shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

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Die Population der Dramatiker

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Wo der Herr Zettel schon immer hier rumschaut, uns die Wahrheit aufzuzeigen, derer wir bis dato ja nicht habhaft wurden, sonst wären wir ja kein linkes Blog, wir autoritär-linksfaschistischen Antiimps (versuche nur gerade, das Bad Blog anzuflirten), verlinke ich ihn doch noch mal   – wie kommt’s, daß Shakespeare, die alte Rampensau, noch heute so viel „wahrer“ ist als manches, was „Wissenschaftler“ zu seiner Zeit so vertraten?

„Zu Shakespeares Zeiten tat man darum gut daran, den niedergekämpften Gegner mindestens ins tiefste Verlies zu werfen, besser aber aufs Schafott zu bringen. Da sind wir zivilisierter geworden.“

Ja, wie kommt’s? Die Wirkung wissenschaftlichen Experimentierens? Und das, wo der Mensch doch genetisch auch nur Aasfresser und Raubtier ist?

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Die wirklich großen Fragen trägt der Mensch am Fuß

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Fragen, die die Welt bewegen. Heute: Die taz:

„Woran liegt es nur, dass die Reliquien des geschmacklosesten Jahrzehnts plötzlich wieder tragbar sind? Ist es Ratlosigkeit?“

An der These der Ratlosigkeit mag etwas dran sein – beim Durchlesen des Feuilletons der ZEIT gestern abend befiel mich auch so ein Gefühl. Da wird die Neuro-Ästhetik dementer Hirnforscher wortreich kritisiert, als wäre das nötig, dumm wie die ist – und Diedrich Diedrichsen verbreitet Irrelevantes über die Tom Waits-Coverversionen von Scarlett Johansson. Der chronisch neben dem Thema daher besserwissende Hanno Rauterberg regt sich über den Weltausstellungs-Pavillion in Shanghai auf, als ginge es um den Untergang des Abendlandes und einen Wettlauf der Kulturnationen. Der hat ja die Tendenz zum Spenglern. Während ein sehr fotogener, englischer Dramatiker auch nicht anders kann, als sich als Zwerg vor den unerreichten Monumenten Tschechow und Beckett zu fühlen – eine ganze DIE ZEIT-Seite lang. Und der Interviewer, der Tschechow in’s Gespräch bringt, hat diesen noch nicht mal im Ansatz begriffen. Behauptet er doch, dessen Gedanke sei, daß in ferner Zukunft, in 200, 300 Jahren, der Mensch dann gut würde, üppig lebte und glücklich guckte.

Das läßt mein Freund Anton tatsächlich seine Figuren sagen, er tut’s jedoch, um deren Passivität im Hier und Jetzt zu zelebrieren und auch zu zeigen, nicht zu kommentieren, daß gerade solche Eigentümlichkeiten wie die Utopisierung den Menschen als solchen erst liebenswert machen. Weil man nur lieben kann, worüber man auch lachen kann. Und weil dieses seltsame Geschöpf zum Knuddeln ist, wenn es Unsinn redet und dabei z.B. niedlich lächelt, einfach, um Kontakt zu halten nach langen Sommertagen, Beisammensein ausfüllend, ist doch egal, was man da quatscht, wenn man abends in den Salons russischer Landgüter zusammen sitzt – nicht jedoch liebenswert ist, wenn das Geschöpf Mensch zum Feuilletonisten mutiert Unsinn schreibt.

Schön war’s, ganz im Gegensatz dazu mal wieder einen längeren Text von Fritz J. Raddatz zu lesen, ganz anders als Franziska Seybold kann der nämlich schreiben. Der bürstet positiv verschroben Sprache gegen den Strich und zeigt sich so seinem Gegenstand, der Literatur, gewachsen.

Frau Seybold hingegen merkt gar nicht, daß viel schlimmer als das Tennis-Socken-Revival, gegen das ich gar nix habe, ich mag die Dinger, ist, daß sie stilistisch in eben jener Jauche schwimmt, die sie so wortreich kommentiert: 80er-Jahre-Zeitgeist-Suppe halt. Polyluxig. Auch noch ganz dümmlich mit Bourdieu versetzt, ja doch, man MUSS das attackieren: Scheint Berlin-Mitte vor allem dadurch determiniert, die Banalität von Leuten wie Stuckrad-Barre in Endlosigkeit fortzuschreiben ist. Der war zwar eher in den 90ern erfolgreich, weil er Oasis-Song-Titel über Kapitel schrub und so das, was am Flaggenrausch der WM nervte, vorwegnahm – dieses ekle „Deutschland, Pop-Nation“. Was, Polke zum Trotze, niemals wahr werden wird, das sieht man doch schon an den Entwürfen zum Weltausstellungs-Pavillion in Shanghai!

Schuld sind daran jedoch nicht die Socken der 80er, sondern deren „Journalismus“, der so zäh weiter fließt durch die Schwarzwaldklinikhaftigkeit der Gazetten, die sich hip geben. Am schlimmsten aktuell in der Spex. Buaaaah.

Wäre ich jetzt Franziska Seybold, dann würde ich mit einem Satz wie dem folgenden enden:

„Man darf gespannt sein.“

Das ist so eine Konstruktion wie „Bleibt zu hoffen, daß.“ Oder „Warten wir’s ab, ob.“ Wie ich das hasse. Bringt denen eigentlich niemand mehr was bei?

Raddatz hingegen endet so:

„Zum Ende hin wird der Ballon – um Pynchons Eingangs- und Schlussbild zu paraphrasieren – faltig, schlaff und schleifend; die Halteseile scheuern durch.“

Na, der Kontrast, der ist wohl offenkundig. Jenseits der Beliebigkeit hinein in die Bildhaftigkeit, spezifisch am Gegenstand orientiert: Leute, lest lieber die alten Granden, anstatt euch in „man darf gespannt sein!“ zu ergehen. Dann seid ihr auch nicht mehr ratlos, wenn ihr die Tennis-Socke überstreift …

PS:Den letzten Satz von Rauterberg stelle ich einfach mal zur Diskussion: „Das Abenteuer Architektur überlässt sie fröhlich anderen Staaten.“ Na, wie ist der?

Written by momorulez

16. Mai 2008 at 8:32