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Kurras

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Bewegungslehre spezial

„Ich habe unmittelbar nach der Ermordung von Ohnesorg meinen Studenten im Soziologischen Seminar gesagt, dass die Studenten heute die Rolle der Juden spielen würden – und ich werde dieses Gefühl nicht los.“

Theodor W. Adorno

Was bisher geschah: Die letzten Wochen haben wir uns etwas genauer angeschaut, wie sich die merkwürdigen PEgIdA-Demonstrationen aus bewegungstheoretischer Sicht deuten lassen.

Heute geht es um ein ganz anderes Thema, das aber doch einige Berührungspunkt mit den Überlegungen der letzten Wochen hat. Es geht um die paradoxe Rolle, die der Polizisten Karl-Heinz Kurras in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland spielte. Erst jüngst wurde bekannt, daß Kurras im Dezember 2014, kurz nach seinem 87. Geburtstag verstorben ist und in einem anonymen Grab verscharrt wurde. Die Tat, wegen der er als eine durch und durch verachtenswerte Gestalt in die Geschichte eingegangen ist, ereignete sich am 2. Juni 1967: Im Anschluß an eine Demonstration gegen den persischen Schah jagten Greiftrupps der Polizei die sich zerstreuenden Demonstranten. Der Sinn dieser Aktion war vor allem, den Demonstranten eine Lehre zu erteilen – was nicht nur eine Vermutung ist, sondern sich auch aus inzwischen aufgefundenen Stasi-Aktion über den damaligen Einsatzleiter, Helmut Starke belegen läßt:

„Kurras‘ Vorgesetzter war ein großer Freund von Zucht und Ordnung, der meinte, dass endlich mal »einer aufräumen« müsste. Die Studenten würden sich noch wundern, »was ihnen blüht«, denn »die Zeit der weichen Welle wäre endgültig vorbei.«“ ([3])

Kurras ging dann noch ein Stück weiter als seine Kollegen. Während diese nur die Studenten, deren sie habhaft werden konnten, niederknüppelten, griff Kurras zur Waffe. Der Student Benno Ohnesorg, der sich vor einem der polizeilichen Greiftrupps in einen Hinterhof geflüchtet hatte, war dort bereits von Kurras‘ Kollegen verprügelt worden. Kurras schoß ihn dann in den Hinterkopf. Was dann folgte war noch unglaublicher als dieser kaltblütige Mord. Systematisch vertuschte die Berliner Polizei das Geschehen. Es wurde gelogen, daß sich die Balken bogen.

„Helmut Starke […] sorgte auch dafür, dass nicht einmal die wichtigsten Spuren am Tatort und am Täter – von der Patronenhülse über dessen Kleidung bis zur Waffe – gesichert, sondern verwischt werden konnten. Letzten Endes trug dies dazu bei, dass Kurras in zwei Prozessen freigesprochen werden musste.“ ([3])

Angesichts dieses faschistischen Corpsgeistes der Berliner Polizei ist es schon unfreiwillig komisch, daß dieser Kollege, den sie schützten, sie für die ostdeutsche Staatssicherheit ausspioniert hatte. Als Kurras‘ Arbeit für die Stasi 2009 bekannt wurde, ging ein großes Raunen durch die bundesrepublikanische Presse. Die Geschichte wäre, so kolportierte man, anders verlaufen, wenn diese Stasi-Verstrickung des Mörders von Benno Ohnesorg bekannt gewesen wäre.

Tatsächlich ist das ziemlicher Unsinn. Ohnesorgs Tod war ein Ereignis im Sinne der Bewegungslehre, wie ich sie hier in den letzten Wochen und Monaten entwickelt habe. Es war dieses eine, einmalige Geschehnis, dessen Stelle in der historischen Konstallation bereits vorbereitet war, dessen Eintreten einfach eine Frage der Zeit war. Denn der Bruch in der gesellschaftlichen Ordnung, der den Beweggrund der antiautoritären Bewegungen bildete, war längst manifest. Es brauchte nur noch irgendein Ereignis, das auf Grund seiner Symbolkraft genau das Trauma erzeugen würde, das die ursprüngliche Bindung an die alte Ordnung zerriß. Wäre Benno Ohnesorg damals nicht von Kurras hingerichtet worden, hätte sich ein anderes Ereignis gefunden, das die Rolle des Katalysators gespielt hätte. Und auch wenn damals bekannt geworden wäre, daß Kurras‘ ein Stasi-Agent war, hätte dies nichts an der Symbolik des Ereignisses geändert.

Dazu müssen wir uns die Symbolik des 2. Juni 1967 etwas genauer anschauen. Was bei den allermeisten Betrachtungen des 2. Juni unter den Tisch fällt, ist der eigentliche Anlaß der Demonstration, die einen so blutigen Ausgang nahm. Klar, es wird darauf hingewiesen, daß gegen den Schah von Persien demonstriert wurde; und daß sogenannte „Jubelperser“ – persische Geheimdienstmitarbeiter – Studenten unter den Augen der Polizei verprügeln konnten, ohne daß diese eingegriffen hätten.

Doch der Schah war nicht einfach nur einer der üblichen Dritte-Welt-Potentaten, die auf Staatsbesuch in die Bundesrepublik kamen und gegen den das übliche Häuflein Querulanten demonstrierte. Er war ein typisches Beispiel dafür, wie der Westen seine Interessen in der sogenannten Dritten Welt durchsetzt. Persischer Diktator wurde er im Jahr 1953. Und zwar wurde er durch die CIA an die Macht geputscht. Der Grund dafür war, daß der damals regierende Ministerpräsident Mossadegh die Iranische Erdölindustrie verstaatlicht hatte. Diese war zum größten Teil in den Händen der Briten gewesen, die damit gigantische Profite erwirtschafteten, während der Lebensstandard des größten Teils der iranischen Bevölkerung katastrophal war. Als die Briten versuchten, Mossadegh zu stürzen, durchkreuzte dieser ihre Pläne und schloß die britische Botschaft. Ohne eine Basis im Iran waren sie hilflos, weswegen sie sich der Mitwirkung der USA versichern wollten. Allerdings stand ihnen der demokratische Präsident Truman dabei im Weg. Erst als im Frühjahr 1953 der Republikaner Eisenhower zum Präsidenten gewählt wurde, witterten sie erneut eine Chance:

„Die Britischen Beamten waren so ungeduldig, den Staatsstreich in Gang zu bringen, daß sie beschlossen, sofort einen Vorschlag zu machen, ohne überhaupt die offizielle Amtseinführung Eisenhowers abzuwarten. Sie schickten einen ihrer Top-Geheimdienstmitarbeiter, Christopher Montague Woodhouse nach Washington […]. Woodhouse und anderen britischen Beamten war klar, daß ihre Rechtfertigung – Mossadegh muß gestürzt werden, weil er eine Britische Ölgesellschaft verstaatlicht – die Amerikaner nicht zum Handeln aufrütteln würde. Sie mußten eine andere finden. Und es war nicht nötig, besonders tief nachdenken, was es sein sollte. Woodhouse erzählte den Amerikanern, daß Mossadegh den Iran in den Kommunismus führen würde.“ ([1], S. 120f)

Das war natürlich, wie später Saddam Husseins angebliche Massenvernichtungswaffen, kompletter Blödsinn. Mossadegh war ein persischer Nationalist, der mit Kommunismus absolut nichts am Hut hatte. Sein einziges Vergehen war, daß er die iranischen Bodenschätze zu Gunsten der iranischen Bevölkerung ausbeuten wollte. Doch im Klima der antikommunistischen Hysterie in den USA gelang es, die US-amerikanische Regierung zu überzeugen, einen Putsch gegen Mossadegh zu inszenieren. Der Putsch gelang – doch er sollte sich auf die Dauer als Pyrrhussieg erweisen: Hatten bis zum Sturz Mossadeghs die arabischen Völker durchaus mit den USA sympathisiert, begann mit dem von der CIA inszenierten Putsch das ganze Elend im Nahen Osten, vor dem wir heute stehen.

Der Schah war also nicht einfach irgendwer, sondern die prominenteste Verkörperung einer, wie es damals hieß, „Marionette des US-Imperlialismus“. Und trotz des sektiererischen Geruchs, den dieser Begriff ausströmt: Genau das war Schah Reza Pahlavi, ein bloßer Popanz von Gnaden der CIA. Die persische Entwicklung hatte also exemplarischen Charakter. Treffend drückte dies der Titel eines Buches aus, das wenige Monate vor dem tödlichen Schuß auf Benno Ohnesorg veröffentlicht wurde: Persien, Modell eines Entwicklungslandes oder Die Dikatatur der Freien Welt ([2]). Innerhalb von zwei Monaten waren die 20.000 Exemplare der ersten Auflage bereits verkauft, weitere Auflagen folgten.

Reza Pahlavi war also an sich schon ein Symbol, ein Symbol für die unerträgliche Doppelmoral des Westens, der seine „Freiheit“ auch mit moralisch und völkerrechtlich unzulässigen Mitteln verteidigte. Gleichzeitig stand der Nationalismus eines Mossadegh für eine Alternative zum bipolaren Denken des Kalten Krieges. Die antiautoritären Bewegungen begeisterten sich ja nicht zufällig für die anti-kolonialen Befreiungsbewegungen. Es ging dabei darum, sich nicht mehr der Alternative „unfreier Osten“ oder „freier Westen“ beugen zu müssen. Die Proteste gegen den Schah brachten genau dies zum Ausdruck: Kritik an der Politik des Westens beinhaltete eben nicht, sich mit der Politik des Ostens zu identifizieren. Denn daß im Osten autoritäre Regime herrschten, war den Antiautoritären ohnehin klar; es mußte aber auch der Bruch mit der westlichen Ordnung vollzogen werden.

Wenn also im Laufe der Ermittlungen aufgedeckt worden wäre, daß Kurras ein Stasi-Agent war, dann hätte das, im Verbund mit den Vertuschungsaktionen der Polizeispitze, diese Neue Linke in ihrer Ablehnung sowohl des Ostens wie des Westens eher bestätigt als widerlegt. Und es wäre vielleicht sogar etwas Gutes dabei herausgekommen: Möglicherweise hätte ein derartiges Wissen verhindert, daß in der Phase der Orientierungslosigkeit der antiautoritären Bewegungen ein folgenschwerer Fehler gemacht wurde. Vielleicht wäre uns mit dem Wissen um die Stasi-Tätigkeit von Kurras dieses Furunkel am Arsch der radikalen Linken, die Deutsche Kommunistische Partei, erspart geblieben.

Und damit verabschiede ich mich von Dir, liebe Leserin, lieber Leser. Ich werde eine Auszeit nehmen. Im Augenblick stecke ich ziemlich viel Zeit in ein anderes Projekt, das leider Priorität hat. Deshalb gönne ich mir jetzt einmal zwei Monate Pause. Pünktlich zum 1. Mai wird es hier mit der 200sten Folge wieder weitergehen. Und wer gerne daran erinnert werden möchte, kann mir eine email an alterbolschewik[at]posteo.de schicken. Dann gibt es eine Benachrichtigung ins Postfach, wenn hier wieder faszinierende Erkenntnisse aus der bunten Welt der Bewegungen veröffentlicht werden.

Nachweise

[1] Kinzer, S., Overthrow. America’s century of regime change from Hawaii to Iraq, New York 2006.

[2] Nirumand, B., Persien, Modell eines Entwicklungslandes oder Die Diktatur der Freien Welt, Reinbek bei Hamburg 1967.

[3] Sontheimer, M. & Wensierski, P.: „Der Staatsschützer und der Stasi-Friseur (7.3.2012)“, URL: http://www.spiegel.de/einestages/fall-kurras-a-947505.html, abgerufen am 27. Februar 2015.

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Written by alterbolschewik

27. Februar 2015 at 16:30

Veröffentlicht in Bewegung, Ereignis

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Enteignet Springer!

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SPD, CDU und FDP, damit das Parlament und der Senat – alle sind sich einig: Diese »Kommune« muß eins auf den Deckel kriegen!“

Bild-Zeitung vom 12. April 1967

Dieser Text über das Verhältnis von Medien und antiautoritären Bewegungen soll Überlegungen abschließen, die ich im Herbst letzten Jahres angestellt hatte. Mir ging es damals um die Gründe, warum Teile der antiautoritären Bewegungen in eine sinnlose Gewaltspirale abglitten, die dann in den 70er Jahren dazu führte, daß sich tatsächlich klandestine bewaffnete Gruppen bildeten. Unter anderem hatte ich als einen Grund für die Eskalation folgendes angegeben:

„Das Zerrbild, das die öffentlichen Repräsentanten und die Medien von der Bewegung zeichnete, konnte von dieser selbst eigentlich nur als bewußt verlogene Propaganda verstanden werden, als eine bösartige Karikatur, in der sich niemand wiedererkennen konnte.“

Der Grundgedanke war, daß die mediale Aggression auf Seiten der Betroffenen selbst Aggressionen erzeugten, bis sie irgendwann glaubten, zurückschlagen zu müssen. Machten sich linke Studenten in der ersten Hälfte der 60er Jahre noch über die Springerpresse lustig, begriffen sie zusehends, daß es sich um eine Macht handelte, und zwar eine parteiische Macht. Nach der Erschießung von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 wurde das ganz offensichtlich. Und zwar teilten diese Meinung nicht nur linke Studenten. So erklärte beispielsweise auch der RCDS in Mainz:

„Die Wurzel für die Dauerunruhen scheint uns vor allem in der verantwortungslosen Hetze der Berliner Presse gegen die Studentenschaft zu liegen. Seit Monaten versuchen die Berliner Zeitungen, in einer regelrechten Kampagne die Bevölkerung systematisch gegen die Studenten aufzubringen.“ (zit. nach [1], S. 69)

In der Tat hatte die Springer-Presse mit beispielloser Aggressivität agiert und damit ein gesellschaftliches Klima geschaffen, in der Gewalt gegen demonstrierende Studenten völlig legitim erschien. Die Bild-Zeitung rief beispielsweise bereits am 14. Dezember 1966 auf zum Austeilen von „Polizeihieben auf Krawallköpfe, um möglicherweise noch vorhandenen Grips locker zu machen“ (zit. nach [3], S. 541). Am 11. Januar 1967 forderte dann die ebenfalls zum Springer-Konzern gehörende Berliner Morgenpost, man müsse „Störenfriede ausmerzen“ (zit. nach [1], S. 69).

Am Tag nach dem Tod von Benno Ohnesorg forderten dann auch Studenten in Westberlin das Abgeordnetenhaus auf, „aufgrund der Bestimmungen der Verfassung von Westberlin und des Grundgesetzes der BRD die Enteignung des Springerkonzerns vorzubereiten.“ (zit. nach [1], S. 78) – natürlich ohne Erfolg. Doch damit nahm die sogenannte Springer-Kampagne ihren Anfang. Im Wintersemester 1967/68 bildete sich im Rahmen der Kritischen Universität an der FU Berlin ein Springer-Arbeitskreis, der zusammen mit anderen Gruppen wie dem Republikanischen Club ein Hearing im Frühjahr 1968 vorbereitete. Am 2. Februar wurde eine vorbereitende Veranstaltung durchgeführt, in der Arbeitsgruppenergebnisse vorgetragen wurden.

„Anschließend an diese Referate wurde ein 5-Minuten-Film von Holger Meins über die Herstellung und Verwendung von Molotowcocktails gezeigt. In derselben Nacht wurden die Fensterscheiben von 7 Morgenpost-Filialen mit Steinen zertrümmert.“ ([2], S. 122)

Die Eskalation der Gewalt hatte begonnen. Das eigentliche Springer-Hearing sollte nicht mehr stattfinden, denn die Ereignisse überschlugen sich, als am 11. April 1968 das Attentat auf Rudi Dutschke verübt wurde. Der Attentäter, ein minderbemittelter Hilfsarbeiter, war offensichtlich durch die Pressekampagne gegen die antiautoritären Bewegungen und dem als „Anführer“ stilisierten Dutschke zu seiner Tat angestiftet worden. In einem Flugblatt schrieb der Berliner SDS:

„Ungeachtet der Frage, ob Rudi das Opfer einer politischen Verschwörung wurde: Man kann jetzt schon sagen, daß dieses Verbrechen nur die Konsequenz der systematischen Hetze ist, welche Springer-Konzern und Senat in zunehmendem Maße gegen die demokratischen Kräfte in dieser Stadt betrieben haben.“ (zit. nach [1], S.97)

Bereits am Abend des Attentats versammelten sich 5000 Demonstranten vor dem Springer-Haus und bewarfen es mit Steinen. Ein Polizeieinsatz mit Schlagstöcken und Wasserwerfern konnte nicht verhindern, daß fünf Auslieferungswagen abgefackelt und zehn weitere umgekippt und demoliert wurden. Das Berliner Beispiel machte Schule:

„In allen Städten der Bundesrepublik, in denen die »Bild«-Zeitung gedruckt oder ausgeliefert wird, kam es nach dem Dutschke-Attentat zu Blockadeversuchen. In Hamburg, Frankfurt, Essen, Köln und München gelang die Blockade in der Nacht zum Samstag; in Hannover verzögerten sich die Auslieferungen um einige Stunden, in Esslingen bei Stuttgart bis zum frühen Morgen.“ ([1], S. 100)

Die Aktionen zogen sich über das Oster-Wochenende hin und erreichten ihren Höhepunkt am Ostermontag. Zwei Menschen kamen bei den Auseinandersetzungen ums Leben: Der Photograph Klaus Frings wurde von einem Stein tödlich getroffen, der Student Rüdiger Schreck starb wahrscheinlich aufgrund von Polizeiprügeln. 400 weitere Personen wurden verletzt.

Es ist also durchaus plausibel, die massenmediale Vermittlung des Protestes für die Gewalteskalation verantwortlich zu machen. Zumindest die Springerpresse als geschworene Gegnerin der Protestbewegungen trug ein hohes Maß an Verantwortung für die Zuspitzung des Konfliktes.

Doch so unbestreitbar richtig, wie diese Einsicht ist, so vereinfachend ist sie auch. Zum einen bestand die bundesrepublikanische Medienlandschaft in den 60er Jahren nicht nur aus den Blättern der Springerpresse. Es gab andere, durchaus meinungsbildende Publikationen, in deren Blättern die neu entstehende gesellschaftliche Unruhe im Sinne einer Demokratisierung der Gesellschaft begrüßt wurde. Darauf werde ich nächste Woche genauer eingehen. Aber auch das Verhältnis zur Springerpresse selbst war ambivalenter als das oben skizzierte Freund-Feind-Schema suggeriert.

Tatsächlich erkannten Teile der Bewegungen, daß die Polarisierung, die der Boulevardjournalismus betrieb, keineswegs sein intendierte Ziel erreichte. Dieses Ziel, wenn es denn überhaupt jenseits der Auflagensteigerung ein politische Ziel gab, bestand darin, die Bewegungen zu isolieren und zum Abschuß freizugeben. Und wo die Springersche Meinungsmacherei auf bereits bestehende autoritäre Fixierungen traf, wirkte sie auf diese sicherlich verstärkend. Andererseits aber waren ihre Mittel derart grotesk und überzeichnet, daß sie durchaus in die Gegenrichtung mobilisierend wirken konnten. Wo die Schmähungen so übersteigert waren, konnten sie leicht dazu führen, die Geschmähten zu medialen Helden zu stilisieren.

Paradebeispiel derartiger, durch die Boulevardpresse überhaupt erst hervorgebrachter Helden waren die Bewohner der Kommune I. Deren Entstehung läßt sich – über die Subversive Aktion und die Gruppe Spur – bis zur Situationistischen Internationale zurückverfolgen. Ob nun diese Verbindung zu den Theoretikern der „Gesellschaft des Spektakels“ ausschlaggebend war oder ob es sich um puren Instinkt handelte: Die Kommune I betrachtete die Springer-Presse völlig zurecht nicht nur als Gegner, sondern auch als ein Medium, um den Spaß an der antiautoritären Revolte unter das Volk zu bringen.

„Die Diskrepanz zwischen Wort und Bild in der betont negativen Berichterstattung von Boulevardpresse und Fernsehen (die bis heute noch nicht wissenschaftlich untersucht worden ist) hatte eine nicht zu unterschätzende Multiplikatoren-Funktion. Fritz Teufel, Dieter Kunzelmann, Rainer Langhans und später auch Georg von Rauch lasen nur noch Bild und BZ. Waren schicke Fotos von ihnen drin, dann war die Revolution auf dem Vormarsch.“ ([2], S.103)

Tatsächlich dürften sie damit eine ganze Menge Jugendliche, vor allem auch Lehrlinge, erreicht und mobilisiert haben. Was der Elterngeneration zum Schrecken dienen sollte, diente der jungen Generation zur Anfeuerung. Jerry Rubin hat das in Do it! knapp und einleuchtend erklärt:

„Allein die Idee einer »Story« ist revolutionär, weil eine »Story« die Unterbrechung des normalen Lebens impliziert. Jeder Reporter ist ein Dramatiker, der Theater aus dem Leben schafft.
Verbrechen auf den Straßen ist eine Nachricht; Recht und Ordnung sind es nicht. Eine Revolution ist eine Nachricht; der status quo ist es nicht.
Die Medien berichten nicht über eine »Nachricht«, sie schaffen sie. Ein Ereignis geschieht, wenn es ins Fernsehen kommt und ein Mythos wird.
Die Medien sind nicht »neutral«. Die Anwesenheit einer Kamera verwandelt eine Demonstration, sie macht uns zu Helden. […] Ich habe niemals eine „schlechte“ Berichterstattung über eine Demonstration gesehen. Es ist egal, was sie über uns sagen. Die Bilder sind die Geschichte.“ ([4], S.106ff)

Zum Problem wird dies allerdings, wenn die so geschaffenen Helden selbst glauben, Helden zu sein, wenn sie glauben, man sei Revolutionär, wenn man von der Bild-Zeitung als solcher bezeichnet wird, kurz: wenn man sich selbst im Gewirr der Mythen des Boulevardjournalismus verfängt. Dann wird aus der spielerisch-provokativen Herausforderung irrationaler Autoritäten ein blutiger Krieg, der von einer kleinen radikalen Minderheit nur verloren werden kann.

Nächsten Freitag widmen wir uns den publizistischen Unterstützern der antiautoritären Bewegungen. Freuen Sie sich also darauf, wenn Sie im Berliner Ärzteblatt lesen können:

„Die Studentenschaft als Organ der Universität, nicht als ihr Objekt – das ist etwas, woran sich viele, vor allem ältere Professoren nicht gewöhnen können, es widerspricht allzusehr den patriarchalischen Verhältnissen des Obrigkeitsstaates traditioneller Prägung. Und es bringt Unruhe. Demokratie ist immer unbequem, und wir haben so wenig Übung darin.“ (zit. nach [3], S.493f)

Literaturverzeichnis

[1] Bauß, G., Die Studentenbewegung der sechziger Jahre, Köln 1977.

[2] Fichter, T. & Lönnendonker, S., Kleine Geschichte des SDS, Berlin 1977.

[3] von Friedeburg, L.; Horlemann, J.; Hübner, P.; Kadritzke, U.; Ritsert, J. & Schumm, W., Freie Universität und politisches Potential der Studenten, Neuwied und Berlin 1968.

[4] Rubin, J., Do it!, London 1970.

Written by alterbolschewik

20. Januar 2012 at 17:26

Veröffentlicht in Medien

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