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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Warum wir Charlie sind und nicht Yoan

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Bewegungslehre spezial

Was bisher geschah: Statt sich um Gegenwartsprobleme zu kümmern, trieb sich der Autor dieses Blogs mental in der Zeit des Bauernkriegs herum, um zu begreifen, wie gesellschaftsverändernde Bewegungen entstehen und wie sie sich im Verlauf transformieren. Doch der Schein trog: Was dort, mit gehörigem historischen Abstand, sichtbar wird, ist für eine Deutung gegenwärtiger gesellschaftlicher Phänomene außerordentlich nützlich.

Dennoch hatte ich nicht vor, so schnell in die Gegenwart zurückzuspringen – noch fehlen wesentliche Bausteine, um die Dynamik auch heutiger Bewegungen zu verstehen. Ich habe mich dennoch entschlossen, zumindest für einige Folgen dieses Blogs auf die Gegenwart zurückzukommen. Zu drängend scheinen mir die Fragen, die von den jüngsten Ereignissen aufgeworfen werden, als daß ich stur meinem Plan folgen will. Deshalb wird es heute einige (vorläufige) Bemerkungen zur Gegenwart geben, zu den Attentaten in Paris und zu der „Je suis Charlie“-Euphorie, die dadurch ausgelöst wurde.

Für das, was ich im folgenden untersuchen will, ist es sehr wichtig, sich ins Bewußtsein zu rufen, daß nicht nur die Redaktion von Charlie Hebdo angegriffen wurde, sondern auch Kunden in einem jüdischen Supermarkt. Dabei will ich in dieser Folge gar nicht darauf eingehen, daß die Angreifer militante Islamisten waren. Die Bedeutung der islamistischen Bewegungen wird einer späteren Folge vorbehalten. Vielmehr geht es mir heute darum, die Attentate als Ereignis zu verstehen. Ich habe in diesem Blog schon öfter darauf hingewiesen, daß in den meisten Fällen, wenn eine Bewegung entsteht, am Anfang ein Ereignis steht; daß dieses Ereignis eine traumatisierende Wirkung entfaltet; und daß die daraus resultierende Bewegung ein Versuch ist, dieses Trauma zu bewältigen.

Die traumatisierende Wirkung der Ereignisse in Paris steht außer Frage. Dennoch sollten wir uns nicht so einfach mit dieser Feststellung begnügen, sondern dieses Trauma etwas genauer in Augenschein nehmen. Wenn wir uns die allgemeine Medienberichterstattung vor Augen führen, dann wird offensichtlich vor allem der brutale Überfall auf die Redaktion der Zeitschrift Charlie Hebdo als traumatisches Ereignis begriffen. Der Tod der Kunden in einem jüdischen Supermarktes spielte nur eine sehr untergeordnete Rolle (zumindest für den nichtjüdischen Teil der Öffentlichkeit): Die Parole der schnell entstehenden Bewegung war „Je suis Charlie“, manchmal auch „Je suis Ahmed“ – nach Ahmed Merabet, dem muslimischen Polizisten, der ebenfalls von den Attentätern hingerichtet wurde. Aber sie war beispielsweise nicht „Je suis Yoav“ nach Yoav Hattab, der im Supermarkt bei dem Versuch ermordet wurde, dem Attentäter eine seiner Waffen zu entwenden.

Warum gingen die jüdischen Opfer in der Berichterstattung weitgehend unter? Warum berührt ihr Tod uns nicht auf die gleiche Weise wie die der anderen Opfer (und ich nehme mich dabei nicht aus)? Um diese Fragen zu beantworten, will ich noch ein weiteres Ereignis hinzunehmen, das just am selben Tag stattfand wie der Anschlag auf Charlie Hebdo: Ebenfalls am 7. Januar massakrierte die islamistische Terrororganisation Boko Haram in der nigerianischen Stadt Baga geschätzte 2.000 Menschen. Im Gegensatz zu den Toten in Paris wurde dies kaum zur Kenntnis genommen. Doch warum? Warum wühlen uns die wenigen Opfer in Paris so viel mehr auf als 2.000 andere in Nigeria?

Die erste Hypothese, die sich aufdrängt, ist natürlich die, daß es einfach die Entfernung ist: Mit Menschen in Paris identifizieren wir uns leichter als mit Menschen in Baga (wo ist das überhaupt?). Doch dieser Hypothese widersprechen die toten Kunden im Supermarkt. Mit ihnen sollte uns eigentlich die Identifikation am leichtesten fallen. Sie haben das gemacht, was wir alle ständig machen: Sie haben im Supermarkt eingekauft. Verglichen damit sind die Redakteure von Charlie Hebdo weit von uns entfernt. Schließlich gehört es nicht zu unserem Alltag, Hohn und Spott über Religionen auszuschütten. Insofern sollte eigentlich der Identifikationsmechanismus mit den Menschen im Supermarkt unmittelbarer greifen als mit den Satirikern.

Weshalb eine zweite Hypothese naheliegt: Ist es vielleicht so, daß hier unterschwelliger Rassismus oder Antisemitismus zum Tragen kommen? Die einen Opfer waren Schwarze, die anderen Juden. Als solche, so könnten wir uns den Vorwurf machen lassen, werden sie als nicht zu uns gehörig betrachtet und verdienen damit auch nicht unsere Empathie. Ich halte das für falsch. Der Punkt ist nicht existierende oder fehlende Empathie. Wie können auch diese Attentate entsetzlich finden, aber wir reagieren anders auf sie. Sie treiben die wenigsten von uns dazu, einen Tweet mit Hashtag #jesuisjuif abzusetzen, und sie motivieren uns schon gar nicht, auf die Straße zu gehen.

Deshalb möchte ich eine dritte Hypothese zur Diskussion stellen, die ich für die plausibelste halte – obwohl so etwas natürlich schwerlich empirisch zu beweisen ist. Meine Hypothese ist, daß für uns – und das ist schwer zu schlucken – Attentate auf Juden und Massaker in Afrika einen festen Platz in unserem Weltbild haben, daß sie für uns in einem perversen Sinne „normal“ sind. Das soll nicht heißen, daß wir nicht zutiefst entsetzt sind darüber. Aber bei derartigen Ereignissen handelt es sich um Teile unseres Erfahrungschatzes, die fest in unserem Weltbild verankert sind. Es ist nichts wirklich Neues für uns, daß Juden von Terroristen ermordet werden oder daß in Afrika ganze Dörfer ausradiert werden.

Das hat sicherlich viel mit der medialen Berichterstattung zu tun. Vom ganz normalen jüdischen Leben bekommen wir in der Regel nichts mit. Nur wenn wieder irgendwo ein antisemitisches Attentat verübt wird, tritt ihre Existenz in unser Bewußtsein. Und weil wir so etwas schon oft genug gehört haben, nehmen wir es nicht als überraschend wahr. Natürlich ist es entsetzlich, wenn wir von der Ermordung jüdischer Supermarktkunden hören – aber dieses Entsetzen ist keine traumatische Erfahrung, weil wir so etwas bereits kennen. So etwas ist zutiefst traurig, aber es ist nicht schockierend. Das selbe gilt für irgendwelche Massaker in Afrika. Wir haben das schon viel zu oft im Fernsehen gesehen, als daß das unser Weltbild erschüttern würde. Das hat nicht unbedingt etwas mit Abstumpfung zu tun, obwohl das sicherlich auch ein Teil davon ist. Der entscheidende Punkt ist, daß solche Ereignisse in unserem Bild der Welt ihren Platz haben. Wenn sie dann eintreten, nehmen wir sie eher als Bestätigung unseres Weltbildes denn als eine Infragestellung wahr.

Nicht Teil unseres Weltbildes ist es hingegen, wenn jemand wegen eines schlechten Witzes mit einer Kalaschnikow niedergemäht wird. Das ist eine Tat, die genau diese schockierende Wirkung entfaltet, die notwendig ist, um unser Bild von der Ordnung der Welt ins Wanken zu bringen. Bei solchen Ereignissen tut sich ein Abgrund auf, der uns zu verschlingen droht – völlig unabhängig davon, ob wir selbst betroffen sind. Und das setzt uns dann emotional und schließlich auch tatsächlich in Bewegung. Wir suchen die Straße auf, treffen uns mit Gleichgesinnten, für die das Ereignis die selbe schockierende Wirkung gehabt hat; und wir versuchen in der Masse diesen Riß zu kitten. Das ist es, was die Massen unter der Parole „Je suis Charlie“ auf die Straße gebracht hat, die Erschütterung der Ordnung. Man mag das, angesichts der Opfer, die keine solche Erschütterung auslösen, zynisch finden – doch das ist nicht der Punkt. Das ist keine Unterscheidung zwischen Opfern erster und zweiter Klasse. Es geht darum, die Mechanismen zu begreifen, die in solchen Situationen wirksam werden.

Das ist für die treuen Leserinnen dieses Blogs natürlich keine Offenbarung. Ich habe diesen Mechanismus schon an verschiedenen Beispielen durchexerziert. Doch die Ereignisse in Paris sind ein wirklich schlagendes Beispiel dafür, daß es Risse in der symbolischen Ordnung sind, die Menschen auf die Straße bringen. Gewalt oder Elend an sich bringen keine Massen in Bewegungen. Um Ereignis zu werden, müssen die Gewalttaten oder das Elend als etwas begriffen werden können, das die bislang akzeptierte Ordnung der Welt in Frage stellt.

In zugespitzter Form gilt das auch für eine andere, unzureichend gewürdigte Reaktion auf das Ereignis. Ich meine die Demonstration der Regierungschefs. Offensichtlich hat sich niemand darüber Gedanken gemacht, warum auf einmal Regierungschefs auf die Straße gehen. Stattdessen wurde herumgenörgelt, daß diese nicht mittenmang liefen, daß ihr Auftritt „inszeniert“ gewesen sei und daß die Tagesschau den Charakter dieser „Inszenierung“ nicht aufgedeckt habe. Das ist mehr als albern, denn das eigentlich Verblüffende ist, daß diese Demonstration innerhalb der Demonstration überhaupt stattgefunden hat. Für die Sicherheitsleute muß das ein totaler Alptraum gewesen sein, und ich bin mir sicher, daß es lange und harte Diskussionen gab, bevor die Verantwortlichen für den Personenschutz kleinbeigaben. Der Sicherheitsabstand zur eigentlichen Demonstration war wohl das Einzige, was den Regierungschefs abgetrotzt werden konnte. Doch warum überhaupt dieser riskante Gang auf die Straße? War das nur ein leerer Propagandacoup? Oder steckt da mehr dahinter? Ich glaube schon.

Warum ich das glaube und was diese Demonstration der Regierungchefs bedeutet, erfahren Sie nächste Woche in diesem Blog.

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Written by alterbolschewik

24. Januar 2015 um 16:19

Veröffentlicht in Bewegung, Ereignis

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8 Antworten

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  1. Die These der „Normalität“ solcher Attentate im öffentlichen Wahrnehmungskontext teile ich. Weiterhin aber blendet die öffentliche Wahrnehmung bestimmte Fakten ebenso „normal“ aus: Z.B. die Tatsache, dass weit über 90% der Opfer des islamistischen Terrors nicht nur Afrikaner und Asiaten, sondern auch – Mohamedaner sind. Manipulierte und selektierte Wahrnehmung. Die hauen sich „da unten“ eben wie schon seit eh und je die Köpfe ein, ganz normal halt. Einen Aufschrei gibt es nur bei einem Verstoß gegen die Sitzordnung.

    Deswegen wird von so manchem geglaubt, dass der IS eine in der islamischen Welt mehrheitsfähige Bewegung ist – was de facto derzeit nicht der Fall ist.

    Wie ist übrigens die These zu bewerten, dass IS Ausdruck einer real nicht begründbaren, aber empfundenen narzisstischen Kränkung in Teilen der islamischen Welt darstellt? Bekanntlich glaube ich ja an die Wirkmächtigkeit narzisstischer Kränkungen für eine gesellschaftliche Dynamik.

    summacumlaudeblog

    24. Januar 2015 at 20:59

    • Ich maße mir nicht an, ein Urteil darüber abzugeben, wie denn das Bewußtsein der IS-Kämpfer aus den arabischen Staaten zu beurteilen sei, dazu habe ich einfach zu wenig Ahnung von den gesellschaftlichen Strukturen der Länder, aus denen sich diese Kämpfer rekrutieren.

      Ich denke aber, daß bei denen, die von hier aus nach Syrien reisen, um sich dem IS anzuschließen, eine solche These durchaus diskutierenswert ist. Es sind ja nicht Migranten, die sich islamistisch radikalisieren, sondern es sind ihre Kinder. Diese sind hier geboren – haben aber oft das Gefühl, nicht dazu zu gehören. Sie sind aber keine Fremden wie ihre Eltern. Diese sind mit anderen Vorstellungen, wie die gesellschaftliche Ordnung funktioniert, aufgewachsen. Mit ihrem Gang in die Fremde haben sie sich bewußt einer anderen Ordnung unterworfen – was sicherlich nicht einfach war; die kognitiven und emotionalen Dissonanzen zwischen den erlernten Ordnungvorstellungen und den Ordnungsvorstellungen, in die man durch die Migration hineingeriet, erforden einiges an Anstrengung, um sie auszuhalten. Doch trotz dieser Dissonanzen ist bei der Elterngeneration eine Vorstellung von Ordnung vorhanden.

      Für die Kinder kann das deutlich schwieriger sein. Das heißt nicht, daß das den meisten nicht gelingt; ich denke, daß das sogar der Normalfall ist. Aber es ist schwieriger als für jemand, für den die Ordnungsvorstellungen in Familie und Gesellschaft nicht von solchen Dissonanzen durchzogen sind.

      Und wenn es nicht gelingt, diese Dissonanzen zwischen verschiedenen Ordnungsvorstellungen aufzulösen, dann kann es sein, daß dies als eine schwere narzisstische Kränkung empfunden wird. Man fühlt sich aus den bestehenden Ordnungsgefügen ausgeschlossen. Man spuckt auf das Bestehende, baut Aggressionen auf, wird gewalttätig und schießt sich damit noch weiter ins gesellschaftliche Abseits. Daß viele der hiesigen Islamisten eine kriminelle Karriere hinter sich hatten, bevor sie zu Allah gefunden haben, ist durchaus symptomatisch.

      Doch irgendwann wird der Druck so groß, daß er nach einer neuen Sicht der Welt verlangt, einer absoluten Ordnungsvorstellung, in der man sich doch geborgen fühlen kann. Und diese Ordnung liefert dann der radikale Islam. Die Welt, die einem bislang chaotisch und ablehnend erschien, ist nun auf einmal klar geordnet. Es gibt die Kafir, die Ungläubigen und es gibt die kleine, radikale Gruppe der wahren Islamgläubigen. Und mit dieser neu gewonnen Ordnungsvorstellung läßt sich dann leben – und sterben.

      In sofern denke ich schon, daß narzisstische Kränkungen hier eine wichtige Rolle spielen. Das Problem ist allerdings, daß diese Kränkungen leider nur zu sehr begründet sind. Damit will ich islamistischen Terror nicht relativieren – er ist ohne Zweifel abgrundtief böse. Aber es gibt Gründe, warum er entsteht; diese müssen untersucht und nach Möglichkeit abgestellt werden. Und nicht der Irrglaube verbreitet werden, daß man das Problem durch mehr Überwachung und Abschreckung in den Griff bekommen kann.

      alterbolschewik

      25. Januar 2015 at 12:17

  2. „Damit will ich islamistischen Terror nicht relativieren…“ tust Du ja gar nicht.
    Das Analysieren der Gründe, die zur Entstehung von Terrorismus führen, ist selbstredend emminent wichtig und hat mit Entschuldung oder ähnlichem nichts zu tun. Solcherart war die Diskussion schon in den 70er Jahren, als jeder, der die Terrorursachen einfach nur verstehen wollte, gleich ein Sympathisant war. Auf einer ganz anderen Ebene musste Hannah Arendt ähnliches erleben, nämlich als sie versuchte, Eichmann zu verstehen.

    Relativieren würde ich zuerst einmal die Gefahr, die vom Terrorismus ausgeht. Öffentlich zu behaupten, ISIS wolle und könne Europa erobern, dokumentiert eher den James-Bond-Fan als irgend eine analytische Qualität.

    Insgesamt kamen mir die Attentäter wie geistliche Amokläufer vor, die im Leben scheinbar oder tatsächlich abgehängt worden sind, und die nun meinten bis zur letzten Konsequenz die „Gewinner“ oder diejenigen, die sie dafür hielten, bestrafen zu müssen. Darüber hinaus spielte wohl eine soziale Deprivation eine entscheidende Rolle: Die Brüder waren Heimkinder, die von ihren Eltern abgelehnt worden waren. Wieso wird dieser Fakt so wenig wahrgenommen? Bin ich jetzt auch ein „Entschulder“, wenn ich darauf hinweise? Ich hatte einst einen Patienten, der in einer JVA Aufseher war, nicht gerade ein Paradebeispiel für einen „linken Sozailwissenschaftler“, also primär unverdächtig, ein „Entschulder“ zu sein. Von dem stammte folgender Satz: „Keiner meiner Insassen hatte auch nur eine annähernd normale Kindheit. Viele waren im Heim, viele wurden geschlagen.“

    summacumlaudeblog

    25. Januar 2015 at 16:12

    • Das lässt sich von Leuten wie Boock auch sagen, oder den Boston-Marathon-Attentätern, und das Sozialistische Patientenkollektiv machte mit „aus der Krankheit eine Waffe machen“ sogar daraus eine eigene Ideologie. Ein übrigens höchst proletarisch sozialisierter Antira-Genosse leitete daraus, bezogen auf die extreme PC-Ideologie eines bestimmten Teils der autonomen Szene (Veganismus als verpflichtende „Du sollst-Moral“, alle Hetenmänner sind potenzielle Vergewaltiger und brauchen Männer-Radikaltherapie, das Verhältnis zu „den Gefangenen“ bestimme die Glaubwürdigkeit des eigenen politischen Anspruchs usw.) mal die schöne Parole „Das Brett vorm Kopf zur Waffe machen“ ab. Alles Dinge, die dem radikal aufklärerischen Anspruch der Neuen Linken gerade nicht entsprechen. Übertragen auf Ultra-Islamisten fällt mir dazu ein: Die iranische Revolution speiste sich im Ursprung auf eine Art Schiiten-Sozialismus, der dann unter die Räder kam, es gibt da eine Entwicklung, die von Afghani und Schariati mit ursprünglich primär antiimperialistischer Ausrichtung zu einem extrem konservativen Integrismus führte. Der sunnitische Fundamentalismus speist sich aus definitiv völlig anderen Quellen: Die Taliban waren im Ursprung eine zur Bewegung gewordene Kriegsneurose. Im pakistanischen Exil an Koranschulen ausgebildete Bürgerkriegswaisen. Al Kaida entstand als Bewegung von im Ultraluxus Saudi-Arabiens und der öligen Emire entstandene Gruppierung gelangweilter Oberschichtssöhnchen mit wahabitischem Hintergrund (Gucci-Guerrilla). Und jetzt vollzieht sich der Schulterschluss mit völligen Losern, die sich aus ganz anderen Gründen eine ähnliche Ideologie aneignen. Da fallen mir die Bonapartismus-Theorien von Marx (der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte), Bauer, Thalheimer, Gramscy, Trotzky und Poulantzas ein. Die laufen mit unterschiedlicher Gewichtung alle darauf hinaus, dass in einer Situation, in der in Klassenkämpfen Intransigenz herrscht (weder das bürgerliche noch das proletarische Lager kann die Dominanz erlangen) Gruppen von Abenteurern, Desperados und Deklassierten zu neuen, sozial gemischten Bewegungen mit radikal autoritären, terroristischen und eliminatorischen Zielen sich entwickeln. Zumindest für Gramscy und Poulantzas ist das die eigentliche Basis des Faschismus.

      che2001

      27. Januar 2015 at 1:02

    • Den Hinweis auf die Bonapartismus-These finde ich gar nicht schlecht – obwohl ich die Bonapartismusthese an sich schlecht finde. Schlecht finde ich ihren impliziten Geschichtsdeterminismus: Die Bourgeoisie als niedergehende Klasse ist nicht mehr stark genug, die Macht auszuüben, das Proletariat als aufsteigende Klasse ist noch nicht stark genug, die Macht zu übernehmen. Ich fürchte, mit einem solchen „Zwischenstatus“, der sich klassentheoretisch begründen ließe, haben wir es nicht zu tun.

      Man kann aber auch den Geschichtsdeterminismus herausnehmen und einfach sagen, daß die bestehenden Machtstrukturen (Neoliberalismus gekoppelt mit repräsentativer Demokratie) in der Krise sind. Und daß keine überzeugenden neuen Strukturen sichtbar sind (Keynesianismus gekoppelt mit ein bißchen mehr direkter Demokratie ist keine echte Alternative). Und in diesem Vakuum gedeiht dann die Brut eines neuen Autoritarismus.

      alterbolschewik

      1. Februar 2015 at 12:52

  3. In der „Zeit“ hierzu ein interessanter Artikel, der – ausgehend von Hannah Arendts Totalitarismusbuch – die Deprivatisierten des 19 Jhd., die damaligen gesellschaftlich Abgehängten und Loser thematisiert. Die ließen dann in den Kolonien die Sau raus. Pastorensohn Carl Peters als Vorläufer der Pariser Amokläufer. Literarisch findet sich der koloniale Saurauslasser in der Person Kurtz in „heart of darkness“ wieder. Ziemlich überzeugend diese Analogie.

    summacumlaudeblog

    8. Februar 2015 at 13:16

    • Entschuldige die späte Antwort – aber ich habe gerade sehr viel Arbeit am Hals. Könntest Du genauere Angaben zu dem Artikel machen? Ich habe auf ZEIT-Online gesucht und nichts gefunden…

      alterbolschewik

      12. Februar 2015 at 20:08

  4. Der Artikel war in der Printausgabe gedruckt.

    summacumlaudeblog

    12. Februar 2015 at 20:37


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