shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Archive for the ‘Ordnungsrufe’ Category

STERNSTUNDE

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Eine absolute Sternstunde hatten wir 1992 im Seminar für Politikwissenschaft, als über die bevorstehende Asylrechtsabschaffung diskutiert wurde und ein RCDSler meinte, die vielen Asylbewerber wären für den steuerzahler einfach eine finanzielle belastung, die nicht zu verkraften sei. Ein Freund und Genosse von mir erwiderte darauf, verglichen mit den 17 Millionen Wirtschaftsasylanten, die die BRD 1990 aufgenommen hätte wären die doch ein Klacks. Unser Gegenüber war sprachlos und doch nahe an der Raserei.

Nachtrag zu einer alten Debatte

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Zu den Mucken und Tücken eines Ansatzes, um dessen Richtigkeit, Plausibilität und Reichweite Momorulez, Nörgler, T.Albert und ich uns heftigst gefetzt hatten kommt hier nochmal eine Perspektive, die das Ganze in eine neue Richtung aufspannt; ist allerdings reichlich sperriger Stoff.

http://www.wildcat-www.de/wildcat/66/w66hartm.htm

Unterwegs im Zug

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Da saß ich im Großraumwagen und hörte, wie sich zwei Studenten unterhielten. „Die Polizei holt inzwischen die übermäßig betrunkenen Fußballfans aus den Zügen, die kommen nicht nur nicht zum Spiel, sondern erst gar nicht in den Zielbahnhof, zumindest ist das der Plan. Auch noch nach dem Spiel werden die aufgegriffen und fahren erstmal ne Nacht ein.“ „Sehr schön, es wird die Zeit kommen, da macht man das mit allen ernsthaft Betrunkenen, wenn die sich in der Öffentlichkeit zeigen.“ „Übertriebener Alkoholkonsum sollte generell verboten werden.“

Na toll, jetzt sagen so etwas schon STUDENTEN. Das kann ja in Zukunft heiter werden mit solchen Mutanten in den Bildungsschichten.

Die Schrecken der Moderne(n)

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Gestern habe ich mir die – ich sag mal: mittelprächtige – Ausstellung „ENSOR – schrecken ohne ende“ im hier beheimateten nicht ganz unproblematischen Von-der-Heydt-Museum gesehen. Zu Ensor ließe sich ja auch viel sagen. Bekannt sind ja seine karnevalistischen BIlder mit Masken und Skeletten. (das wären ja zwei klassische topoi des Schreckens: die leere Maske und der Knochenschädel). Richtig gut fand ich aber seine Radierungen, die zumeist Massenszenen auf freiem Felde oder in Straßenschluchten zeigten. Die sind großartig. Wie auch seine Rochenbilder. Da sind die Formen von Hieronymus, aber auch eine Haltung, wie man sie bei Italo Calvino oder den Wimmelbildern der Kinderbücher finden kann. Die Ausstellung aber versucht das u.a. mit Gusatve Le Bon und seiner Massenpsychologie als Schrecken der Masse
zu kontextualisieren. Zitiert Cobra und die Gruppe „Les XX“, deren Mitglied Ensor war. Stellt ihn Dix, Scholz, Munch, Kollwitz, Ernst, Beckmann, Dali, Baselitz, Polke gegenüber, als bilde Ensor den Schnittpunkt aller Fluchtlinien der Moderne. Aber was sagt man denn, wenn man alle Kunst durch die Linse „Die Moderne produziere Schrecken ohne Ende“ zu lesen hat? Dass schließlich die Kontextualisierung beliebig sei, sofern es Moderne sei? Schlimmer noch: dass es dem Museum darum gehe, eigentlich nicht die Arbeit Ensors, sondern ihre eigenen Lagerbestände zu präsentieren? Mich lässt etrwas ratlos, dass ich selten so viel geschmunzelt und gelacht habe ob der ausgestellten Werke, was jedoch so gar nicht zum Ausstellungstitel zu passen scheint. Man kann ja mit gutem Grund Karneval unerträglich finden, wer ihn jedoch als Schrecken bezeichnet, nimmt die Perspektive des Souveräns ein, dem es um die eigene Ordnung bange geworden ist.

Written by lars

1. Dezember 2008 at 13:42

Ein rationalisierter Hassausbruch gegen die Unterschichten

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Ich hatte an anderer Stelle gesagt, dass ich es für leichtfertig und unsinnig halte, wenn, wie im Zusammenhang mit der Immobilienkrise in den USA, die der Weltfinanzkrise vorausging und sie in Gang brachte geschehen, Baudarlehen an Leute ohne Sicherheiten vergeben wurden. Mit Momorulez hatte ich ja eine leichte Rangelei, weil er meine Äußerungen, die etwas mit Finanzierungsrisiken zu tun hatten und der Frage, welche Art von Baufinanzierung realistisch ist, als sozialplanerisches Machtdenken mißverstand, das Unterschichtsangehörige auf den gesellschaftlichen Platz verweisen will, der ihnen von Oben zugedacht ist.

Das allerdings findet sich hier in Reinkultur, und es ist ekelhaft, wie hier genau damit, mit dem Erzeugen von Ekel auf die sozial Schwachen gearbeitet wird:

„Under constant political pressure, which went almost unresisted by conservatives, a lot of lousy mortgages that would never be repaid were handed out to Jim Jerk and his drinking buddies and all the ex-wives and single mothers with whom Jim and his pals have littered the nation.“
Es untermenschelt fühlbar.

http://www.weeklystandard.com/Utilities/printer_preview.asp?idArticle=15791&R=13CD714ED6

Written by chezweitausendeins

12. November 2008 at 14:25

Ihr Typen sagt immer, das wäre nicht passiert!

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In den achtziger Jahren waren Sie im Pop-Geschäft eine Vorkämpferin des Feminismus…

Finden Sie? Nun, ich verbrannte schon als jugendliche auf meiner allerersten Demonstration meinen Stütz-BH und alles, was ich finden konnte, das pink war.

Wurde die Verbrennung von BHs auf Demonstrationen nicht als Mythos entlarvt?

Ihr Typen sagt immer, das wäre nicht passiert. Das ist genau das, was sie in meinem Land machen. Sie versuchen uns unsere Geschichte zu nehmen, damit sie uns anschwindeln können. Inzwischen haben die Menschen schon vergessen, dass sie das Recht auf freie Meinungsäußerung haben. All diesen armen religiösen Menschen wurden die Gehirne gewaschen. Man hat ihnen erfolgreich eingeredet, dass es in Wahlen um Religion ginge. Dabei könnten diese Figuren, die sie gewählt haben, auf keine Weise so handeln, wenn sie auch nur irgendeine Verbindung zu irgendeiner Art von Gott haben. Sie haben sich von ihren eigenen Herzen losgelöst, und das ist ein entscheidender Schritt: denn sie begannen, große Fehler zu machen und nicht mehr auf ihre innere Stimme zu hören, die einem sagt, was Recht und Unrecht ist. Sie haben katastrophale Entscheidungen getroffen, aufgrund derer andere draufgingen. Diejenigen, denen man verklickerte, dass man ihren Gott verteidigen würde, wurden allesamt betrogen. Denn ihr Dollar ist jetzt nichts mehr wert….Was über Clinton verbreitet wurde war sexistisch, und ich finde es zum Kotzen, solchen Dreck mit anzuhören…Heute sieht man keine Girl Power mehr. Man sieht frauenfeindlichen Scheiß und Mädchen, die sich verhalten, als wären sie lobotomiert, abgestumpft, interesselos, wie betäubt. Babes, ihr habt keine Power! Ihr könntet genauso gut Halsband und Leine tragen….Ich will, dass die Leute sich gut fühlen…Und dass man immer wieder aufstehen kann, wenn man am Boden ist. Jeder hat es in sich.

Cyndi Lauper im Interview mit dem österreichischen Nachrichtenmagazin Profil.

Strategien der Neuen Rechten

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„Es gibt bei sich liberal tarnenden Konservativen eine lange Tradition, ihre Gegner als die monolithischen Mächte des Hasses und des Vorurteils anzuschwärzen, während sie sich selbst in der Rolle der aufgeklärten Vertreter von Freiheit, Anstand und Vernunft gefallen.“

Und zentrales Element der Strategie der Neuen Rechten ist es, den Kampf gegen Rassismus als Herrschaftsrhetorik der Linken darzustellen und ansonsten süffisant zu suggerieren, es gäbe ihn ja gar nicht. Für sowas Primitives sind Weiße ja auch viel zu aufgeklärt. Viel mehr haben doch allesamt diesen Schwarzen gegenüber eine Beißhemmung aufgrund des Meinungsterrors der Linken und den gleichgeschalteten Mainstream-Medien. Vor allem in den USA bekanntlich Bastionen der Demokraten. Ja, ja, wenn Du zum Neger gehst, vergiß die Peitsche nicht. Assymetrien der Lebenschancen und Klischees wie die historische Wirkung von Sklaverei und Rassentrennung gibt es nämlich gar nicht, die hat die Linke immer schon erfunden, insbesondere im US-Wahlkampf 1964, als laut Milton Friedman Rassismus ja nur eine Geschmacksfrage (von mir aus auch eine der Präferenzen, halte das immer noch für unglücklich übersetzt) war.

Na, aber nur und ausschließlich aufgrund der staatlichen Freddy Mae und Freddy Mac oder wie die heißen gibt’s ja bald auch weiße Slums in den USA. Ja, ja, so sieht Verstaatlichung aus: Weiße müssen auf einmal leben wie die Nigger. Der Kapitalismus hätte wenigstens die Weißen davor bewahrt, denn er kann eine Brücke sein.

Weiteres Element der Strategie der Neuen Rechten ist, alle Nicht-Arier vorsichtshalber erstmal unter Antisemitismus-Verdacht zu stellen, wahlweise auch der Homophobie zu bezichtigen,  je nachdem, ob man gerade auf dem Feld USA oder Europa argumentiert, und dem Antisemtismus dann im nächsten Zug als immer schon linkes Phänomen zu behaupten, ganz, wie kommunistische Kampftruppen wie der Alldeutsche Verband und der Deutsche Flottenverband oder auch diese Ostmarkentruppe damals unter Wilhelm Zwo es ja belegen. NATO-Interventionen in Georgien hätten die übrigens super gefunden, die ostelbischen Junker.

Der Deutsch-Völkische Schutz- und Trutzbund: Eine strikt sozialdemokratische Kaderorganisation, Gobineau und Lamarque und Wagners Schwiegersohn, hieß  der Chamberlain?: Vorkämpfer für’s Klassenbewußtsein; Adolf Stoeckers Christlich-Soziale Union, pardon, Partei verortete sich ebenfalls in der Tradition des christlich-jüdischen Abendlandes. Steckt ja auch „sozial“ mit drin. Also: Sozialdemokraten!

Ach, googlet doch selbst …. kann irgendjemand vielleicht mal darüber aufklären, daß es sich beim Antisemitismus der Nazis um eine Form des Rassismus handelte? Und wie viele Leute 1931 Sätze mit „Ich bin ja kein Antisemit, aber …“ begonnen haben, das kann man sich ja vorstellen. Implizite Einstellungen gab’s aber damals schon nicht. Weil die Sozialpsychologie diese noch nicht erfunden hatte.

Wieso das wichtig ist? Weil ich mich weigere, diese ganzen Staats-Interventionen in der Finanzmarktskrise als „Linksruck“ wahrzunehmen …

Written by momorulez

15. Oktober 2008 at 9:42

Die Wiedergeburt der Nation aus dem Geist der WM: Gebt mir ein Leitbild!

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„18 Jahre Deutsche Einheit. Eine neue Generation ist volljährig, die die Teilung nicht erlebt hat. Das sind junge „Leute, die nach vorne blicken, die etwas bewegen und ihr Leben in die Hand nehmen möchten. Und es sind junge Menschen, von denen viele stolz auf Deutschland sind, die zu ihrem, zu unserem Land stehen. Die das Wir-Gefühl bei der Fußball-WM genossen haben und die sagen: ,Ich finde es gut, wenn wir als Nation zusammenhalten.‘ Umfragen haben gezeigt, dass der Begriff Nation bei unseren Jugendlichen positiv besetzt ist. Das erstaunt, wenn man selbst in einer Zeit der Zweifel und Selbstkritik aufgewachsen ist und mit der Einstellung zum eigenen Land vielleicht auch gerungen hat. Und es ermutigt. Denn endlich wächst das Zutrauen: Es kann gelingen, sich der eigenen Geschichte bewusst zu sein und zugleich im Reinen mit Deutschland zu sein. (…) Um unsere Kultur schätzen zu können, müssen wir sie auch wirklich kennen und unseren Kindern und Jugendlichen nahebringen.“

Na, Ole, lieber als die Goetsch biste mir ja auch allemal, diese Verräterin, aber isses nicht ein bißchen dreist, daß nun ausgerechnet Du, der zu verantworten hat, daß diese Stadt kulturell annähernd tot ist vor lauter Event-Großmannssucht und Elb-Philharmonie, hier von „unsere Kultur“ quasselst? Was soll’n das sein? Alltagsrituale bei der BILD und und in der Immobilienbranche?

Das sind junge „Leute, die nach vorne blicken, die etwas bewegen und ihr Leben in die Hand nehmen möchten“ – wäre ja auch ungewöhnlich in dem Alter, wenn das nicht so wäre: Da werden die sich auch von Dir nicht dran hindern lassen.

„Die das Wir-Gefühl bei der Fußball-WM genossen haben und die sagen: ,Ich finde es gut, wenn wir als Nation zusammenhalten“ – z.B. in Mügeln, gelle?

Wo schon ansonsten alle solidarischen Strukturen jenseits der Arbeitgeberverbände und anderer Hintermänner des Herrn von Beust diskreditiert und zerschlagen sind nach 18 Jahren brutalem Neoliberalismus und der Wiedergeburt der Nation aus der rassistisch motivierten Vernichtung des Asylrechtsparagraphen, greift die nationale „Elite“ dann zur „positiven Besetzung“ des Nationsbegriffs, hat ja schon immer geklappt.

Es kann gelingen, sich der eigenen Geschichte bewusst zu sein und zugleich im Reinen mit Deutschland zu sein.“ Das ist ja schon wieder so diffus formuliert, daß es wirkt, als könne man mit dem Holocaust irgendwie in’s Reine kommen, sorry, geht nicht. Kann nicht gehen. Kann man nicht. Niemals. Den wird man nicht los, wenn man „deutsch“ sagt. Eine Formulierung wie „in’s Reine kommen“ ist da ja an sich schon erstaunlich, ging immerhin um Rassenhygiene damals.

So als erklärter Verfassungspatriot, der ich bin, finde ich ja auch vieles super, was nach dem Kriege sich so etablierte. Sozialstaat, Betonung der Menschenwürde wenigstens im Grundgesetz, wenn schon nicht auf den Fluren der Arbeitsagenturen oder in den Abschiebezonen der Flughäfen,  Mitbestimmung in Betrieben, „Rheinischer Kapitalismus“, Demokratie, Förderalismus, der Verzicht auf Glanz und Glorie und doofen Pomp, das Recht, den Kriegsdienst zu verweigern, Religionsfreiheit  – gut, es sind nur Auszüge aus der Rede, aber KEIN EINZIGES DIESER MOTIVE FINDET IN IHNEN AUCH NUR ERWÄHNUNG, ganz, als sei „das Volk“, „die Nation“ wieder eine „Gemeinschaft“ vor aller Verfassung und Staatsförmigkeit mit irgendwelchen kulturellen Eigenschaften – sagma, Herr von Beust, merkst Du eigentlich, was Du da redest? Was ist eigentlich aus Laibach geworden?

Der Zackenbarsch, der Zackenbarsch …

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… na, einen Reim kann sich ja jeder selbst drauf machen.

Bemerkenswerter Dialog im Thread des St. Pauli-Forums zu den „Vorkommnissen“ (laut Rostocker Funktionären ja „Nebensächlichkeiten“) in Rostock am Freitag:

 

Jeky: „Aber die Wechselgesänge „Wir haben einen Haßgegner..das sind die schwulen Hamburger“ mit reger Beteiligung, bin ich da auch empfindlich, Deiner Ansicht nach?“

Zackenbarsch: „Das ist eine (für mich) blöde Frage, auf die ich dir keine Antwort geben kann, die uns beide befriedigt. Natürlich bist du nicht zu empfindlich, und ich und viele andere singen sowas nicht mit (sehr viele tun es natürlich). Aber, und jetzt versteh mich bitte, bitte nicht falsch: Mir ist es momentan lieber, die Leute singen etwas, dass in Idiotenkreisen hoffähig als ‚reguläres‘ Schimpfwort ist, als offensichtlich nazistische oder antisemitische Scheisse.“

 

Womit Schwulenhaß als „in Idiotenkreisen reguläres Schimpfwort“ der nazistischen Scheiße sozusagen entronnen ist. Uff, Glück gehabt!

Beat Wyss und der „ewige Hitlerjunge“: Hart wie Kruppstahl, flink wie Windhunde und zäh wie Leder

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Blöd für manche, daß der Titel „Der ewige Jude“ schon vergeben ist. Anspielungsreich das Ausweichmanöver: So ist ein „Essays“, abgedruckt in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Monopol“ zum Thema Joseph Beuys, überschrieben mit „Der ewige Hitlerjunge“. Als sei das nicht schon schlimm genug, kündigt eine Schrift auf dem Titelblatt den Text mit den folgenden Worten an: „Mythos Beuys: Wieso die künstlerische Heilsfigur ein Wiedergänger der dreißiger Jahre war“.

Nun ist’s vielleicht wirklich überinterpretiert, in’s „Wiedergänger“-Motiv den Mythos von Ahasver hinzudeuteln, aber in welche Richtung dieses „Essays“ weist, wird dennoch deutlich: Ganz auf der Linie von Zettel, Grass-Bashern und Götz Aly wird versucht, jegliche sinnvolle Analyse des „3. Reiches“ zu unterbinden, indem man es in ’68 und die Bewegten hineinprojiziert. Und umgekehrt.

Habe ein wenig über Herrn Wyss gegooglet, scheint ja über ein gewisses Renomée zu verfügen, der Mann; liest man den Text, so fragt man sich doch, warum denn eigentlich. Bei ihm mutieren die dreißiger Jahre, als Kommunisten umgebracht, Erich Mühsam massakriert und Carl von Ossietzky eingekerkert, Bücher verbrannt und Juden zunächst mal „nur“ enteignet und aus allen öffentlichen Ämtern verbannt und boykottiert wurden, als unter Zuarbeit von Carl Schmitt Rassengesetze erlassen wurden, zu einer anthroposophisch untermauerten Feier von Wandervogel und Jugendbewegung mit sozialrevolutionärem Anspruch und „antiautoritärem“ Charakter.

Da reibt man sich erstaunt die Augen, der entsprechende Passus sei gleich noch mal zitiert, enthält er doch noch ’ne dolle, dialektische Wende; und natürlich gibt es Linien, die von Wandervogel und Jugendbewegung in’s „3. Reich“ wiesen, natürlich verstand es sich auch als sozialrevolutionär, und natürlich finden sich bei Steiner und der historischen Anthroposophie allerlei völkische Akzente.

Es wäre auch erstaunlich, wenn bei Beuys nix hängengeblieben wäre von alledem, 1933 war er zwölf Jahre alt, hat also prägende Jahre als Pimpf erlebt. Der Artikel weiß auch zu zitieren, wie Beuys selbst in einer Veröffentlichung von 1973 von dieser Zeit berichtete:

„Man muss ja zugeben, dass – etwa im Gegensatz zu heute – damals die Situation für jugendliche in gewisser Weise ideal war, um sich auszuleben. Es kann keine Rede davon sein, daß wir manipuliert worden sind; gut, man stand in Reih und Glied und trug die Uniform, aber ansonsten fühlten wir uns unabhängig.“

Das „Essays“ fügt an’s Zitat, „Beuys schwamm wie in Fisch im Wasser des braunen Zeitgeistes“. Weil er sich ja , im Zitat erkenntlich, ausgiebig für antisemitische Hetze, „Volk braucht Raum“-Ideologie und Hingabe an den Führer erwärmte, auch retrospektiv.

Ich kenne diese Geschichten von der HJ als eine Art spaßige Pfadfinderlager noch von meinem Vater, Jahrgang 1927; der hat sie mir eher erzählt, um zu demonstrieren, daß natürlich über solch ein Jugendabenteuer-Surrounding  auch ihm die Nazi-Überzeugungen vermittelt wurden. Und dies wiederum berichtete er, um den heute noch gültigen und bis hin zu Knopp verbreiteten Mythos, die Deutschen seien Hitlers Opfer gewesen, zurückzuweisen: Nö, die haben halt kräftig mitgemischt, und es hat ihnen grauenhafter Weise sogar Spaß gemacht. Würde meinerseits das Beuys-Zitat genau so auch lesen, „nee, wir waren nicht manipuliert, wir fanden das auch noch gut“ – für Wyss ist dies Schwärmerei.

Aber zurück zum antiautoritären Charakter des Nazi-Regimes:

„Im Künstlerhabitus verinnerlichte Beuys Ideen und Symbole, die er als Hitlerjunge eingeimpft bekommen hatte: An erster Stelle stand die antiautoritäre NS-Jugendpolitik, die es darauf anlegte, die Kinder als verwegene Phalanx des Systems und Aufpasser gegen die Eltern und Lehrer einzustezen. Denn die Jugend unter dem Hitler-Regime war bildbarer und kontrollierbarer als die Elterngeneration; indoktriniert von Schulen und Vereinen, kannte sie nichts anderes als die Ideologie des 3. Reiches. Die Jugend wurde geradezu angehalten, sich gegen die Autorität der alten liberalen, aber auch religiösen Eltern respektlos, zugleich aber der Neuordnung autoritär verpflichtet zu zeigen. Diese Doppelstragie funktionierte bei den Achtundsechzigern  nicht anders: Sie waren aufsässig gegen das „faschistische“ Bürgertum“, hörig den kommunistischen Ideologien. Sie waren beherrscht vom antiautoritären Autoritarismus. Beuys hat die Zangenoperation in’s Kunstsystem übertragen.“

Beat Wyss, Der ewige Hitlerjunge, in: Monopol Nr. 10/2008, S. 81-82

Da haben wir sie wieder, die konservative Zangenoperation: Ganz wie im Heimatfilm brach wie aus dem Nichts über sittliche Kirchen und vorbildlich liberales Bürgertum ’33 wie auch ’68 die Aufsässigkeit der wilden Horden.

Der antiautoritäre Geist von Hart wie Kruppstahl, flink wie Windhunde und zäh wie Leder“ kehrte ja auch wieder als Slogan aus Gammler-Mündern, und die Entgegnung liberaler Atoritäten formulierte dann Freddy Quinn in „Wir“. Brandschatzend zogen die Nazis durch die Kirchen und Villen des nicht-jüdischen gehobenen Bürgertums und ließen derweil Sozialdemokraten und kommunistische Sozialrevolutionäre in Ruhe, die ja auch Liberales und Klerikales so gar nicht teilen wollten. Die Vereine und Schulen erfolgten derweil in jugendlicher Selbstorgansiation, ganz die linken Ideale von später vorwegnehmend, dort die vorbildich demokratische Elterngeneration von Weimar im Zaume haltend.

Es soll ja gar nicht bestritten werden, daß es sowas wie einen „autoritären Antiautoritarismus“ gegeben hat unter 68ern. Das hat nur mit dem „3. Reich“ nix zu tun.

So geht’s dann auch fröhlich weiter im Text: Das clowneske Schamanentum von Beuys bezieht Beat Wyss auch auf Beckett, aber auch das ist eigentlich nazistisch, weil er ja sowas wie ’ne Uniform trug, der Beuys.

Wie ja eh der Nationalsozialismus als Höhepunkt des Schamanentums zu rezipieren ist, wo Beuys den Künstler-Schamanen tatsächlich gab. An nordischen Mythen hat er sich auch vergriffen, weil das auch und immer schon nur und ausschließlich Nazis waren, die diese kommentierten – und der „dritte Weg“ zwischen „Kommunismus und Kapitalismus“, den Beuys „predigte“, war ein „Gemeinplatz völkischer Nationrevolutionäre im Klima der Lebensreform“, da hatte Ludwig Erhardt seine „sozialen Marktwirtschaft“ dann wohl auch her. Wie die Suche nach dem „3. Weg“ wiederum zum Hörigsein den kommunistischen Ideologien gegenüber paßt, das erläutert Herr Wyss nicht.

Beuys Vorstellung von Politik als „sozialer Plastik“ sei „patriachal bis in’s Mark“; inwiefern, das wird nicht weiter begründet, stattdessen geht Herr Wyss direkt über zur „Honigpumppe am Arbeitsplatz“ und der Beuysschen „Materialsemantik“, die „wenig demokratische Transparenz“ verrate.

Ich kenne die Kunst von Beuys tatsächlich nur flüchtig, aber hallo, was ist denn das für eine Vorstellung von Kunst, daß sie gewissermaßen der Logik des Grundgestzes folgen solle?

Beuys gilt natürlich gemeinhein als einer von jenen, die die Differenz von Kunst und Leben aufheben wollten, vieleicht hat Herr Wyss sogar in allem recht, aber wieso schreibt er über solche Fragen dann gerade nicht???

Es macht einen ganz irre, wie man ohne jeglichen Beleg, ohne jegliche Erläuterung da Versatzstücke aneinander gereiht liest, die etwas anderes als Denunziation gar nicht bezwecken können wollen.

Beuys habe eine Stiftung gegründet, die dann als „brauner Rand“ in den frühen Grünen aufgegangen sei -kann ja sein, aber so mal eben unbelegt dahingeworfen, was erklärt das? Er habe immer an einer Theorie des „Völkskörpers“ und der „organischen Gesellschaft“ festgehalten, gestützt wird diese Aussage lediglich durch die Interpretation der Honigpumpe, die zumindest mir recht eigenwillig, weil angelesen erscheint: Womit jenseits der reinen Biographie, daß Beuys eben noch zur HJ-und Kriegsgeneration gehörte und diese Erfahrungen in seinem Werk auch verarbeitet hat, der einzig markante Bezug zu Nazi-Ideologien hergestellt wäre, „Volkskörper“ und „organische Gesellschaft“.

Doch das federt Wyss durch die Bezüge auf Rudolf Steiner wiederum ab, von dem Beuys beeinflußt war. Welcher ja durchaus mit dem Zeitgeist der 30er Jahre in Verbindung gebracht werden kann, aber reicht das für den „ewigen Hitlerjungen“?

Das kann man allenfalls behaupten, wenn diese Jugenderlebnisse von Freiheit und Spaß selbst, die Beuys ja in der HJ erlebt zu haben glaubte, dann auch schon alles sind – und dann hätte der Text genau so gut „der ewige Pfadfinder“ und „der ewgie Jugendsportler“ heißen könne. Eine Gleichsetzung von Pfadfindern und HJ ist das keineswegs – daß man diese aber analog erlebt haben kann, das ist ja unabweislich und macht gerade ihren Schrecken aus.

Kann’s sein, daß Herr Wyss sich nicht vielmehr nach einer Renaissance des Autoritären sehnt? Liest man die Pointe des Textes, so will es so scheinen:

„Noch heute wird wird an an der Botschaft von Beuys fleißig weitergehäkelt: Vom Heer der Kunsterzieherinnen und Kunsterzieher, die aus Kunst ein Kinderland machen wollen. Beim Fördern von Kreativität möchte man nicht auf die gemütliche Wärme verzichten, die beim gemeinsamen Basteln aufkommt.“

Beat Wyss, Der ewige Hitlerjunge, Monopol 10/2008, S. 83

Ach ja, seufz, Herr Wyss, wären Kunst und Kindheit doch wieder hart wie Kruppstahl, flink wie Windhunde und zäh wie Leder ….

PS: Eine Reaktion in DIE WELT sei nicht vorenthalten:

„Als „niederträchtig und abstrus“ bezeichnet der ehemalige Beuys-Sekretär Heiner Bastian solche Vorwürfe. „Ich fühle mich selbst betroffen. Für mich war das Studium des grauenhaften Naziregimes eine der furchtbarsten Erfahrungen. Ich habe in vielen Gesprächen mit Joseph Beuys, dessen Freund ich sein durfte, dieses Grauen geteilt. Können Sie sich ein Werk wie die ,Auschwitz-Vitrine‘, eines der traurigsten und erschütterndsten, zugleich klarsten Kunstwerke, welches sich direkt auf den Zivilisationsverlust des Naziregimes bezieht, von einem Künstler vorstellten, wie er von Beat Wyss charakterisiert wurde?“, schreibt er in einem offenen Brief an die „Monopol“-Redaktion.“

Written by momorulez

28. September 2008 at 18:25