shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

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Und Tschüss!

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Liebe Leserin, lieber Leser,

ich habe heute die Entscheidung getroffen, dieses Blog auf unbestimmte Zeit einzustellen. Ich habe einen derartigen Berg an Dingen zu erledigen, den ich schon viel zu lange vor mir herschiebe, daß ich die Zeit brauche, die in den letzten Jahren in dieses Blog geflossen ist.

Das ist nicht unbedingt ein Abschied für immer. Mir hat es sehr viel Spaß gemacht, mich in intellektuell etwas anspruchsvollere Themen einzuarbeiten; etwas, was man im drögen, grauen Alltag in der Regel nicht macht. Doch momentan fehlt mir dazu, realistisch gesehen, die Zeit. Weil das aber so viel Spaß gemacht hat, werde ich, wenn ich wieder mehr Luft habe, sicherlich weitermachen. Doch wann das genau sein wird, ist nicht abzusehen.

Bis dahin verabschiede ich mich mit den unsterblichen Worten:

I’ll be back!

Written by alterbolschewik

10. Juli 2015 at 13:10

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Jahresrückblick

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„I know there are readers in the world, as well as many other good people in it, who are no readers at all,—who find themselves ill at ease, unless they are let into the whole secret from first to last, of every thing which concerns you.“

Laurence Sterne, Tristram Shandy

Ist es wirklich erst ein dreiviertel Jahr her, daß ich begonnen habe, hier auf shifting reality zu schreiben? Irgendwie kommt es mir deutlich länger vor. Ursprünglich war das Ganze nur eine vage Idee, die ich unvorsichtigerweise che gegenüber geäußert hatte; wenige Tage später erhielt ich durch ches Vermittlung von momorulez die Zugangsberechtigung – und damit hatte ich den Salat: Ich mußte anfangen zu schreiben.

Ehrlich gesagt, ich hatte kein großes Konzept, sondern nur einige vage Ideen. Es sollte um die anti-autoritären Bewegungen der 60er und 70er Jahre gehen; und ich wollte etwas über die jugoslawische Praxis-Philosophie machen, die mich zu dieser Zeit beschäftigte. Zudem las ich fatalerweise zu der Zeit gerade von Karl May Waldröschen oder Die Rächerjagd rund um die Erde, was mir wohl die Vorstellung in den Kopf setzte, es wäre ganz lustig, das Ganze als eine Art historisch-philosophischen roman feuilleton aufzuziehen: Jede Woche sollte eine Folge mit einer bestimmten Länge erscheinen, am besten mit einem Cliffhanger am Ende jeder Veröffentlichung; dazu kämen wechselnde Schauplätze, die ich immer wieder überraschend verlassen würde, um woanders hinzuspringen, um dann irgendwann genauso überraschend den Faden wieder aufzunehmen. Jeder Beitrag sollte rund 1000 Wörter umfassen und immer Freitags erscheinen. Schnell kam das Konzept dazu, an den Anfang ein Zitat als eine Art Motto zu stellen und ihn mit einem Zitat zu beenden, das auf den Text der nächsten Woche neugierig machen soll.

Das alles ist im Großen und Ganzen auch gelungen – die Texte sind im Durchschnitt eher etwas länger, bis auf eine Woche habe ich jeden Freitag meinen Beitrag fertigbekommen und offensichtlich gibt es auch eine kleine, aber hartnäckige Schar von Lesern, die hier halbwegs regelmäßig hereinschaut. Ich kann mich also nicht beklagen.

Eine Paradoxie des Bloggens besteht, zumindest für mich, jetzt darin, daß ich viel weniger am Computer und vor allem weniger am Internet hänge, sondern viel mehr Bücher und Aufsätze lese (ganz zu schweigen davon, daß mein Konsum schlechter Filme rapide abgenommen hat). Und es macht mir, ganz ehrlich, tierisch Spaß, in den totgesagten Holzmedien auf Spurensuche zu gehen. Ich habe im letzten Dreivierteljahr mehr geschrieben und gelesen als in all den Jahren seit dem Ende meines Studiums.

Worum ging es nun inhaltlich? Im groben Rückblick lassen sich, glaube ich, drei Blöcke identifzieren: Zum einen ist dies die Auseinandersetzung um die jugoslawische Studentenbewegungen und ihr Bezug zur Philosophie der Praxis-Gruppe. Der zweite Block ist das Verhältnis von politischer und künstlerischer Bewegung, von politischer Revolution und von der Kunst inspirierter Umwälzung des Alltags. Und der dritte Block ist der Konflikt von Vorkriegs- und Nachkriegsgeneration, der die Revolte der 60er Jahre befeuerte.

Die Auseinandersetzung mit der spezifisch jugoslawischen Situation begann am 13. Mai mit einem Überblick über die Nachkriegsgeschichte Jugoslawiens und die Auseinandersetzungen innerhalb der jugoslawischen Philosophie. Ich schloß eine Erörterung über den Kunst-Begriff einiger Praxis-Philosophen an, um dann die Realgeschichte der jugoslawischen Bewegungen darzustellen, die in der Besetzung der Belgrader Universität im Juni 1968 kulminierte. Die Problematik des politischen Revolutionsbegriffs der Neuen Linken wurde dann anhand der Sommerschule von Korčula 1968 thematisiert, wobei ich im Juli dann Gajo Petrovićs brillianten Aufsatz Philosophie und Revolution hier erstmals in deutscher Sprache publizierte. Persönlicher Höhepunkt der Auseinandersetzung mit Jugoslawien war für mich dann die Konferenz auf Korčula, die die Rosa-Luxemburg-Stiftung zur Praxis-Philosophie veranstaltete und von der ich direkt aus Kroatien berichtete.

Das Thema des zweiten Blocks, das Verhältnis von künstlerischer und politischer Bewegung, tauchte in unterschiedlichsten Konstellationen immer wieder auf. Die erste kleinere Folge von Texten findet sich im April, wo ich mit der Diskussion über die Formen direkter Aktionen im bundesrepublikanischen SDS begann; hier wurde die direkte Aktion aber nur als neues taktisches Mittel für klassische politische Ziele begriffen. Dies kontrastierte ich dann mit den Thesen der französischen Situationisten, die unter dem Einfluß Henri Lefebvres eine Umwälzung des Alltags auf die Tagesordnung setzten. Erneut aufgenommen wurde das Thema dann am 10. Juni, als ich die subkulturellen Strömungen in Jugoslawien abhandelte; und im Prinzip ging es darum auch in einem dreiteiligen Exkurs über die These vom „Ende der Kunst“, der ab dem 22. Juli erschien. Die zwiespältige Zusammenführung von Subkultur und politischer Bewegung mußte dann thematisiert werden, als ich die Suche der Bewegung nach einer eigenen Sprache beschrieb. Diese wird dann notwendig, wenn sich im spontanen Ereignis die Bewegung konstituiert, diese sich aber ihrer selbst noch nicht bewußt ist und sich von der politischen Linken eine Sprache erborgt. Das daraus mögliche Mißverständnis, gewaltsame politische Revolution und provokative symbolische Aktion fälschlich zu identifizieren, führte mich dann zu einer Kritik des linken Terrorismus, wie sie sich in der BRD als Bewegung 2. Juni beziehungsweise RAF manifestierten.

Davon ausgehend versuchte ich in der Vorgeschichte der Bewegungen die Weichenstellungen zu finden, die eine solche Verkennung der Realität befördert hatten. Neben anderen Momenten wie der naiven Identifikation mit den antikolonialen Befreiungsbewegungen lief dies letztendlich auf eine Analyse des Generationenkonfliktes zwischen Vor- und Nachkriegsgeneration hinaus – womit wir beim dritten thematischen Block wären. Das war bereits anhand Jugoslawiens schon einmal zur Sprache gekommen, wurde jetzt aber ausführlichst diskutiert anhand der Auseinandersetzungen um Meinungsfreiheit und Zensur in den frühen 60er Jahren. Exemplarisch zeigte ich dies in sieben langen Folgen über die Streitigkeiten zwischen der Freiburger Studentenzeitung und dem amtierenden Rektor der Universität, Hans Thieme im Jahr 1960.

Soweit der Rückblick auf die Texte. Bleibt der Rückblick auf die Kommentare. Nun, allzuviel läßt sich hier nicht sagen, da sich das Kommentaraufkommen einigermaßen in Grenzen hält. Dank auf jeden Fall an alle, die sich im letzten Jahr die Mühe machen, hier zu kommentieren – ich weiß das wirklich zu schätzen. Allerdings muß ich auch zwei Kommentatoren erwähnen, die mich genervt haben: Zum einen war das ein Kommentator namens pyrrhon, der, ohne offensichtlich jemals eine Zeile Kant gelesen zu haben, sich als großer Kant-Kritiker aufspielte, was einfach nur peinlich und lächerlich war. Daß er irgendwann nicht mehr auftauchte, war eine Erleichterung.

Komplizierter ist das ganze mit momorulez, einst ein fleißiger Autor auf diesem Blog und im letzten Jahr gelegentlicher Kommentator. Zu Beginn habe ich seine Einwände durchaus ernst genommen (und im Ausblick für das neue Jahr weiter unten wird darauf auch noch einzugehen sein). Erst eine unangenehme Debatte bei che hat mir den ganz spezifischen Charakter seiner Art der Kommentiererei klargemacht. Momorulez betreibt etwas, was mir schon bei den Antideutschen jahrelang sauer aufgestoßen ist, nämlich das, was ich „symptomatische Lektüre“ nenne würde: Ein Text wird nicht daraufhin gelesen, was der Autor damit zu sagen versuchte, sondern es wird anhand von Symptomen nach einem Text hinter dem Text gesucht. Bei den Antideutschen ist das der Antisemitismus, bei momorulez ist das Heteronormativität. Und so wie die Antideutschen überall eine antisemitische Verschwörung wittern, findet momorulez auf Stichwort latente Homophobie – zum Beispiel beim Stichwort Punk. Um den Textinhalt geht es ihm überhaupt nicht, sondern um teilweise völlig an den Haaren herbeigezogenen Vermutungen, was „eigentlich“ und „unbewußt“ hinter dem Text stecke. Als ich ihn deswegen bei che angegriffen habe, fühlte er sich dadurch furchtbar „angefaßt“. Nun, er braucht keine Angst mehr zu haben, ich werde ihn bzw. seine Kommentare nicht einmal mehr mit der Kohlenzange anfassen.

Nichtsdestotrotz stimmt es natürlich – und da hat momorulez tatsächlich einen Punkt – daß eine ganze Menge Themen, die für die Entstehung der antiautoritären Bewegungen wichtig sind, im letzten Jahr noch überhaupt nicht zur Sprache gekommen sind. An realhistorischen Themen liegen mir dabei die folgenden am Herzen: Ein ganz großer und wichtiger Punkt ist die schwarze amerikanische Bürgerrechtsbewegung und ihre Radikalisierung hin zur Black Panther Party. Dann sind da die antikolonialen Befreiungsbewegungen, ihre Bedeutung im Kalten Krieg und ihre (äußerst verzerrte) Wahrnehmung von Seiten der antiautoritären Bewegungen in den kapitalistischen Metropolen. Wichtig ist aber ńicht nur der Blick nach Westen, sondern auch nach Osten: Die Emanzipationsbestrebungen in den „sozialistischen Bruderstaaten“ der Sowjetunion dürfen keineswegs vernachlässigt werden. Und außerdem würde ich gerne über die Bewegungen in Mexiko und Südamerika schreiben. Was davon im nächsten Jahr wirklich realisierbar ist, läßt sich jetzt noch schwer sagen.

Doch über Realgeschichte habe ich in den letzten Wochen mehr als genug geschrieben. Und deshalb will ich in nächster Zeit erst einmal wieder auf philosophisches Terrain abschweifen. Ich will einige Philosophen portraitieren, die aus der heutigen Diskussion fast vollständig verschwunden sind, die aber für die antiautoritären Bewegungen einst eminent wichtig waren. Den Anfang macht dabei Henri Lefebvre, dessen Kritik des Alltagslebens ich schon einmal kurz gestreift habe. Gerne würde ich mich auch noch einmal mit Milan Kangrga auseinandersetzen, der mich von den Praxis-Philosophen am meisten beeindruckt hat. Ein anderer möglicher Kandidat ist Herbert Marcuse – man wird sehen…

Nächste Woche allerdings wird es, zum Abschluß des letzten Themenblocks, um das Verhältnis der Bewegungen zu den Medien gehen. Freuen Sie sich also darauf, daß die Kommune I meint:

„Springer Zeitungen sind die Krönung jedes Frühstücks“ ([1])

Literaturverzeichnis

[1] Langhans, R. & Teufel, F., Klau mich, Frankfurt a.M. 1968.

Written by alterbolschewik

6. Januar 2012 at 16:00

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Pleased to meet you

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Pleased to meet you
Hope you guess my name
But what’s puzzling you
Is the nature of my game
The Rolling Stones: Sympathy For The Devil

Dank der freundlichen Erlaubnis von che und momorulez habe ich die Möglichkeit erhalten, künftig einige meiner mehr oder weniger relevanten Betrachtungen in diesem Blog zu veröffentlichen. Und da gebietet es zunächst einmal die Höflichkeit, mich vorzustellen und zu erklären, was zum Teufel ich hier eigentlich vorhabe.

Im analogen Leben macht der Alte Bolschewik seinem Namen alle Ehre: Tatsächlich ist er nicht mehr der Allerjüngste und seine Herkunft ist korrekt proletarisch. Konkret heißt das, der vierzigste Geburtstag ist schon länger her als es noch bis zum fünfzigsten dauert. Und das erste Jahrzehnt seines Lebens wuchs er in der Werkssiedlung der Landmaschinenfabrik auf, in der beide Elternteile arbeiteten.

Mit zehn Jahren allerdings wurde die Erfahrung des Arbeiterdaseins durch die intime Kenntnis des bäuerlichen Lebens ergänzt: Die Eltern zogen auf’s Dorf; das war ein katholischer Wallfahrtsort, der in dem einzigen Landkreis liegt, in dem die CDU bei den jüngsten Landtagswahlen in Baden-Württemberg statt zu verlieren Stimmen hinzugewonnen hat.

Für meine politische Sozialisation ausschlaggebend waren die einzigen zwei linken Publikationen, die mir in dieser Gegend zur Verfügung standen: Die damals von dem Trotzkisten Jakob Moneta herausgegebene IG-Metall-Zeitung, die mein Vater als überzeugtes Gewerkschaftsmitglied immer nach Hause mitbrachte; und der „Motzer“ – eine dieser Alternativzeitungen, wie sie in den 70er und frühen 80er Jahren als „Gegenöffentlichkeit“ überall, selbst in Oberschwaben, existierten (herausgegeben wurde der „Motzer“ übrigens von Oswald Metzger, der damals in der SPD war, dann als „Finanzexperte“ für die Grünen im Bundestag saß und jetzt Mitglied der CDU und der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft ist; auch eine oberschwäbische Karriere).

Die durch das Elternhaus vorgegebene grundsätzlich linke Ausrichtung führte dann während des Studiums ins linksradikale Lager, konkreter: In das der Autonomen. Jesses, war ich vielleicht stolz, als ein von mir verfaßtes Flugblatt explizit im Verfassungsschutzbericht zitiert wurde. Allerdings machte ich in der Folge die von che und netbitch in diesem Blog schon öfter thematisierte Erfahrung, daß die ursprünglich sehr vergnügliche Lebensweise eines autonomen Staatsfeindes gegen Ende der 80er Jahre durch einen protestantisch-lustfeindlichen moralischen Rigorismus verdrängt wurde, der meinem katholisch-barocken Naturell wenig entgegenkam. Die Polit-Szene wurde für mich immer nebensächlicher, während ich mich zunehmend (theoretisch und praktisch) der Musik widmete. Die verfassungsfeindlichen Aktivitäten ließen nach und irgendwann schloß ich dann mein Philosophiestudium mit einer Arbeit über den frühen Marx ab. Seither verkaufe ich einen (möglichst geringen) Teil meiner Arbeitskraft, um die Sachen zu finanzieren, die mir wirklich Spaß machen.

Und eine der Sachen, die mir wirklich Spaß machen, will ich in diesem Blog nachgehen: Nämlich über den Zusammenhang von politischen Bewegungen und Philosophie nachzudenken. Konkret heißt das für die nächste Zeit, daß ich mir so einige Gedanken darüber machen will, was die anti-autoritären Bewegungen der 60er und 70er Jahre ausmachte und welche Zusammenhänge zwischen politischer Bewegung und Philosophie existieren. Mein Augenmerk richtet sich dabei im Kern auf die Marxrezeption dieser Jahre; aber ich bin sicher, daß dabei auch die sogenannten „Postmodernen“ mehr als nur gestreift werden – und daß sich da erstaunliche Parallelen auftun.

Ich habe che und momorulez gebeten, das auf shiftingreality tun zu dürfen, weil ich zum einen glaube, daß hier das richtige Forum dafür ist und zum anderen, weil dieses Blog in letzter Zeit nicht gerade durch Aktivität aufgefallen ist – was ich schade finde. Mir jedenfalls liegt sehr viel an einer solchen Debatte; und wenn der eine oder die andere Zeit findet, gegen meine manchmal vielleicht allzu steilen Thesen Einspruch zu erheben, würde mich das sehr freuen. Ebenso, wenn die anderen Mitglieder dieses Blogs dadurch ermuntert würden, selbst wieder in die Tasten zu greifen…

Written by alterbolschewik

1. April 2011 at 11:22

Mal wieder Kraushaar lesen

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Sehr erhellend fand ich ja diese Beitrag, bei dem sich mir die Frage stellte, wie das denn jetzt ist und ob es nicht an der Zeit sei, zumindest teilweise den ursprünglichen Impetus der 68er wieder aufzugreifen – unter veränderten Zeitzeichen latürnich:

http://www1.bpb.de/publikationen/N86ETU,2,0,Denkmodelle_der_68erBeweg

Nachtrag zu einer alten Debatte

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Zu den Mucken und Tücken eines Ansatzes, um dessen Richtigkeit, Plausibilität und Reichweite Momorulez, Nörgler, T.Albert und ich uns heftigst gefetzt hatten kommt hier nochmal eine Perspektive, die das Ganze in eine neue Richtung aufspannt; ist allerdings reichlich sperriger Stoff.

http://www.wildcat-www.de/wildcat/66/w66hartm.htm

Zur historischen Schwäche der Linken

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Niemals war, zumindest hierzulande, die Linke als historische Kraft so schwach wie in den letzten Jahren, in der Defensive aber ist sie seit knapp zwei Jahrzehnten. Die Bonner Wende 1982 leitete eine Entwicklung ein, welche die Erfolge und Modernsierungseffekte, die 67er und Brandt´sche Reformpolitik erreicht hatten, kanalisieren und eindämmen, langfristig auch da, wo sie nicht zu einer Effektivierung des Kapitalismus führten, sondern soziale Forderungen über das Bestehende hinaus hervorbrachten rückgängig machen sollte. Der Rollback wäre auch ohne Kohl gekommen, denn schon Schmidt hatte mit NATO-Doppelbeschluss und Rotstiftpolitik die Grundlagen geschaffen. wahrscheinlich war es funktionaler für das System, wenn die FDP putschte und eine schwarzgelbe Regierung die Drecksarbeit erledigte, verhindete dies doch einen Linksruck innerhalb der SPD, deren Basis schon damals gegen Schmidt rebellierte. Eine SPD in der Opposition wirkte auch stabilisierend hinsichtlich der damals ja als Massenbewegung auftretenden Neuen sozialen Bewegungen, die sich mit einer SPD an der Regierung nicht für sozialdemokratische Politik vereinnahmen hätten lassen und möglicherweise sich radikalisiert hätten. Wi9e auch immer, den eigentlichen neoliberalen Durchmarsch nahm dann erst ausgerechnet Gerhard Schröder vor und brachte mit HartzIV und Dauerauslandseinsätze der Bundeswehr seine Partei politisch und moralisch auf den Tiefpunkt. Ich bin ja durchaus der Auffassung, dass sich trotz „geistig-moralischer Wende“ die westdeutsche Gesellschaft während der Achtziger durchaus noch nach links entwickelte, aber diese Entwicklung ist mit fortschreitender Tendenzen zur Entmündigung ganzer Bevölkerungsteile und einer repräsentativen Kulturpolitik für die Eliten einerseits und dem tittytainment des Unterschichtenfernsehens andererseits nachhaltig umgedreht.

Wenn ich da ein paar Blogs weiter immer noch etwas darüber lese, dass diese Gesellschaft von der Linken dominiert sei, es einen linken Mainstream in den Medien gäbe usw. frage ich mich, ob gewisse Autoren noch bei Verstand sind.

Written by chezweitausendeins

13. Juni 2009 at 17:07

Trommeln im Park

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Während ich dies schreibe, liegt meine schöne Nachbarin splitternackt und ein Buch lesend in ihrer Fensterbank und blinzelt mir zu. Das und die Körperhaltung, in der sie sich rekelt, könnte den Inhalt dieses Artikels schon wieder konterkarieren, aber das hat noch keinen Linksintellektuellen vom Ausformulieren seiner Standpunkte abgebracht.

– Ein absolutes Schlüsselerlebnis in den frühen Achtzigern war für mich eine spontane Jamsession in einem öffentlichen Park. Als ich zufällig dort vorbeikam, spielte eine Frau Gitarre, während ein Mann Querflöte blies. Es lagen noch ein paar Bomgos rum, und ich fragte, ob ich mitmachen dürfe. „Dafür sind wir hier!“ bekam ich zu hören. So setzte ich mich denn dazu und trommelte. Nach einer Weile kam jemand mit einer Ukulele vorbei, dann jemand mit Klarinette, irgendjemand reichte mir eine Mundharmonika. Ich konnte zwar nur Blockflöte, und auch das mehr schlecht als recht und bin eigentlich unmusikalisch, aber darauf kam es hier nicht an. Was wir spielten klang eh wie Freejazz. Immer mehr Leute schlossen sich uns an; tatsächlich hatte jemand das Gerücht gestreut, im Park fände ein Mitmach-Konzert statt, und also kamen die Leute, um es wahr werden zu lassen, sozusagen ein Gerücht in der Laborphase. Am Ende spielte ein Mann, über den sich herausstellte, dass er Domposaunist war, hinreißende Saxophonsoli in der Abenddämmerung.

Es war ein großartiger sehr langer Samstag, auf dem Freundschaften geknüpft wurden.

Gut 10 Jahre später spielte ich zwar keine Musik im Park, prügelte mich aber mit Cassandra mit Schlagstöcken, wovon die Passanten erstaunt, aber ohne heftige Reaktionen Notiz nahmen.

Es gab auch Konzerte, die umsonst im selben Park stattfanden und auch genauso hießen: Umsonst&draußen.

Wenn heute jemand im Park Musik spielt, dann, weil er oder sie Geld braucht, nicht als Ausdruck spontaner Lebensfreude und schon gar nicht als sich spontan findende Clique einander vorher Wildfremder (was nebenbei gesagt auch in Kneipen ein damals übliches Ereignis war). Ich habe ja sogar den Verdacht, würden wir heute so etwas machen, käme irgend ein Spinner daher und würde nach der GEMA-Anmeldung fragen. Und bei Stockkampf im Park holte man wahrscheinlich die Polizei. Ganz normal wären hingegen beide Ereignisse, wären sie ein „Event“ kontextualisiert mit irgendwas. Aber einfach so spontan, weils Spaß macht – das scheint mir von Allzuvielen als out of time angesehen zu sein. Wenn man etwas macht, dann hat es ein Programm, und da scheint mir ein impliziter Rechtfertigungsdruck dahinterzustehen.

Als ich kürzlich im Kollegenkreis erzählte, dass eine offene Zweierbeziehung mit erlaubten Seitensprüngen für mich eher das normale Beziehungsmodell darstellen würde als ein eheähnliches Verhältnis waren die verdutzt – niemand von denen teilte meine Ansicht. Für meine Generation und noch viel mehr die Altersdekade über mir galt eine solche Beziehungsform oftmals als linken Idealen gemäßer als das „Modell Ehe“, und Eifersucht als eine zwar menschlich verständliche, aber irgendwo unreife oder unaufgeklärte Emotion – ein Partner ist schließlich ein selbstbestimmter Mensch und kein Besitz. Gut, das mag alles erst mal ziemlich theoretisch und im praktischen Leben dann doch ganz anders umsetzbar sein, aber zumindest wurde in solche Richtungen gedacht, geredet und geliebt, und das scheint 10, 15 Jahre Jüngeren heute nicht einmal mehr ansatzweise vorstellbar zu sein. Dafür ist praktisch niemand mehr weder tätowiert noch gepierct noch intimrasiert. Auf der einen Seite wird der eigene Körper wie ein Kunstwerk inszeniert, auf der anderen Seite wird mit ihm viel weniger Spaßiges mehr gemacht als früher.

Written by chezweitausendeins

20. Mai 2009 at 17:54