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Menschen! Menschen brauchen Menschen!

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Habe ich jemals von Pelle Pershing hier berichtet – jenem Travestie-Künstler, der einst in der Mitternachtsshow des alten Schmidt-Theaters als Transvestit Heinz Schenk parodierte, welcher Zarah Leander parodiert?

Der hatte auch eine wundervolle, deutsche Version von „People“ der göttlichen Streisand im Programm: „Menschen! Menschen brauchen Menschen!“. Sei als Kommentar zur Blogosphäre als solcher verstanden – außerdem war damals immer von so einem Mixer die Rede …

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Written by momorulez

19. September 2008 at 10:01

„Entschuldigen Sie, wenn ich das so sage, aber es ist wunderbar!“

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Ich beichte. Wo nur jene Normen Gesetz werden sollten, die eh schon verbreitet sind, muß man sich ja einerseits über’s gute alte Bekenntnisritual seiner selbst vergewissern, da sei Foucault vor – und zum anderen eigentlich für ein Klassik-Verbot plädieren. Sich schämend Gesetze erlassen: Ach, Du liebes Christentum, alles ist hin.

Denn ich gehöre zu jenen, die erst ein einziges Mal bewußt eine Glenn Gould-Aufnahme gehört habe, ich glaube, es waren die frühen Goldberg-Variationen. Und es war noch nicht mal Vinyl, sondern eine CD. Und das, wo der Mann irgendwann nicht mehr aufgetreten ist, um sich ganz den ausgefeilten Aufnahmen seines Werkes zu widmen.

Dachte mir aber immer schon, daß dieser exzentrische Pianisten-Gigant wahrscheinlich so was wie ein Bruder im Geiste ist – ein ungleich talentierterer freilich. Da schwingt ein Pop-Appeal mit, den ich zwar nicht habe, aber liebe. Ganz anders als bei diesen aufgeblasenen Event-Geschossen wie Villazon oder Nebtrebko, die ja – obwohl ich die ganz gerne höre – eher Pop II sind, ist Glenn Gould mythisch und in seinen Eigenarten wohl klar Pop I.

Wer mehr über diese erfahren will, sollte sich unbedingt das kleine Interveiw-Bändchen aus dem Alexander-Verlag sich zulegen. Das ist sehr witzig, den Mann zu lesen, selbst in den Passagen, wo es um Kompositionstechnicken alter Meister der Musik geht und ich kaum etwas verstehe. Muß auf jeden Fall schon früher sowas wie die Bassline gegeben haben, die House-Music später so erfolgreich machte.

Am herrlichsten jedoch ist seine Querdenke in der Herangehensweise an Popmusik. Dieser Gott am Flügel hat tatsächlich einen Aufsatz über Petula Clark („Downtown“) geschrieben, und die Bezüge, die er dabei herstellt, sind verblüffend:

Sie wollen damit sagen, Ihr Petula Clark-Aufsatz war eine Hommage an Anton Webern?

Es waren sozusagen mehr Zweiunddreißigstel drin, und die Struktur war viel dichter, als Webern sie zuließe. Doch aufs Skelett reduziert, wie man sagen würde, gab es eine strukturelle Beziehung  zwischen meinem Artikel und Weberns Opus 27. Und warum auch nicht, schließlich wurde Thomas Mann durch die Untersuchung von Haydns Sonaten-Allegros dazu angeregt, Tonio Kröger zu schreiben.“

Herrlich auch die Passagen, in denen Gould die Beatles und Mozart auseinandernimmt. Endlich mal jemand, der Gründe, die ich gar nicht verstehe, für meine Mozart-Allergie anführt – bekomme ja fast immer schlechte Laune, wenn ich den irgendwo hören muß. Zu theatralisch und substanzlos, so das Urteil Goulds – ganz ähnliches widerfährt auch den Beatles: Aus Mangel an Talent hätten sie dann einfach per Studiotechnik überproduziert und damit eine ganze Generation verdorben.

Als Vertreter der These, daß man entweder ein Elvis- oder ein Beatles-Typ beim Popmusikhören ist, gefällt mir das natürlich – würde ich mich doch immer auf die Elvis-Seite schlagen. Schon deshalb, weil der im Gegensatz zu den Beatles Gospel und Blues auch verstanden und gelebt hat.

In Arminstead Maupins „Stadtgeschichten“ stellt Michael Mouse zudem die Theorie auf, daß jeder Homo entweder eine Bette Middler oder Barbra- Streisand-Tunte sei. Ich gehöre zu letzteren, und somit freut mich auch, was Gould zu dieser zu sagen hat:

Ich würde sagen, Barbra Streisand verhält sich zu den Beatles etwa so wie jemand à la Bellini zu …. na ja, fast zu jedem, der reich und bunt und intnsiv und lebendig ist … wie Schönberg zum Beispiel.

Das ist aber merkwürdig, denn ich würde die Streisand für eine sehr intensive Person und für eine sehr intensive Künstlerin halten, und Schönberg für einen intensiven Künstler und Menschen. Es gibt allerdings einen Unterschied – Schönbergs witzige Augenblicke waren sehr germanisch und unbeholfen, Sachen wie Ach Du lieber Ausgustin im Zweiten Quartett, während die Streisand tatsächlich eine ziemlich witzige Frau ist.“

Laß uns Wodka holen, hohohoho – die Fragen stellte Jonathan Cott, ein Journalist des Rolling Stone, und das am Telefon. Während man in den Antworten stöbert, erfährt man so viel mehr über den Umgang des Künstlers mit sich, seinem Körper, seinem Material und seinen Werkzeugen als in all den schlauen Texten zur Ästhetischen Theorie, Adorno natürlich ausgenommen, weil der eben jene Kompostionstechniken, die Gould da referiert, auch alle gelernt hat – wirklich ein Genuß, den Mann zu lesen. Um ihn selbst noch mal zu Worte kommen zu lassen:

„Entschuldigen Sie, wenn ich das so sage, aber es ist wunderbar!“

Written by momorulez

8. September 2008 at 8:36