shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Niki de Saint Phalle

with one comment

Guggenheim Museum Bilbao (2)

„In the eyes of Niki de Saint Phalle, one of the purposes of creation is to bring joy, humor, and color into life.“

Erläuterungstext im Guggenheim Museum Bilbao

Was bisher geschah: In der letzten Folge hat der Autor versucht zu zeigen, daß das Guggenheim Museum in Bilbao zumindest architektonisch eher der Popkultur als der Kunst zuzuordnen ist. Es handelt sich bei dem Bau von Frank O. Gehry um ein äußerlich spektakuläres, in seinem Kern aber recht biederes Gebäude. Der Unterhaltungswert ist groß, der künstlerische eher bescheiden.

Doch das Gebäude selbst kann nicht alleiniger Maßstab für eine Beurteilung sein. Ein Museum muß sich vor allem an seinen Ausstellungen messen lassen. Und in unserem Fall waren dies zwei: Eine große Ausstellung über das Werk von Niki de Saint Phalle. Und die von Richard Serra speziell für Bilbao geschaffene Installation The Matter of Time, die dort wohl noch für einige Jahre oder Jahrzehnte dort zu sehen sein wird.

Der eigentliche Publikumsmagnet war die Ausstellung der Werke von Niki de Saint Phalle. Das wundert nicht, denn diese Künstlerin paßt ausgezeichnet in das Unterhaltungskonzept des Bilbaoer Guggenheimmuseums. Zumindest die bekannteste Werkgruppe der Künstlerin, die sogenannten Nanas. Das sindgroße, in reinen Farben bunt bemalte, tanzende üppige Frauenfiguren, deren Fröhlichkeit ansteckend ist – oder wenigstens sein soll. Diese Figuren bergen kein großes Geheimnis. Ihr Anspruch ist ein explizit feministischer; zumindest im Sinne dessen, was Niki de Saint Phalle unter Feminismus verstand. Frauen sollten, wie es so schön neudeutsch heißt, durch derartige Figuren „empowert“ werden. Mit anderen Worten: Sie sollten sich mit den überlebensgroßen, starken, fröhlichen Frauen identifizieren und dadurch an Selbstbewußtsein gewinnen.

Ähnlich platt und naiv sind ihre Totenkopfskulpturen. Diese entsprangen, wie man als Ausstellungsbesucher mitgeteilt bekommt, der Auseinandersetzung der Künstlerin mit Aids und Tod. Auch hier sollte das bunte, glitzernde Design dem Betrachter die Angst vor Krankheit, Siechtum und Sterben nehmen. Und tatsächlich scheinen die Skulpturen nur allzugut zu funktionieren, eignen sie sich doch offensichtlich prima als Staffage für Familienphotos.

Das alles ist ganz einfach nur abgeschmackter Kitsch ohne jedes Geheimnis. Hier setzt sich die Harmlosigkeit der künstlerischen Intention eins zu eins um in ebenso harmlose Kunstwerke. Und das heißt auch, daß Niki de Saint Phalle ganz prima in die Erlebniswelt des Guggenheimmuseums hineinpaßt. Diese Werke fordern keine irgendwie geartete Auseinandersetzung oder gar Anstrengung. Sie können en passant konsumiert werden, wie eine Tüte gebrannter Mandeln auf dem Rummelplatz.

Der kritische Anspruch, den Kunst ihrem Begriff nach hat, wird in dieser Ausstellung zusammengeschrumpft auf die gängigen Ideologeme eines halbgebildeten Mittelstandes. In einer der Ausstellungstafeln hieß es:

„Jede ihrer Arbeiten bietet mehrere Ebenen der Interpretation an, doch deren Komplexität wird oft zu Gunsten einer dekorativeren Betrachtungsweise weggelassen. Um über diese hinauszukommen ist es nötig, ein Werk zu erkennen, das sich immer daraus speist, gesellschaftliche Themen zu befragen. Niki de Saint Phalle war eine der ersten Künstlerinnen, die die Rassenfrage thematisierte und sich für Bürgerrechte und dann Multikulturalismus in Amerika aussprach. Sie war auch eine der ersten, die in den 1980er Jahren ihre Kunst dazu benutzte, um ein Bewußtsein für die zerstörerischen Auswirkungen der AIDS Empedemie zu schaffen.“

Das sind sicherlich alles hehre Ziele, wie sie auch jeder Kirchentagsbesucher unterschreiben könnte. Nur sind das keine künstlerischen Ziele. Wenn sich das genuin Künstlerische an der Kunst Niki de Saint Phalles darauf beschränkt, dekorativ zu sein, dann muß daraus die berechtigte Frage folgen: Hat das irgendeinen Wert jenseits dekorativer Werbung für sicherlich ehrenwerte gesellschaftliche Anliegen? Die Antwort ist ziemlich offensichtlich: Nein.

Daraus ergibt sich eine weitere Frage: Was macht so etwas im Museum? Die Antwort liegt in dem, was die Werbung für die Ausstellung vor lauter bunten Nanas geflissentlich ignorierte: Das Frühwerk der Künstlerin. Und dieses Frühwerk, dem die Ausstellung einen Saal widmet, hat nichts mit der Wohlfühlästhetik der Nanas und Totenköpfe zu tun. Hier wird man unmittelbar mit Gewalt konfrontiert, mit einer Lust an der Zerstörung, die mehr als nur ein bißchen verstörend wirkt. Nach ersten malerischen Anfängen arrangierte Niki de Saint Phalle recht früh schon Materialkollagen aus Hieb-, Stich- und Schußwaffen. Diese passiven Assemblagen gingen dann recht schnell in den gewalttätigen Aktionismus ihrer Schießbilder über: Weiße Gipsreliefs, bei denen sich unter der Gipsoberfläche Farbdosen und -beutel verbargen. In öffentlichen, happeningartigen Aktionen wurde dann mit Gewehren auf diese Reliefs geschossen und die Farbe eruptiv freigesetzt, die sich dann mehr oder minder zufällig über das Werk ergoss.

Das war in der zweiten Hälfte der 50er Jahre in der Tat innovativ – unabhängig davon, was die Künstlerin selbst an unterkomplexen Verlautbarungen von sich gab (dem Sinn nach: „Ich verwende von Männern zur Destruktion geschaffene Werkzeuge, um Schönheit zu schaffen“). Niki de Saint Phalles Schießbilder ordneten sich ein in einen größeren Komplex rebellischer, die traditionellen Grenzen überschreitender Kunst. Ihre frühen Werke müssen als aktiver Teil der antiautoritären Revolte der 60er Jahre begriffen werden, als Teil einer nicht nur politischen, sondern auch kulturellen Umwälzung, die unsere gesellschaftliche Realität entscheidend verändert hat. In diesem Kontext hat dann auch das Werk von Niki de Saint Phalle seine künstlerische Bedeutung.

Der Umschlagpunkt kam relativ früh und hatte durchaus prophetische Qualitäten, denn der Übergang zum Kitsch der späten Arbeiten erfolgte noch vor dem Höhepunkt der Revolte. Bereits im Jahr 1966 entstand die wohl bedeutendste Nana-Skulptur. Diese war, wie auch die Schießbilder, eigentlich als Provokation geplant. Zusammen mit Per Olof Ultvedt und ihrem Ehemann Jean Tinguely entwarf und baute Niki de Saint Phalle eine gigantische liegende Frauenfigur vor dem Moderna Museet in Stockholm auf. Die Figur selbst war begehbar und wurde durch die Vagina betreten. Im Inneren fand sich dann unter anderem ein Kino, eine Milchbar und eine Galerie gefälschter Gemälde. Der damalige Leiter des Museums, Pontus Hultén war sich sicher, daß er für diese Aktion gefeuert werden würde – weshalb der Aufbau des Ganzen von der Öffentlichkeit verborgen wurde. Diese sollte vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Doch als Hon („Sie“ auf Schwedisch), wie die Skulptur hieß, enthüllt wurde, blieb der große Skandal aus. Das Werk wurde im Großen und Ganzen begeistert aufgenommen und während ihrer Existenz zu einem beliebten Ausflugsziel der Stockholmer Bevölkerung.

Hier zeigte sich schon, was aus der Revolte werden würde: Die Provokation würde vom Skandalon zur konsumierbaren Unterhaltung mutieren, der gesellschaftsverändernde Impetus in die Affirmation des grün-alternativen juste milieu umkippen. Man kann Hon sogar als eine Vorwegnahme des Guggenheim-Museums ansehen: Kunst als Massenbespaßung mit Progressivitätsbonus.

So gesehen muß die Niki de Saint Phalle-Ausstellung eigentlich als durchaus gelungen betrachtet werden. Sie macht noch einmal deutlich, was das Gebäude selbst schon impliziert hatte, nämlich eine grundlegende Veränderung in der gesellschaftlichen Bedeutung von Kunst. Kunst soll nicht mehr kritisches Korrektiv sein – wie problematisch dieser Anspruch auch immer im Rahmen der künstlerischen Moderne gewesen war. Dieser Anspruch wird vollständig entsorgt. Stattdessen wird der Kunst ein Platz auf der selben Ebene wie andere Unterhaltungsangebote auch zugewiesen. Indem die Ausstellung – sicher gegen die Intention ihrer Macher – diesen Prozeß in der Entwicklung des Werks von Niki de Saint Phalle sichtbar werden läßt, ist sie als Ausstellung durchaus gelungen, nicht nur trotz, sondern wegen der Banalität eines Großteils der ausgestellten Arbeiten.

Doch es gibt im Guggenheimmuseum von Bilbao nicht nur eine solche unfreiwillige Kritik des ganzen Museumskonzeptes. Das Museum beherbergt auch eine explizite Kritik des ganzen Guggenheim-Konzeptes. Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn der Autor einige seiner Überlegungen zu Richard Serras Installation The Matter of Time formulieren wird.

Advertisements

Written by alterbolschewik

7. Juni 2015 um 17:19

Veröffentlicht in Moderne

Tagged with ,

Eine Antwort

Subscribe to comments with RSS.

  1. […] die ihren Warencharakter gar nicht mehr verbirgt, sondern als Kunst offen zur Schau stellt. Einen interessanten Text über jene kunstgewerblichen Nanas verfaßte der Alte Bolschewik auf dem Blog „Shifting reality“, wo er über seine Reise ins […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s