shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Methodisches

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„Die Abgehobenheit der Sprache von der Sache, die Sie in den sogenannten positiven Wissenschaften vorfinden, gilt nicht in derselben Weise für die Philosophie.“

Theodor W. Adorno, Philosophische Terminologie

Was bisher geschah: Der alte Bolschewik hatte sich für zwei Monate eine Auszeit genommen, um ein Projekt fertigzustellen, das etwas höhere Priorität hat als dieses Blog.

Natürlich hat das nicht geklappt – das genannte Projekt ist immer noch nicht fertiggestellt, aber da ich versprochen habe, mich am 1. Mai zurückzumelden, mache ich das auch. Allerdings geht es nicht ganz nahtlos dort weiter, wo ich vor zwei Monaten aufgehört habe. Zwei Monate Zeit zum Nachdenken lassen mich es notwendig erscheinen, ein paar grundsätzliche Fragen zu beantworten, die sich Sie, liebe Leserin, lieber Leser, vielleicht schon länger gestellt haben. Zu allererst einmal die ganz grundsätzliche Frage: Was soll das hier eigentlich?

Als ich vor vier Jahren begann, regelmäßig Texte ins Netz zustellen, hatte ich als vages Programm angekündigt, den Zusammenhang zwischen sozialen Bewegungen auf der einen Seite und Philosophie auf der anderen Seite in unsystematischer Weise auszuloten. Mehr oder minder wurde dieses Programm auch eingelöst. Auf der philosophischen Seite spielte natürlich immer wieder die Kritische Theorie eine Rolle, nicht nur die Leitfiguren Adorno oder Horkheimer, sondern auch der heute sträflich vernachlässigte Herbert Marcuse. Doch die Recherche blieb nicht im deutschen Sprachraum stehen. Gleich zu Beginn dieses Blogs richtete sich der Blick auf die jugoslawischen Philosophen und Philosophinnen um die Zeitschrift Praxis; später bildeten dann die Theorien des französischen Marxisten Henri Lefebvre einen Schwerpunkt. Flankiert wurden diese philosophischen Exkurse durch Untersuchungen zur Geschichte antiautoritärer Bewegungen. Dabei spielten naturgemäß die 60er und 70er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts eine zentrale Rolle. Immer wieder tauchen die Situationisten auf, es gab eine ausführliche Beschäftigung mit den niederländischen Provos, die Anfänge der zweiten Frauenbewegung in der BRD wurden gegen den Strich gebürstet… Allerdings wurden nicht nur sympathische Bewegungen angesprochen: Immer wieder wurden auch die die terroristischen Verirrungen der 70er Jahre thematisiert. Wir sind also ganz schön herumgekommen in den letzten vier Jahren.

Doch warum eigentlich diese Verknüpfung von Philosophie und antiautoritären Bewegungen? Das ergab sich daraus, daß ich mich von den in der akademischen Welt üblichen Beschäftigungen mit sozialen Bewegungen abgrenzen wollte. Dort gibt es im wesentlichen zwei Strömungen, die sich der Erforschung sozialer Bewegungen widmen. Es handelt sich dabei einerseits um die bloß historischen Beschäftigung mit Bewegungen, und andererseits um die soziologische Forschung. Doch warum eine solche Abgrenzung?

Die rein historischen Betrachtungsweise klebt mir in letzter Instanz zu sehr an der geschichtlichen Faktizität. Dagegen ist zwar prinzipiell nichts einzuwenden, vor allem, wenn ordentlich quellenorientiert gearbeitet wird. Es gibt hier wirklich ganz ausgezeichnete Arbeiten – ein Beispiel dafür ist etwa Detlef Siegfrieds Time is on my side. Doch der bloße Blick zurück ist mir zu wenig. Mich interessieren vor allem zukünftige Bewegungen: Wie und warum entstehen Bewegungen? Unter welchen Umständen machen sich Menschen auf, die Verhältnisse, in denen sie leben, grundlegend zu verändern? Lassen sich aus der historischen Erfahrung Vermutungen über die Zukunft anstellen?

Man sollte nun meinen, daß die Soziologen genau diese Fragen beantworten würden. Doch leider ist dem nicht so. In der soziologischen Bewegungsforschung wimmelt es nur so von schlechten Verallgemeinerungen und unzulässigen Abstraktionen. Für eine Erklärung dessen, wie Bewegungen entstehen und was sie tatsächlich sind, trägt das herzlich wenig bei – tatsächlich kann man bei den Historikern bessere Einsichten finden als bei den Soziologen. Letztere abstrahieren unsinnige Raster aus den Fakten; anschließend pressen sie dann die Bewegungen in diese Raster, um in ein Triumphgeheul auszubrechen, wenn das Raster mehr schlecht als recht auf die Empirie paßt, aus der sie das Raster abstrahierten. Mein Blutdruck steigt immer in ungesunde Bereiche, wenn ich Texte von Dieter Rucht oder einem seiner Schüler lesen muß.

Es ist nicht mit Abstraktionen getan, wenn man verstehen will, welche gesellschaftlichen Mechanismen bei der Entstehung gesellschaftsverändernder Bewegungen am Werk sind. Ihre Dynamik erschließt sich erst, wenn man nicht nur empirisch konstatierbare Merkmale aufzählt, sondern wenn man versucht, Begriffe zu entfalten. Was ich damit meine, läßt sich vielleicht an zwei unterschiedlichen Termini veranschaulichen, die eigentlich den selben Sachverhalt beschreiben.

In der soziologischen Bewegungsforschung wird beispielsweise der Terminus der „Mikromobilisierung“ gebraucht (vgl. etwa [1], S. 42). Gemeint ist damit einfach, daß einer kleinen Gruppe von Menschen ein gesellschaftliches Problem sauer aufstößt, worauf sie sich erst einmal im kleinen Kreis zusammenschließen, sich über die Problematik verständigen und unterhalb des Radars einer allgemeinen Öffentlichkeit im Kleinen mit der Mobilisierung anfangen. Mit anderen Worten: Der Terminus „Mikromobilisierung“ ist identisch mit dem, was er beschreibt, er fügt dem Phänomen, das er beschreibt, keinerlei Erkenntnis hinzu. Man wird bei vielen, aber keineswegs allen Bewegungen finden, daß in deren Vorfeld eine „Mikromobilisierung“ stattgefunden hat. Wenn man dann, ex post, eine Bewegung untersucht, kann man oft genug kleine Gruppen entdecken, die der eigentlichen Bewegung vorausgegangen sind. Gleichzeitig gibt es aber auch eine Unzahl von Grüppchen, die auch eine „Mikromobilisierung“ betreiben, aus denen aber nie eine Bewegung entsteht. Für das Verständnis von Bewegungen liefert die Benutzung des Terminus „Mikromobilisierung“ keinerlei Erkenntnisfortschritt. Er beschreibt einfach nur etwas, das man bei einigen Bewegungen im Vorfeld findet, bei anderen nicht.

Um das selbe Phänomen zu beschreiben, habe ich den von Elias Canetti geprägten Begriff des „Massenkristalls“ verwendet. Dieser Begriff unterscheidet sich vom Terminus der „Mikromobilisierung“ schon dadurch, daß er nicht rein deskriptiv ist, sondern eine metaphorische Bedeutung besitzt. Die „Kristall“-Metaphorik verweist auf das bekannte physikalische Phänomen , daß man eine übersättigte Lösung schlagartig auskristallisieren kann (und dabei Kristallisationswärme freisetzt), indem man ein winziges „Impfkristall“ in die Lösung hineinwirft.

Außerhalb einer übersättigten Lösung ist das Kristall bedeutungslos, in den richtigen Kontext gebracht, entfaltet es eine ungeheure Wirkung. Das Kristall ist aber nicht die Ursache der Kristallbildung, auch kein Vorläufer, sondern ein mehr oder minder zufälliges Ding, das zur rechten Zeit am rechten Ort ist. Der eigentliche Grund für die vehemente Reaktion ist die Übersättigung der Lösung selbst. Und der Auslöser muß noch nicht einmal ein Kristall vom selben Typ sein – oft genug reicht irgendein Staubkorn aus. Und manchmal – um die Metaphorik auf die Spitze zu treiben – braucht es noch nicht einmal ein Impfkristall: Schon eine plötzlich, heftige Erschütterung des Gefäßes kann den Kristallisationsprozeß auslösen.

Natürlich ist das alles Metaphorik – der Begriff arbeitet mit Analogien und Assoziationen, die bei seiner Benutzung mitschwingen. Der Begriff ist eben nicht deskriptiv, sondern er deutet sofort den Sachverhalt, der damit beschrieben werden soll. Wer eine Gruppe von Menschen als „Massenkristall“ bezeichnet, verweist damit auf die Plötzlichkeit, mit der Bewegungen auf einmal auf den Plan treten, die oft verblüffende Nichtigkeit des Anlasses, die Energie, die dabei freigesetzt wird. Das sind alles Verweise, die dem soziologischen Terminus der „Mikromobilisierung“ völlig abgehen.

Natürlich ist so etwas nicht „wissenschaftlich“ – zumindest dann, wenn man sich auf einen den Naturwissenschaften abgeschauten Erkenntnisbegriff zurückzieht. In einem solchen szientifischen Kontext, der seine Termini gerne schön eingehegt hat, damit sie genau den gewünschten Sachverhalt beschreiben und sonst nichts, sind schillernde Begriffe wie der des „Massenkristalls“ ein Ärgernis. Philosophische Begriffe versuchen gerade nicht deskriptiv zu sein. Es ist gar nicht ihre Absicht, einfach einen Sachverhalt abbilden. Sondern sie fügen dem Sachverhalt etwas hinzu, nämlich eine bestimmte Deutung. Mit anderen Worten: Der philosophische Begriff ist eben nicht mit dem identisch, was er unter sich begreift. Und gerade durch diese Nichtidentität des Begriffs mit dem von ihm gedeuteten Sachverhalt eröffnet überhaupt erst der Prozeß wirklicher Erkenntnis. Denn der Begriff, der nicht mit seinem Gegenstand identisch ist, sondern über diesen hinausweist, setzt einen notwendigen Explikationsprozeß in Gang, an dessen Ende mehr steht als eine einfache Beschreibung des in Frage stehenden Phänomens. Vielmehr entwickelt sich in der Auseinanderlegung des Verhältnisses von Begriff und Sache überhaupt erst ein wirkliches Verständnis des in Frage stehenden Gegenstandes.

Und darum wird es in den nächsten Folgen gehen: Einige Begriffe, die ich in den letzten Monaten einfach gebraucht habe, um damit bestimmte gesellschaftliche Phänomene zu beschreiben, zu präzisieren. Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn der Zusammenhang zwischen Ereignis, Masse und Bewegung endlich etwas genauer beleuchtet wird.

Nachweise

[1] Schulz, K., Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich 1968–1976, Frankfurt a.M. / New York 2002 (http://www.hist.unibe.ch/unibe/philhist/hist/content/e267/e6141/e8165/datei/datei/schulz_provokation_ger.pdf).

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Written by alterbolschewik

1. Mai 2015 um 13:08

Veröffentlicht in Philosophie

2 Antworten

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  1. Unbedingt weitermachen! Und: Zitat „Der harte Kern – einer Kirsche zum Beispiel – ist immer ungenießbar. Bei gutem Boden wird ein Baum aus ihm.“ Peter Paul Zahl, bezog sich damals auf die RAF und die Bewegung 2. Juni.

    che2001

    4. Mai 2015 at 23:27

    • Danke für die Ermutigung. Im Gegensatz zu P.P. Zahl würde ich bei RAF und Bewegung 2. Juni nicht so sehr „harter Kern“ als vielmehr „weiche Birne“ assoziieren.

      alterbolschewik

      9. Mai 2015 at 9:50


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