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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Spontaner Protest

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Bewegungslehre (4)

„Jeder Bürger muß es schrein – Augstein raus und Strauß muß rein“

Demonstrationsparole 1962

Was bisher geschah: Spontane Massen bilden sich als Reaktion auf ein Ereignis. Und zwar ein Ereignis, das die bestehende Ordnung als brüchig erscheinen läßt, beispielsweise ein extrem traumatisierendes Verbrechen. Oder auch ein politische Attentat wie das auf John F. Kennedy.

Bei der Ermordung Kennedys hatten wir bereits gesehen, daß das Ereignis den Charakter eines Symbols annehmen kann. Hier wurde nicht nur ein beliebter Politiker ermordet, sondern der Mord repräsentierte im Bewußtsein derer, die deswegen auf die Straße gingen, die Gefahr eines politischen Rückfalls in einen autoritären Politikstil, der mit Kennedy überwunden schien.

An dieser Stelle ist es wohl angebracht, Bewegungen von zwei anderen, nah verwandten sozialen Phänomenen abzugrenzen, nämlich von bloßen Massen einerseits und Organisationen andererseits. Ein Massenereignis, selbst wenn es einen politischen Inhalt hat wie die Trauerkundgebungen nach dem Tod von Kennedy, ist noch keine Bewegung. Damit spontan entstehende Massen zu Bewegungen werden, müssen sie mehr sein als eine bloße öffentliche Zusammenballung von Menschen. Bewegungen werden von mehr getragen als dem bloßen Gefühl, in der Masse aufgehoben zu sein. Sie wollen etwas, das sich nicht allein durch das Zusammenkommen befriedigen läßt. Sie weisen über den konkreten Anlaß hinaus. Andererseits wäre es aber zu weit gegriffen, wenn man dieses Mehr, diesen Überschuß, den Bewegungen gegenüber bloßen Massen haben, schon als ein klares Ziel bezeichnen würde. Das unterscheidet Bewegungen von Organisationen. Organisationen haben Ziele – und deshalb mischen sie sich auch oft in Bewegungen ein, um diese für ihre Ziele zu instrumentalisieren (über das komplexe Verhältnis von Bewegungen zu Organisationen wird in einem späteren Blogtext zu reden sein). Die Kurs einer Bewegung ist jedoch viel unbestimmter als bei organisierten Gruppen. Es gibt kein konkret ausformuliert Ziel, sondern nur eine vage Richtung, in die die Bewegung sich eben bewegt. Anders als bei Organisationen stellt sich deshalb die Einheit der Bewegung nicht über ausformulierte Programme her, sondern über Symbole. Und das Ereignis, das die Bewegung auslöst, ist das erste Symbol, das die Menschen zusammenbringt und in Bewegung setzt.

Als Symbol ist das Ereignis immer ein Doppeltes: Einerseits ein konkreter Vorfall, der meist als schockierend und traumatisierend empfunden wird. Andererseits lädt sich dieser Vorfall sofort mit einem Mehr an Bedeutung auf, durch ihn wird etwas, das bislang nur vage erahnt, befürchtet oder auch erhofft wurde, auf einmal konkret. Eine solche Ahnung, sei sie nun positiv oder negativ, wird durch das symbolische Ereignis Gewissheit. Und diese Gewissheit treibt die Menschen auf die Straße.

Ein ganz typisches Beispiel für ein derartiges Ereignis war etwa der GAU im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl. Die Gefahren der Atomenergie waren zum damaligen Zeitpunkt längst in der öffentlichen Diskussion, doch sie waren, wie es so schön heißt, „umstritten“. Zwar gab es erklärte Verfechter der Atomenergie und klare Gegner, doch ein Großteil der Bevölkerung war eher unschlüssig. Das Ereignis änderte dies grundlegend. Die schon totgesagte Anti-Atomkraft-Bewegung erlebte einen neuen Aufschwung, daß selbst die Parteien der schwarz-gelben Regierungskoalition dazu gezwungen waren, die Atomenergie nun nur noch als eine „Übergangslösung“ zu verkaufen. Bei einer diffus polarisierten Öffentlichkeit kann ein solches symbolisches Ereignis die öffentliche Meinung schlagartig nach einer bestimmten Seite hin kippen lassen.

Im Detail läßt sich dies an der Spiegel-Affäre des Jahres 1962 studieren. Ganz kurz zur Erinnerung die Fakten: Im Oktober 1962 veröffentlichte der Spiegel einen Artikel über das Nato-Manöver Fallex 62, das das Verteidigungskonzept der Bundesrepublik als völlig unzureichend aufgezeigt hatte. Die Informationen dazu waren dem Spiegel durch einen, wie man heute sagen würde, Whistleblower zugespielt worden. Dieser Indiskretion lagen Flügelkämpfe im Verteidigungsministerium zugrunde: Es gab offensichtlich eine Fraktion von Militärs, die den Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß diskreditieren wollte. Auf die Veröffentlichung im Spiegel erfolgte eine recht absurde Anzeige wegen angeblichen Landesverrates. Urheber der Anzeige war ein alter Nazi und jetziger Parteifreund von Franz-Josef Strauß; ob die Anzeige mit Wissen und Billigung von Strauß erfolgte, ist nicht bekannt. Doch das ist auch nicht weiter von Belang, da Strauß im Rahmen der Ermittlungen in kürzester Zeit informiert war, denn die Bundesanwaltschaft wandte sich im Rahmen ihrer Ermittlungen an das Verteidungsministerium, um ein Gutachten zu bekommen, ob es sich bei besagtem Artikel wirklich um Landesverrat handeln könne.

Spätestens jetzt wurde Strauß, der schon längere Zeit eine Fehde mit dem Spiegel austrug, zum Strippenzieher hinter den Kulissen. Am Freitag, den 26. Oktober, mitten während der Endredaktion der nächsten Spiegel-Ausgabe, besetzten in den Abendstunden rund 50 Mann des Bundeskrimialamtes, des Militärischen Abschirmdienstes und der Bundesanwaltschaft die Redaktionsräume des Spiegel. Sie hatten Haftbefehle für den Herausgeber Rudolf Augstein und den Autor des Artikels, Conrad Ahlers, doch keiner der beiden befand sich in der Redaktion. Augstein war bei seiner Geliebten, Ahlers in Spanien im Urlaub. Augstein stellte sich am nächsten Tag der Hamburger Polizei, Ahlers wurd auf direkte Intervention von Strauß im faschistischen Spanien festgenommen. In der Öffentlichkeit wurde die Aktion sofort als Racheakt Franz-Josef Strauß‘ am Spiegel interpretiert. Und schon am Sonntag begannen dann die uns interessierenden Proteste – zunächst im von Hamburg weit entfernten Stuttgart:

„20 junge Stuttgarter protestieren am Nachmittag »stumm« auf der Königsstraße gegen das Vorgehen der Bundesanwaltschaft. In einer Presseerklärung heißt es, sie seien »dem ‚Spiegel‘ für seinen couragierten Bericht über das Manöver Fallex 62 dankbar« und dass die Anschuldigungen gegen den Spiegel lächerlich seien, »da außer dem Bundesanwalt wohl niemand in der Bundesrepublik die russische Spionage für so unfähig hält, daß sie auf die Spiegel-Lektüre angewiesen wäre.«“ ([2])

Diese erste Protestaktion war ziemlich professionell gemacht. Gut gemachte Plakate, ein öffentlichkeitswirksamer Platz direkt vor der Redaktion der Stuttgarter Nachrichten, das symbolträchtige Auftreten mit verklebten Mündern und dem Spiegel in der Hand, die Formulierung und Verbreitung einer Presseerklärung: Das alles verweist darauf, daß diese ersten Protestierenden organisiert waren. Und das waren sie in der Tat – es war die Stuttgarter Ortsgruppe des Verbandes der Kriegsdienstgegner, die hinter der Aktion stand. Eigentlich wollte sich die Gruppe an diesem Sonntagmorgen zu einem Referat über den Widerstand der norwegischen Lehrer während der nationalsozialistischen Besatzung treffen. Doch die Verhaftung Augsteins wegen Landesverrates änderte schlagartig die Tagesordnung – angesichts dieses Vorfalls war nach Ansicht der Kriegsgegner der Verteidungsfall für die Demokratie eingetreten. Noch am selben Tag wollte man in der Stuttgarter Innenstadt demonstrieren. Und man plante taktisch äußerst geschickt, wie sich einer der Beteiligten, Theodor Ebert, später erinnerte:

„»Die meisten Journalisten werden in der Verhaftung Augsteins einen Angriff auf die Pressefreiheit sehen. Wir müssen ihnen ganz schnell die Nachrichten zum Protest der Bevölkerung liefern, die sie brauchen. Wir demonstrieren spontan auf der Königstraße. Wir stellen uns vor das Verlagsgebäude der Stuttgarter Nachrichten. Mitten in der Stadt. Dort sind wir nicht zu übersehen.« Das war meine Empfehlung.
Sie leuchtete ein. »Wir brauchen einen Blickfang. Wenn wir da nur rumstehen und ‚Freiheit für Augstein‘ rufen, hilft dies nicht viel«, gab Artur Epp zu bedenken. Und dann machte Jutta Vorwerk, die vom Krakeelen überhaupt nichts hielt, einen überraschenden Vorschlag: »Wir bilden vor dem Verlagsgebäude eine lange Reihe. Jeder nimmt irgendeine Nummer des ‚Spiegel‘ in die Hand und liest darin. Und wir kleben uns den Mund zu – mit Heftpflaster.« – Artur stimmte sofort zu: »Das ist genial. Da kapiert jeder sofort, was gemeint ist.« Auch mir gefiel der Vorschlag: »Da können sich Passanten spontan anschließen und wir sind sicher, dass sie keinen Unsinn erzählen und dies dann als die Meinung der Demonstranten zitiert wird.«“ ([3], S. 18)

Durch dieses Vorgehen wurde die Stuttgarter Ortsgruppe des Verbandes der Kriegsdienstgegner zu einem, wie es bei Canetti heißt, Massenkristall. Damit und mit der weiteren Dynamik der Proteste im Jahr 1962 beschäftigen wir uns nächste Woche. Freuen Sie sich also darauf, daß Elias Canetti nächste Woche erklärt:

„Als Massenkristalle bezeichne ich kleine, rigide Gruppen von Menschen, fest abgegrenzt und von großer Beständigkeit, die dazu dienen, Massen auszulösen.“ ([1], S. 79)

Nachweise

[1] Canetti, E., Masse und Macht, Frankfurt a.M. 1980.

[2] clj & BeK: „Protest: Die Zivilgesellschaft geht auf die Strasse“, URL: http://www.anstageslicht.de/themen/themenkategorien/geschichtenansicht/berichtansicht/kat/history/story/die-spiegel-affaere-1962-und-danach/kapitel/landkarte-des-protests-demonstrationen-und-diskussionen/report/158.html, abgerufen am 26. November 2014.

[3] Ebert, T.: „Auf der Suche nach einer gewaltfreien Alternative zur
Bundeswehr – Erfahrungsbericht eines Friedensforschers“, URL: http://www.lebenshaus-alb.de/magazin/media/pdf/Ebert_Nuernberg_2_11_05.pdf, abgerufen am 28. November 2014.

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Written by alterbolschewik

28. November 2014 um 19:29

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