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Das alte Recht

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Bewegungslehre (9)

„Zu(o)m neünten seyen wyr beschwertt der grossen frefel, so man stetz new satzung macht, nit das man vnß strafft nach gestalt der sach, sunder zu(o) zeyten auß grossem neyd vnd zu(o) zeytten auß grossem gunst.“

12 Artikel der Bauern vom 20. März 1525

Was bisher geschah: Letzte Woche hatte ich gegen die marxistische Auffassung gestänkert, daß sich Bewegungen daraus erklären ließen, daß es einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe ökonomisch schlecht gehe. Das ist eine Erklärung ex post: Wenn eine Bewegung entstanden ist, wird man möglicherweise auch ökonomische Ursachen dafür finden. Doch wichtiger als diese ökonomischen Gründe sind die Bewußtseinsformen, in denen diese reflektiert werden. Und darum wird es uns in der Folge anhand des Bauernkrieges von 1525 gehen.

Ich weiß, daß ich versprochen habe, den Bauernkrieg vor allem deshalb heranzuziehen, weil ich das Verhältnis von Bewegungen zu Medien darstellen will. Dazu werden wir auch noch kommen – aber um die Rolle der Medien zu beleuchten müssen wir uns erst einmal ansehen, was denn die Inhalte sind, die durch die Medien transportiert und vor allem auch transformiert werden. Deshalb wird es zunächst einmal darum gehen, wie sich die gesellschaftlichen Veränderungen des ausgehenden 14. Jahrhunderts im Bewußtsein der Menschen darstellten. Das heißt, es geht nicht nur um Fakten, sondern vor allem darum, wie diese Fakten interpretiert wurden.

Richten wir zu diesem Zweck noch einmal den Blick zurück auf die Spiegel-Affäre, die ich vor ein paar Wochen hier abgehandelt habe. Damals hatte ich die Hypothese aufgestellt, daß sich Bewegungen dann bilden, wenn etwas passiert, das als fundamentaler Bruch in der bestehenden Ordnung aufgefaßt wird. Im Falle der Spiegel-Affäre war es die „Nacht und Nebel“-Aktion, bei der die Redaktionsräume der Zeitschrift und auch Privatwohnungen von Angestellten durchsucht wurden. Die Empörung darüber hatte ich so interpretiert, daß die Regierung (zwischen Bundesanwaltschaft und Verteidigungsministerium wurde nicht groß unterschieden – zu Recht, wie sich herausstellen sollte) den grundsätzlichen Konsens der Bundesrepublik aufkündigte, der da hieß: So etwas wie das Dritte Reich durfte sich nie mehr wiederholen. Und dann griff die Exekutive zu Mitteln, die als „Gestapo-Methoden“ interpretiert wurden. Die Bewegung, die sich sofort und spontan zur Unterstützung des Spiegels formierte, tat dies auf Grund des Schocks, den diese einseitige Aufkündigung eines grundlegenden Prinzips auslöste.

Wenn wir also verstehen wollen, was den großen Bauernaufstand auslöste, dann müssen wir unseren Blick darauf richten, auf welche Art und Weise die Herrschenden gegen die bestehende Ordnung verstießen. Denn der zentrale Punkt ist eben nicht der, daß die Herrschenden die von ihnen Beherrschten ausbeuteten – das alleine genügt nicht. In einer so hierarchischen Gesellschaftsform wie der des ausgehenden Mittelalters war die bloße Existenz ausbeuterischer Verhältnisse (zunächst) kein Grund um aufzubegehren. Zumindest nicht für die große Masse. Die Ausbeutung war Teil der gesellschaftlichen Ordnung und ihre Berechtigung wurde nicht in Frage gestellt, auch nicht in den berühmten 12 Artikeln, wo es gleich im zweiten Artikel über den Zehnten („zehat“) heißt:

„Zu(o)m andern, nach dem der recht zehat auff gesetzt ist im alten testament vnd im neuen als erfüldt, nichts destminder wo(e)llen wir den rechten korn zehat gern geben, doch wie sich gebürt.“ ([1])

Die grundsätzliche Legitimationsgrundlage der feudalen Gesellschaft, der christliche Glaube und die daraus erwachsenen gesellschaftlichen Spielregeln werden nicht prinzipiell angezweifelt. Und da sich der Zehnte aus der Bibel legitimieren läßt, wollen die Bauern ihn gerne geben. Allerdings bauen sie gleich eine Einschränkung ein, wobei sie die eigentliche Grundlage aber nicht verlassen, denn sie wollen den Zehnten nur soweit zahlen, wie es sich gebührt. Und was sie damit meinen, führen sie dann in der Folge genauer aus. Aber das soll uns an dieser Stelle noch nicht interessieren. Hier ging es nur darum zu zeigen, daß die Aufständischen sich durchaus als Bewahrer, nicht als Zerstörer der Ordnung verstanden.

Denn es waren die Herrschenden selbst, die nach Auffassung der Bauern die Ordnung untergruben. Dabei ging es im wesentlichen um zwei Punkte, die nur indirekt etwas mit der mißlichen ökonomischen Lage der Bauern zu tun hatten. Es ging um die Frage der Gerichtsbarkeit und um die Frage der Leibeigenschaft.

Beginnen wir zunächst mit der Frage der Gerichtsbarkeit. Es war ausgerechnet ein Nazi-Historiker, der auf diesen entscheidenden Grund für den Aufstand der Bauern aufmerksam gemacht hat, nämlich Günther Franz. Was war geschehen? Im Laufe des 15. Jahrhunderts wurde Deutschland zu einem wichtiges internationalen Handelszentrum, denn wichtige Handelsrouten verliefen durch das Land. Die Städte Nürnberg und Augsburg – nicht zufällig im Zentrum der Bauernaufstände gelegen – waren europäische Handelsmetropolen. Diese Ausweitung des Handels verlangte nach Rechtssicherheit, was aber nach einer Rechtsordnung verlangte, die auf Gesetzen beruhte. Aus diesem Grunde wurde flächendeckend versucht eine neue Ordnung einzuführen, die auf dem römischen Recht beruhte.

Diese historisch notwendige Modernisierung widersprach aber der Rechtsordung, wie sie faktisch auf dem Land existierte. In der Interpretation des nazistischen Bauernkriegsforschers Franz las sich das dann so (und zwar in der für die Bundesrepublik von den übelsten Nazismen bereinigten 6. Auflage, die in der wissenschaftlichen Buchgesellschaft seines Nazi-Freundes Ernst Anrich erschien):

„Germanische Rechtsauffassung hat sich am ungebrochensten im deutschen Bauerntum fortgeerbt. Für den Germanen aber war das Recht ein Stück der Weltordnung, von Gott oder den Göttern geschaffen und darum letztlich unerschütterlich. Es war heilig und wurde daher von der Priestern gehegt, die die Thingversammlungen eröffneten.“ ([3], S. 1)

Das klingt heute eher lächerlich und verführt dazu, Franz‘ Darstellung in Bausch und Bogen zu verwerfen. Doch trotz der Beschwörung von Germanen und Thingversammlungen hat Franz einen wichtigen Punkt herausgearbeitet. Die Rechtsprechung auf dem Land funktionierte nicht nach den uns heute vertrauten Regeln. Es gab zwar einen gewissen Kanon, doch dieser wurde weitgehend frei und auf den konkreten Sachverhalt hin bezogen ausgelegt. Exemplarisch und ohne Rekurs auf mythische Germanen hat dies Peter Blickle für das Koster Ochsenhausen beschrieben:

„Die Rechtsprechung in der Klosterherrschaft erfolgte durch ein Gericht, das von Bauern aus allen Klosterdörfern als Schöffen besetzt wurden. Die Quellen nennen sie Richter. Grundlage der Rechtsprechung waren offenbar alte, nicht kodifizierte Gewohnheiten, vermutlich auch das Schwäbische Landrecht in Form des Schwabenspiegels. In Zweifelsfällen wandten sich die Ochsenhausener Richter an den Rat der nahen Reichsstadt Ulm und erbaten sich dort den Vorschlag für ein Urteil. Das Verfahren war also mündlich und entschieden wurde von Fall zu Fall, angelsächsischen commen law-Gewohnheiten ähnlich.“ ([2], S. 70)

Der Abt von Ochsenhausen versuchte nun, eine Art Gesetzbuch zu verfassen, in dem Gebote und Verbote festgelegt wurden, auf die er die Richter verpflichten wollte. Diese protestierten:

„Das sei »inen schwer und undleidenlich«, klagten die Richter und baten, »sie bleiben zuo lassen, wie von Alter Herkommen sei, nemlich das sie nach irer Gewissen und Guotbedünken achten, was ainer verwirkt oder verschuldt hab.“ ([2], S. 71)

Indem der Abt versuchte, die Rechtsprechung auf eine gesetzliche Grundlage zu stellen, verstieß er gegen das „alte Recht“ und damit die bestehende Ordnung. Und das war keine Kleinigkeit, wie die Begründung der Ochsenhausener Richter zeigt, die so gar nichts mit dem Hinweis auf germanische Traditionen zu hatte:

„Das Verfahren des Abtes laufe auf »Zerstörung gutter Sitten« hinaus und gefährde ihrer „Sell Säligkeit“ und bringe sie somit um ihr ewiges Heil.“ ([2], S. 71)

Offenbar empfanden es die Richter als eine hochgradig persönliche Bedrohung, wenn sie nicht mehr gemäß ihrem Gewissen und in Kenntnis der Personen und der besonderen Sachlage urteilen sollten, sondern anhand abstrakter Gesetze. Was der Abt vorhatte wurde als tiefreichender Bruch im bestehenden Ordnungsgefüge begriffen. Und dieser Bruch verlangte danach, gekittet zu werden. Allerdings nicht auf konservative Weise, indem man einfach zum „alten Recht“ zurückkehrte. Sondern indem man einen neue Rechtsordnung entwickelte, die sich auf ein neues, ein „göttliches Recht“ stützte.

Doch dazu nächste Woche mehr, wenn Peter Blickle schreibt:

„Die Bauern und Bürger wollten Ordnungen, aber solche, die nicht die herkömmlichen Verfahren auf den Kopf stellten und nicht nur herrschaftliche Interessen berücksichtigten.“ ([2], S. 78)

Nachweise

[1] Anonym: „Zwölf Bauernartikel 1525“, URL: http://stadtarchiv.memmingen.de/918.html, abgerufen am 2. Januar 2015.

[2] Blickle, P., Der Bauernkrieg. Die Revolution des Gemeinen Mannes., München 2012 (4. Aufl.).

[3] Franz, G., Der Deutsche Bauernkrieg, Darmstadt 1962 (6. Aufl.).

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Written by alterbolschewik

4. Januar 2015 um 13:43

Veröffentlicht in Bauernkrieg, Bewegung

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