shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Das Trauma der politischen Elite

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Bewegungslehre spezial

„Der frühere Bundespräsident Christian Wulff hat gesagt: Der Islam gehört zu Deutschland. Und das ist so. Dieser Meinung bin ich auch.“

Angela Merkel, Januar 2015

Was bisher geschah: Letzte Woche wurde anläßlich der Attentate auf die Redaktion von Charlie Hebdo und den Ermordeten im jüdischen Supermarkt darüber nachgedacht, welche Geschehnisse als bewegungsauslösende Ereignisse gelten können und welche nicht. Und diese Überlegungen endeten mit dem Hinweis, daß Beteiligung von über 40 Regierungschefs an der Trauer-/Protestkundgebung in Paris gesonderte Aufmerksamkeit verdient.

Um noch einmal meine Hypothese zu rekapitulieren: Wenn gesellschaftliche Ereignisse zu spontanen Massenaufläufen führen, dann ist dies ein Indikator dafür, daß solche Ereignisse als traumatisierende Störung der bestehenden Ordnung erfahren werden. Und die Massenbildung muß als ein Versuch verstanden werden, diese gestörte Ordnung durch die Bildung einer Masse zu negieren. In der Masse versichert man sich, daß die Störung der Ordnung eine Ausnahme ist, eine Singularität, und daß prinzipiell die Ordnung der Welt, wie man sie alltäglich erfährt, nicht grundsätzlich in Frage gestellt ist (das gelingt nicht immer, dann kann das Ereignis zum Auslöser einer Bewegung werden, die versucht, wieder eine Ordnung herzustellen; doch dies nur nebenbei).

Ich hatte dieses Phänomen schon vor einigen Folgen angesprochen – nicht anhand eines islamistischer Attentate, sondern anhand traumatisierender Verbrechen, die keinen unmittelbar gesellschaftlichen Hintergrund haben, beispielsweise wenn ein Kind entführt, mißbraucht und ermordert wird. Dann zieht es die Menschen als Masse auf die Straße, um Plüschtiere oder Kerzen an einem symbolträchtigen Ort abzulegen. Und ein analoges Gefühl dürfte auch die große Masse derer, die dann in Paris auf die Straße gingen, angetrieben haben. Doch das Verhalten der Regierungschefs verlangt nach einer komplexeren Erklärung.

Natürlich sind auch Politiker Menschen (meistens zumindest – bei Margaret Thatcher war ich mir da nie so ganz sicher). Und insofern ist es eine ganz natürliche Reaktion, sich der Masse anzuschließen. Aber über 40 Regierunschefs zusammen? Ich hatte letzte Woche schon erwähnt, daß das für die Sicherheitskräfte ein Alptraum gewesen sein muß. Als Staatschef kann man es sich eigentlich nicht leisten, solchen Emotionen einfach nachzugeben.

Man kann natürlich auch das Gegenteil annehmen: Daß das Ganze eine ganz typische politische Inszenierung war. Man muß als Politiker in einem solchen Fall Mitgefühl und Trauer zeigen, und natürlich wäre es für Hollande äußerst unklug gewesen, nicht auf der Kundgebung aufzutreten. Doch das gilt eigentlich nur für den französischen Regierungschef, nicht für die ganzen anderen. Hier hätten die üblichen Betroffenheitsfloskeln gereicht: Man kondoliert und gibt seinen Abscheu über die feige und hinterhältige Tat zu Protokoll. Im Normalfall war’s das.

Nach den Anschlägen in Madrid 2004 beispielsweise gingen 11 Millionen Menschen auf die Straße – doch es gab keinen Block der Regierungschefs. Im Gegenteil, die mitmarschierenden Politiker der Regierungspartei Partida Popular mußten die Demonstration unter Polizeischutz verlassen. Bei den U-Bahn Attentaten in Londen 2005 versammelten sich zwar Menschen auf dem Trafalgar Square zu einer Schweigeminute – doch dazu gesellten sich keine ausländischen Regierungschefs; und diese glänzten auch durch Abwesenheit beim Gedenkgottesdienst in der St. Paul’s Cathedral.

Die Anschläge von Paris müssten sich also von denen in Madrid und London deutlich unterscheiden, damit sie so vielen Regierungschefs so unter die Haut ging, daß sie sich zu dieser Geste entschlossen. Es ist ziemlich seltsam, daß sich darüber niemand wirklich Gedanken gemacht hat. Deshalb will ich hier versuchen, dieses außergewöhnliche Verhalten zu deuten. Und diese Deutung wird in eine andere Richtung gehen, als man spontan erwarten würde.

Ich weiß, daß ich inzwischen nur noch ein Gähnen ernten werde, wenn ich wieder einmal behaupte, daß es eine als traumatisch empfundene Störung der Ordnung ist, die die Reaktion der Regierungschefs ausgelöst hat. Doch diese Behauptung ist nicht so trivial, wie sie erscheint. Denn es ist offensichtlich nicht einfach die Tatsache eines islamistischen Anschlags, die zu dieser traumatischen Erfahrung geführt hat. Die Anschläge von Madrid oder London waren deutlich verheerender, haben aber auf Seiten der politischen Klasse nur zu business as usual geführt: Man drückte seine Abscheu über die „feigen“ Attentate aus und ging dann zur Tagesordnung über. Islamistische Attentate sind, zumindest nach 9/11 und für Politiker durchaus Teil der Ordnung. Ein häßlicher, tragischer Teil der Ordnung, aber leider etwas, mit dem man rechnen muß.

Es muß also etwas anderes gewesen sein als die bloße Furcht, ein Anschlag wie der in Paris könnte sich in näherer oder fernerer Zukunft wiederholen, die die Politiker im Rudel auf die Straße trieb. Dieser terroristische Akt mußte die bestehende Ordnung auf eine andere Art und Weise in Frage gestellt haben, als es frühere Anschläge taten. Und meine Vermutung ist, daß der spontane Gedanke, der sich einstellte, als man von den Attentaten erfuhr, eben nicht war: „Oh Gott, schon wieder ein islamistischer Anchlag“. Sondern: „Oh Gott, diese Scheiße ist Wasser auf die Mühlen von Pegida“ – oder des Front National, oder der UKIP, oder was es, je nach Land, an rechtspopulistischen Parteien und Bewegungen gibt, die ihre Anhänger mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner der Islamophobie ködern.

Wenn diese Hypothese stimmt – und sie scheint mir mehr als plausibel –, dann war dieser große Schulterschluß der Regierungschefs kein Signal an die Islamisten, sondern an die diversen Rechtspopulisten der verschiedenen Länder. In Frankreich wurde dies unverblümt ausgesprochen, als Marine Le Pen und ihrem Front National explizit deutlich gemacht wurden, daß sie auf der Trauerkundgebung unerwünscht seien. Aber auch in der BRD wurde gebetsmühlenhaft wiederholt, daß die Anschläge keineswegs Pegida nutzen dürften. Offensichtlich wird die politische Klasse von der Furcht umgetrieben, daß rechtspopulistische Bewegungen tatsächlich die bestehende politische Ordnung in Frage stellen könnten. Und es läßt sich nicht leugnen, daß der Front National in Frankreich oder die UKIP in Großbritannien auf einem unguten Weg sind, genau dies zu erreichen.

Von den Wahlerfolgen der französischen oder britischen Rechtspopulisten ist die AfD in der BRD noch weit entfernt; und ob Pegida die nächsten Wochen überlebt, ist doch sehr zweifelhaft. Dennoch ist die politische Elite auch hierzulande ziemlich verstört, wie man an den Reaktionen auf die Pariser Attentate ablesen kann. Denn es folgten eben nicht nur die üblichen und erwartbaren politischen Reflexe („Wir brauchen die Vorratsdatenspeicherung“ etc.). Diese gab es zwar auch, aber sie wurden übertönt von der mantrahaften Beschwörung einer Selbstverständlichkeit, nämlich der, daß die Muslime nicht pauschal für irgendwelche durchgeknallten islamistischen Kriminellen verantwortlich gemacht werden dürften.Merkel bekräftigte sogar noch einmal explizit Wulffs Diktum, daß der Islam zu Deutschland gehöre.

Der Schock für die politische Elite bestand also darin, daß sie fürchten muß, die Anschläge würden einer inneren Opposition nützen, die sich vom politischen Establishment auf die übliche Art und Weise nicht integrieren läßt. Fast könnte man diese Furcht sogar goutieren, wenn diese Opposition nicht so unappetitlich wäre. Denn tatsächlich ist es ja der Anti-Islamismus, der die verschiedenen Spielarten des Rechtspopulismus in Europa zusammenhält. Und es ist die Furcht vor dem Erstarken dieser gesellschaftlichen Kräfte, die meines Erachtens die Regierungschefs in Paris auf die Straße trieb.

Denn genau das ist die Differenz zwischen den Anschlägen in Madrid und London: Damals war der anti-islamistische Rechtspopulismus noch lange nicht so stark, als daß sich die politische Elite Europas darüber ernsthaft Gedanken machen mußte. Das hat sich im vergangenen Jahrzehnt geändert. Es gibt nicht mehr nur xenophobe Neonazis am rechten Rand, sondern die Ideologie des Anti-Islamismus reicht bis weit in die gesellschaftliche Mitte. Allein der Erfolg der kruden Thesen von Thilo Sarrazin belegt dies. Und deshalb werde ich mir nächste Woche Pegida etwas genauer anschauen.

Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn Byung-Chul Han erklärt:

„Pegida lenkt die Öffentlichkeit vom Versagen der Politik ab.“ ([1])

Nachweise

[1] Han, B.-C., „Zuhören! Pegida ist kein politischer Protest, sondern ein Angstsymptom“, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Jg.15 (2015), Nr.3 (18. Januar 2015), S.36.

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Written by alterbolschewik

30. Januar 2015 um 17:04

Veröffentlicht in Ereignis

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4 Antworten

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  1. Fast mit allem einverstanden – mit einem nicht:
    „aber sie wurden übertönt von der mantrahaften Beschwörung einer Selbstverständlichkeit, nämlich der, daß die Muslime nicht pauschal für irgendwelche durchgeknallten islamistischen Kriminellen verantwortlich gemacht werden dürften.“
    und zwar stört mich das Wort „Selbstverständlichkeit“. War das wirklich so? Da gab es einen Focus-Titel mit Kalaschnikow und der rethorischen Aussage: „Das hat nichts mit dem Islam zu tun“ Darunter dann blutrot: DOCH! Gleichlautend schrieb die FAZ. Mein Kommentar dort, der die Bedrohung durch ISIS relativierte und klar stellte, dass die meisten Opfer von ISIS Mohamedaner waren und sind, fiel der Filterblase zum Opfer, während alle Kommentare, die den Schreiber supportierten, durch kamen.
    Es gab und gibt selbstredend eine starke Öffentlichkeit für die These, dass diese Anschläge islamtypisch sind. Und das wundert ja auch nicht, da dies auch die These der Massenbewegung (sic!) PEGIDA ist (und die These der Herren Sarrazin und Buschkowsky). Fast empfinde ich es als Lackmustest für die Ausdehnung Pegidas, in wie weit diese These schon in der öffentlichen Wahrnehmung verankert ist. Sicher: Sie ist noch nicht mehrheitsfähig! Aber eine ebenso radikale wie relevante Minderheit hängt dieser These an.

    Pegida wird sich zerlegen, aber die Emotionen, die die Masse kurzfristig haben entstehen lassen, bleiben. Ja, die Konservativen sind in der Revolte. Sie wutbürgern gegen das „System“, hiermit übrigens wortwörtlich und meistens ungewußt J. Göbbels zitierend. Es fehlt noch zur passgenauen Analogie mit den 30er Jahren die massive Wirtschaftskrise sowie insgesamt die narzisstische Kränkung der damaligen Gesellschaft. Möge es so bleiben.

    summacumlaudeblog

    30. Januar 2015 at 17:31

    • Ich gebe zu, die „Selbstverständlichkeit“ war eher als rhetorischer Trick eingesetzt: Ich wollte unmißverständlich klarmachen, daß das zumindest für Menschen, die über ein Minimum an Verstand verfügen, eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Aber natürlich haben wir eine Unmasse frustrierter „Wutbürger“, die sich ein völlig abstruses Weltbild zusammenschustern.

      Was mir wirklich Angst macht ist tatsächlich die Immunität dieses Weltbildes gegen jeglichen empirischen Realitätsabgleich. Es ist so irrsinnig wie antisemitische Verschwörungstheorien, und gerade dieser Irrsinn steigert noch die Wut und Aggressivität.

      Wirklich gewundert hat mich, daß das Pendel in Griechenland eher nach links denn als nach rechts geschwungen ist – obwohl auch dort krudeste Verschwörungstheorien im Umlauf sind. Man wird sehen, was dort passiert, falls Syriza die Erwartungen nicht erfüllen kann (was wahrscheinlich ist).

      alterbolschewik

      1. Februar 2015 at 13:04

  2. Aber das griechische Pendel tariert sich aus mittels der kruden Rechtspopulisten. So als würde hier die „Linke“ mit Lucke zusammen gehen. Noch fassungsloser als das Ergebnis dieser Koalitions“verhandlungen“ machte mich die Hurtigkeit, mit der das Links-Rechts-Bündnis unter Dach und Fach kam. 12 (in Worten zwölf) Stunden nach dem Schließen der Wahllokale war man sich einig! Das stinkt nach Absprache vor der Wahl! Entweder ich mach meinen Amoklauf ganz alleine oder ich muß halt die Rechten mit ins Boot holen. Politik auf dem Boden des niedersten Ressentiment, gestalterische Politik gegen die die unbestrittene soziale Ungleichheit in Europa vermag ich nicht zu erkennen.

    summacumlaudeblog

    3. Februar 2015 at 17:09

  3. @“gestalterische Politik gegen die die unbestrittene soziale Ungleichheit in Europa vermag ich nicht zu erkennen.“ — Da warten wir erst mal die nächsten Wochen ab, die Griechen haben ja durchaus Konzepte. Das Bündnis finde ich allerdings ebenfalls abstrus, der Synospismos, also die Partei, aus der Syriza hervorging, hatte ein Programm, das früheren Minimalkonsensabsprachen zwischen Autonomen, Feministinnen und orthodoxen Kommus entsprach. Dieses Bündnis ist so, als ob Die Linke, Leute aus dem autonomen Spektrum, AfD und Republikaner gemeinsam regieren würden.

    @“Offensichtlich wird die politische Klasse von der Furcht umgetrieben, daß rechtspopulistische Bewegungen tatsächlich die bestehende politische Ordnung in Frage stellen könnten. “ — als die RAF 1993 den bewaffneten Kampf einstellte wurde dies damit begründet, dass die militante und anschlussfähige Systemopposition inzwischen rechts des etablierten Systems stehen würde, weswegen bewaffneter Kampf von links keinen Sinn mehr mache. Gleichzeitig rief der liberale Jude Giordano zur Selbstbewaffnung der Marginalisierten auf. Und ich kenne aus dieser Zeit in Deutschland lebende Flüchtlinge aus Nigeria, die mit Pistolen in Kiesgruben trainierten, um sich gegen das braune Pack zur Wehr zu setzen. In bestimmten Städten gab es deshalb keine Anschläge gegen Asylbewerberwohnheime, weil die Nazischulungszentren Besuch von Leuten der PKK und PFLP bekommen hatten, die ihnen die abgesägte Schrotflinte zeigten.

    @Die Massen in Paris: Dass der Präsident von Mali da war ist sehr logisch und authentisch. Der Saudi erscheint heuchlerisch. Wo war Obama? Ach, der war auf dem Golfplatz. Musste sein Handicap verbessern. Na dann ist ja alles gut.

    che2001

    5. Februar 2015 at 23:40


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