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Historisierung

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Bewegungslehre (7)

„Die affektiven Hauptformen der Masse […] treten sehr früh auf, ihre Geschichte ist so alt wie die der Menschheit selbst und zwei dieser Formen noch älter.“

Elias Canetti

Was bisher geschah: Im letzten Beitrag haben wir gesehen, daß es bei Bewegungen darum geht, sich einer bestimmten Vorstellung, wie die gesellschaftliche Ordnung sein solle, zu versichern. Und, wenn diese Ordnungsvorstellungen mit den Realitäten nicht übereinstimmen, zu versuchen, eine solche Übereinstimmung herzustellen.

In diesem Beitrag (und wohl auch den nächsten) wird es darum gehen, wie denn solche alternativen Vorstellungen von gesellschaftlicher Ordnung entstehen, wie sie sich verbreiten und konsolidieren. Denn erst die Verbreitung alternativer gesellschaftlicher Ordnungsvorstellungen über das unmittelbare initiierende Ereignis hinaus führt dazu, daß weitreichende gesellschaftliche Veränderungen möglich sind – im Guten wie im Schlechten. Und wenn wir darüber reden, wie bestimmte Weltbilder in Umlauf gesetzt werden, dann müssen wir über die Kanäle reden, die zur Verbreitung von Ideen benutzt werden. Mit anderen Worten: Es geht um die Medien.

Damit machen wir einen gewaltigen Sprung in unserer Untersuchung. Die bisherigen Überlegungen bewegten sich in einer anthropologischen Sphäre, in der Geschichte wenig Platz hatte. Wenn ich vom Ereignis als Schock, der Masse als Selbstvergewisserung und so weiter geschrieben habe, dann fehlte dem immer die präzise historische Verortung. Wo ich Beispiele brachte – wie etwa die Spiegel-Affäre – dienten diese Beispiele der Illustration von Invarianten, nicht der Analyse von etwas völlig Neuem. Der manifeste Inhalt eines Massenphänomens mochte noch so historisch bestimmt sein, seine Form fand und findet sich in den unterschiedlichsten Massenphänomenen wieder. Insofern suggeriert meine bisherige Darstellung, daß die wesentlichen Bestimmungen, die Massen und Bewegungen auszeichnen, einer mehr oder minder konstant angenommenen Natur des Menschen entspringen. Schuld daran ist sicherlich der ständige Bezug auf Elias Canettis Masse und Macht.

Canetti betrachtet Massenphänomene weitgehend als anthropologische Konstanten – ob er deren Mechanismen an australischen Aborigines oder aber an einem modernen Konzertpublikum studiert, ist ihm völlig egal. Das ist auch der Grund, warum ich, als ich vor rund zwanzig Jahren zum ersten Mal Masse und Macht las, das Buch nicht wirklich ernst nahm. Als guter Marxist hielt ich die gesellschaftliche Überformung der menschlichen Natur für viel wesentlicher als irgendwelche angeblichen anthropologischen Konstanten.

Im Großen und Ganzen halte ich das auch heute immer noch für richtig. Die menschliche Natur zeichnet sich ja gerade dadurch aus, daß sie hochgradig flexibel ist und sich sowohl an sehr unterschiedliche Naturbedingungen wie auch an mannigfaltige gesellschaftliche Ordnungsstrukturen anpassen kann. Während immer dann, wenn von angeblichen anthropologischen Konstanten die Rede ist, dabei Blödsinn herauskommt wie der, daß Männer angeblich nicht zuhören und Frauen nicht einparken könnten. Kurz und gut: Das Wissen um die historische Variabilität der menschlichen Natur erzeugte in mir ein gesundes Mißtrauen gegenüber Canettis Thesen.

Doch der eigentliche Witz an Canettis Thesen, wie ich sie heute sehe, ist genau dies, daß in Massenphänomenen die gesellschaftliche Überformung der menschlichen Natur aufgebrochen wird. Am deutlichsten wird das zweifellos am Phänomen Massenpanik, wenn eine existierende Masse aus irgendeinem Grund rapide zerfällt. Vermutlich reagieren heute die Menschen beim Brand in einem Kino genau so wie ihre Ahnen vor Jahrzehntausenden bei einem Buschfeuer. Canetti verfolgt dieses Verhalten sogar zurück bis zu Tierhorden.

So wie ich Canetti inzwischen interpretiere heißt das aber nicht, daß er an die Stelle historisch-gesellschaftlicher Erklärungen für Massenphänomene einfach ahistorisch-anthropologische Erklärungen setzt. Aus meiner heutigen Sicht sind das nicht zwei Alternativen, die sich gegenseitig ausschließen. Es geht vielmehr darum, daß in bestimmten historisch-gesellschaftlichen Situationen die bestehende Ordnung aufbricht (in verkürzter Marxscher Terminologie: Die Entwicklung der Produktivkräfte führt dazu, daß der gesellschaftliche Überbau den entwickelteren Produktionsverhältnissen nicht mehr entspricht). Und dieser Zerfall der bestehenden Ordnung führt dazu, daß archaische Handlungsmuster wieder reaktiviert werden; allerdings zu einem ganz bestimmten Zweck, nämlich dem, wieder eine neue Ordnung herzustellen. Massenphänomene und die daraus resultierenden Bewegungen sind somit Rückfälle in archaische Verhaltensmuster, dabei aber auch gleichzeitig Versuche zur Herstellung einer neuen Ordnung. Oder noch einmal anders formuliert: Die neue Ordnung muß, um sich durchzusetzen, gerade diese Archaismen reaktivieren, die sie dann wieder verdrängen wird, wenn sie sich einmal etabliert hat.

Wenn man diese Doppelnatur begriffen hat, werden etwa Diskussionen wie die, ob der Nationalsozialismus ein archaischer Rückfall oder aber eine perverse Modernisierungsbewegung war, obsolet: Er war beides zur gleichen Zeit. Er war eine Bewegung, die eine gesellschaftliche Modernisierung durchzusetzen versuchte, indem er ein durch und durch archaisches Potential reaktivierte. Gerade deshalb sollte uns der Nationalsozialismus immer als Warnung dienen. In allen Bewegungen, egal ob man sie nun reaktionär oder progressiv nennt, ist ein solches archaisch-regressives Potential enthalten – da sollte man sich keine Illusionen machen.

Und weil Massenbewegungen immer ein solches Potential reaktivieren, gibt es die nachvollziehbare, aber dennoch falsche Meinung, daß sie grundsätzlich abzulehnen und dort, wo sie auftreten, zu bekämpfen seien. Doch diese Möglichkeit gibt es überhaupt nicht. In dem Maße, in dem sich die Gesellschaft fortentwickelt, werden gesellschaftliche Widersprüche auftreten, die gelöst werden müssen. Und es wird Institutionen geben, die nicht in der Lage sind, auf derartige Widersprüche zu reagieren. Deshalb ist es äußerst unwahrscheinlich, daß man der Problematik der Massenbewegungen irgendwie entkommen könnte.

Natürlich gab und gibt es Ansätze, dieses Problem zu lösen. Das parlamentarische Modell ist ein ziemlich weit entwickelter Versuch, um gesellschaftliche Widersprüche rechtzeitig zu entschärfen, bevor sich daraus Bewegungen entwickeln. Doch wenn man sich die noch nicht sehr alte Geschichte des Parlamentarismus anschaut, dann sieht man, daß das selbst einem so flexiblen System wie dem Parlamentarismus nur sehr unzureichend gelingt. Grundlegende notwendige Modernisierungen wurden selbst in parlamentarischen Demokratien in der Regel immer von Bewegungen durchgesetzt. Das heißt, selbst ein parlamentarisch moderierter Erneuerungsprozeß der Gesellschaft stößt immer wieder an seine Grenzen und provoziert außerparlamentarische Bewegungen, die einen gesellschaftlichen Wandel einfordern.

Die westlichen parlamentarischen Demokratien haben deswegen einigermaßen gelernt, wie man mit den unvermeidlich entstehenden Bewegungen umgehen muß, damit diese nicht zu einem grundsätzlichen Umsturz der Ordnung führen. Doch die Zeichen mehren sich, daß sich gerade innerhalb dieser parlamentarischen Demokratien Bewegungen herausbilden, deren parlamentarische Entschärfung schwierig werden dürfte. Ich meine damit natürlich die europafeindlichen, antiislamistischen und homophoben Bewegungen, die in ganz Europa Zulauf erhalten. Das Problem an diesen ist, daß sie die Vorstellung von einer neuen Ordnung bereits ziemlich komplett ausgebildet haben – auch wenn diese Vorstellung für Außenstehende komplett wahnwitzig erscheint.

Angesichts dieser Bewegungen stellt sich die Frage, wie sich denn solche Weltbilder entwickeln und ausbreiten, welche Kanäle es gibt und welche Rolle diese spielen. Und diese Frage läßt sich nun überhaupt nicht mehr ahistorisch-anthropologisch beantworten. In spezifischen historischen Situationen sind es ganz unterschiedliche Medien, die die Verbreitung von Gedanken bestimmen. Und deren Art und Weise der Verbreitung ist gegenüber dem Inhalt nicht neutral, sondern bestimmt diesen mit. Die Reformation wäre ohne den Buchdruck nicht möglich gewesen; die bürgerlichen Revolutionen ebenso wie die Arbeiterbewegung wurden ganz wesentlich durch die Zeitungen geprägt; Hitler brauchte den Volksempfänger, um an der Macht zu bleiben; die anti-autoritären Bewegungen wurden vom Fernsehen beeinflußt; und die Irren von Pegida scheinen den schlimmsten Befürchtungen von Internetkritikern recht zu geben.

Das heißt nicht, daß Medien Bewegungen machen. Aber die zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt zur Verfügung stehenden Medien beeinflussen die Art und Weise, wie gesellschaftliche Widersprüche in alternative Vorstellungen von einer gesellschaftlichen Ordnung gegossen werden. Und es hängt auch von den entsprechenden Medien ab, wie realitätsgerecht diese Weltbilder auf die gesellschaftlichen Widersprüche reagieren – oder auch nicht.

Ab nächste Woche sollen diese grundsätzlichen Überlegungen dann wieder am historischen Beispiel entwickelt werden. Und wir werden uns einer Bewegung zuwenden, die wohl als erste durch ein modernes Medium geprägt wurde: Dem deutschen Bauernkrieg zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Freuen Sie sich also darauf, daß Friedrich Engels erklärt:

„Um dieselbe Zeit, wo im Schwarzwald die vierte Bundschuhverschwörung unterdrückt wurde, gab Luther in Wittenberg das Signal zu der Bewegung, die alle Stände mit in den Strudel reißen und das ganze Reich erschüttern sollte. Die Thesen des thüringer Augustiners zündeten wie ein Blitz in ein Pulverfaß.“ ([1], S. 372)

Nachweise

[1] Engels, F.: „Der deutsche Bauernkrieg“, in: Marx, K. & Engels, F., Werke Bd. 7, Berlin 1956ff, S. 327 – 413.

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Written by alterbolschewik

19. Dezember 2014 um 16:10

Veröffentlicht in Bewegung

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2 Antworten

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  1. „Wenn man diese Doppelnatur begriffen hat, werden etwa Diskussionen wie die, ob der Nationalsozialismus ein archaischer Rückfall oder aber eine perverse Modernisierungsbewegung war, obsolet: Er war beides zur gleichen Zeit. Er war eine Bewegung, die eine gesellschaftliche Modernisierung durchzusetzen versuchte, indem er ein durch und durch archaisches Potential reaktivierte. Gerade deshalb sollte uns der Nationalsozialismus immer als Warnung dienen. In allen Bewegungen, egal ob man sie nun reaktionär oder progressiv nennt, ist ein solches archaisch-regressives Potential enthalten – da sollte man sich keine Illusionen machen.“
    Sehr wahr, das muss man nur noch zitieren, ein weiterer Kommentar erübrigt sich eigentlich. Wie lächerlich kamen mir immer diejenigen vor, die das Barbarische und die modernen Waffen des Hitlerreiches einfach nicht zusammenbekamen.

    Ist der Bauernkrieg AUCH über den Buchdruck erklärbar? Wie steht es mit dem Alphabetisierungsgrad einer Masse? Oder reicht es, wenn nur die Avantgarde einer Masse lesekundig ist?

    summacumlaudeblog

    24. Dezember 2014 at 8:25

    • Meine augenblickliche Hypothese ist die, daß er OHNE den Buchdruck auf jeden Fall nicht zu erklären ist. Das Problem ist nur – soweit ich mich jetzt in die Materie eingearbeitet habe – daß ich da offensichtlich alleine auf weiter Flur stehe. Die mediale Vermittlung und Verbreitung durch den Buchdruck spielt offensichtlich in der Bauernkriegsforschung so gut wie keine Rolle. Momentan bin ich damit beschäftigt, einige Krümel aufzulesen, die gelegentlich in Form von Nebensätzen auf die Bedeutung des gedruckten Wortes (und Bildes) hinweisen.

      Die angesprochene Wechselwirkung zwischen Avantgarde und Masse ist natürlich im Bauernkrieg mit Händen zu greifen. Das neue Medium richtete sich ganz entscheidend an eine Avantgarde – wobei die Bilddrucke, die von allen verstanden wurden, nicht zu unterschätzen sind. Meine noch größere und weitgespannte Hypothese wäre die, daß Avantgarden in dem Maße zunehmend überflüssig wurden, in dem die Medien wirkliche Massenmedien wurden – was dann den Charakter der Bewegungen ganz grundsätzlich verändert. Und ich bin mir noch überhaupt nicht sicher, ob das nun gut oder schlecht ist. Doch das greift jetzt schon sehr weit in die Zukunft aus…

      alterbolschewik

      24. Dezember 2014 at 9:54


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