shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Von der Abwehr zur Utopie

leave a comment »

Bewegungslehre (10)

„Die ersten Bauernaufstände auf deutschem Boden […] ware die Judenverfolgungen“

Günther Franz, Der deutsche Bauernkrieg

Was bisher geschah: Letzte Woche haben wir gesehen, daß die Bauern des 15. Jahrhunderts nicht in erster Linie über ihre miserable ökonomische Situation klagten, sondern daß sie sich darüber empörten, daß an die Stelle der alten Rechtspflege das neue römische Recht gesetzt werden sollte. Es ist diese Störung der Ordnung, die die Bewegung hervorrief, nicht unvermittelte ökonomische.

Nun ist es – zumindest für die Leserinnen dieses Blogs – keine besondere Neuigkeit, daß aufständische Bewegungen durch einen Bruch innerhalb der von allen geteilten gesellschaftlichen Ordnungsvorstellungen ausgelöst werden. Ich habe das hier schon an diversen Beispielen dargestellt. Und ich habe auch schon öfter darauf hingewiesen, daß es oft ein symbolisches Ereignis ist, an dem sich dieser Bruch der Ordnung für das Bewußtsein der Bewegten manifestiert. Das Ereignis, in dem der Bruch der bestehenden Ordnung sich exemplarisch aufscheint, mobilisiert dann schlagartig Energien, die die Gesellschaft fundamental verändern können.

Um kurz in die Aktualität abzuschweifen: Das Attentat auf Charlie Hebdo in Paris ist ein solches Ereignis. Noch ist nicht abzusehen, welche Kräfte es mobilisieren wird – ob es Muslime aufrüttelt, endlich einen klaren Trennungsstrich zwischen dem Islam und den islamistischen Mordbrennern zu ziehen; oder ob es die islamophoben Bewegungen der Rechten an die Macht spülen wird; oder ob es einer mobilisierten demokratischen Öffentlichkeit gelingt, ihre Grundwerte bedingungslos gegen ihre vielfältigen Gegner zu verteidigen. Für alle diese Szenarien sind heute, zwei Tage nach dem Attentat, Indizien zu finden. Welche Interpretation des Ereignisses und der zerbrochenen Ordnung sich durchsetzt, welche gesellschaftlichen Schlüsse daraus gezogen werden, wird sich in den nächsten Tagen und Wochen zeigen. Wahrscheinlich sind Mobilisierungen in durchaus verschiedene Richtungen. Und es wird nicht an Rattenfängern mangeln, die versuchen werden, diese Energien in die eine oder andere Richtung zu manipulieren.

Doch zurück ins 15./16. Jahrhundert. Die Versuche der Herrschenden, das alte Recht durch ein neues, römisches Recht zu ersetzen, begannen nicht erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Die Verteidigung des alten Rechtes hatte schon über hundert Jahre lang immer wieder lokale Bewegungen inspiriert. Eine erste, wichtige Etappe war sicherlich die Schweizer Eidgenossenschaft, die sich gegen die Übergriffe der Habsburger zur Wehr setzte:

„Ihr erster Bund 1291 erkannte die überkommenen Abhängigkeiten, die Grund- und Leibherrschaft, ausdrücklich an. Man wollte nur das alte Recht gegen die Rechtsbrüche der Vögte verteidigen. Daher war die einzige Forderung des Bundesbriefes, daß kein Auswärtiger mehr Richter im Lande sein dürfte. Die Erhebung war keine Revolution, nur berechtigtes Einschreiten gegen gebrochenes Recht.“ ([2], S. 3)

Und so kam es während des gesamten 15. Jahrhunderts immer wieder zu kleinere Auseinandersetzungen, die als Vorgeschichte des Bauernkrieges interpretiert werden können. Wichtig dabei ist, daß diese Auseinandersetzungen im wesentlichen lokaler Natur waren. Manchmal wurden die Streitigkeiten auf dem Verhandlungsweg beigelegt, manchmal wurde auch zu den Waffen gegriffen, doch nie entwickelte sich ein Flächenbrand, wie wir ihn dann 1525 erleben. Wir haben also Bewegungen, doch diese Bewegungen waren weitgehend konservativ: Sie wollten einfach die bestehende Ordnung gegen Übergriffe von Seiten der Obrigkeit verteidigen. Manchmal gelang dies, manchmal nicht.

Eine Ausnahme stellte dann der etwas größere Konflikt dar, der als Aufstand des Armen Konrad 1514 das Herzogtum Württemberg erschütterte. Bemerkenswert bei diesem Aufstand war, daß es hier zum ersten Mal zu einem Bündnis von Bauern mit der städtischen Unterschicht kam, wie sie dann für den eigentlichen Bauernkrieg typisch werden sollte. Doch die Forderungen des Armen Konrad richteten sich ganz konkret gegen Steuern, die Herzog Ulrich zur Finanzierung seines aufwendigen Hofstaates durchsetzen wollte. Insofern war der Aufstand des Armen Konrad eine württembergische Ausnahme, die ebenfalls, wie die vielen lokalen Auseinandersetzungen des 15. Jahrhunderts, keine neue, eigenständige Programmatik hervorbrachte.

Während der langen Zeit von über 100 Jahren hatten wir also kleine, lokale Bewegungen, die gegen den Bruch der bestehenden Ordnung aufstanden. Doch ihr einziges Ziel war, die vor dem Bruch herrschende Ordnung wieder herzustellen. Auf die Dauer war ein solcher permanenter Abwehrkampf allerdings nicht zu gewinnen. Es mußte über diese reine Verteidigungshaltung hinausgegangen werden. Doch diese Einsicht war recht wenig verbreitet.

Eine Konsequenz daraus war, daß versucht wurde, die Verhältnisse nicht im Rahmen einer allgemeinen Bewegung zu verändern, sondern durch einen kleinen Kreis von Leuten, die eingesehen hatten, daß man über die reine Abwehrhaltung hinausgehen muß. Es schlug die Stunde der Verschwörer. Die Bundschuhverschwörungen stellten die ersten Versuche dar, von der Verteidigung zum Angriff überzugehen. Doch all diese Verschwörungen scheiterten ziemlich kläglich – dazu in einem späteren Beitrag mehr.

Wir müssen uns also nach einer Alternative zur Verschwörung umschauen. Wir müssen eine Antwort auf die folgende Frage finden: Wie schaffen es Bewegungen, die ursprünglich nur den status quo verteidigen wollen, eine grundsätzlich neue Perspektive zu gewinnen? Woher kommt die Vorstellung, an die Stelle der alten Ordnung eine andere, neue Ordnung setzen zu wollen?

Die Antwort ist keinesweg trivial. Es muß Mechanismen geben, wie ursprünglich konservative Bewegungen urplötzlich umschlagen in utopische Bewegungen. Der Bauernkrieg ist dabei die Bewegung par excellence um eben diese Frage am Material zu untersuchen.

Beginnen wir mit der einfachste Voraussetzung. Am Anfang müßte die Einsicht stehen, daß der Bruch der Ordnung, der einen schockiert hat und der dann zu einer Mobilisierung führte, selbst der Ordnung entspringt. Doch diese Einsicht ist gar nicht so einfach zu gewinnen. Die ursprüngliche Annahme war ja die, daß die alte Ordnung gut und gerechtfertigt war. Dann aber tritt ein Bruch auf – wie aber kann das sein, wenn die Ordnung tatsächlich gut und gerechtfertigt war?

Die einfachste und dümmste Antwort ist dann in der Regel die, daß der Bruch der Ordnung von Kräften getragen wird, die von außen kommen. Die schlichten Gemüter der Pegida etwa nehmen an, daß es irgendwelche Flüchtlinge sind, die an der von ihnen wahrgenommen Störung der gesellschaftlichen Ordnung schuldig sind. Dies ist eine – man verzeihe mir den Zynismus – hervorragende Möglichkeit, die herrschende Ordnung selbst nicht in Frage stellen zu müssen. Und man hat sofort einen Schuldigen, dessen Vernichtung die Störung der Ordnung angeblich wieder rückgängig machen wird. Augenblicklich sind es „die Muslime“, die als Personifizierung für die Übel eines sukzessive abgebauten Sozialstaates herhalten müssen. Wären diese weg, so die einfache Annahme, dann würde alles wieder so sein wie früher.

Wenn aber die Störung der Ordnung offenkundig nicht von außen kommt, sondern von innen, dann wird es schwieriger. Wie kommt eine bestimmte Personengruppe, die bislang unangefochten Teil der Ordnung war, ja diese sogar garantierte, dazu, die bestehende Ordnung zu unterhöhlen? Auch hier gibt es eine schlichte Antwort, die ungeachtet ihrer Dummheit historisch weit verbreitet ist. Es wird ein dritter, äußerer Akteur konstruiert, der die Kräfte im Inneren manipuliert. Auch hier können wir im AfD/Pegida-Umfeld Beispiele finden. Die Bundesregierung wird dabei als von außen manipuliert dargestellt, sei es durch die USA, die Wallstreet oder gleich die Juden. Tatsächlich ist die perfideste Form dieser Konstruktion tatsächlich der Antisemitismus. Da man emotional an die eigenen Herrschenden gebunden ist, werden die Juden als die eigentlichen Drahtzieher imaginiert.

Und dieser Mechanismus ist ziemlich alt. Wir können das bei den bereits angeführten Aufständen vor dem eigentlichen Bauernkrieg häufig beobachten. Der Kampf für das alte Recht ging im 15. Jahrhundert oft genug einher mit antisemitischen Pogromen. Da muß man einmal dem nationalsozialistischen Historiker Günther Franz dankbar sein, denn dieser hatte naturgemäß keine Scheu, in seinem Buch über den Bauernkrieg die Massaker, die im 15. Jahrhundert an der jüdischen Bevölkerung verübt wurden, als Vorläufer herauszuarbeiten ([2], S. 43ff).

Erst wenn es eine Bewegung schafft, sich von derartigen Konstruktionen freizumachen, hat sie ein emanzipatorisches Potential. Sie muß erkennen, daß der Bruch der alten Ordnung nicht von außen kommt oder gesteuert ist. Das Bewußtsein muß entstehen, daß der Bruch der Logik der alten Ordnung selbst entspringt. Damit aber so etwas sichtbar werden kann, muß der bestehenden Ordnung ein kontrastierendes Bild entgegengesetzt werden. Es bedarf einer Utopie, deren Bild die Widersprüche der alten Ordnung sichtbar macht. Und im Gegensatz zu den ganzen Aufständen für das alte Recht, entstand im Bauernkrieg genau so eine Utopie, die Utopie des göttlichen Rechts.

Was es damit auf sich hat, erfahren Sie nächste Woche, wenn Peter Blickle schreibt:

„Im Wechsel vom Alten Recht zum Göttlichen Recht streiften die Aufständischen mit der Tradition auch alle konkreten Bindungen an ihre Herren ab.“ ([1], S. 81)

Nachweise

[1] Blickle, P., Der Bauernkrieg. Die Revolution des Gemeinen Mannes., München 2012 (4. Aufl.).

[2] Franz, G., Der Deutsche Bauernkrieg, Darmstadt 1962 (6. Aufl.).

Advertisements

Written by alterbolschewik

9. Januar 2015 um 17:02

Veröffentlicht in Bauernkrieg, Bewegung, Ereignis

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s