Mai dieses Jahres sieben Damen, knabberten Käsegebäck und formulierten einen Text, der der Bundesregierung noch zu schaffen machen wird.
Die Frankfurter Damenrunde setzt sich aus Mitgliedern der »Frauenaktion 70« zusammen, die seit vergangenem Jahr Sturm läuft gegen den Paragraphen 218, der Schwangerschaftsunterbrechung unter Strafe stellt. Rund 50 Frankfurterinnen gehören der »Frauenaktion 70« an. Lehrerinnen, Studentinnen, Journalistinnen und vor allem Hausfrauen. Ihr Motto: »Mein Bauch gehört mir.« Jede Frau, so fordern sie, müsse das Recht haben, eine ungewollte Schwangerschaft mit ärztlicher Hilfe zu unterprechen.
Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, griffen die am Abend des 3. Mai zusammensitzenden Frauen eine revolutionäre Idee aus Frankreich auf: Alle Frauen sollten aufgerufen werden, öffentlich zu bekennen: »Ich habe abgetrieben!« Damit käme auf die deutsche Justiz eine Prozeßlawine zu, vor der Richter und Gesetzgeber kapitulieren müßten. Endziel: Streichung des »Abtreibungs-Paragraphen«. […]
In klaren Sätzen formulierten die Frankfurter Frauen den auf Seite 17 abgedruckten Appell.“ ([4], S. 21)

Die Frauenaktion 70 war also nicht nur eine unter mehreren Gruppen, mit denen Schwarzer zusammenarbeitete, es war diese Gruppe, die den eigentlich Appell verfaßte. Daß Schwarzer selbst in diesem ersten Bericht über die Ursprünge der Kampagne überhaupt nicht auftaucht, heißt nicht, daß sie später ihre initiierende Funktion einfach erfunden hätte. Es ist durchaus glaubwürdig, wenn sie schreibt:

„Während ich weiter Unterschriften sammele, schreibe ich für den Stern den Bericht über die Aktion. Dabei verschleiere ich meine Rolle als Initiatorin bewusst. Warum? Nicht weil ich etwas zu verbergen hätte. Nein. Ich will ganz einfach den Eindruck vermeiden, dies sei die Aktion einer Einzelnen.“ ([7], S. 241)

Das hat sicherlich auch etwas mit dem Vorbild des französischen Mouvement de Libération des Femmes (MLF) zu tun. Persönlichkeitskult war in der französischen Bewegung schwer verpönt, Artikel wurden in der Regel anonym oder nur mit dem Vornamen der Verfasserin gezeichnet veröffentlicht. Und es verwundert nicht, daß die einer persönlichen Profilierung nicht gerade abgeneigte Alice Schwarzer dies später bedauerte:

„Es existierte ein eigenartiges Namensverbot: Die Aktivistinnen, die an die Öffentlichkeit gingen oder Texte schrieben, nannten jahrelang nur ihren Vornamen. Grund: Alles sollte Ausdruck eines Kollektivs der Frauen sein. Dadurch blieb der MLF lange gesichtslos.“ ([7], S. 201)

Schwarzer wollte aber nicht gesichtslos bleiben und bereits Ende 1971 offenbarte sie allen, die es wissen wollten, daß sie die Kampagne ins Rollen gebracht hatte ([5], S. 148). Dennoch ist die im Stern dargestellte zentrale Rolle der Frauenaktion 70 nicht erfunden. Der Text des Appells zeigt deutlich ihre Handschrift. Zweifellos hatte Schwarzer den Text des französischen Manifests mitgebracht, denn dessen ersten Sätze wurden in nur wenig modifizierter Form übernommen:

„Eine Million Frauen pro Jahr lassen in Frankreich eine Abtreibung vornehmen. Sie tun dies unter gefährlichen Umständen, da die Abtreibung gesetzlich verboten ist. Wenn diese Operation unter ärztlicher Kontrolle geschieht, ist sie denkbar einfach.“ (zit. nach [3], S. 107)

Der deutsche Text begann mit:

„Jährlich treiben in der Bundesrepublik rund 1 Million Frauen ab. Hunderte sterben, zehntausende bleiben krank und steril, weil der Eingriff von Laien vorgenommen wird. Von Fachärzten gemacht, ist die Schwangerschaftsunterbrechung ein einfacher Eingriff.“ ([4], S. 17)

Doch insgesamt war der deutsche Text deutlich länger als der französische und endete mit Parolen und Forderungen, die bereits ein Jahr zuvor bei den Aktionen der Frauenaktion 70 verwandt wurden, darunter etwa die Demonstrations-Parole „Nur noch Wunschkinder“ ([2], S. 77), die im Appell als „Ich bin gegen den Paragraphen 218 und für Wunschkinder“ auftauchte ([4], S. 17). Das gilt auch für die Forderungen nach umfassender sexueller Aufklärung und die nach einer Kostenübernahme der Krankenkassen für Abtreibungen – alles Forderungen, die im französischen Aufruf nicht zu finden sind, die aber schon ein Jahr zuvor von den Frankfurterinnen erhoben worden waren.

Die Frauenaktion 70 hatte also, schon bevor es losging, einen nicht unwesentlichen Einfluß auf die Kampagne. Und sie sammelten auch fleißig Unterschriften – mit 61 Signaturen lagen sie nur knapp vor den von Schwarzer immer so gelobten Münchnerinnen, die nur unwesentlich mehr zusammenbrachten.

Es ist außerdem nicht ganz unwahrscheinlich, daß die Unterschriften aus Düsseldorf und Köln ebenfalls auf das Netzwerk der Frankfurterinnen zurückgingen. Allerdings habe ich keinen Hinweis darauf gefunden, wer hinter den Kölner und Düsseldorfer Unterschriften steckte (ebensowenig wie für die 6 rätselhaften Unterschriften von der Insel Sylt). Man kann aber davon ausgehen, daß die vorausgegangenen Aktionen der Humanistischen Aktion (aus der die Frauenaktion 70 hervorgegangen war) in diesen beiden Städten eine Rolle gespielt haben dürften.

Wenn also die Frauenaktion 70 so wichtig dafür war, daß die Aktion zustande kam, warum wird das von Alice Schwarzer zumeist nicht gewürdigt? War es nur Schwarzers Eitelkeit, die den Führungsanspruch in dieser Sache nicht mit jemandem anderen teilen wollte? Das sicherlich auch, aber nicht ganz: Das Problem der Frankfurterinnen war, daß sie zumindest anfänglich Angst vor der Kriminialisierung hatten. Damit hatten die sozialistischen Frauengruppen in München und Berlin kein Problem. Aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte aus der 68er-Bewegung wußten sie, daß der Spielraum für Provokationen deutlich größer ist, als gemeinhin angenommen wird. Doch die Frankfurterinnen zögerten. In Schwarzers Darstellung liest sich deren Haltung so:

„Als das Papier nach zwei Stunden Redigierarbeit auf dem Couchtisch lag, fand sich niemand der Initiatorinnen bereit, die Selbstbezichtigung, abgetrieben zu haben, auch zu unterschreiben.
Kleinlaut gab Renate Scheunemann Lebenserfahrung zum besten: »Deutsche Frauen, die sich selbst bezichtigen? Niemals! Die machen das nie mit, die gehen höchstens artig im Ministerium fragen, ob man das Gesetz nicht ändern will.
Eine zweite Teilnehmerin räsonnierte: »Bei der Position meines Mannes kann ich mir eine Unterschrift gar nicht erlaube. Er ist im Staatsdienst.«
Die Frauen beschließen, die Sache erst einmal zu überschlafen, im übrigen aber auch mit Freundinnen in anderen Städten über den Appell zu sprechen.“ ([4], S. 21f)

Das heißt nicht, daß aus der Frauenaktion 70 keine Unterschriften kamen – von der Handvoll Frauen aus der Frauenaktion 70, deren Namen ich kenne, finden sich immerhin zwei auf der Liste im Stern. Doch diese anfängliche Zögerlichkeit scheint Schwarzer, der so etwas immer fremd war und die auch aus Frankreich anderes gewohnt war, gegen die Frauenaktion 70 eingenommen zu haben, weshalb sie deren Rolle in der Entstehungsphase der Aktion künftig herunterspielte.

Seien Sie gespannt, wie es weiter geht, und freuen Sie sich auf nächste Woche, wenn ein Generalstaatsanwalt erklärt:

„Also wissen Sie, wenn ich den STERN mit dieser Veröffentlichung im Café lese, dann blättere ich lieber schnell darüber hinweg. Aber wenn mir die Veröffentlichung als dienstlicher Vorgang auf den Tisch kommt, dann kann ich kein Auge zudrücken, dann muß ich ermitteln.“ ([1], S. 22)

Nachweise

[1] Redaktioneller Beitrag, „Was werden die Staatsanwälte tun?“, in: Stern, Jg.24 (1971), Nr.24 (6. Juni 1971), S.22.

[2] Scheunemann, R. & Scheunemann, K.: „Die Kampagne der ‚Frauenaktion 70‘ gegen den § 218“, in: Grossmann, H. (Hg.), Bürgerinitiativen. Schritte zur Veränderung?, Frankfurt a.M. 1973 (3. Aufl.), S. 68 – 84.

[3] Schulz, K., Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich 1968–1976, Frankfurt a.M. / New York 2002 (http://www.hist.unibe.ch/unibe/philhist/hist/content/e267/e6141/e8165/datei/datei/schulz_provokation_ger.pdf).

[4] Schwarzer, A., Frauen gegen den § 218. 18 Protokolle, Frankfurt a.M. 1971.

[5] Schwarzer, A., „374 Frauen bekennen vor der Öffentlichkeit: Wir haben abgetrieben“, in: Stern, Jg.24 (1971), Nr.24 (6. Juni 1971), S.16 – 24.

[6] Schwarzer, A., „Mein persönliches 68“, in: Emma, Jg.32 (2008) (http://www.emma.de/artikel/alice-schwarzer-mein-persoenliches-68-263763).

[7] Schwarzer, A., Lebenslauf, Köln 2011.

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Written by alterbolschewik

24. Oktober 2014 um 16:48

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