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Trauma mit Zeitzünder

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Bewegungslehre spezial

„»Pegida« ist ein Gefühl. Von ganz tief drinnen. Und eigentlich wissen das die Dresdner Demonstranten auch: Es ist ihr Rückzugskampf gegen die offene Gesellschaft. Die lässt sich nicht mehr schließen. Nicht in einer Demokratie.“

Anetta Kahane

Was bisher geschah: Letzte Woche hatte ich versucht, den gemeinsamen Auftritt von mehr als 40 Staatschefs auf der Trauerkundgebung anläßlich der Terroranschläge in Paris zu deuten. Meine These war, daß dieser Auftritt weniger ein Signal in Richtung der Islamisten darstellte, als vielmehr die verschiedenen rechtspopulistischen Bewegungen in Europa adressierte.

Und das bringt uns zum heutigen Thema: Die seltsame Bewegung in Dresden mit dem noch seltsameren Namen „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Wäre ich eine der Leserinnen dieses Blogs, würde ich jetzt entnervt aufstöhnen. Muß auch noch der alte Bolschewik seinen Senf zu PEgIdA dazugeben? Reicht es nicht, daß jeder Journalist, Politiker, Verbandsvorsitzende meint, seine Meinung zu PEgIdA in die Öffentlichkeit zu tragen zu müssen? Gefühlt bringt meine Tageszeitung täglich mindestens zwei Kommentare zu PEgIdA. Und das meiste, was zu PEgIdA verkündet wird, ist stereotyp und vorhersehbar. Nur selten sind die Statements so schön durchgearbeitet und amüsant wie Marcel Beyers Dankesrede für den Bremer Literaturpreis.

Ganz ehrlich, ich stimme Ihnen völlig zu, wenn Sie so denken. Es ist überflüssig wie ein Kropf, noch eine weitere Meinung zu PEgIdA hinauszuposaunen. Und ich werde das auch nicht tun. Natürlich habe ich eine politische und auch moralische Meinung zu PEgIdA – aber mit dieser werde ich Sie, liebe Leserin verschonen. Ich will vielmehr versuchen, sine ira et studio das Phänomen PEgIdA bewegungstheoretisch zu beleuchten. Das heißt, ich werde mir, auch wenn es schwer fällt, sarkastische Kommentare verkneifen. Und ich hoffe, daß dies interessanter ist als die x-te Selbstvergewisserung, daß wir nicht so sind wie die.

Gehen wir also bewegungstheoretisch an die Sache heran. Und da taucht dann schon das erste Problem auf: PEgIdA widerspricht (zumindest dem ersten Anschein nach), der Grundthese, die ich seit Wochen hier im Blog verkündet habe. Am Anfang einer Bewegung, so hatte ich postuliert, steht ein Ereignis. Und zwar ein Ereignis, das so traumatisierend wirkt, daß es die symbolische Ordnung erschüttert, in der wir es uns bequem gemacht haben. Diese These hatte ich gegen die akademische Bewegungsforschung in Stellung gebracht, die nicht von einem traumatischen Bruch ausgeht, sondern von einer Kontinuität. Dort verläuft die Entstehung einer Bewegung folgendermaßen: Einigen Menschen fällt ein Mißstand auf, sie organisieren sich, agitieren andere Menschen, sie finden Unterstützer und so wächst die Bewegung kontinuierlich. Und PEgIdA scheint sich ärgerlicherweise eher an dieses sozialwissenschaftliche Kontinuitäts-Modell zu halten als an meine These von traumatischen Bruch.

Die Geschichte von PEgIdA begann am 11. Oktober 2014, als Lutz Bachmann eine Facebook-Gruppe gegen die „Islamisierung des Abendlandes“ anlegte. Auslöser für diese Gründung war tatsächlich ein Ereignis. Und schon hier fällt es mir schwer, meinen Sarkasmus zurückzuhalten, denn dieses Ereignis, das Bachmann so aufwühlte, hatte mit Islamisierung wirklich nichts zu tun. Es handelte sich um eine Solidaritätsdemonstration mit der PKK ([3]) – also einer säkularen Organisation, die in Syrien gegen den Islamismus kämpft. Doch dieses für Bachmann individuell auslösende Ereignis kann nicht als Ereignis im Sinne der Bewegungslehre interpretiert werden. Eine erste Demonstration am 20. Oktober mobilisierte gerade einmal 350 Personen. Dann aber wuchs die Bewegung sukzessive, wie aus dem Lehrbuch, um schließlich angebliche 25.000 Leute in Dresden auf die Straße zu bringen.

Ist also alles falsch, was ich bislang über Bewegungen geschrieben habe? Daß Bewegungen der Versuch sind, ein Trauma zu verarbeiten, das aus dem Bruch der gesellschaftlichen Ordnung resultiert? Ich behaupte: Keineswegs. Stellen wir zunächst einmal die Frage nach dem traumatisierenden Ereignis zurück. Wenn wir nur den zweiten Teil der These betrachten, den, daß Bewegungen versuchen, einen Bruch in der symbolischen Ordnung zu kitten, dann kommen wir der Sache schon etwas näher. Die PEgIdA-Demonstranten sind der Ansicht – ob zu Recht oder Unrecht, ist völlig unerheblich –, daß in der BRD die demokratischen Spielregeln eklatant verletzt werden, und zwar von zwei ganz wesentlichen Säulen der Demokratie, nämlich einerseits den gewählten Politikern und andererseits der Presse. Die Presse bringe nicht den Willen des „Volkes“ zum Ausdruck; und die Politik würde diesen Willen nicht umsetzen. Das ist meines Erachtens der eigentliche Kern dessen, was die PEgIdA-Demonstranten eint, nicht der Anti-Islamismus und die Ausländerfeindlichkeit. Letztere sind vielmehr abgeleitete Phänomene, um die es nächste Woche gehen wird.

Wir haben also den von den PEgIdA-Anhängern empfundenen Bruch in der symbolischen Ordnung gefunden: Es ist das Gefühl, daß die repräsentative Demokratie alles andere als repräsentativ sei. Die PEgIdA-Anhänger fühlen sich in dieser Demokratie ausgeschlossen. Es ist deshalb sehr stimmig und konsequent, daß nach der Spaltung von PEgIdA die „gemäßigtere“ Fraktion um Kathrin Oertel einen Verein mit dem Namen „Direkte Demokratie für Europa“ gegründet hat.

Nun ist dieses Gefühl, die Demokratie sei bloße Augenwischerei und verdecke eine Kumpanei der Eliten aus Politik, Presse und Wirtschaft durchaus weit verbreitet, im Osten wie im Westen. Und vollständig aus der Luft gegriffen ist dieses Gefühl nicht, anders etwa als die „Islamisierung des Abendlandes“. Aber außerhalb von Dresden hat dieser gefühlte Bruch in der demokratischen Ordnung nicht zu Massendemonstrationen geführt. Sondern sogar im Gegenteil: Im Westen der BRD wird eher PEgIdA als Bedrohung der Ordnung angesehen und treibt die Menschen auf die Straße. Was also macht den Osten so anders? Eben dies, daß er der Osten ist. Mit anderen Worten: Ich behaupte, daß der Zusammenbruch der DDR das eigentlich traumatische Ereignis, das uns helfen kann, PEgIdA zu verstehen. Das Trauma, das PEgIdA zu heilen versucht, liegt 25 Jahre zurück.

Das klingt wie eine sehr steile These. Doch bevor ich auf die Kritikpunkte eingehen will, schauen wir uns zunächst an, was für diese These spricht. Dazu möchte ich mich auf eine vielgescholtene Studie der TU Dresden ([2]) beziehen, der ich dennoch einen gewissen Erkenntnisgewinn zuschreibe. Zurecht wurde an der Studie kritisiert, daß 65%-Auskunftsverweigerer bei einer solchen Studie nicht einfach ignoriert werden können ([1]). Schließlich gehört es bei PEgIdA zum Programm, den politischen Dialog zu verweigern, was im Umkehrschluß heißt, daß die Studie eben nicht die Ansichten des harten Kerns von PEgIdA repräsentiert, sondern eher die der Mitläufer. Doch das ist gerade die Personengruppe, die mich von einem bewegungstheoretischen Standpunkt aus interessiert. Denn es ist zunächst einmal gar nicht so sehr interessant, was der harte Kern denkt, sondern das, was die denken, die als Masse an diesen Kern andocken.

Und dieses Andocken ist eine ganz zentraler Punkt. Harte Irgendwas-mit-gida-Kerne gibt es überall, im Westen wie im Osten. Sie kommen direkt aus der neonazistischen Ecke und versuchen überall, ähnliche Bewegungen auf die Beine zu stellen – und nichts passiert, außer daß sie Gegendemonstranten mobilisieren. Außerhalb von Sachsen gelang es nirgendwo, über die rechte Schmuddelecke hinaus Menschen zu mobilisieren. Deshalb ist es für Dresden gerade interessant, nicht was der harte Kern für Ansichten hat, sondern was die Mitläufer denken, die das Ganze überhaupt erst zur Massenbewegung adeln.

Und deshalb finde ich einige Befunde der Dresdner Studie ziemlich interessant. Zum einen das Durchschnittsalter, das bei 48 Jahren liegt. Das ist mehr als erstaunlich und ich bin verblüfft, daß darauf nicht weiter eingegangen wurde. Praktisch alle echten Massenbewegungen werden primär von jungen Menschen getragen. Auch die Anti-PEgIdA-Demonstrationen mobilisieren eine deutlich jüngere Gefolgschaft als PEgIdA selbst. Was sagt uns also dieses hohe Durchschnittsalter? Rechnen wir zurück und schauen uns das Alter des PEgIdA-Mitläufers zum Zeitpunkt des DDR-Kollapses an: Dieses liegt dann bei 23 Jahren. Mit anderen Worten, er hatte eben seine Berufsausbildung abgeschlossen, eine Familie gegründet und war, wie man so sagt, mitten im Leben angekommen. Und dann bricht, von einem Tag auf den anderen, diese Ordnung, in der man sich eben eingerichtet hatte, zusammen. Dazu paßt der Befund der Studie, daß es eher überdurchschnittlich gut ausgebildete Männer sind, die bei PEgIdA als Mitläufer auftreten. Sie hatten also in der DDR eine absehbare und durchaus akzeptable Perspektive. Und diese Perspektive ging schlagartig verloren. Das ist, auch wenn man sich danach berappelt, zunächst einmal eine traumatisierende Erfahrung. Diese Ergebnisse der Studie stützen also durchaus die Hypothese, das die Erfahrung, die mit Hilfe von PEgIdA verarbeitet werden soll, im Jahr 1989 zu suchen ist.

Die Studie bestätigt meine Hypothese noch in einem anderen Punkt, denn die Teilnehmer wurden nach dem Hauptgrund für ihre Teilnahme an den Demonstrationen gefragt. Und 54% der Interviewten gaben „Unzufriedenheit mit der Politik“ an, während „grundlegende Vorbehalte gegenüber Zuwanderern und Asylbewerbern“ nur von 15% der Befragten geäußert wurden und der „Protest gegen religiös oder ideologisch motivierte Gewalt“ mit 5% weit abgeschlagen ist. Das gilt, wie gesagt, sicherlich nicht für den harten PEgIdA-Kern, aber für die große Masse der Mitläufer. Denen geht es, zumindest in ihrer Selbstwahrnehmung, primär um gefühlte Demokratiedefizite. Das heißt nicht, daß man diese Mitläufer vom Vorwurf des Rassismus freisprechen sollte – wer rassistischen Anführern hinterherläuft kann schlecht behaupten, daß ihm Rassismus fremd sei. Doch der Rassismus ist nicht das primäre Motiv, sondern spielt eine abgeleitete Rolle.

Allerdings beantworten diese Erkenntnisse der TU-Studie keineswegs alles. Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn der alte Bolschewik bei der Beantwortung folgender Fragen ins Schwimmen kommt: Warum, wenn das eigentliche Trauma 1989 zu suchen ist, hat es ein Vierteljahrhundert gebraucht, um eine Bewegung wie PEgIdA hervorzubringen? Und warum nur in Dresden? Und vor allem, was ist denn jetzt mit dem Rassismus?

Nachweise

[1] Reinboth, C.: „Was verrät uns die aktuelle Studie der TU Dresden über den »typischen« PEGIDA-Demonstranten?“, URL: http://scienceblogs.de/frischer-wind/2015/01/14/was-verraet-uns-die-aktuelle-studie-der-tu-dresden-ueber-den-typischen-pegida-demonstranten/, abgerufen am 6. Februar 2015.

[2] Vorländer, P. D. H.: „Wer geht warum zu PEGIDA-Demonstrationen?“, URL: http://tu-dresden.de/aktuelles/news/Downloads/praespeg, abgerufen am 6. Februar 2015.

[3] Weiß, V.: „Pegida ist die neue Abkürzung für »Ausländer raus«“, URL: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/pegida-die-neue-abkuerzung-fuer-auslaender-raus-a-1007914.html, abgerufen am 6. Februar 2015.

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Written by alterbolschewik

6. Februar 2015 um 16:05

Veröffentlicht in Bewegung, Ereignis

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2 Antworten

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  1. Als Ergänzung meine nicht neue Sicht auf die Bewegung: Dresden ist hier ja schon vor mehrr als Jahresfrist als eine DER Projektionsfiguren konservativer Sehnsüchte beschrieben worden. Eine der wichtigen lokalen Bezugspunkte, ein wichtiger Magnet zur Ausbildung einer Masse rechts von der Demokratie. Das liegt sicherlich auch am 13. Februar und die Demos und Gegendemos zum jährlichen Gedenken an das Bombardement als Pegida-Vorspiel zu werten ist sicherlich nicht überinterpretiert.

    Nach Dresden treidelten übrigens Frustrierte aus dem ganzen Süden, auch aus Bayern. Einheitstraumatisierte gibt es natürlich auch westlich der Elbe.

    summacumlaudeblog

    9. Februar 2015 at 9:29

    • Da nimmst Du schon einiges vorweg, was ich morgen als Text auszuformulieren gedenke…

      alterbolschewik

      12. Februar 2015 at 20:09


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