shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Kunst im 21. Jahrhundert

leave a comment »

Guggenheim Museum Bilbao (1)

„In certain artistic and architectural social circles, a pilgrimage to Bilbao became de rigueur, with the question ’Have you been to Bilbao?’ a kind of cocktail party game that marked someone either as a culture vulture or a clueless rube.“

Denny Lee, New York Times

Was bisher geschah: Statt sich mit dem komplexen Begriff der Ordnung zu beschäftigen, ist der Autor dieses Blogs einfach in Urlaub gefahren. Und zwar nach Bilbao. Und statt daß er jetzt wenigstens die Erwartungen seiner geschätzten Leserinnen erfüllt, schreibt er auch noch über seine Urlaubserlebnisse, statt sich ernsthafter Arbeit zu widmen.

Es ist nicht sonderlich schwierig, auf das Guggenheim Museum in Bilbao herunterzuschauen. Das gilt zum einen wörtlich: Wenn der Flughafenbus aus der Hügelkette, die die Stadt umgibt, herunterfährt, sticht einem als erstes das Museum ins Auge, das schräg unterhalb der Brücke über den Nervión liegt. „Was ist denn das?“ fragte ein Hippie-Tourist im Bus hinter mir, der von dem Anblick überwältigt war. Von seinem Begleiter erhielt er die Auskunft, daß das ein berühmtes Museum sei, den Namen wisse er auch, nur käme er gerade nicht darauf (zumindest widerlegt das die Behauptung, die ausländischen Touristen kämen nur wegen des Museums nach Bilbao).

Aber man kann auch problemlos im übertragenen Sinn auf das Guggenheim herabschauen: Mit der klassisch-bürgerlichen Vorstellung eines Museums, indem man sich ehrfürchtig der dort zur Schau gestellten Kunst nähert, hat das Guggenheim wenig zu tun. Das spektakuläre Äußere des Gehry-Baus ist Programm: Wer bei den wilden Kurven des Gebäudes eine Achterbahn assoziiert, ist der Realität schon ziemlich nahe gekommen. Das Guggenheim in Bilbao ist ein Disneyland der Kunst, in dem die ganze Familie Spaß haben kann.

Und das ist auch ganz offiziell seine Funktion. Bilbao war seit dem 14. Jahrhundert eine prosperierende Hafen- und Handelsstadt, die ein Scharnier zwischen Nord- und Südeuropa bildete. Als der Industriekapitalismus dann im 19. Jahrhundert den Handelskapitalismus ablöste, konnte sich Bilbao den neuen Gegebenheiten problemlos anpassen. Das Eisenerz aus den nahgelegenen Bergen machte Bilbao zu einem wichtigen Zentrum der Schwerindustrie in Spaniens – was wiederum auch den traditionellen Schiffsbau auf ein neues Niveau hob. Doch die Krise sowohl der Montan- wie der Werftindustrie in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts beutelte auch Bilbao schwer. Die Stadt mußte sich neu erfinden. Und die Verwaltungen der Stadt und der Region erwiesen sich, wie schon immer seit dem 14. Jahrhundert, als außerordentlich vorausschauend. Ihr Plan war es, Bilbau in ein Dienstleistungs-, Technologie- und Tourismuszentrum zu verwandeln. Es wurde kräftig investiert: In Infrastruktur, den Ausbau der Universität, den Bau eines Kongreßzentrums und in Museen. Auf dem Boden der alten Hafenanlagen entlang des Nervión entstand ein vollkommen neues Stadtviertel.

Das Guggenheim Museum ist dabei nur ein Baustein, wenn auch ein außerordentlich spektakulärer. 100 Millionen US-Dollar ließ sich die Stadt den Bau des Gebäudes kosten, das, anders als etwa die Elbphilharmonie, innerhalb des beschlossenen Kostenrahmens blieb. Weitere 50 Millionen floßen in einen Ankaufsfond, 20 Millionen als Einmalzahlung an die Guggenheim Stiftung, um sie als Trägerin des Museums zu gewinnen. Außerdem trägt die Stadt zum jährlichen Budget des Museum von 12 Millionen bei.

Mit Kunst hat das erst einmal wenig bis nichts zu tun. Es ging um eine Investition in das Stadtmarketing, um nichts anderes. Und damit war die Verwaltung äußerst erfolgreich. Bereits 2006 hatte sich diese Investition in Form von Steuereinnahmen und Beschäftigungseffekten amortisiert ([1], S. 4). Wer also Kants „interesseloses Wohlgefallen“ als Maßstab anlegen will, begeht von vornherein einen Kategorienfehler. Beim Guggenheim Museum geht es um klar definierte Wirtschaftsinteressen. Das Museum ist dazu da, um Umsatz in der Tourismusindustrie zu generieren, das ist seine raison d‘être. Vor der Eröffnung des Museums kamen rund 100.000 Touristen jährlich in die Stadt. Seither sind es im Durchschnitt eine Million. Damit hängt ein nicht unbeträchtlicher Teil der Wirtschaft Bilbaos an diesem Museum. Und es wäre eine ökonomische Katastrophe, wenn dieser Besucherstrom versiegen würde.

Deshalb muß von Seiten des Museums alles getan werden, daß die Besucher sich optimal unterhalten fühlen. Und das gelingt dem Museum außerordentlich gut. Daran hat das Gebäude selbst einen nicht geringen Anteil. Der Bau ist grandios, das läßt sich gar nicht bestreiten. Das Verblüffende dabei ist: Trotz der wild geschwungenen Außenfassade ist das ganze Gebäude klar gegliedert: Die Ausstellungsräume sind im wesentlichen um einen großen Lichthof gruppiert, was dem Besucher eine klare Orientierung gibt. Gleichzeitig bleibt das Verspielte des ganzen Baus erhalten, wenn man immer wieder neue, verblüffende Blickachsen entdeckt, die auch die Außenanlagen mit einschließen.

Doch die Vorzüge des Gebäudes sind gleichzeitig sein Problem. Diese Art der Architektur blendet bewußt einen der wesentlichen Aspekte der künstlerischen Moderne aus: Verwirrend, gar verstörend ist das Museums an keinem einzigen Punkt. Gehrys Architektur ist freundlich-verspielt, sie fordert niemanden heraus, sondern verbreitet eine angenehme Heiterkeit, die sich bis zu den bunt gefließten Toiletten erstreckt.

Das muß man nicht kritikwürdig finden; aber es lohnt doch die Feststellung, daß damit ein wesentlicher Anspruch, den die Kunst des 20. Jahrhunderts erhoben hatte, verdrängt wird. Galt es einmal, die Rezipienten zu konfrontieren, ja zu provozieren, eine produktive Auseinandersetzung zu erzwingen, so verneint schon die Architektur des Guggenheimmuseums diesen Anspruch. Man soll sich aufgehoben und zugleich gut unterhalten fühlen. Und diesem Anspruch wird das Museum zu 100% gerecht. Damit fügt es sich dem oben skizzierten Zweck. Es gilt, dem Touristen, den es nach Bilbao locken soll, das zu geben, was er für sein Geld erwarten kann. Niemand wird das Guggenheimmuseum frustriert verlassen.

Und darin schließe ich mich durchaus mit ein. Unser Besuch dauerte rund sechs Stunden, und wir haben uns zu keiner Zeit gelangweilt. Somit kann man bei einem Eintritt von 8 Euro (eine Galerie war geschlossen, weil eine Jeff Koons-Ausstellung vorbereitet wurde; deshalb war es etwas billiger als normal) von einem ausgezeichneten Preis / Leistungs-Verhältnis sprechen.

Die Frage ist nur: Genügt das den Ansprüchen, die an Kunst gestellt werden sollten? Der Blogger-Kollege Bersarin würde hier sofort eine geharnischte Polemik vom Stapel lassen, daß das überhaupt nicht dem entspricht, was Kunst ihrem Begriff nach einfordert. Und er hätte natürlich recht. Wenn der Besuch eines Museums nach den gleichen Kriterien beurteilt werden kann und muß wie der Besuch eines Rummelplatzes, dann ist entweder der Rummelplatz auch Kunst oder die Kunst hat sich in einen Rummelplatz verwandelt. Dennoch will ich mich nicht wie der Bewohner des Grand Hotel Abgrunds schaudernd abwenden, sondern mich noch tiefer in das Phänomen Guggenheimmuseum hineinbohren. Denn bislang war ja nur die Rede davon, welchen Zwecken das Museum dient und wie dieser Zweck sich in der Architektur widerspiegelt. Noch gar nicht gesprochen wurde von der Kunst, die in diesem Rahmen ausgestellt wird. Hat dieser Rahmen eine Auswirkung darauf, was und wie Kunst im Guggenheimmuseum Bilbao präsentiert wird?

Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn der Alte Bolschewik die Dauerinstallation The Matter of Time von Richard Serra und die Sonderausstellung Niki de Saint Phalle genauer unter die Lupe nehmen wird.

Nachweise

[1] Haarich, S. N. & Plaza, B.: „Das Guggenheim-Museum von Bilbao als Symbol für
erfolgreichen Wandel – Legende und Wirklichkeit“, URL: http://www.scholars-on-bilbao.info/fichas/Haarich_Plaza_Guggenheim_Bilbao.pdf, abgerufen am 29. Mai 2015.

Advertisements

Written by alterbolschewik

29. Mai 2015 um 15:25

Veröffentlicht in Moderne, Postmoderne

Tagged with ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s