shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Posts Tagged ‘Adorno

Esoterik, Mehrwert, Motivation und das Individuum

with 6 comments

Vorgestern auf einer Party bin ich nochmal auf diesen Astro-Sender „Kanal Telemedial“ respektive „Primetime“ von Thomas G. Hornauer angesprochen worden. Und nun saß ich heute nachmittag nochmal vor Youtube und habe mir eine ganze Reihe von diesen Sendemitschnitten angesehen. Der mediale Eklat ist zwar schon etwas länger her, und ich hatte ein Video hier schon mal verlinkt und es mit dem Hinweis auf conspicuous consumption versehen. Das stimmte streng genommen nicht ganz, verwies das Video doch eher auf die von Adorno geprägte Variante der conspicuous production: man zeigt, was man macht, wie man es macht und das zum Verkaufswert.“Wir machen intuitives Fernsehen!“ Das ganze Sendekonzept bekennt sich dazu, eine Wirtschaftsmaschine zu sein: Mehrwertfernsehen eben. Auch die hübsche Formel „Free Pay-TV-Sender“ entspricht dieser durchaus gekonnten Verbindung von Anreiz und Drohung in der alten Kopplung des kapitalistischen „anything goes“ mit dem Autoritarismus, des harmonistischen Imperativs mit der Verletzung des Subjekts.

Seitdem ich diese Astro-Shows das erste Mal gesehen habe, denke ich immer mal wieder daran, dass die Adorno’sche Studie zum Zusammenhang von Kapitalismus und Aberglaube wieder aufgfenommen werden müsste. In seiner Analyse der Horoskope, die in der Los Angelos Times veröffentlicht wurden, schrieb er:

„Den Lesern wird einmal empfohlen, im Kampf ums Dasein wie starke, unnachgiebige Individuen sich zu verhalten; dann wieder, sich zu fügen, nicht eigensinnig zu sein.. Die traditionell liberalistische Idee von der unbeschränkten Entfaltung des Individuums, seiner Freiheit und Unnachgiebigkeit ist nicht länger vereinbar mit einer Stufe der Entwicklung, die das Individuum zunehmend zwingt, den organisatorischen Forderungen der Gesellschaften widerstandslos sich zu unterwerfen.“
Adorno, Th.W., 1962: Aberglaube aus zweiter Hand, in ders. (2003): Soziologische Schriften I, GS 8, Frankfurt/Main: Suhrkamp, S. 161.

Dass die Show auch nach innen, in die Motivationsschulung und in das Arbeitsumfeld hinein verlagert werden kann, zeigt dieses hübsche Dokument.

Hier zeigt sich die disziplinarische Seite all dieser soft skills-Kulturstrategie. Ulrich Bröckling hatte ja vor einiger Zeit das Problem unter dem Begriff des „unternehmerischen Selbst“ untersucht.
oder, um noch mal den Teddie zu zitieren:

„Die fortgesetzte Aufforderung, sich selbst zu kritisieren, und nicht die gegebenen Bedingungen, entspricht einem Aspekt des gesellschaftlichen Konformismus, zu dessen Sprachrohr das Horoskop sich insgesamt macht.“
(ebd, S. 157)

„Es droht die Neorauchisierung! Das vorgeführte Könnertum.“

with 4 comments

Gut, ganz nüchtern waren wir ja alle nicht mehr. Gestern, ’ne Party nach Projektabschluss, und ehemalige Praktikanten und Volontaire schauten auch vorbei. Solche, die jetzt in Bachelor-Studiengängen leiden. Ganz schön spooky, deren Beschreibungen dessen, was an Universitäten so vor sich geht unter der Überschrift „Mehr Effizienz!“.

„Das ist reiner Faschismus“ – wenn eine bildhübsche Blondine mit Model-Qualitäten im schicken, schwarzen Kleid, die mit irgendwelchen linken Zirkeln nie irgendwas zu tuen hatte, derartiges entsetzt ausstößt, dann erschüttert das schon.

Weil’s keine Floskel war: Wenn irgendwelche Polit-Appartischiks die Sache in die Hand nehmen, noch glaubend, sie dienten damit dem Wirtschaftsleben, dann kommt offenkundig in Deutschland immer ein System von Befehl und Gehorsam hinten raus.

Wie in richtigen Konzernen auch regiert die Angst: Das meinte sie mit der Aussage. Alle würden nur noch von Furcht druchdrungen durch die Gänge schwirren, „Widerworte“ runterschlucken und schwer gestresst dafür bereit gemacht, im „Arbeitsmarkt“ dann bestens zu spuren. Wo ihnen dann trotzdem yuppieeske Youngster mitteilen werden, sie seien für diesen Job doch charakterlich gar nicht geeignet.

Wirtschafts- und Naturwissenschaften würden weiter ausgebaut, bekämen hübsche nue Wandanstriche, während die Geistes- und Sozialwissenschaftler durch weiter graue Flure schlurfen, wohlwissend, daß sie unerwünscht sind – ihr Studium mutierte so zur Drangsalierei, weil, wer selber denkt, ja nur als Masochist durch’s Leben kommt.  Na, ja, auch hier im Blog gibt’s ja Kommentatoren, die durch Ausfälle gegen Frau Butler und Herrn Wittgenstein derartige Technokratie verbal noch kräftig unterstützen.

Noch schlimmer die Berichte des ehemaligen Praktikanten, der nun in Berlin in einer Künstler-WG wohnt. Dem habe ich zum Philosophie-Studium geraten; unter den verschulten Bedingungen der Bachelor-Ära scheint das keine gute Idee gewesen zu sein. Die Möglichkeiten, sich ein solches Fach, in dem es um Selberdenken geht, wirklich anzueignen, werden wohl auch dort systematisch unterbunden mittels Lehrplan.

Doch während die Hamburger-Ex-Kollegin noch mit klassisch widerständigen Reflexen glänzte, fing der Berliner -liegt wohl auch an der städtebaulichen Umgebung dort – auf einmal an, von Nietzsche und Wagner zu schwärmen. Nix gegen Nietzsche , mit 22 gehört der einfach dazu, und manche Wagner-Oper liebe ich auch, als Denker war der aber nun mal Prä-Faschist.

Und dann noch diese Namensreihungen von Ernst Jünger bis Botho Strauss, die da mit Weihrauch versehen aus dem Munde drangen, da wurde mir eiskalt. Weil das eben auch ein typisch deutscher Reflex auf Technokratie ist, dieses Suche nach auratischer Tiefe und Gegenmoderne, und daß die Künstler-Wg-Kumpels diese Namen raunen, um sich zu finden, genau die Scheiße kommt dann eben dabei raus, wenn Sozialwissenschaften durch Wiwi und die falsche Literatur ersetzt sich finden und allseits Marktgängigkeit gefordert wird.

Und das schlimmste ist: Als Exportschlager kommen diese Fichten- und Eichenwälder des Denkens in Braun und Dunkelgrün eben bestens an, weil sie ihrer Landserhaftigkeit und ihrem Größenwahn das Äquvalent zu Lederhose und Neuschwanstein in Disneyworld bedeuten.

Dann fiel es mir wieder ein, dieses krass-krude Interveiw mit dem offenkundig tief in einer Identitätskrise steckenden Daniel Richter neulich in der Sueddeutschen. Da er eben kein Quartalsirrer ist wie der großartige Meese, habe ich mich richtig erschrocken, als ich es las, weil dieses Versatzstück-Sammelsurium eines hochintelligenten Künstlers auf der Suche nach dem Irgendwas vielleicht lieber nicht hätte veröffentlicht werden sollen.

Aber der eine Satz, der aus der Überschrift zu diesem Eintrag, der ist mir dennoch hängen gelieben, weil er zusammenfaßt, was beide Ex-Praktikanten so berichten: Neo Rauch ist tatsächlich jener Maler, der es völlig unkritisch in’s Bild setzt mit nur scheinbarem Humor als Effektsauce über dem, was beeindrucken soll. Ist einer, der sich auf Jünger und Strauss beruft und doch als  Kunstmarktstar belegt, daß ja egal ist, was sich verkauft, Hautptsache, es verkauft sich.

Diese Mischung aus Comic- und Werbe-Ästhetik, wilhelminisch-realsozialistischen Versatzstücken, surrealer Verrätselung zum Selbstzweck und langen Zeichenkursen,  in die all das eindringt, was an Deutschland immer schon widerlich war und was als Chrakteristikum des Universitätenumbaus auch zu lesen ist –  das ist die Kulturkritik, die sich nach Tiefe sehnt und dann eben nicht bei Adorno, sondern bei Heideggers „Gestell“ landet, nee, bitte, laßt es so nicht enden!

Hier aber noch mal das ganze Richter-Zitat:

Es droht die Neorauchisierung! Das vorgeführte Könnertum. Nein, was ich bei Neo wirklich faszinierend finde, ist, dass sein Werk eigentlich Ernst-Jünger-artig anfängt: Der fragmentierte Offizier, der Handwerker auf der Suche nach Beschäftigung inmitten einer konservativ-surrealen Welt. In dieser Phase konnte man Neo Rauch einen konservativen Modernen nennen, dessen Werk etwas über die Gesellschaft aussagt, über den Verlust des Manuellen zum Beispiel. Er beschreitet nun aber den Weg dieses Könnertums immer weiter. Das ist auch logisch und erfreulich, aber sein Werk ergeht sich jetzt in Einfällen: Frauenaugen verwandeln sich in Spiegeleier, die Bücher lesen, welche in gotischen Lettern gefasst sind, die wiederum von Triangeln gefasst werden, während sich von oben links interessant und faszinierend gemalte Monster nähern – und im Hintergund entfalten sich vielfarbige Horizonte.

SZ: Effekte um der Effekte willen?

Richter: Er ist tatsächlich der Meister der irren Effekte, der faszinierenden Einfälle, aber ideologisch gesehen ist diese Malerei Elfenbein: ein verrückter Surrealismus.

Adorno an Thomas Mann – Santa Monica 1. 12. 1952

with 9 comments

„Die Grenze, die Sie zwischen sich selbst und Wagner setzen, scheint mir keine bloß individuelle, sondern eine geschichtsphilsoophische. Wollte man Begriffe in den Mund nehmen, wie sie einem von Literatur- und Kulturhistorikern verdorben sind, so müßte man wohl sagen, daß bei Wagner, wie etwa auch bei Baudelaire, der romantische Ästhetizismus, also der ungebrochene Glaube an das Kunstwerk als ein in sich Ruhendes, sinnvoll-Reales, noch naiv lebt, in Ihnen aber, und übrigens ähnlich in Gide, zum Selbstbewußtsein gefunden und dadurch von innen her, nicht etwa von außen aufgepropfte Weltanschauung sich transzendiert hat. Die Schwelle bezeichnet wohl Nietzsche, der auf der einen Seite an der Wagnerschen Setzung des Kunstwerks Zeit seines Lebens festgehalten hat (neulich las ich bei ihm eine Formulierung: eine anti-metaphysische Weltanschauung, ja, aber eine artistische) und von dem andererseits eben die Formulierung stammt, das Kunstwerk dürfe nicht geschaffen erscheinen; eine Formulierung, die sich wörtlich fast ebenso bei Valèry findet. Zuweilen habe ich den Verdacht, als sei das wie sehr auch gewandelte Erbe des Ästhetizismus, als Lossage von dem Reich der Zwecke, das allein wirksame Gegengift gegen die sich ausbreitende Barbarei, und wenn die Ursprünge des Unheils tatsächlich nicht nur auf die Entwicklungstendenz der bürgerlichen Gesellschaft, sondern auch auf die Komplexion ihrer Kritiker zurückdatiert, so ist daran wohl vorab zu denken. Vielleicht ist es die unscheinbare, aber in ihrer Tragweite gar nicht abzuschätzende Schwäche von Marx gewesen, daß er nicht wirklich substantiell die Kultur in sich verkörperte, gegen die er sich kehrte; seine Sprache, vor allem in der reiferen Zeit, läßt sehr darauf schließen, und wenn er die Spannung zwischem dem utopischen und dem positivistischen Element im Sinn des letzteren auflöste und damit vorbereitete, daß der Sozialismus selbst zu einem Stück der Produktiionsmaschinerie wurde, so hängt das wohl mit seiner eigentümlichen Frabenblindheit gegen den Schein zusammen, ohne den es keine Warheit gibt.“

Theodor W. Adorno/ Thomas Mann, Briefwechsel 1943 – 1955, Frankfurt/M.  2003, S.  126-127

Freiheit ist nur die Wahl zwischen Pepsi und Coca Cola

with 43 comments

Dessen Werk findet sich auch in der aktuellen Die Zeit besprochen, ein Erbe Adornos und Marcuses ist er allemal – Benjamin Barber nun auch im taz-Interview:


„Barber: Die Marke ist der Ersatz für authentisches Verhalten.

Sie schreiben in Ihrem neuen Buch „Consumed“, dass der Konsumismus die Menschen infantilisiert. Warum eigentlich?

Um Menschen dazu zu bringen, dass sie Dinge kaufen, die sie nicht brauchen, müssen sie infantilisiert werden. Erwachsene Menschen, die vernünftige Entscheidungen zu treffen imstande sind, müssen zu kopflosen Kindern gemacht werden, die an der Supermarktkasse nur „Ich will, ich will!“ rufen. Der Markt trainiert uns von unseren ersten Lebenstagen auf ein solches Verhalten.

Konsumenten sollen wie Kinder agieren, aber Kinder sollen auch zu Konsumenten werden ?

Ja, so ist es. Der Hintergrund von all dem ist ein Kapitalismus, der so erfolgreich ist, dass die meisten echten Bedürfnisse der meisten Menschen in den entwickelten Ländern gestillt sind. Also, wie kann man da die Maschine am Laufen halten?“

Bin ja in vielem bei ihm – aber mit der „Infantilisierungsthese“ habe ich doch traditionell so meine Probleme. Gibt’s denn „höherstufiges“ und „zurückgebliebenes“ Bewußtsein? Und selbst bei der Proklamation eines starken Begriffs von Mündigkeit – ist „infantil“ dann ein kritischer Begriff, der als Maßstab der Kritik taugt?

Gerade das zweckfreie Spiel ist etwas, das in Kindheitstagen zunächst noch möglich ist und das in schulischen Zusammenhängen gerade durch Bewertungsstandards zu Grabe getragen wird, so daß als auch kreativ tätiger Mensch man sich erst ganz allmählich dieses Zurückerobern muß, um überhaupt produktiv sein zu können – kann man das, was Herr Barber meint, nicht anders, besser formulieren?

Written by momorulez

12. April 2008 at 8:46