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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Das Sein der Bewegungen

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Bewegungslehre (1)

„Die Bewegungsforschung bestimmt soziale Bewegung als ein »durch kollektive Identität abgestütztes Handlungssystem mobilisierter Netzwerke von Gruppen und Organisationen«, die das Ziel verfolgen, »sozialen Wandel mittels öffentlicher Proteste herbeiführen, verhindern oder rückgängig [zu] machen.«“

Kristina Schulz, Dieter Rucht zitierend

Was bisher geschah: Am 6. Juni 1971 erschien der Stern mit der Schlagzeile Wir haben abgetrieben! Mehr als 300 Frauen bekannten öffentlich mit ihrer Unterschrift, gegen den Paragraphen 218 verstoßen zu haben. Und dieses Bekenntnis wurde dann zur Initialzündung für die Neue Frauenbewegung, die dann in den nächsten Monaten und Jahren einen erstaunlichen gesellschaftlichen Wandel initiieren sollte.

In dieser und wahrscheinlich mehreren weiteren Folgen werde ich von der Empirie etwas zurücktreten und versuchen, die an der Entstehung der Frauenbewegung gewonnen Einsichten der letzten Wochen und Monate in einen größeren theoretischen Kontext zu stellen. Denn bei aller Lust an der Empirie, den kleinen, aber interessanten oder verblüffenden Details, die hier im Blog ausgebreitet wurden, geht der Anspruch, den ich mit diesem Blog erhebe, über einen nostalgischen Rückblick auf die gute alte Zeit der neuen sozialen Bewegungen hinaus. Es geht mir darum, wie denn gesellschaftliche Veränderungen funktionieren und welche Rolle Bewegungen darin spielen.

Ich will dabei gar nicht großspurig von einer Theorie der Bewegungen sprechen – über so etwas verfüge ich ganz sicherlich nicht. Es geht mir nur darum, die hier im Blog immer wieder einmal fragmentarisch angerissenen Bruchstücke einer solchen Theorie neu zu sortieren, sie begrifflich zu schärfen und das Ganze etwas weiter zu entwickeln. Wobei man sich eine solche Theorie besser als eine Leitidee vorstellen sollte denn als fixes Gedankengebäude.

Ganz sicher geht es mir nicht darum, eine Theorie zu entwickeln, wie man Bewegungen „machen“ kann. Bewegungen entstehen aus bestimmten gesellschaftlichen Konstellationen heraus, es gibt keine Techniken oder Rezepte, wie man sie erzeugen kann – darauf wird noch einzugehen sein.

Genausowenig erhält man eine solche Theorie, wenn man sich einfach verschiedene Bewegungen anschaut, daraus Gemeinsamkeiten abstrahiert und diese Abstraktionen dann als eine Bewegungs-Theorie verkauft. Das ist es, was die sogenannte „Neue Soziale Bewegungs-Forschung“ macht. Da werden dann Phasen identifiziert, Typologien aufgestellt, Ordnungsschemata erfunden. Doch deren „Anwendung“ auf den realen Verlauf von Bewegungen führt zu nichts anderem als leeren Tautologien. Das, was man zunächst per Abstraktion aus den Bewegungen herausgezogen hat, findet man dann, wenn man dieses Raster auf eine Bewegung „anwendet“, dort tatsächlich wieder: Was für eine Überraschung.

Mir geht es weder um eine politische Theorie, aus der sich Handlungsstrategien ableiten lassen, noch um einen bewegungstheoretischen Positivismus, der vor allem klassifikatorischen Zwecken dient. Wenn es nicht ein wenig hochtrabend klänge, dann würde ich meine Herangehensweise am ehesten als eine philosophische beschreiben. Mir geht es um die Frage: Was ist eine Bewegung? – mit starker Betonung auf dem „ist“. Oder etwas verschwurbelter ausgedrückt: Was ist das Sein einer solchen Bewegung?

Allein schon durch diese Art und Weise, die Frage zu stellen, beginnt sich die Spreu vom Weizen zu trennen. Wenn unterstellt wird, daß Bewegungen eine spezifische gesellschaftliche Seinsweise zukommt, erweist sich, daß vieles, was als „Bewegung“ gehandelt wird, eben keine Bewegung ist. Wenn Bürgerinitiativen als wesentlicher Bestandteil der sogenannten Neuen Sozialen Bewegungen beschrieben werden, dann greift das ganz offensichtlich zu kurz. Bürgerinitiativen haben per se erst einmal nichts mit Bewegungen zu tun. Bürgerinitiativen schließen sich zusammen, um bestimmte, meist recht klar bestimmte Ziele zu erreichen. Ob das nun der Bau einer Umgehungsstraße ist oder die Verhinderung eines Atomkraftwerkes – es handelt sich um ein konkretes Ziel, das man dadurch zu erreichen hofft, daß Druck auf die dafür zuständigen politischen Institutionen ausgeübt wird. Mit diesen ihren Anliegen sind Bürgerinitativen ein ganz normaler Teil des bestehenden demokratischen Prozesses.

Daran ändert sich auch nicht prinzipiell etwas, wenn derartige Initiativen zu Protestformen greifen, die die Grenzen des Legalen überschreiten. Bewußter Rechtsbruch gehört unter dem Namen des „zivilen Ungehorsams“ durchaus zu den üblichen Strategien, mittels derer politischer Druck aufgebaut wird, um das Anliegen der Initiative gegenüber den etablierten gesellschaftlichen Institutionen durchzusetzen. Derartige Aktionen stellen die bestehenden Machtstrukturen nicht prinzipiell in Frage. Es geht ja nicht einfach darum, mit illegalen Mitteln zu kämpfen. Ziviler Ungehorsam beruht darauf, daß die gesellschaftlichen Sanktionen für den Rechtsbruch nicht nur akzeptiert, sondern ausdrücklich gesucht werden. Wer sich während eines Castortransportes an die Bahngleise kettet, tut dies nicht heimlich und im Verborgenen, sondern mit dem vollen Bewußtsein, dafür möglicherweise bestraft zu werden. Denn gerade dadurch werden die gegnerischen Institutionen unter Druck gesetzt. Diese werden dazu gezwungen, Strafen auszusprechen, die, so hoffen die Aktivisten, in der Öffentlichkeit als unverhältnismäßig angesehen werden, was wiederum zu einer Stärkung der eigenen Position innerhalb dieser Öffentlichkeit führen soll. Genau dieses Kalkül lag ja auch der Kampagne im Stern zugrunde, als sich die Frauen selbst einer Straftat, nämlich der Abtreibung bezichtigten. Hätten die Staatsanwaltschaften wirklich reagiert und ihre Ermittlungsverfahren in reale Anklagen münden lassen, wäre ein Aufschrei der Empörung durch das Land gegangen, der die Position der Abtreibungsbefürworterinnen gestärkt hätte.

Dennoch: All‘ dies spielt sich völlig im Rahmen des in einer parlamentarischen Demokratie nicht nur Zulässigen, sondern tatsächlich Begrüßten ab. Schließlich sollen die Gesetze und Verwaltungsvorschriften nicht starr sein, sondern sich, vermittels eines öffentlichen Diskurses, veränderten gesellschaftlichen Gegebenheiten anpassen. Insofern sind Bürgerinitativen einfach Teil des ganz normalen gesellschaftlichen Prozesses innerhalb einer parlamentarischen Demokratie, selbst wenn in Form des „zivilen Ungehorsams“ gewisse juristische Grenzen überschritten werden.

Oder beinahe: Im Gegensatz zur normalen Aufklärung durch Flugblätter, Demonstrationen, Versammlungen etc. beinhaltet der zivile Ungehorsam ein Moment, das über dessen reine Funktionalität hinausreicht. Es wird nämlich nicht nur über die Unverhältnismäßigkeit, die in den bestehenden Rechtsvorschriften steckt, aufgeklärt. Die Art und Weise, wie diese Aufklärung betrieben wird, unterscheidet sich grundlegend von anderen Weisen der Aufklärung. Es wird nämlich auf ein wichtiges und ziemlich archaisches Symbol zurückgegriffen: Das Symbol des Märtyrers. Indem man die Regeln öffentlich bricht und die Sanktionen dafür auf sich nimmt, macht man sich zum Märtyrer. Und in diesem Symbol steckt ein kleines Quentchen Transzendenz, das über den bloßen status quo hinausreicht. Doch dies nur als Vorgriff. Die Bedeutung derartiger Symbole für echte Bewegungen wird noch zu thematisieren sein.

Dieses kleine Stück Transzendenz, das im Symbol des Märtyrers enthalten ist, kann uns jedoch auf die richtige Spur bringen, was denn eine wirkliche Bewegung von nur scheinbaren Bewegungen unterscheidet. Es ist dies, daß die Bewegung in ihrem Verlauf weit über ihren ursprünglichen Anlaß hinausreicht, eine Dynamik entwickelt, die keinem im voraus gefaßten Plan entspricht. Nehmen wir wieder unser aktuelles Beispiel, die Frauenbewegung, die im Anschluß an die Stern-Aktion entstand. Sicher, das zunächst formulierte Ziel war erst einmal, den Paragraphen 218 zu Fall zu bringen. Doch dieses Ziel selbst verlor ganz schnell den einfachen Status einer konkreten legislativen Angelegenheit. Der § 218 wurde selbst zu einem Symbol: Zum Symbol für die männliche Verfügungsgewalt über die weiblichen Körper.

Die Frauenaktion 70, die die erste Kampagne gegen Abtreibung initiiert hatte, war eine klassische Bürgerinitiative gewesen. Sie hatte ein konkretes Ziel und versuchte dieses Ziel im Rahmen der bestehenden Institutionen zu erreichen. Die Aktion 218 hingegen, die nach der Stern-Aktion als loser bundesweiter Verband unzähliger Frauengruppen in vielen Städten der Bundesrepublik entstand, wurde zu einem Kristallisationskern, aus dem dann eine Vielzahl unterschiedlichster Initiativen hervorging wie Frauengesundheitsgruppen, Frauenzentren, Lesbengruppen, Frauenbands, Frauenzeitschriften, -verlage und -buchläden…

Eine Bewegung ist ohne einen gewissen utopischen Horizont nicht denkbar. Sie will weit mehr, als im ursprünglichen Anlaß gelegen hatte, sie zielt auf ein grundsätzlich Anderes und Neues, das in der Regel gar nicht wirklich benennbar ist, das mehr einer Sehnsucht als einem Plan entspringt. Und bevor die geneigte Leserin sich allzu euphorisch mit diesen Bewegungen identifiziert: Das gilt nicht nur für sympathische, fortschrittliche Bewegungen, sondern auch für faschistische oder – aktuell – islamistische Bewegungen. Ihre Seinsweise, um erneut die philosophische Terminologie zu bemühen, ist aufgespannt zwischen einer partikularen Kritik des Bestehenden und einem Zukunftshorizont, der die Totalität des Bestehenden überschreitet.

Nächste Woche geht es weiter, wenn wir den Zusammenhang zwischen Bewegung und Ereignis erörtern. Freuen Sie sich bis dahin darauf, daß das Diktum der Agentur Bilwet erläutert werden wird:

„Die Bewegung ist die Erinnerung an das Ereignis“ ([1], S. 175)

Nachweise

[1] Agentur Bilwet, Bewegungslehre, Berlin 1991.

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Written by alterbolschewik

7. November 2014 um 18:12

Veröffentlicht in Bewegung, Ereignis

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