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Der Mythos der „Revolution“

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„Die jetzige Generation muß mit der echten Revolution beginnen. Sie muß […] alles Bestehende ohne Unterschied blindlings zerstören, in dem einzigen Gedanken: »möglichst rasch und möglichst viel.«

Michail Bakunin, Die Prinzipien der Revolution (1869)

Der gefährlichste Mythos, den die antiautoritären Bewegungen aufbrachten, war zweifellos der Mythos der „Revolution“. Gefährlich deshalb, weil er zu Aktionen verführte, bei denen es nicht nur metaphorisch, sondern tatsächlich um Leben und Tod ging. Die bislang angekratzten Mythen des „Proletariats“ und der „Räte“ waren in dieser Hinsicht einigermaßen harmlos: Wer in der Fabrik versuchte, die Arbeiterklasse zu organisieren oder im selbstverwalteten Betrieb rätedemokratische Strukturen vorlebte, der lernte dabei zumindest etwas für das Leben. Doch was lernten die „Revolutionäre“ in den kapitalistischen Zentren, die irgendwann begannen, das „System“ mit der Waffe in der Hand zu bekämpfen? Weniger als nichts, wie ich bereits letztes Jahr anhand der beiden Terroristinnen Inge Viett und Margrit Schiller konstatieren mußte.

Doch dieser zugespitzte Irrsinn im Niedergang der Bewegungen, der bizarre Glaube, es würde irgend einen Sinn ergeben, eine parlamentarisch-demokratischen Ordnung mit Waffengewalt zu bekämpfen, ist nur der tragische Endpunkt eines Revolutions-Mythos, der in den 60er Jahren zunächst in völlig anderer Form das Bewußtsein der Revoltierenden bestimmt hatte.

Kehren wir noch einmal zurück zu dem Text, der meine Überlegungen zu den zentralen Bewegungs-Mythen angestoßen hatte, die Broschüre Über das Elend im Studentenmilieu von 1966. Der Text verwendet einen beträchtlichen Teil seiner Argumentation darauf, die Organisationen zu kritisieren, die sich einmal die Abschaffung des Kapitalismus auf die Fahne geschrieben hatten. Wo sie nicht selbst direkt Teil der Konterrevolution geworden sind, verfolgen sie, so die korrekte Diagnose, völlig veraltete, bürokratische Strategien. Das alte revolutionäre Ziel der Arbeiterbewegung, die Produktionsmittel zu verstaatlichen, damit die Marktmechanismen auszuhebeln und durch eine rational geplante Form gesellschaftlicher Produktion zu ersetzen, erschien den Revoltierenden der 60er Jahre nicht länger als Utopie, sondern vielmehr als Alptraum. Eine Revolution, die sich auf eine Veränderung der Eigentumsverhältnisse beschränkt, das zeigten die „realsozialistischen“ Experimente nur zu deutlich, griff viel zu kurz. Für die Situationisten bedeute dies:

„Die Revolution muß zusammen mit dem Leben, das sie ankündigt, neu erfunden werden.“ ([1])

Was den antiautoritären Rebellen der 60er Jahre vorschwebte, lag völlig jenseits dessen, was sich kleine und große Parteifunktionäre vorstellen wollten und konnten. Zwar hielt man am Mythos „Proletariat“ fest, doch diesem mythischen „Proletariat“ wurde eine ebenso mythische „Revolution“ auf den Leib geschneidert:

„Die radikale Kritik und die freie Neukonstruktion aller von der entfremdeten Wirklichkeit aufgezwungenen Werte und Verhaltensweisen sind sein Maximalprogramm und die befreite Kreativität bei der Konstruktion aller Augenblicke und Ereignisse des Lebens ist die einzige Poesie, die es anerkennen kann; die Poesie, die von allen gemacht wird, der Beginn der großen revolutionären Fete. Die proletarischen Revolutionen werden Feten sein oder sie werden nicht sein, denn das von ihnen angekündigte Leben wird selbst unter dem Zeichen der Fete geschaffen werden. Das Spiel ist die letzte Rationalität dieser Fete, Leben ohne tote Zeit und Genuß ohne Hemmnisse sind seine einzig anerkannten Regeln.“ ([1])

Die Revolution wurde nicht als gewaltsamer, blutiger Aufstand imaginiert, sondern als ein großes Fest, in dem sich die Banalität und Langeweile des Alltags verflüchtigt. Das Bild der Revolution, wie es Mitte der 60er Jahre die Phantasie der Rebellierenden prägte, stützte sich mindestens ebensosehr auf Louis Malles Film Viva Maria! wie auf das Kommunistische Manifest. Noch 1968 wies Bernd Rabehl völlig ironiefrei im Spiegel darauf hin:

„Die revolutionäre Leidenschaft Brigitte Bardots und Jeanne Moreaus wurde für die radikalen Studenten des SDS im Jahre 1966 zum politischen Vorbild. In einem Revuefilm – »Viva Maria« – stellten die beiden Filmstars zwei revolutionäre Marias dar, die gemeinsam den kulturellen Plunder des »geistigen Tierreichs« – der bürgerlichen Gesellschaft – zusammenschossen und einen Volkskrieg der revolutionären Bauern gegen ein Marionetten-Regime eröffneten.
In dieser Film-Fabel hatten zwei Traditionen des revolutionären Kampfes der vergangenen hundert Jahre sich zusammengefunden. Die Anarchistin Bardot drängt mit ihrer antiautoritären Haltung zur Rebellion, während die Marxistin Moreau den richtigen Zeitpunkt des Aufstandes abwägt, den ungestümen Anarchismus mit den wirklichen Verhältnissen konfrontiert.
Diese Filmkomödie zeigte im Schaubild das Selbstverständnis der antiautoritären SDSler.“ ([3])

Dieses lustbetonte Bild der Revolution, das in den Köpfen der antiautoritären Rebellen herumschwirrte, war jedoch kaum in eine stringente politische Strategie umzusetzen. So lange die Bewegung im Aufsteigen begriffen war und sich über spektakuläre Publizität nicht beklagen konnte, schienen diese mangelnden Perspektiven vernachlässigbar. Doch 1969 brach die Woge der Rebellion und flutete zurück. Die Rebellion hatte, trotz allem Gerede von Revolution, kaum einen Einfluß auf die politischen Strukturen gehabt, ganz zu schweigen von den Eigentumsverhältnissen. Jetzt, wo die Rebellen sich zersplitterten, wurden verschiedenste Versuche unternommen, den ursprünglichen Schwung der Revolte auf einer höheren Ebene zu erneuern.

Diejenigen, die sich als die entschiedensten Revolutionäre begriffen, suchten nun das Bündnis mit den antikolonialen Befreiungsbewegungen. Diese waren bereits in früheren Jahren mit Sympathie betrachtet worden. Und an den Universitäten gab es genügend Kommilitonen aus diesen Ländern, die deutlich konkretere Vorstellungen von einem revolutionären Befreiungskampf hatten als ihre einheimischen Genossen. Für ihre Heimatländer stellte sich das Problem der Revolution ganz real, und zwar als militärischer Machtkampf, nicht als ein großes Fest. Ein Teil der antiautoritären Rebellen in den kapitalistischen Zentren glaubte nun, diese Kämpfe nutzen zu können, um für sich selbst eine Perspektive zu finden. Sie wollten sich nicht länger mit mehr oder minder symbolischen Solidaritätsaktionen begnügen. Der spielerische Revolutionsbegriff hatte ausgedient.

Jetzt wollte man wirklich Revolution machen, mit richtigen Pistolen und Bomben. Man begriff sich als Teil einer globalen revolutionären Bewegung, die tatsächlich die Machtfrage stellte. So unterstellte die RAF den antiautoritären Bewegung ihre eigenen antiimperialistischen Ziele:

„Was ihr das Selbstbewußtsein gab waren nicht entfaltete Klassenkämpfe hier, sondern das Bewußtsein, Teil einer internationalen Bewegung zu sein, es mit demselben Klassenfeind hier zu tun zu haben, wie der Vietcong dort, mit demselben Papiertiger, mit denselben Pigs.“ ([4], S. 347)

Vom diesem abstrakten Bewußtsein aus wurde dann in die konkrete Tat gesprungen, mit den bekannten desaströsen Folgen. Der an sich schon problematische Mythos der Revolution versteinerte zu reiner Ideologie. Als Mythos hatte die „Revolution“ zumindest eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, von den konkreten Strukturen des Alltagslebens bis hin zu den allgemein-gesellschaftlichen Eigentums- und Machtverhältnissen auf die Tagesordnung gesetzt. Und damit wurde ein gesellschaftliches Experimentierfeld eröffnet, in dem grundlegend neue Erfahrungen gemacht werden konnten. Die Verengung zu einer revolutionären Ideologie des antiimperialistischen Kampfes Seit‘ an Seit‘ mit den antikolonialen Befreiungsbewegungen zerstörte zusehends dieses Experimentierfeld.

Dieser jämmerliche Niedergang, den die Kategorie der Revolution im Entwicklungsprozeß der antiautoritären Bewegungen erlitt, soll uns nächste Woche aber nicht am Versuch hindern, die Symbolkraft der Trias Proletariat-Räte-Revolution zu untersuchen. Freuen Sie sich also darauf, wenn wir mit Henri Lefebvre der Meinung sind:

„In den konfusen Bestrebungen einer Epoche sind Ideologie, Utopie, Mythen und Symbole derart ineinander verwoben, daß sie nicht zu entwirren sind. Die Trennung erfolgt erst nachträglich – und dies auch nur für den Analytiker, der sich damit vorrangig beschäftigt.“ ([2], S. 112)

Nachweise

[1] [Mustapha Khayati]: „Über das Elend im Studentenmilieu, betrachtet unter seinen ökonomischen, politischen, sexuellen und besonders intellektuellen Aspekten und über einige Mittel diesen abzuhelfen“, URL: http://www.bildungskritik.de/Texte/ElendStudenten/elendstudenten.htm, abgerufen am 21. Juli 2012.

[2] Lefebvre, H.: „Über das Thema des Neuen Lebens“, in: Lefebvre, H., Einführung in die Modernität. Zwölf Präludien, Frankfurt a.M. 1978, S. 81 – 115.

[3] Rabehl, B., „Karl Marx und der SDS“, in: Der Spiegel, Jg.22 (1968), Nr.18 (29. April 1968), S.86.

[4] Rote Armee Fraktion: „Das Konzept Stadtguerilla“, in: Rote Armee Fraktion, texte: der RAF, o.O. 1983 (überarbeitete und aktualisierte Ausgabe).

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Written by alterbolschewik

17. August 2012 at 14:55

Der Mythos des „Proletariats“

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„Mann der Arbeit, aufgewacht!
Und erkenne deine Macht!
Alle Räder stehen still.
Wenn dein starker Arm es will.“

Georg Herwegh, Bundeslied

Letzte Woche wurden bereits die ersten beiden Teile der Broschüre Über das Elend im Studentenmilieu referiert, die Teile, in denen es um die Kritik der Studenten und die der sich als revolutionär begreifenden Organisationen ging. Wie versprochen, soll es heute um den dritten Teil gehen, der sich als eine Art Programmatik der sich anbahnenden Revolte verstand.

Für eine Organisation, deren bekanntester Slogan „Travaillez jamais! Arbeitet nie!“ lautete, war es einigermaßen verblüffend, daß die Situationisten ausgerechnet das Proletariat als Überwinder der alten Ordnung anriefen. Der programmatische Teil der Broschüre beschwor die Tradition der Arbeiterbewegung, in deren direkter Abstammungslinie sich die Situationisten verstanden. Allerdings ging es – wie überhaupt in weiten Teilen der anti-autoritären Bewegungen – nicht um die offizielle Geschichte der Arbeiterbewegung, egal ob nun in deren sozialdemokratischer oder kommunistischer Lesart, im Gegenteil. Sowohl die Erfolge der Sozialdemokraten in den kapitalistischen Ländern wie die der Kommunisten in den sogenannten „sozialistischen“ Staaten wurden nicht als Siege, sondern als Niederlagen interpretiert:

„Der Triumph der bolschewistischen Ordnung fällt mit der Bewegung der internationalen Konterrevolution zusammen, die mit der Zerschlagung der Spartakisten durch die deutsche »Sozialdemokratie« ihren Anfang nahm. Ihr gemeinsamer Triumph war tiefer als ihr scheinbarer Gegensatz und diese bolschewistische Ordnung stellte schließlich nur eine neue Verkleidung und eine besondere Gestalt der alten Ordnung dar.“ ([1])

Gegen diese „Siege“ wird, im Sinne einer „anderen“ Arbeiterbewegung, auf alternative Traditionen proletarischen Widerstandes Bezug genommen. Khayati zitiert in diesem Zusammenhang Karl Liebknecht, der kurz vor seiner Ermordung in der Roten Fahne geschrieben hatte:

„Aber es gibt Niederlagen, die Siege sind; und Siege, verhängnisvoller als Niederlagen.“ ([3])

Statt sich auf die Pyrrhus-Siege der Arbeiterbewegung zu beziehen, werden die großen Niederlagen beschworen, die Pariser Kommune, die Kronstädter Matrosen, der Spanische Bürgerkrieg. Diese Referenz, die den gescheiterten Aufstandsversuchen erwiesen wird, ist nur scheinbar paradox. Tatsächlich wird bereits in der Überschrift Endlich die Situation schaffen, die jede Rückkehr unmöglich macht auf den 18. Brumaire hingewiesen, wo Marx schrieb:

„Bürgerliche Revolutionen, wie die des achtzehnten Jahrhunderts, stürmen rascher von Erfolg zu Erfolg, ihre dramatischen Effekte überbieten sich, Menschen und Dinge scheinen in Feuerbrillanten gefaßt, die Ekstase ist der Geist jedes Tages; aber sie sind kurzlebig, bald haben sie ihren Höhepunkt erreicht, und ein langer Katzenjammer erfaßt die Gesellschaft, ehe sie die Resultate ihrer Drang- und Sturmperiode nüchtern sich aneignen lernt. Proletarische Revolutionen dagegen, wie die des neunzehnten Jahrhunderts, kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem eignen Lauf, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder von neuem anzufangen, verhöhnen grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche, scheinen ihren Gegner nur niederzuwerfen, damit er neue Kräfte aus der Erde sauge und sich riesenhafter ihnen gegenüber wieder aufrichte, schrecken stets von neuem zurück vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eigenen Zwecke, bis die Situation geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich macht, und die Verhältnisse selbst rufen

Hic Rhodus, hic salta!
Hier ist die Rose, hier tanze!“ ([4], S. 118)

Das eigentlich emanzipatorische Potential des Proletariats wird von den Situationisten in seinen Niederlagen gesucht. Es ist kaum möglich, sich hier nicht an den von ihnen geschmähten Lefebvre zu erinnern: Diese Bezugnahme auf ein „Proletariat“, das im Scheitern seine Größe zeigt, ist zutiefst revolutionär-romantisch. Aus dem Blickwinkel des romantischen Revolutionärs sind die Niederlagen der Ausweis dafür, das das Möglich-Unmögliche versucht worden ist, daß Anlauf genommen wurde für den großen Sprung.

Natürlich läßt sich aus einer Distanz von inzwischen beinahe einem halben Jahrhundert leicht sagen, daß dieses „Proletariat“, das sich die Situationisten (und viele andere in den 60er und 70er Jahren) vorstellten, mit der real existierenden arbeitenden Bevölkerung wenig bis nichts gemein hatte. Das „Proletariat“ war im strikten Sinne ein Mythos, eine aus der Vergangenheit des 19. Jahrhunderts überlieferte Erzählfigur. Diese alte Figur wurde in den Zukunftsentwurf der Revoltierenden eingesetzt, weil eben die angestrebte Zukunft völlig unklar war. Damit ist das „Proletariat“ nicht einfach eine Verkennung der Wirklichkeit – wie heute so gerne über die „68er“ gespottet wird – sondern der selbst zum Scheitern verurteilte Versuch, die Zukunft mit Begriffen der Vergangenheit zu begreifen. Damit hat der Mythos eine eigene Form der Rationalität, worauf schon Horkheimer und Adorno hingewiesen hatten:

„Der Mythos wollte berichten, nennen, den Ursprung sagen: damit aber darstellen, festhalten, erklären.“ ([2], S. 30)

Doch gerade darin liegt seine Gefährlichkeit. Er ist rational und irrational zugleich, er produziert eine falsche Klarheit und Eindeutigkeit, wo doch eher Fragen angebracht gewesen wäre.

„Mit der Aufzeichnung und Sammlung der Mythen hat sich das verstärkt. Sie wurden früh aus dem Bericht zur Lehre.“ ([2], S. 30)

Das beschreibt ziemlich genau die Problematik eines Teils der anti-autoritären Bewegungen. In dem Maße, in dem sich die Bewegungen entwickelten, sich in reale gesellschaftliche Konflikte verstrickten, angegriffen wurden und zurückschlugen, in dem Maße verfestigte sich das mythische „Proletariat“ zu einer kaum mehr zu hinterfragenden Voraussetzung für gesellschaftliche Veränderung. Die Situationisten sind in dieser Hinsicht nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Was einmal eine Leerstelle in einem Diskurs ausfüllte, schien Ende der 60er Jahre aus dem Diskurs ins reale Leben zu treten. Der wilde Generalstreik des französischen Mai 1968 oder die Septemberstreiks in Deutschland 1969 erbrachten trotz ihrer weitgehenden Folgenlosigkeit für viele den Beweis dafür, daß der mythische Riese Proletariat jederzeit aus seinem Kyffhäuser zurückkehren kann und dann dem Kapitalismus das letzte Stündchen geschlagen habe.

Dieser Mythos hat bekanntlich die schlimmsten Verheerungen im Niedergang der anti-autoritären Bewegungen angerichtet. Mit den Versuchen, das „Proletariat“ zum Jagen zu tragen, hat ein durchaus bedeutsamer Teil der anti-autoritären Bewegungen einen erheblichen Teil seiner Jugend verschwendet. Um dann, frustriert, zusammen mit dem „Proletariat“ das Projekt einer grundlegenden Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen aufzugeben.

Doch ist dies alles, was vom Mythos „Proletariats“ übrigbleibt? War es einfach ein großer Irrtum, den man am besten schnell wieder vergißt? Ich glaube nicht. Die Zeitgenossen hatten wahrscheinlich nur die Möglichkeit, entweder an den Mythos zu glauben oder die Realität der Werktätigen zu akzeptieren. In Übereinstimmung waren diese beiden Sichtweisen nicht zu bringen. So lange sie an das „Proletariat“ glaubten, konnten sie die Realität nicht akzeptieren; und machten sie dann die Erfahrung der Realität, löste sich ihr „Proletariat“ in Nichts auf.

Uns Nachgeborenen allerdings eröffnet sich eine dritte Möglichkeit. Denn das „Proletariat“ der 60er und 70er Jahre war ja nicht einfach nichts, eine bloße Chimäre angesichts der gesellschaftlichen Realität. Es hat Menschen mobilisiert, hat ihr Leben verändert, sie haben sich seinetwegen in Abenteuer gestürzt, die uns heute unglaublich erscheinen. Und dabei haben sie nicht nur sich, sondern auch die Gesellschaft verändert – ob zum Guten oder Schlechten, sei einmal völlig dahingestellt. Das, was diese Veränderungen bewirkt hat, dieses „Proletariat“, kann deshalb nicht nichts sein, sondern es war zweifellos etwas.

Allerdings ein rätselhaftes, sich selbst unklares, verschwommenes Etwas, zutiefst widersprüchlich, schwer zu entziffern, aus unklaren Vorstellungen hervorgegangen, gleichzeitig versuchend, diesem Unklaren Gestalt zu verleihen, eine falsche Gestalt, die gleichwohl etwas Wahres ausdrückte. Mit Lefebvre können wir einem solchen Etwas einen Namen geben: Es ist ein Symbol. Und vielleicht gelingt es, mit einem Abstand von einem halben Jahrhundert, dieses Symbol zu entziffern. Doch dazu müssen noch ein paar Mythen mehr geopfert werden.

Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn wir Mustafa Khayati entgegentreten, der behauptet:

„Die Frage der Organisation wird das jüngste Gericht der neuen revolutionären Bewegung sein, das Gericht, vor dem die Kohärenz ihres wesentlichen Projekts beurteilt wird: die internationale Verwirklichung der absoluten Macht der Arbeiterräte, wie sie sich in den proletarischen Revolutionen dieses Jahrhunderts als Erfahrung abzeichnete.“ ([1])

Nachweise

[1] [Mustapha Khayati]: „Über das Elend im Studentenmilieu, betrachtet unter seinen ökonomischen, politischen, sexuellen und besonders intellektuellen Aspekten und über einige Mittel diesen abzuhelfen“, URL: http://www.bildungskritik.de/Texte/ElendStudenten/elendstudenten.htm, abgerufen am 21. Juli 2012.

[2] Horkheimer, M. & Adorno, T. W.: „Dialektik der Aufklärung“, in: Horkheimer, M., Gesammelte Schriften Bd. 5, Frankfurt 1985ff.

[3] Liebknecht, K.: „Trotz alledem!“, URL: http://www.mlwerke.de/kl/kl_004.htm, abgerufen am 3. August 2012.

[4] Marx, K.: „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, in: Marx, K. & Engels, F., Werke Bd. 8, Berlin 1956ff.

Written by alterbolschewik

3. August 2012 at 15:34

Veröffentlicht in Situationisten

Über das Elend im Studentenmilieu

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„So lange ein weit verbreitetes revolutionäres Bewußtsein fehlt ist die quasi-terroristische Denunziation der offiziellen Welt die einzige mögliche geplante öffentliche Aktion von Seiten einer revolutionären Gruppe.“

situationist international, ten days that shook the university

Letzte Woche wurde in diesem Blog beschrieben, wie 1966 die mit der Studentengewerkschaft U.N.E.F. affiliierte studentische Interessensvertretung A.F.G.E.S in Strasbourg von einer Gruppe pro-situationistischer Studenten gekapert wurde; wie Mustapha Khayati von der Situationistischen Internationale für diese Gruppe von Studenten eine Broschüre über das Elend im Studentenmilieu verfaßte; und wie auf die Veröffentlichung dieser Broschüre durch propagandistische Aktionen eingestimmt wurde.

Im November wurden die letzten Vorbereitungen getroffen:

„Am 16. November kam Nouvelles, das Periodikum der A.F.G.E.S. heraus; aufgemacht war das Ganze mit einem Text auf Englisch, der von der revolutionären amerikanischen Gruppe »Black Mask« übermittelt worden war: »Ein neuer Geist erhebt sich. Die Revolution brennt in uns, wie in den Staßen von Watts…« Die Artikel waren für den neuen Ton des Vorstands bezeichnend: Kritik der Provo-Bewegung; ein Artikel, der den zehnten Jahrestag des Ungarischen Aufstandes feierte; Artikel, die die gewerkschaftliche Strategie der U.N.E.F. in Frage stellten; Unterstützung der Zengakuren, mit denen die A.F.G.E.S. Beziehungen unterhielt.“ ([2] , S. 86)

Die Publikation erregte Aufsehen und die A.F.G.E.S. kündigte eine Pressekonferenz für den 23. November an. Somit sollte die Pressekonferenz auf den Tag nach der feierlichen Eröffnung des Palais Universitaire fallen, die für den 22. November geplant war. Zu dieser Feier war auch der Vorstand der A.F.G.E.S., die ja zumindest offiziell immer noch die Studenten repräsentierte, eingeladen. Die Zeremonie mündete dann in das, was später der „Skandal von Strasbourg“ genannt werden sollte:

„Alle im Saal anwesenden Repräsentanten der Obrigkeit von Strasbourg, vom Bischof bis zum Präfekten, vom General bis zum Rektor Maurice Bayen, wurden so die ersten Leser eines Pamphletes, das ab dem nächsten Tag vor den Mensen und auf dem gesamten Universitätsgelände verteilt wurde.“ ([2], S. 87)

Bevor wir uns jedoch in einer der nächsten Folgen dieses Blogs mit den Reaktionen auf die Broschüre, die in einer 10.000er Auflage mit den Mitteln der A.F.G.E.S. gedruckt worden war, beschäftigen, einiges zum Inhalt dieser Broschüre.

Der Text selbst hat drei Teile, deren jeweilige Titel aus der Marxschen Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie ([3]) bzw. dem 18. Brumaire ([4]) entlehnt sind. Der erste Teil ist, unter der Überschrift Die Schmach noch schmachvoller machen, indem man sie publiziert, eine wütende Polemik gegen die Studentenschaft als solche und insbesondere deren sich „progressiv“ verstehenden Teil. Im zweiten Teil werden verschiedene sich als revolutionär verstehende Gruppen kritisch gewürdigt. Dieser Teil trägt den Titel: Es genügt nicht, daß der Gedanke zur Verwirklichung drängt, die Wirklichkeit muß sich selbst zum Gedanken drängen. Und unter der Überschrift Endlich die Situation schaffen, die jede Rückkehr unmöglich macht wird dann schließlich im dritten Teil versucht, eine eigenständige revolutionäre Perspektive zu entwickeln.

Beginnen wir mit dem Anfang, der Kritik am Studentenmilieu. Aus dem Rückblick von nun beinahe einem halben Jahrhundert muß man leider sagen, daß die geäußerte Polemik nur insofern überholt ist, als daß die Verhältnisse inzwischen deutlich schlimmer sind. Bereits damals konstatierte Khayati, daß die Studenten sich in ihrer entfremdeten Position gemütlich eingerichtet haben:

„Da für ihn noch einige Krümel vom Prestige der Universität abfallen, freut sich der Student immer noch, Student zu sein. Zu spät. Der mechanisierte und spezialisierte Unterricht, den er empfängt, ist ebenso heruntergekommen (im Verhältnis zum früheren Niveau bürgerlicher Allgemeinbildung) wie sein eigenes intellektuelles Niveau im Augenblick seines Studienantritts.“ ([1])

Grund dafür ist,

„daß das alles beherrschende ökonomische System die Massenherstellung ungebildeter und zum Denken unfähiger Studenten verlangt.“ ([1])

Daß sich hier nichts zum Besseren verändert hat, ist offensichtlich – der sogenannte Bologna-Prozeß ist die offizielle Anerkennung dieser Tatsache. Aber genau diese offizielle Anerkennung ist es auch, was die Kritik aus dem Jahr 1966 heute einigermaßen zahnlos erscheinen läßt: Die Situationisten konnten noch davon ausgehen, daß es eine Diskrepanz gab zwischen dem, was ein Student sich einbildete, zu sein, und was er seiner faktischen Situation nach tatsächlich war.

Damals war es möglich, den Studenten immerhin zu unterstellen, sie würden ihre jämmerliche Existenz durch kulturellen Konsum kompensieren:

„Das wirkliche Elend des studentischen Alltags findet seinen unmittelbaren und fantastischen Ausgleich in seinem hauptsächlichen Opium: der kulturellen Ware. Im kulturellen Spektakel findet der Student ganz natürlich seinen Platz als respektvoller Schüler wieder. Nahe am Ort der Produktion, aber ohne ihn jemals zu betreten – das Heiligtum bleibt ihm untersagt – entdeckt der Student die »moderne Kultur« als bewundernder Zuschauer. In einer Epoche, wo die Kunst tot ist, bleibt er nahezu allein den Theatern und Filmklubs treu und der gierigste Konsument ihres Leichnams, der tiefgekühlt und zellophanumhüllt in den Supermärkten an die Hausfrauen des Überflusses verteilt wird. Er nimmt ohne Vorbehalt, ohne Hintergedanken und ohne Distanz daran teil. Da ist er in seinem natürlichen Element.“ ([1])

Diese Illusion, die die Studenten der 60er Jahre noch haben konnten, ist inzwischen verlorengegangen. Heute konsumieren ihre Nachfolger genau den gleichen kulturindustriellen Dreck wie alle anderen auch, statt sich auf ein vorgeblich elitäres Segment des Spektakels zu kaprizieren. Wozu auch? Niemand glaubt mehr, daß er mit seinem Master oder Bachelor zu einer gesellschaftlichen Elite gehören wird, von der eine gewisse kulturelle Distinktion erwartet wird. Statt von Illusionen werden die Studenten mittlerweile von nackter Angst beherrscht. Und das nicht zu Unrecht, weshalb die damalige Kritik jetzt ins Leere liefe. Inzwischen kann man keinen Studenten mehr schockieren, indem man ihn darüber aufklärt, daß er zu einem kleiner Kader innerhalb der Verwertungsmaschinerie des Kapitals ausgebildet wird; darüber macht er sich keine Illusionen. Heute ist er schon froh, wenn er überhaupt die Aussicht hat, ein kleiner Kader werden zu können und nicht gleich nach Abschluß seines Studiums überflüssig ist.

Angesichts dieser Veränderungen hat auch der zweite Teil des Pamphletes eigentlich nur noch historischen Wert. Hier ging es ebenfalls darum, durch die Kritik an diversen sich revolutionär verstehenden Gruppen die mit diesen verbundenen Illusionen zu zerstören und aus dieser Katharsis ein wahrhaft revolutionäres Bewußtsein hervorgehen zu lassen. Aus heutiger Sicht ist die Kritik an Gruppen wie beispielsweise den Amsterdamer Provos relativ belanglos: Im Großen und Ganzen lief die situationistische Polemik immer wieder darauf hinaus, die Partikularität der jeweiligen Bewegungsziele am Maßstab der einen großen, totalen Revolution zu messen.

Interessanter als der Hinweis auf die Defizite der Bewegungen war vielmehr der bei aller Kritik vorhandene affirmative Gehalt dieser Ausführungen: Auch wenn die Bewegungen selbst partikular waren, galten sie den Situationisten als Symptom für einen grundsätzlichen Aufbruch:

„Nach einer langen Periode lethargischen Schlafs und permanenter Konterrevolution zeichnet sich seit einigen Jahren eine neue Periode der Kritik ab, deren Träger die Jugend zu sein scheint. […] Die Revolte der Jugend gegen die Lebensweise, die ihr aufgezwungen wird, ist in Wirklichkeit nur das Vorzeichen einer umfassenderen Subversion, bei der alle mitwirken werden, die immer mehr die Unmöglichkeit zum Leben fühlen, das Vorspiel der nächsten revolutionären Epoche.“ ([1])

Aus diesen Symptomen versuchten die Situationisten dann eine revolutionäre Perspektive abzuleiten, die aber auf zwei grundlegende Mythen nicht verzichten wollte, den Mythos des Proletariats und den Mythos der Räte.

Freuen Sie sich also auf die nächste Woche, wenn wir uns diesen Revolutionsmythen zuwenden und Behauptungen wie der folgenden auf den Zahn fühlen:

„Das Proletariat, das bereits im 19. Jahrhundert zum Erben der Philosophie wurde, ist heute auch noch zum Erben der modernen Kunst und der ersten bewußten Kritik des alltäglichen Lebens geworden. Es kann sich nicht abschaffen, ohne zugleich die Kunst und die Philosophie zu verwirklichen.“ ([1])

Nachweise

[1] [Mustapha Khayati]: „Über das Elend im Studentenmilieu, betrachtet unter seinen ökonomischen, politischen, sexuellen und besonders intellektuellen Aspekten und über einige Mittel diesen abzuhelfen“, URL: http://www.bildungskritik.de/Texte/ElendStudenten/elendstudenten.htm, abgerufen am 21. Juli 2012.

[2] Dumontier, P., Les Situationnistes et Mai 68, Paris 1990.

[3] Marx, K.: „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung“, in: Marx, K. & Engels, F., Werke Bd. 1, Berlin 1956ff.

[4] Marx, K.: „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, in: Marx, K. & Engels, F., Werke Bd. 8, Berlin 1956ff.

Written by alterbolschewik

27. Juli 2012 at 14:34

Veröffentlicht in Situationisten