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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

6. Juni 1971: Wir haben abgetrieben!

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Der Kampf gegen den § 218 (17)

„Die jüngsten Umfragen bestätigen: Wenn heute unter den zwölf Millionen Frauen der Bundesrepublik im gebärfähigen Alter zwischen fünfzehn und fünfundvierzig Jahren ein Plebiszit über das Verbot der Schwangerschaftsunterbrechung stattfände, wenn es stattfinden könnte – das Verbot würde fallen.“

Hans Schueler, 1971

Was bisher geschah: Anfang Mai 1971 kam Alice Schwarzer aus Paris, um eine öffentliche Bekenntnisaktion zur Abtreibung nach französischem Vorbild auch in Deutschland zu initiieren. Bei Parteien und Gewerkschaften stieß sie auf wenig Unterstützung, fand aber erste Bündnispartnerinnen in der Frankfurter Frauenaktion 70, mit der zusammen sie den deutschen Aufruf verfaßte, der dann im Stern erscheinen sollte. Danach folgte eine Rundreise zu den studentischen Frauengruppen an den Universitäten Frankfurt, München und Berlin. Die Frankfurterinnen wollten sich aus dogmatischen Gründen nicht beteiligen, die Münchner Gruppe spaltete sich an dieser Frage, nur die Berlinerinnen unterstützten die Kampagne ohne Wenn und Aber.

Sinn des Ganzen war es natürlich, die Justiz unter Druck zu setzen. Denn auf das öffentliche Bekenntnis mußten eigentlich staatsanwaltschaftliche Ermittlungen erfolgen. Der Stern zitierte den Hamburger Oberstaatsanwalt Beck:

„Natürlich müssen wir die Strafverfolgung einleiten. Wir sind gezwungen, uns so lange an ein Gesetz zu halten, wie es gilt. Das ist ein Prinzip des Rechtsstaates. Wenn uns eine strafbare Handlung gegen den Paragraphen 218 bekannt wird und wir verfolgen sie nicht, begehen wir eine Begünstigung im Amt und können selbst bestraft werden. Wir können auch nicht so tun, als läsen wir den STERN nicht.“ ([3], S. 22)

Die Gefahr bestand also durchaus, daß die unterschreibenden Frauen Ärger mit der Justiz bekommen würden. Und immerhin stand auf Abtreibung damals noch bis zu 5 Jahren Haft – auch wenn dieses Strafmaß praktisch nie ausgesprochen wurde. In der Regel beließ man es bei Geldstrafen oder einer Haftstrafe von 3 Monaten auf Bewährung ([5]). Doch ein gewisses Risiko gingen die Unterzeichnerinnen durchaus ein. Die Französinnen hatten bei ihrer Aktion versucht, sich dagegen abzusichern, indem sie eine Reihe prominenter Frauen dazu brachten, sich dem Ganzen anzuschließen – was Dank des Adressbuches von Simone de Beauvoir kein großes Problem war. Ähnlich prominente Namen wie die auf der französischen Liste sollten auch in Deutschland zum Schutz der großen Masse der ganz normalen Frauen dienen.

Doch woher nehmen? Alice Schwarzer war – zumindest damals – keine Simone de Beauvoir, die sich einfach ans Telefon hängen und mit dem ganzen Gewicht ihrer Persönlichkeit Frauen im Rampenlicht der Öffentlichkeit davon überzeugen konnte, bei so einer Aktion mitzumachen. Wie also gelang es Schwarzer, an die Unterschrift einiger bekannter Schauspielerinnen zu kommen? Ganz klar ist das nicht. Offensichtlich war Romy Schneider die Türöffnerin:

„Die lebt zu der Zeit gerade in Deutschland mit Harry Meyen und ihrem Sohn, aber ist natürlich über die französische Aktion, bei der viele von ihr geschätzte Kolleginnen mitgemacht hatten, auf dem Laufenden. Wir telefonieren miteinander, und bereits am nächsten Tag trifft ihre Unterschrift ein, mit dem Satz am Rand des Blattes: »Da bin ich ganz und gar dafür!!!« Drei Ausrufezeichen.“ ([6], S. 240)

Und so finden sich dann auf der Liste der 376 Frauen (ja, es sind zwei mehr als immer angegeben – offensichtlich hat nie jemand richtig nachgezählt) 22 Schauspielerinnen, die bereit sind, mit einem solchen Bekenntnis möglicherweise ihre Karriere zu ruinieren.

Als klar war, daß Schwarzer die versprochenen Unterschriften zusammenbekommen würde, wurde auch der Stern aktiv und schickte sie mit dem profilierten Fotographen Robert Lebeck los, Bildmaterial für den Artikel zu erstellen. Und so zierten Frauen des Sozialistischen Frauenbundes West-Berlin in doppelseitiger Aufmachung Schwarzers Artikel und die Unterschriftenliste.

Als dann am 6. Juni 1971 die Nummer des Sterns mit dem legendären Cover erschien, kam es zu vehementen publizistischen Reaktionen – auch von Seiten, von denen man es nicht erwartet hätte:

„Nicht nur Bild versucht die Aktion 218 als »Prominentengag« runterzuschreiben, auch die Süddeutsche Zeitung spricht von »Exhibitionismus« (»schamlos«) und die Frankfurter Rundschau ortet gar »Konsumwahn« (»Pelzmantel statt Kind«) sowie eine »Vernichtung unwerten Lebens« – ganz im Sinne von Kardinal Jaeger, für den die Aktion 218 eine Art »neues Euthanasieprogramm« ist.“ ([6], S. 243)

Doch auf das unterste Niveau stieg Hans Habe in der Welt am Sonntag hinab:

„Er bezog sich auf die »Dame ohne Unterleib« und schrieb: »Nicht weniger krüppelhaft als die Schaustellung „keines“ Unterleibes ist die Schaustellung des Unterleibes.« Die Bekennerinnen, »samt und sonders Verfechterinnen des freien Sexus«, provozierten »ekelerregende Vorstellungen«. Er könne sich keinen Mann vorstellen, »der die Aufmerksamkeit auf den operierten Unterleib seiner Frau oder seiner Geliebten zu lenken wünscht«. Mit diesem Selbstbekenntnis machten sich Frauen unattraktiv, den »die Schamlosigkeit, mit der sie uns ihr Privatestes enthüllen, macht ihr Privatestes reizlos«. Übrig bleibe »eine abstoßende Reklame, ein Striptease, der sich nicht mehr mit der totalen Nacktheit begnügt, der nun – es mußte so kommen – auch die Gedärme entblößt«.“ ([2], S. 113)

Unterstützung kam eigentlich nur von der Zeit, und – mit Abstrichen – vom Spiegel. In der Zeit bündelte Hans Schueler sachlich alle Argumente, die für eine Abschaffung des § 218 sprachen und wies vor allem auf die Diskrepanz zwischen dem eigentlichen Ausmaßes der Abtreibung – geschätzte 400.000 bis eine Million Fälle pro Jahr – und der tatsächlichen Strafverfolgung – rund 1.000 Prozesse im Jahr hin. Dies mache die tatsächlich juristisch verfolgten Frauen praktisch zu Willküropfern. Deshalb sparte Schueler auch nicht mit Kritik an den Kirchen:

„Gegenüber einer solchen Wirklichkeit machen es sich die Kirchen doch wohl zu leicht, wenn sie den Staat unter Berufung auf ein vorgegebenes Sittengesetz schon prophylaktisch der moralischen Knochenerweichung zeihen, falls er sich herbeiließe, Wirklichkeit und Gesetz in annähernde Übereinstimmung zu bringen. Die Formel »Abtreibung ist Mord« und die Behauptung, ein Justizminister, der die Straflosigkeit der Abtreibung erwäge, wolle »den Mord freigeben« (so das »Passauer Bistumsblatt«), sagen mehr über die Anmaßung und Selbstgerechtigkeit ihrer Urheber aus als über die menschliche und sittliche Qualität von Millionen Frauen, über die sie den Stab brechen.“ ([5], S. 1)

Wie zu erwarten war, begannen die Staatsanwaltschaften zu ermitteln – allerdings mehr oder minder lustlos:

„Deutsche Staatsanwälte tun inzwischen, was sie nicht lassen dürfen – aber sie erledigen es ohne Eifer und Aufregung. Heinz Groh, stellvertretender Behördenleiter der Staatsanwaltschaft in Frankfurt: »Dicke Anklagen gibt es mit Sicherheit nicht. Wir spielen die Sache nicht hoch.« Auch Paul Klein, Oberstaatsanwalt in Köln, glaubt nicht, »daß viel dabei herauskommt«, das Bekenntnis allein »reicht auf keinen Fall« für eine Anklage aus.“ ([4], S. 44)

Bis zum 14. Juni waren offensichtlich 145 Ermittlungsverfahren eingeleitet worden – doch das klingt dramatischer als es in Wirklichkeit war:

„Verweigern sie ihre Aussage (was sie dürfen, weil sich niemand zu belasten braucht), dann – so der Kölner Oberstaatsanwalt Klein »werde ich die Akten schließen«.“ ([4], S. 44)

Nur in Bayern liefen die Uhren naturgemäß wieder einmal etwas anders. Von den 145 Ermittlungsverfahren gingen rund die Hälfte auf das Konto der Staatsanwaltschaft München, die sich auch sonst nicht lumpen ließ:

„In München fand eine Razzia bei Mitgliedern der »Aktion 218« statt. Selbstbezichtigungen und Solidaritätsunterschriften von Frauen, sowie Adreßbücher, Notizblöcke, Flugblätter und Protokolle wurden von der Polizei beschlagnahmt.“ ([1], S. 32)

Doch auch diese Ermittlungen führten offensichtlich zu nichts – zumindest ist nichts darüber bekannt, daß irgendeine der Frauen wegen der Selbstbezichtigungsaktion belangt worden wäre.

Damit sind wir an dem Punkt angelangt, auf den die Arbeit verschiedenster Fraueninitiativen seit 1968 bewußt oder unbewußt hinauslief. Es ist ein Punkt des Umschlags, an dem etwas grundsätzlich Neues entsteht. Deshalb wird es nächste Woche erneut um ein Thema gehen, das hier im Blog immer wieder angerissen worden ist: Die Theorie des Ereignisses. Es würde mich deshalb überhaupt nicht wundern, wenn sich der Alte Bolschewik nächste Woche selbst zitiert:

„Das Ereignis ist willkürlich, kontingent, aber dennoch notwendig. Es stößt auf eine Bewußtseinsstruktur, der nur noch dieses traumatische Ereignis gefehlt hat, damit die alte symbolische Ordnung schlagartig zerfällt und einer neuen symbolischen Ordnung Platz macht, in der die bisherigen Fakten eine völlig anderen Sinn bekommen.“

Nachweise

[1] Krieger, V.: „»…rühmen sich öffentlich ihrer Verbrechen«“, in: von Soden, K. (Hg.), Der große Unterschied. Die neue Frauenbewegung und die siebziger Jahre, Berlin 1988, S. 31 – 38.

[2] Mika, B., Alice Schwarzer. Eine kritische Biographie, Reinbek bei Hamburg 1998.

[3] Redaktioneller Beitrag, „Von vorgestern“, in: Der Spiegel, Jg.25 (1971), Nr.25 (14. Juni 1971), S.44-45 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43231196.html).

[4] Redaktioneller Beitrag, „Was werden die Staatsanwälte tun?“, in: Stern, Jg.24 (1971), Nr.24 (6. Juni 1971), S.22.

[5] Schueler, H., „Frauen gegen einen Paragraphen“, in: Die Zeit, Jg.24 (1971), Nr.24 (11. Juni 1971), S.1 (http://www.zeit.de/1971/24/frauen-gegen-einen-paragraphen/komplettansicht).

[6] Schwarzer, A., Lebenslauf, Köln 2011.

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Written by alterbolschewik

31. Oktober 2014 um 17:29

3 Antworten

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  1. Mit dem Begriff des Ereignisses sind wir zugleich sehr dicht bei Heidegger und Derrida. Mit Heidegger geschrieben: Jenes ganz Andere als Überstieg, Überwindung, Verwindung und Ausbruch aus der Geschichte als Verhängnis.

    Ob das Ereignis der Umschlag von Quantität in eine neue Qualität ist, bleibt eine weitere Frage. Ich halte solche Ereignisse, die sich auf der Ebene des Empirischen in den gesellschaftlichen oder politischen Dimensionen bewegen, nur im Medien des Ästhetischen für sinnvoll kommunizierbar.

    Wobei ich mich beim Umschlag ins Neue häufig frage, ob es nicht wieder bloß das verteufelt Alte sei, was dann herauskommt. Die gleiche Scheiße, wie es wohl bei Marx an einer Stelle heißt.

    bersarin

    4. November 2014 at 21:15

    • Brr – das hast Du jetzt absichtlich gemacht, mich in die Nähe von Heidegger zu rücken… Man könnte auch Benjamin nennen – aber bei dem ist ja auch ein gerüttelt Maß Mystizismus zu finden.

      Aber tatsächlich hat das Ereignis, zumindest im Sinne der instrumentellen Vernunft, ein irrationales Moment. Wenn wir unterstellen, es gäbe tatsächlich so etwas wie Ereignisse, mit denen definitiv etwas Neues anbricht, dann kommen wir mit dem Kausalitätsdenken der wissenschaftlichen Rationalität nicht weiter. Das Ereignis ist eine Wirkung, die nicht in ihrer Ursache aufgeht – sonst bräche ja nichts Neues mit ihm an. Das heißt, auch wenn wir Ursachen für das Ereignis angeben, bleibt ein nicht durch die Ursachen bestimmter Rest, der das Ereignis überhaupt erst zum Ereignis macht.

      Und in der Tat stellt sich die Frage: Gibt es so etwas überhaupt – oder ist es einfach nur die gleiche alte Scheiße in neuem Gewand. Ob sich darüber anders als im Medium des Ästhetischen sinnvoll reden läßt, wird sich in den nächsten Folgen dieses Blogs zeigen.

      alterbolschewik

      6. November 2014 at 8:46

  2. Ich gestehe, daß der Heidegger-Bezug einer gewissen Lust an der Provokation geschuldet war, wenngleich ich ebenfalls an Benjamin dachte.

    Was die Faltungen und Ausprägungen des Ereignisses betrifft, bin ich auf die neue Serie zur Theorie des Ereignisses gespannt.

    Bersarin

    6. November 2014 at 22:49


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