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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Risse in der Ordnung

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Bewegungslehre (3)

„Die Neigung der Menschen, zu Feuer zu werden, dieses alte Symbol zu reaktivieren, ist auch in späteren, komplexeren Kulturen stark.“

Elias Canetti, Masse und Macht

Was bisher geschah: In der letzten Woche wurde zwischen Bewegungen differenziert. Ich behauptete, daß es auf der einen Seite synthetische Bewegungen gebe, das heißt, Bewegungen bei denen die Mobilisierung bewußt von gesellschaftlichen Gruppen organisiert wird. Die Friedensbewegung der 80er Jahre wurde als derartige Bewegung bezeichnet. Und es gibt andererseits spontane Bewegungen, zu denen niemand aufruft, sondern die sich plötzlich wie von selbst konstituieren.

Während wir uns im letzten Beitrag hauptsächlich mit den synthetischen Bewegungen beschäftigt haben, soll es heute um die spontanen Bewegungen gehen. Hier hat keine Organisation einen Plan, hier wird nicht versucht, mit Hilfe des Drucks der Massen ein strategisches Ziel zu erreichen. Es geschieht einfach: Auf einmal findet sich eine Masse zusammen, ohne daß jemand explizit dazu aufgerufen hätte. Canetti hat versucht, das in Masse und Macht zu beschreiben:

„Eine ebenso rätselhafte wie universale Erscheinung ist die Masse, die plötzlich da ist, wo vorher nichts war. Einige wenige Leute mögen beisammen gestanden haben, fünf oder zehn oder zwölf, nicht mehr. Nichts ist angekündigt, nichts erwartet worden. Plötzlich ist alles schwarz von Menschen. Von allen Seiten strömen andere zu, es ist, als hätten Straßen nur eine Richtung. Viele wissen nicht, was geschehen ist, sie haben auf Fragen nichts zu sagen; doch haben sie es eilig, dort zu sein, wo die meisten sind. Es ist eine Entschlossenheit in ihrer Bewegung, die sich vom Ausdruck gewöhnlicher Neugier sehr wohl unterscheidet. Die Bewegung der einen, meint man, teilt sich den anderen mit, aber das allein ist es nicht: sie haben ein Ziel. Es ist da, bevor sie Worte dafür gefunden haben: das Ziel ist das schwärzeste – der Ort, wo die meisten Menschen beisammen sind.“ ([2], S. 11)

Was Canetti hier beschreibt ist der reinste, auf den grundlegendsten Mechanismus reduzierte Fall der Masse. Es ist die Masse, die keinen anderen Inhalt oder Zweck hat als sich selbst. Ich weiß nicht, ob es diese reine Masse historisch wirklich einmal gegeben hat. Die Masse, die einfach nichts anderes ist als Masse, erscheint mir eher als ein Phantasma des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Mit dem Wuchern der ersten Großstädte wie London oder Paris entstand auch die Furcht vor der Masse. Wo die Individuen nicht mehr einer rigiden sozialen Aufsicht unterworfen waren, fürchtete man ihre unkontrollierte Zusammenrottung zu einem amorphen Gebilde, das die klar definierten Klassenschranken in Frage stellte. Die Furcht vor der unkontrolliert zusammenströmenden Masse war immer die Furcht vor dem Zerfall der bürgerlichen Strukturen und Regeln. Und diese Masse aus den Alpträumen des Bürgertums scheint Canettis obiger Beschreibung eher Pate gestanden zu als reale Massen in benennbaren historischen Situationen.

Dennoch ist Canettis Beschreibung nicht falsch – man muß sie nur als Beschreibung eines Idealtyps verstehen. Massen, wenn sie im Entstehen begriffen sind, lösen einen Sog auf zunächst Unbeteiligte aus, der erstaunlich ist. Es gibt ein – und das ist eine wesentliche Erkennntis, die wir Canetti verdanken – archaisches Bedürfnis der Menschen, in der Masse aufgehen zu wollen. Im Alltag ist dieses Bedürfnis normalerweise unterdrückt – wir halten Distanz zu unseren Mitmenschen und empfinden es als unangenehm, wenn uns fremden Menschen zu sehr auf die Pelle rücken. In der Masse ist dies anders:

„Es ist die Masse allein, in der der Mensch von dieser Berührungsfurcht erlöst werden kann. Sie ist die einzige Situation, in der diese Furcht in ihr Gegenteil umschlägt. Es ist die dichte Masse, die man dazu braucht, in der Körper an Körper drängt, dicht auch in ihrer seelischen Verfassung, nämlich so, daß man nicht mehr darauf achtet, wer es ist, der einen »bedrängt«. Sobald man sich der Masse einmal überlassen hat, fürchtet man ihre Berührung nicht.“ ([2], S. 10)

Dieses archaische Bedürfnis, Teil einer Masse zu werden, ist ein ganz wichtiger Punkt, wenn wir begreifen wollen, wie spontane Bewegungen entstehen. Auch wenn es keine Massen geben sollte, die allein und ausschließlich aus diesem Massenbedürfnis hervorgehen, so ist dieses Verlangen dennoch in allen Massenphänomenen vorhanden. Selbst unsere angeblich so individualisierte Gesellschaft hat ihre ganz typischen Rituale, in denen dieses Massenbedürfnis befriedigt wird: Sei es in den Fanmeilen, die anläßlich eigentlich völlig banaler Sportereignisse eingerichtet werden, oder bei riesigen Open-Air-Konzerte, wo das Massenereignis noch dadurch gesteigert wird, daß beim stagediving einzelne kurzzeitig aus der Masse herausgehoben und buchstäblich von ihr getragen werden, bis sie wieder in der Masse untergehen.

Doch selbst wenn wir ein solches Massenbedürfnis unterstellen, bilden sich Massen nicht einfach grundlos, ohne äußeren Anlaß. Es braucht etwas, das die Menschen aus ihrem alltäglichen Trott herausreißt und sie dazu motiviert, sich mit anderen zu einer Masse zusammenzuschließen: Ein Ereignis. Etwas geschieht und unabhängig voneinander sind Menschen auf einmal der Meinung, das könne man nicht einfach achselzuckend abtun. Irgendetwas müsse man tun. Und selbst wenn es völlig unklar ist, was man denn tun könne, entsteht das Bedürfnis, andere zu finden, denen es ebenso geht. Und so trifft man sich an einem öffentlichen Ort, um einen gemeinsamen Umgang mit dem Ereignis zu finden.

Damit das Ereignis bei den Menschen ein solches Verhalten auslösen kann, muß es als Schock erfahren werden. Das Ereignis stellt die Ordnung der Welt, wie man sie sich tagtäglich zusammenkonstruiert in Frage. Dieser Riß, der auf einmal durch das eigene Weltbild läuft, verlangt nach Heilung. Es ist diese Heilung, die in der Masse gesucht wird.

Die einfachste Form eines solchen schockierenden Ereignisses ist ein Verbrechen. Damit es sich aber um ein massenbildendes Ereignis handelt, genügt kein einfaches Feld-, Wald- und Wiesen-Verbrechen, kein Bankraub, kein Mord aus Geldgier oder Leidenschaft. Derartige Verbrechen sind nicht wirklich schockierend – sie sind, wie man achselzuckend seufzt, unentschuldbar, kommen aber, so wie die menschliche Natur nun einmal ist, eben vor. Nein, es geht um die entsetzlichen Verbrechen, die grundsätzlich an der Menschheit zweifeln lassen. Nur diese werden als Ereignisse empfunden werden, die einen auf die Straße treiben. Da wird beispielsweise ein Kind vergewaltigt und ermordet, seine Leiche wird irgendwo im Park aufgefunden. Dann zieht es die Menschen an diesen Ort – nicht aus eitler Neugier, sondern weil man sich vergewissern will, daß dieses Ereignis die absolute Ausnahme ist, daß die Nachbarn im Viertel das Ganze als ebenso traumatisierend empfinden wie man selbst. Man legt Plüschtiere nieder, man zündet Kerzen an – das Feuer spielt hier als eines der mächtigsten Massensymbole ([2], S. 82f) eine wichtige Rolle. Mit diesem Tun vergewissert man sich, daß trotz des Ereignisses die Ordnung im wesentlichen intakt ist. Die Masse, in die man sich einreiht, wird zum Trost und zur Versicherung, daß die gestörte Ordnung nicht grundsätzlich in Frage gestellt ist.

Eine solche Masse ist noch längst keine Bewegung. Sie findet sich zusammen und zerstreut sich wieder, ohne daß daraus langfristig etwas folgen würde. Sie will gesellschaftlich nichts ändern, sondern sie sucht Trost angesichts des Geschehens und eine Bestätigung dafür, daß das Ereignis nichts verändert hat und die alte Ordnung weiterhin Gültigkeit besitzt.

Näher an der Entstehung politischer Bewegungen sind Ereignisse, in denen sich Verbrechen und Politik vermischen. Ein solches Ereignis war beispielsweise die Ermordung John F. Kennedys 1963. Damals schrieb Rudolf Augstein im Spiegel:

„Die uns bekannte Geschichte hat kein Beispiel dafür, daß der jähe Tod eines Menschen die gesamte bewohnte Erde so aufgestört hätte wie die Nachricht von der Ermordung des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy. Einige Augenblicke lang stockte Milliarden Menschen Pulsschlag und Atem. Fünfzehn Minuten, bis zur endgültigen Todesnachricht, verharrten die Völker ganzer Erdteile in lähmender Spannung.“ ([1], S. 22)

Die Trauer über den Tod Kennedys trieb nicht nur in den USA die Menschen auf die Straße, auch in der Bundesrepublik fanden Trauerkundgebungen und -märsche statt, zum Teil auch wieder unter Aufbietung des Massensymbols Feuer, hier in Form von Fackelzügen.

Von einem bloßen Verbrechen unterschied sich die Ermordung Kennedys dadurch, daß es nicht der Rechtsbruch als solcher war, der als schockierend empfunden wurde. Der Tod Kennedys symbolisierte mehr, nämlich eine politische Richtungsentscheidung. Augstein brachte das damals im Spiegel zum Ausdruck:

„Sein Versuch, unterstützt von den idealistischen Impulsen einer demokratischen Innenpolitik, die Friedenssicherung mit den Sowjets durch zäheste Strategie zu erreichen, ist durch seinen Tod unterbrochen und tausend Unberechenbarkeiten preisgegeben. Zum zweitenmal innerhalb eines Jahres, wie beim Tod des 81jährigen Papstes Johannes, überfällt einfache Leute und Intellektuelle schockartig der Zweifel, ob denn das Neue, das durch einen Menschen in die Welt gekommen ist, durch das Erstarren eines einzigen Gehirns abreißen und zu Ende sein kann.“ ([1], S. 22)

Die Menschen, die nach Kennedys Tod auf die Straße gingen, plädierten damit auch für eine Fortsetzung seiner Politik. Mit dem spontanen Gang auf die Straße wurde zum Ausdruck gebracht, daß man sich auch zukünftig eine Politik im Stil Kennedys wünschte, der als Alternative zum üblichen Politikstil des Kalten Krieges (miß-)verstanden wurde (es ist dabei völlig unerheblich, ob diese Projektion auf die Person Kennedys auch nur im geringsten realistisch war). Damit wurde sicherlich noch nicht der Übergang vom bloßen Zusammentreten einer Masse hin zu einer Bewegung vollzogen. Aber wir sind diesem Übergang einen Schritt nähergekommen. Ein Ereignis wie die Ermordung Kennedys brachte nicht nur einfach ein Gefühl der Betroffenheit hervor, das Bewußtsein einer grundlegenden Störung der Ordnung, die wiederhergestellt werden muß. Sondern sie offenbarte, daß bereits unabhängig vom Ereignis ein politischer Riß durch die Gesellschaft ging, den das Ereignis nur symbolträchtig bewußt machte. Die Masse ist hier nicht mehr nur ein tröstliches Zusammenrücken, sondern eine politische Stellungnahme für eine gesellschaftliche Alternative, wenn auch nur innerhalb des als allgemein akzeptierten Rahmens.

Nächste Woche werden diese Überlegungen fortgesetzt, wenn wir uns die Spiegel-Affäre des Jahres 1962 ansehen. Freuen Sie sich darauf, daß die Zeit angesichts der Verhaftung von Rudolf Augstein auf Betreiben von Franz-Josef Strauß schrieb:

„Es ist, als habe ein greller Blitz das Dämmerlicht unserer politischen Landschaft erhellt. Plötzlich wurde deutlich, wie wenig ins demokratische Bewußtsein dieses Volkes die rechtsstaatlichen Normen eingedrungen sind.“ ([3], S. 1)

Nachweise

[1] Augstein, R., „Der Präsident der Stärke und des Friedens“, in: Der Spiegel, Jg.7 (1963), Nr.48 (27. November 1963), S.22 – 23 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46172876.html).

[2] Canetti, E., Masse und Macht, Frankfurt a.M. 1980.

[3] Gresmann, H., „Spiegel-Affäre, Staats-Affäre“, in: Die Zeit, Jg.15 (1962), Nr.44 (2. November 1962), S.1 (http://www.zeit.de/1962/44/spiegel-affaere-staats-affaere/komplettansicht).

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Written by alterbolschewik

21. November 2014 um 17:25

Veröffentlicht in Bewegung, Ereignis

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