shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Synthetische Mobilisierung

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Bewegungslehre (2)

„In keinem modernen Lande der Welt ist das Waldgefühl so lebendig geblieben wie in Deutschland. Das Rigide und Parallele der aufrechtstehenden Bäume, ihre Dichte und ihre Zahl erfüllt das Herz des Deutschen mit tiefer und geheimnisvoller Freude.“

Elias Canetti, Masse und Macht

Was bisher geschah: Letzte Woche wurde eine entscheidende Differenzierung getroffen. Nicht immer, wenn Bürger sich außerhalb der üblichen gesellschaftlichen Institution kollektiv um Belange kümmern, die auch die Gesamtgesellschaft angehen, handelt es sich um eine Bewegung. Bewegungen, so wurde postuliert, zeichnen sich nicht nur durch ein konkretes Ziel aus, sondern zusätzlich durch ein transzendierendes Moment.

Der eigentliche Plan für heute war, angesichts der letztwöchigen Erkenntnisse zwischen genuinen gesellschaftlichen Bewegungen einerseits und inszenierten Pseudobewegungen andererseits zu unterscheiden. Die echten Bewegungen, so war meine Arbeitshypothese, entstehen ohne einen festen Plan, werden durch ein Ereignis ausgelöst, das unerwartet und plötzlich einschlägt. Inszenierte Pseudobewegungen dagegen sind Massenaufläufe, die von irgendwelchen Gruppen geplant und organisiert werden, ohne daß ein initiierendes Ereignis hinzukommt. Und diesen synthetischen Bewegungen fehlt, so wollte ich argumentieren, der gesellschaflich transzendierende Horizont, der den eigentlichen Kern einer echten Bewegung ausmacht.

Inzwischen habe ich gewisse Zweifel an dieser Hypothese; zumindest die einfache Abqualifizierung synthetischer Bewegungen als Pseudobewegungen erscheint mir mittlerweile als falsch. Als Paradebeispiel für eine synthetisch inszenierte Bewegung würde ich beispielsweise die Friedensbewegung ansehen, die Anfang der 80er Jahre Massen gegen den Nato-Doppelbeschluß auf die Straße gebracht hatte, wie es das in der Bundesrepublik niemals vorher oder nachher gegeben hat. Diese Bewegung hätte ich gerne als inszenierte Pseudobewegung einfach aus der Diskussion über echte Bewegungen herausgenommen.

Und es gibt gute Gründe, das zu tun: Zum einen war so gut wie nichts Spontanes an dieser Bewegung. Sie wurde generalstabsmäßig organisiert, woran die aus der DDR finanzierte DKP als verlängerter Arm der russischen Außenpolitik einen nicht unbeträchtlichen Anteil hatte – aber auch andere Institutionen wie Gewerkschaften oder Kirchen. Zum anderen fehlte dieser Bewegung auf den ersten Blick ein transzendierendes, nach vorne weisendes Moment. Natürlich wollte man keinen Atomkrieg – aber das war’s dann auch schon. Zwar wurde von diversen linken Gruppen, die sich an die Bewegung anhängten, versucht, ein derartig überschreitendes Moment mit einzubringen. Die Argumentationslinie war dabei ungefähr die, daß eine derartige Kriegsgefahr im Rahmen einer kapitalistisch verfaßten Gesellschaft nie gebannt werden könne, so lange mächtige Rüstungsinteressen von einer permanenten Aufrüstung profitierten. Doch die Verknüpfung des konkreten Protestes gegen die unmittelbar bevorstehende Aufstellung atomarer Mittelstreckenraketen mit einer größeren, antikapitalistischen Perspektive blieb völlig marginal und wäre, wenn sie mehr Bedeutung gewonnen hätte, für die Mobilisierung eher hinderlich gewesen. Während andere Bewegungen gerade vom Pathos einer Überwindung des status quo leben, war es für die große Masse derer, die sich gegen die Nato-Doppelbeschluß mobilisieren ließen, gerade der Wunsch nach Bewahrung des status quo, der sie auf die Straße brachte.

Mangelnde Spontaneität und mangelndes Pathos der Überschreitung wären also meine Argumente gewesen, mit denen ich Bewegungen wie die gegen den Nato-Doppelbeschluß aus dem Kanon der „echten“ Bewegungen verstoßen hätte. Doch letztendlich ist das absurd: Man kann nicht der größten außerparlamentarischen Massenmobilisierung in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland unterstellen, daß sie sich fälschlich das Mäntelchen der Friedens-„Bewegung“ umgehängt habe. Denn sie unterschied sich nicht nur durch die Menge der Mobilisierten von einer bloßen Bürgerinitiative, die gegen eine Bahntrasse durch ihre Vorgärten protestiert.

Die Friedensbewegung war nicht einfach durch schnödes Eigeninteresse getrieben. Natürlich kann man sagen, daß der Wunsch, nicht in einem Atomkrieg pulverisiert zu werden, durchaus eine ziemlich individuelle Komponente hat. Aber das war meines Erachtens nicht der zentrale mobilisierende Faktor. Auch nicht ein „typisch deutscher“ Antiamerikanismus, der der Friedensbewegung von anderen als wesentliche Motivation unterstellt wurde (in New York demonstrierten 1982 doppelt so viele Menschen gegen die „Nachrüstung“ wie bei der großen Friedensdemonstration in Bonn; und den US-Bürgern wird wohl niemand Antiamerikanismus unterstellen). Meine augenblickliche Hypothese lautet: Das eigentlich treibende Motiv hatte durchaus eine transzendierende Komponente, allerdings eine negative. Und bei diesem Motiv handelte sich um die Vorstellung einer atomaren Apokalypse. Es war eben nicht die Furcht vor der individuellen Auslöschung, die mobilisierende Wirkung entfaltete, sondern die Furcht vor der Auslöschung der gesamten Menschheit.

Was ziemlich interessant ist. Warum sollte es weniger wichtig sein, wenn man sowieso schon tot sein wird, ob man das alleine oder zusammen mit der ganzen Menschheit ist? Eigentlich sollte doch die individuelle Todesgefahr eine größere mobilisierende Wirkung entfalten als die doch recht abstrakte Vorstellung, die ganze Menschheit würde ausgelöscht. Die Differenz liegt wieder einmal im Symbol. Mit dem Sinnbild der Apokalypse wurde eine ungeheuer starke Symbolik evoziert, die tief in unser christliches kulturelles Gedächtnis eingebrannt ist. Offensichtlich reicht die Macht dieser Symbolik so weit, daß es mit ihrer Hilfe gelingen konnte, eine synthetische Massenmobilisierung in Gang zu setzen, ohne daß es ein initiierendes Ereignis gab.

Damit unterscheidet sich die apokalyptische Symbolik wesentlich von der, die ich letzte Woche angeführt hatte. Damals hatte ich das Symbol des Märtyrers herausgestellt, das für die Mobilisierung von Bewegungen typisch ist. Der Märtyrer als Symbolfigur ist unzweideutig an ein Ereignis geknüpft, eben das seines Martyriums. Und dieses symbolische Ereignis hat unmittelbar mobilisierende Wirkung. Das Symbol der Apokalypse verweist jedoch auf ein zukünftiges Ereignis. Offensichtlich wirkt dieses noch gar nicht eingetretene Ereignis so eindrücklich, daß es, obwohl es noch nicht eingetreten ist, seine Wirkung entfalten kann. Die mobilisierende Kraft der Apokalypse beruht also nicht auf einem realen Ereignis, sondern darauf, daß ein Ereignis nicht eintreten soll.

Das sind nicht nur formale Differenzierungen. Aus diesen Differenzierungen ergibt sich ein weiterer wesentlicher Unterschied für die gesellschaftliche Bedeutung der Bewegungen. Tatsächlich hatte ich noch einen dritten Grund, die Friedensbewegung nicht unter die „echten“ Bewegungen zählen zu wollen. Und dieser Grund ist der eigentlich entscheidende: Sie brachte keine nachhaltigen gesellschaftlichen Veränderungen hervor.

Die Frauenbewegung, die durch die Veröffentlichung des Bekenntnisses „Wir haben abgetrieben!“ angestoßen wurde, hatte Auswirkungen, die die gesamte Gesellschaft in ganz zentralen Bereichen verändert hat. Zweifellos haben wir noch lange nicht den utopischen gesellschaftlichen Zustand erreicht, in dem nicht mehr über Geschlechtergerechtigkeit diskutiert werden muß, weil diese sowieso selbstverständlich ist. Aber die Veränderungen in den Geschlechterverhältnissen, die sich seit der Veröffentlichung des Stern vom 6. Juni 1971 ergeben haben, sind tiefgreifend und bedürfen keiner näheren Ausführung.

Die Mobilisierung der Friedensbewegung hingegen verpuffte ohne irgendwelche greifbaren Spuren im gesellschaftlichen Alltag zu hinterlassen. Noch nicht einmal auf die Wahlen hatte die größte Protestbewegung in der Geschichte der BRD einen bedeutenden Einfluß: 1983, mitten in der Hochphase des Protestes gewann die CDU/CSU 4,3% der Wählerstimmen hinzu. Bestenfalls am erstmaligen Einzug der GRÜNEN in den Bundestag (mit 5,6%) kann man, wenn man will, eine gewisse politische Wirkung der Friedensbewegung ablesen. Doch die Anti-AKW-, Ökologie- und Frauenbewegung dürften für diesen ersten bundesweiten Wahlerfolg der GRÜNEN einen größeren Einfluß gehabt haben als die Friedensbewegung.

Wir können also festhalten, daß es zweierlei Arten von Bewegungen gibt: Spontane und synthetische. Beiden gemeinsam ist, daß sie über eine starke Symbolik verfügen müssen, um tatsächliche Massen mobilisieren zu können. Die Symboliken würden in beiden Fällen nicht funktionieren, wenn sie nicht eine den status quo überschreitende Qualität besäßen, doch die Überschreitung selbst ist eine grundlegend andere. Im Fall der spontanen Bewegungen ist die Symbolik der Überschreitung eine utopische: Es soll nicht nur ein Mißstand im Rahmen der allgemeinen Verhältnisse behoben werden, sondern die Verhältnisse selbst sollen verändert werden. Im anderen Fall, dem der synthetischen Bewegungen, ist es die Furcht vor einer grundlegenden Veränderung, die mobilisierende Wirkung besitzt. Wenn diese Veränderung dann nicht eintritt, die Apokalypse ausbleibt, zerfällt die Bewegung und hinterläßt wenig bis keine Spuren.

Dieser Dualismus von spontanen und synthetischen Bewegungen ist zweifellos etwas differenzierter als mein ursprünglicher Ansatz, zwischen „echten“ und „falschen“ Bewegungen zu unterscheiden. Aber ganz befriedigend ist er auch nicht. Was ist beispielsweise mit der Anti-AKW- und Ökologiebewegung? Diese mischte munter einen utopischen und einen apokalyptischen Part zusammen, was sich dann auch in einer doppelten Symbolik niederschlug: Dem utopischen Symbol der Sonne, wie es die Anti-Atomkraft-Aufkleber zierte, stand das apokalyptische des sterbenden Waldes entgegen. Wie ist eine derartige Doppelnatur einzuschätzen?

Für heute habe ich keine Antwort auf diese Frage. Und auch nächste Woche wird es (hoffentlich) erst einmal um etwas anderes gehen, nämlich um das Ereignis, das die spontanen Bewegungen auslöst.

Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn Elias Canetti meint:

„Eine besondere Art von Masse bildet sich durch ein Verbot: Viele zusammen wollen nicht mehr tun, was sie bis dahin als einzelne getan habe. Das Verbot ist plötzlich; sie erlegen es sich selber auf.“ ([1], S. 57)

Nachweise

[1] Canetti, E., Masse und Macht, Frankfurt a.M. 1980.

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Written by alterbolschewik

14. November 2014 um 16:12

Veröffentlicht in Bewegung, Ereignis

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6 Antworten

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  1. Wieder einmal ganz wunderbar geschrieben, nüchtern, sachlich doch nie trocken oder gar vertrocknet. Und für mich war der Text Anlass, mal wieder den alten Canetti auszugraben. Ohoh, so viel unverdienter Staub…

    Zu Ihrem Text: Bewegungen haben das utpische Moment, aber diese Utopie – es wird nun noch komplizierter – muß nicht notwendig nach vorne zeigen. Auch Reaktionäre, Konservative können Utpoisten sein. Aktuell sehe ich die konservative, deutsche Elite in ihrem Willen, die Vergangenheit zu verändern/umzudeuten, auf so einem Trip. Die Utopie wendet sich nach hinten.
    Beunruhigt bin ich deswegen, weil eine solche rückwärtsgewandte Utopie, solche eine Revolution „ohne Idee, gegen die Idee…es ist menschliches dergleichen noch nie vorgekommen“ (Thomas Mann) schon 1933 Sperrspitze des Wahnsinns gewesen war. Ich schreibe das bei aller gebotenen Vorsicht; nein noch sehe ich keinen bösen Faschismus am deutschen Firmament leuchten. So dominant sind die deutschen Konservativen, deren aktuellster politischer Ausdruck die AfD ist, noch nicht. Aber ein Teil von ihnen hat diese ptolomäische Wende schon vollzogen.
    Bewegungen, die nach hinten zielen, meinen vorne meistens eine Katastrophe. Auf dem Stimmzettel in Weimar hieß die NSDAP in der erklärenden Klammer auch zusätzlich „Hitlerbewegung“. Und Hitler selbst sah sich als Führer der Bewgung als Antipode zu dem „erstarrten System“, wollte Deutschlands Größe „zurück“ haben. In den USA hieß es nach der Wahl Obamas aus republikanischen Kreisen ganz äquivalent: „I want my country back.“ man möchte fragen: Quo vadis utopia?

    summacumlaudeblog

    15. November 2014 at 6:54

    • Das ist ein ganz wichtiger Punkt – den ich mir für einen späteren Beitrag aufgehoben habe, auch weil ich mir da noch sehr unsicher bin. Denn es ist wahrscheinlich gar nicht so einfach, zwischen progressiven und reaktionären Bewegungen zu unterscheiden. Gerade die doch sehr rätselhafte Ökologiebewegung mischte nicht nur apokalyptische und utopische Momente, sondern auch progressive und reaktionäre Utopien.
      Was die AfD betrifft, so lohnte es sich bei Canetti das Kapitel Inflation und Masse zu konsultieren. Die zumindest in der Anfangsphase mobilisierende Fixierung auf die D-Mark und auf Gold als Massensymbole findet dort eine Erklärung. Wir gehen keinen guten Zeiten entgegen, denn die konservativen bis reaktionären Kräfte verfügen momentan über starke Massensymbole, während ich auf Seiten der Linken keinerlei Ansätze erkennen kann.

      alterbolschewik

      15. November 2014 at 10:59

  2. aterbolschewik, ich möchte versuchen, einge Aspekte des Irrationalen, die im Zusammenhang mit der „Friedensbewegung“ am Werke waren, darstellen und aufzählen: Wie ich mich erinnere, war damals viel von „der Angst“, also Ängsten die Rede. Gerne wurde verallgemeinert („Allquantifikation über einen unbestimmten Bereich“): „Angst lähmt.“ Seltsam eigentlich, da war eine Versammlung zustande gekommen, zwar nicht immer, Ähnliches war auch übern Äther zu hören oder in Lettern zu lesen gewesen, also als öffentliche Äußerung an eine unbestimmte größere Gruppe von Menschen adressiert, anstatt dass die Masse nun Parolen im Modus des Aktivismus zu hören bekam, was zu erwarten gewesen wäre, wurde diese Theorie der Angst, dass sie lähme, immer wieder formuliert und verbreitet. Also – paradoxerweise – Angstlähmung als Mantra einer „Bewegung“ ?

    In einer Kulisse aus Angst und Bedrohung zu leben, konnte, so wurde vermeint, Angst machen. Aber war es nun wirklich der resultierende Aufruf, die Lähmung abzuschütteln, um wenigstens dies eine zu tun, nämlich dieser Angst Ausdruck zu verleihen und möglichst massenhaft zu demonstrieren, worum es ging? Eigentlich nicht, wie ich meine. Abgesehen von christlichen Ideen, die in Verbindung mit dem postaktivistischen Betroffenheitskult der Nachsechziger- und -siebzigerjahre angesichts solcher den Glauben anfechtenden Lähmung nur noch „betroffener machten“, ging es nicht darum, irgendwie aktiv zu werden, den Zustand der Lähmung zu überwinden. Die Friedens“bewegung“ hatte kein Ziel (es sei denn jenes, den Westen strategisch zu schwächen).

    Und heterogen wie sie war, gab es auch keinen gemeinsamen Plan, was zu tun sei. Theorien der (einseitigen) Abrüstung waren nicht gerade zwingend überzeugend und sorgten lediglich für fruchtlose Diskussionen. Es war ein Betroffenheitskult um die Angst. Die klassische Unterscheidung zw. Angst und Furcht ist hier auch richtig zum Tragen gekommen, wenn von Angst anstelle von Furcht die Rede ist. Denn insofern ist es m.E. die richtige Analyse, von der Apokalypse als Symbol zu sprechen, als die Apokalypse, der „Weltuntergang“ etwas Unvorstellbares ist, dem nur eine unbestimmte Angst entsprechen kann und nicht eine rationale Furcht vor etwas Bestimmtem. Dennoch war diese Angst nun seltsam konkret, etwas Unbegreifliches hätte eine Angst hervorrufen müssen, die ihrerseits ja per Definition (das Wovor bleibt im Dunklen) eine „irrationale“ Angst ist, dem zum Trotz aber nicht fassbar blieb. Niemand hatte konkret Angst vor dem Weltuntergang, es war eine theoretische Angst. Analog zu der Vergewisserung, „daß trotz des Ereignisses die Ordnung im wesentlichen intakt ist“ anläßich einer Vergewaltigung mit Todesfolge in der Nachbarschaft qua Püschtiereniederlegen und Kerzenanzünden, suchten nun Friedensbewegte durch symbolische Aktionen gewissermaßen sich ihrer Angst zu vergewissern, Menschenketten usw., alles durchgängig nicht auf Aktion angelegte Erscheinungen. Einer Angst, die zum Handeln ja hätte drängen müssen; sie war aber lediglich theoretisch, und es schien nicht vernünftig, sie nicht zu haben. Es handelte sich um verzweifelt-rationalisierende Versuche, etwas irratinales (die Angst) hervorzubringen, was dieses oder überhaupt irgendein Tun hätte hervorrufen sollen aber auf rationale Weise nicht hatte können. Und so gruppierten sich jene Erscheinungen in der Tat um das Symbol der Apokalypse.

    Dieses Symbol wurde aber als solches erst hervorgebracht. Denn es gab schlechterdings nichts, das hätte unternommen werden können. Außer dem lauten Aufschrei und dem hilflosen Protest gegen eben diese Situation und die eigene verzweifelte Situation, praktisch zur Tatenlosigkeit verurteilt zu sein. (Mal fatalistisch-fröhliche Spontiaktionen ausgeklammert.) Das sinnwidrige Unterfangen, unter Androhung des (vermeintlichen) Weltuntergangs die Welt retten zu wollen, hatte ohne Zweifel irrationale Züge. Eine (rationale) Risikoabwägung fand nicht statt. Ras Risiko (der Preis), das man eingehen wollte, stand buchstäblich in keinem Verhältnis zu der Wahrscheinlichkeit, das es zu einem „Unfall“ hätte kommen können (jemand drückt auf den „roten Knopf“) oder jemand sich schlicht verrechnet oder durchknallt. Das Risiko war nicht wägbar, weil der erwartete zu zahlende Preis im Fall des Falles als gegen Unendlich veranschlagt wurde, aber keine zeitliche Begrenzung, innerhalb derer allein diese Situation fortdauern sollte, in Aussicht stand.

    Diese Irrationalität war es, was die Leute auf die Straße brachte. Nicht die in gewisser Weise irrationale Angst vor der Apokalypse. Auch wenn die Leute dann in gewisser Weise oder zum Teil selber nicht anders als, wenn, dann irrational zu handeln vermochten, also die irrationale Schleife nicht durchbrechen konnten. Diese Situation jagte Angst ein, weil Irrationalität instinktiv Angst einflößt. Nicht die Angst lähmte, sondern die Lähmung angesichts dieser irrationalen und paradoxen Situation, in der es keinen Ausweg zu geben schien, war beängstigend. Dass Angst lähme, war nur eine weitere Irrationalität, nämlich Ursache mit der Wirkung zu verwechseln, die im Symbol der Apokalypse liegt.

    Am Ende war es also auch kein zukünftiges Ereignis, ob Symbol oder nicht, das zu dieser „Bewegung“ von Gelähmten führte.

    (BTW das mit der nicht Stattfindenden Risikoabwägung fand exakt so mit der Atomkraft statt. Desh. auch die wütenden Proteste und Rationalisierungen auf beiden Seiten. Zuletzt: Eine Irrationalität lässt sich nur durch Irrationales rationalisieren, durch mit Sicherheit nicht funktionierenden – oder jedenfalls planlosen – Totalausstieg.)

    ziggev

    25. November 2014 at 3:51

    • Danke für diese ausführlichen Reflexionen. Die Friedensbewegung der 80er Jahre hatte in der Tat schwer irrationale Momente – aber ich würde sie nicht unbedingt darauf fixieren. Für mich war damals die linksradikale Kritik an der Friedensbewegung ein Augenöffner oder anders gesagt: Der Anlaß, mich mit Gesellschaftstheorie auseinanderzusetzen. Und ganz verkürzt war die damalige Kritik ja die, daß die Friedensbewegung nur „für den Frieden“, aber nicht „gegen das Militär“ war (ganz zu schweigen von dem hochgradig ideologischen Antiamerikanismus, der sich aus äußerst trüben Quellen speiste). Die linksradikale Parole war dementsprechend: Antimilitaritische Mobilisierung statt Händchenhalten.
      Aber ich denke, es wäre notwendig, noch einmal die damalige Geschichte sine ira et studio detaillierter aufzuarbeiten. Zum einen wären die unterschiedlichen Akteure genauer zu identifizieren und deren Zielvorstellungen aufzuarbeiten. Das reicht von den Antimilitaristischen Gruppen über die Apostel der Gewaltfreiheit hin zu den Kirchen; dann wäre das Engagement der von Moskau abhängigen DKP und ihrer ganzen Vorfeldorganisationen aufzuarbeiten. Und schließlich ist der mediale Einfluß nicht zu unterschätzen. Ohne den Film War Games ist die Friedensbewegung nicht zu denken (wobei man sich hier auch die Frage nach der Henne und dem Ei stellen muß).
      Mit anderen Worten: Meine Hinweise auf die Friedensbewegung sind sicherlich ziemlich verkürzt; aber ich glaube, es hieße sie zu unterschätzen, wenn man sie auf reine Irrationalität reduziert.

      alterbolschewik

      29. November 2014 at 13:48

  3. – nachholend vielleicht zuerst: mir ist logisch klar, dass die Friedensbewegung bei Deinem jetzigen Erkenntnisinteresse nur ein Randaspekt darstellen kann – und ich teile Deine Einschätzung, dass wir es hier nicht mit einer Bewegung zu tun haben, die durch ein Ereignis irgendwie ausgelöst wurde. Denn es ging – wenn, dann – um ein zukünftiges und zu verhinderndes Ereignis.

    Jedoch überaus schätze ich Deine materialreiche Herangehensweise, denn jeder lebende Mensch weiß, dass nur durch Zusatzinformation irgenderneut Erkenntnis werden kann.

    Und genau an diesem Punkt, da wir uns wunderten über die weltschmerz-apokalyptisch-weltschmerz-Seltverliebtheit von Untergangsszenarien-Anhängern, und wo Du in Sachen Gesellschaftstheorien weitermachtest, weil Du, logisch, selbstverständlich, wenn denn nun mal (meine These) sich die Welt über alle begreiflichen Maßen als irrational darstellte, wenigstens diese Situation rational zu bereifen anstrebtest, was rationaleres kann eins sich ja gar nicht denken, fasste ich meines Entschluss, dass ich mich nie mit Gesellschaftstheorien beschäftigen werde.

    Solches Sich-Beschäftigen mit Massen-Phänomenen, Affekten – igitt !!

    Wir müssen also nicht erst alles durchgehen, meintewegen, um zu zeigen, dass Du rational anstrebtest, und dass mithin, so Du denn dazumals ähnlich bewegt warst, selbst in der sog. Friendensbewegung rationale Bestrebungen unterwegs waren, – aber wenn Du fragst, welche Ziele usw. von verschiedenen dort verorteten Subbewegungen angedacht worden seien, dann beinhaltet das ja bereits rationale, weil auf Ziele ausgerichtet, Anstrebungen. Meinetwegen Linksradikal !!

    Die Friedensbewegung also auf seltsame Irrationalismen zu reduzieren wäre – zumindest historisch – unterkoplex. I agree.

    Da ich aber Gesellschaftstheorie insgesamt und toto ablehne, denn solche würd mich zwingen, mich ausschließliche mit menschlichen Irrationalismen, Gruppenzwang, oder – meine Wortwahl – Dummheit zu beschäftigen, schlage ich vor, auch die sog Friedensbewegung einfach mal nach dem Schema Ratioanl/Irrational auseinaderzunehmen.

    ziggev

    30. November 2014 at 0:34

    • Ich habe hier lange gezögert mit einer Antwort, weil ich mir da sehr unschlüssig bin. Ich glaube, die Trennung rational / irrational funktioniert bei Bewegungen nicht. Organisationen, die eine bestimmte Programmatik haben, kann man auf die Rationalität / Irrationalität ihrer Ziele hin befragen. Bei Bewegungen ist das komplizierter, weil sie ihren Zusammenhalt (der eben keine Einheit ist) nicht einer Programmatik, sondern einer Symbolik verdanken. Und diese Symbolik kann ein utopisches Moment enthalten, das man verliert, wenn man sauber die rationalen von den irrationalen Bestandteilen sondert. Aber auf die Kategorie der Utopie werde ich im Zusammenhang mit Bewegungen wohl noch genauer eingehen müssen.

      alterbolschewik

      7. Dezember 2014 at 13:16


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