shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Archive for the ‘Rand-Notizen’ Category

Wir sind die VeteraaaanInnen der sexuellen Revolutioooon!

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Trommelwirbel, Schalmeientöne, dazu stampfender Techo-Rhythmus.
Vorbeimarsch der Parade der VeteranInnen der sexuellen Revolution.

Cassandra und ich hatten gerade eine Plauderei über die guten alten Zeiten, die wir hiermit der Öffentlichkeit, der Lächerlichkeit, der Unsittlichkeit und auf cheden Fall der Diskussion preisgeben. Und ansonsten gute Unterhaltung damit!

Cassandra:
.. vor langer, langer Zeit…

… in a galaxy far, far away…

… da galt BDSM unter „Politlesben“ als der letzte Schrei der selbstbestimmten Sexualität und es wurden sogar Infoveranstaltungen mit Referentinnen aus lesbischen BDSM-Zusammenschlüssen veranstaltet.
Ich persönlich bezweifle ja mittlerweile, dass mindestens eine der „Szeneköniginnen“, die sich danach auf das Begeisterste tagelang über das Thema ausliessen, praktisch-anatomische Erfahrungen mit überhaupt irgendeiner der dort referierten Techniken hatte.

Che:

Ja, das klingt nach Kopfkino. In welchem Zusammenhang war die Szenekönigin denn verortet, so ganz grob?

Netbitch told me, dass im *völlig unbekannterLaden* vor einer Aktion mal gesagt wurde, „hoffentlich ziehen auch die Schwanzlutscherinnen mit und machen nicht wieder alles zunichte“.

Und Tempo oder der Wiener feierte so um 1990 mit der Cover-Story „Schwarzer Engel, flieg mit mir“ SM-Sex von Lesben als expliziten Angriff auf Alice Schwarzer und Political Correctness.

Cassandra: Was nicht geht: mir haben jetzt wirklich mehrere Fachfrauen
versichert, dass eine geballte Faust in eine bestimmte Körperöffnung
gestossen zu bekommen (gestossen wohlgemerkt) mit inneren Verletzungen
belohnt werden würde. Geballte zu stecken geht auch nicht, da ist die
weibliche Anatomie gegen (manchmal ist raus doch nicht dasselbe wie
rein), es sei denn die betreffende Frau hat mehrere Kinder geboren
ist ist deswegen geweitet.
Ausprobieren würde ich es auf keinen Fall, dazu hasse ich die
Notfallgynäkologie im Klinikum zu sehr.

Che: Ähem, ein Fistfuck heißt zwar so, da wird aber nicht eine geballte Faust eingeführt, sondern mehrere gestreckte Finger (mindestens 2), so wie beim Blowjob ja auch nicht geblasen wird. Da hat die Dame wahrscheinlich aus der Wortbedeutung Falsches abgeleitet;-)

Diese ganzen ultramoralisch aufgeladenen Sexismusdiskussionen waren für mich ab 1992 passé. Im *namenlose sozialrevolutionäre Gruppe* gab es darüber keine Debatten die *unennbare Person* sagte irgendwann mal, dass Sexismus, Klassenwiderspruch und Rassismus auf den gleichen Grundwiderspruch zurückgingen stünde schon bei Engels, und damit war das Thema durch. Und in der *anonyme private Hilfsorganisation* ging es um so handfeste Dinge wie Giftgas, Folter und den Wiederaufbau zerbombter Dörfer. Für die Bremer GenossInnen hieß Göttingen „PCHausen“ und war so eine Art Kasperletheater. Die moralinsauren Debatten in der GÖ-Szene habe ich ab da nur noch als Kinderkram wahrgenommen, über den ich mich aus der Erwachsenenperspektive lustig machte.

Das ging ja so weit, dass bei einem Treffen gesagt wurde: „Es riecht hier schlecht.“ „Ja, es stinkt, weil hier zu viele Männer sind!“ Und dann *Der Mann mit dem irrelevanten Namen*: „Ja, Achselschweiß, Motoröl, Pulverdampf, so lieben wir das!“.

Die Vergewaltigungsdiskussionen 1989/90 hatten natürlich noch ein ganz anderes Kaliber gehabt, aber was im Zuge der 90er kam war einfach nur noch bizarr. Tatsächlich wurde die Bizarrologie als Disziplin ja in dieser Zeit vom legendären Terrassenplenum gegründet. Auch, um in Anbetracht einer völlig moralinsauren Herangehensweise an das Thema Sexualität nicht nur einer lustvollen, sondern auch ener lustigen Sicht der Dinge eine Gasse zu schaffen.

Zu Anfang meiner Göttinger Zeit war es normal, dass mein Genosse *Der Erste der Nine Unknown Men* erzählte, dass er mit seiner WG-Mitbewohnerin *Kenntenich* morgens vor dem Aufstehen eine Nummer schiebe, wobei sowohl er als auch sie ihre festen Beziehungen hatten. Oder mir eine Genossin auf einem Plenum an die Eier fasste, und dann ab in die Büsche. Das war vor den unseligen Porno- und Vergewaltigungsdebatten in der Göttinger Szene Normalzustand…

Cassandra:

„Angst“ fällt mir dazu ein. Und „Unsicherheit“.
Das ist besser als jeder Zensor. es ist viel effektiver, IN jedem Kopf eine
Schere unterzubringen als eine Zensurbehörde zu unterhalten.
Dahinter steckt die massive Angst, dass etwas schiefgehen könnte. Und
Schuldgefühle von Männern gegenüber Frauen, die der Gleichberechtigung nicht
wirklich helfen. Und Unsicherheit, wie denn nun, da man die „bürgerlichen
Modelle“ ablehnt, Sex nun aussehen soll.

Che:

Was für mich nur striking war, war die Tatsache dass innerhalb weniger Jahre das Klima in der linken Szene von der Orgie zur moralischen Besserungsanstalt kippte. Das war natürlich ein Generationenwandel, aber dabei gings um Altersunterschiede von vielleicht 5-7 Jahren. Hängt aber stark mit der sozialen Neuzusammensetzung der Szene zusammen. Zum Beispiel damit, dass ab 1985 die Arbeiterkinder weniger wurden und Leute aus hauptberuflichen Moralproduzentenhaushalten (Lehrer- und Pastorenkinder) in der Szene in Schlüsselpositionen gelangten.

Wie Sex aussehen soll: Ich erinnere mich da an grauenvolle Diskussionen in *Grppe, deren Name nun wirklich nicht interessiert*. Da wurde zum Beispiel vertreten, mann müsse, wenn mann mit einer Frau vögelt diese vor jeder körperlichen Berührung fragen, ob mann das jetzt dürfe bzw. frau es angenehm finde. Als ich sagte, ich nähme keinen Knigge mit ins Bett und Sex hätte immer mit Spontanität und auch Grenzüberschreitungen zu tun, wenn etwas nicht gewollt würde müsse es halt deutlich gemacht werden und Sex hieße für mich zumindest mitunter übereinander herfallen, da war ich ein ganz Dumpfer der nichts begriffen hätte. Und dann gab es da die Position, wer z.B. Füße oder Ohren erotisch nicht interessant finde und nur auf Penetration und Oralsex festgelegt sei habe eine phallische Fixierung und sei damit weniger weit als andere Leute mit variantenreicherer Praxis. Das wurde tatsächlich als eine Frage des politischen Bewusstseins betrachtet, daran machten Leute sogar zumindest im eigenen Kopf so etwas wie soziale Hierarchien fest.

Cassandra:

Hey, ich bin mit diesen Lehrer- und Pastorenkindern zur Schule gegangen und
ich versichere dir: die waren eigentlich ganz nett- aber im „falschen“ Teil
der Truppe 🙂 und selbst ganz gut dabei.
Einige von den Mädels hatten sehr klare Meinungen (mit denen sie auch nicht
zurückhielten) über Frauen, die um Rache an ihrem Ex zu nehmen sich durch
dessen Freundeskreis schliefen. Das hatte was mit „saudämlich“ zu tun. Ich
hab‘ die Betreffende später kennengelernt und weiss seitdem, dass
„saudämlich“ noch nett war. Dabei ging es um den expliziten Rachegedanken,
und nicht dadrum, dass generell Sex böse sei oder so was.

Ja, die „möchtest du, dass ich dich jetzt hier für 3,56 Sekunden
anfasse“-Haltung… oder „aber wenn ich das will, dann muss er das tun!“…
Konkret ging es um Oralverkehr während sie blutet und er hatte keinen Bock
drauf und sie war deswegen auf dem Feministischen Kriegspfad und ich fand,das ginge mich gar nichts an und sie solle das mit ihrem Kerl klären, aber wenn ein Partner was nicht mag dann ist das nun mal so und muss respektiert
werden. Männer mussten da schon fast telepathische Fähigkeiten haben, um mit solchen Frauen risikolos ins Bett zu gehen. Warum, frage ich mich gerade, sind Artur.
und Anna nicht miteinander in die Kiste gestiegen um es politisch korrekt zu
treiben, sondern haben mich mit ihren ja sowieso schon behämmerten Thesen zu Sex belämmert? Und warum
habe ich ihnen nicht den Mund mit Tampons gestopft? Fragen über Fragen…

Hey, mein bauchnabelfreier Auftritt im Frauencafe war cool! Und der Schocker
der Woche. Es war so leicht, bestimmte Leute sprachlos zu machen…..

Che:

Und Netbitch ist mal aus dem *Irgendsonlinkerladen* geflogen, weil sie auf einer Party einmal quer durch den Raum brüllte
„Ihr Linken seid doch viel zu feige, um richtig ficken zu können!“. Während *Bizarres Model für Comics* in *Hansestadt* mit genau diesem Stil
nirgendwo rausflog und *DJ Jaine Shaine* einer ihrer wüsten Fickstories erzählte und als die Leute sie anstarrten mit den Fingern 30 Zentimeter zeigte und sagte „Ja, die Negerin, so ne tiefe Muschi!“.

Niemals fielen Kiefer tiefer als damals.

Nur zum Kontrast: Die Hardcore-Autonomen, die ich so kannte, waren praktisch durch die Bank Arbeiterkinder. In der *Schon erwähnte sozialrevolutionäre Gruppe* waren die tonangebenden Leute langzeitarbeitslose Studienabbrecher aus Arbeiterfamilien bzw. arbeitslose Industriearbeiter und solche Weltgeister wie die beiden Bobs. Und das ist dann schon ein völlig anderer Schnack. Diese Moralinscheiße passierte da einfach nicht.

Bewegte alte Zeiten.

#seufz#

Wickelt sich in seine Steppdecke, gießt den Kamillentee ein und entfernt die Bremsklötze von seinem Schaukelstuhl.

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Forza Patrick Owomoyela

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Retweet @stpauli:
Forza Patrick Owomoyela. Sankt Pauli steht hinter Dir.
http://ping.fm/v9Ewm

Written by ring2

23. März 2009 at 16:16

Veröffentlicht in Rand-Notizen

Zur kulturellen Verortung oder was man so liest und schaut

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Wenn ich in anderen Blogs so lese, was dort wiederum gelesen wird und welche Fernsehprogramme für relevant erachtet werden fallen mir mitunter gewaltige Diskrepanzen ein. Momorulez zum Beispiel hat ein ganz anderes Verhältnis zu Sendungen, zu denen ich teilweise gar nichts sagen kann, wo ich aber auch nicht auf die Idee kommen würde einzuschalten (Deutschland sucht den Superstar etwa). Zum Anderen hat er scheinbar keinerlei Bezug zum größten Teil der Romanliteratur, die ich so lese. Don besitzt erst gar keinen Fernseher und bewegt sich hinsichtlich der Literaturrezeption zwischen dem Barock und Tucholsky, Frau Modeste findet die deutsche Nachkriegsliteratur vor den 90ern, also Böll, Bamm, Bachmann, Johnson, Grass und so weiter fast durch die Bank schlecht, kann aber mit Christian Kracht wieder etwas anfangen, den ich ja eher unter Irrungen/Wirrungen verbuchen würde – nein, nicht mit Fontane vergleichen, sondern voll daneben finden. Mein weiteres Lebensumfeld bzw. alt angestammter Freundeskreis hat so einen gewissen gemeinsamen Fundus, der in meiner Lebenswelt fast als Standard gilt. Da lesen die meisten Leute moderne historische Romane wie „Die Säulen der Erde“, „Die Varus-Legende“, „Das Blut der Könige“ oder „Der 77. Grad“. Science fiction und Fantasy, vor allem in ihren satirischen Varianten sind viel frequentiert, und Douglas Adams, Terry Pratchett und Walter Moers gehören ebenso zur Allgemeinbildung wie Asterix, Donald, japanische Mangas oder französische, spanische und italienische Erwachsenencomics. Cineastisch teilt sich mein Umfeld in eine Fraktion, die praktisch nur Autorenfilme sieht und Hollywood boykottiert (Ich habe tatsächlich Freunde, die mit den Namen Bruce Willis und Denzel Washington nichts anfangen können) und eine Gruppe, die auf harte Actionfilme abfährt und Arnie ebenso kultet wie Alien, Matrix, Star Trek und James Bond. Na ja, und ich bin mitten dazwischen, habe mir auch Titanic angetan, liebe andererseits Godard, Bunuel, Yilmaz Günay, solch gänzlich unbekannte Filme wie das kurdische Guerrilla-Drama „Ein Lied für Beko“ oder „Eine Saison in Hakkari“ und habe gerade mit Begeisterung „Buddenbrooks“ und „Effi Briest“ gesehen. Und natürlich sind auch der „Herr der Ringe“ und der „Goldene Kompass“ Kult. Eine besondereSchwäche habe ich für opulente Naturfilme wie Attenborough oder Fothergill sie machen (Top Act: „Blauer Planet“), während ich mit der deutsche Fernsehunterhaltung auf privaten Kanäle so wenig anfangen kann, dass mir die Sätze „Ich bin ein Star! Holt mich hier raus!“ auf einem Blog nicht mehr sagten, als es jetzt vielleicht eine Sentenz auf Tagalok oder Kiowa getan hätte – buchstäblich überhaupt nichts. Es sollte jedoch niemand auf die Idee kommen, mich anzurufen, wenn „Tatort“ läuft. Und nun frage ich mal einfach in die Runde: Wie schaut das bei Euch so aus?

Written by chezweitausendeins

17. Februar 2009 at 13:57

Happy Birthday Edgar Allen Poe!

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Mein Vater hat ja immer gesagt, man müsse Hesses „Narziß und Goldmund“ lesen, bevor man 20 wird. Das selbe lässt sich wohl auch von Edgar Allen Poe sagen. Der wäre nämlich heute 200 Jahre alt geworden, würden wir derart alt werden.  Für mich gehört der ja noch zu den Ausläufern der Romantik, weiß aber nicht, was die Literaturwissenschaftler dazu sagen würden. Komischerweise habe ich Poe immer nur als Index wahrgenommen. Und erst als ich mich für H.P. Lovecraft zu begeistern begann, habe ich den Poe entdeckt (in der Schulzeit fehlte die anglophone Literatur gänzlich, der Englischunterricht war viel zu funktional ausgerichtet, so dass hier große Lücken herrschen). Und irgendwann realisiert man, dass drei der großen Formen der Trivialliteratur – Krimi, Horror, Abenteuerroman – ihren zentralen Fixstern in Poe finden. Außen vor bleibt einzig die Liebesgeschichte (obwohl Poe auch hier mit einigen Arabesken aufwarten kann). Alle drei sind ja – Jürgen Link würde das wohl so sagen – „nicht normale Fahrten“: Der Leser bekommt immer ein „was wäre, wenn“ vorgeführt, das ihn aus seiner Normalität heraus führt. Was wäre, wenn sie nahe der Antarktis Schiffbruch erlitten (Arthur Gordon Pym, )? Was wäre, wenn die Fassaden der wohlgeordneten Welt zusammen brächen und das Monströse erschiene (Der Fall des Haus Usher)? Aber auch: was wäre, wenn man allein mittels der Deduktion die Welt wieder in Ordnung bringen könnte (Der entwendete Brief; Der Doppelmord in der Rue Morgue)? Diesen Fahrten in das Ungewisse des Schreckens und des Unbekannten wie auch der eine Rückkehr zur Normalität versprechende Logik wohnt ein Moment der Alternative inne, das es von der deutschen Märchenromantik eines Hoffmann’schen  „Es war ein Mal“ scharf abhebt. Freilich lassen sich aus Poe schwerlich  Rückschlüsse für eine utopische Praxis ziehen – und gerade Lovecraft, der das Grauen immer aus dem moralischen Versagen einer heruntergekommenen Adelslinie entspringen lässt, die sich skrupellos der alten Mächte bedient, ist das beste Beispiel für die konservative Wende zumindestens des Horrors.  Aber diese Formlosigkeit des Grauens, die Technik, die Dinge anzudeuten und nicht auszumalen (wie es dann E.T.A. Hoffmann doch immer macht; man lese etwa seinen „Sandmann“ oder „Die Bergwerke zu Falun“), ebenso wie diese unbestimmt-bestimmten Schlußszenen bei Poe illustrieren einmal mehr die zweite Natur der Gesellschaft, in der die strukturierenden Prinzipien als absolut und unveränderlich präsentiert werden.

P.S.: Kannte Kafka eigentlich Poes Werk? Die SZ berichtet heute von einem Text Poes, in dem die Insassen eines Irrenhauses ein kleines Kalb zubereiten als wäre es ein Hase: Es wurde im Ganzen geröstet. Sind das nicht ähnliche Figuren wie Odradek, die Mischung aus Lamm und Kätzchen oder das Tier in der Synagoge, wie sie sich Kafka ausmalte? Sie sollen ja auch als die Welt aus der Perspektive der Versöhnung betrachten, weshalb sie uns so komisch vorkommen. Und ist das Grauen nicht eben jenes Gefühl, dass man nicht nur nicht Herr des Schicksals ist, sondern einem abstrakten anderen ausgeliefert?

Written by lars

19. Januar 2009 at 16:12

Gewesene Linke, heute: Die Demokratischen Sozialisten (DS)

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Am Anfang dieser längst vergessenen Partei standen der NATO-Doppelbeschluss von 1979 und die sogenannte Rotstift-Politik, welche die Regierung Schmidt nach ihrer Wiederwahl 1980 einschlug. Die damalige Stagflation und der von der Schmidt-Regierung angehäufte Schuldenberg ließ schon der damaligen SPD-FDP-Koalition den keynesianischen Wohlfahrtsstaat als nicht mehr finanzierbar erscheinen. Daher wurden ab 1980 die Mittel für diverse soziale Projekte gekürzt. Im Grunde war die Wirtschafts- und Sozialpolitik, die später von der Regierung Kohl-Genscher betrieben wurde unter Schmidt schon angelegt gewesen, mit dem entscheidenden Unterschied, dass Schmidt sicher keine umfassende Privatisierung staatlicher Unternehmen durchgeführt hätte. Aber mit Manfred Lahnstein bekam die BRD 1982 einen Finanzminister, dessen Hauptaufgabe das Sparen sein sollte. Haushaltskonsolidierung sollte vorrangig die deutsche Politik bestimmen. In dieser Situation brach die FDP bekanntlich die Koalition, Schmidt wurde durch ein konstruktives Misstrauensvotum gestürzt und Kohl Bundeskanzler. Austeritätspolitik erschien der FDP wohl mit dem Original besser. Dass es in Deutschland zu keinem neoliberalen Programm á la Thatcher kam, lag am Widerstand der Gewerkschaften und an der Oppositionsrolle einer SPD, die nun wieder die Interessen der Arbeitnehmerseite vertreten konnte und den „schmutzigen Job“ dem schwarzgelben Lager überließ. In dieser Situation, also im Zusammenhang mit der Bonner Wende von 1982, waren zwei neue Parteien gegründet worden: Die Liberalen Demokraten (LD) und die Demokratischen Sozialisten (DS), zwei Abspaltungen von FDP und SPD. Führende Köpfe der DS waren die früheren SPD-Bundestagsabgeordneten Manfred Coppick und Karl Heinz Hansen. Coppick war für seine Ablehnung des NATO-Doppelbeschlusses von Helmut Schmidt heftig kritisiert und schließlich aus der Partei ausgeschlossen worden. Coppick trat daraufhin aus Solidarität ebenfalls aus. Die Demokratischen Sozialisten waren dem Programm nach eine quasi Vor-Godesberger SPD mit einer entschieden pazifistischen Ausrichtung. Im Europa-Wahlkampf und später bei Land- und Bundestagswahlen bildeten sie dementsprechend mit der DKP und Gruppierungen wie VVN und DFG/VK sowie Pax Christi und Aktion Sühnezeichen eine „Friedensliste“, die aber politisch erfolglos blieb. Die DS arbeiteten in Aktionsbündnissen mit Gruppierungen der Neuen Linken zusammen, die von Falken und Grünen über Autonome bis hin zur MLPD reichten (kann mich lebhaft aus eigenem Engagement an diese heterogenen Haufen erinnern, wobei bei uns dann auch noch die türkische Devrimci Yol und die Sympathisanten der Guerrillaorganisation Volksfedayin Irans dazugehörten), betonten dabei aber stets und ständig, dass sie Demokraten seien und auf dem Boden des Grundgesetzes stünden. Mit Linker Extradienst und Stachel brachten sie zwei lesenwerte linke Zeitschriften heraus. Insgesamt war ihre Bündnisarbeit konstruktiv und solidarisch, aber neben der DKP und ihren ganzen Front- und Vorfeldorganisationen und angesichts einer SPD, die unter Kohl die Oppositionsrolle voll ausspielen konnte war für eine solche eng auf die klassische Arbeiterbewegung alten Typs fixierte linksozialdemokratische Partei kein Platz. Gegenüber den Grünen erschien diese Kleinpartei auch als verschnarcht, untrendy, altmodisch. So gingen die DS Ende der 1980er leider zu Grunde. Nachdem man noch eine Weile erwogen hatte, sich mit der Vereinigten Sozialistischen Partei (VSP), einem wunderlichen Zusammenschluss aus der stalinistischen KPD/ML und der trotzkistischen GIM zusammenzuschließen löste sich die Partei schließlich 1991 auf, wobei der größte Teil ihrer Mitglieder in die PDS/Linke Liste eintrat, in der sich auch bald das „Antiimperialistische Bündnis“ aus den noch übriggebliebenen alten K-Gruppen und der anarchosyndikalistischen FAU Freiburg wiederfand. Also eigentlich nur eine Splittergruppe unter vielen, im Gegensatz zu den entsetzlichen ML-Sekten aber eine richtig nette.

Written by chezweitausendeins

16. Januar 2009 at 19:28

Was macht eigentlich: Tracy Chapman?

with 4 comments

Hat doch hier neulich wer gefragt. Das hier macht sie. Und im aktuellen „Rolling Stone“ steht dazu:

„Exakt 20 Jahre nachdem sie beim Konzert für Nelson Mandela ins kollektive Pop-Bewusstsein katapultiert wurde, redet Chapman schon lange nicht mehr von Revolution. Das Sendungsbewusstsein einer Moralistin ist der neugierigen Verblüffung einer studierten Anthropologin gewichen. Was auf „Our Bright Future“ nirgends deutlicher wird als in der lustvollen Camouflage „I did it all“, die sie fragen läßt: „What kind of life is not an exhibition“?“

Jörg Feyer, Hirnforschung, in: Rolling Stone 11/08, S. 19

Written by momorulez

26. Oktober 2008 at 12:04

Veröffentlicht in Pop, Rand-Notizen

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Hatte ich gestern glatt vergessen …

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