shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Über Rassismus

with 7 comments

Bewegungslehre spezial

„Die Kollektivierung des Leidens unterscheidet sich von der Vergesellschaftung des Leidens dadurch, daß sie im imaginären Raum stattfindet und einen Sündenbock konstruiert.“

Byung-Chul Han

Was bisher geschah: Vor zwei Wochen hatte ich versucht, die PEgIdA-Bewegung bewegungstheoretisch zu erklären. Und ich hatte sie auf die Erfahrung eines Bruchs in der gesellschaftlichen Ordnung zurückgeführt, wobei ich die auslösende Störung der Ordnung im Zusammenbruch der DDR ausgemacht hatte. Im letzten Beitrag habe ich mir darüber Gedanken gemacht, warum PEgIdA ausgerechnet und ausschließlich in Dresden Erfolge feiern konnte. Eine mögliche Ursache hatte ich in der speziellen Dresdner Geschichte gefunden: Die Bombardierung der Stadt am Ende des 2. Weltkrieges und die widersprüchliche Aufarbeitung dieses Ereignisses.

Es bleiben aber noch zwei wichtige Fragen offen. Zum einen: Warum tritt die Bewegung jetzt erst auf, 25 Jahre nach dem von mir postulierten auslösenden Ereignis? Und warum artikuliert sie sich primär rassistisch?

Auf die erste Frage habe ich keine wirklich schlüssige Antwort, sondern nur eine Vermutung. Wenn es richtig ist, wie ich vermute, daß es der Zusammenbruch von 1989 ist, der den traumatischen Kern der Bewegung ausmacht, dann muß dieses Trauma reaktualisiert worden sein, um die Menschen auf die Straße zu treiben. Die aktuelle Situation muß an die Konstellation vor einem Vierteljahrhundert erinnern. Deshalb vermute ich ich, daß der von Russland in der Ostukraine verdeckt geführte Krieg die Erinnerung an den Ost-West-Konflikt aktualisiert hat. Offenkundig treibt eine ganze Menge der PEgIdisten die Angst um, die etablierte Ordnung werde durch einen neuen Kalten Krieg wieder in Gefahr gebracht.

Um diese Vermutung noch etwas zu unterstützen: Meines Erachtens können die „Montagsmahnwachen für den Frieden“, die schon in der ersten Jahreshälfte 2014 in Berlin und anderen Städten mehrere hundert Spinner angezogen haben, als Blaupause für PEgIdA gelten. Allerdings blieben bei diesen „Mahnwachen“ die paranoiden Verschwörungstheoretiker weitgehend unter sich und schafften es nicht, wirkliche Massen zu mobilisieren. Aber ein Teil der Agenda, die auch die PEgIdA-Demonstranten umtrieb, wurde schon damals gesetzt.

Ging es bei den „Mahnwachen“ der Verschwörungstheoretiker primär um den Konflikt in der Ukraine, verknüpfte PEgIdA dies dann mit dem Krieg des sogenannten „Islamischen Staates“, der ebenfalls als Bedrohung der inneren Ordnung der BRD imaginiert wurde. Die erste PEgIdA-Demonstration wurde explizit als Demonstration mit Bezug auf die Kämpfe in Syrien angemeldet. Paradoxerweise allerdings als Demonstration gegen die säkulare PKK, die den Islamisten dort militärisch entgegentritt. Was auf den ersten Blick völlig skurril erscheint, hat aber wahrscheinlich eine einfache Logik: Die kurdischen Kämpfer werden von den USA unterstützt. Und wenn man sich als Opfer des Zusammenbruchs von 1989 begreift, dann wird natürlich dem Westen und insbesondere den USA die Rolle des Schurken zugeschrieben.

Ich denke also, daß es die militärischen Auseinandersetzungen in der Ukraine und in Syrien sind, die das Trauma von 1989 reaktivierten, indem sie als Neuauflage des Kalten Kriegs interpretiert wurden.

Bleibt noch die Frage nach dem Rassismus. Ich hatte schon im vorletzten Beitrag geschrieben, daß ich nicht der Meinung bin, daß Rassismus der primäre Beweggrund ist, der die PEgIdA-Demonstranten auf die Straße treibt – schon gar nicht die bloßen Mitläufer. Und ich habe auch schon erklärt, daß mich diese Mitläufer mehr interessieren als der harte Kern. Ein paar Spinner lassen sich immer auf die Beine bringen – siehe die „Montagsmahnwachen“. Interessant wird es ja erst dort, wo diese Spinner als tatsächlicher Massenkristallisationspunkt wirken und Menschen außerhalb ihres unmittelbaren Umfelds mobilisieren können.

Primär sind diese Menschen einfach der Meinung, daß die gesellschaftliche Ordnung fundamental gestört ist. Und ihre Beteiligung an einer Massenbewegung dient mehreren Zwecken: Zum einen der Versicherung, daß sie mit ihrer Meinung, daß die Ordnung gestört ist, nicht alleine sind. Und zum zweiten, die Störung dieser Ordnung wieder zu beseitigen. Um jedoch diesen zweiten Punkt umsetzen zu können, müssen Ursachen identifiziert werden, die der Störung der Ordnung zu Grunde liegen. Diese Ursachenforschung unterscheidet sich aber außerordentlich, je nachdem, ob es sich um eine autoritäre oder eine anti-autoritäre Bewegung handelt. Und bei PEgIdA handelt es sich zweifellos um eine autoritäre Bewegung.

Autoritäre Bewegungen sehen sich in einem double bind gefangen. Als Garant der Ordnung sehen sie die Autorität an. Wenn also die Ordnung gestört ist, dann ist das ein Versagen der Autorität – in der man aber eben noch, vor dem Bruch, die Ordnung selbst verkörpert sah. Die Autorität ist also zugleich das Gute und das Schlechte – und zwischen diesen beiden Polen oszillieren dann autoritäre Bewegungen, bis sie eine Lösung für dieses Dilemma finden. Und diese Lösung kommt dann daher in der Gestalt des Dritten. Dieser Dritte muß, so die Vorstellung, die Autorität korrumpiert haben. Anders ist es nicht zu erklären, wieso die Autorität, die eben noch gut war, nun auf einmal schlecht sein soll.

Dieser Dritte tritt, je nach Typus der autoritären Bewegung, dann in unterschiedlicher Gestalt auf. Für die Nazis war es natürlich „der Jude“, der die gesellschaftliche Autorität angeblich untergraben hat. Doch diese Figur gilt nicht nur für rechte Bewegungen. Auch linke autoritäre Bewegungen konstruieren ihre Dritten, die Antiimperialisten beispielsweise „die Zionisten“ (die nur sehr schwer von „den Juden“ der Nazis zu unterscheiden sind). Es sind also nicht einfach „Vorurteile“, die in autoritäre Bewegungen dazu führen, daß derartige „Feindbilder“ entstehen. Diese Figur eines schuldigen Dritten ist eine systematische Notwendigkeit, weil man die eigentlich Verantwortlichen entlasten will. Aufklärung darüber, daß „die Juden“ gar nicht das sind und tun, was das „Vorurteil“ ihnen zuschreibt, ist deshalb vergebliche Liebesmühe. Der autoritäre Charakter braucht den äußerlichen Feind, damit er die Autorität, die er als die seine betrachtet und mit der er sich identifizieren will, entlasten kann.

Bei PEgIdA sind es nun also „die Muslime“, die von außen kommen und angeblich die Ordnung stören. Natürlich lachte zurecht die gesamte Republik über die Dresdner, die bei einem absolut minimalen Ausländeranteil in ihrer Stadt ausgerechnet diese zum Grundübel erklärten, das das Abendland bedrohen sollte. Was gab es nicht alles an „Faktenchecks“, die alle belegten, daß die von PEgIdA vorgebrachten Behauptungen völlig aus der Luft gegriffen waren. Doch das Gelächter wie die Fakten gehen an der Sache vorbei. „Der Moslem“ der PEgIdA ist ein Hirngespinst, eine autoritäre Konstruktion, die mit den realen Muslimen nichts zu tun hat. Und deshalb läßt sich dieses Hirngespinst mit Aufklärung über die realen Muslime genauso wenig beseitigen wie mit einer weiteren Verschärfung der gegen Flüchtlinge gerichteten Politik.

Wenn ich behauptet habe, daß der Rassismus bei PEgIdA nicht primärer Antrieb, sondern ein abgeleitetes Phänomen sei, dann nicht, um ihn zu verharmlosen. Gerade dadurch, daß er auf einem reinen Konstrukt beruht, das einer ideologischen Notwendigkeit geschuldet ist, ist er so gefährlich. Er ist rationaler Argumentation nicht zugänglich. Das Urteil über „den Moslem“ ist längst gesprochen, die angeblichen Begründungen für diesen Urteilsspruch werden nachträglich zusammengeklaubt.

Ausbaden müssen diese Projektion allerdings die realen Muslime. Und um das zu verhindern nützt es nichts, „Vorurteile“ abbauen zu wollen und Aufklärung über den Islam zu betreiben – einmal ganz davon abgesehen, daß dieser ebenso eine Beleidigung der menschlichen Vernunft ist wie jede andere Religion. Wirkliche Aufklärung müßte an den inneren Widersprüchen der bestehenden Ordnung selbst ansetzen, deren systemischen Charakter aufzeigen und den Entwurf einer andere Ordnung projizieren. Doch diese Aufgabe ist unendlich viel schwerer als den von PEgIdA verzapften Unsinn lächerlich zu machen oder zu widerlegen.

Nächste Woche wird es aus aktuellem Anlaß um ein ganz anderes Thema gehen. Ich werde den Tod von Karl-Heinz Kurras zum Anlaß nehmen, ein paar Worte über das Ereignis „2. Juni 1967“ und seinen Verursacher zu verlieren. Freuen Sie sich also darauf, wenn der Alte Bolschewik auf folgende Frage eine ganz andere Antwort gibt als die FAZ:

„Doch was wäre gewesen, wenn schon damals die DDR-Verpflichtung von Kurras bekanntgewesen wäre?“ ([1])

Nachweise

[1] Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. Februar 2015: „Kleiner Mann, großer Fehler“ (Bannas, G.), S.4.

Advertisements

Written by alterbolschewik

20. Februar 2015 um 14:50

Veröffentlicht in Bewegung, Ereignis

Tagged with ,

7 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Sehr fein. In einem Punkt, der hier aber absolut marginal ist stimme ich allerdings nicht zu: Dass jede Religion eine Beleidigung der Vernunft sei. Vom Hinayana-Buddhismus in seiner ursprünglichen Form würde ich das nicht unbedingt sagen, und das Ausmaß an Unvernunft würde ich durchaus als von Religion schwankend bezeichnen. Also der islamische Integrismus, der Evangelikalikalismus, der stark säkularisierte Alevitenglaube der Kirmanschi-Kurden und der Deismus eines Hume sind durchaus verschiedene paar Schuhe.

    che2001

    23. Februar 2015 at 17:19

    • Du schneidest da ein großes Thema an. Natürlich unterscheiden sich die verschiedenen Religionsauffassungen im Grad ihrer Irrationalität; und natürlich hat auch mein Atheismus eine willkürliche Komponente (durchgehend rational ist nur der Agnostizismus – den ich aber für eine feige Ausflucht halte). Das Problem ist aber, daß Religionen immer Aussagen über etwas machen, wovon wir nichts wissen können. Und daß sie aus diesem Behaupteten irgendwelche Regeln für das menschliche Verhalten ableiten. Wäre es nicht grundsätzlich besser, auf diesen Klimbim zu verzichten und uns anderweitig darüber zu einigen, was ein menschenwürdiges Leben ist und wie wir durch unser Handeln dazu beitragen können?

      alterbolschewik

      28. Februar 2015 at 10:32

  2. Ja das wäre es, aber das menschliche Bewusstsein ist ja etwas historisch Gewachsenes, und Religion war im Ursprung eine historische Notwendigkeit. Auch rational-materialistisches Denken hat in der Theologie ihre Wurzeln, ohne Scholastik kein Universalienstreit und kein Nominalismus, ohne diese keine Aufklärung. Linkes Denken wäre ohne die christliche Ethik und ihre Wurzeln in der Stoa und der Zelotenbewwegung nicht denkbar. Da macht es Sinn, mal die Dialektik der Aufklärung und Baudrillards „Der symbolische Tausch und der Tod“ parallel zu lesen.

    Und ob die Zeit schon gekommen ist, dass die Gesellschaft in ihrer ganzen Breite und Tiefe bereit ist Religion zu überwinden habe ich meine Zweifel. Das lehren mich leider gerade meine Kontakte zu migrantischen Menschen.

    che2001

    28. Februar 2015 at 19:14

  3. ich find das immer wieder höchst seltsam, diese Denkweise: Religion ist eigentlich scheiße, aber den Islam darf man nicht kritisieren, das wäre antimuslimischer Rassismus. Homophobie und Sexismus der katholischen Kirche sind jedenfalls wesentlich schlimmer als Homophobie und Sexismus der Muslime. Irgendwie habe die einen „Persons of Colour“-Sonderstatus.

    El_Mocho

    21. März 2015 at 17:54

    • Schade, El Mocho, daß Du jetzt auch in diesem Blog aufschlägst, das bislang ziemlich trollfrei war. Was Dein Kommentar jetzt mit irgendetwas im Text zu tun hat, erschließt sich mir nicht, aber jeder blamiert sich, so gut er kann.

      alterbolschewik

      21. März 2015 at 17:59

  4. Es ist schade, daß es hier im Text zum Ereignis nicht weitergeht. Hat El Mocho denn so die Stimmung verdorben? Ernsthafter aber: ich hoffe, es kamen keine anderen und schlimmen Unwägbarkeiten dazwischen, so daß die Serie verstummt.

    Bersarin

    15. April 2015 at 17:36

    • Nein, nein. Alles ist gut. Ich habe nur ein Projekt am Hals, das mich ziemlich viel Zeit kostet, weswegen es hier erst wieder am 1. Mai weitergehen wird.

      alterbolschewik

      15. April 2015 at 22:08


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s