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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Die Revolution des gemeinen Mannes

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Bewegungslehre (8)

„In Deutschland führten die Verhältnisse erst dann zu einer großen Empörung der Bauernschaft, als deren Lage sich erheblich verschlechtert hatte.“

Karl Kautsky, Vorläufer des neueren Sozialismus

Was bisher geschah: In einem unerwarteten Schwenk hat sich der Autor des Blogs entschieden, das Verhältnis von Bewegungen und Medien ausgerechnet an einer Bewegung zu studieren, von der er keine Ahnung hat: Dem sogenannten Bauernkrieg von 1525.

Der deutsche Bauernkrieg war weder das eine noch das andere noch das dritte: Er war nicht deutsch, die Aufständischen waren nicht (ausschließlich) Bauern und es handelte sich nicht um einen Krieg. Deutsch war er nicht, weil die Erhebungen des Jahres 1525 sich nicht nur innerhalb der Grenzen dessen, was wir heute Deutschland nennen, abspielten, sondern auch auf dem Gebiet des heutigen Frankreichs, der Schweiz und in Österreich. Die Vereinnahmung des Bauernkrieges als eines „deutschen“ ist der Nationalgeschichtsschreibung des 19. und 20. Jahrhunderts zu verdanken, entspricht aber nicht den realen örtlichen Gegebenheiten.

Auch die Etikettierung der Auseinandersetzungen als „Bauernkrieg“ entstammt dieser späteren Zeit:

„Die Verfestigung des Begriffs Bauernkrieg im geschichtlichen Bewußtsein der Deutschen muß man als historiographische Hervorbringung des 19. und 20. Jahrhunderts werten. […] Die Zeitgenossen, genaue Beobachter, die sie waren, haben […] einen anderen Begriff verwendet. Der Gemeine Mann tritt in den geschichtlichen Quellen an die Stelle des Bauern in der geschichtswissenschaftlichen Literatur.“ ([1], S. 41f)

Neben den Bauern sind es eben auch Bürger und Bergleute, ja sogar Adlige, die an den Aufständen des Jahres 1525 beteiligt waren. Von einer klassenmäßigen Homogenität kann also mitnichten die Rede sein. Und das ist, wenn es sich um eine echte Bewegung handelt, keineswegs untypisch: Bewegungen zeichnen sich – zumindest während ihres Aufstiegs – gerade dadurch aus, daß sie die Unterschiede zwischen den einzelnen Anhängern bewußt ignorieren. Dies ist eine Erbschaft der Bewegung, die sie ihrem Ursprung aus der Masse verdankt:

Innerhalb der Masse herrscht Gleichheit. Sie ist absolut und indiskutabel und wird von der Masse selbst nie in Frage gestellt. Sie ist von so fundamentaler Wichtigkeit. daß man den Zustand der Masse geradezu als einen Zustand absoluter Gleichheit definieren könnte. Ein Kopf ist ein Kopf, ein Arm ist ein Arm, auf Unterschiede kommt es dabei nicht an. Um dieser Gleichheit willen wird man zur Masse.“ ([2], S. 26)

Es sind also weder Deutsche, die da aufbegehren, noch sind es einfach Bauern. Und zum Krieg wurden die Insurrektionen des Jahres 1525 erst dadurch, daß die Herrschenden Armeen aufstellten, um die Aufständischen militärisch niederzuschlagen. Tatsächlich hat sich, zumindest in der Forschung, heute eher der Terminus der „Revolution des Gemeinen Mannes“ gegen die Rede vom „Deutschen Bauernkrieg“ durchgesetzt.

Wie entzündete sich nun diese Revolution des Gemeinen Mannes? Die vulgärmarxistische Begründung wäre die, daß es die Unterdrückung der Bauern war, die irgendwann einmal so schlimm wurde, daß der Aufstand dagegen unvermeidlich wurde. Doch eine solche vulgärmarxistische Begründung des Aufstandes ist mehr als nur verkürzt. Schon der junge Engels argumentierte 1850 wesentlich differenzierter.

Natürlich war die Unterdrückung der Bauern eine notwendige Bedingung des Aufstandes. Wo jemand mit der Art und Weise, wie die Gesellschaft eingerichtet ist, zufrieden ist, wird er nicht rebellieren. Insofern erklärte auch Engels in seiner Schrift Der Deutsche Bauernkrieg:

„Auf dem Bauer lastete der ganze Schichtenbau der Gesellschaft: Fürsten, Beamte, Adel, Pfaffen, Patrizier und Bürger. Ob er der Angehörige eines Fürsten, eines Reichsfreiherrn, eines Bischofs, eines Klosters, einer Stadt war, überall wurde er wie eine Sache, wie ein Lasttier behandelt, und schlimmer.“ ([3], S. 339)

Doch Engels war kein so lausiger Marxist, daß ihm die bloße Tatsache der Unterdrückung als Begründung für einen revolutionären Aufstand gereicht hätte. Damit man sich gemeinsam mit anderen zur Wehr setzt, reicht es nicht aus, sich in einer elenden gesellschaftlichen Lage zu befinden:

„Die Bauern, knirschend unter dem furchtbaren Druck, waren dennoch schwer zum Aufstand zu bringen. Ihre Zersplitterung erschwerte jede gemeinsame Übereinkunft im höchsten Grade.“ ([3], S. 340)

Das gemeinsame Klasseninteresse alleine führt nicht dazu, daß eine allgemeine Bewegung in Gang kommt. Das reicht vielleicht, um hier und da sporadische Protestaktionen hervorzurufen, doch für eine große, dezentrale Bewegung, wie es die Revolution des Gemeinen Mannes war, ist die Tatsache der klassenmäßigen Unterdrückung keine hinreichende Begründung. Engels bemerkt deswegen zurecht:

„Wir finden daher im Mittelalter Lokalinsurrektionen der Bauern in Menge, aber – wenigstens in Deutschland – vor dem Bauernkrieg keinen einzigen allgemeinen, nationalen Bauernaufstand.“ ([3], S. 340)

Die Bauern mußten also nicht einfach „objektiv“ unterdrückt sein, sondern sie brauchten ein gemeinsames Bewußtsein einer anderen, gerechteren Ordnung um die lokale Zersplitterung zu überwinden. Zudem kam noch ein anderes Problem hinzu. Es mußte nicht nur die Zersplitterung innerhalb der eigenen Klasse überwunden werden:

„Nur durch eine Allianz mit andern Ständen konnten sie eine Chance des Sieges bekommen; aber wie sollten sie sich mit andern Ständen verbinden, da sie von allen gleichmäßig ausgebeutet wurden?“ ([3], S. 340)

In der Tat eine mehr als berechtigte Frage. Und eine Vereinigung mit anderen gesellschaftlichen Klassen und Ständen zu ermöglichen, brauchte es mehr als nur das Pochen auf den eigenen, unmittelbaren Interessen. Was Not tat war ein alternativer Entwurf zur bestehenden gesellschaftlichen Ordnung. Und da sich die bestehende Ordnung weitgehend theologisch begründete, mußten auch die Gegenentwürfe der Aufständischen sich in diesem intellektuellen Kontext bewegen. Engels erklärte deshalb, nachdem er die theologische Durchdringung aller Bereiche des gesellschaftlichen Lebens geschildet hatte:

„Es ist klar, daß hiermit alle allgemein ausgesprochenen Angriffe auf den Feudalismus, vor allem Angriffe auf die Kirche, alle revolutionären, gesellschaftlichen und politischen Doktrinen zugleich und vorwiegend theologische Ketzereien sein mußten.“ ([3], S. 344)

Der sogenannte „Überbau“ ist also keineswegs eine zu vernachlässigende Größe, wenn es darum geht, die Entstehung einer Massenbewegung zu verstehen. Die „ökonomische Basis“ macht keine Aufstände, es sind Menschen, die das tun. Und diese Menschen haben bestimmte Vorstellungen von der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung. Sie werden in diese Ordnung hineingeboren und empfinden diese erst einmal als „natürlich“. Selbst wenn sie auf einer der unteren Sprosse der gesellschaftlichen Leiter stehen, werden sie auch diese Position als mehr oder minder „natürlich“ empfinden. Das heißt nicht, daß sie mit dieser Position zufrieden sein müssen – man kann auch, wenn man die bestehende Ordnung prinzipiell akzeptiert, über „die da oben“ fluchen und sich wünschen, eine andere gesellschaftliche Stellung einzunehmen. Aber das hat nichts mit einer Infragestellung der bestehenden Ordnung zu tun. Eine Ordnung muß nicht als gerecht empfunden werden, um als Ordnung anerkannt und akzeptiert zu werden.

Deshalb ist es viel schwieriger, einen von einer Masse akzeptierten Gegenentwurf zur bestehenden Ordnung zu entwerfen, als sich dies die marxistische Orthodoxie immer dachte. Und das schließt dann auch Engels mit ein. Bei Engels entspringen die theologischen Ketzereien, die die Grundlage für die Ideologie der Revolutionäre von 1525 bilden, dann doch ziemlich direkt ihrer Klassenlage. Sie sind zwar zeittypisch in ein theologisches Gewand gekleidet, doch im Prinzip drücken sich darin unmittelbar materielle Interessen aus. Diese soll man einfach dechiffrieren können, indem man sie ihres theologischen Gewandes entkleidet und ihren materiellen Kern herausschält.

Doch so einfach ist es nicht. Die Konstitution von Gegenentwürfen zur bestehenden Ordnung vollzieht sich anhand deutlich komplexerer Mechanismen, als sich dies Engels (und mit ihm fast der gesamte Marxismus) vorstellte.

Und deshalb begeben wir uns nächste Woche in äußerst trübes Gewässer, nämlich die Interpretation eines Nazi-Historikers, der aber eine ziemlich interessante Hypothese formulierte:

„Die Fürsten hatten das begreifliche Ziel, aus ihren zufällig zusammengeerbten und zusammeneroberten Gebieten einen einheitlichen Staat aufzubauen, in dem das gleiche Recht an allen Orten galt. […] Den Bauern aber war dies neue Recht nicht nur ein Fremdrecht, das in einer fremden Sprache geschrieben war, die sie nicht verstanden, es war für sie letzthin Nichtrecht, Unrecht. Wenn sie sich gegen das Römische Recht, gegen den modernen Territorialstaat erhoben, um ihr altes Recht und Herkommen zu verteidigen, um für ihre altüberkommene Selbstverwaltung zu kämpfen, dann fühlten sie sich nicht als Empörer, sondern als Kämpfer für das Recht. Revolutionär, Rechtsbrecher war der Staat, nicht sie.“ ([4], S. 2f)

Nachweise

[1] Blickle, P., Der Bauernkrieg. Die Revolution des Gemeinen Mannes., München 2012 (4. Aufl.).

[2] Canetti, E., Masse und Macht, Frankfurt a.M. 1980.

[3] Engels, F.: „Der deutsche Bauernkrieg“, in: Marx, K. & Engels, F., Werke Bd. 7, Berlin 1956ff, S. 327 – 413.

[4] Franz, G., Der Deutsche Bauernkrieg, Darmstadt 1962 (6. Aufl.).

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Written by alterbolschewik

26. Dezember 2014 um 20:55

Veröffentlicht in Bauernkrieg, Bewegung

4 Antworten

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  1. Danke für diesen interessanten Beitrag! Im gleichen Zeithorizont spielte sich auch noch der Aufstand der Reichsritterschaft ab. Es wäre eine ganz spannende Überlegung, was hätte geschehen können, wenn diese beiden Bewegungen zusammengewirkt hätten.

    che2001

    31. Dezember 2014 at 10:47

    • Es gab ja durchaus Berührungspunkte zwischen den Rittern und den Bauern – beide hatten die Territorialfürsten zum Gegner. Allerdings unterschieden sie sich auch in wesentlichen Punkten: Die Ritter hatten einfach keine wirkliche gesellschaftliche Perspektive – ihrem Stand drohte einfach das Aussterben, das auch nicht aufzuhalten war. Die Bauern hingegen wehrten sich – wenn ich das jetzt mal so ganz verkürzt zusammenfasse – gegen eine weitreichende Umgestaltung ihrer Lebensverhältnisse, die sie in ihrem Sinne zu beeinflussen suchten. Sie wollten ein neues Recht, während die Ritter von den alten Verhältnissen träumten. Insofern wäre ein koordinierter Aufstand, der ein gemeinsames Ziel anstrebte, wohl sehr schwer zu realisieren gewesen.

      alterbolschewik

      31. Dezember 2014 at 13:19

  2. Und da gibt es noch ein ganz ähnliches spannendes, praktisch völlig vergessenes Thema:

    http://en.wikipedia.org/wiki/Diggers

    che2001

    31. Dezember 2014 at 11:13

  3. Das stimmt so nicht. Die Ritter strebten an, als eigener Stand zu den Reichstagen geladen zu werden, und ihnen schwebte so eine Art ständischer Parlamentarismus anstelle des dynastischen Fürstentums vor. Zwar ohne das sog. Gemeine Volk -. aber hätten diese beiden Lager an einem Strang gezogen hätte es die Ergebnisse der Französischen Revolution bzw. der Napoleonischen Kriege möglicherweise 250 Jahre früher gegeben – und keinen Absolutismus.

    che2001

    4. Januar 2015 at 18:44


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