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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Von der Masse zur Bewegung

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Bewegungslehre (6)

„Es hat hier gegen ein vollkommen bekanntes deutsches Magazin eine offensichtlich generalstabsmäßig vorbereitete, polizeiliche große Nacht-und-Nebel-Operation stattgefunden, ohne daß dem deutschen Publikum je erklärt worden wäre, warum diese Art von Aktion in diesem Fall notwendig war“

Sebastian Haffner in Panorama, 4. November 1962

Was bisher geschah: Wir haben gesehen, daß es nicht ausreicht, daß ein Ereignis stattfindet, sondern daß es in der Regel auch sogenannte „Massenkristalle“ braucht, damit sich eine Masse bildet. Diese können einfach einzelne engagierte Personen sein, es sind in der Regel aber irgendwelche bestehenden Organisationen, die zum Kristallisationspunkt werden. Dabei muß Ziel und Zweck der Masse durchaus nicht mit den Intentionen der Organisationen übereinstimmen.

Heute soll es darum gehen, den Übergang von einer bloßen Masse zu einer Bewegung genauer zu untersuchen. Dabei geht es um Ordnungen; oder genauer: um die spezifische Wahrnehmung von Ordnungen. Eine wesentliche Voraussetzung dafür ist, daß wir die Welt im Normalfall als eine in sich mehr oder weniger stimmige, kohärente Ordnung erfahren. Darin gibt es gute Dinge und es gibt schlechte Dinge, Dinge, die einem passen und Dinge, die einem nicht passen. Aber alles hat seinen Platz, ist nachvollziehbar, kurz: Es ist eben geordnet. Wir leben immer im Bewußtsein einer solchen Ordnung – ohne eine solches Bewußtsein würden wir über kurz oder lang verrückt werden.

Das Ereignis nun, das zur Mobilisierung von Massen führt, hatte ich schon vor einiger Zeit als Störung der bestehenden Ordnung interpretiert. Als Beispiel hatte ich damals ein schockierendes Verbrechen genannt – ein solches Verbrechen mobilisiert Menschen, die am Ort des Geschehens Kerzen anzünden oder Plüschtiere ablegen. Und ich hatte dieses Verhalten so interpretiert, daß es den Mobilisierten nicht einfach nur um einen Ausdruck von Trauer angesichts einer Tragödie gehe, sondern auch darum, sich zu versichern, daß die Störung der Ordnung, als die das traumatische Ereignis empfunden wird, eine schreckliche Ausnahme ist. Man schließt sich zu einer Masse zusammen, um sich unter Gleichgesinnten zu bestätigen, daß die eigene Sicht auf die Welt und ihre Ordnung weiterhin in sich stimmig ist.

Mit anderen Worten: Massen dienen dazu, daß sich die Mobilisierten in ihrer Weltanschauung bestärkt sehen. Und je größer und eindrucksvoller die Massen sind, um so sicherer fühlt man sich in seiner Weltanschauung. Wie aber wird aus solchen Massen eine Bewegung? Anhand der Spiegel-Affäre läßt sich der Unterschied zu einfachen Massenereignissen gut darstellen.

Dazu müssen wir erst einmal die Ordnung genauer bestimmen, die durch das Ereignis massivst gestört wurde. Diese beruhte darauf, daß die Mehrheit der Bürger der Meinung war, die politischen Strukturen seien so eingerichtet, daß sich so etwas wie die Schrecken des Nationalsozialismus nie mehr wiederholen könnten. Am linken wie am rechten politischen Rand wurde das etwas anders gesehen, doch die gesellschaftliche Mehrheit ging von genau dieser Annahme aus.

Diese einheitliche Sicht der Dinge hatte aber eine Sollbruchstelle, die in der Spiegel-Affäre zum Vorschein kam. Denn es gab zwei sehr verschiedene Interpretationen dessen, was den Kern der bundesrepublikanischen Ordnung ausmache, nämlich eine konservativ-autoritäre und eine progressiv-liberale.

Die konservativ-autoritäre Position ging davon aus, daß der Nationalsozialismus nur aus einem Mangel an Respekt vor den traditionellen gesellschaftlichen und moralischen Werten an die Macht kommen konnte. Die vehement ausgetragenen politischen Kontroversen der Weimarer Republik und die kulturellen Angriff auf als heilig erachtete Werte und Hierarchien, das alles habe dem Umkippen der Republik in ein totalitäres Regime Vorschub geleistet. Und dementsprechend sah der konservativ-autoritäre Teil der gesellschaftlichen Mehrheit in politischer Zurückhaltung und dem Respekt traditioneller Werte und Hierarchien den Kern dessen, was die Ordnung der BRD ausmachen sollte.

Anders die progressiv-liberale Sichtweise: Diese sah die Gefahr des Totalitarismus gerade durch eine zu große politische Passivität und die unhinterfragte Akzeptanz überkommener Wertemuster drohen. Für diesen Teil der Gesellschaft war also der politische Meinungsstreit und die kritische Infragestellung von Autoritäten eine wesentliche Bedingung dafür, daß die zweite deutsche Republik als ein wirklich demokratisches Gemeinwesen gelingen konnte.

Es gab also sehr unterschiedliche Interpretationen dessen, was den eigentlichen Kern der bundesrepublikanischen Ordnung ausmache, doch diese unterschiedlichen Interpretationen stellten den Grundkonsens der Demokraten nicht nachhaltig in Frage. Man war sich durchaus der unterschiedlichen Ansichten zwischen CDU/CSU-Wählern auf der einen Seite und denen, die FDP oder SPD wählten, bewußt; oder der konfessionelle Spaltung zwischen denen mit katholischem und denen mit protestantischem Hintergrund; oder der sehr unterschiedlichen Erfahrungen der der Kriegs- und der Nachkriegsgeneration. Aber das hatte alles seinen Platz innerhalb der einen Ordnungsvorstellung.

Das Ereignis aber, in diesem Fall die Spiegel-Affäre, ändert diese Situation schlagartig. Der von Regierungsseite ausgehende Übergriff auf die Spiegel-Redaktion erhellte die Szenerie wie ein Blitzlicht, das harte Schlagschatten warf. In der Spiegel-Affäre hatte die Regierung den Ordnungsrahmen, innerhalb dessen auch ihre konservativ-autoritäre Position ihren Platz gehabt hatte, verlassen. Bislang hatten beide Seiten für sich reklamierten, daß es ihnen darum ginge, die Bundesrepublik vor der Gefahr des Totalitarismus zu schützen. Während die Regierung mit Franz Josef Strauß als Verteidigungsminister auf „taktische“ Atomwaffen setzte, optierte die liberal-progressive Seite für eine demilitarisierte Bundesrepublik. Das war ein Streit, der innerhalb des herrschenden Konsenses ausgetragen werden konnte.

Das Ereignis aber zerstörte diesen Konsens – und zwar indem es deutlich machte, daß die Bundesregierung sich eigentlich außerhalb dieses Konsenses befand. Der eigentliche Witz dabei ist, daß die wesentliche symbolische Komponente des Ganzen, die zum Zeichen dieser Aufkündigung des Konsenses wurde, eigentlich etwas sehr Nebensächliches war. Es handelte sich dabei um die Tageszeit, in der die Bundesanwaltschaft die Spiegel-Büros in Hamburg besetzen und die Wohnungen der Verdächtigen durchsuchen ließ.

Eigentlich war die ganze Aktion gar nicht für den Abend geplant gewesen. Das Problem war nur, daß ein übereifriger Schlapphut einen Angestellten des Bonner Spiegel-Büros fälschlicherweise als Rudolf Augstein identifiziert hatte. Dieser falsche Augstein wurde verhaftet, mußte dann aber, nachdem die Verwechslung aufgeklärt war, natürlich wieder freigelassen werden. Aus Angst, der Freigelassene könnte den richtigen Augstein warnen, wurde dann die Aktion zu abendlicher Stunde in Gang gesetzt. Damit lieferte man den Medien eine Steilvorlage, die nun von einer „Nacht und Nebel“-Aktion berichten konnte, was ungute Assoziationen weckte:

„Das brachte, mehr als jede andere Eigentümlichkeit des bizarren Vorgehens, schauerliche Erinnerungen an Gestapo-Zeiten zurück.“ ([2], S. 102)

Schon in einer der ersten publizistischen Reaktionen auf die Aktion faßte Karl-Hermann Flach unter eben dem Titel Bei Nacht und Nebel die entsprechenden Befürchtungen in Worte:

„Wenn es also morgens in aller Frühe bei uns klingelt, können wir uns nicht weiterhin in dem beruhigenden Gefühl strecken, daß es nur der Milchmann oder der Junge mit den Brötchen sein kann; wenn um Mitternacht jemand an unsere Türe schlägt, wissen wir nicht mehr genau, daß es sich schlimmstenfalls um einen Telegrammboten oder einen betrunkenen Weggenossen handeln kann, der sich in der Türe geirrt hat. Wir müssen damit rechnen, daß es die politische Polizei ist, die bei Nacht und Nebel nach Landesverrätern sucht. Wenn wir hören, daß Kinder weinen, weil zu später Stunde ihre Zimmer nach Belastungsmaterial gegen ihre Eltern durchstöbert wurden […], dann dürfen wir nicht mehr sicher sein, daß es sich um eine Geschichte aus Moskau, Prag oder Leipzig oder aber aus dem Berlin des Jahres 1944 handelt.“ ([1], S. 423)

Es kann gut sein, daß es nie eine Spiegel-Affäre gegeben hätte, wenn die Beamten höflich am Montagmorgen um 9.00h geklopft hätten. Diese symbolische Katastrophe wurde durch eine zweite, nun nicht mehr so zufällige ergänzt. Es handelt sich dabei um die nach internationalem Recht illegale Verhaftung von Conrad Ahlers in Spanien, die auf direktes Betreiben von Franz Josef Strauß durchgeführt wurde. Hätte die Bundesanwaltschaft Ahlers mitgeteilt, er möge doch nach Deutschland zur Aufklärung des Sachverhaltes zurückkommen, dann wäre das unproblematisch gewesen. Man hätte im einen wie im anderen Fall das selbe Ergebnis erhalten – aber die Bundesregierung hätte sich nicht außerhalb des gesellschaftlichen Konsenses gestellt. Indem das Ereignis aber als Anwendung von Gestapo-Methoden verstanden werden konnte, provozierte es eine tiefgreifenden Verstörung, eine fundamentale Beschädigung dessen, wie die etablierte Ordnung wahrgenommen wurde.

Was also die Demonstranten auf die Straße und die schockierten Bürger in die überall stattfindenden Diskussionsveranstaltungen trieb, war durchaus das Bedürfnis nach Selbstvergewisserung, der Wunsch nach Herstellung einer kohärenten Ordnung. Aber anders als im Beispiel des schockierenden Verbrechens, wird hier nicht mehr davon ausgegangen, daß die Verhältnisse vor dem Ereignis in bester Ordnung waren. Im Gegenteil, das Ereignis enthüllt denen, die darauf reagieren, daß die Ordnung schon vorher beschädigt war. Dabei handelt es sich um eine doppelte Bewegung: Nicht nur enthüllt sich die bestehende Ordnung als faktische Unordnung. In unserem Beispiel entpuppte sich die konservativ-autoritäre Interpretation der bundesrepublikanischen Verfassung als Angriff auf diese. Gleichzeitig setzte sich die progressiv-liberale Interpretation im Bewußtsein der Mehrheit als die alleinige Form durch, in der es wieder zu einer akzeptablen Ordnung kommen konnte. Es kommt aber noch ein weiteres hinzu: Die neue Ordnungsvorstellung wird als nicht-seiend gesetzt, obwohl die Massenmobilisierung genau diese Weltsicht als die richtige bestätigt. Im Beispiel heißt das, daß die Bundesregierung der progressiv-liberale Ordnungsvorstellung die Existenz entzogen hatte. Was aber zu dem Paradox führte, daß sie nicht mehr nur als eine mögliche Interpretation des Grundkonsenses dastand, sondern als die einzig richtige. Die aber keineswegs der Wirklichkeit entsprach.

Aus dieser Diskrepanz ergibt sich dann der Übergang von der bloßen Zusammenballung einer Masse hin zu einer Bewegung: Anders als bei einfachen Massenereignissen genügt hier die gegenseitige Versicherung, daß die eigene Weltsicht ein stimmiges Ganzes ergibt, nicht, denn es existiert eben dieser Widerspruch zur gesellschaftlichen Wirklichkeit. Aus dieser Differenz ergibt sich deshalb eine Aufgabe, nämlich die Aufgabe, die Realität so zu verändern, daß sie der zunächst kontra-faktischen Weltsicht der Masse nicht mehr widerspricht.

Dadurch kommt Dynamik ins Geschehen: Die Masse zerstreut sich nicht mehr einfach, nachdem sie sich ihrer eigenen Sicht der Dinge versichert hat, sondern es werden Verabredungen getroffen, wie es weitergehen soll. Vielleicht nicht von allen, aber doch von einigen. Im einfachsten Fall spricht man sich ab, wann man sich wieder trifft. Wenn es schon etwas weitergeht, bestimmt man ein Vorbereitungskomitee für dieses nächste Zusammentreffen. Oder man gibt bekannt, wo sich die besonders Engagierten auch außerhalb der öffentlichen Massenzusammenkünfte treffen können – hier spielen die Massenkristalle wieder eine wichtige Rolle, weil sie über eine gewisse Infrastruktur verfügen. Und so entsteht aus dem Versuch, eine neue, in sich stimmige Ordnung zu erzeugen, eine Bewegung. Das Ziel von Bewegungen ist es also, in einer Situation, in der das Ereignis einen fundamentaler Defekt der bestehenden Ordnung enthüllt, eine neue, wieder in sich stimmige Ordnung zu hervorzubringen.

Und da ich noch nicht weiß, wie es nächste Woche weitergeht, kann ich Ihnen, werte Leserin, werter Leser, leider nicht mit einem schönen Zitat auf den nächsten Beitrag einstimmen. Ich wünsche Ihnen dennoch eine angenehme Woche und verbleibe bis nächsten Freitag

Ihr Alter Bolschewik

Nachweise

[1] Flach, K.-H.: „Bei Nacht und Nebel (Frankfurter Rundschau, 29. Oktober 1962)“, in: Ellwein, T.; Liebel, M. & Negt, I., Die Spiegel-Affäre II – Die Reaktion der Öffentlichkeit, Olten 1966, S. 422 – 424.

[2] Kirchheimer, O. & Menges, C.: „A Free Press in a Democratic State?: The Spiegel Case“, in: Carter, G. M. & Westin, A. F. (Hg.), Politics in Europe, New York, Chicago, Burlingame 1965, S. 87 – 138.

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Written by alterbolschewik

12. Dezember 2014 um 16:45

Veröffentlicht in Bewegung, Ereignis

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