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Proletarierinnen aller Länder, vereinigt Euch!

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Die Frauenbewegung in der BRD (27)

„Es ist […] unbedingt notwendig, für bewußte weibliche Berufstätigkeit und gesellschaftliche Erziehung der Kinder zu agitieren“

Sozialistischer Frauenbund Westberlin, 1970

Was bisher geschah: Nachdem diverse Gruppen aus dem Aktionsrat zur Befreiung der Frauen ausgetreten waren, benannte sich dieser in Sozialistischer Frauenbund Westberlin um und organisierte sich in Schulungsgruppen. In diesen Schulungsgruppen wurden vor allem „Klassiker des Marxismus-Leninismus“ gelesen.

Der Aktionsrat war 1968 aus einem konkreten Bedürfnis heraus entstanden. Die Situation von Müttern innerhalb der Bewegung sollte verbessert werden, um ihnen die Möglichkeit zu geben, ebenso am politischen Prozeß teilhaben zu können wie die Männer oder auch Frauen ohne Kinder. Aus diesem praktischen Beweggrund heraus entwickelte sich dann eine Theorie, die den Müttern ein revolutionäres Potential zuschrieb. In ihrer Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS hatte Helke Sander erklärt:

„Die Gruppen, die am leichtesten politisierbar sind, sind die Frauen mit Kindern. Bei ihnen sind die Aggressionen am stärksten und ist die Sprachlosigkeit am geringsten.“ ([4], S. 14)

Doch im Übergang vom Aktionsrat zum Sozialistischen Frauenbund wurden solche Behauptung zur Blasphemie erklärt. Schließlich konnte man bei Marx, Lenin oder Mao nachlesen, daß es das Proletariat war, das zu Politisieren war, und nicht die Mütter. Wollte man eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse – und eine solche wurde für eine wirkliche Frauenemanzipation als unerläßlich angesehen – dann brauchte man das Proletariat. Allerdings waren die Frauen im Sozialistischen Frauenbund so realitätstüchtig, daß ihnen bewußt war, daß ihnen das (männliche) Proletariat die Emanzipation nicht schenken würde. Und daraus zogen sie dann den Schluß, daß die Frauen selbst Teil der lohnabhängigen Massen werden müßten.

Zwei Argumente wurden zur Legitimation dieses Anspruchs, Frauen müßten zum Zwecke ihrer Emanzipation Lohnarbeiterinnen werden, angeführt. Zum Frauentag 1972 führte der Sozialistische Frauenbund dies in einem elaborierten Vortrag aus. Zunächst wurde anthropologisch, unter Berufung auf die Marxschen Frühschriften argumentiert. Das Wesen des Menschen, so wurde unter Aufbietung der Deutschen Ideologie von Marx und Engels erklärt, bestünde darin, daß er arbeite. Und daraus wurde messerscharf geschlossen:

„Von daher ist jede Tätigkeit, die für den Menschen spezifisch ist, primär für den Mann vorbehalten.“ ([2], S. 4)

Frauen, die nicht berufstätig sind, werden dagegen von ihrem Menschsein ausgeschlossen:

„Die Rolle der Hausfrauen engt die Frau heute mehr oder weniger in ihre biologische Funktion ein.“ ([2], S. 4)

In einer marxistischen Schulungsgruppe mochte so etwas vielleicht als Argument durchgegangen sein. Angesichts des konkreten kapitalistischen Produktionsprozesses war das natürlich kompletter Unsinn. Der Arbeiter am Fließband verwirklichte dort so wenig sein menschliches Wesen wie die Frau am Herd. Wenn man das ernst nehmen wollte, dann bot die Stellung am Herd sicherlich bessere Bedingungen dafür, die potentielle Kreativität der menschlichen Arbeit zum Ausdruck zu bringen als ein Platz am Fließband.

Das zweite damals vorgebrachte Argument für eine Berufstätigkeit der Frauen ist eine Fortspinnung des ersten:

„Der zweite Grund, aus dem wir für die Berufsergreifung der Frau eintreten, der mit dem ersten zusammenhängt, und doch ein anderer ist, ergibt sich aus der Tatsache, daß die Hausfrau in ihrer Situation vereinzelt und isoliert bar jeder Perspektive ist. Ihre Arbeit ist nicht gesellschaftlich bzw. wird als solche nicht anerkannt. Die Hausarbeit der Frau verschwindet heute neben der Erwerbstätigkeit des Mannes. Diese ist alles, jene eine unbedeutende Beigabe. Hier zeigt sich schon, daß die Befreiung der Frau und ihre Gleichstellung mit dem Mann eine Unmöglichkeit ist und bleibt, solange die Frau von der gesellschaftlich produktiven Arbeit ausgeschlossen und auf die häusliche Privatarbeit beschränkt bleibt. Die Befreiung der Frau wird erst möglich, sobald diese auf großem gesellschaftlichen Maßstab an der Produktion sich beteiligen kann und die häusliche Arbeit sie nur noch in unbedeutendem Maße in Anspruch nimmt.“ ([2], S. 4)

Arbeit wurde hier überhaupt nicht mehr nach ihrem sachlichen Gehalt beurteilt, sondern nur danach, ob es sich um gesellschaftliche oder um private Arbeit handelt. Und die eine Form der Arbeit ist gut, wenn auch noch, als Lohnarbeit, in entfremdeter Form. Und die andere ist schlecht, weil sie individuell, privat ist. Aus dieser leeren Abstraktion wurde dann ein mehr als kruder Schluß gezogen:

„Frauen werden also durch den Eintritt ins Berufsleben einerseits Teil der Lohnabhängigen, die organisiert die Produktionsverhältnisse zu verändern in der Lage sind, andererseits ist irgend eine Befreiung außerhalb der Arbeit überhaupt nicht denkbar.“ ([2], S. 6)

Das war es, was nach gut zwei Jahren Schulungstätigkeit tatsächlich herausgekommen war: Eine höchst abstrakte, von der Lebenswirklichkeit maximal entfernte Begründung dafür, warum es für Frauen besser sei, einer Berufstätigkeit nachzugehen. Natürlich war und ist diese Forderung jenseits ihrer hanebüchenen Begründung nicht nur legitim, sondern durch und durch vernünftig. Das ist ja genau das, was Betty Friedan schon viel früher in ihrem Buch Der Weiblichkeitswahn (1963) gefordert hatte. Aber Friedan kam dabei ohne jedes marxistisch-leninistisches Brimborium aus. Sie brauchte nicht viel mehr als die direkten Anschauung, daß ein bloßes Hausfrauendasein verblödet und unglücklich macht.

Die eigentliche Ironie dabei ist, daß die Sozialistische Frauenbund schon einmal klüger war. Das erste Positionspapier des Frauenbundes aus dem Jahr 1970, das im ersten Heft der Pelagea veröffentlicht worden war, hatte noch deutlich differenzierter argumentiert. Zumindest wurde damals darauf hingewiesen, daß auch der Kapitalismus ein gesteigertes Interesse daran haben könnte, mehr weibliche Arbeitskräfte in den Verwertungsprozeß einzuspannen:

„Die Partnerschaftsideologie wird in letzter Zeit immer stärker von sogenannt fortschrittlicher Seite anstelle der Familienideologie propagiert. […] Die »Partnerschaft« hebt die auf Dauer für den Kapitalismus unbefriedigende Arbeitsteilung in produktive Arbeit und Hausarbeit auf, zugunsten der profitträchtigeren Arbeitsteilung: zusätzliche unproduktive Arbeit des Mannes, zusätzliche produktive (mehrwertschaffende) Arbeit der Frau.“ ([1], S. 7)

Wer sich dabei an die Arbeitszeitverteilungsmodelle unserer aktuellen Familienministerin erinnert fühlt, liegt sicherlich nicht falsch. Doch dies nur nebenbei. Das eigentliche Problem ist offensichtlich, daß die Theorie zwischen 1970 und 1972 keinen Schritt weitergekommen war, sondern im Gegenteil dogmatische Züge angenommen hatte. Das war kein alleiniges Problem des Frauenbundes. In vielen Gruppen versteinerte damals die Theorie zu abstrakter Standpunkthuberei, diente mehr der Abgrenzung von anderen Gruppen als zu einem besseren Verständnis der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Und im Jahr 1972 waren dem Sozialistischen Frauenbund, der sich als Speerspitze der Frauenemanzipation verstand, mächtige Gegner erwachsen, von denen man sich abgrenzen mußte, nämlich die feministischen Gruppen.

Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn hier erklärt wird, warum sich der Sozialistische Frauenbund nicht als feministisch verstand, weshalb Jutta Menschik später erklären konnte:

„Ich habe mich bisher nicht als »Feministin« bezeichnet, sondern (ein wenig trotzig) als »Frauenrechtlerin«, weil Feminismus – zu Unrecht – bei uns immer mit Männerhaß gleichgesetzt wurde.“ ([3], S. 9)

Nachweise

[1] Anonym, „Frauen im Kapitalismus. Ansätze zu einer Analyse“, in: Pelagea, Jg.1 (1970), Nr.1 (Mai 1970), S.1 – 15.

[2] Anonym, „Warum wir uns als Frauen organisieren“, in: Pelagea, Jg.3 (1972), Nr.3 (Juni 1972), S.2 – 8.

[3] Menschik, J., Feminismus. Geschichte, Theorie, Praxis, Köln 1977.

[4] Sander, H.:Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS (1968)“, in: Schlaeger, H. (Hg.), Mein Kopf gehört mir. Zwanzig Jahre Frauenbewegung, München 1988, S. 12 – 22.

Written by alterbolschewik

26. April 2014 at 9:52

Haare!

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Die Frauenbewegung in der BRD (23)

„Daß also Frauen freiwillig mit anderen Frauen etwas gemeinsam gemacht haben, das war sensationell.“

Helke Sander

Was bisher geschah: Der große Kindergärtnerinnen-Streik, der in Berlin nicht nur die Bedingungen in den öffentlichen Kindergärten verbessern, sondern allgemein die Macht der arbeitenden Frauen sichtbar machen sollte, wurde durch mutwillige Sabotage der Gewerkschaften verhindert.

Es ist schwer zu sagen, welchen Anteil die gescheiterte Streikagitation an der Krise des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen hatte. Aber man spekuliert wohl nicht ganz ins Blaue hinein, wenn man vermutet, daß eine derartige gemeinsame Anstrengung für einige Zeit die inneren Widersprüche im Aktionsrat unter den Teppich kehren konnte. Diese Widersprüche brachen dann nach dem Scheitern dieser aktivistischen Phase umso vehementer auf.

Doch bevor ich auf die Details eingehe, wie im Herbst 1969 der Aktionsrat in verschiedene Fraktionen zerbrach, will ich einige eher allgemeine Überlegungen zur Diskussion stellen, wie sich das Verhältnis von Ereignis, spontanter Aktion und Organisation denken läßt.

Ich hatte in diesem Blog schon mehrfach auf die Kategorie des Ereignisses verwiesen. Das Ereignis ist ein kontingenter historische Augenblick, der als Trauma erfahren wird. Und dieses traumatische Ereignis verändert, zumindest für einen Teil der Gesellschaft, die Wahrnehmung dieser Gesellschaft grundlegend. Für die BRD und ganz besonders für West-Berlin war dieses traumatische Ereignis sicherlich die Ermordung Benno Ohnesorgs durch einen Polizisten während des Schah-Besuches in Berlin.

Diejenigen, die dem Treiben der linksradikalen Grüppchen in den Monaten und Jahren zuvor vielleicht nicht ganz ablehnend gegenüberstanden, deren Thesen über den gewalttätigen und ausbeuterischen Charakter des gegenwärtigen Gesellschaftssystems dennoch als hoffnungslos übertrieben abtaten, wurden durch das Ereignis aufgeschreckt. Zuvor herrschte der naive Glaube, es würde in dieser Gesellschaft schon alles richtig laufen; und wo es nicht so richtig lief, was ja kein Wunder ist, denn die Menschen sind ja fehlbar, dann waren die gesellschaftlichen Institutionen schon so eingerichtet, daß sie derartige Schieflagen wieder ausgleichen konnten. Etwas Protest konnte nicht schaden, um den demokratischen Prozeß in Gang zu halten, aber man brauchte es dabei ja auch nicht zu übertreiben.

Die Kugel im Schädel Benno Ohnesorgs, die Lügen der Polizei und der Medien, der Versuch der Verantwortlichen, den Tod Ohnesorgs den Demonstranten in die Schuhe zu schieben, all das ließ diesen naiven Glauben wie eine Seifenblase zerplatzen. Gleichzeitig machten dann viele neben der Erfahrung der gemeinsamen Trauer, auch die der Solidarität und des kollektiven Handelns: Aus isolierten Grüppchen wurde eine Bewegung.

Man darf sich das alles nicht zu sehr sponaneistisch vorstellen. Das Ereignis kommt nicht einfach aus dem Nichts, es entspringt nicht einer mystischen Spontaneität der Massen. Es ist vorbereitet, es existiert bereits in Form einer Leerstelle, die es dann ausfüllt, wenn es eintritt. Ich meine das nicht zynisch in dem Sinn, daß auf die Ermordung eines Studenten gewartet worden wäre. Sondern in dem Sinn, daß die alte Werteordnung schon so angegriffen und brüchig war, daß es nur eines Anstoßes bedurfte, um die alte symbolische Ordnung wie ein Kartenhaus zum Einsturz zu bringen. Notwendig war dafür nur ein Symbol, in dem sich das ganze Unbehagen an der gegenwärtigen Ordnung mit einem Schlag auskristallisieren konnte. Darin unterscheidet sich der Tod Benno Ohnesorgs grundlegend vom Tod des Demonstranten Philipp Müller fünfzehn Jahre zuvor: Letzterer blieb für die Ordnung der BRD folgenlos, denn die Situation des Jahres 1952 war nicht so, als daß sein Tod Symbolcharakter hätte annehmen können.

Das Ereignis zerbricht also durch seinen Symbolcharakter zumindest für einen Teil der Gesellschaft die Bindung an die alte Werteordnung. Das ist zum einen zweifellos eine befreiende Erfahrung. Zum anderen ist diese Befreiung aber auch erschreckend. An die Stelle der alten Werteordnung muß eine neue Ordnung treten, eine neue Struktur, die das Chaos bändigt, das der Zerfall der alten Ordnung im Bewußtsein der Individuen hervorruft. In diesem Augenblick schlägt die Stunde der Organisationen – im Fall des 2. Juni 1967 die Stunde des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes. Der SDS hatte sich schon vor dem 2. Juni als Sprachrohr der außerparlamentarischen Opposition hervorgetan, er war durch die Medien bekannt und somit die erste Adresse, an die man sich wenden konnte, als der Aktionismus der ersten Tage nach dem Tod von Benno Ohnesorg abflachte.

Allerdings mußten gerade Frauen feststellen, daß ihnen der SDS keineswegs die Orientierung bot, die sie sich von ihm erwartet hatten. Hier kam ganz massiv die Diskrepanz zum Tragen, auf die ich schon früher hingewiesen habe. Frauen, die vor dem Ereignis am 2. Juni 1967 Mitglied im SDS geworden waren, wurden durchaus als gleichberechtigt angesehen und prägten den Verband sowohl organisatorisch wie auch intellektuell entscheidend mit. Als der Verband aber auf einmal zu einer Massenorganisation anschwoll, dominierten auf einmal die Wortführer diverser Fraktionen; und diese debattierten in einer Sprache, die für die Neuhinzugekommenen ein Buch mit sieben Siegeln war. Und das galt für die Frauen um so mehr, als diese ja deutlich schlechtere Chancen hatten, den Wissensvorsprung der SDS-Macker einzuholen. Die ursprüngliche Intention, die Helke Sander und Marianne Herzog mit der Gründung des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen hatten, war ja dann auch gerade dies, den Frauen die Gelegenheit zu geben, zu den Männern in politischer Hinsicht aufzuschließen:

„Die Veranstaltungen, bei denen der SDS dabei war, zeichnete sich dadurch aus, daß das zuhörende Publikum auf das intelligenteste informiert wurde und daß die Argumente […] nirgendwo anders zu erfahren waren. Daß sie gleichzeitig unlösbar verquickt waren mit Eitelkeiten und männlicher Selbstdarstellung und auch Machtkämpfen, war ein Beiprodukt […]. Die Frauen, die angefangen hatten, sich zu versammeln, die die ersten Kinderläden gegründet hatten, hatten das gemacht, um für sich selbst mehr Zeit zu gewinnen, um an genau diesen Veranstaltungen, nach denen wir ausgehungert waren, mitzumachen und unseren Teil dazu beizutragen, für mehr Gerechtigkeit auf der Welt zu sorgen.“ ([4], S. 47f)

Das erste Ziel, das mit der Gründung des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen verfolgt wurde, war somit ein praktisches: Frauen, insbesondere Müttern die Zeit zu geben, sich am politischen Prozeß zu beteiligen. Und es gab sehr viele Mütter, die durch das Ereignis aufgerüttelt wurden und das Gefühl hatten, daß sich etwas grundsätzlich ändern müßte.

Das zweite Ziel ergab sich beiläufig, aus der Tatsache der Existenz des Aktionsrates: Selbstverständigung und dadurch auch die Schaffung von Selbstvertrauen. Helke Sander erinnert immer wieder gern an die ganz subjektive Bedeutung der Treffen für die Individuen:

„Ich werde nie vergessen, was diese eine Frau gesagt hat. Wir hatten uns immer mittwochs getroffen […]. Also: Mittwochs kommt sie immer ganz beschwingt nach Hause zu ihrem Freund und ist ganz stark, und dann sagt er irgend etwas, und dann kan man lachen und nimmt das so hin; am Donnerstag denkt sie daran, wie schön es doch am Mittwoch war; am Freitag ist sie dann nicht mehr ganz so stark und ab Sonnabend fängt sie nur noch an, sich wieder auf Mittwoch zu freuen.“ ([3], S. 34)

Tatsächlich begründete der Aktionsrat eine neue Form des Umgangs, die so bislang in den politischen Gruppen nicht existierte. Frigga Haug erinnert sich ganz entsetzt an ihre erste Teilnahme an einem Aktionsratsplenum:

„Das Treffen fand im Republikanischen Club statt, und ich kann dieses erschreckende Gefühl nur so ausdrücken: »Der Raum war voller Haare.« Das war wirklich mein Haupteindruck, nur Haare! Viele Frauen hatten lange Haare, und ich merkte daran, dass ich bisher nur Männergruppen gewohnt war, und nun musste ich durch diese Haare hindurch wie durch einen Dschungel. […] Hinzukam, dass die Frauen sich alle untereinander kannten und sich umarmten. […] In diesem Raum befanden sich also nur lange Haare, die zudem alle ineinander verschlungen waren, weil die Frauen sich herzten und küssten und einander fast auf dem Schoß saßen.“ ([2], S. 189f)

Die ursprüngliche Absicht, die hinter der Gründung des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen steckte, bezog sich höchstens mittelbar auf die Veränderung der Gesellschaft, sondern zunächst einmal auf die Veränderung der Individuen und deren realer Situation. Der Aktionsrat war zunächst unmittelbar praktisch gedacht, nicht theoretisch.

Doch keine Praxis ohne Theorie. Seien Sie also gespannt auf nächste Woche, wenn für einige „Genossinnen aus dem Aktionsrat“ Schluß ist mit lustig:

„Um mit der Schulung anzufangen, beginnen wir noch in diesem Monat mit einem Arbeitskreis über das Kapital, zudem empfehlen wir, in unserem Seminar an der PH über geschlechtsspezifische Sozialisation mitzuarbeiten.“ ([1], S. 9)

Nachweise

[1] Genossinnen aus dem Aktionsrat, „Zur Frauenemanzipation. Für eine Politisierung des Aktionsrates zur Befreiung der Frau“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.1 (1969), Nr.35 (17. Oktober 1969), S.9 (http://www.infopartisan.net/archive/1967/266747.html).

[2] Haug, F.: „»Frauenpolitik galt als kleinbürgerlich«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 180 – 198.

[3] Sander, H.: „Das Private ist das Politische. Gespräch mit Hilke Schlaeger“, in: Schlaeger, H. (Hg.), Mein Kopf gehört mir. Zwanzig Jahre Frauenbewegung, München 1988, S. 23 – 36.

[4] Sander, H.: „Der Seele ist das Gemeinsame eigen, das sich mehrt“, in: Heinrich-Böll-Stiftung und Feministisches Institut (Hg.), Wie weit flog die Tomate?, Berlin 1999, S. 43 – 56.

Written by alterbolschewik

28. Februar 2014 at 17:13

Frauen gemeinsam sind stark

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Die Frauenbewegung in der BRD (22)

„Ihr ward so blöd, so lang zu jammern,
wir sind stark, wir sind nicht schwach.
Sollen die Chefs doch kommen,
wir wissen jetzt, was wir wollen.

Wir machen die Arbeit,
wir machen die Arbeit,
wir schaffen die Moneten!

Jetzt ist Feierabend!
Jetzt ist Feierabend!

Wir Frauen gemeinsam sind stark!
Wir Frauen gemeinsam sind stark!“

Ton Steine Scherben

Was bisher geschah: Seit Januar 1968 organisierten sich Berliner Kindergärtnerinnen, um mittels eines Warnstreiks bessere Bedingungen in den öffentlichen Kindergärten Berlins durchzusetzen. Den DGB-Gewerkschaften, die voller Ressentiments gegen den antiautoritären Protest waren, schmeckte das gar nicht: Sie versuchten, den Streik zu sabotieren, indem sie den Streik zunächst von Ende Mai auf den 10. Juni verschoben. Kurz vor dem geplanten Streiktermin nahmen sie dann Verhandlungen mit dem Senat auf und vereinbarten eine Friedenspflicht bis zum 12. Juni.

Als auf der Versammlung am 4. Juni bekannt wurde, daß die ÖTV erneut versuchte, den Streik durch eine Terminverschiebung zu sabotieren, setzte sich die Versammlung darüber hinweg. Schließlich sollte der Streik nicht einfach nur ein Druckmittel sein, um in Verhandlungen mit dem Berliner Senat einzutreten. Denn so wurde der Streik offensichtlich von der ÖTV aufgefaßt.

Es ist durchaus davon auszugehen (leider stehen dem Autor die entsprechenden Dokumente, falls es diese noch geben sollte, nicht zur Verfügung), daß die ÖTV ihre Aufgabe nicht ausschließlich darin sah, den Streik zu verhindern. Es ist zu vermuten, daß sie durchaus eine Verbesserung der Lage für die Kindergärtnerinnen erstreiten wollten. In diesem Kontext war ihnen die Streikdrohung sicherlich willkommen. Aber eben nur als Drohung, nicht als tatsächlicher Streik. Für sie stellte der Streik nur ein Faustpfand in den Verhandlungen mit dem Senat dar – Gewerkschaftstaktik eben.

Hinzu kam, daß sie einfach keine Erfahrungen mit derartigen Basisbewegungen hatten und ihnen im Rahmen des bereits geschilderten antikommunistischen Klimas in Berlin zutiefst mißtrauten. Der Arbeitskreis der Sozialpädagogen kam später zu der durchaus treffenden Einsicht:

„Den an Tarifrituale gewöhnten Gewerkschaftsfunktionären mußte die Qualität der Forderungen, die Spontanität der Versammlungen zumal angesichts der Mitarbeit radikaler Genossen aus anderen Bereichen in der Kindergärtnerinnenagitation unheimlich und unberechenbar vorkommen.“ ([5], S. 3)

Außerdem muß man sich klarmachen, daß die Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Senat keineswegs Verhandlungen zwischen politischen Gegnern waren:

„Der ÖTV -Boss Schwäbl ist gleichzeitig SPD-Funktionär und sitzt im Abgeordnetenhaus. Die dem Deutschen Beamtenbund angeschlossene Gewerkschaft der Berliner Senatsbürokratie, der Komba, ist personell mit der CDU verflochten. Viele kleine Sickerts sitzen bei Berliner Tarifverhandlungen augenzwinkernd ihren Duz-Freunden aus der Staatsbürokratie gegenüber.“ ([1], S. 5)

Aus Sicht der Gewerkschaften also war eine Streikdrohung durchaus akzeptabel, um die eigene Verhandlungsposition zu stärken, nicht aber ein tatsächlicher Streik.

Im Gegensatz dazu verfolgten die Antiautoritären aus dem Arbeitskreis der Sozialpädagogen und vor allem dem Aktionsrat zur Befreiung der Frauen mit dem Streik der Kindergärtnerinnen eine weit über die üblichen gewerkschaftlichen Taktierereien hinausgehende Strategie. Der Kindergärtnerinnenstreik sollte ein Fanal sein, das die Macht der Frauen und insbesondere der Mütter ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit rücken sollte. Nicht nur die Kindergärterinnen sollten streiken, sondern die davon betroffenen Mütter sollten ebenfalls nicht zur Arbeit gehen. Im Gegensatz zur damaligen gesellschaftlichen Propaganda, die die Frauen vor allem in der Rolle der Hausfrau sah, waren, gerade in Berlin, weibliche Arbeitskräfte ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Um dies sichtbar zu machen, richtete sich eines der vom Aktionsrat verfaßten Comic-Flugblätter explizit an arbeitende Mütter. In diesem Flugblatt ging es nicht darum, den Streik zu erklären und um für Sympathie für die Kindergärtnerinnen zu werben. Denn natürlich stellte so ein Kindergärtnerinnenstreik arbeitende Mütter vor ein echtes Problem. Das Flugblatt rief vielmehr dazu auf, am Tag des Streiks einfach zu Hause zu bleiben. Explizit heißt es darin:

„Wir gehen am Streiktag nicht zur Arbeit, sondern zur Kundgebung der Kindergärtnerinnen. Wenn wir einen Tageslohn für uns und unsere Kinder investieren, werden wir in der Zukunft viel mehr gewinnen.“ ([4], S.8)

Und in einer Sprechblase erklärt eine Frau verschwörerisch:

„Weil wir noch nicht organisiert streiken können, sind wir am 10. Juni eben einfach krank!“ ([4], S. 8)

Deswegen war es wichtig, daß der Streik stattfand, völlig unabhängig davon, ob man sich nun in Verhandlungen mit dem Senat befand oder nicht. Denn er sollte nicht einfach ein Druckmittel gegenüber dem Senat sein, sondern vor allem dokumentieren, welche Macht die Frauen hätten, wenn sie sie nur nutzen würden. Das Flugblatt endete dann auch mit der Parole „Frauen gemeinsam sind stark“ – eine der ganz wichtigen Parolen des Frauenbewegung in der BRD (und ich vermute fast, daß sie hier zum ersten Mal auftauchte, auch wenn ich mir da nicht ganz sicher bin; später wurde sie jedenfalls von Rio Reiser in einem gleichnamigen Stück von Ton Steine Scherben verwendet, das er für Helke Sanders Film Eine Prämie für Irene (1971) schrieb).

Die Versammlung am 4. Juni war sich also, trotz des erneuten Ausscherens der ÖTV darin einig, den Streik am 10. Juni durchzuziehen, auch weil sie sicher war, von der nicht DGB-Gewerkschaft Komba unterstützt zu werden. Die Versammlung wählte ein Vorbereitungskomitee, das die Agitation für den Streik in der heißen Phase koordinieren sollte. Am Samstag, den den 7. Oktober wurde noch einmal massiv in der Berliner Bevölkerung geworben. Der Berliner Extradienst rief zur Solidarität auf:

„SOLIDARITÄT MIT DEN KINDERGÄRTNERINNEN!
Am 10. Juni streiken Westberlins Kindergärtnerinnen. Solidarisiert Euch und klebt das Solidaritäts-Plakat an die Autoscheibe. EXTRADienst hat es zum Ausschneiden auf der letzten Seite untergebracht. Kommt mit Euren Autos mit dem Roten Punkt und dem Solidaritäts-Plakat zum Autokorso am heutigen Sonnabend, 11.30 Uhr ab Hammarskjöld-Platz. Die Kindergärtnerinnen halten dort für Euch Plakate und Flugzettel bereit.“ ([3])

Doch auch der Senat agierte nicht ungeschickt und lud erstmals die Vertreter des Komba zusammen mit den DGB-Gewerkschaften zu einer ersten Verhandlungsitzung am Tag vor dem Streik ein. Als sich an diesem Tag das Vorbereitungskomitee mit dem Komba traf, mußte es erfahren, daß auch dieser nun aus der Streikfront ausscherte und dafür plädierte, ebenso wie die ÖTV, erst am 13. zu streiken, falls der Senat nicht zu substantiellen Zugeständnissen bereit sei. Das war ein schwerer Schlag. Erneut wurde für den Abend des 9. Juni eine Vollversammlung einberufen. Es war offensichlich, daß die Mehrheit nicht ohne gewerkschaftliche Unterstützung streiken wollte. Schon vor dem Ausscheren des Komba hatten die ÖTV-Funktionäre auf der letzten Versammlung Einschüchterungsarbeit geleistet:

„ÖTV-Leute machten darauf aufmerksam, daß nur der von ihnen unterstützte Streik – gesprochen wird vage vom 12. oder auch 13. Juni – »legal« sei, während die Kindergärtnerinnen, die am 10. Juni streiken wollen und nicht in der Komba organisiert sind, einen »wilden« Streik durchführen und möglicherweise Repressionen ausgesetzt seien.“ ([2])

Die Versammlung am Abend vor dem Streik war unentschieden, ließ sich dann aber doch von den Gewerkschaften über den Tisch ziehen und stimmte, zugunsten einer einheitlichen Streikfront, für einen Streik am 13. Juni. Der Arbeitskreis der Sozialpädagogen kommentierte dann später resigniert:

„Die Gewerkschaften hatten nun freie Hand: Sie brauchten den Streik nur noch abzublasen. Und das taten sie.“ ([1], S. 5)

Der Senat hatte einige kleinere Zugeständnisse gemacht, was den Gewerkschaften dann als Vorwand ausreichte, um den Streik komplett abzusagen. Damit war die Luft aus der Bewegung herausgelassen. Im Herbst wurde dann zwar noch einmal versucht, einen Kindergärtnerinnenstreik auf die Beine zu stellen, doch auch dieser wurde wieder von den Gewerkschaften sabotiert. Damit war das größte öffentlichkeitswirksame Projekt des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen gescheitert. Für den Aktionsrat bedeutete das das Ende. Er zerbrach, nicht untypisch für lose organisierte Gruppierungen nach einer aktionistischen Phase, in verschiedene Fraktionen.

In den nächsten Folgen dieses Blogs wird deshalb dieser Zerfallsprozeß, so weit es geht, rekonstruiert werden. Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn Frigga Haug meint:

„Es war vielleicht ein Machtkampf zwischen Helke und mir, aber der Aktionsrat blieb bestehen. Manche sagen, er wurde »gespalten«. Doch Spaltung ist nicht das richtige Wort, wenn sieben gehen und etwa hundert Frauen und damit die Mehrheit übrig bleiben.“ ([6], S. 191)

Nachweise

[1] AK der Sozialpädagogen im RC, „Die BEWEGUNG unter den Westberliner KINDERGÄRTNERINNEN“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.1 (1969), Nr.18 (20. Juni 1969), S.3 – 6.

[2] Anonym, „Kindergärtnerinnenstreik: ÖTV/BVL will verschleppen“, in: Berliner Extra-Dienst, Jg.3 (1969), Nr.45 (7. Juni 1969), S.3.

[3] Anonym, „Solidarität mit den Kindergärtnerinnen!“, in: Berliner Extra-Dienst, Jg.3 (1969), Nr.45 (7. Juni 1969), S.1.

[4] Anonym, „Westberlin, 10. Juni: Streik der Kindergärtnerinnen. Frauen sollen mitstreiken“, in: Berliner Extra-Dienst, Jg.3 (1969), Nr.44 (4. Juni 1969), S.7.

[5] Arbeitskreis der Sozialpädagogen im RC, „Warum kein Streik der Kindergärtnerinnen? Analyse des aufgeschobenen Streiks“, in: Sozialpolitische Korrespondenz, Jg.1 (1969), Nr.2 (30. Juni 1969), S.1 – 3.

[6] Haug, F.: „»Frauenpolitik galt als kleinbürgerlich«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 180 – 198.

Written by alterbolschewik

21. Februar 2014 at 18:06

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Tomaten

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Die Frauenbewegung in der BRD (15)

„Die neue Frauenbewegung entstand in einer bestimmten Phase der antiautoritären Bewegung, zugleich im Widerspruch zu dieser Bewegung und als eine Konsequenz dieser Bewegung“

Sigrid Damm-Rüger

Was bisher geschah: Helke Sander, Mitgründerin des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen und Mitglied des SDS versucht den Berliner Landesverband davon zu überzeugen, daß er sie als Rednerin auf die 23. Delegiertenkonferenz des SDS in Frankfurt schickt. Das Vorhaben ist schon fast gescheitert, als eine andere SDS-Genossin mit einer Buttersäure-Attacke droht, falls Helke in Frankfurt nicht reden dürfe.

Diese rothaarige Genossin mit dickem Schwangerschaftsbauch, die Helke Sanders Anliegen unterstützte, war nicht irgendjemand. Es handelte sich dabei um die bereits hier im Blog ansatzweise gewürdigte Sigrid Rüger, eine der zentralen Figuren im Berliner SDS. Ihr Wort hatte Gewicht, und so wurde Helke Sander tatsächlich die Gelegenheit gegeben, am 13. September 1968 in Frankfurt zu reden, direkt vor der großen Rede des SDS-Cheftheoretikers Hans-Jürgen Krahl.

Helke Sanders Rede ist Legende. Sie wurde wieder und wieder nachgedruckt. Und nie wirklich inhaltlich rezipiert. Sie ging unter im Ereignis, das unmittelbar auf sie folgte: Als die Delegiertenversammlung nach Sanders Rede einfach ohne Diskussion in der Tagesordnung fortfahren wollte, kam es zum Eklat. In der Zeit las sich das damals so:

„Geschwängert war die Luft von Havanna- und Roth-Händle-Rauch, theorieschwer die Diskussion – mit Resignation und Euphorie kämpften wortreich die übermüdeten Genossen. Der Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) drohte der revolutionäre Atem auszugehen.
Da meldete sich artig eine Genossin im prallen Umstandskleid, dem Frankfurter Studenten-Idol Hans-Jürgen Krahl eine Zwischenfrage zu stellen. Ob er nichts zur Unterdrückung der Frau in der Gesellschaft und insbesondere im SDS zu sagen habe, wollte sie wissen. Ehe der vielwissende Krahl noch hilflos mit den Schultern zucken konnte, antwortete sie für ihn, attestierte ihm autoritäre Ignoranz und nestelte dabei an einer Einkaufstasche. Sie hielt etwas Rotes in der Rechten, schleuderte dem wortgewandten Mann am Mikrophon erst den Satz entgegen »Du bist objektiv ein Agent des Klassenfeinds« und dann ein paar Tomaten. Eine der Früchte traf den überraschten Krahl voll, die übrigen zerplatzten am – ausschließlich von maskulinen Genossen okkupierten – Präsidiumstisch.
Die Delegiertenkonferenz hatte ihren Höhepunkt.“ ([1])

Natürlich war diese schwangere Genossin erneut Sigrid Rüger. Und was der Artikel völlig unterschlägt, ist die vorausgehende Rede von Helke Sander. Oder vielmehr wird die Rede später mit einem einzigen Satz zitiert, nämlich: „Hier sprecht ihr vom Klassenkampf und mit euren Freunden vom Orgasmus.“ ([1]) Die Unverschämtheit des Zeit-Autors ist wirklich atemberaubend. Zum einen ist das Zitat falsch wiedergegeben und zum anderen aus dem Zusammenhang gerissen. Sander hatte wörtlich gesagt: „Warum sprecht ihr denn hier vom Klassenkampf und zu Hause von Orgasmusschwierigkeiten?“ ([3]) Dabei ging es ihr um die falsche Trennung von Privatem und Politischen. Doch damit nicht genug. Dieses Zitat wird dann noch so hingestellt, als handle es sich um einen Wortbeitrag aus dem Publikum, der nach dem Tomatenwurf von Sigrid Rüger laut geworden sei. Und um das Faß der Frechheiten vollzumachen, wird Sander nur als „fragiles Mädchen“ bezeichnet: Eine dreißigjährige, alleinerziehende Mutter, die eben eine wichtige politische Rede vor den Delegierten des bedeutendsten westdeutschen Studentenverbandes gehalten hat, muß sich von einem dahergelaufenen Journalisten als „Mädchen“ titulieren lassen.

Die Konkurrenz vom Spiegel war auch nicht viel besser. Immerhin wird die Rede thematisiert und Sander beim Namen genannt:

„Die Berliner Filmakademikerin Helke Sander, 30, gab sich am Mikrophon als Mitglied eines »Aktionsrates zur Befreiung der Frau« aus, führte Klage über »Unterdrückung« weiblicher Mitglieder und glaubte in den SDS-Debatten ein Produkt gewisser »Verdrängungsmechanismen« zu erkennen: »Warum sprecht ihr hier von Klassenkampf und zu Hause von Orgasmusschwierigkeiten?« Als Redner Hans-Jürgen Krahl, 25, dazu nichts sagen mochte, sprang vor ihm die rothaarige, hochschwangere Berliner Volkswirtschaftlerin Sigrid Rüger, 29, vom Stuhl und schleuderte mit dem Ruf »Konterrevolutionär… Agent des Klassenfeindes« sechs Tomaten auf Krahl; eine traf ihn, am linken Schlüsselbein.“ ([2], S. 77)

Die Präzision des Spiegels in unwesentlichen Dingen wie der genauen Anzahl der geworfener Tomaten ist wie immer beeindruckend. Auch das „Orgasmus“-Zitat ist hier, im Gegensatz zur Zeit, richtig wiedergegeben. Daß es hingegen überhaupt nicht das Thema von Sanders Rede gewesen war, die Unterdrückung der Frauen im SDS anzuprangern, ganz im Gegenteil, paßt einfach nicht in die Geschichte, die der Reporter erzählen will. Sander hatte ihre Rede, nachdem sie sich als Sprecherin des Aktionsrates vorgestellt hatte, mit den Worten begonnen:

„Wir sprechen hier, weil wir wissen, daß wir unsere Arbeit nur in Verbindung mit anderen progressiven Organisationen leisten können, und dazu zählt unserer Meinung nach heute nur der SDS.“ ([3], S. 12)

Doch das war natürlich keine Story. Tomatenwürfe, in der damaligen Öffentlichkeit verpönte Worte wie „Orgasmus“ und einen einfach zu vermittelnden Konflikt zwischen Männern und Frauen: Darauf fuhren die Reporter ab. Der eigentliche Inhalt von Sanders Rede hingegen fiel komplett unter den Tisch. Denn darin ging es mitnichten darum, daß sich die Frauen als Opfer der Männer im SDS sahen. Doch darauf werde ich erst nächste Woche eingehen. Der heutige Beitrag soll sich ausschließlich der Rezeption widmen.

Daß die „bürgerlichen“ Medien die Rede nur in äußerst verzerrter Form dargestellt haben, ist nicht weiter verwunderlich. Man muß das noch nicht einmal als politische Manipulation interpretieren. Der eigentliche Vorschlag Sanders paßte einfach nicht ins Rezeptionsraster des Journalismus, also wurde eine völlig andere Geschichte daraus. Und das wirklich Schlimme daran ist, daß diese andere, von den Journalisten erfundenen Geschichte die weitere Rezeption der Rede und des Tomatenwurfes dominierte. Und zwar auch auf Seiten der feministischen Geschichtsschreibung.

1975, als sich die junge Frauenbewegung ihrer Geschichte zu versichern begann, wurde die Rede im Frauenjahrbuch 1 erneut vollständig abgedruckt, aber ohne jeden Kontext; Helke Sanders Name wurde nicht erwähnt, genausowenig der von Sigrid Rüger:

„Im Anschluß an ihre Rede bewarf eine Genossin die SDS-Autoritäten mit Tomaten. – dies war die erste Ankündigung einer neuen deutschen Frauenbewegung.“ ([5], S. 15)

Und im Anschluß daran wurde fleißig am Opfermythos gestrickt:

„Dieses Ereignis wurde als ganz unerhört empfunden, als so unglaublich, daß die SDS-Männer, aber auch die anwesenden Frauen, sich zunächst nicht dazu verhalten konnten. So kam es, daß die Rede kein unmittelbares Echo auslöste. Im kleineren Kreis konnten sich die Männer dann allerdings nicht enthalten, höhnische Bemerkungen über die Frauen zu machen. Das gab vielen Frauen den letzten Anstoß, sich in Frauengruppen zusammenzuschließen. Die Frauen waren im SDS so offensichtlich unterdrückt, daß die Idee dazu schon längere Zeit in der Luft lag, spätestens jedoch seit der Gründung des Berliner »Aktionsrat zur Befreiung der Frauen« im Frühjahr 1968.“ ([5], S. 15)

Man fragt sich wirklich, ob die Autorinnen die Rede, die sie abdruckten, eigentlich gelesen hatten.

Diese Verfälschung der Geschichte schaffte es dann auch in die sogenannte seriöse, wissenschaftliche Literatur. In der 1980 erstmals erschienenen Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland von Herrad Schenk wird das Ganze in einem Satz zusammengefaßt:

„1968 hält eine Vertreterin des Berliner »Aktionsrats zur Befreiung der Frau« auf der Delegiertenkonferenz des SDS eine Anklagerede gegen das patriarchalische Gehabe der Genossen und bewirft sie am Ende mit Tomaten.“ ([4], S. 85)

Und dann geht es auch schon weiter mit dem Frankfurter Weiberrat. Nicht nur, daß die ganz konkreten Akteurinnen ihrer Individualität beraubt werden. Auch der Aktionsrat will nun, nach dem Willen von Schenk, nicht mehr die Frauen in all ihrer Unterschiedlichkeit und Vielfalt befreien, sondern ein Abstraktum namens „die Frau“ (den aufmerksamen Leserinnen meines Blogs ist dies wahrscheinlich auch schon beim Zentralrat der sozialistischen Kinderläden aufgefallen, der den Namen des Aktionsrates auf die selbe Art und Weise verunstaltet hatte).

Angesichts dieser Verdrehung des politischen Programms, das Helke Sander für den Aktionsrat formuliert hatte, ist es eine Erleichterung, wenn Helke Sander nächste Woche meint:

„Wenn sich der SDS als ein Verband begreift, der innerhalb der bestehenden Gesellschaft emanzipatorische Prozesse in Gang setzen will, damit eine Revolution überhaupt möglich wird, dann muß der Verband Konsequenzen für seine Politik aus unserer Arbeit ziehen.“ ([3], S. 21)

Nachweise

[1] Hermann, K., „»Was denn nun, Genossen?«“, in: Die Zeit, Jg.21 (1968), Nr.38 (20. September 1968), S.2.

[2] Redaktioneller Beitrag, „Hü und Hott“, in: Der Spiegel, Jg.22 (1968), Nr.39 (23. September 1968), S.77 – 78.

[3] Sander, H.: „Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS (1968)“, in: Schlaeger, H. (Hg.), Mein Kopf gehört mir. Zwanzig Jahre Frauenbewegung, München 1988, S. 12 – 22.

[4] Schenk, H., Die feministische Herausforderung. 150 Jahre Frauenbewegung in Deutschland, München 1981 (2. Aufl.).

[5] Frankfurter Frauen (Hg.), Frauenjahrbuch 1, Frankfurt 1975 (2. Aufl.).

Written by alterbolschewik

3. Januar 2014 at 16:59