shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Archive for the ‘Pop’ Category

Rock ’n‘ Roll!

with one comment

„Ich hatte schon von früher etwas längere Haare, und als ich von einem Lehrer ermahnt wurde, nicht als Preseren [slownischer Dichter des 19. Jhdts] herumzulaufen, hatte ich das Gefühl, daß ich auf einmal die »Beatles« verstehen konnte.“

Jugoslawischer Jugendlicher, zit. nach [Barber-Kersovan 2005]

Nicht nur die Bundesrepublik erlebte in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts ein „Wirtschaftswunder“, das galt auch für Jugoslawien. Dabei hatte dort der Wiederaufbau nach dem Krieg durch den Bruch mit Stalin zunächst einen herben Rückschlag erlitten:

„Die Sowjetunion und ihre osteuropäischen Verbündeten schlossen Jugoslawien Anfang 1949 aus dem Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe aus und errichteten eine hermetische Handelsblockade. Die starre Planung, die politische Isolation nach dem Rauswurf aus der Kominform und eine extreme Dürre führten den Vielvölkerstaat im Jahr 1950 in eine tiefe ökonomische und psychologische Krise.“ ([Calic 2010], S.190)

Andererseits boten sich nun auch andere Chancen. Da die USA fälschlicherweise glaubten, mit Hilfe Jugoslawiens einen Keil in den Ostblock zu treiben, boten sie großzügige militärische und wirtschaftliche Hilfe an. Die Wirtschafthilfe floß zwar weitgehend direkt in den Konsum, doch die damit einhergehende Öffnung der westlichen Märkte erlaubte Jugoslawien ein beispielloses Wirtschaftswunder:

„Zwischen 1953 und 1960 stieg die Industrieproduktion jährlich um imponierende 13,83 Prozent. Jugoslawien hielt damit vor Japan den Weltrekord. Noch in den 1960er Jahren lag die Rate bei 8,2 Prozent. Dadurch vergrößerte sich allmählich auch der Wohlstand. Die Einkommen nahmen zwischen 1953 und 1959 umd 5,9 Prozent zu, und nach den entbehrungsreichen Aufbaujahren rückte nun die Verbesserung des Konsums in den Vordergrund.“ ([Calic 2010], S.197)

Dieser wirtschaftliche Aufschwung brachte – wie in den westlichen Ländern – einen Mentalitätswandel mit sich, der die Jugendlichen, die in diesem prosperierenden Umfeld aufgewachsen waren, in Konflikt mit der älteren Generation brachte, die an den alten, überlieferten Werten festhielt. Dies wurde zum Teil auch von den jugoslawischen Kommunisten aktiv unterstützt:

„Mit besonderer Verve ging der Staat gegen archaische Relikte in der muslimischen Kultur vor. […] Eine junge Muslimin erhählte: »Früher war alles ganz anders. Die Mädchen waren nicht frei […]. Heute […] kann es sich aussuchen, mit wem es zusammen ist und wohin es gehen will. […] Als ich meine Zöpfe abschnitt und mir eine Dauerwelle machen ließ, gab es viel Murren und Klatsch. Ich war eines der ersten Mädchen, das keine Pluderhosen (dimija) mehr trug, sondern ein Kleid.«“ ([Calic 2010], S.219)

Während sich so die Lebensumstände und auch die Alltagskultur rasant veränderten, hinkte der offizielle kulturelle Überbau weitgehend hinter der Entwickung her. Direkt nach dem Krieg war die offizielle Kulturpolitik völlig auf stalinistischer Linie. Gefördert wurden

„Schauspiele mit Partisanenthematik, Volkstänze mit Akkordeonbegleitung, die Veröffentlichung von (pseudo-)literarischen Erzeugnissen in Wand- und Schulzeitungen und die zahlreichen Chöre, bei denen auf dem Umweg über Chorleiterseminare sicher gestellt wurde, daß das Repertoire den vorgeschriebenen ideologischen Richtlinien entsprach. Als »ideologisch unverdächtig« beziehungsweise »empfehlenswert« galten heimische Wecklieder, revolutionäre Lieder unterschiedlicher Herkunft, regimekritische Lieder aus der Vorkriegszeit, Lieder aus dem spanischen Bürgerkrieg, slowenische Volks- und Partisanenlieder.“ ([Barber-Kersovan 2005], S.29)

Jazz hingegen war verpönt. Bereits unmittelbar nach Kriegsende sahen sich die Fans der Jazz-Band „Verseli beraci“ in Ljubljana, „die ihre Zugehörigkeit mit langen Haaren, engen Hosen mit hohen Aufschlägen und bunten Socken zur Schau stellten“ polizeilichen Schikanen ausgesetzt, die bis zu Razzien und willkürlichen Verhaftungen auf der Promenade führten ([Barber-Kersovan 2005], S.33)

Doch auch nach dem Bruch mit Stalin veränderte sich die Situation nicht unbedingt positiv. Zwar fiel ein Teil des Propagandameterials aufgrund seiner sowjetischen Herkunft weg, doch die Lücken wurden nicht unbedingt mit Besserem aufgefüllt: An ihre Stelle traten Schlager und sogenannte „volkstümliche Musik“ wie die des Ensembles Slavko Avsenik. Jazz hingegen wurde weiterhin als „Musik-Pornographie“ abqualifiziert ([Barber-Kersovan 2005], S.32).

In den 60er Jahren bildeten sich dann im eher gehobenen Gymnasiaten- und Studentenmilieu eine Partykultur heraus bei der sich Jugendliche in privaten Wohnung zum Tanzen und Trinken trafen:

„Das Bestehen einer derartigen Party-Gemeinschaft wird bereits für die späten 1950er Jahre überliefert. Sie wurde nach ihrem Maskottchen Crne macke (Schwarze Katze) benannt und von der öffentlichen Meinung zum Inbegriff des Unmoralischen hochstilisiert. Über die von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleideten Jugendlichen wurde unter anderem gemunkelt, sie leiteten ihre wilden Orgien mit dem Verzehr einer gebratenen Hauskatze ein und pflegten Verbindungen zu einem Selbstmörder-Club. Handfeste Beweise für solche Vorwürfe gab es zwar nicht, trotzdem trug die Existenz dieser Party-Gemeinschaft maßgeblich dazu bei, daß man den Begriff »Hausball« in Zusammenhang mit exzessivem Alkoholkonsum und sexueller Promiskuität brachte, obwohl die Veranstaltungen selbst in der Regel viel harmloser verliefen, als ihnen nachgesagt wurde.“ ([Barber-Kersovan 2005], S.38)

Mitte der 60er Jahre erreichte die Beatles-Mania auch Jugoslawien. Es bildeten sich erste Bands, die versuchten, Beat-Musik zu spielen, Fan-Gruppen entstanden, die sich auch durch Kleidung und Haartracht abgrenzten. Insbesondere die langen Haare provozierten die Autoritäten: „Im Jahr 1964 vereinbarten Direktoren aller Gymnasien aus Ljubljana sogar eine gemeinsame Strategie zur Bekämpfung der unerwünschten Haarlänge bei Jungen.“ ([Barber-Kersovan 2005], S.47) Diese sich langsam entwicklende Subkultur sah sich – wie auch im Westen – massiven Angriffen ausgesetzt, deren Diktion sich allerdings von den Angriffen im Westen etwas unterschied, wie man folgendem Leserbrief entnehmen kann:

„Es gibt etwas, was mich an den »Beatles«-Fans stört […]. Es stört mich die schädliche Ideologie. Sie steht am wackeligen Fundament einer kleinbürgerlichen Ideologie, deren Gestalter reaktionäre Indivudualisten aus den bürgerlichen Staaten sind. So sind wir heute Zeugen der Anarchie, der Faulheit, der Verantwortungslosigkeit und des Desinteresses an gesellschaftlichen Gegebenheiten, an Arbeit, Kultur und Wissenschaft, also an allem, von dem die Zukunft jeglicher Gemeinschaft abhängt.“ (zit. nach [Barber-Kersovan 2005], S.45)

Derartige Angriffe waren natürlich völlig kontraproduktiv (oder produktiv, wie man’s nimmt). Nicht nur, daß sie die Fronten zwischen den Generationen verhärteten. Sie führten vor allem dazu, daß ein unsprünglich unpolitisch verstehendes Verhalten, dem es nur um den Ausdruck einer milden Form von Hedonismus ging, die durch die prosperierende ökonomische Situation legitimiert war, sich politisierte.

Lesen Sie deshalb auch nächste Woche weiter, wenn Damjan Ovsec meint:

„Zunächst war für uns die Protesthaltung als solche interessant, ohne daß sie in einen gesellschaftlichen Kontext eingebettet wäre. Das geschah erst später, als die Gesellschaft […] unliebsam zu reagieren begann, was natürlich im Nu das gewünschte Kampffeld schaffte. Zugleich begann unsere Generation imer mehr über die Unstimmigkeiten im eigenen Umfeld nachzudenken. Dadurch wurde die Identifikation mit den ausländischen Bewegungen möglich. Die Popmusik bekam eine soziale Konnotation.“ (zit. nach [Barber-Kersovan 2005], S.48f)

Literaturverzeichnis

Barber-Kersovan, A. 2005: Vom „Punk-Frühling“ zum „Slowenischen Frühling“, Hamburg 2005.

Calic, M.-J. 2010: Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert, München 2010.


Hinweis: Wenn dieser Beitrag freigeschaltet wird, bin ich in Urlaub. Falls ich nicht auf Kommentare reagiere, liegt das daran, und nicht an meiner Unhöflichkeit.

Written by alterbolschewik

10. Juni 2011 at 9:00

Veröffentlicht in Jugoslawien, Medien, Pop

Trommeln im Park

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Während ich dies schreibe, liegt meine schöne Nachbarin splitternackt und ein Buch lesend in ihrer Fensterbank und blinzelt mir zu. Das und die Körperhaltung, in der sie sich rekelt, könnte den Inhalt dieses Artikels schon wieder konterkarieren, aber das hat noch keinen Linksintellektuellen vom Ausformulieren seiner Standpunkte abgebracht.

– Ein absolutes Schlüsselerlebnis in den frühen Achtzigern war für mich eine spontane Jamsession in einem öffentlichen Park. Als ich zufällig dort vorbeikam, spielte eine Frau Gitarre, während ein Mann Querflöte blies. Es lagen noch ein paar Bomgos rum, und ich fragte, ob ich mitmachen dürfe. „Dafür sind wir hier!“ bekam ich zu hören. So setzte ich mich denn dazu und trommelte. Nach einer Weile kam jemand mit einer Ukulele vorbei, dann jemand mit Klarinette, irgendjemand reichte mir eine Mundharmonika. Ich konnte zwar nur Blockflöte, und auch das mehr schlecht als recht und bin eigentlich unmusikalisch, aber darauf kam es hier nicht an. Was wir spielten klang eh wie Freejazz. Immer mehr Leute schlossen sich uns an; tatsächlich hatte jemand das Gerücht gestreut, im Park fände ein Mitmach-Konzert statt, und also kamen die Leute, um es wahr werden zu lassen, sozusagen ein Gerücht in der Laborphase. Am Ende spielte ein Mann, über den sich herausstellte, dass er Domposaunist war, hinreißende Saxophonsoli in der Abenddämmerung.

Es war ein großartiger sehr langer Samstag, auf dem Freundschaften geknüpft wurden.

Gut 10 Jahre später spielte ich zwar keine Musik im Park, prügelte mich aber mit Cassandra mit Schlagstöcken, wovon die Passanten erstaunt, aber ohne heftige Reaktionen Notiz nahmen.

Es gab auch Konzerte, die umsonst im selben Park stattfanden und auch genauso hießen: Umsonst&draußen.

Wenn heute jemand im Park Musik spielt, dann, weil er oder sie Geld braucht, nicht als Ausdruck spontaner Lebensfreude und schon gar nicht als sich spontan findende Clique einander vorher Wildfremder (was nebenbei gesagt auch in Kneipen ein damals übliches Ereignis war). Ich habe ja sogar den Verdacht, würden wir heute so etwas machen, käme irgend ein Spinner daher und würde nach der GEMA-Anmeldung fragen. Und bei Stockkampf im Park holte man wahrscheinlich die Polizei. Ganz normal wären hingegen beide Ereignisse, wären sie ein „Event“ kontextualisiert mit irgendwas. Aber einfach so spontan, weils Spaß macht – das scheint mir von Allzuvielen als out of time angesehen zu sein. Wenn man etwas macht, dann hat es ein Programm, und da scheint mir ein impliziter Rechtfertigungsdruck dahinterzustehen.

Als ich kürzlich im Kollegenkreis erzählte, dass eine offene Zweierbeziehung mit erlaubten Seitensprüngen für mich eher das normale Beziehungsmodell darstellen würde als ein eheähnliches Verhältnis waren die verdutzt – niemand von denen teilte meine Ansicht. Für meine Generation und noch viel mehr die Altersdekade über mir galt eine solche Beziehungsform oftmals als linken Idealen gemäßer als das „Modell Ehe“, und Eifersucht als eine zwar menschlich verständliche, aber irgendwo unreife oder unaufgeklärte Emotion – ein Partner ist schließlich ein selbstbestimmter Mensch und kein Besitz. Gut, das mag alles erst mal ziemlich theoretisch und im praktischen Leben dann doch ganz anders umsetzbar sein, aber zumindest wurde in solche Richtungen gedacht, geredet und geliebt, und das scheint 10, 15 Jahre Jüngeren heute nicht einmal mehr ansatzweise vorstellbar zu sein. Dafür ist praktisch niemand mehr weder tätowiert noch gepierct noch intimrasiert. Auf der einen Seite wird der eigene Körper wie ein Kunstwerk inszeniert, auf der anderen Seite wird mit ihm viel weniger Spaßiges mehr gemacht als früher.

Written by chezweitausendeins

20. Mai 2009 at 17:54

Zur kulturellen Verortung oder was man so liest und schaut

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Wenn ich in anderen Blogs so lese, was dort wiederum gelesen wird und welche Fernsehprogramme für relevant erachtet werden fallen mir mitunter gewaltige Diskrepanzen ein. Momorulez zum Beispiel hat ein ganz anderes Verhältnis zu Sendungen, zu denen ich teilweise gar nichts sagen kann, wo ich aber auch nicht auf die Idee kommen würde einzuschalten (Deutschland sucht den Superstar etwa). Zum Anderen hat er scheinbar keinerlei Bezug zum größten Teil der Romanliteratur, die ich so lese. Don besitzt erst gar keinen Fernseher und bewegt sich hinsichtlich der Literaturrezeption zwischen dem Barock und Tucholsky, Frau Modeste findet die deutsche Nachkriegsliteratur vor den 90ern, also Böll, Bamm, Bachmann, Johnson, Grass und so weiter fast durch die Bank schlecht, kann aber mit Christian Kracht wieder etwas anfangen, den ich ja eher unter Irrungen/Wirrungen verbuchen würde – nein, nicht mit Fontane vergleichen, sondern voll daneben finden. Mein weiteres Lebensumfeld bzw. alt angestammter Freundeskreis hat so einen gewissen gemeinsamen Fundus, der in meiner Lebenswelt fast als Standard gilt. Da lesen die meisten Leute moderne historische Romane wie „Die Säulen der Erde“, „Die Varus-Legende“, „Das Blut der Könige“ oder „Der 77. Grad“. Science fiction und Fantasy, vor allem in ihren satirischen Varianten sind viel frequentiert, und Douglas Adams, Terry Pratchett und Walter Moers gehören ebenso zur Allgemeinbildung wie Asterix, Donald, japanische Mangas oder französische, spanische und italienische Erwachsenencomics. Cineastisch teilt sich mein Umfeld in eine Fraktion, die praktisch nur Autorenfilme sieht und Hollywood boykottiert (Ich habe tatsächlich Freunde, die mit den Namen Bruce Willis und Denzel Washington nichts anfangen können) und eine Gruppe, die auf harte Actionfilme abfährt und Arnie ebenso kultet wie Alien, Matrix, Star Trek und James Bond. Na ja, und ich bin mitten dazwischen, habe mir auch Titanic angetan, liebe andererseits Godard, Bunuel, Yilmaz Günay, solch gänzlich unbekannte Filme wie das kurdische Guerrilla-Drama „Ein Lied für Beko“ oder „Eine Saison in Hakkari“ und habe gerade mit Begeisterung „Buddenbrooks“ und „Effi Briest“ gesehen. Und natürlich sind auch der „Herr der Ringe“ und der „Goldene Kompass“ Kult. Eine besondereSchwäche habe ich für opulente Naturfilme wie Attenborough oder Fothergill sie machen (Top Act: „Blauer Planet“), während ich mit der deutsche Fernsehunterhaltung auf privaten Kanäle so wenig anfangen kann, dass mir die Sätze „Ich bin ein Star! Holt mich hier raus!“ auf einem Blog nicht mehr sagten, als es jetzt vielleicht eine Sentenz auf Tagalok oder Kiowa getan hätte – buchstäblich überhaupt nichts. Es sollte jedoch niemand auf die Idee kommen, mich anzurufen, wenn „Tatort“ läuft. Und nun frage ich mal einfach in die Runde: Wie schaut das bei Euch so aus?

Written by chezweitausendeins

17. Februar 2009 at 13:57

Das knutschende deutsch-türkische Pärchen an der Ladenkasse

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Beim Einkaufen im Supermarkt wartete vor mir in der Schlange ein junges hetersosexuelles Pärchen, so um die 17, 18 Jahre alt, beides Kinder türkischstämmiger Familien aus der Nachbarschaft. Sie beichtete ihm gerade, dass sie einen anderen, deutschen Jungen geknutscht und sich dabei eine Erkältung geholt hätte, und dann diskutierten die beiden ausgiebig und ziemlich entspannt über ihre Beziehung und inwieweit Knutschereien mit Dritten erlaubt seien oder nicht, alles in Mithörlautstärke für den Supermarkt, während sie sich wechselseitig abknutschten und befummelten. Ich wünschte mir in diesem Augenblick all jene Kurzdenker herbei, für die die Begriffe „Türken/Muslime/Sex-Beziehungen“ nur im Zusammenhangmit Zwangsheirate und Ehrenmorden thematisierbar erscheinen. Vor allem aber beneidete ich sie um ihre Lockerheit und Offenheit, die mir in all den Jahren leider gründlich ausgetrieben wurde. Sollen sie glücklich damit werden. Aber den Eindruck machen sie ja gerade.

Written by chezweitausendeins

11. Februar 2009 at 15:41

Mal ’ne Lebensbeichte: Gibt ja so Sätze …

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… die so wichtig für mich sind, daß sie mein ganzes Leben prägen. Und paradoxerweise dann in der Kritik von Identitäts-Modellen sowas wie eine Identität generieren. Das ist hier sind solche für mich:

„Zur Zeit braucht die Schwulenbewegung eine Kunst des Lebens viel dringender als eine Wissenschaft oder ein wissenschaftliches Wissen (oder pseudo-wissenschaftliches Wissen) von Sexualität. Sexualität ist Teil unseres Verhaltens. Sie ist Teil unserer Freiheit. Sexualität ist etwas, was wir selbst schaffen – sie ist unsere eigene Kreation und viel mehr als das Aufdecken einer geheimen Seite unseres Begehrens. Wir müssen verstehen, daß in und durch unsere Begehren hindurch neue Formen von Beziehungen verlaufen, neue Formen der Gestaltung. Sex ist kein Schicksal; es ist eine Möglichkeit das Leben zu gestalten.

Darauf läuft es hinaus, wenn Du davon sprichst, daß wir versuchen sollten, schwul zu werden – und uns nicht nur als schwul zu bestätigen.

Ja, genau. Wir müssen nicht entdecken, daß wir Homosexuelle sind.

Oder was die Bedeutung davon ist?

Genau. Eher müssen wir ein schwules Leben entwerfen. Werden. […]

Wenn man sich anschaut, wie verschiedene Leute ihre sexuellen Freiheiten gelebt haben – wie sie ihre Kunstwerke geschaffen haben – müsste man sagen, daß Sexualität, so wie wir sie kennen, zu einer der kreativsten Quellen unserer Gesellschaft und unseres Seins geworden ist. Meiner Meinung nach sollte man es umgekehrt sehen: Im allgemeinen wird Sexualität als das Geheimnis des schöpferischen kulturellen Lebens angesehen; sie ist aber viel eher ein Prozeß, in dem wir ein neues kulturelles Leben entwerfen, das tiefer geht als sexuelle Wahlmöglichkeiten zu haben.

(…) wenn Identität zur Frage sexueller Existenz wird, und wenn Leute glauben, daß sie ihre „eigene Identität aufdecken“ müssen und daß diese zum Gesetz werden muß, zum Prinzip, zum Code ihrer Existenz; wenn sie beständig die Frage stellen „Entspricht das meiner Identität?“, dann kehren sie zurück zu einer Ethik, die der der alten heterosexuellen Männlichkeit sehr nahe ist. Wenn wir zur Frage der Identität Stellung nehmen müssen, dann sollte es um eine Identität zu unserem eigenen Selbst gehen. Aber die Beziehungen zu uns selbst, sind keine identitären; viel eher sind sie Beziehungen von Differenzierung, Kreierung und Erfindung. Stets dasselbe zu sein ist wirklich langweilig.“

Michel Foucault

Diese späten Interviews mit Foucault haben einst tatsächlich mein Leben verändert, meine Haltung, meine Praxis, mein Denken. Sehr weit über das Thema „Sexualität“ bzw. „schwul“ hinaus: Das betrifft auch den Umgang mit allen „Wurzeln“, seien es „kulturelle“ oder „familiäre“, seien es Szene- und Schicht-Zugehörigkeiten oder Berufs-„Identitäten“. Für mich war das der Abschied, ja, die Befreiung vom Freudomarxismus, von der vulgärpsychoanalytischen Hermeneutik des vorgängigen Selbst, von allen Entfremdungsmodellen, die Formen der „Eigentlichkeit“ (Heidegger) in sich selbst aufspüren wollen, um handeln und sein zu können.

„Ästhetik der Existenz“ wurde dann ja Schlagwort mit fataler Wirkungsgeschichte, nichtsdestotrotz: Meiner Ansicht nach kann man Foucaults Kritik der Macht nicht lesen, ohne sich zu fragen, was ihn zu diesem dubiosen, aber großartigen Spätwerk trieb.

Wer diesen und ähnlichen in den späten Interviews geäußerten Gedanken Foucaults nicht folgen will, kann ja gerne „authentisch“ bleiben … klar ist: Eine Kritik der politischen Ökonomie konnten sie nie ersetzen, und auch nicht eine Kritik der „entfremdeten Arbeit“. Aber wollten sie auch nie. Auch wenn Herr Welsch das gerne so gehabt hätte …


Written by momorulez

22. November 2008 at 11:05

Für das sich episodisch neu erfinden!

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Wo ich mit schon andernorts mit Mitbloggern heftig über das unten stehende Zitat streite, sei es doch noch mal hoch geholt, vielleicht steckt da ja mehr drin, als es mir auffällt:

“Erfolgte die Stabilisierung des Selbst im sozialdemokratischen Zeitalter vielfach durch konsumtive Attribute, die aufgrund der Ausbeutung einer zerstreuten Millionenzahl von Weltmarktarbeiterinnen erschwinglich war, so mindern nun andere, noch billigere Räusche die Scham des Herabgesetztseins und das Gefühl der Entwertung. Unterhaltung, Konsum, Porno und Halbwissen werden zu einem Elixier vermengt, wie es uns täglich aus dem Fernsehen und aus den Portalen entgegenschwallt. Kommunikation erfolgt im Takt der Billigtarife, nach bestimmten, vonNetz und Telefonie gepräögten Abläufen. Der Einzelne erfindet sich episodisch neu, sehr wohl in der Ahnung, dass die Bausteine seines Selbst außerhalb vorfabriziert werden. Eine Welt genormter Individualisten und medial geformter Lebensstile ersetzt die postnazistische Forderung nach Konformität. Heute weicht jeder genüsslich von der Norm ab. Das Biedere, Langweilige, Komplizierte wird argwöhnisch beäöugt. Gleichwohl sind dem spaßigen treiben staatlich enge Grenzen gesetzt, wie jüngst die Rostock-people knüppeldich zu spüren bekamen. Bei ernsthaft renitenter Individualität besteht Terrorismusgefahr! Aus all diesen Facetten wird ein unternehmerisches Selbst formiert, mit allen individuellen Freiheiten ausgestattet, und nur der einzigen Drohung ausgesetzt, im kreativen Rattenrennen nicht schlapp machen zu dürfen. That´s the mystery!”

Ich frage mich ja bei solchen Expertisen über das post-post-moderne Leben immer, aus welcher Perspektive sie formuliert sind.

Woher wissen die das? Wieso können sie dem totalen Verblendungszusammenhang entrinnen – oder ist der Text selbst Ausdruck von „Unterhaltung, Konsum, Porno und Halbwissen“ ? Worin unterscheidet sich denn diese „“noch billigere“ Form von der davor? Daß es früher ein schärferes Pornographiegesetz gab? Und man sich beim Amusement so schön schämte?

Wie kommt es denn, daß in den 80ern allerlei Leute, z.B. Lydia Lunch und der Herr Thirwell, in der Pornographie progressives Potenzial witterten, und wann haben Alice Schwarzer und Andrea Dworkin trotzdem recht? Wäre ja interessant, darüber was zu erfahren, aber ganz wie Evangikale in den USA stellen sie dann „Porno“ in’s Zimmer und gucken’s böse an. In New York führte solche Denke dazu, daß es sehr schwierig ist, eine Lizenz für’s Tanzlokal zu erhalten, weil schon Arschwackeln irgendwie anrüchig sein könnte und vielleicht sogar Spaß macht … na ja, Grönemeyer kann ja auch nicht tanzen. Und die Autoren haben dem Rest der Menscheit Ganz-Wissen voraus, offenkundig, und flüchten vor jeder Unterhaltung. So kommt dann ein Monolog bei raus.

Gegen so eine latent debile Reihung von Assoziationen –  „Kommunikation erfolgt im Takt der Billigtarife, nach bestimmten, vonNetz und Telefonie geprägten Abläufen“, das ist doch selbst nur „Ich gucke Werbung und halte das dann für die Welt“ – verfügt selbst „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ über mehr Potenzial zur Diagnostik, weil man da wirklich sehen kann, wie man Kids in einem annähernd surrealen Raum zu trimmen versucht, nur zu was ganz anderem, als hier suggeriert wird: Das ist die ganz klassische Konformität ohne alle dialektischen Schlenker. Natürlich gibt es nur Wahl zwischen Coca und Pepsi Cola, aber das ist ja das Schlimmste an diesen Versatzstücken: Das haben Horkheimer, Adorno und Marcuse alles schon und alles schon besser formuliert.

Wo nimmt denn der Großteil der Bevölkerung an einem „kreativen Rattenrennen“ teil? Lange nicht mehr auf’m Dorf, auf’m Flughafen, auf’m Bahnhof gewesen …. und selbst beim DSDS-Casting auf Malloca stehen ja keine 80 Millionen Schlange.

Wieso sind die „Rostock-People“ wahrhaft individuell – was haben die Fragen nach legitimer, politischer Aktion mit jenen der „Individualität“ zu tun?

Das würde man ja gerne erfahren, das sind wichtige, brandaktuelle Fragen, aber: Sie sagen’s nicht und klagen an wie die Haßpriester auf Trinidad, die „Homosexualität“ niederpredigen wollen – und sich wahrscheinlich kurz danach mal wieder ordentlich durchficken lassen. Wurde mir zumindest bereichtet, daß das da gelegentlich so läuft.

„Der Einzelne erfindet sich episodisch neu“ – ja, zum Glück, schön wär’s, wenn’s denn so wäre … die Möglichkeit dazu nennt man Freiheit. Und genau die ist’s doch, die aktuell fehlt.

Gegen den Cock-Rock! Auch heute noch!

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„Gegen die rockistisch wertkonservative Auffassung von Kontinuität betont Reynolds den Bruch, den Neuanfang, den Remix als ästhetische Matrix im Augenblick seiner technischen Machbarkeit. Folglich sind eben nicht „White Riot“ und „God Save the Queen“ die wichtigsten Singles des Punkjahrs 1977, sondern „Trans Europe Express“ und „I Feel Love“. Der Electro-Pop von Kraftwerk und der für die Afroamerikanerin Donna Summer produzierte Synthesizer-Disco-Track des weißen Südtirolers (und Neffen von Luis Trenker) Giorgio Moroder öffnen Fenster – nach Europa und in die Zukunft, auch die amerikanische. „Trans Europe Express“ sollte Africa Bambaataa als Steinbruch für die Zukunft von Hip Hop und Elektro dienen. Postpunk erbringt den nachträglichen Beweis, daß Punk und Disco keine antagonistischen Strömungen waren, sondern – im Idealfall – Verbündete gegen die heteronormative Rockorthodoxie mit ihren Authentizitätsmythen.“

Klaus Walter, Delirum und Klarsicht, Vorwort zu: Simon reynolds, Rip it up an start again, Höfen 2007, S. 13

„Der Bass gab seine bislang unauffällige Unterstützerrolle auf und trat als führendes Instrument in den Vordergrund und erfüllte auch dann Melodiefunktionen, wenn er gleichzeitig den Groove vorantrieb. In dieser Hinsicht blieben die Basssisten des Postpunk den Innovationen von Sly Stone und James Brown dicht auf den Fersen und lernten vom damals aktuellen Roots Reggae und Dub. Punk, der es auf einem miltanten und aggressiv monolithischen Sound anlegte, hatte dem Rock das „Schwarze“ fast vollständig ausgetrieben, die Verbindung zum R & B gekappt und Disco gleichzeitig als realitätsfremd und banal zurückgewiesen. Ab 1978 machte in Postpunkkreisen jedoch das Konzept der gefährlichen Tanzmusik die Runde, was sich in Genrebezeichnungen wie „Perverted Disco“ und „Avant Funk“ niederschlug.“

Simon Reynolds, ebd. S. 25

Habe ich schon mal von meiner linken Buchhandlung auf dem Schulterblatt geschwärmt? Ist immer ein wenig, als spaziere man direkt zurück in der Zeit mitten in die dollsten Zeiten der Alternativszene 1981. Großartig in Look & Feel & Sortiment. Und dann steht da heute dieses Buch, das zitierte, das berühmte „Never mind the bollocks“-Cover visuell kopierend – und schon das Vorwort zur deutschen wie auch zur englischen Ausgabe: Eine Offenbarung in Zeiten, wo schwarz gegen schwul und jüdisch ausgespielt wird, zum Kotzen, und das Dylan-Paradigma des „Musikhörens als würde man Gedichte lesen“ als Ersatz für das bildungsbürgerliche Distinktionsgehabe von einst herhalten muß.

Was nur man immer noch spürte und ahnte, aber ja wußte, weil man da her kommt, wenn auch leider nicht aus England, sondern aus Niedersachsen, dieses Buch rekonstruiert es systematisch, denn: Es gibt gute Gründe, sich auch diesem Kampf in der Geschichtsschreibung immer wieder neu zu stellen. Weil die Musik von The Clash für mich doch wichtiger war als jedes Gedicht von Goethe … und weil Gang of Four echte Marxisten waren, worauf Ted Gaier in einem dem Vorwort vorangestellten Zitat deutlichst verweist.

Written by momorulez

4. November 2008 at 17:05

Veröffentlicht in Disco, Pop

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