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6. Juni 1971: Wir haben abgetrieben!

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Der Kampf gegen den § 218 (17)

„Die jüngsten Umfragen bestätigen: Wenn heute unter den zwölf Millionen Frauen der Bundesrepublik im gebärfähigen Alter zwischen fünfzehn und fünfundvierzig Jahren ein Plebiszit über das Verbot der Schwangerschaftsunterbrechung stattfände, wenn es stattfinden könnte – das Verbot würde fallen.“

Hans Schueler, 1971

Was bisher geschah: Anfang Mai 1971 kam Alice Schwarzer aus Paris, um eine öffentliche Bekenntnisaktion zur Abtreibung nach französischem Vorbild auch in Deutschland zu initiieren. Bei Parteien und Gewerkschaften stieß sie auf wenig Unterstützung, fand aber erste Bündnispartnerinnen in der Frankfurter Frauenaktion 70, mit der zusammen sie den deutschen Aufruf verfaßte, der dann im Stern erscheinen sollte. Danach folgte eine Rundreise zu den studentischen Frauengruppen an den Universitäten Frankfurt, München und Berlin. Die Frankfurterinnen wollten sich aus dogmatischen Gründen nicht beteiligen, die Münchner Gruppe spaltete sich an dieser Frage, nur die Berlinerinnen unterstützten die Kampagne ohne Wenn und Aber.

Sinn des Ganzen war es natürlich, die Justiz unter Druck zu setzen. Denn auf das öffentliche Bekenntnis mußten eigentlich staatsanwaltschaftliche Ermittlungen erfolgen. Der Stern zitierte den Hamburger Oberstaatsanwalt Beck:

„Natürlich müssen wir die Strafverfolgung einleiten. Wir sind gezwungen, uns so lange an ein Gesetz zu halten, wie es gilt. Das ist ein Prinzip des Rechtsstaates. Wenn uns eine strafbare Handlung gegen den Paragraphen 218 bekannt wird und wir verfolgen sie nicht, begehen wir eine Begünstigung im Amt und können selbst bestraft werden. Wir können auch nicht so tun, als läsen wir den STERN nicht.“ ([3], S. 22)

Die Gefahr bestand also durchaus, daß die unterschreibenden Frauen Ärger mit der Justiz bekommen würden. Und immerhin stand auf Abtreibung damals noch bis zu 5 Jahren Haft – auch wenn dieses Strafmaß praktisch nie ausgesprochen wurde. In der Regel beließ man es bei Geldstrafen oder einer Haftstrafe von 3 Monaten auf Bewährung ([5]). Doch ein gewisses Risiko gingen die Unterzeichnerinnen durchaus ein. Die Französinnen hatten bei ihrer Aktion versucht, sich dagegen abzusichern, indem sie eine Reihe prominenter Frauen dazu brachten, sich dem Ganzen anzuschließen – was Dank des Adressbuches von Simone de Beauvoir kein großes Problem war. Ähnlich prominente Namen wie die auf der französischen Liste sollten auch in Deutschland zum Schutz der großen Masse der ganz normalen Frauen dienen.

Doch woher nehmen? Alice Schwarzer war – zumindest damals – keine Simone de Beauvoir, die sich einfach ans Telefon hängen und mit dem ganzen Gewicht ihrer Persönlichkeit Frauen im Rampenlicht der Öffentlichkeit davon überzeugen konnte, bei so einer Aktion mitzumachen. Wie also gelang es Schwarzer, an die Unterschrift einiger bekannter Schauspielerinnen zu kommen? Ganz klar ist das nicht. Offensichtlich war Romy Schneider die Türöffnerin:

„Die lebt zu der Zeit gerade in Deutschland mit Harry Meyen und ihrem Sohn, aber ist natürlich über die französische Aktion, bei der viele von ihr geschätzte Kolleginnen mitgemacht hatten, auf dem Laufenden. Wir telefonieren miteinander, und bereits am nächsten Tag trifft ihre Unterschrift ein, mit dem Satz am Rand des Blattes: »Da bin ich ganz und gar dafür!!!« Drei Ausrufezeichen.“ ([6], S. 240)

Und so finden sich dann auf der Liste der 376 Frauen (ja, es sind zwei mehr als immer angegeben – offensichtlich hat nie jemand richtig nachgezählt) 22 Schauspielerinnen, die bereit sind, mit einem solchen Bekenntnis möglicherweise ihre Karriere zu ruinieren.

Als klar war, daß Schwarzer die versprochenen Unterschriften zusammenbekommen würde, wurde auch der Stern aktiv und schickte sie mit dem profilierten Fotographen Robert Lebeck los, Bildmaterial für den Artikel zu erstellen. Und so zierten Frauen des Sozialistischen Frauenbundes West-Berlin in doppelseitiger Aufmachung Schwarzers Artikel und die Unterschriftenliste.

Als dann am 6. Juni 1971 die Nummer des Sterns mit dem legendären Cover erschien, kam es zu vehementen publizistischen Reaktionen – auch von Seiten, von denen man es nicht erwartet hätte:

„Nicht nur Bild versucht die Aktion 218 als »Prominentengag« runterzuschreiben, auch die Süddeutsche Zeitung spricht von »Exhibitionismus« (»schamlos«) und die Frankfurter Rundschau ortet gar »Konsumwahn« (»Pelzmantel statt Kind«) sowie eine »Vernichtung unwerten Lebens« – ganz im Sinne von Kardinal Jaeger, für den die Aktion 218 eine Art »neues Euthanasieprogramm« ist.“ ([6], S. 243)

Doch auf das unterste Niveau stieg Hans Habe in der Welt am Sonntag hinab:

„Er bezog sich auf die »Dame ohne Unterleib« und schrieb: »Nicht weniger krüppelhaft als die Schaustellung „keines“ Unterleibes ist die Schaustellung des Unterleibes.« Die Bekennerinnen, »samt und sonders Verfechterinnen des freien Sexus«, provozierten »ekelerregende Vorstellungen«. Er könne sich keinen Mann vorstellen, »der die Aufmerksamkeit auf den operierten Unterleib seiner Frau oder seiner Geliebten zu lenken wünscht«. Mit diesem Selbstbekenntnis machten sich Frauen unattraktiv, den »die Schamlosigkeit, mit der sie uns ihr Privatestes enthüllen, macht ihr Privatestes reizlos«. Übrig bleibe »eine abstoßende Reklame, ein Striptease, der sich nicht mehr mit der totalen Nacktheit begnügt, der nun – es mußte so kommen – auch die Gedärme entblößt«.“ ([2], S. 113)

Unterstützung kam eigentlich nur von der Zeit, und – mit Abstrichen – vom Spiegel. In der Zeit bündelte Hans Schueler sachlich alle Argumente, die für eine Abschaffung des § 218 sprachen und wies vor allem auf die Diskrepanz zwischen dem eigentlichen Ausmaßes der Abtreibung – geschätzte 400.000 bis eine Million Fälle pro Jahr – und der tatsächlichen Strafverfolgung – rund 1.000 Prozesse im Jahr hin. Dies mache die tatsächlich juristisch verfolgten Frauen praktisch zu Willküropfern. Deshalb sparte Schueler auch nicht mit Kritik an den Kirchen:

„Gegenüber einer solchen Wirklichkeit machen es sich die Kirchen doch wohl zu leicht, wenn sie den Staat unter Berufung auf ein vorgegebenes Sittengesetz schon prophylaktisch der moralischen Knochenerweichung zeihen, falls er sich herbeiließe, Wirklichkeit und Gesetz in annähernde Übereinstimmung zu bringen. Die Formel »Abtreibung ist Mord« und die Behauptung, ein Justizminister, der die Straflosigkeit der Abtreibung erwäge, wolle »den Mord freigeben« (so das »Passauer Bistumsblatt«), sagen mehr über die Anmaßung und Selbstgerechtigkeit ihrer Urheber aus als über die menschliche und sittliche Qualität von Millionen Frauen, über die sie den Stab brechen.“ ([5], S. 1)

Wie zu erwarten war, begannen die Staatsanwaltschaften zu ermitteln – allerdings mehr oder minder lustlos:

„Deutsche Staatsanwälte tun inzwischen, was sie nicht lassen dürfen – aber sie erledigen es ohne Eifer und Aufregung. Heinz Groh, stellvertretender Behördenleiter der Staatsanwaltschaft in Frankfurt: »Dicke Anklagen gibt es mit Sicherheit nicht. Wir spielen die Sache nicht hoch.« Auch Paul Klein, Oberstaatsanwalt in Köln, glaubt nicht, »daß viel dabei herauskommt«, das Bekenntnis allein »reicht auf keinen Fall« für eine Anklage aus.“ ([4], S. 44)

Bis zum 14. Juni waren offensichtlich 145 Ermittlungsverfahren eingeleitet worden – doch das klingt dramatischer als es in Wirklichkeit war:

„Verweigern sie ihre Aussage (was sie dürfen, weil sich niemand zu belasten braucht), dann – so der Kölner Oberstaatsanwalt Klein »werde ich die Akten schließen«.“ ([4], S. 44)

Nur in Bayern liefen die Uhren naturgemäß wieder einmal etwas anders. Von den 145 Ermittlungsverfahren gingen rund die Hälfte auf das Konto der Staatsanwaltschaft München, die sich auch sonst nicht lumpen ließ:

„In München fand eine Razzia bei Mitgliedern der »Aktion 218« statt. Selbstbezichtigungen und Solidaritätsunterschriften von Frauen, sowie Adreßbücher, Notizblöcke, Flugblätter und Protokolle wurden von der Polizei beschlagnahmt.“ ([1], S. 32)

Doch auch diese Ermittlungen führten offensichtlich zu nichts – zumindest ist nichts darüber bekannt, daß irgendeine der Frauen wegen der Selbstbezichtigungsaktion belangt worden wäre.

Damit sind wir an dem Punkt angelangt, auf den die Arbeit verschiedenster Fraueninitiativen seit 1968 bewußt oder unbewußt hinauslief. Es ist ein Punkt des Umschlags, an dem etwas grundsätzlich Neues entsteht. Deshalb wird es nächste Woche erneut um ein Thema gehen, das hier im Blog immer wieder angerissen worden ist: Die Theorie des Ereignisses. Es würde mich deshalb überhaupt nicht wundern, wenn sich der Alte Bolschewik nächste Woche selbst zitiert:

„Das Ereignis ist willkürlich, kontingent, aber dennoch notwendig. Es stößt auf eine Bewußtseinsstruktur, der nur noch dieses traumatische Ereignis gefehlt hat, damit die alte symbolische Ordnung schlagartig zerfällt und einer neuen symbolischen Ordnung Platz macht, in der die bisherigen Fakten eine völlig anderen Sinn bekommen.“

Nachweise

[1] Krieger, V.: „»…rühmen sich öffentlich ihrer Verbrechen«“, in: von Soden, K. (Hg.), Der große Unterschied. Die neue Frauenbewegung und die siebziger Jahre, Berlin 1988, S. 31 – 38.

[2] Mika, B., Alice Schwarzer. Eine kritische Biographie, Reinbek bei Hamburg 1998.

[3] Redaktioneller Beitrag, „Von vorgestern“, in: Der Spiegel, Jg.25 (1971), Nr.25 (14. Juni 1971), S.44-45 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43231196.html).

[4] Redaktioneller Beitrag, „Was werden die Staatsanwälte tun?“, in: Stern, Jg.24 (1971), Nr.24 (6. Juni 1971), S.22.

[5] Schueler, H., „Frauen gegen einen Paragraphen“, in: Die Zeit, Jg.24 (1971), Nr.24 (11. Juni 1971), S.1 (http://www.zeit.de/1971/24/frauen-gegen-einen-paragraphen/komplettansicht).

[6] Schwarzer, A., Lebenslauf, Köln 2011.

Written by alterbolschewik

31. Oktober 2014 at 17:29

Alice Schwarzer und die Frauenaktion 70

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Der Kampf gegen den § 218 (16)

„Den Staatsanwaltschaften wird nichts anders übrigbleiben, als gegen alle Frauen, die sich öffentlich der Abtreibung beschuldigen, zu ermitteln.“

Alice Schwarzer

Was bisher geschah: Alice Schwarzer machte sich von Paris aus auf, um die französische Aktion, sich selbst öffentlichkeitswirksam der Abtreibung zu bezichtigen, auch nach Deutschland zu exportieren. Kontakte mit Parteien und Gewerkschaften blieben fruchtlos, doch Teile der Roten Frauen in München und der Sozialistische Frauenbund Westberlin unterstützten die Aktion und sammelten Unterschriften.

Bevor Alice Schwarzer allerdings die eher universitären, sozialistischen Frauengruppen kontaktierte, wandte sie sich – was eigentlich nicht weiter verwunderlich ist, an die Frauenaktion 70. Denn diese hatte ja schon einige Zeit vor Alice Schwarzer die Debatte um den § 218 in die bundesrepublikanischen Öffentlichkeit getragen. Nicht nur lokale Medien, sondern auch überregionale Zeitungen und Zeitschriften hatten über die Teach-Ins, Unterschriftensammlungen, Demonstrationen und Kundgebungen der Frauenaktion 70 berichtet. Und diese waren keineswegs auf Frankfurt beschränkt gewesen, sondern auch in Dortmund, Düsseldorf, Essen und Köln wurde das Frankfurter Modell kopiert ([2], S. 83). Wenn also damals jemand Ansprechpartner für eine Kampagne gegen den § 218 war, dann ganz sicher die Frauenaktion 70.

Doch in den diversen Darstellungen Alice Schwarzers, in denen sie ihre eigene Rolle bei der Initiierung der Bekenntnisaktion herausstreicht, spielte die Frauenaktion 70 eine mehr als untergeordnete Rolle. Ende 1971, als sich Schwarzer erstmals als Initiatorin der Stern-Kampagne offenbarte, wird die Frauenaktion 70 nur als bedeutungslose, lokale Vorläuferin erwähnt, eine Beteiligung an der Aktion wird nicht erwähnt. 1981 erscheint sie auf einmal als eine der Gruppen, die die Unterschriften für den Stern beibrachten. 2008 schreibt sie dann in der Emma:

„Die einzigen, die die »Aktion 218« als Gruppe mittrugen, war die »Frauenaktion 70« in Frankfurt.“ ([6])

In ihrer Autobiographie von 2011 ist dann die Frauenaktion 70 wieder verschwunden. Warum dieses merkwürdige Herumgeeiere? Aufklärung gibt ein Blick in die berühmte Ausgabe des Stern, in der Alice Schwarzer die Anfänge der Aktion beschreibt:

„Um einen runden Couchtisch in Frankfurt-Eschersheim, Fritz-Reuter-Straße 5, saßen am 3. Mai dieses Jahres sieben Damen, knabberten Käsegebäck und formulierten einen Text, der der Bundesregierung noch zu schaffen machen wird.
Die Frankfurter Damenrunde setzt sich aus Mitgliedern der »Frauenaktion 70« zusammen, die seit vergangenem Jahr Sturm läuft gegen den Paragraphen 218, der Schwangerschaftsunterbrechung unter Strafe stellt. Rund 50 Frankfurterinnen gehören der »Frauenaktion 70« an. Lehrerinnen, Studentinnen, Journalistinnen und vor allem Hausfrauen. Ihr Motto: »Mein Bauch gehört mir.« Jede Frau, so fordern sie, müsse das Recht haben, eine ungewollte Schwangerschaft mit ärztlicher Hilfe zu unterprechen.
Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, griffen die am Abend des 3. Mai zusammensitzenden Frauen eine revolutionäre Idee aus Frankreich auf: Alle Frauen sollten aufgerufen werden, öffentlich zu bekennen: »Ich habe abgetrieben!« Damit käme auf die deutsche Justiz eine Prozeßlawine zu, vor der Richter und Gesetzgeber kapitulieren müßten. Endziel: Streichung des »Abtreibungs-Paragraphen«. […]
In klaren Sätzen formulierten die Frankfurter Frauen den auf Seite 17 abgedruckten Appell.“ ([4], S. 21)

Die Frauenaktion 70 war also nicht nur eine unter mehreren Gruppen, mit denen Schwarzer zusammenarbeitete, es war diese Gruppe, die den eigentlich Appell verfaßte. Daß Schwarzer selbst in diesem ersten Bericht über die Ursprünge der Kampagne überhaupt nicht auftaucht, heißt nicht, daß sie später ihre initiierende Funktion einfach erfunden hätte. Es ist durchaus glaubwürdig, wenn sie schreibt:

„Während ich weiter Unterschriften sammele, schreibe ich für den Stern den Bericht über die Aktion. Dabei verschleiere ich meine Rolle als Initiatorin bewusst. Warum? Nicht weil ich etwas zu verbergen hätte. Nein. Ich will ganz einfach den Eindruck vermeiden, dies sei die Aktion einer Einzelnen.“ ([7], S. 241)

Das hat sicherlich auch etwas mit dem Vorbild des französischen Mouvement de Libération des Femmes (MLF) zu tun. Persönlichkeitskult war in der französischen Bewegung schwer verpönt, Artikel wurden in der Regel anonym oder nur mit dem Vornamen der Verfasserin gezeichnet veröffentlicht. Und es verwundert nicht, daß die einer persönlichen Profilierung nicht gerade abgeneigte Alice Schwarzer dies später bedauerte:

„Es existierte ein eigenartiges Namensverbot: Die Aktivistinnen, die an die Öffentlichkeit gingen oder Texte schrieben, nannten jahrelang nur ihren Vornamen. Grund: Alles sollte Ausdruck eines Kollektivs der Frauen sein. Dadurch blieb der MLF lange gesichtslos.“ ([7], S. 201)

Schwarzer wollte aber nicht gesichtslos bleiben und bereits Ende 1971 offenbarte sie allen, die es wissen wollten, daß sie die Kampagne ins Rollen gebracht hatte ([5], S. 148). Dennoch ist die im Stern dargestellte zentrale Rolle der Frauenaktion 70 nicht erfunden. Der Text des Appells zeigt deutlich ihre Handschrift. Zweifellos hatte Schwarzer den Text des französischen Manifests mitgebracht, denn dessen ersten Sätze wurden in nur wenig modifizierter Form übernommen:

„Eine Million Frauen pro Jahr lassen in Frankreich eine Abtreibung vornehmen. Sie tun dies unter gefährlichen Umständen, da die Abtreibung gesetzlich verboten ist. Wenn diese Operation unter ärztlicher Kontrolle geschieht, ist sie denkbar einfach.“ (zit. nach [3], S. 107)

Der deutsche Text begann mit:

„Jährlich treiben in der Bundesrepublik rund 1 Million Frauen ab. Hunderte sterben, zehntausende bleiben krank und steril, weil der Eingriff von Laien vorgenommen wird. Von Fachärzten gemacht, ist die Schwangerschaftsunterbrechung ein einfacher Eingriff.“ ([4], S. 17)

Doch insgesamt war der deutsche Text deutlich länger als der französische und endete mit Parolen und Forderungen, die bereits ein Jahr zuvor bei den Aktionen der Frauenaktion 70 verwandt wurden, darunter etwa die Demonstrations-Parole „Nur noch Wunschkinder“ ([2], S. 77), die im Appell als „Ich bin gegen den Paragraphen 218 und für Wunschkinder“ auftauchte ([4], S. 17). Das gilt auch für die Forderungen nach umfassender sexueller Aufklärung und die nach einer Kostenübernahme der Krankenkassen für Abtreibungen – alles Forderungen, die im französischen Aufruf nicht zu finden sind, die aber schon ein Jahr zuvor von den Frankfurterinnen erhoben worden waren.

Die Frauenaktion 70 hatte also, schon bevor es losging, einen nicht unwesentlichen Einfluß auf die Kampagne. Und sie sammelten auch fleißig Unterschriften – mit 61 Signaturen lagen sie nur knapp vor den von Schwarzer immer so gelobten Münchnerinnen, die nur unwesentlich mehr zusammenbrachten.

Es ist außerdem nicht ganz unwahrscheinlich, daß die Unterschriften aus Düsseldorf und Köln ebenfalls auf das Netzwerk der Frankfurterinnen zurückgingen. Allerdings habe ich keinen Hinweis darauf gefunden, wer hinter den Kölner und Düsseldorfer Unterschriften steckte (ebensowenig wie für die 6 rätselhaften Unterschriften von der Insel Sylt). Man kann aber davon ausgehen, daß die vorausgegangenen Aktionen der Humanistischen Aktion (aus der die Frauenaktion 70 hervorgegangen war) in diesen beiden Städten eine Rolle gespielt haben dürften.

Wenn also die Frauenaktion 70 so wichtig dafür war, daß die Aktion zustande kam, warum wird das von Alice Schwarzer zumeist nicht gewürdigt? War es nur Schwarzers Eitelkeit, die den Führungsanspruch in dieser Sache nicht mit jemandem anderen teilen wollte? Das sicherlich auch, aber nicht ganz: Das Problem der Frankfurterinnen war, daß sie zumindest anfänglich Angst vor der Kriminialisierung hatten. Damit hatten die sozialistischen Frauengruppen in München und Berlin kein Problem. Aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte aus der 68er-Bewegung wußten sie, daß der Spielraum für Provokationen deutlich größer ist, als gemeinhin angenommen wird. Doch die Frankfurterinnen zögerten. In Schwarzers Darstellung liest sich deren Haltung so:

„Als das Papier nach zwei Stunden Redigierarbeit auf dem Couchtisch lag, fand sich niemand der Initiatorinnen bereit, die Selbstbezichtigung, abgetrieben zu haben, auch zu unterschreiben.
Kleinlaut gab Renate Scheunemann Lebenserfahrung zum besten: »Deutsche Frauen, die sich selbst bezichtigen? Niemals! Die machen das nie mit, die gehen höchstens artig im Ministerium fragen, ob man das Gesetz nicht ändern will.
Eine zweite Teilnehmerin räsonnierte: »Bei der Position meines Mannes kann ich mir eine Unterschrift gar nicht erlaube. Er ist im Staatsdienst.«
Die Frauen beschließen, die Sache erst einmal zu überschlafen, im übrigen aber auch mit Freundinnen in anderen Städten über den Appell zu sprechen.“ ([4], S. 21f)

Das heißt nicht, daß aus der Frauenaktion 70 keine Unterschriften kamen – von der Handvoll Frauen aus der Frauenaktion 70, deren Namen ich kenne, finden sich immerhin zwei auf der Liste im Stern. Doch diese anfängliche Zögerlichkeit scheint Schwarzer, der so etwas immer fremd war und die auch aus Frankreich anderes gewohnt war, gegen die Frauenaktion 70 eingenommen zu haben, weshalb sie deren Rolle in der Entstehungsphase der Aktion künftig herunterspielte.

Seien Sie gespannt, wie es weiter geht, und freuen Sie sich auf nächste Woche, wenn ein Generalstaatsanwalt erklärt:

„Also wissen Sie, wenn ich den STERN mit dieser Veröffentlichung im Café lese, dann blättere ich lieber schnell darüber hinweg. Aber wenn mir die Veröffentlichung als dienstlicher Vorgang auf den Tisch kommt, dann kann ich kein Auge zudrücken, dann muß ich ermitteln.“ ([1], S. 22)

Nachweise

[1] Redaktioneller Beitrag, „Was werden die Staatsanwälte tun?“, in: Stern, Jg.24 (1971), Nr.24 (6. Juni 1971), S.22.

[2] Scheunemann, R. & Scheunemann, K.: „Die Kampagne der ‚Frauenaktion 70‘ gegen den § 218“, in: Grossmann, H. (Hg.), Bürgerinitiativen. Schritte zur Veränderung?, Frankfurt a.M. 1973 (3. Aufl.), S. 68 – 84.

[3] Schulz, K., Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich 1968–1976, Frankfurt a.M. / New York 2002 (http://www.hist.unibe.ch/unibe/philhist/hist/content/e267/e6141/e8165/datei/datei/schulz_provokation_ger.pdf).

[4] Schwarzer, A., Frauen gegen den § 218. 18 Protokolle, Frankfurt a.M. 1971.

[5] Schwarzer, A., „374 Frauen bekennen vor der Öffentlichkeit: Wir haben abgetrieben“, in: Stern, Jg.24 (1971), Nr.24 (6. Juni 1971), S.16 – 24.

[6] Schwarzer, A., „Mein persönliches 68“, in: Emma, Jg.32 (2008) (http://www.emma.de/artikel/alice-schwarzer-mein-persoenliches-68-263763).

[7] Schwarzer, A., Lebenslauf, Köln 2011.

Written by alterbolschewik

24. Oktober 2014 at 16:48

Alice Schwarzers Sternstunde

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Der Kampf gegen den § 218 (15)

„Bei dieser Aktion benutzte der Stern uns, und wir benutzten den Stern. Er hatte die Auflage, und wir hatten das Aufsehen.“

Alice Schwarzer

Was bisher geschah: In Frankreich war die Selbstbezichtigungsaktion von Frauen, die abgetrieben hatten, ein großer politischer Erfolg der Frauenbewegung. Der Mitinitiator der Aktion, der Journalist Jean Moreau, bringt die in Paris lebende deutsche Journalistin Alice Schwarzer auf die Idee, die Aktion in der Bundesrepublik Deutschland zu wiederholen.

Endlich sind wir an dem Punkt angekommen, an dem, zumindest der gängigen Frauengeschichtsschreibung zufolge, die zweite deutsche Frauenbewegung begann: Die Selbstbezichtigungskampagne im Stern. Die Kurzfassung, wie diese Kampagne zustande kam, ist schnell erzählt: Alice Schwarzer machte sich von Paris auf nach Deutschland und kontaktierte die existierenden Frauengruppen, deren sie habhaft werden konnte. Mit deren Hilfe wurden 374 Unterschriften unter folgendem Text gesammelt:

„Jährlich treiben in der Bundesrepublik rund 1 Million Frauen ab. Hunderte sterben, Zehntausende bleiben krank und steril, weil der Eingriff von Kurpfuschern vorgenommen wurde. Von Fachärzten gemacht, ist die Schwangerschaftsunterbrechung ein einfacher Eingriff. Frauen mit Geld können gefahrlos im In- und Ausland abtreiben, Frauen ohne Geld zwingt der Paragraph 218 auf die Küchentische der Kurpfuscher. Er stempelt sie zu Verbrecherinnen und droht ihnen mit Gefängnis bis zu fünf Jahren. Trotzdem treiben Millionen Frauen ab – unter erniedrigenden und lebensgefährlichen Umständen. Ich gehöre dazu. – Ich habe abgetrieben. Ich bin gegen den Paragraphen 218 und für Wunschkinder. Wir Frauen wollen keine Almosen vom Gesetzgeber und keine Reform auf Raten! Wir fordern die ersatzlose Streichung des Paragraphen 218! Wir fordern umfassende sexuelle Aufklärung für alle und freien Zugang zu Verhütungsmitteln! Wir fordern das Recht auf die von den Krankenkassen getragene Schwangerschaftsunterbrechung!“ (zit. nach [4], S. 146)

Als die Erklärung am 6. Juni 1971 im Stern erschien, schlug sie, wie auch schon zwei Monate zuvor in Paris, ein wie eine Bombe und wurde zur Initalzündung für die Frauenbewegung der 70er Jahre. Noch im Juni fand eine erste bundesweite Delegiertenkonferenz von Frauengruppen gegen den § 218 statt: Es waren Gruppen aus sieben Städten vertreten. Einen Monat später, im Juli, hatten bereits 16 Gruppen Delegierte entsandt. Am 11./12. März 1972 fand schließlich der erste Bundesfrauenkongreß statt:

„An diesem Kongress haben rund 400 Frauen aus allen Teilen der Bundesrepublik teilgenommen. Nicht alle, aber die meisten gehörten bereits zu einer Gruppe und als wir durchzählten, stellten wir fest, daß es inzwischen 35 Gruppen in mehr als 20 Städten gibt, und nicht nur in Groß- und Universitätsstädten. … Alles in allem kann es über eins nach diesem Kongreß keinen Zweifel mehr geben: Wir haben eine deutsche Frauenbewegung.“ ([7], S. 41)

So weit erst einmal die unstrittigen Fakten. Wenn man aber versucht, etwas mehr ins Detail zu gehen, wird es ganz schnell schwierig. Das hängt mit der Person zusammen, die die Aktion in Deutschland angestoßen hatte: Alice Schwarzer. Es ist unbestreitbar, daß die Geschichte der Frauenbewegung ohne ihre Initiative anders verlaufen wäre. So kann man sie mit Fug und Recht ein „welthistorisches Individuum“ im Sinne Hegels nennen:

„Dies sind die großen Menschen in der Geschichte, deren eigene partikuläre Zwecke das Substantielle enthalten, welches Wille des Weltgeistes ist.“ ([1], S. 45)

Insofern ist es müßig, an Alice Schwarzers Charakter herumzukritteln oder den Versuch zu unternehmen, ihr mit amateurpsychologischen Mitteln beizukommen, wie das ihre kritische Biographien Bascha Mika getan hat ([2]). Alice Schwarzer war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und sie hat das objektiv Richtige getan, völlig gleichgültig, ob sie sich nun selbstlos in den Dienst der Sache gestellt hat oder ihren übersteigerten persönlichen Geltungsdrang ausgelebt hat. Was zählt, ist das historische Resultat, nicht die subjektive Intention, und dieses historische Resultat ist beeindruckend.

Doch diese Einsicht macht die Arbeit des Bewegungshistorikers nicht einfacher. Denn die Geschichtsschreibung dieses Ereignisses ist leider fest in der Hand der Initiatorin, und deren Verhältnis zur Faktentreue ist nicht besonders ausgeprägt. Was sie auch gerne selbst zugibt, reklamiert sie doch für sich

„einen Journalismus, der sich gegen die Lüge von der Objektivität wendet und damit die Spielregeln bricht, die nur denen nutzen, die sie aufgestellt haben.“ ([5], S. 12)

Und so erzählt Alice Schwarzer, wie ich an anderer Stelle in diesem Blog bereits dargestellt habe, die Geschichte immer wieder unterschiedlich, je nach politischer Opportunität. Wenn man alle Varianten der Schwarzerschen Geschichtserzählung miteinander vergleicht, kommt man ungefähr auf den folgenden Ablauf. Zunächst quartierte sie sich wohl bei ihrer Mutter ein und versuchte ihr Glück in Bonn:

„Ich schlage meine Zelte in Wuppertal auf und klopfe zunächst bei den Gewerkschafterinnen sowie den Politikerinnen aus SPD, FDP und DKP in Bonn an. Vergebens.“ ([6], S. 238)

So richtig plausibel ist das nicht unbedingt. Wie ich hier im Blog ebenfalls schon berichtet habe, verabschiedete die Bundesfrauenkonferenz der SPD bereits im Oktober 1969 eine Resolution, in der die ersatzlose Streichung des § 218 verlangt wurde, was dann im Dezember auch von den Jusos unterstützt wurde. In der SPD hätte es also offensichtlich genug Bündnisgenossinnen gegeben – offensichtlich hatte Schwarzer an die falschen Türen geklopft. Ähnliches gilt wahrscheinlich auch für die FDP, die sich als Partei schon klar auf eine Fristenlösung festgelegt hatte – die damals in der offiziellen Parteienlandschaft progressivste Position.

Der DKP traue ich allerdings tatsächlich die von Schwarzer kolportierte Ablehnung zu, die angeblich damit begründet wurde, die „Frauen in den Betrieben wären schockiert.“ ([5], S. 20) Aber das liegt wahrscheinlich daran, daß ich der DKP jeden reaktionären Schwachsinn zutraue. Ähnliches gilt für die Gewerkschaften, deren Vorstellungswelt damals noch weitgehend patriarchal geprägt war, was dazu führte, daß der gewerkschaftliche Organisationsgrad berufstätiger Frauen in den 60er Jahren auf 15% zurückging, was die Historikerin Sylvia Schraut zu dem Schluß führte:

„Es bedurfte der Neuen Frauenbewegung der 1970er und 80er Jahre außerhalb der Gewerkschaften, um frischen Wind in das spannungsreiche Verhältnis von Arbeit(nehm)er- und Frauenbewegung zu bringen.“ ([3], S. 435)

Wie auch immer: Die ersten Versuche, über Parteien und Gewerkschaften Unterstützung zu bekommen, scheiterten.

Besser sah es bei den studentischen Frauengruppen aus, die Schwarzer an den Universitäten Frankfurt, München und Berlin aufsuchte. In Berlin hatte Schwarzer die uneingeschränkte Unterstützung des Sozialistischen Frauenbundes, der aus dem Aktionsrat zur Befreiung der Frauen hervorgegangen war, in München lehnten zwar einige der Roten Frauen die Kampagne als reformistisch ab, aber ein anderer Teil der Gruppe stürzte sich enthusiastisch in das Unternehmen. Nur der Frankfurter Weiberrat verwarf die Aktion in Bausch und Bogen, wie Schwarzer berichtet:

„Ich trage die Idee vor, die Genossinnnen beraten sich – und die zwei Wortführerinnen der Gruppe, Margit und Hilde, bescheiden mich sodann kategorisch: »Der Weiberrat beteiligt sich nicht an dieser Art reformistischer, kleinbürgerlicher Aktion.« Ich falle von hoch runter. Damit hatte ich nicht gerechnet.“ ([6], S. 238f)

Diese Überraschung ist zweifellos geheuchelt, denn die Erfahrungen im Pariser MLF waren schließlich exakt die selben gewesen. Auch dort schlug, wie ebenfalls bereits dargestellt, den Initiatorinnen der Kampagne zunächst der blanke Haß von Seiten der sozialistischen Frauengruppen entgegen. Im Gegenteil muß man feststellen, daß, verglichen mit Frankreich, die Kampagne von den universitären Frauengruppen erstaunlich wohlwollend und mit ziemlichem Engagement aufgenommen wurde.

Wen Schwarzer noch kontaktierte und was sonst noch geschah erfahren Sie nächste Woche, wenn sie erzählt:

„Endlich ist es so weit. An dem Montag, an dem der Stern die Selbstbezichtigung ins Heft hebt, bin ich in Hamburg. Bis weit nach Mitternacht. Und erst, als der Titel steht – ein Kollektiv-Cover und nicht nur ein Foto von Romy Schneider […] –, erst als alles layoutet ist, erst dann rücke ich die 374 Unterschriften raus. Bis zuletzt halte ich die Mappe, in der sie liegen, fest umklammert.“ ([6], S. 241f)

Nachweise

[1] Hegel, G. W. F.: „Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte“, in: Hegel, G. W. F., Theorie Werkausgabe Bd. 12, Frankfurt a. M. 1970.

[2] Mika, B., Alice Schwarzer. Eine kritische Biographie, Reinbek bei Hamburg 1998.

[3] Schraut, S.: „Arbeiterbewegung und Geschlechterverhältnisse“, in: Technoseum. Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim (Hg.), Durch Nacht zum Licht? Geschichte der Arbeiterbewegung 1863 — 2013, Mannheim 2013, S. 424 – 438.

[4] Schwarzer, A., Frauen gegen den § 218. 18 Protokolle, Frankfurt a.M. 1971.

[5] Schwarzer, A., Mit Leidenschaft, Reinbek bei Hamburg 1985.

[6] Schwarzer, A., Lebenslauf, Köln 2011.

[7] Frankfurter Frauen (Hg.), Frauenjahrbuch 1, Frankfurt 1975 (2. Aufl.).

Written by alterbolschewik

18. Oktober 2014 at 16:24

Veröffentlicht in Feminismus, Paragraph 218

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Anruf bei Alice Schwarzer

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Der Kampf gegen den § 218 (14)

„Wo aber sind sie, die aufmüpfigen Frauen? Ich suche, doch ich kriege sie nicht zu fassen.“

Alice Schwarzer

Was bisher geschah: Angeregt durch den Journalisten Jean Moreau organisierte eine Gruppe von Frauen aus dem Mouvement de Libération des Femmes (MLF) um Anne Zelensky eine Bekenntnisaktion: 343 Frauen erklärten im Nouvel Observateur, daß sie gegen das Gesetz verstoßen und abgetrieben haben. Die Aktion machte Furore, nicht nur in Frankreich, sondern auch im Ausland.

Kurz nach der Veröffentlichung des Abtreibungs-Manifestes klingelte das Telefon beim Nouvel Observateur. Eine deutsche Zeitschrift namens Jasmin erkundigte sich nach dem Initiator und wurde an Jean Moreau durchgestellt. Jasmin hatte die Absicht, die Aktion in Deutschland zu wiederholen.

Um die ganze Ironie dieser Geschichte zu vestehen, muß man wissen, daß Jasmin 1968 die Antwort des Springer-Verlags war, mit der dieser auf den sexuell liberaleren Zeitgeist reagierte. Das Blatt trug den Untertitel „Die Zeitschrift für das Leben zu zweit“ und drehte sich vor allem um Beziehungsgeschichten. Der Spiegel charakterisierte damals die erste Nummer folgendermaßen:

„Thematik: Wie reiche Männer ihre Frauen verwöhnen. Die geheimen Wünsche der verheirateten Männer. Der Versager mit den zarten Händen. […] Der größte Heuler innerhalb des »Jasmin«-Heftes ist ohne Frage »Das Lexikon der Erotik«. Natürlich unter wissenschaftlicher Beratung eines Professors. »Dieses Lexikon ist ein Beitrag für Erwachsene, nicht für Kinder und Jugendliche. Deshalb sind die Seiten geschlossen. Sie können herausgelöst und aufgeschnitten werden, ohne daß das übrige Heft beschädigt wird.« Keine Frage, daß sie aufgeschnitten werden. Es beginnt mit »Abartig«, geht über »Abortus«, »Abtreibung« zu »Adam und Eva«, »Alter Jungfer«, »Anal-Erotik« bis »Außerehelicher Geschlechtsverkehr«.“ ([2], S. 28)

Das Heft wurde mit gigantischem Werbeaufwand in den Markt gedrückt, startete mit einer Auflage von 900.000 Exemplaren und überschritt schon mit dem zweiten Heft die Millionengrenze. Aus kartellrechtlichen Gründen verscherbelte Springer das Blatt nach wenigen Monaten an Gruner + Jahr, inhaltlich blieb sich das Blatt zunächst treu. Doch die Zahl der Leserinnen und Leser fiel kontinuierlich. Und so hatten sich die Jasmin-Redakteure offentlich überlegt, mit einer deutschen Kopie des französischen Abtreibungs-Manifests die Auflage wieder in die Höhe zu treiben. Doch Jean Moreau, der das Ganze aus Überzeugung angeleiert hatte, war zurecht mißtrauisch, und so rief er bei Alice Schwarzer an:

„Alice, eben hat bei uns eine deutsche Zeitschrift namens Jasmin oder so ähnlich angerufen. Sie wollen unser Manifest auch in Deutschland machen. Aber ich habe das Gefühl, dass die das nicht wirklich politisch meinen, sondern auf die Sensationsmasche gehen. Kannst du nicht mal überlegen, mit welcher Zeitschrift man das in Deutschland machen könnte?“ (zit. nach [3], S. 235)

Nun liegt es heutzutage natürlich auf der Hand, bei so einem Thema Alice Schwarzer anzurufen. Doch wie kam Jean Moreau 1971, als praktisch niemand wußte, wer Alice Schwarzer war, auf diese Idee? Die Antwort ist einfach.

Bereits 1964 war Schwarzer als Au-pair-Mädchen nach Paris gegangen, gab das aber schnell auf und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, während sie die Sprache lernte. Ihr Traum aber war es, Journalistin zu werden. Noch von Paris aus bewarb sie sich an der Münchner Journalistenschule, fiel aber durch die Aufnahmeprüfung. Ende 1965 ergatterte sie ein Volontariat bei den Düsseldorfer Nachrichten und verließ Paris. Später landet sie bei Frau und Film und schließlich bei der Satirezeitschrift Pardon. Doch auch bei Pardon hielt es sie nicht lange – 1969 zog sie wieder zurück nach Paris, zu ihrem langjährigen Liebsten Bruno, schlug sich dort als freie Journalistin durch und studierte nebenbei, natürlich in Vincennes:

„Wir sind in Vincennes am Rand von Paris, wo ich seit Herbst 1969 studiere. Endlich. Soziologie und Psychologie. Das geht, weil die »rote Fakultät« kein Abitur verlangt. Doch es geht nur mit Teilzeit, weil ich einen Beruf habe, der mich stark in Anspruch nimmt. Also nehme ich das Studium locker, aber das tun wir alle in dieser Zeit.“ ([3], S. 197)

Die erste Frauendemo in Vincennes verpaßt sie, weil sie an diesem Tag auf Deutschlandreise ist. Dann liest sie, wie auch Anne Zelensky, den Artikel der Geschwister Wittig in L’Idiot international. Auch sie versucht über die Zeitschrift Kontakt mit den Frauen aufzunehmen, erhält aber ebenfalls keine Antwort. Auch während der Kranzniederlegung für die „Unbekannte Frau des unbekannten Soldaten“ ist sie nicht in Paris – da ist sie mit Bruno in Italien im Urlaub.

„Ein paar Wochen später legt Bruno mir zufrieden lächelnd partisans auf den Tisch, eine Art französisches Kursbuch. Er hatte die Ausgabe in der linken Buchhandlung Maspero entdeckt. Auf dem Cover prangt das Frauenzeichen – der von den Amerikanerinnen eingeführte Venusspiegel –, darüber steht »Libération des femmes« und darunter »Année zero« (Das Jahr null). Ich bin elektrisiert.“ ([3]; S. 198)

Wieder versucht sie, über den Verlag an die Herausgeberinnen heranzukommen, wieder erhält sie keine Antwort. Dann kommt ihr der Zufall zu Hilfe:

„Es ist meine Freundin Sonja, die Malerin, die eines schönen Septembertages zu mir sagt: »Alice, ich glaube, ich habe die Frauen getroffen, die du suchst. Ich war gestern mit so einer Bande beim Bretonen. Sie haben den ganzen Abend nur über den klitoralen Orgasmus geredet.« Beim Bretonen im alten Montparnasse-Viertel, der mit seiner köstlichen Fischsuppe und den riesigen Taschenkrebsen unser aller Stammlokal war. Ich bin erfreut, doch irritiert zugleich. Über den klitoralen Orgasmus hatte ich doch noch nie gesprochen, oder?“ ([3], S. 199)

Die Vermutung erwies sich als richtig. Von da an war Schwarzer immer mit dabei:

„Dieser Herbst, Winter, Frühling 1970/71 ist wie ein Rausch. Treffen in der »kleinen Gruppe« mit Anne [Zelensky], Monique [Wittig] und Christine [Delphy]; Vollversammlungen, Feste, Bouffes (im Restaurant oder wir kochen zusammen). Erst sind wir ein, zwei Dutzend; dann ein-, zwei-, dreihundert und bald ist das ganze Land infiziert.“ ([3], S. 200)

Die erste Aktion, an der sich Schwarzer beteiligte, ist der Eklat, den das MLF bei der Eröffnung der »Etats généraux de la Femme« der Zeitschrift Elle im November 1970 provozierte. Und vor allem gehörte sie zu der kleinen Gruppe von Frauen, die mit Hilfe von Simone de Beauvoir die Unterschriftenliste unter das Abtreibungsmanifest organisierten. Sie unterschreibt allerdings nicht selbst:

„Ich habe die Aktion zwar mit organisiert, kann mir jedoch nicht erlauben zu unterzeichnen. Denn als Ausländerin mit befristeter Aufenthaltsgenehmigung kann ich bei Gesetzesverstoß ausgewiesen werden.“ ([3], S. 209)

Aber Jean Moreau kannte natürlich Alice Schwarzer, die Deutsche im MLF, denn dort war sie durchaus eine auffällige Figur:

„Alice Schwarzer ist im MLF bald für ihre Redefreudigkeit bekannt. »Sie redete viel, und jedesmal machte es „bumm“ wie bei einem Donnerschlag«, spöttelt eine frühere MLF-Frau. Alice sei als »eher deutsch« wahrgenommen worden. Außerdem habe sie eine »große Schnauze gehabt«, ergänzt eine andere Ehemalige.“ ([1], S. 79)

Insofern war es natürlich logisch, daß Schwarzer für Moreau die erste Adresse war, als sich die Jasmin bei ihm meldete, um die Aktion in Deutschland zu kopieren. Und von da an nahm Alice Schwarzer das Heft in die Hand.

Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche (wahrscheinlich erst am Samstag), wenn Alice Schwarzer meint:

„Ich überlegte nur kurz. Dann griff ich zum Telefon und rief Winfried Maaß an, Ressortleiter beim Stern. Mit ihm hatte ich ab und an beruflich zu tun, und die politische Illustrierte schien mir das passende Forum für diese Aktion.“ ([3], S. 235)

Nachweise

[1] Mika, B., Alice Schwarzer. Eine kritische Biographie, Reinbek bei Hamburg 1998.

[2] Redaktioneller Beitrag, „Elefant mit fünf Beinen“, in: Der Spiegel, Jg.22 (1968), Nr.12 (18. März 1968), S.28 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46106695.html).

[3] Schwarzer, A., Lebenslauf, Köln 2011.

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10. Oktober 2014 at 18:14

Ein wagemutiger Plan

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Der Kampf gegen den § 218 (12)

„Ich habe in meinem Leben eine ganze Menge Unfug angerichtet, aber das ist einer, mit dem ich nicht ganz unzufrieden bin.“

Jean Moreau

Was bisher geschah: Die 68er-Bewegung in Frankreich brachte keine öffentlich sichtbare Frauenbewegung hervor – aber jenseits der bürgerlichen wie der linken Öffentlichkeit bildeten sich Gruppen, in denen die Frage der Frauenemanzipation diskutiert wurde. Das Jahr 1970 sollte dann das „Jahr null“ der französischen Frauenbewegung werden. Einzelne Artikel erschienen in linken Publikationen, eine Kranzniederlegung für die „Unbekannte Frau des Unbekannten Soldaten“ schuf die erste mediale Öffentlichkeit. Im Herbst wurde dann eine Doppelnummer der Zeitschrift Partisans zur, von der und für die Frauenbewegung veröffentlicht. Das Heft verkaufte sich wie warme Semmeln. Als dann die Frauen des Mouvement de Libération des Femmes (MLF) auf einem Frauenkongreß der Zeitschrift Elle intervenierte, war klar, daß die Frauenbewegung eine Kraft darstellte, mit der man rechnen mußte.

Man darf sich das MLF nicht als eine statische Organisation vorstellen. Es gab verschiedene Grüppchen mit unterschiedlichem Hintergrund und unterschiedlichen Zielvorstellungen. Die Bezeichnung MLF war einfach ein (dankbar angenommenes) Label, das von den Medien vergeben worden war. Und es war gut und sinnvoll, unter diesem Label aufzutreten, denn das gab den Aktionen in der Öffentlichkeit mehr Gewicht. De facto war das MLF jedoch einfach ein loser, unverbindlicher Zusammenschluß. Fixpunkt waren Plena, die regelmäßig alle zwei Wochen in der École nationale supérieure des Beaux-Arts abgehalten wurden. Auf diese Plena kamen regelmäßig mehrere hundert Frauen. Vom Organisationsprinzip entsprach dies in etwa dem Aktionsrat zur Befreiung der Frauen in Berlin, bevor sich dieser unter dem Diktat von Frigga Haug in eine mehr formelle Organisation umwandelte.

Aus dem Plenum heraus sollten dann Arbeitsgruppen entstehen – das Prinzip war in Paris das selbe wie in Berlin. Wenn eine oder mehrere Frauen Lust hatten, eine Arbeitsgruppe zu gründen, dann wurde das im Plenum vorgetragen, ein Ort und ein Termin festgelegt und dann wurde geschaut, wer auftauchen würde. Und so schlugen Anne Zelensky und Christine Delphy vor, eine Arbeitsgruppe zum Thema Abtreibung zu machen. Die Reaktionen waren, wie sich Anne Zelensky erinnerte, nicht besonders hilfreich:

„Wie gewöhnlich wurde Unmut laut: »Schon wieder Abtreibung! Können wir denn nicht mal über was anderes reden!« Diese Reaktion macht mich wütend. Unglaublich! Als ob ihnen das nicht passieren könnte, diesen dummen Weibern! Einige von diesen Frauen regten mich wirklich auf mit ihrem »intellektuellen Gehabe«. Was hatten sie in einer Frauengruppe verloren? Ich war, weiß Gott, nicht vom Missionseifer besessen, aber diese Abwehr dagegen, an die Öffentlichkeit zu treten, machte mich rebellisch.“ ([1], S. 53f)

Die Parallelen zur Fraktionierung im Berliner Aktionsrat sind nicht zu übersehen. Auf der einen Seite finden wir Frauen, die schon etwas älter sind, die konkrete Erfahrungen gemacht haben und aus dieser konkreten Erfahrung heraus öffentlichkeitswirksame Aktionen machen wollen, damit sich an der Situation der Frauen in der Gesellschaft etwas ändert. In Berlin steht hierfür exemplarisch Helke Sander, die die Situation der Mütter in der Bundesrepublik Deutschland thematisierte und mit der Gründung von Kinderläden oder der Unterstützung des Kindergärtnerinnenstreiks die Öffentlichkeit erreichen wollte.

Auf der anderen Seite finden sich hauptsächlich junge Studentinnen, die von der intellektuellen Atmosphäre angezogen wurden. Man muß sich klarmachen: Die frühen siebziger Jahre waren eine Zeit, in der intellektuelle Auseinandersetzungen sexy waren. Wer irgendwie im Trend liegen wollte, mußte einfach über ein Minimum an gesellschaftskritischem Wissen verfügen. Doch die Diskussionen darüber wurden weitgehend von Männern dominiert und deren Diskussionsverhalten war meist nicht dazu geeignet, Frauen zu ermutigen, sich mit kritischer Gesellschaftstheorie zu beschäftigen. Die frühe Frauenbewegung war deshalb auch ein Versprechen, sich dieses Wissen in einer Umgebung aneignen zu können, das von männlicher Dominanz verschont blieb. Ironischerweise lief das darauf hinaus, daß sich diese mehr an der Theorie orientierenden jungen Frauen der Autorität weiblicher Führungsfiguren unterwarfen. So scharten sie sich dann im Berliner Aktionsrat um jemanden wie Frigga Haug oder in Paris um Antoinette Fouque.

Die Frauen, die der Meinung waren, daß die Probleme eigentlich auf der Hand lägen und daß man endlich anfangen müßte, dagegen etwas zu tun, waren zu Beginn des Jahres 1971 ganz klar in der Minderheit. Zum ersten Treffen der Abtreibungsgruppe kamen neben Zelensky und Delphy gerade einmal zwei Frauen. Doch davon ließen sie sich nicht entmutigen, das nächste Treffen war dann mit rund fünfzehn Teilnehmerinnen schon erfolgreicher:

„Die Mund-zu-Mund-Propaganda der Frauenbewegung hatte funktioniert. Einige Frauen, die nicht aufs Plenum gingen, weil das Chaos dort sie verschreckt hatte, die aber Lust zu konkreter Arbeit hatten, waren gekommen.“ ([1], S. 54)

Die Gruppe diskutierte, schrieb Flugblätter und überlegte sich einen Aktionsplan. Doch noch bevor sie eine Aktion aushecken konnte, kam die Aktion zu ihnen. Die Journalistin Nicole Muchnik rief bei Zelensky an und bat sie um ein Treffen. Sie wolle ein gemeinsames Projekt ihrer Zeitung Le Nouvel Observateur mit den Frauen des MLF besprechen. Man traf sich in einem Café, doch die Journalistin kam nicht allen. Sie hatte ihren Kollegen Jean Moreau mitgebracht:

„Jean Moreau, das war die große Klappe des »Obs«, der ewig Revoltierende. Ein Journalist, wie man sie heute nicht mehr herstellt, der Sohn eines Automechanikers […], ein Freund von Sartre und Glucksmann, ein kommunistischer Gewerkschaftler, der von seinen Chefs geschätzt wurde, der sein Leben in den Fabriken, auf Demonstrationen, auf den großen Boulevards verbrachte, wo er »La Cause du peuple« [verbotene maoistische Zeitung] verkaufte.“ ([2])

Und Moreau kam mit einem Vorschlag, der so simpel wie genial war: Um das geltende Abtreibungsrecht auszuhebeln, sollten die Frauen ein Manifest verfassen. Darin sollten sie sich nicht einfach nur für eine Abschaffung des Abtreibungsverbotes aussprechen, sondern in einer Form des zivilen Ungehorsams erklären, daß sie bereits gegen geltendes Recht verstoßen hätten: Sie sollten öffentlich dazu stehen, abgetrieben zu haben. Und der Nouvel Observateur würde dieses Manifest veröffentlichen.

Damit diese Aktion gelingen konnte, mußte sie natürlich so gestaltet werden, daß es der Justiz unmöglich wäre, das geltende Recht durchzusetzen. Genau das ist ja das Ziel von zivilen Ungehorsam: Das Recht auf eine Art und Weise zu brechen, daß der Versuch, es durchzusetzen, auf den Staat und die Strafverfolgungsbehörden zurückfällt. Für Moreaus Vorschlag hieß dies: Es mußten einfach so viele Frauen wie möglich sein. Und es mußten genügend Prominente dabei sein. Das Kalkül dabei war folgendes: Sollten sich die Strafverfolgungsbehörden wirklich dazu entscheiden, Anklage zu erheben, dann müßte dafür gesorgt werden, daß dies ein maximales Medienecho auslösen würde. Und dies wäre garantiert, wenn zumindest einige der Frauen die nötige Prominenz besäßen, daß die Medien daran nicht vorbeigehen konnten. Jean Moreau war ein gerissener Hund und wußte genau, wie man die Politik mit Hilfe der Medien unter Druck setzen konnte.

Zelensky und Delphy trugen dieses Angebot zurück in ihre Abtreibungsgruppe. Und waren schockiert: Statt daß das Ganze enthusiastisch begrüßt worden wäre, hagelt es Kritik. Kritik an der Zusammenarbeit mit der „bürgerlichen“ Presse. Und Kritik daran, daß man mit Prominenten zusammenarbeiten wollte, mit „Star-Frauen“. Offensichtlich begriffen diese Frauen nicht, daß das ganze Konzept gerade darauf beruhte, die Medien mit großer Reichweite zu erobern und daß die „Star-Frauen“ dafür eine notwendige Voraussetzung waren. Zelensky regte sich zurecht auf:

„Diese Argumente – bürgerliche Presse, reformistisch – hatte ich oft genug gehört. Sie kamen mir vor wie eine fruchtlose Utopie. Wenn man irgendetwas an dieser kaputten Welt ändern wollte, was auch immer es sei, mußte man sich wohl oder übel dieser Kanäle bedienen, um sich überhaupt Gehör zu verschaffen. Man ändert die Dinge von innen her nicht, indem man sie ignoriert.“ ([1], S. 55)

Und zurecht stellte sie fest, daß es ein ganz bestimmter Typus von Aktivistinnen war, die mit solchen Einwänden kamen:

„Die Frauen, die sich ablehnend geäußert hatten, kamen im übrigen nicht regelmäßig in die Gruppe, die ja für alle Frauen offen war. Ich hatte schon gemerkt, daß oft diejenigen, die am meisten redeten und systematisch gegen alles etwas einzuwenden hatten, nichts machten. Ihr »Purismus« löste ihre Zunge, aber sonst auch nichts.“ ([1], S. 55)

Und so beschloß ein kleiner Kreis, die Aktion auch gegen die Widerstände in der eigenen Gruppe durchzuziehen. Doch wie an die prominenten Frauen herankommen, die für das Gelingen des Plans unabdingbar waren?

Seien Sie gespannt auf nächste Woche, wenn Anne Zelensky berichtet:

„Ich setzte mich mit Simone de Beauvoir in Verbindung, die ich im Herbst mit einigen anderen Frauen kennengelernt hatte. […] Wir besuchten sie zu dritt. Wie bei unserer ersten Begegnung saß sie am Rand des Sofas, zurückhaltend und aufmerksam. Wir haben es gewagt. Als wir zu Ende waren, klopfte mein Herz.“ ([1], S. 55)

Nachweise

[1] Anne Tristan [A. Zelensky] und Annie de Pisan [A. Sugier], Jedesmal, wenn eine Frau sich wehrt…, Münster 1979.

[2] Le Nouvel Observateur, 30. März 2006:L’histoire secrète du manifeste des 343 »salopes«“ (Deserts, S. D.).

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26. September 2014 at 16:00

Veröffentlicht in Feminismus, Paragraph 218

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Die Frau des Unbekannten Soldaten

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Der Kampf gegen den § 218 (9)

„Wir fühlten uns als direkte Erbinnen der Suffragetten, sowohl was die Theorie betraf als auch und vor allem im Hinblick auf die Anwendung gewaltsamer Methoden. Leider hatten wir bislang noch keine Möglichkeit gefunden, sie anzuwenden…“

Anne Zelensky

Was bisher geschah: Der Mai 1968 in Frankreich brachte keine unmittelbar sichtbare Frauenbewegung hervor. Erst im Frühjahr 1970 fanden einige schon länger existierende Zirkel zusammen und traten an die Öffentlichkeit. Eine erste Demonstration, die von der Universität Paris-Vincennes ausging, blieb so ohne Resonanz, daß heute nicht einmal mehr ihr Datum rekonstruierbar ist.

Die Herangehensweise in Frankreich war eine völlig andere als in der BRD. Dort war der Berliner Aktionsrat zur Befreiung der Frauen vor allem praktisch tätig geworden – durch Gründung antiautoritärer Kinderläden oder die Unterstützung eines Kindergärtnerinnenstreiks. Die Französinnen hatten sich dagegen zwei bis drei Jahre lang (je nachdem, welche Gruppe man nimmt) in eher privaten Zirkeln theoretisch und unter weitgehendem Ausschluß der Öffentlichkeit mit Fragen der Frauenemanzipation beschäftigt. Der Gang an die Öffentlichkeit gestaltete sich dementsprechend: Die ersten Schritte waren publizistischer Natur.

Es begann, wie bereits letzte Woche erwähnt, mit Artikeln in der Zeitschrift L’Idiot international. Im Mai erschien der Artikel „Combat pour la libération de la femme“ (Kampf für die Befreiung der Frau). Geschrieben wurde er von den Schwestern Monique und Gilles Wittig, zusammen mit den beiden Amerikanerinnen Marcia Rothenburg und Margaret Stephenson. Diese Frauen gehörten zu der namenlosen Gruppe um Antoinette Fouque, die sich an Marx, Freud und Lacan orientierte.

Zur selben Zeit arbeiteten Anne Zelensky und Jacqueline Feldmann-Hogasen von der Gruppe FMA (das Akronym stand inzwischen nicht mehr für feminin – masculin – avenir, sondern für Féminisme – Marxisme – Action) an einem Buch mit dem Titel Féminisme, Sexualité et Révolution. Sie boten das Manuskript dem linken Verlag Maspero an, der das Ganze allerdings ziemlich überarbeitungswürdig fand. Vom Verlag kam der Kompromißvorschlag, die besten Teile aus dem Buch herauszunehmen und in der verlagseigenen Zeitschrift Partisans zu veröffentlichen. Und zwar im Rahmen einer Nummer, die sich ausdrücklich Frauenfragen widmen sollte. Zelensky und Feldmann nahmen dieses Angebot begeistert an und überzeugten die Redaktion, daß ein solches Heft ausschließlich von Frauen gemacht werden sollte.

Und so wurde fieberhaft an einer schließlich mehr als 250 Seiten umfassenden Doppelnummer der Zeitschrift gearbeitet, die nach einigen Verzögerungen endlich im Oktober herauskommen sollte. Die erste Hälfte des Heftes bestand aus Übersetzungen von Texten der amerikanischen Frauenbewegung, die aus einem von Shulamith Firestone und Anne Koedt herausgegebenen Sammelband übernommen wurden. Der Titel dieses Sammelbandes – Notes From The Second Year – inspirierte dann auch den Titel der französischen Veröffentlichung, der schlicht Libération des femmes année zero (Frauenbefreiung Jahr Null) lautete. Die andere Hälfte bestand aus aktuellen Texten französischer Autorinnen (und dem einzigen Text eines Mannes, der in den Anhang abgedrängt wurde).

Während an der Zeitschrift gearbeitet wurde, begannen die verschiedenen Frauengruppen aufeinander aufmerksam zu werden. Die Frauen der FMA hatten den ersten Artikel in L’idiot international zur Kenntnis genommen und versuchten, Kontakt zur Gruppe um Fouque aufzunehmen. Andererseits war im Nouvel Observateur ein Brief der FMA veröffentlicht worden, worauf sich eine Gruppe namens Les oreilles vertes (Die scharfen Ohren) bei ihnen meldete. Verblüffenderweise stellte sich dann bei einem Treffen heraus, daß es sich bei den Frauen von Les oreilles vertes um Mitglieder der Gruppe von Fouque handelte, die sich auf die Anfrage der FMA nicht gemeldet hatte ([1], S. 40f).

Doch bereits bei den ersten Treffen gab es Unstimmigkeiten. Es war der klassische Streit, der die Anfänge der zweiten Frauenbewegung durchzog: Verstand man sich als Teil einer revolutionären Bewegung, die sich im wesentlichen auf das Proletariat als Subjekt der gesellschaftlichen Umwälzung stützte? Oder begriff man sich als reine Frauenbewegung, für die zunächst einmal die eigenen Belange im Zentrum standen? Es kam zu einem harten Schlagabtausch zwischen der marxistischen und der feministischen Fraktion:

„Die Diskussion konzentrierte sich immer mehr auf Antoinette [Fouque], Monique [Wittig] und Christine [Delphy]. Eine Spaltung zeichnete sich ab zwischen den Verfechtern der »F.M.A./Christine«-Thesen – sie waren in der Minderheit und wurden von Monique vertreten – und den Gegnern dieser Thesen, die die Mehrheit bildeten und von Antoinette vertreten wurden. Die zukünftigen Gruppen des späteren Mouvement de Liberation des Femmes waren an jenem Abend im Keim entstanden, und sie würden sich in Zukunft immer über die Fragen »Klassenkampf« oder »Feminismus« definieren.“ ([1], S. 44)

Das waren die analogen Auseinandersetzungen, die im Berliner Aktionsrat zur Befreiung der Frauen zwischen Helke Sander und Frigga Haug ausgetragen wurden. Und wie in Berlin waren es natürlich die Feministinnen, die das antiautoritäre Erbe der 60er Jahre bewahrten und mit spektakulären öffentlichkeitswirksamen Aktionen die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse vorantrieben.

Gelegenheit dazu gab es am 26. August 1970. An diesem Tag inszenierten die Feministinnen die Aktion, die die Existenz einer Frauenbewegung ein für alle Mal ins öffentliche Bewußtsein Frankreichs rückte. Der eigentliche Anlaß dafür war wieder einmal eine Sache von außerhalb, diesmal aus den USA. Die von Betty Friedan gegründete National Organization for Woman hatte für eben diesen Tag zu einem Frauenstreik aufgerufen. Anläßlich des fünfzigsten Jahrestages des Frauenwahlrechtes sollte dieser Streik – zusammen mit landesweiten Demonstrationen – darauf aufmerksam machen, daß mit dem Wahlrecht die Gleichberechtigung der Frauen noch lange nicht erreicht war.

Dieser Streik elektrisierte auch die französischen Feministinnen. Anne Zelensky erinnert sich:

„Ich schlief noch […] Das Telefon weckte mich. Es war Mano. »Hast du jetzt sofort Zeit? Ich erklär‘ dir weshalb. Die amerikanischen Feministinnen streiken heute. Ein Frauenstreik.«
»Sagenhaft«, ich war sofort wach.
»Wir haben uns überlegt, eine Aktion zu ihrer Unterstützung zu machen. Aber ich will es dir am Telefon nicht sagen. Komm‘ gegen Mittag in das Café oben an den Champs-Elysées.«
Eine Frauenaktion? Davon träumte ich seit Jahren. Ich zog mich schnell an und ging zum vereinbarten Treffpunkt.“ ([1] , S. 46)

Dort fand sie nur eine kleine Gruppe von Frauen vor – ungefähr zehn, denn es war August und ganz Frankreich war in den Ferien. Aber sie hatten die Presse informiert, Transparente gemalt und vor allem: Einen Kranz besorgt, wie man ihn an Gräbern ablegt, mit Blumen und beschrifteten Schleifen. Diese Schleifen widmeten den Kranz der Frau des Unbekannten Soldaten, die, wie es auf einem der Transparente hieß, noch viel unbekannter war als ihr Mann (ein anderes Transparent trug den schönen, ins Deutschen nicht wirklich übersetzbaren Slogan „Jeder zweite Mann/Mensch ist eine Frau“). Dieser Kranz, so war es geplant, sollte am Grabmal des Unbekannten Soldaten am Arc de Triomphe abgelegt werden.

„Aber kaum waren wir aus dem Auto gestiegen und auf das Grab zugegangen, als Bullen auftauchten und uns brutal unsere Blumen und Spruchbänder aus den Händen rissen. Bevor wir richtig merkten was los war, hatten sie kurzerhand einige von uns festgenommen. […] Am nächsten Morgen war auf der Titelseite des France-Soir zu lesen: »Die feministischen Demonstrantinnen am Etoile konnten ihren Kranz „für die unbekannte Frau des Soldaten“ nicht niederlegen.« Zum ersten mal sprach man von Mouvement de liberation des femmes. War hatten uns diesen Namen nicht gegeben. Die Presse hat uns in Anlehnung an die amerikanische Women’s Lib so getauft. Der Frauenkampf war im Begriff wiederaufzuleben.“ ([1], S. 46)

Das war die symbolische Geburtsstunde der zweiten Frauenbewegung in Frankreich – so wie der Tomatenwurf Sigrid Rügers in der BRD zum Symbol geworden war. Von diesem Datum an existierte das MLF, die Bewegung zur Befreiung der Frauen. Und im Gegensatz zum Tomatenwurf gibt es sogar Filmaufnahmen, die man sich auf der Seite des Institut National de l’Audiovisuel anschauen kann.

Über den Charakter dieser Bewegung und die weiteren spektakulären Aktionen erfahren Sie nächste Woche mehr, wenn Anne Zelensky sich empört:

„Als erstes mußte nun eine Abtreibungsgruppe gegründet werden. […] Wie gewöhnlich wurde Unmut laut: »Schon wieder Abtreibung! Können wir denn nicht mal über was anderes reden!« Diese Reaktion machte mich wütend. Unglaublich! Als ob ihnen das nicht passieren könnte, diesen dummen Weibern! […] Was hatten sie in einer Frauengruppe verloren?“ ([1], S. 53)

Nachweise

[1] Tristan, A. & de Pisan, A., Jedesmal, wenn eine Frau sich wehrt…, Münster 1979.

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29. August 2014 at 15:57

Frauenbefreiung. Das Jahr Null

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Der Kampf gegen den § 218 (8)

„Es ist uns bewußt geworden, daß es, nach dem Vorbild aller unterdrückter Gruppen, an uns selbst liegt, unsere eigene Befreiung anzugehen.“

Partisans Nr. 54/55 (Juli-Oktober 1970): Frauenbefreiung. Das Jahr Null

Was bisher geschah: In den letzten Folgen hatten wir den Kampf gegen den Abtreibungsparagraphen, wie er vor der spektakulären Aktion im Stern geführt wurde, dargestellt. Abgeschlossen hatten wir mit einem Zeitzeuginnenbericht, der die repressive Stimmung dieser Jahre in der oberschwäbischen Provinz schilderte – und den Emanzipationsprozeß, der daraus erwuchs.

Der heutige Text ändert, scheinbar abrupt, den Schauplatz. Statt zu berichten, wie sich die Agitation gegen den § 218 weiterentwickelte, richten wir unseren Blick nach Frankreich. Das hat einen guten Grund: Die Aktion, die den nächsten Schritt dieser Geschichte in der Bundesrepublik markiert, war kein einheimisches Gewächs, sondern wurde aus Frankreich importiert. Insofern ist es ganz sinnvoll, die französische Entwicklung zumindest zu skizzieren.

Wer der irrigen Meinung ist, Frankreich sei ein in sexueller Hinsicht aufgeklärtes Land und hätte einen lockerere Haltung in Sachen Abtreibung, sitzt einem schweren Irrtum auf. Die katholische Tradition des reaktionären Frankreichs führte schon 1810 zu einer expliziten Abtreibungsgesetzgebung, gut sechzig Jahre, bevor dies im Deutschen Reich durch den § 218 geregelt wurde. In der Folge des ersten Weltkrieges wurde dann 1920 die Gesetzgebung verschärft – schließlich sollten die Gefallenen des Weltkrieges möglichst schnell ersetzt werden. Und so wurde nicht nur Abtreibung zu einem Verbrechen erklärt, sondern selbst der Verkauf von Verhütungsmitteln und die Aufklärung über Empfängnisverhütung unter Strafe gestellt.

1923 wurde das Gesetz dahingehend geändert, daß Abtreibung nun nicht mehr als Verbrechen, sondern nur als Delikt angesehen wurde. Diese scheinbare Entschärfung des Gesetzes war allerdings keineswegs menschenfreundlich: Sie diente dazu, die Rate der Verurteilungen hochzusetzen. Als Verbrechen hatte die Abtreibung vor einem Schwurgericht verhandelt werden müssen und die Geschworenen neigten notorisch dazu, mildernde Umstände gelten zu lassen. Indem die Abtreibung zum Delikt heruntergestuft wurde, entfiel die Verhandlung vor Geschworenen, die Zahl der Verurteilungen schnellte nach oben.

Doch es kam noch schlimmer: Ähnlich wie in Deutschland unter den Nazis erklärte 1942 die Vichy-Regierung Abtreibung zu einem Staatsverbrechen, auf das die Todesstrafe stand. 1943 wurde deshalb Marie-Louise Giraud auf die Guillotine geschickt. Nach der Befreiung Frankreichs wurde dieses Gesetz zurückgenommen, aber die Gesetze von 1920 und 1923 blieben bestehen.

Dagegen wandte sich der 1957 gegründete Verein Maternité heureuse (glückliche Mutterschaft), der dann 1960 im Mouvement français pour le planning familial (Französische Bewegung für die Familienplanung) aufging. Diese Organisation importierte illegal Diaphragmen und Spermizide aus Großbritannien, später auch die Pille aus den USA. In den lokalen Zentren des Vereins wurden die Verhütungsmittel vertrieben und die Frauen in ihrem Gebrauch unterwiesen.

1967 wurde wenigstens das Verbot von Verhütungsmitteln aufgehoben, wenn auch die Werbung dafür verboten blieb. Allerdings vergingen noch einmal fünf Jahre zwischen der Verabschiedung des Gesetzes bis zu dessen Rechtsgültigkeit. Doch wie in der Bundesrepublik Deutschland beeinflußte der Kampf gegen die Abtreibungsgesetzgebung die Anfänge der zweiten Frauenbewegung zunächst einmal nicht. Diese entwickelte sich vielmehr aus den antiautoritären Bewegungen heraus.

Der Mai 1968, der Frankreich stärker erschütterte als alles, was sich im Rahmen der antiautoritären Bewegungen in der Bundesrepublik ereignete, führte merkwürdigerweise nicht dazu, daß öffentlich sichtbare Frauenorganisationen entstanden. Eine Organisation wie den Aktionsrat zur Befreiung der Frauen sucht man im Frankreich der Jahre 1968 und 1969 vergebens. Das heißt nicht, daß es nicht kleinere Zirkel gab. Zum einen gab es die Gruppe féminin, masculin, avenir (FMA – weiblich, männlich, Zukunft). Diese war mit der Frauenorganisation der Sozialistischen Partei verbunden und organisierte auch schon vor dem Mai 1968 Treffen, bei denen das Verhältnis zwischen den Geschlechtern thematisiert wurde. Mehr als ein Dutzend Personen beiderlei Geschlechts nahmen an diesen Treffen allerdings nicht teil. Als dann im Rahmen der Maiunruhen die Sorbonne besetzt wurde, ging die FMA erstmals an die Öffentlichkeit:

„Spontan entschloss man sich, für den 4. Juni 1968 eine Debatte zum Thema »Frauen in der Revolution« in einem der Hörsäle der Sorbonne zu organisieren. Im Anschluss an die gut besuchte Veranstaltung erhielt die FMA regen Zulauf.“ ([1], S. 99f)

Natürlich fiel der FMA das Offensichtliche auf. Das Verhalten der Männer in der Revolte unterschied sich, bei aller behaupteten Progressivität, nicht von dem der Gesamtgesellschaft. Männer führten das große Wort, die Frauen wurden in eine reine Statistinnenrolle gedrängt. Und so stellte FMA in einem Flugblatt vom Sommer 1968 zurecht die Frage:

„Student, Arbeiter, auch wenn Du alles und jedes hinterfragst […], hast Du daran gedacht, die Beziehung zwischen Mann und Frau infrage zu stellen?“ (zit. nach [1], S. 100)

Offensichtlich nicht. Und genau so offensichtlich gedachten die Männer auch nicht, in Zukunft daran etwas zu ändern. Für die FDA hieß das, daß der Aufschwung der Gruppe nur von kurzer Dauer war:

„Die Mobilisierung von bis zu 40 Teilnehmern hielt jedoch nur kurzfristig an. Nach der Sommerpause des Jahres 1968, die für viele andere Aktionskomitees und Initiativen der Mai-Bewegung das Aus bedeutete, verblieben in diesem Kreis nur noch eine Handvoll Personen.“ ([1], S. 100)

Noch weniger öffentlich sichtbar war ein anderer Zirkel, der sich im Herbst 1968 gründete und der zunächst keinen Namen trug. Während die FMA, wie bereits der Name andeutete, zunächst eine gemischtgeschlechtliche Gruppe war, konstituierte sich der namenlose Zirkel als ein exklusives Frauentreffen. Anfangs handelte es sich um einen reinen Debattenzirkel, der sich in Privatwohnungen traf. Führende Gruppenmitglieder waren die Schriftstellerin Monique Wittig und die spätere Psychoanalytikerin Antoinette Fouque. Worüber wurde diskutiert? Fouque erinnert sich:

„Wir haben Marx, Freud, Lacan durchgearbeitet, über die Hysterie und die Widersprüchlichkeit der Sexualität gesprochen.“ (zit. nach [1], S. 100)

Das kam nicht von ungefähr: Fouque war zu dieser Zeit Lektorin beim Verlag Seuil und über ihre Arbeit mit Lacan und Derrida vertraut, 1969 begann sie eine Analyse bei Lacan.

Erst 1970 trat diese Gruppe in die Öffentlichkeit. Am 30. März riefen sie zu einer Frauenversammlung an der Universität Paris-Vincennes auf. Dieser Ort war nicht zufällig. Die erst im Herbst 1968 frisch gegründete Universität Vincennes war ein Brennpunkt linksradikaler Aktivitäten in der Folge des Mai 1968. Nicht nur die ganzen politischen Gruppen und Sekten waren stark vertreten und beherrschten die universitäre Öffentlichkeit. Auch das Lehrpersonal gehörte teilweise zur radikalen Avantgarde. Das Lehrpersonal schloß beispielsweise Hélène Cixous, Gilles Deleuze und Michel Foucault ein. Und, für die Gruppe um Wittig und Fouque ganz wichtig: Auch wenn Lacan selbst nicht dort lehrte (er war abgelehnt worden), war diese Universität eine Hauptbastion der lacanschen Variante der Psychoanalyse.

An dieser Universität fand also im Frühjahr 1970 die erste explizit von Frauen organisierte öffentliche Versammlung seit dem Juni 1968 statt:

„Der Einladung gefolgt sind etwa dreißig Frauen. Sie bereiten T-shirts, Banderolen und Anstecker für eine Demonstration vor. Als Erkennungszeichen wird das in der Biologie verwendete Symbol für das weibliche Geschlecht gewählt, ergänzt durch eine geballte Faust im Innern des Kreises.“ ([1], S. 102)

Die Demonstration fand dann wohl statt, fand aber offensichtlich keinerlei Echo in der französischen Öffentlichkeit:

„Wann die Demonstration in Vincennes schließlich stattgefunden hat, ist – trotz des großen Andrangs, den Antoinette Fouque in mehreren Interviews bestätigt – nicht mehr zu rekonstruieren. Die Akteurinnen bestätigen, dass in der Presse über das Ereignis nicht berichtet wurde.“ ([1], S. 102)

Allerdings kamen durch diesen Schritt in die Öffentlichkeit die Gruppe von Wittig und Fouque mit der FMA in Kontakt. Eine weitere Veranstaltung fand dann am 4. Juni statt. Im Aufruf wurden Männer explizit ausgeschlossen – was zu einer wüsten verbalen Auseinandersetzung mit den linksradikalen Sekten auf dem Campus führt. Diese wollten das Treffen „im Namen der Revolution“ verhindern (zit. nach [1], S. 102). Eine Polemik schloß sich an:

„»Seit wann müssen die Unterdrückten ihre Unterdrücker um die Erlaubnis zur Revolte bitten?« – »Wenn wir euch nicht unterstützen, ist eure Bewegung zum Scheitern verurteilt!« – »Nieder mit den Unterstützern. Wir wollen uns von unseren Unterstützern befreien!« – »Ihr seid ja alle unbefriedigt!« (»mal baisées«)“ ([1], S. 102)

Diese Auseinandersetzung führt dann zu einem der ersten veröffentlichten Dokumente der zweiten Frauenbewegung in Frankreich, dem Artikel „Contre le terrorisme mâle. La Révolution fera le ménage“ (Gegen den männlichen Terrorismus. Die Revolution wird aufräumen), der in der Zeitschrift L’Idiot international publiziert wurde, wo einige der Frauen bereits in der April-Nummer einen Artikel veröffentlich hatten.

Doch all dies hat keine größer Außenwirkung. Es fehlte das symbolische Ereignis, an dem sich der Protest kristallisieren konnte. Dieses symbolische Ereignis, das analog dem Tomatenwurf Sigrid Rügers in der BRD als symbolische Geburtsstunde der französischen Frauenbewegung gilt, fand dann am 26. August 1970 statt.

Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn es heißt:

„Es gibt jemand Unbekannteren als den unbekannten Soldaten – seine Frau“

Nachweise

[1] Schulz, K., Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich 1968–1976, Frankfurt a.M. / New York 2002 (http://www.hist.unibe.ch/unibe/philhist/hist/content/e267/e6141/e8165/datei/datei/schulz_provokation_ger.pdf).

Written by alterbolschewik

22. August 2014 at 16:03