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6. Juni 1971: Wir haben abgetrieben!

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Der Kampf gegen den § 218 (17)

„Die jüngsten Umfragen bestätigen: Wenn heute unter den zwölf Millionen Frauen der Bundesrepublik im gebärfähigen Alter zwischen fünfzehn und fünfundvierzig Jahren ein Plebiszit über das Verbot der Schwangerschaftsunterbrechung stattfände, wenn es stattfinden könnte – das Verbot würde fallen.“

Hans Schueler, 1971

Was bisher geschah: Anfang Mai 1971 kam Alice Schwarzer aus Paris, um eine öffentliche Bekenntnisaktion zur Abtreibung nach französischem Vorbild auch in Deutschland zu initiieren. Bei Parteien und Gewerkschaften stieß sie auf wenig Unterstützung, fand aber erste Bündnispartnerinnen in der Frankfurter Frauenaktion 70, mit der zusammen sie den deutschen Aufruf verfaßte, der dann im Stern erscheinen sollte. Danach folgte eine Rundreise zu den studentischen Frauengruppen an den Universitäten Frankfurt, München und Berlin. Die Frankfurterinnen wollten sich aus dogmatischen Gründen nicht beteiligen, die Münchner Gruppe spaltete sich an dieser Frage, nur die Berlinerinnen unterstützten die Kampagne ohne Wenn und Aber.

Sinn des Ganzen war es natürlich, die Justiz unter Druck zu setzen. Denn auf das öffentliche Bekenntnis mußten eigentlich staatsanwaltschaftliche Ermittlungen erfolgen. Der Stern zitierte den Hamburger Oberstaatsanwalt Beck:

„Natürlich müssen wir die Strafverfolgung einleiten. Wir sind gezwungen, uns so lange an ein Gesetz zu halten, wie es gilt. Das ist ein Prinzip des Rechtsstaates. Wenn uns eine strafbare Handlung gegen den Paragraphen 218 bekannt wird und wir verfolgen sie nicht, begehen wir eine Begünstigung im Amt und können selbst bestraft werden. Wir können auch nicht so tun, als läsen wir den STERN nicht.“ ([3], S. 22)

Die Gefahr bestand also durchaus, daß die unterschreibenden Frauen Ärger mit der Justiz bekommen würden. Und immerhin stand auf Abtreibung damals noch bis zu 5 Jahren Haft – auch wenn dieses Strafmaß praktisch nie ausgesprochen wurde. In der Regel beließ man es bei Geldstrafen oder einer Haftstrafe von 3 Monaten auf Bewährung ([5]). Doch ein gewisses Risiko gingen die Unterzeichnerinnen durchaus ein. Die Französinnen hatten bei ihrer Aktion versucht, sich dagegen abzusichern, indem sie eine Reihe prominenter Frauen dazu brachten, sich dem Ganzen anzuschließen – was Dank des Adressbuches von Simone de Beauvoir kein großes Problem war. Ähnlich prominente Namen wie die auf der französischen Liste sollten auch in Deutschland zum Schutz der großen Masse der ganz normalen Frauen dienen.

Doch woher nehmen? Alice Schwarzer war – zumindest damals – keine Simone de Beauvoir, die sich einfach ans Telefon hängen und mit dem ganzen Gewicht ihrer Persönlichkeit Frauen im Rampenlicht der Öffentlichkeit davon überzeugen konnte, bei so einer Aktion mitzumachen. Wie also gelang es Schwarzer, an die Unterschrift einiger bekannter Schauspielerinnen zu kommen? Ganz klar ist das nicht. Offensichtlich war Romy Schneider die Türöffnerin:

„Die lebt zu der Zeit gerade in Deutschland mit Harry Meyen und ihrem Sohn, aber ist natürlich über die französische Aktion, bei der viele von ihr geschätzte Kolleginnen mitgemacht hatten, auf dem Laufenden. Wir telefonieren miteinander, und bereits am nächsten Tag trifft ihre Unterschrift ein, mit dem Satz am Rand des Blattes: »Da bin ich ganz und gar dafür!!!« Drei Ausrufezeichen.“ ([6], S. 240)

Und so finden sich dann auf der Liste der 376 Frauen (ja, es sind zwei mehr als immer angegeben – offensichtlich hat nie jemand richtig nachgezählt) 22 Schauspielerinnen, die bereit sind, mit einem solchen Bekenntnis möglicherweise ihre Karriere zu ruinieren.

Als klar war, daß Schwarzer die versprochenen Unterschriften zusammenbekommen würde, wurde auch der Stern aktiv und schickte sie mit dem profilierten Fotographen Robert Lebeck los, Bildmaterial für den Artikel zu erstellen. Und so zierten Frauen des Sozialistischen Frauenbundes West-Berlin in doppelseitiger Aufmachung Schwarzers Artikel und die Unterschriftenliste.

Als dann am 6. Juni 1971 die Nummer des Sterns mit dem legendären Cover erschien, kam es zu vehementen publizistischen Reaktionen – auch von Seiten, von denen man es nicht erwartet hätte:

„Nicht nur Bild versucht die Aktion 218 als »Prominentengag« runterzuschreiben, auch die Süddeutsche Zeitung spricht von »Exhibitionismus« (»schamlos«) und die Frankfurter Rundschau ortet gar »Konsumwahn« (»Pelzmantel statt Kind«) sowie eine »Vernichtung unwerten Lebens« – ganz im Sinne von Kardinal Jaeger, für den die Aktion 218 eine Art »neues Euthanasieprogramm« ist.“ ([6], S. 243)

Doch auf das unterste Niveau stieg Hans Habe in der Welt am Sonntag hinab:

„Er bezog sich auf die »Dame ohne Unterleib« und schrieb: »Nicht weniger krüppelhaft als die Schaustellung „keines“ Unterleibes ist die Schaustellung des Unterleibes.« Die Bekennerinnen, »samt und sonders Verfechterinnen des freien Sexus«, provozierten »ekelerregende Vorstellungen«. Er könne sich keinen Mann vorstellen, »der die Aufmerksamkeit auf den operierten Unterleib seiner Frau oder seiner Geliebten zu lenken wünscht«. Mit diesem Selbstbekenntnis machten sich Frauen unattraktiv, den »die Schamlosigkeit, mit der sie uns ihr Privatestes enthüllen, macht ihr Privatestes reizlos«. Übrig bleibe »eine abstoßende Reklame, ein Striptease, der sich nicht mehr mit der totalen Nacktheit begnügt, der nun – es mußte so kommen – auch die Gedärme entblößt«.“ ([2], S. 113)

Unterstützung kam eigentlich nur von der Zeit, und – mit Abstrichen – vom Spiegel. In der Zeit bündelte Hans Schueler sachlich alle Argumente, die für eine Abschaffung des § 218 sprachen und wies vor allem auf die Diskrepanz zwischen dem eigentlichen Ausmaßes der Abtreibung – geschätzte 400.000 bis eine Million Fälle pro Jahr – und der tatsächlichen Strafverfolgung – rund 1.000 Prozesse im Jahr hin. Dies mache die tatsächlich juristisch verfolgten Frauen praktisch zu Willküropfern. Deshalb sparte Schueler auch nicht mit Kritik an den Kirchen:

„Gegenüber einer solchen Wirklichkeit machen es sich die Kirchen doch wohl zu leicht, wenn sie den Staat unter Berufung auf ein vorgegebenes Sittengesetz schon prophylaktisch der moralischen Knochenerweichung zeihen, falls er sich herbeiließe, Wirklichkeit und Gesetz in annähernde Übereinstimmung zu bringen. Die Formel »Abtreibung ist Mord« und die Behauptung, ein Justizminister, der die Straflosigkeit der Abtreibung erwäge, wolle »den Mord freigeben« (so das »Passauer Bistumsblatt«), sagen mehr über die Anmaßung und Selbstgerechtigkeit ihrer Urheber aus als über die menschliche und sittliche Qualität von Millionen Frauen, über die sie den Stab brechen.“ ([5], S. 1)

Wie zu erwarten war, begannen die Staatsanwaltschaften zu ermitteln – allerdings mehr oder minder lustlos:

„Deutsche Staatsanwälte tun inzwischen, was sie nicht lassen dürfen – aber sie erledigen es ohne Eifer und Aufregung. Heinz Groh, stellvertretender Behördenleiter der Staatsanwaltschaft in Frankfurt: »Dicke Anklagen gibt es mit Sicherheit nicht. Wir spielen die Sache nicht hoch.« Auch Paul Klein, Oberstaatsanwalt in Köln, glaubt nicht, »daß viel dabei herauskommt«, das Bekenntnis allein »reicht auf keinen Fall« für eine Anklage aus.“ ([4], S. 44)

Bis zum 14. Juni waren offensichtlich 145 Ermittlungsverfahren eingeleitet worden – doch das klingt dramatischer als es in Wirklichkeit war:

„Verweigern sie ihre Aussage (was sie dürfen, weil sich niemand zu belasten braucht), dann – so der Kölner Oberstaatsanwalt Klein »werde ich die Akten schließen«.“ ([4], S. 44)

Nur in Bayern liefen die Uhren naturgemäß wieder einmal etwas anders. Von den 145 Ermittlungsverfahren gingen rund die Hälfte auf das Konto der Staatsanwaltschaft München, die sich auch sonst nicht lumpen ließ:

„In München fand eine Razzia bei Mitgliedern der »Aktion 218« statt. Selbstbezichtigungen und Solidaritätsunterschriften von Frauen, sowie Adreßbücher, Notizblöcke, Flugblätter und Protokolle wurden von der Polizei beschlagnahmt.“ ([1], S. 32)

Doch auch diese Ermittlungen führten offensichtlich zu nichts – zumindest ist nichts darüber bekannt, daß irgendeine der Frauen wegen der Selbstbezichtigungsaktion belangt worden wäre.

Damit sind wir an dem Punkt angelangt, auf den die Arbeit verschiedenster Fraueninitiativen seit 1968 bewußt oder unbewußt hinauslief. Es ist ein Punkt des Umschlags, an dem etwas grundsätzlich Neues entsteht. Deshalb wird es nächste Woche erneut um ein Thema gehen, das hier im Blog immer wieder angerissen worden ist: Die Theorie des Ereignisses. Es würde mich deshalb überhaupt nicht wundern, wenn sich der Alte Bolschewik nächste Woche selbst zitiert:

„Das Ereignis ist willkürlich, kontingent, aber dennoch notwendig. Es stößt auf eine Bewußtseinsstruktur, der nur noch dieses traumatische Ereignis gefehlt hat, damit die alte symbolische Ordnung schlagartig zerfällt und einer neuen symbolischen Ordnung Platz macht, in der die bisherigen Fakten eine völlig anderen Sinn bekommen.“

Nachweise

[1] Krieger, V.: „»…rühmen sich öffentlich ihrer Verbrechen«“, in: von Soden, K. (Hg.), Der große Unterschied. Die neue Frauenbewegung und die siebziger Jahre, Berlin 1988, S. 31 – 38.

[2] Mika, B., Alice Schwarzer. Eine kritische Biographie, Reinbek bei Hamburg 1998.

[3] Redaktioneller Beitrag, „Von vorgestern“, in: Der Spiegel, Jg.25 (1971), Nr.25 (14. Juni 1971), S.44-45 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43231196.html).

[4] Redaktioneller Beitrag, „Was werden die Staatsanwälte tun?“, in: Stern, Jg.24 (1971), Nr.24 (6. Juni 1971), S.22.

[5] Schueler, H., „Frauen gegen einen Paragraphen“, in: Die Zeit, Jg.24 (1971), Nr.24 (11. Juni 1971), S.1 (http://www.zeit.de/1971/24/frauen-gegen-einen-paragraphen/komplettansicht).

[6] Schwarzer, A., Lebenslauf, Köln 2011.

Written by alterbolschewik

31. Oktober 2014 at 17:29

Alice Schwarzer und die Frauenaktion 70

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Der Kampf gegen den § 218 (16)

„Den Staatsanwaltschaften wird nichts anders übrigbleiben, als gegen alle Frauen, die sich öffentlich der Abtreibung beschuldigen, zu ermitteln.“

Alice Schwarzer

Was bisher geschah: Alice Schwarzer machte sich von Paris aus auf, um die französische Aktion, sich selbst öffentlichkeitswirksam der Abtreibung zu bezichtigen, auch nach Deutschland zu exportieren. Kontakte mit Parteien und Gewerkschaften blieben fruchtlos, doch Teile der Roten Frauen in München und der Sozialistische Frauenbund Westberlin unterstützten die Aktion und sammelten Unterschriften.

Bevor Alice Schwarzer allerdings die eher universitären, sozialistischen Frauengruppen kontaktierte, wandte sie sich – was eigentlich nicht weiter verwunderlich ist, an die Frauenaktion 70. Denn diese hatte ja schon einige Zeit vor Alice Schwarzer die Debatte um den § 218 in die bundesrepublikanischen Öffentlichkeit getragen. Nicht nur lokale Medien, sondern auch überregionale Zeitungen und Zeitschriften hatten über die Teach-Ins, Unterschriftensammlungen, Demonstrationen und Kundgebungen der Frauenaktion 70 berichtet. Und diese waren keineswegs auf Frankfurt beschränkt gewesen, sondern auch in Dortmund, Düsseldorf, Essen und Köln wurde das Frankfurter Modell kopiert ([2], S. 83). Wenn also damals jemand Ansprechpartner für eine Kampagne gegen den § 218 war, dann ganz sicher die Frauenaktion 70.

Doch in den diversen Darstellungen Alice Schwarzers, in denen sie ihre eigene Rolle bei der Initiierung der Bekenntnisaktion herausstreicht, spielte die Frauenaktion 70 eine mehr als untergeordnete Rolle. Ende 1971, als sich Schwarzer erstmals als Initiatorin der Stern-Kampagne offenbarte, wird die Frauenaktion 70 nur als bedeutungslose, lokale Vorläuferin erwähnt, eine Beteiligung an der Aktion wird nicht erwähnt. 1981 erscheint sie auf einmal als eine der Gruppen, die die Unterschriften für den Stern beibrachten. 2008 schreibt sie dann in der Emma:

„Die einzigen, die die »Aktion 218« als Gruppe mittrugen, war die »Frauenaktion 70« in Frankfurt.“ ([6])

In ihrer Autobiographie von 2011 ist dann die Frauenaktion 70 wieder verschwunden. Warum dieses merkwürdige Herumgeeiere? Aufklärung gibt ein Blick in die berühmte Ausgabe des Stern, in der Alice Schwarzer die Anfänge der Aktion beschreibt:

„Um einen runden Couchtisch in Frankfurt-Eschersheim, Fritz-Reuter-Straße 5, saßen am 3. Mai dieses Jahres sieben Damen, knabberten Käsegebäck und formulierten einen Text, der der Bundesregierung noch zu schaffen machen wird.
Die Frankfurter Damenrunde setzt sich aus Mitgliedern der »Frauenaktion 70« zusammen, die seit vergangenem Jahr Sturm läuft gegen den Paragraphen 218, der Schwangerschaftsunterbrechung unter Strafe stellt. Rund 50 Frankfurterinnen gehören der »Frauenaktion 70« an. Lehrerinnen, Studentinnen, Journalistinnen und vor allem Hausfrauen. Ihr Motto: »Mein Bauch gehört mir.« Jede Frau, so fordern sie, müsse das Recht haben, eine ungewollte Schwangerschaft mit ärztlicher Hilfe zu unterprechen.
Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, griffen die am Abend des 3. Mai zusammensitzenden Frauen eine revolutionäre Idee aus Frankreich auf: Alle Frauen sollten aufgerufen werden, öffentlich zu bekennen: »Ich habe abgetrieben!« Damit käme auf die deutsche Justiz eine Prozeßlawine zu, vor der Richter und Gesetzgeber kapitulieren müßten. Endziel: Streichung des »Abtreibungs-Paragraphen«. […]
In klaren Sätzen formulierten die Frankfurter Frauen den auf Seite 17 abgedruckten Appell.“ ([4], S. 21)

Die Frauenaktion 70 war also nicht nur eine unter mehreren Gruppen, mit denen Schwarzer zusammenarbeitete, es war diese Gruppe, die den eigentlich Appell verfaßte. Daß Schwarzer selbst in diesem ersten Bericht über die Ursprünge der Kampagne überhaupt nicht auftaucht, heißt nicht, daß sie später ihre initiierende Funktion einfach erfunden hätte. Es ist durchaus glaubwürdig, wenn sie schreibt:

„Während ich weiter Unterschriften sammele, schreibe ich für den Stern den Bericht über die Aktion. Dabei verschleiere ich meine Rolle als Initiatorin bewusst. Warum? Nicht weil ich etwas zu verbergen hätte. Nein. Ich will ganz einfach den Eindruck vermeiden, dies sei die Aktion einer Einzelnen.“ ([7], S. 241)

Das hat sicherlich auch etwas mit dem Vorbild des französischen Mouvement de Libération des Femmes (MLF) zu tun. Persönlichkeitskult war in der französischen Bewegung schwer verpönt, Artikel wurden in der Regel anonym oder nur mit dem Vornamen der Verfasserin gezeichnet veröffentlicht. Und es verwundert nicht, daß die einer persönlichen Profilierung nicht gerade abgeneigte Alice Schwarzer dies später bedauerte:

„Es existierte ein eigenartiges Namensverbot: Die Aktivistinnen, die an die Öffentlichkeit gingen oder Texte schrieben, nannten jahrelang nur ihren Vornamen. Grund: Alles sollte Ausdruck eines Kollektivs der Frauen sein. Dadurch blieb der MLF lange gesichtslos.“ ([7], S. 201)

Schwarzer wollte aber nicht gesichtslos bleiben und bereits Ende 1971 offenbarte sie allen, die es wissen wollten, daß sie die Kampagne ins Rollen gebracht hatte ([5], S. 148). Dennoch ist die im Stern dargestellte zentrale Rolle der Frauenaktion 70 nicht erfunden. Der Text des Appells zeigt deutlich ihre Handschrift. Zweifellos hatte Schwarzer den Text des französischen Manifests mitgebracht, denn dessen ersten Sätze wurden in nur wenig modifizierter Form übernommen:

„Eine Million Frauen pro Jahr lassen in Frankreich eine Abtreibung vornehmen. Sie tun dies unter gefährlichen Umständen, da die Abtreibung gesetzlich verboten ist. Wenn diese Operation unter ärztlicher Kontrolle geschieht, ist sie denkbar einfach.“ (zit. nach [3], S. 107)

Der deutsche Text begann mit:

„Jährlich treiben in der Bundesrepublik rund 1 Million Frauen ab. Hunderte sterben, zehntausende bleiben krank und steril, weil der Eingriff von Laien vorgenommen wird. Von Fachärzten gemacht, ist die Schwangerschaftsunterbrechung ein einfacher Eingriff.“ ([4], S. 17)

Doch insgesamt war der deutsche Text deutlich länger als der französische und endete mit Parolen und Forderungen, die bereits ein Jahr zuvor bei den Aktionen der Frauenaktion 70 verwandt wurden, darunter etwa die Demonstrations-Parole „Nur noch Wunschkinder“ ([2], S. 77), die im Appell als „Ich bin gegen den Paragraphen 218 und für Wunschkinder“ auftauchte ([4], S. 17). Das gilt auch für die Forderungen nach umfassender sexueller Aufklärung und die nach einer Kostenübernahme der Krankenkassen für Abtreibungen – alles Forderungen, die im französischen Aufruf nicht zu finden sind, die aber schon ein Jahr zuvor von den Frankfurterinnen erhoben worden waren.

Die Frauenaktion 70 hatte also, schon bevor es losging, einen nicht unwesentlichen Einfluß auf die Kampagne. Und sie sammelten auch fleißig Unterschriften – mit 61 Signaturen lagen sie nur knapp vor den von Schwarzer immer so gelobten Münchnerinnen, die nur unwesentlich mehr zusammenbrachten.

Es ist außerdem nicht ganz unwahrscheinlich, daß die Unterschriften aus Düsseldorf und Köln ebenfalls auf das Netzwerk der Frankfurterinnen zurückgingen. Allerdings habe ich keinen Hinweis darauf gefunden, wer hinter den Kölner und Düsseldorfer Unterschriften steckte (ebensowenig wie für die 6 rätselhaften Unterschriften von der Insel Sylt). Man kann aber davon ausgehen, daß die vorausgegangenen Aktionen der Humanistischen Aktion (aus der die Frauenaktion 70 hervorgegangen war) in diesen beiden Städten eine Rolle gespielt haben dürften.

Wenn also die Frauenaktion 70 so wichtig dafür war, daß die Aktion zustande kam, warum wird das von Alice Schwarzer zumeist nicht gewürdigt? War es nur Schwarzers Eitelkeit, die den Führungsanspruch in dieser Sache nicht mit jemandem anderen teilen wollte? Das sicherlich auch, aber nicht ganz: Das Problem der Frankfurterinnen war, daß sie zumindest anfänglich Angst vor der Kriminialisierung hatten. Damit hatten die sozialistischen Frauengruppen in München und Berlin kein Problem. Aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte aus der 68er-Bewegung wußten sie, daß der Spielraum für Provokationen deutlich größer ist, als gemeinhin angenommen wird. Doch die Frankfurterinnen zögerten. In Schwarzers Darstellung liest sich deren Haltung so:

„Als das Papier nach zwei Stunden Redigierarbeit auf dem Couchtisch lag, fand sich niemand der Initiatorinnen bereit, die Selbstbezichtigung, abgetrieben zu haben, auch zu unterschreiben.
Kleinlaut gab Renate Scheunemann Lebenserfahrung zum besten: »Deutsche Frauen, die sich selbst bezichtigen? Niemals! Die machen das nie mit, die gehen höchstens artig im Ministerium fragen, ob man das Gesetz nicht ändern will.
Eine zweite Teilnehmerin räsonnierte: »Bei der Position meines Mannes kann ich mir eine Unterschrift gar nicht erlaube. Er ist im Staatsdienst.«
Die Frauen beschließen, die Sache erst einmal zu überschlafen, im übrigen aber auch mit Freundinnen in anderen Städten über den Appell zu sprechen.“ ([4], S. 21f)

Das heißt nicht, daß aus der Frauenaktion 70 keine Unterschriften kamen – von der Handvoll Frauen aus der Frauenaktion 70, deren Namen ich kenne, finden sich immerhin zwei auf der Liste im Stern. Doch diese anfängliche Zögerlichkeit scheint Schwarzer, der so etwas immer fremd war und die auch aus Frankreich anderes gewohnt war, gegen die Frauenaktion 70 eingenommen zu haben, weshalb sie deren Rolle in der Entstehungsphase der Aktion künftig herunterspielte.

Seien Sie gespannt, wie es weiter geht, und freuen Sie sich auf nächste Woche, wenn ein Generalstaatsanwalt erklärt:

„Also wissen Sie, wenn ich den STERN mit dieser Veröffentlichung im Café lese, dann blättere ich lieber schnell darüber hinweg. Aber wenn mir die Veröffentlichung als dienstlicher Vorgang auf den Tisch kommt, dann kann ich kein Auge zudrücken, dann muß ich ermitteln.“ ([1], S. 22)

Nachweise

[1] Redaktioneller Beitrag, „Was werden die Staatsanwälte tun?“, in: Stern, Jg.24 (1971), Nr.24 (6. Juni 1971), S.22.

[2] Scheunemann, R. & Scheunemann, K.: „Die Kampagne der ‚Frauenaktion 70‘ gegen den § 218“, in: Grossmann, H. (Hg.), Bürgerinitiativen. Schritte zur Veränderung?, Frankfurt a.M. 1973 (3. Aufl.), S. 68 – 84.

[3] Schulz, K., Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich 1968–1976, Frankfurt a.M. / New York 2002 (http://www.hist.unibe.ch/unibe/philhist/hist/content/e267/e6141/e8165/datei/datei/schulz_provokation_ger.pdf).

[4] Schwarzer, A., Frauen gegen den § 218. 18 Protokolle, Frankfurt a.M. 1971.

[5] Schwarzer, A., „374 Frauen bekennen vor der Öffentlichkeit: Wir haben abgetrieben“, in: Stern, Jg.24 (1971), Nr.24 (6. Juni 1971), S.16 – 24.

[6] Schwarzer, A., „Mein persönliches 68“, in: Emma, Jg.32 (2008) (http://www.emma.de/artikel/alice-schwarzer-mein-persoenliches-68-263763).

[7] Schwarzer, A., Lebenslauf, Köln 2011.

Written by alterbolschewik

24. Oktober 2014 at 16:48

Alice Schwarzers Sternstunde

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Der Kampf gegen den § 218 (15)

„Bei dieser Aktion benutzte der Stern uns, und wir benutzten den Stern. Er hatte die Auflage, und wir hatten das Aufsehen.“

Alice Schwarzer

Was bisher geschah: In Frankreich war die Selbstbezichtigungsaktion von Frauen, die abgetrieben hatten, ein großer politischer Erfolg der Frauenbewegung. Der Mitinitiator der Aktion, der Journalist Jean Moreau, bringt die in Paris lebende deutsche Journalistin Alice Schwarzer auf die Idee, die Aktion in der Bundesrepublik Deutschland zu wiederholen.

Endlich sind wir an dem Punkt angekommen, an dem, zumindest der gängigen Frauengeschichtsschreibung zufolge, die zweite deutsche Frauenbewegung begann: Die Selbstbezichtigungskampagne im Stern. Die Kurzfassung, wie diese Kampagne zustande kam, ist schnell erzählt: Alice Schwarzer machte sich von Paris auf nach Deutschland und kontaktierte die existierenden Frauengruppen, deren sie habhaft werden konnte. Mit deren Hilfe wurden 374 Unterschriften unter folgendem Text gesammelt:

„Jährlich treiben in der Bundesrepublik rund 1 Million Frauen ab. Hunderte sterben, Zehntausende bleiben krank und steril, weil der Eingriff von Kurpfuschern vorgenommen wurde. Von Fachärzten gemacht, ist die Schwangerschaftsunterbrechung ein einfacher Eingriff. Frauen mit Geld können gefahrlos im In- und Ausland abtreiben, Frauen ohne Geld zwingt der Paragraph 218 auf die Küchentische der Kurpfuscher. Er stempelt sie zu Verbrecherinnen und droht ihnen mit Gefängnis bis zu fünf Jahren. Trotzdem treiben Millionen Frauen ab – unter erniedrigenden und lebensgefährlichen Umständen. Ich gehöre dazu. – Ich habe abgetrieben. Ich bin gegen den Paragraphen 218 und für Wunschkinder. Wir Frauen wollen keine Almosen vom Gesetzgeber und keine Reform auf Raten! Wir fordern die ersatzlose Streichung des Paragraphen 218! Wir fordern umfassende sexuelle Aufklärung für alle und freien Zugang zu Verhütungsmitteln! Wir fordern das Recht auf die von den Krankenkassen getragene Schwangerschaftsunterbrechung!“ (zit. nach [4], S. 146)

Als die Erklärung am 6. Juni 1971 im Stern erschien, schlug sie, wie auch schon zwei Monate zuvor in Paris, ein wie eine Bombe und wurde zur Initalzündung für die Frauenbewegung der 70er Jahre. Noch im Juni fand eine erste bundesweite Delegiertenkonferenz von Frauengruppen gegen den § 218 statt: Es waren Gruppen aus sieben Städten vertreten. Einen Monat später, im Juli, hatten bereits 16 Gruppen Delegierte entsandt. Am 11./12. März 1972 fand schließlich der erste Bundesfrauenkongreß statt:

„An diesem Kongress haben rund 400 Frauen aus allen Teilen der Bundesrepublik teilgenommen. Nicht alle, aber die meisten gehörten bereits zu einer Gruppe und als wir durchzählten, stellten wir fest, daß es inzwischen 35 Gruppen in mehr als 20 Städten gibt, und nicht nur in Groß- und Universitätsstädten. … Alles in allem kann es über eins nach diesem Kongreß keinen Zweifel mehr geben: Wir haben eine deutsche Frauenbewegung.“ ([7], S. 41)

So weit erst einmal die unstrittigen Fakten. Wenn man aber versucht, etwas mehr ins Detail zu gehen, wird es ganz schnell schwierig. Das hängt mit der Person zusammen, die die Aktion in Deutschland angestoßen hatte: Alice Schwarzer. Es ist unbestreitbar, daß die Geschichte der Frauenbewegung ohne ihre Initiative anders verlaufen wäre. So kann man sie mit Fug und Recht ein „welthistorisches Individuum“ im Sinne Hegels nennen:

„Dies sind die großen Menschen in der Geschichte, deren eigene partikuläre Zwecke das Substantielle enthalten, welches Wille des Weltgeistes ist.“ ([1], S. 45)

Insofern ist es müßig, an Alice Schwarzers Charakter herumzukritteln oder den Versuch zu unternehmen, ihr mit amateurpsychologischen Mitteln beizukommen, wie das ihre kritische Biographien Bascha Mika getan hat ([2]). Alice Schwarzer war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und sie hat das objektiv Richtige getan, völlig gleichgültig, ob sie sich nun selbstlos in den Dienst der Sache gestellt hat oder ihren übersteigerten persönlichen Geltungsdrang ausgelebt hat. Was zählt, ist das historische Resultat, nicht die subjektive Intention, und dieses historische Resultat ist beeindruckend.

Doch diese Einsicht macht die Arbeit des Bewegungshistorikers nicht einfacher. Denn die Geschichtsschreibung dieses Ereignisses ist leider fest in der Hand der Initiatorin, und deren Verhältnis zur Faktentreue ist nicht besonders ausgeprägt. Was sie auch gerne selbst zugibt, reklamiert sie doch für sich

„einen Journalismus, der sich gegen die Lüge von der Objektivität wendet und damit die Spielregeln bricht, die nur denen nutzen, die sie aufgestellt haben.“ ([5], S. 12)

Und so erzählt Alice Schwarzer, wie ich an anderer Stelle in diesem Blog bereits dargestellt habe, die Geschichte immer wieder unterschiedlich, je nach politischer Opportunität. Wenn man alle Varianten der Schwarzerschen Geschichtserzählung miteinander vergleicht, kommt man ungefähr auf den folgenden Ablauf. Zunächst quartierte sie sich wohl bei ihrer Mutter ein und versuchte ihr Glück in Bonn:

„Ich schlage meine Zelte in Wuppertal auf und klopfe zunächst bei den Gewerkschafterinnen sowie den Politikerinnen aus SPD, FDP und DKP in Bonn an. Vergebens.“ ([6], S. 238)

So richtig plausibel ist das nicht unbedingt. Wie ich hier im Blog ebenfalls schon berichtet habe, verabschiedete die Bundesfrauenkonferenz der SPD bereits im Oktober 1969 eine Resolution, in der die ersatzlose Streichung des § 218 verlangt wurde, was dann im Dezember auch von den Jusos unterstützt wurde. In der SPD hätte es also offensichtlich genug Bündnisgenossinnen gegeben – offensichtlich hatte Schwarzer an die falschen Türen geklopft. Ähnliches gilt wahrscheinlich auch für die FDP, die sich als Partei schon klar auf eine Fristenlösung festgelegt hatte – die damals in der offiziellen Parteienlandschaft progressivste Position.

Der DKP traue ich allerdings tatsächlich die von Schwarzer kolportierte Ablehnung zu, die angeblich damit begründet wurde, die „Frauen in den Betrieben wären schockiert.“ ([5], S. 20) Aber das liegt wahrscheinlich daran, daß ich der DKP jeden reaktionären Schwachsinn zutraue. Ähnliches gilt für die Gewerkschaften, deren Vorstellungswelt damals noch weitgehend patriarchal geprägt war, was dazu führte, daß der gewerkschaftliche Organisationsgrad berufstätiger Frauen in den 60er Jahren auf 15% zurückging, was die Historikerin Sylvia Schraut zu dem Schluß führte:

„Es bedurfte der Neuen Frauenbewegung der 1970er und 80er Jahre außerhalb der Gewerkschaften, um frischen Wind in das spannungsreiche Verhältnis von Arbeit(nehm)er- und Frauenbewegung zu bringen.“ ([3], S. 435)

Wie auch immer: Die ersten Versuche, über Parteien und Gewerkschaften Unterstützung zu bekommen, scheiterten.

Besser sah es bei den studentischen Frauengruppen aus, die Schwarzer an den Universitäten Frankfurt, München und Berlin aufsuchte. In Berlin hatte Schwarzer die uneingeschränkte Unterstützung des Sozialistischen Frauenbundes, der aus dem Aktionsrat zur Befreiung der Frauen hervorgegangen war, in München lehnten zwar einige der Roten Frauen die Kampagne als reformistisch ab, aber ein anderer Teil der Gruppe stürzte sich enthusiastisch in das Unternehmen. Nur der Frankfurter Weiberrat verwarf die Aktion in Bausch und Bogen, wie Schwarzer berichtet:

„Ich trage die Idee vor, die Genossinnnen beraten sich – und die zwei Wortführerinnen der Gruppe, Margit und Hilde, bescheiden mich sodann kategorisch: »Der Weiberrat beteiligt sich nicht an dieser Art reformistischer, kleinbürgerlicher Aktion.« Ich falle von hoch runter. Damit hatte ich nicht gerechnet.“ ([6], S. 238f)

Diese Überraschung ist zweifellos geheuchelt, denn die Erfahrungen im Pariser MLF waren schließlich exakt die selben gewesen. Auch dort schlug, wie ebenfalls bereits dargestellt, den Initiatorinnen der Kampagne zunächst der blanke Haß von Seiten der sozialistischen Frauengruppen entgegen. Im Gegenteil muß man feststellen, daß, verglichen mit Frankreich, die Kampagne von den universitären Frauengruppen erstaunlich wohlwollend und mit ziemlichem Engagement aufgenommen wurde.

Wen Schwarzer noch kontaktierte und was sonst noch geschah erfahren Sie nächste Woche, wenn sie erzählt:

„Endlich ist es so weit. An dem Montag, an dem der Stern die Selbstbezichtigung ins Heft hebt, bin ich in Hamburg. Bis weit nach Mitternacht. Und erst, als der Titel steht – ein Kollektiv-Cover und nicht nur ein Foto von Romy Schneider […] –, erst als alles layoutet ist, erst dann rücke ich die 374 Unterschriften raus. Bis zuletzt halte ich die Mappe, in der sie liegen, fest umklammert.“ ([6], S. 241f)

Nachweise

[1] Hegel, G. W. F.: „Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte“, in: Hegel, G. W. F., Theorie Werkausgabe Bd. 12, Frankfurt a. M. 1970.

[2] Mika, B., Alice Schwarzer. Eine kritische Biographie, Reinbek bei Hamburg 1998.

[3] Schraut, S.: „Arbeiterbewegung und Geschlechterverhältnisse“, in: Technoseum. Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim (Hg.), Durch Nacht zum Licht? Geschichte der Arbeiterbewegung 1863 — 2013, Mannheim 2013, S. 424 – 438.

[4] Schwarzer, A., Frauen gegen den § 218. 18 Protokolle, Frankfurt a.M. 1971.

[5] Schwarzer, A., Mit Leidenschaft, Reinbek bei Hamburg 1985.

[6] Schwarzer, A., Lebenslauf, Köln 2011.

[7] Frankfurter Frauen (Hg.), Frauenjahrbuch 1, Frankfurt 1975 (2. Aufl.).

Written by alterbolschewik

18. Oktober 2014 at 16:24

Veröffentlicht in Feminismus, Paragraph 218

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Anruf bei Alice Schwarzer

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Der Kampf gegen den § 218 (14)

„Wo aber sind sie, die aufmüpfigen Frauen? Ich suche, doch ich kriege sie nicht zu fassen.“

Alice Schwarzer

Was bisher geschah: Angeregt durch den Journalisten Jean Moreau organisierte eine Gruppe von Frauen aus dem Mouvement de Libération des Femmes (MLF) um Anne Zelensky eine Bekenntnisaktion: 343 Frauen erklärten im Nouvel Observateur, daß sie gegen das Gesetz verstoßen und abgetrieben haben. Die Aktion machte Furore, nicht nur in Frankreich, sondern auch im Ausland.

Kurz nach der Veröffentlichung des Abtreibungs-Manifestes klingelte das Telefon beim Nouvel Observateur. Eine deutsche Zeitschrift namens Jasmin erkundigte sich nach dem Initiator und wurde an Jean Moreau durchgestellt. Jasmin hatte die Absicht, die Aktion in Deutschland zu wiederholen.

Um die ganze Ironie dieser Geschichte zu vestehen, muß man wissen, daß Jasmin 1968 die Antwort des Springer-Verlags war, mit der dieser auf den sexuell liberaleren Zeitgeist reagierte. Das Blatt trug den Untertitel „Die Zeitschrift für das Leben zu zweit“ und drehte sich vor allem um Beziehungsgeschichten. Der Spiegel charakterisierte damals die erste Nummer folgendermaßen:

„Thematik: Wie reiche Männer ihre Frauen verwöhnen. Die geheimen Wünsche der verheirateten Männer. Der Versager mit den zarten Händen. […] Der größte Heuler innerhalb des »Jasmin«-Heftes ist ohne Frage »Das Lexikon der Erotik«. Natürlich unter wissenschaftlicher Beratung eines Professors. »Dieses Lexikon ist ein Beitrag für Erwachsene, nicht für Kinder und Jugendliche. Deshalb sind die Seiten geschlossen. Sie können herausgelöst und aufgeschnitten werden, ohne daß das übrige Heft beschädigt wird.« Keine Frage, daß sie aufgeschnitten werden. Es beginnt mit »Abartig«, geht über »Abortus«, »Abtreibung« zu »Adam und Eva«, »Alter Jungfer«, »Anal-Erotik« bis »Außerehelicher Geschlechtsverkehr«.“ ([2], S. 28)

Das Heft wurde mit gigantischem Werbeaufwand in den Markt gedrückt, startete mit einer Auflage von 900.000 Exemplaren und überschritt schon mit dem zweiten Heft die Millionengrenze. Aus kartellrechtlichen Gründen verscherbelte Springer das Blatt nach wenigen Monaten an Gruner + Jahr, inhaltlich blieb sich das Blatt zunächst treu. Doch die Zahl der Leserinnen und Leser fiel kontinuierlich. Und so hatten sich die Jasmin-Redakteure offentlich überlegt, mit einer deutschen Kopie des französischen Abtreibungs-Manifests die Auflage wieder in die Höhe zu treiben. Doch Jean Moreau, der das Ganze aus Überzeugung angeleiert hatte, war zurecht mißtrauisch, und so rief er bei Alice Schwarzer an:

„Alice, eben hat bei uns eine deutsche Zeitschrift namens Jasmin oder so ähnlich angerufen. Sie wollen unser Manifest auch in Deutschland machen. Aber ich habe das Gefühl, dass die das nicht wirklich politisch meinen, sondern auf die Sensationsmasche gehen. Kannst du nicht mal überlegen, mit welcher Zeitschrift man das in Deutschland machen könnte?“ (zit. nach [3], S. 235)

Nun liegt es heutzutage natürlich auf der Hand, bei so einem Thema Alice Schwarzer anzurufen. Doch wie kam Jean Moreau 1971, als praktisch niemand wußte, wer Alice Schwarzer war, auf diese Idee? Die Antwort ist einfach.

Bereits 1964 war Schwarzer als Au-pair-Mädchen nach Paris gegangen, gab das aber schnell auf und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, während sie die Sprache lernte. Ihr Traum aber war es, Journalistin zu werden. Noch von Paris aus bewarb sie sich an der Münchner Journalistenschule, fiel aber durch die Aufnahmeprüfung. Ende 1965 ergatterte sie ein Volontariat bei den Düsseldorfer Nachrichten und verließ Paris. Später landet sie bei Frau und Film und schließlich bei der Satirezeitschrift Pardon. Doch auch bei Pardon hielt es sie nicht lange – 1969 zog sie wieder zurück nach Paris, zu ihrem langjährigen Liebsten Bruno, schlug sich dort als freie Journalistin durch und studierte nebenbei, natürlich in Vincennes:

„Wir sind in Vincennes am Rand von Paris, wo ich seit Herbst 1969 studiere. Endlich. Soziologie und Psychologie. Das geht, weil die »rote Fakultät« kein Abitur verlangt. Doch es geht nur mit Teilzeit, weil ich einen Beruf habe, der mich stark in Anspruch nimmt. Also nehme ich das Studium locker, aber das tun wir alle in dieser Zeit.“ ([3], S. 197)

Die erste Frauendemo in Vincennes verpaßt sie, weil sie an diesem Tag auf Deutschlandreise ist. Dann liest sie, wie auch Anne Zelensky, den Artikel der Geschwister Wittig in L’Idiot international. Auch sie versucht über die Zeitschrift Kontakt mit den Frauen aufzunehmen, erhält aber ebenfalls keine Antwort. Auch während der Kranzniederlegung für die „Unbekannte Frau des unbekannten Soldaten“ ist sie nicht in Paris – da ist sie mit Bruno in Italien im Urlaub.

„Ein paar Wochen später legt Bruno mir zufrieden lächelnd partisans auf den Tisch, eine Art französisches Kursbuch. Er hatte die Ausgabe in der linken Buchhandlung Maspero entdeckt. Auf dem Cover prangt das Frauenzeichen – der von den Amerikanerinnen eingeführte Venusspiegel –, darüber steht »Libération des femmes« und darunter »Année zero« (Das Jahr null). Ich bin elektrisiert.“ ([3]; S. 198)

Wieder versucht sie, über den Verlag an die Herausgeberinnen heranzukommen, wieder erhält sie keine Antwort. Dann kommt ihr der Zufall zu Hilfe:

„Es ist meine Freundin Sonja, die Malerin, die eines schönen Septembertages zu mir sagt: »Alice, ich glaube, ich habe die Frauen getroffen, die du suchst. Ich war gestern mit so einer Bande beim Bretonen. Sie haben den ganzen Abend nur über den klitoralen Orgasmus geredet.« Beim Bretonen im alten Montparnasse-Viertel, der mit seiner köstlichen Fischsuppe und den riesigen Taschenkrebsen unser aller Stammlokal war. Ich bin erfreut, doch irritiert zugleich. Über den klitoralen Orgasmus hatte ich doch noch nie gesprochen, oder?“ ([3], S. 199)

Die Vermutung erwies sich als richtig. Von da an war Schwarzer immer mit dabei:

„Dieser Herbst, Winter, Frühling 1970/71 ist wie ein Rausch. Treffen in der »kleinen Gruppe« mit Anne [Zelensky], Monique [Wittig] und Christine [Delphy]; Vollversammlungen, Feste, Bouffes (im Restaurant oder wir kochen zusammen). Erst sind wir ein, zwei Dutzend; dann ein-, zwei-, dreihundert und bald ist das ganze Land infiziert.“ ([3], S. 200)

Die erste Aktion, an der sich Schwarzer beteiligte, ist der Eklat, den das MLF bei der Eröffnung der »Etats généraux de la Femme« der Zeitschrift Elle im November 1970 provozierte. Und vor allem gehörte sie zu der kleinen Gruppe von Frauen, die mit Hilfe von Simone de Beauvoir die Unterschriftenliste unter das Abtreibungsmanifest organisierten. Sie unterschreibt allerdings nicht selbst:

„Ich habe die Aktion zwar mit organisiert, kann mir jedoch nicht erlauben zu unterzeichnen. Denn als Ausländerin mit befristeter Aufenthaltsgenehmigung kann ich bei Gesetzesverstoß ausgewiesen werden.“ ([3], S. 209)

Aber Jean Moreau kannte natürlich Alice Schwarzer, die Deutsche im MLF, denn dort war sie durchaus eine auffällige Figur:

„Alice Schwarzer ist im MLF bald für ihre Redefreudigkeit bekannt. »Sie redete viel, und jedesmal machte es „bumm“ wie bei einem Donnerschlag«, spöttelt eine frühere MLF-Frau. Alice sei als »eher deutsch« wahrgenommen worden. Außerdem habe sie eine »große Schnauze gehabt«, ergänzt eine andere Ehemalige.“ ([1], S. 79)

Insofern war es natürlich logisch, daß Schwarzer für Moreau die erste Adresse war, als sich die Jasmin bei ihm meldete, um die Aktion in Deutschland zu kopieren. Und von da an nahm Alice Schwarzer das Heft in die Hand.

Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche (wahrscheinlich erst am Samstag), wenn Alice Schwarzer meint:

„Ich überlegte nur kurz. Dann griff ich zum Telefon und rief Winfried Maaß an, Ressortleiter beim Stern. Mit ihm hatte ich ab und an beruflich zu tun, und die politische Illustrierte schien mir das passende Forum für diese Aktion.“ ([3], S. 235)

Nachweise

[1] Mika, B., Alice Schwarzer. Eine kritische Biographie, Reinbek bei Hamburg 1998.

[2] Redaktioneller Beitrag, „Elefant mit fünf Beinen“, in: Der Spiegel, Jg.22 (1968), Nr.12 (18. März 1968), S.28 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46106695.html).

[3] Schwarzer, A., Lebenslauf, Köln 2011.

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10. Oktober 2014 at 18:14

Die Debatte zieht Kreise

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Der Kampf gegen den § 218 (5)

„Die Forderung, den Paragraphen 218 völlig zu streichen, akzeptiere ich nicht.“

Bundesjustizminister Jahn (SPD), 1971

Was bisher geschah: In der letzten Folge hatten wir uns angesehen, wie die katholische Kirche darauf reagierte, daß sich immer mehr Frauen gegen ihre patriarchalische Bevormundung auflehnten. Geschickt gelang es ihr, von der eigentlichen Frage nach dem Selbstbestimmungsrecht der Frauen abzulenken und eine Pseudodebatte über den angeblichen Beginn des menschlichen Lebens anzuzuzetteln.

Kehren wir zurück zur Frauenaktion 70, die in Frankfurt mit ihrem Teach-In, der öffentlichen Demonstration und der Unterschriftensammlung Furore machte. Die Wirkung dieser Aktionen blieb nicht auf Frankfurt beschränkt. Auch überregionale Medien berichteten: Praktisch alle Rundfunkanstalten der ARD, auch der Bayerische Rundfunk sendeten Beiträge, bundesweite Zeitungen wie Frankfurter Allgemeine, Frankfurter Rundschau, Welt, BILD und Bild-am-Sonntag veröffentlichten Artikel und selbst Zeitschriften wie die St. Pauli Nachrichten oder die Neue Revue fanden diese Aktionen der Berichterstattung wert.

Es kann also keine Rede davon sein, wie Alice Schwarzer später unterstellte, daß es sich bei der Frauenaktion 70 um „ein Häuflein Frauen“ gehandelt habe, die „tapfer und allein gegen den §218 protestiert hatten“ und – so wird suggeriert – nur darauf gewartet hatten, sich der großen Alice anschließen zu können ([4]). Die Frauenaktion 70 war im Gegenteil äußerst erfolgreich darin, das Thema Abtreibung in die Öffentlichkeit zu tragen. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Nur weil die Frauenaktion 70 die Öffentlichkeit bereits sensibilisiert und der Stern einen ganzseitigen Artikel über ihre Aktionen veröffentlicht hatte ([3], S. 79), konnte Alice Schwarzer dann später mit ihren Vorschlägen bei dieser Zeitschrift offene Türen einrennen.

Die Aktionen blieben dann auch nicht auf Frankfurt beschränkt. Rasch breitete sich die Bewegung aus. Vermittelt über die Humanistische Union wurde im November 1970 in weiteren Großstädten der BRD die Frankfurter Vorgehensweise kopiert:

„Der Information dienten zunächst drei Podiumsdiskussionen in Köln, Dortmund und Essen, bei denen vor zahlreichen Teilnehmern Juristen, Mediziner, Soziologen und Moraltheologen miteinander debattierten.
Außerdem wurden in Köln, Essen, Dortmund und Düsseldorf Straßenaktionen gemacht, bei denen Informationsmaterial verteilt und zur Unterschrift unter einen Offenen Brief an den Bundesjustizminister Gerhard Jahn aufgefordert wurde. Insgesamt wurden 90.000 Flugblätter ausgegeben. Bei den angesprochenen Passanten stießen die Aktivisten überwiegend auf Zustimmung. Ablehnung (und Beschimpfungen) waren sehr selten, sie kam vorallem aus katholischen Bevölkerungskreisen.“ ([5])

Die Zustimmung zu den Forderungen kam nicht unerwartet. Bereits ein Jahr zuvor hatte die Universität Mannheim eine großangelegte Studie zu Deutschlands Eliten durchgeführt und dabei auch deren moralische Einstellung in sexuellen Fragen abgefragt. Das Ergebnis war recht eindeutig (wohl vor allem, weil sich Mitglieder des katholischen Klerus rundweg geweigert hatten, an der Befragung teilzunehmen):

„64 Prozent billigen jeder Frau, entgegen dem Abtreibungsparagraphen 218 StGB, das Recht auf Schwangerschaftsunterbrechung zu;
66 Prozent sind nicht der Ansicht, daß ein Mädchen, »das etwas auf sich hält … auch heute noch unberührt in die Ehe gehen« solle;
75 Prozent wünschen, daß Homosexualität zwischen Erwachsenen (Paragraph 175 StGB) nicht bestraft wird; und
80 Prozent gar glauben, daß sich mit dem Wandel der Gesellschaft zwangsläufig auch die gesellschaftliche Moral wandle.“ ([1], S. 73)

Ausnahmen machten in diesen Fragen nur bestimmte Berufsgruppen:

„Hüter überkommener Moralprinzipien dominieren (beim Stichwort Abtreibung) unter den evangelischen Kirchenfürsten, den Funktionären der Berufsverbände und den Vorsitzenden der Bundestagsausschüsse. Intakte Bräute hingegen halten nur noch die Spitzenprotestanten (79 Prozent) für wichtig.“ ([1], S. 73)

Der katholische Klerus hatte, wie gesagt, die Auskunft verweigert, sonst stünden die Protestanten nicht ganz so einsam da.

Und auch sonst rumorte es allerorten. Die oben erwähnten Aktionen in Nordrhein-Westfalen wurden nicht nur von der Humanistischen Union getragen. Mit im Boot waren auch die Jungsozialisten und die Jungen Liberalen. Auf dem Bundeskongreß der Jusos, der im Dezember 1969 in Bremen stattfand, sprachen sich die Jusos für die Abschaffung des § 218 aus. In einem Spiegel-Interview erklärte der auf dem Kongreß neu gewählte Vorsitzende der Jusos, Karsten Voigt:

„Die Frage Abtreibung ist eine Frage der Selbstbestimmung der Frauen über ihren Körper und steht so im Zusammenhang mit der Selbstbestimmung des Menschen.“ ([6], S. 33)

Vorbereitet worden war diese Linie bereits einige Monate zuvor, während der Bundesfrauenkonferenz am 23. Oktober, als sich die Arbeitsgemeinschaft der Frauen in der SPD in Nürnberg traf. Dort hatte gleich zur Eröffnung die Frankfurter Juso-Vorsitzende Dorothée Vorbeck gefragt:

„Sollen wir weiter in der Ecke des still geduldeten Frauenkränzchens verharren? Wir müssen endlich die gesellschaftlichen Zusammenhänge der Unterprivilegierung der Frau auch im Parteisystem erkennen.“ (zit. nach [2], S. 117)

In der Folge kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen den jungen, linken Frauen und dem weiblichen Establishment in der Partei, das von Annemarie Renger angeführt wurde. Nachdem die Rebellinnen am ersten Tag der Konferenz eine Abstimmungsniederlage erlitten hatten, als sie die Geschäftsordnung demokratisieren wollten, zogen sich ungefähr 40 Frauen – immerhin rund ein Viertel der Delegierten – aus dem Hauptprogramm zurück und diskutierten in einem eigenen Raum über Fragen der Emazipation. Heraus kam dabei ein Resolutionsentwurf, den sie vervielfältigen und diskutieren wollten. Das Parteiestablischment verhielt sich autoritär, hatte aber nicht mit der Basis gerechnet:

„Hausherrin Annemarie Renger […] verbot ihnen die Benutzung der Hektographier-Maschine mit dem Argument: »Euch gibt es gar nicht, und was es nicht gibt, kann man auch nicht abziehen« […].
Mit Hilfe eines Nürnberger Hoteliers gelang es dem linken Zirkel dann doch, seine Diskussions-Ergebnisse zu vervielfältigen. Und die Delegierten – zumeist über 50 Jahre alt – votierten am letzten Tag sogar mit 84 zu 80 Stimmen dafür, im Plenum über das Minderheiten-Papier zu diskutieren.“ ([2], S. 118)

Noch verblüffender war, daß sich die Minderheit am Ende mit einem Resolutionsentwurf zum Paragraphen 218 gegen die Parteilinie durchsetzen konnte:

„Entgegen dem Vorschlag der Antragskommission votierten die Delegierten für den schärfsten Resolutionsentwurf zur Schwangerschaftsunterbrechung: Auf Kosten der Krankenkassen soll jede Frau berechtigt sein, »ihre Schwangerschaft in einer staatlich anerkannten Frauenklinik oder durch einen fachlich vorgebildeten Arzt unterbrechen zu lassen«. Der Abtreibungs-Paragraph 218 des Strafgesetzbuches solle ersatzlos gestrichen werden.“ ([2], S. 118)

Mit anderen Worten: Schon im Jahr 1970 hatte die Diskussion um die Abschaffung des § 218 weite gesellschaftliche Kreise erreicht und wurde breit diskutiert. Von einem Häuflein Frauen, die sich ganz allein tapfer gegen den gesellschaftlichen Mainstream stellten, konnte also nicht die Rede sein. Gerade in der Frage des § 218 war sich die Mehrheit der Frauen in der BRD ziemlich darin einig, daß dieser ihrem grundgesetzlich garantierten Selbstbestimmungsrecht massiv widersprach.

Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn eine Zeitzeugin und Gastautorin in diesem Blog erklären wird:

„Die Studentenproteste ab dem Jahr 1968 hatten mit meiner Lebenswirklichkeit nichts zu tun. Ich war 26 Jahre alt, berufstätig, verheiratet und Mutter eines vierjährigen Kindes. Dies unter einen Hut zu bekommen, brauchte all meine Kräfte.“

Nachweise

[1] Redaktioneller Beitrag, „Fragen an Uschi“, in: Der Spiegel, Jg.23 (1969), Nr.18 (28. April 1969), S.66 – 81 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45589675.html).

[2] Redaktioneller Beitrag, „Loch im Strumpf“, in: Der Spiegel, Jg.24 (1970), Nr.45 (2. November 1970), S.116 – 118 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44303087.html).

[3] Scheunemann, R. & Scheunemann, K.: „Die Kampagne der ‚Frauenaktion 70‘ gegen den § 218“, in: Grossmann, H. (Hg.), Bürgerinitiativen. Schritte zur Veränderung?, Frankfurt a.M. 1973 (3. Aufl.), S. 68 – 84.

[4] Schwarzer, A., „Mein persönliches 68“, in: Emma, Jg.32 (2008) (http://www.emma.de/artikel/alice-schwarzer-mein-persoenliches-68-263763).

[5] vg, „Neue Straßenaktion gegen den Abtreibungsparagraphen“, in: Vorgänge, Jg.9 (1970), Nr.12 (Dezember 1970), S.345.

[6] Voigt, K., „Wir wollen nicht wild herumfuchteln“, in: Der Spiegel, Jg.24 (1970), Nr.52 (21. Dezember 1970), S.31 – 34 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43801016.html).

Feminismus

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Die Frauenbewegung in der BRD (28)

„Frauen gemeinsam sind stark! Frauen und Männer sind stärker!“

Sozialistischer Frauenbund Westberlin (1971)

Was bisher geschah: Der Sozialistische Frauenbund Westberlin verkünstelte sich damit, eine marxistisch-leninistische Begründung für eine alte Weisheit der Frauenbewegung zu finden: Die Emanzipation der Frauen ist ohne ökonomische Unabhängigkeit, zu der es Berufstätigkeit braucht, ein Ding der Unmöglichkeit.

Doch bei allem nachträglichen Spott über den Marxismus-Leninismus: Der Sozialistische Frauenbund beackerte in den folgenden Jahren ein Thema, das von herausragender gesellschaftlicher Bedeutung war, nämlich die Lohnarbeit von Frauen. Nicht, weil lohnarbeitende Frauen als „Proletarierinnen“ eher der Revolution zuneigen würden als Hausfrauen. Sondern weil dies einfach ein gesellschaftlicher Bereich war, in dem sehr viel im Argen lag und liegt.

Das fing schon mit der Ausbildung an: Da die gesellschaftliche Norm festlegte, die eigentliche Bestimmung der Frau sei ein Dasein als Hausfrau und Mutter, wurde die Ausbildung von Mädchen vernachlässigt. Wenn sie dann doch einen Beruf hatten, wurden sie schlechter bezahlt als Männer. Zwar hatte das Bundesarbeitsgericht 1955 entschieden, daß eine schlechtere Bezahlung von Frauen gegen den Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes verstoße (daß es dazu überhaupt eines Urteils bedurfte, ist schon ein Skandal). Doch zur Umgehung dieses Urteils wurden dann die Leichtlohngruppen erfunden. Diese erlaubten es, mit Billigung der Gewerkschaften, Frauen weiterhin schlechter zu bezahlen. Kurz und schlecht: Die Diskriminierung von Frauen im Arbeitsleben war (und ist) ein gesellschaftliches Problem ersten Ranges. Und der Sozialistische Frauenbund leistete dort, wo er nicht dem marxistisch-leninistischen Schwadronieren erlag, gute Arbeit.

In seiner Zeitschrift Pelagea, die in ihren ersten Nummern einer eher abstrakten Selbstverständigung diente, wurde ab der vierten Nummer auf konkrete Themen eingegangen: Lohn für Hausarbeit (was der Frauenbund als Forderung ablehnte), Frauenarbeitslosigkeit, Quotierung von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen, die Vereinbarkeit von Mutterschaft und Berufstätigkeit – alles Themen der Hefte 4 bis 9.

Dem Sozialistischen Frauenbund ging es vor allem darum, das ganze Themenfeld der ökonomischen Benachteiligung der Frauen auszuloten. Und natürlich setzte man dabei perspektivisch auf eine Zusammenarbeit mit Arbeiterorganisationen. Eine ganze Reihe von Frauen aus dem Sozialistischen Frauenbund waren dann auch in den Gewerkschaften aktiv. Es war sogar so, daß sich der Frauenbund über die große Fluktuation in den ersten Jahren damit hinwegtröstete, er sei halt ein Durchlauferhitzer. Hier würden die Frauen eine solide politisch-ökonomische Grundbildung bekommen, die sie dann als Frauen und Sozialistinnen in anderen Organisationen einsetzen könnten.

Mit dieser Haltung war der Frauenbund in Berlin nicht allein. In anderen Städten gab es ähnliche sozialistische Frauenorganisationen, die ebenfalls aus den antiautoritären Bewegung hervorgegangen waren: In Frankfurt den Weiberrat und in München die Roten Frauen. Auch hier war Anfang der 70er Jahre polit-ökonomische Schulung angesagt. Eine der Münchener Frauen erinnerte sich später:

„Wir trafen uns einmal in der Woche, jeden Freitagabend, im Asta. Ein Teil studierte, ein Teil war berufstätig, so wie ich. Warum wir uns trafen, konnten wir selbst nicht so genau sagen. Da war so ein gewisses Unbehagen… Ja, und dann gingen die Schulungen los. Karl Marx, Band 1. Wir haben das gehaßt wie die Pest. Aber zu sagen traute sich auch keine was…“ (zit. nach [4] , S. 21)

Doch die Münchener Frauen, ebenso wie der Sozialistische Frauenbund Westberlins, sollten noch eine wichtige Rolle in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland spielen – ironischerweise aber gerade nicht in Zusammenhang mit dem, was sie als ihre Kernkompetenz ansahen, den Arbeitsverhältnissen. In der dritten Nummer der Pelagea blitzte, zwischen den ganzen Untersuchungen zur Lohnabhängigkeit, kurz etwas auf, was für die Frauenbewegung ganz entscheidend war, aber weitab von der eigentlichen Linie des Frauenbundes lag: Die Auseinandersetzung um den Abtreibungsparagraphen 218. In dieser Nummer der Pelagea wurde zum einen die Stellungnahme der Aktion 218 abgedruckt, die am 10. April 1972 in Bonn beim Hearing zum § 218 vorgetragen worden war. Und eine eigene Presseerklärung des Sozialistischen Frauenbundes zum Thema.

Es ist nämlich so, daß der Sozialistische Frauenbund entscheidend dazu beigetragen hatte, den § 218 und in der Folge davon die Emanzipation der Frauen überhaupt zu einem zentralen gesellschaftlichen Anliegen zu machen. Der Anstoß dazu kam allerdings von außen. Die Aktion 218 war 1971 von Alice Schwarzer ins Leben gerufen worden, um eine Kampagne gegen den § 218 nach französischem Vorbild ins Leben zu rufen. Im April hatten in Frankreich 343 Frauen öffentlich erklärt, abgetrieben zu haben – was einen Skandal auslöste und eine überfällige Diskussion über die Strafbarkeit von Abtreibung in Gang setzte. Alice Schwarzer, eine damals weithin unbekannte Journalistin, die lange in Paris gelebt hatte und dort in der Frauenbewegung aktiv gewesen war, rang dem Stern die Zusage ab, einer solchen Aktion in Deutschland eine publizistische Plattform zu bieten. Doch woher in Deutschland die Frauen nehmen, die bereit waren, ein solches Risiko auf sich zu nehmen? Abtreibung war schließlich eine Straftat, die eine Frau mehrere Jahre ins Gefängnis bringen konnte. Dazu bedurfte es der Zusammenarbeit mit den bestehenden Frauengruppen.

Leider steht der Chronist hier vor einem Problem. Die Geschichtsschreibung der Aktion 218 liegt fest in der Hand der Frau, die diese Aktion initiiert hat und darauf zurecht stolz sein kann. Doch genau das ist das Problem. Alice Schwarzer hat ein, vorsichtig gesagt, recht lockeres Verhältnis zu den Fakten. Über die Rolle der verschiedenen Organisationen bei der Initiierung der Aktion 218 liegen deshalb, je nach politischer Opportunität, unterschiedliche Berichte vor. 1971 klang das beispielsweise so:

„Ich selbst habe die ersten Unterschriften gesammelt und die Gruppen miteinander in Kontakt gebracht. Von Beginn an übernahmen der Sozialistische Frauenbund Westberlin und eine Teilgruppe der der Müchener Emanzipationsgruppe die Kampagne. Andere sozialistische und liberale Frauen zögerten. Vergeblich wurden Frauen der FDP, SPD, DKP und des Deutschen Gewerkschaftsbundes zur Mitarbeit aufgefordert. […] So kam es, daß die ersten 374 Unterschriften etwa zur Hälfte von den beiden sozialistischen Frauengruppen eingebracht wurden, zur anderen Hälfte aber von einzelnen Frauen, die nach dem Schneeballsystem mehr oder weniger willkürlich in Stadt und Land aufmerksam gemacht worden waren.“ ([3], S. 148)

Doch ein Jahrzehnt später heißt es dann:

„Von den vier noch existierenden Frauengruppen waren drei bereit, mitzumachen: in Frankfurt die »Frauenaktion 70« (die aus der »Humanistischen Union« entstanden war […]); in Berlin die SEW-nahe Nachfolgeorganisation des einstigen Aktionsrates, der »Sozialistische Frauenbund Berlin«; und in München die besagten »Roten Frauen«. Der studentische Frankfurter »Weiberrat« wies die Aktion zunächst pikiert von sich, er fand sie »unpolitisch« und »reformistisch«.“ ([4], S. 22)

Warum 1971 die Frauenaktion 70, die sich schon vor Alice Schwarzer gegen den § 218 stark gemacht hatte, unterschlagen worden war, weiß wohl nur Alice Schwarzer. Und daß der Sozialistische Frauenbund in Berlin der SEW, also dem dortigen Ableger der DKP nahegestanden hätte, ist eine bösartige Verleumdung. Tatsächlich hatte die SEW eine eigene Frauenorganisation, den Demokratischen Frauenbund. Gerade in Abgrenzung zu diesem habe sich, so Frigga Haug, der Aktionsrat damals in Sozialistischer Frauenbund umbenannt:

„Die DDR und die Kommunisten hatten in Berlin und in der Bundesrepublik eine dogmatische und einfrierende Wirkung auf die gesamte kulturelle Linke. Wir wollten auf keinen Fall mit den Frauengruppen aus der SEW identifiziert werde, die sich »demokratisch« nannten, ihre wahren Ziele im Grunde versteckten und dabei auch noch Socken strickten.“ ([2], S. 192)

Doch es kommt noch besser. Schwarzers Version der Geschichte aus dem Jahr 2008 ist völlig bizarr. Die sozialistischen Frauengruppen werden nun durch die Bank diffamiert. Krönender Höhepunkt ist die Ersetzung des Sozialistischen Frauenbundes durch seinen SEW-Gegenpart, den Demokratischen Frauenbund:

„Zuvor hatten nur noch rudimentäre Reste des Frauenprotestes innerhalb der Studentenbewegung existiert. Wie der »Weiberrat« in Frankfurt, der noch immer »Kapitalschulungen« machte und mich, die Botin aus Frankreich beschied, er mache bei dieser »kleinbürgerlichen« und »reaktionären« Abtreibungsaktion auf keinen Fall mit. Oder die »Roten Frauen« in München, die auch schon mal Bakunin lesen durften, und bei der Diskussion über meinen aus Frankreich importierten Vorschlag noch am selben Abend in zwei Teile zerfielen: die einen machten weiter Kapitalschulungen, die anderen machten mit bei der »Aktion 218« (gegen den §218). Und der »Demokratische Frauenbund Westberlin« (ein Ableger der SEW, der Berliner DKP), der zwar die Reihen stramm geschlossen hielt, die Aktion jedoch als geeignet befand zur »Agitation des Proletariats« und mir eine Reihe Unterschriften mit strikten politischen Auflagen überließ.« ([5])

Nur diejenigen, die sie 1971 noch völlig unter den Tisch fallen ließ, werden jetzt auf’s Podest gehoben, nun aber als Repräsentantinnen der vormals verhaßten Parteien präsentiert:

„Die einzigen, die die »Aktion 218« als Gruppe mittrugen, war die »Frauenaktion 70« in Frankfurt, ein Häuflein Frauen aus SPD und FDP, die schon in den Monaten zuvor tapfer und allein gegen den §218 protestiert hatten.“ ([5])

Das lehrt vor allem eins: Wer die Geschichte der Frauenbewegung in der Bundesrepublik schreiben will, tut gut daran, jede Behauptung von Alice Schwarzer mehrfach gegenzuchecken. In diesem Fall sieht es wohl so aus, daß Schwarzer den Sozialistischen Frauenbund als Trittleiter benutzt hatte, um ihn dann wegzukicken, als sie ihn nicht mehr benötigte.

Es geht hier nicht (primär) darum, Alice Schwarzer schlechtzumachen. Sondern darum, daß die Aktion 218 einen grundlegenden Bruch markiert – ein Bruch, bei dem der Sozialistische Frauenbund Westberlin zwar eine wichtige Rolle spielte, wo er dann selbst auf der falschen Seite der Bruchlinie landete. Denn aus dem Protest gegen den § 218 entwickelte sich die sogenannte „autonome Frauenbewegung“. Diese setzte sich zum Ziel, unabhängig von bestehenden, männlich dominierten Organisationen eine eigene politische und kulturelle Infrastruktur aufzubauen. Diese autonomen Frauen nannten sich dann auch offensiv Feministinnen (obwohl das, wie »Emanze« als Schimpfwort galt).

Damit hatten andere, wie die Frauen aus dem Sozialistischen Frauenbund, ihre Probleme. Denn diese begriffen sich in erster Linie als Sozialistinnen, die für Frauenrechte stritten. Natürlich waren sie sich der spezifischen Unterdrückung der Frauen wohl bewußt, aber den Kampf dagegen wollten sie innerhalb von bestehenden Organisationen wie Gewerkschaften oder Parteien führen. Zumindest theoretisch, denn ironischerweise war der Sozialistische Frauenbund eigentlich eine autonome Frauengruppe – de facto organisierte er sich völlig eigenständig und unabhängig von Parteien und Gewerkschaften. Sein sozialistisches Selbstverständnis sorgte aber dafür, daß er von der nun entstehenden autonomen Frauenbewegung ausgrenzte wurde. 1979 sollte er dann deswegen tatsächlich von der Berliner Frauenuniversität ausgeschlossen werden.

Doch damit sind wir der Geschichte der Frauenbewegung in der Bundesrepublik weit vorausgeeilt. Nächste Woche kehren wir noch einmal zurück zum Aktionsrat zur Befreiung der Frauen beziehungsweise zu dessen Spaltprodukten. Freuen Sie sich also darauf, daß die Gruppe Brot und Rosen erklärt:

„Nach der grossen Abtreibungsdemonstration in Berlin im November 1971 trafen sich ca. 10 Frauen. Wir alle hatten den Eindruck, dass mit dieser Demonstration ein gewisser Endpunkt erreicht worden war, dass man jetzt anders weitermachen müsse.“ ([1], S. 3)

Nachweise

[1] Brot und Rosen, Frauenhandbuch Nr. 1. Abtreibung und Verhütungsmittel (1. Auflage), Berlin 1972.

[2] Haug, F.: „»Frauenpolitik galt als kleinbürgerlich«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 180 – 198.

[3] Schwarzer, A., Frauen gegen den § 218. 18 Protokolle, Frankfurt a.M. 1971.

[4] Schwarzer, A., So fing es an! Die neue Frauenbewegung, München 1983.

[5] Schwarzer, A., „Mein persönliches 68“, in: Emma, Jg.32 (2008) (http://www.emma.de/artikel/alice-schwarzer-mein-persoenliches-68-263763).

Written by alterbolschewik

2. Mai 2014 at 15:49