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Dresden

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Bewegungslehre spezial

„»Ich habe ja nichts gegen ältere Menschen«, sage ich. »Aber sie sollen bitte nicht mit ihrem Rassismus unsere Sozialsysteme belasten.«“

Laura Meschede

Was bisher geschah: Letzte Woche wurde versucht, die hier vertretene Hypothese über die Entstehung von Bewegungen auch auf PEgIdA anzuwenden – was sich als nicht so ganz einfach erwies. Scheinbar entstand PEgIdA kontinuierlich und erwuchs nicht aus einem traumatischen Bruch der symbolischen Ordnung, wie das von meinem Modell postuliert wird. Um dennoch an meiner Hypothese festhalten zu können, hatte ich behauptet, daß das Trauma und der Bruch, der PEgIdA zu Grunde liegt, fünfundzwanzig Jahre zurück liegt – um PEgIdA zu verstehen, müsse man bis zum Untergang der DDR zurückgehen.

Als wichtiges Indiz für diese Hypothese hatte ich das sehr hohe Durchschnittsalter der PEgIdA-Demonstranten angeführt – was für Bewegungen sehr ungewöhnlich ist, da deren Durchschnittsalter in der Regel eher zwischen 20 und 30 Jahren zu suchen ist, nicht im Bereich um die 50. Für die PEgIdA-Demonstranten heißt wiederum, daß ein sehr großer Prozentsatz von ihnen bereits 1989 erwachsen war und seinen Platz in der symbolischen Ordnung der DDR gefunden hatte.

Nun war die DDR zweifellos größer als Dresden. Wenn es also das Trauma von 1989 ist, das die PEgIdA-Demonstranten heute auf die Straße treibt, dann muß man die Frage stellen: Warum gelang es in Dresden, eine rassistische Bewegung zu initiieren? Oder genauer: Warum konnte in Dresden ein kleiner rechtsradikaler Kern eine große Masse von Feld-, Wald- und Wiesenrassisten, die es überall gibt, mobilisieren, während derartige Massenkristalle in anderen Städten isoliert blieben und stattdessen eine Überzahl von Gegendemonstranten auf die Straße brachten?

Auch hier läßt sich nur eine Hypothese formulieren. Doch diese Hypothese scheint mir durchaus plausibel. Und den Kern dieser Hypothesen bildet das andere Dresdner Trauma: Die Luftangriffe, die die Stadt heute vor 70 Jahren verheerend trafen und bei denen rund 25.000 Menschen ums Leben kamen. Ein ganz wesentliches Problem der Dresdner Lokalgeschichte ist, daß dieses Trauma über Jahrzehnte nicht aufgearbeitet wurde. Schon das in den letzten Zügen liegende Dritte Reich schlachtete die Bombardierung der Stadt propagandistisch aus. Das von Goebbels formulierte Schema, nach dem die „Kulturstadt“ Dresden von alliierten „Barbaren“ in Schutt und Asche gelegt worden sei, wurde in der Zeit des Kalten Krieges von der DDR-Führung nahtlos übernommen. An die Stelle einer Aufarbeitung des Traumas trat die Identifikation mit ihm. Die Dresdner lernten über ein halbes Jahrhundert nicht, mit der Ambivalenz des Geschehens umzugehen, mit dem unleugbaren Faktum, daß die Stadt eben nicht nur einfach ein unschuldiges Opfer war. Über der Barbarei des Luftkrieges wurde verdrängt, daß das Böse auch mitten in der bombardierten Stadt saß. Stattdessen bezog die Stadt ihre Identität aus der Opferrolle.

Am deutlichsten belegt dies der kollektive Aufschrei, als eine Historikerkommission 2008 eindeutig und abschließend belegte, daß die realen Opferzahlen deutlich geringer waren als immer behauptet (wobei das eigentlich seit den 60er Jahren bekannt war). Statt froh zu sein, daß die Angriffe deutlich weniger Opfer gekostet hatten, fühlten sich viele Dresdner in ihrer Identität angegriffen.

Erst nach dem Zusammenbruch der DDR, rund ein halbes Jahrhundert nach dem eigentlichen Ereignis, begann eine kritische Auseinandersetzung mit dieser problematischen Form der Erinnerungskultur. Und diese Auseinandersetzung führte prompt zu einer Spaltung der Dresdner Bürgerschaft. Wobei dieser Bruch, wie ich glaube, komplizierter ist, als man auf den ersten Blick annehmen möchte. Denn es handelt sich meines Erachtens nicht einfach darum, daß auf der einen Seite verstockte Traditionalisten stehen, die sich ihre Identität als unschuldige Opfer nicht nehmen lassen wollen; und auf der anderen Seite die Kräfte des Guten, die souverän mit der Ambivalenz des Ereignisses umgehen können. Meine Vermutung ist, daß diese Auseinandersetzung einen Subtext hat. Und dieser Subtext verbindet das eine traumatische Ereignis, die Bombardierung, mit dem anderen Trauma, dem Kollaps der DDR.

Wir haben in den Jahren nach 1989 zunächst einmal die traumatische Erfahrung, daß die bestehende Ordnung praktisch von einem Tag auf den anderen kollabiert, eine Neuorientierung schwierig und schmerzhaft ist. Doch dies gilt für das ganze Gebiet der ehemaligen DDR. In Dresden kam jedoch noch etwas anderes hinzu: Das bisherige identitätsstiftende Moment der Dresdner, das kollektive Selbstverständnis als unschuldige Opfer eines angeblich barbarischen Kriegsverbrechens, wurde zur selben Zeit unterminiert. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, daß eine solche Umorientierung in der Art und Weise der Erinnerung sachlich geboten war. Wichtiger ist die subjektive Empfindung in einer sowieso als krisenhaft empfundenen Umbruchsphase. Ich bin mir ziemlich sicher, daß vielen Dresdnern die nun auf einmal abverlangte Selbstkritik primär als ein aufgezwungener Westimport vorkam. Besserwessis erklärten einem, wie man der eigenen Geschichte zu gedenken habe. Und das provozierte dann instinktiv eine Abwehrhaltung, die, so falsch sie auch faktisch war, dann fatale Folgen zeitigen sollte.

Hätte einfach nur die offizielle Gedenkkultur einen Schwenk gemacht, wäre diese ursprüngliche Abwehrhaltung mit der Zeit sicherlich abgeklungen. Man hätte sich daran gewöhnt, so wie man im Westen auch in jeder Stadt am 9. November routiniert irgendwo einen Kranz abwirft. Doch dann tauchten Ende der 90er Jahre die Neonazis auf, die das Ereignis für ihre Zwecke zu instrumentalisieren versuchten. Und damals wurde ein schwerwiegender politischer Fehler begangen. Es wurde versäumt, bei den Gedenkveranstaltungen eine klare Kante zu zeigen und sich von den Nazis zu distanzieren – was sicherlich daran lag, daß die Form des Gedenkens sich damals noch im Umbruch befand. Wäre damals aus der Mitte der Dresdner Bürgerschaft ein friedlicher, aber bestimmter Protest gegen die Neonazi-Aufmärsche organisiert worden, hätte dies den rechten Rand mit großer Wahrscheinlichkeit schnell ziemlich isoliert. Doch dies wurde ein Jahrzehnt lang versäumt. Erst 2009 gründete sich das breite Bündnis Dresden Nazifrei, dem es dann gelang, die Versäumnisse des vorhergehenden Jahrzehnt langsam wieder gut zu machen. Das scheint auch weitgehend gelungen zu sein: Wie es aussieht, gibt es dieses Jahr in Dresden keinen Naziaufmarsch mehr.

Doch auch diese Bündnisaktionen hatten einen Schönheitsfehler. Stellenweise kam es zu Entgleisungen angereister Antifa-AktivistInnen, die sich als ziemlich kontraproduktiv erwiesen. Höhepunkt dieser Entgleisungen war letztes Jahr die Aktion einer Piratenpolitikerin, die sich mit entblößtem Oberkörper ablichten ließ, auf den sie „Thanks Bomber Harris“ gepinselt hatte. Ich hatte die Aktion bereits letztes Jahr analysiert. Mein kritisches Fazit damals lautete:

„Das politische Ziel einer solchen Provokation hätte es sein müssen, die Nazis von den wohlmeinenden Bürgern zu spalten. […] Die Bomber-Harris-Provokation hat das überhaupt nicht vermocht, ganz im Gegenteil. Wenn das Ganze überhaupt etwas vermocht hat, dann hat es Teile der unentschiedenen oder auch nur unreflektierten Masse den Nazis zugetrieben. Provokationen spalten – das ist ihr Sinn. Aber man hat definitiv etwas falsch gemacht, wenn danach das eigene Lager geschwächt dasteht.“

Ich will jetzt nicht behaupten, daß PEgIdA die Quittung für derartige dumme Aktionen ist. Aber sie verschob für eine nicht unerhebliche Masse die berühmte rote Linie, die Linie, mit wem man sich gemein macht und mit wem nicht. Es ist bezeichnend, daß PEgIdA das Antifa-Emblem übernommen hat, auf dem ein Hakenkreuz in einem Mülleimer entsorgt wird; in der von PEgIdA verwendeten Variante landet aber auch das Antifa-Logo mit im Müll.

In anderen Städten gibt es mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenso viele Menschen, die die selben rassistischen Ansichten im Kopf haben wie die PEgIdA-Demonstranten. Aber anders als in Dresden würden sie sich damit nicht auf die Straße trauen, weil sie wissen, daß sie sich damit außerhalb des lokalen Konsenses stellen würden – was dann am Stammtisch immer mit der schwachsinnigen Parole kommentiert wird, man dürfe bestimmte Sachen nicht sagen. Tatsächlich darf man alles sagen – man muß nur darauf gefaßt sein, ordentlich Widerspruch zu ernten. Und sich dem zu stellen, dazu ist der normale Stammtischrassist einfach zu feige. In Dresden gehen diese Menschen hingegen auf die Straße – weil sie wissen, daß sie nur auf den Widerstand einer Minderheit gefaßt machen müssen. Wobei ich noch nicht einmal glaube, daß es in Dresden so viel weniger Menschen gibt als anderswo, die PEgIdA für absolut inakzeptabel halten. Aber diese Menschen lassen sich nicht in einem breiten antirassistischen Konsens mobilisieren. Sie haben nämlich keine Lust, sich von angereisten Antifas selbst als halbe Nazis beschimpfen zu lassen, nur weil sie die Bombardierung Dresdens nicht als ein rundum begrüßenswertes Ereignis abfeiern wollen.

Diese Bruchlinien und Verschiebungen in der Erinnerungskultur Dresdens machen meines Erachtens die Sonderstellung der Stadt aus, die dann eine Bewegung wie PEgIdA möglich machten. Damit ist allerdings noch lange nicht erklärt, warum das Trauma von 1989 sich fünfundzwanzig Jahre später in Form eines dümmlichen Rassismus artikuliert.

Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn der alte Bolschewik die Rolle des Rassismus bei PEgIdA zu erklären versucht, während die Bewegung selbst schon auf dem Müllhaufen der Geschichte verrottet.

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Written by alterbolschewik

13. Februar 2015 um 17:34

Veröffentlicht in Antirassismus, Bewegung, Ereignis

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