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Dresden

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Bewegungslehre spezial

„»Ich habe ja nichts gegen ältere Menschen«, sage ich. »Aber sie sollen bitte nicht mit ihrem Rassismus unsere Sozialsysteme belasten.«“

Laura Meschede

Was bisher geschah: Letzte Woche wurde versucht, die hier vertretene Hypothese über die Entstehung von Bewegungen auch auf PEgIdA anzuwenden – was sich als nicht so ganz einfach erwies. Scheinbar entstand PEgIdA kontinuierlich und erwuchs nicht aus einem traumatischen Bruch der symbolischen Ordnung, wie das von meinem Modell postuliert wird. Um dennoch an meiner Hypothese festhalten zu können, hatte ich behauptet, daß das Trauma und der Bruch, der PEgIdA zu Grunde liegt, fünfundzwanzig Jahre zurück liegt – um PEgIdA zu verstehen, müsse man bis zum Untergang der DDR zurückgehen.

Als wichtiges Indiz für diese Hypothese hatte ich das sehr hohe Durchschnittsalter der PEgIdA-Demonstranten angeführt – was für Bewegungen sehr ungewöhnlich ist, da deren Durchschnittsalter in der Regel eher zwischen 20 und 30 Jahren zu suchen ist, nicht im Bereich um die 50. Für die PEgIdA-Demonstranten heißt wiederum, daß ein sehr großer Prozentsatz von ihnen bereits 1989 erwachsen war und seinen Platz in der symbolischen Ordnung der DDR gefunden hatte.

Nun war die DDR zweifellos größer als Dresden. Wenn es also das Trauma von 1989 ist, das die PEgIdA-Demonstranten heute auf die Straße treibt, dann muß man die Frage stellen: Warum gelang es in Dresden, eine rassistische Bewegung zu initiieren? Oder genauer: Warum konnte in Dresden ein kleiner rechtsradikaler Kern eine große Masse von Feld-, Wald- und Wiesenrassisten, die es überall gibt, mobilisieren, während derartige Massenkristalle in anderen Städten isoliert blieben und stattdessen eine Überzahl von Gegendemonstranten auf die Straße brachten?

Auch hier läßt sich nur eine Hypothese formulieren. Doch diese Hypothese scheint mir durchaus plausibel. Und den Kern dieser Hypothesen bildet das andere Dresdner Trauma: Die Luftangriffe, die die Stadt heute vor 70 Jahren verheerend trafen und bei denen rund 25.000 Menschen ums Leben kamen. Ein ganz wesentliches Problem der Dresdner Lokalgeschichte ist, daß dieses Trauma über Jahrzehnte nicht aufgearbeitet wurde. Schon das in den letzten Zügen liegende Dritte Reich schlachtete die Bombardierung der Stadt propagandistisch aus. Das von Goebbels formulierte Schema, nach dem die „Kulturstadt“ Dresden von alliierten „Barbaren“ in Schutt und Asche gelegt worden sei, wurde in der Zeit des Kalten Krieges von der DDR-Führung nahtlos übernommen. An die Stelle einer Aufarbeitung des Traumas trat die Identifikation mit ihm. Die Dresdner lernten über ein halbes Jahrhundert nicht, mit der Ambivalenz des Geschehens umzugehen, mit dem unleugbaren Faktum, daß die Stadt eben nicht nur einfach ein unschuldiges Opfer war. Über der Barbarei des Luftkrieges wurde verdrängt, daß das Böse auch mitten in der bombardierten Stadt saß. Stattdessen bezog die Stadt ihre Identität aus der Opferrolle.

Am deutlichsten belegt dies der kollektive Aufschrei, als eine Historikerkommission 2008 eindeutig und abschließend belegte, daß die realen Opferzahlen deutlich geringer waren als immer behauptet (wobei das eigentlich seit den 60er Jahren bekannt war). Statt froh zu sein, daß die Angriffe deutlich weniger Opfer gekostet hatten, fühlten sich viele Dresdner in ihrer Identität angegriffen.

Erst nach dem Zusammenbruch der DDR, rund ein halbes Jahrhundert nach dem eigentlichen Ereignis, begann eine kritische Auseinandersetzung mit dieser problematischen Form der Erinnerungskultur. Und diese Auseinandersetzung führte prompt zu einer Spaltung der Dresdner Bürgerschaft. Wobei dieser Bruch, wie ich glaube, komplizierter ist, als man auf den ersten Blick annehmen möchte. Denn es handelt sich meines Erachtens nicht einfach darum, daß auf der einen Seite verstockte Traditionalisten stehen, die sich ihre Identität als unschuldige Opfer nicht nehmen lassen wollen; und auf der anderen Seite die Kräfte des Guten, die souverän mit der Ambivalenz des Ereignisses umgehen können. Meine Vermutung ist, daß diese Auseinandersetzung einen Subtext hat. Und dieser Subtext verbindet das eine traumatische Ereignis, die Bombardierung, mit dem anderen Trauma, dem Kollaps der DDR.

Wir haben in den Jahren nach 1989 zunächst einmal die traumatische Erfahrung, daß die bestehende Ordnung praktisch von einem Tag auf den anderen kollabiert, eine Neuorientierung schwierig und schmerzhaft ist. Doch dies gilt für das ganze Gebiet der ehemaligen DDR. In Dresden kam jedoch noch etwas anderes hinzu: Das bisherige identitätsstiftende Moment der Dresdner, das kollektive Selbstverständnis als unschuldige Opfer eines angeblich barbarischen Kriegsverbrechens, wurde zur selben Zeit unterminiert. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, daß eine solche Umorientierung in der Art und Weise der Erinnerung sachlich geboten war. Wichtiger ist die subjektive Empfindung in einer sowieso als krisenhaft empfundenen Umbruchsphase. Ich bin mir ziemlich sicher, daß vielen Dresdnern die nun auf einmal abverlangte Selbstkritik primär als ein aufgezwungener Westimport vorkam. Besserwessis erklärten einem, wie man der eigenen Geschichte zu gedenken habe. Und das provozierte dann instinktiv eine Abwehrhaltung, die, so falsch sie auch faktisch war, dann fatale Folgen zeitigen sollte.

Hätte einfach nur die offizielle Gedenkkultur einen Schwenk gemacht, wäre diese ursprüngliche Abwehrhaltung mit der Zeit sicherlich abgeklungen. Man hätte sich daran gewöhnt, so wie man im Westen auch in jeder Stadt am 9. November routiniert irgendwo einen Kranz abwirft. Doch dann tauchten Ende der 90er Jahre die Neonazis auf, die das Ereignis für ihre Zwecke zu instrumentalisieren versuchten. Und damals wurde ein schwerwiegender politischer Fehler begangen. Es wurde versäumt, bei den Gedenkveranstaltungen eine klare Kante zu zeigen und sich von den Nazis zu distanzieren – was sicherlich daran lag, daß die Form des Gedenkens sich damals noch im Umbruch befand. Wäre damals aus der Mitte der Dresdner Bürgerschaft ein friedlicher, aber bestimmter Protest gegen die Neonazi-Aufmärsche organisiert worden, hätte dies den rechten Rand mit großer Wahrscheinlichkeit schnell ziemlich isoliert. Doch dies wurde ein Jahrzehnt lang versäumt. Erst 2009 gründete sich das breite Bündnis Dresden Nazifrei, dem es dann gelang, die Versäumnisse des vorhergehenden Jahrzehnt langsam wieder gut zu machen. Das scheint auch weitgehend gelungen zu sein: Wie es aussieht, gibt es dieses Jahr in Dresden keinen Naziaufmarsch mehr.

Doch auch diese Bündnisaktionen hatten einen Schönheitsfehler. Stellenweise kam es zu Entgleisungen angereister Antifa-AktivistInnen, die sich als ziemlich kontraproduktiv erwiesen. Höhepunkt dieser Entgleisungen war letztes Jahr die Aktion einer Piratenpolitikerin, die sich mit entblößtem Oberkörper ablichten ließ, auf den sie „Thanks Bomber Harris“ gepinselt hatte. Ich hatte die Aktion bereits letztes Jahr analysiert. Mein kritisches Fazit damals lautete:

„Das politische Ziel einer solchen Provokation hätte es sein müssen, die Nazis von den wohlmeinenden Bürgern zu spalten. […] Die Bomber-Harris-Provokation hat das überhaupt nicht vermocht, ganz im Gegenteil. Wenn das Ganze überhaupt etwas vermocht hat, dann hat es Teile der unentschiedenen oder auch nur unreflektierten Masse den Nazis zugetrieben. Provokationen spalten – das ist ihr Sinn. Aber man hat definitiv etwas falsch gemacht, wenn danach das eigene Lager geschwächt dasteht.“

Ich will jetzt nicht behaupten, daß PEgIdA die Quittung für derartige dumme Aktionen ist. Aber sie verschob für eine nicht unerhebliche Masse die berühmte rote Linie, die Linie, mit wem man sich gemein macht und mit wem nicht. Es ist bezeichnend, daß PEgIdA das Antifa-Emblem übernommen hat, auf dem ein Hakenkreuz in einem Mülleimer entsorgt wird; in der von PEgIdA verwendeten Variante landet aber auch das Antifa-Logo mit im Müll.

In anderen Städten gibt es mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenso viele Menschen, die die selben rassistischen Ansichten im Kopf haben wie die PEgIdA-Demonstranten. Aber anders als in Dresden würden sie sich damit nicht auf die Straße trauen, weil sie wissen, daß sie sich damit außerhalb des lokalen Konsenses stellen würden – was dann am Stammtisch immer mit der schwachsinnigen Parole kommentiert wird, man dürfe bestimmte Sachen nicht sagen. Tatsächlich darf man alles sagen – man muß nur darauf gefaßt sein, ordentlich Widerspruch zu ernten. Und sich dem zu stellen, dazu ist der normale Stammtischrassist einfach zu feige. In Dresden gehen diese Menschen hingegen auf die Straße – weil sie wissen, daß sie nur auf den Widerstand einer Minderheit gefaßt machen müssen. Wobei ich noch nicht einmal glaube, daß es in Dresden so viel weniger Menschen gibt als anderswo, die PEgIdA für absolut inakzeptabel halten. Aber diese Menschen lassen sich nicht in einem breiten antirassistischen Konsens mobilisieren. Sie haben nämlich keine Lust, sich von angereisten Antifas selbst als halbe Nazis beschimpfen zu lassen, nur weil sie die Bombardierung Dresdens nicht als ein rundum begrüßenswertes Ereignis abfeiern wollen.

Diese Bruchlinien und Verschiebungen in der Erinnerungskultur Dresdens machen meines Erachtens die Sonderstellung der Stadt aus, die dann eine Bewegung wie PEgIdA möglich machten. Damit ist allerdings noch lange nicht erklärt, warum das Trauma von 1989 sich fünfundzwanzig Jahre später in Form eines dümmlichen Rassismus artikuliert.

Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn der alte Bolschewik die Rolle des Rassismus bei PEgIdA zu erklären versucht, während die Bewegung selbst schon auf dem Müllhaufen der Geschichte verrottet.

Written by alterbolschewik

13. Februar 2015 at 17:34

Veröffentlicht in Antirassismus, Bewegung, Ereignis

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Die Kunst der politischen Provokation (3)

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„Wir haben uns lange vor dem Prozeß überlegt, was wir anstellen können, aber ehrlich, es ist uns nichts Richtiges eingefallen. Aber das brauchen wir auch nicht. Die (Gericht und Staatsanwalt) lassen sich ja selbst genug einfallen“

Fritz Teufel und Rainer Langhans

Was bisher geschah: In den letzten zwei Folgen wurden zwei verschiedene politische Provokationen thematisiert. Das jüngste #bombergate der Piratenpartei, bei dem durch die politische Provokation einer Europaratskandidatin das Image der Partei in der Öffentlichkeit schwer beschädigt wurde. Und zum anderen die Kaufhausbrand-Flugblätter der Kommune I im Jahr 1967.

Heute sollen nun die beiden Provokationen miteinander verglichen werden. Auf den ersten Blick scheinen sie sich ziemlich zu ähneln. Beide Male wird der Tod von Menschen zum Material einer politische Provokation gemacht: Im einen Fall die Toten der Dresdner Bombennacht im Jahr 1945, das andere Mal die Opfer einer Brandkatastrophe in einem Brüsseler Kaufhaus. Beide Male wurde die Provokation mit Hilfe der Boulevardmedien verbreitet, was es überhaupt ermöglichte, daß die notwendige mediale Aufmerksamkeitsschwelle überschritten wurde.

Doch damit enden auch schon die Gemeinsamkeiten. Viel schwerer wiegen die Differenzen, die dann letztlich darüber entschieden, ob die Aktion als erfolgreich oder als kontraproduktiv angesehen werden muß.

Zunächst einmal aber zum Grundprinzip der politischen Provokation: Eine politische Provokation dient nicht dazu, eine differenzierte Auseinandersetzung über ein politisches Thema zu führen. Sie dient einzig und allein der Lagerbildung, dazu, die Fronten zu klären. Damit zielt sie weder primär auf die Gruppe der überzeugte Anhänger, noch auf die Gruppe der überzeugten Gegner. Sondern sie zielt auf die Masse der Unentschlossenen zwischen den beiden Lagern. Der politische Gegner soll durch die Provokation vorgeführt werden, seine Reaktionen sollen ihn entlarven, wodurch nach Möglichkeit eine Mehrheit der Unentschiedenen dem eigenen politischen Lager zugeführt werden kann.

Kontraproduktiv wird die politische Provokation, wenn sie an der falschen Stelle spaltet, mehr Unentschiedene ins gegnerische Lager treibt als sie für das eigene Lager gewinnt. Ein vollständiges Fiasko ist sie, wenn sie sogar das eigene Lager spaltet, statt ihm neue Unterstützer zu gewinnen. Soviel zum Grundprinzip der politischen Provokation. Sehen wir nun zu, wo sich unsere Beispiele unterscheiden und wie sich diese Unterschiede auf das eigentliche Ziel der politischen Provokation auswirken.

Die erste Differenz liegt im Bekenntnis zur Aktion. Während sich die Kommune I per Unterschrift auf ihren Flugblättern zu diesen bekannte, versuchte sich die Piratenpolitikerin durch Vermummung vor der Identifizierung zu schützen. Zudem leugnete sie selbst zu dem Zeitpunkt, als sie schon identifiziert worden war, ihre Beteiligung und ließ dadurch den Bundesvorstand ihrer Partei, der ihren Aussagen Glauben schenkte, ins offene Messer rennen. Ein solches Verhalten wird von der politischen Öffentlichkeit nicht honoriert. Wenn man schon provoziert, dann sollte man auch mit seiner ganzen Person für diese Provokation einstehen. Die Kommune I reagierte komplett anders: Als Fritz Teufel und Rainer Langhans stellvertretend für die Kommune I angeklagt wurden, verfaßten die restlichen Kommunemitglieder Selbstbezichtigungen, in denen erklärt wurde, daß sie ebenso als Mitverfasser der Flugblätter auf die Anklagebank geschickt gehörten. Das mag nun nach einem blödsinnigen Ehrbegriff klingen, aber in der Öffentlichkeit kommt so etwas durchaus an. Der Mut, für seine Provokation zur Not auch ins Gefängnis zu gehen, wird auch denjenigen Respekt abfordern, die die Aktion selbst für nicht besonders gelungen halten.

Der zweite Unterschied liegt in der Art und Weise, wie die Boulevardpresse benutzt wurde. Im Fall von #bombergate wurde die Boulevardpresse einfach als Medium verwendet. Man weiß, daß dieses Medium bestimmten Regeln gehorcht, und diesen Regeln haben sich die Aktivistinnen unterworfen. Die Boulevardpresse will Titten – also geben wir ihr Titten. Und im Austausch dafür verbreiten sie dann unsere Parolen. Es handelt sich also einfach um ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Das ist politisch bestenfalls naiv. Die Kommune I hat die Rolle der Boulevardpresse deutlich besser begriffen. Sie ist nicht einfach ein Medium, das man benutzen kann, um Botschaften in die Öffentlichkeit zu transportieren. Sie ist selbst Partei in der politischen Auseinandersetzung. Es muß also darum gehen, die Boulevardpresse dazu zu bringen, sich selbst lächerlich zu machen. Ziel ist es, die Manipulateure der öffentlichen Meinung selbst zu manipulieren, nicht mit ihnen ein Geschäft abzuschließen. Und das erreichte die Kommune I dadurch, daß sie die mediale Propagada so auf die Spitze trieb, daß ihr manipulativer Charakter für jeden denkenden Menschen offensichtlich wurde. Die Springer-Presse wollte die eigene Unterstellung glauben, daß Vietnamkriegsgegner für die Brandkatastrophe in Brüssel verantwortlich gewesen seien; und so ging sie prompt der satirischen Übertreibung der eigenen Berichterstattung auf den Leim.

Das funktioniert aber nur, wenn für den nicht ideologisch vernagelten Leser der satirische Charakter der Provokation sichtbar ist. Und das Mittel, um diesen Effekt zu erreichen, führt uns zur letzten und wichtigsten Differenz: Die Flugblätter der Kommune I sind witzig, der Bomber-Harris-Spruch ist es nicht. Die Texte zum Kaufhausbrand spitzen nicht nur polemisch zu, sondern sie machen das in einer Sprache, die selbst wieder parodistisch ist. Mit diesem Mittel blockten die Kommunarden von vornherein den Vorwurf ab, der die Bomber-Harris-Aktion zu einem politischen Rohrkrepierer machte, nämlich der Vorwurf, die Opfer zu verunglimpfen. Indem sie den Vorwurf vorwegnahmen, gleichzeitig aber dabei die gestelzte Sprache von Politikern und Leitartiklern nachahmten und deren Zynismus auf den Punkt brachten, immunisierten sie sich gegen eine solche Anschuldigung:

„So sehr wir den Schmerz der Hinterbliebenen in Brüssel mitempfinden: wir, die wir dem Neuen aufgeschlossen sind, können, solange das rechte Mass nicht überschritten wird, dem Kühnen und Unkonventionellen, das, bei aller menschlichen Tragik im Brüsseler Kaufhausbrand steckt, unsere Bewunderung nicht versagen.“ ([2])

Das ist urkomisch und schlägt den Ball sofort in das gegnerische Feld, indem es die leeren Phrasen, deren sich die professionelle Betroffenheit bedient, von vornherein bloßstellt.

Das wirklich Schöne an dieser Vorgehensweise ist, daß die Vertreter der bestehenden Ordnung noch nicht einmal in der Lage sind, diese verdinglichte Sprache als solche zu erkennen. In einer typischen Szene während des Prozesse fragte der vorsitzende Richter:

„Geschrieben haben Sie: Dieses knisternde Vietnamgefühl, das wir bislang in Berlin noch missen müssen – das ist doch ein Wunsch?“ ([2])

Worauf ihm Rainer Langhans antwortete:

„Erstmal ist das eine Feststellung, und dann, ich weiß nicht, ob Sie es gemerkt haben, hier ist doch die Sprache der Werbung parodiert worden.“ ([2])

Und genau das markiert die Trennlinie, die ich oben als Hauptaufgabe der politischen Provokation benannt habe. Es ist die Linie zwischen denen, die den Witz verstehen, und den kleinbürgerlich Empörten, die gar nicht merken, daß sie auf die Schippe genommen werden. Der ganze Justizapparat wurde in Bewegung gesetzt – aus Empörung über einen Witz. Damit wurden automatisch diejenigen in das Lager der Antiautoritären gezogen, die in der Lage waren, den Witz zu verstehen, die begriffen, daß es sich um eine Persiflage der Sprache von Bürokraten und Werbestrategen handelte. Dabei machte es gar nichts aus, wenn sie selbst diesen Witz für wenig gelungen, ja geschmacklos hielten. Sie wurden dennoch auf die Seite der Antiautoritären gezogen, weil die Empörung der gegnerischen Seite so offenkundig jeden Maßstab vermissen ließ.

Mit anderen Worten: Die politische Provokation muß geistreich und witzig sein, weil sich dadurch diejenigen, die sich empören, selbst lächerlich machen. Und zu denen will nun wirklich niemand gehören.

Das aber ist aus meiner Sicht das Hauptproblem von #bombergate: Die Aktion war weder geistreich noch witzig. Das meine ich nicht im Sinn einer bloßen Stilfrage, sondern in einem ganz dezidiert politischen Sinn. Das politische Ziel einer solchen Provokation hätte es sein müssen, die Nazis von den wohlmeinenden Bürgern zu spalten. Ganz offensichtlich sind in Dresden und Umgebung die Übergänge zwischen dem legitimen Gedenken der Opfer und ihrer neonazistischen Instrumentalisierung fließend. In einer solchen Situation ist es angemessen, eine klare Trennungslinie zwischen dem demokratischen, antinationalistischen und antifaschistischen Lager auf der einen und den Nazis auf der anderen ziehen zu wollen. Wenn man den Versuch wagt, dann muß es das Ziel der Provokation sein, das Nazi-Lager möglichst lächerlich zu machen und zu isolieren. Die Bomber-Harris-Provokation hat das überhaupt nicht vermocht, ganz im Gegenteil. Wenn das Ganze überhaupt etwas vermocht hat, dann hat es Teile der unentschiedenen oder auch nur unreflektierten Masse den Nazis zugetrieben. Provokationen spalten – das ist ihr Sinn. Aber man hat definitiv etwas falsch gemacht, wenn danach das eigene Lager geschwächt dasteht.

Das ist leider nicht nur das Problem von #bombergate. Diese Aktion ist nur ein besonders plastisches Beispiel dafür, wie gewisse Polit-Sekten, seien es nun Anti-Deutsche oder bestimmte Vertreter von critical whiteness oder auch einer gewissen Spielart des Feminismus agieren. Dort zielt die Provokation eben nicht auf die unentschiedene Masse in der Gesellschaft, die man auf seine Seite ziehen will. Sondern die Provokation richtet sich nach innen, dient der Reinhaltung der eigenen Sekte, um sich von denen abzugrenzen, die auch nur einen Millimeter von der eigenen Linie abweichen – weshalb das Ganze auch immer ziemlich humorlos daherkommt. Die Linie wird nicht im nebulösen Bereich der unentschiedenen Masse gezogen, von denen man möglichst viele zu sich herüberziehen will, sondern immer direkt vor den eigenen Zehenspitzen. Damit ist zwar für ausreichend Krawall und Zoff gesorgt, vor allem im näheren Umfeld. Doch in Hinblick auf eine tatsächliche Veränderung der Gesellschaft ist das in der Regel so relevant wie der berühmte Sack Reis, der in China umfällt.

Und damit endet dieser Exkurs in die Gegenwart. In der kommenden Folge kehren wir wieder zurück zum Aktionsrat für die Befreiung der Frauen. Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn die Gruppe Gegen das Alte und für das Neue im Aktionsrat erklärt:

„Das Verdrängen des Problems der Kinder in der Theorie ist symptomatisch für eine entscheidende Lücke in der Zukunftsperspektive für eine sozialistische Gesellschaft.“ ([1], S. 12)

Nachweise

[1] Gruppe: Gegen das Alte und für das Neue, „Bekanntmachung des Aktionsrats zur Befreiung der Frauen“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.1 (1969), Nr.33 (3. Oktober 1969), S.11 – 12 (http://www.infopartisan.net/archive/1967/266745.html).

[2] Langhans, R. & Teufel, F., Klau mich, Frankfurt a.M. 1968.

Written by alterbolschewik

21. März 2014 at 13:58

Die Kunst der politischen Provokation (1)

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„Don’t mention the war!“

Basil Fawlty

Diese Woche gibt es, aus aktuellem Anlaß, keine Fortsetzung meiner kleinen Geschichte der Frauenbewegung in der BRD. Stattdessen widmet sich dieses Blog der Frage, welchen Sinn politische Provokationen haben und was ihr legitimes Ziel sein könnte. Und da dies ein Blog über die Geschichte der Antiautoritären Bewegungen ist, werden die späten 60er Jahre dabei nicht zu kurz kommen.

Kurz der Anlaß für dieser Programmänderung: Seit Ende der 90er Jahre versuchen Neonazis, die Bombardierung Dresdens im zweiten Weltkrieg zu instrumentalisieren, um die deutschen Kriegsverbrechen im zweiten Weltkrieg zu relativieren. Dazu veranstalteten sie regelmäßig am 13. Februar, dem Jahrestag der Bombardierung, Aufmärsche in Dresden. Diese wurden allerdings seit einigen Jahren durch ein breites Bündnis massiv behindert, daß die Faschisten mehr und mehr die Lust an diesen Aufmärschen verloren. Dieses Jahr war es dann so weit, daß sie ganz darauf verzichteten, am 13. Februar zu demonstrieren. Das wurde allerdings nicht offen verkündet, um die Gegendemonstranten ins Leere laufen zu lassen. Stattdessen hatten sie eine Kundgebung für den Abend des 12. Februar angemeldet. Laut DNN-Online wurden zu dieser Kundgebung 50 Neonazis erwartet, tatsächlich waren dann ein paar Hundert da, die durch die Dresdner Innenstadt zogen.

Soweit die Ausgangslage. Durch diese Vorverlegung des eher jämmerlichen Naziaufmarsches wurden allerdings Antifa-Aktivisten, die für den nächsten Tag nach Dresden mobilisiert hatten, um das Vergnügen gebracht, einen Nazi-Aufmarsch zu verhindern. Unter diesen Betrogenen war auch eine Politikerin der Piratenpartei, die im Bus nach Dresden davon erfuhr, daß die Nazis schon marschierten, während sie noch auf der Autobahn war. Aus dieser Frustration heraus wurde dann eine Aktion geboren, die die in der Öffentlichkeit hohe Wellen schlagen sollte: Sie posierte zusammen mit einer anderen Frau im Stil der Femen-Aktivistinnen, das heißt, mit entblößten Oberkörpern, auf den Parolen gepinselt waren. Im Falle der Piraten-Politikerinn war das der Spruch: „Thanks Bomber Harris“. Anders als die Femen-Aktivistinnen hatten sich die beiden Frauen allerdings vermummt, um nicht identifiziert werden zu können. Ein professioneller Photograph lichtete die beiden Frauen ab, die Photos wurden dann über eine Agentur an die Boulevardpresse verkauft.

Zuerst druckte die Bild-Zeitung in Dresden die Photos ab, schnell folgten weitere Boulevardblätter. Gleichzeitig wurden die Photos über Twitter verbreitet. Diese massive mediale Aufmerksamkeit führte dazu, daß die Anonymität nicht besonders lange währte, die Identifikation erfolgte innerhalb kürzester Zeit. Zu diesem Zeitpunkt allerdings leugnete die Politikerin ab, daß sie es sei, die auf den Bildern mit dem Bomber-Harris-Spruch zu sehen sei. Bei einer Privatperson wäre das nun auch nicht besonders schlimm; allerdings ist sie keine reine Privatperson, sondern sie bekleidet öffentliche Funktionen. Sie ist in eine der Bezirksverordnetenversammlungen in Berlin gewählt und steht auf der Kandidatenliste der Piratenpartei für die Europawahl, und zwar auf einem durchaus aussichtsreichen Listenplatz. Dadurch verwickelte sie auch ihre Partei in die Aktion. Der Bundesvorstand der Piratenpartei vertraute zunächst den Aussagen seiner Europa-Kandidatin und stellte sich demonstrativ vor sie. Um so größer war die Blamage und der Schaden für die Reputation der Partei, als die Beteiligung an der Aktion nicht mehr abzustreiten war. Es folgte eine öffentliche Entschuldigung der Politikerin, samt einer Erklärung, wie es zu dieser Aktion gekommen war.

Da wahrscheinlich nicht alle meine Leser die Geschichte des Bomber-Harris-Spruchs kennen, hier kurz seine Geschichte: Sir Arthur Travers Harris von der Royal Air Force war im Zweiten Weltkrieg für das Flächenbombardement von deutschen Städten verantwortlich, darunter auch den Angriff auf Dresdens. Als nach dem Zusammenbruch der DDR und der Wiedervereinigung der deutsche Nationalismus sich gewaltätig in Pogromen gegen Asylbewerberheime manifestierte, bildete sich in der deutschen Linken ein antinationalistischer Konsens, der in der etwas schrägen Parole „Nie wieder Deutschland!“ zum Ausdruck gebracht wurde. Innerhalb dieses antinationalistischen Konsenses bildete sich schnell eine Splittergruppe heraus, die sich als die „Anti-Deutschen“ bezeichneten. Es würde hier deutlich zu weit führen, die Irrungen und Wirrungen dieser Anti-Deutschen in den nächsten Jahren nachzuzeichnen. Charakteristisch für diese Gruppierung ist, daß sie alle militärischen Abenteuer der USA und ihrer Verbündeten, sei es auf dem Balkan, in Afghanistan oder im Irak bedingungslos feiert, und zwar mit Berufung auf deren Rolle als Befreier im Zweiten Weltkrieg. Aus dieser Überidentifikation mit den (westlichen) Gegnern des Nationalsozialismus wurde dann auch irgendwann in den 90er Jahren die Parole „Thank you, Bomber Harris“ geboren, um sich sowohl von einer pazifistischen oder wie auch einer antiimperialistischen Linken abzugrenzen.

Im Kontext des Dresdner Gedenkens zum Jahrestag der Bombardierung ist diese nun auch schon zwei Jahrzehnte alte Parole natürlich nicht nur ein den Nazis ins Gesicht gereckter Stinkefinger; sie stellt auch einen ganz bewußten Angriff auf das bürgerlich-pazifistische Gedenken dar, auch wenn sich das zumindest selbst als Gegenentwurf zur Nazi-Instrumentalisierung der Toten versteht. Vertreter der anti-deutschen Linie der Antifa unterstellen diesem bürgerlich-pazifistischen Gedenken, es handle sich dabei um eine Form nationalistischer Entlastung, weil es die Bombenopfer von Dresten mit den Opfern von Guernica und Coventry in eine Reihe stelle. Damit würde man sich mit den Opfern des Nationalsozialismus identifizieren. Auf dem gleichen argumentativen Niveau ließe sich aber auch sagen, daß die Identifikation mit Bomber Harris eine ebensolche Entlastungsfunktion habe. Weder auf die eine noch auf die andere Weise läßt sich die blutige deutsche Erbschaft einfach ausschlagen.

Soweit also zunächst einmal zur Faktenlage zu #bombergate, wie die Aktion dann auf Twitter bezeichnet wurde. Warum findet diese Aktion nun, drei Wochen nach dem Ereignis, Eingang in dieses Blog? Ganz einfach: Weil ich die gängige Kritik an dieser Aktion für falsch halte.

Schnell war die Bildzeitung mit der Anklage zur Hand, es handle sich bei den Bildern der Aktivistinnen um eine „Verhöhnung der 25.000 Bombenopfer von Dresden“. Tatsächlich aber stinkt das Argument von der „Verhöhnung von Opfern“ zum Himmel. Es ist eines dieser leeren Befindlichkeitsargumente, das in der selben Liga mitspielt wie die „Verletzung religiöser Gefühle“. Wer hier eigentlich der Geschädigte sein soll, was der Schaden ist und warum das alles ganz furchtbar schlimm ist, bleibt völlig unerfindlich. Wo nicht mehr vom Aufeinanderprallen unterschiedlicher politischer Ansichten die Rede ist, von unterschiedlichen Interessen, die zueinander in Konflikt stehen, sondern nur noch davon, wer in seinen Gefühlen verletzt worden ist, hat der politische Diskurs abgedankt.

Natürlich ist es unhöflich, auf den Gefühlen anderer Leute herumzutrampeln. Und im zivilen Leben gehört sich das überhaupt nicht. Das gilt aber nicht für den politischen Raum. Wo es um politische Konflikte geht, haben Rücksichten auf die Gefühle des politischen Gegners nichts zu suchen. Damit meine ich nicht, daß man politische Auseinandersetzungen auf eine persönliche Ebene ziehen und Menschen persönlich beleidigen soll. Aber ich kann in meiner politischen Argumentation keine Rücksicht darauf nehmen, daß bestimmte Themen vom politischen Gegner rein subjetiv als verletzend empfunden werden könnten.

Und „Thank you, Bomber Harris!“ ist eine politische Parole, die durchaus einen präzise benennbaren Inhalt hat. Sie macht deutlich, daß es einen fundamentalen Unterschied zwischen den britischen Bombenangriffen auf Deutschland und deutschen Bombenangriffen auf Großbritannien gegeben hat. Es ist nicht einmal im Gedankenexperiment vorstellbar, daß die National Front in Coventry mit der Parole „Danke, Hermann Göring!“ auf die Straße gehen könnte. Insofern enthält diese Parole keinerlei „Verhöhnung der Opfer“ – sie macht nur klar, daß die Opfer von Dresden aus anderen Gründen zum Opfer wurden als die Opfer in Coventry. Und wer mit dieser Unterscheidung Probleme hat, soll sich zurecht von der Parole angegriffen fühlen. Wer aber den Unterschied versteht, wird darin auch keine Verhöhnung der Opfer erkennen.

Auf dieser rein sachlichen Ebene (das unterstelle ich jetzt einmal) müßten dann auch die meisten Dresdner durchaus Verständnis für die Bomber-Harris-Parole haben. Das Problem beginnt dort, wo wir die sachliche Ebene verlassen. Denn es handelte sich ja nicht um eine ausgearbeitete Rede, in der sine ira et studio aufgedröselt wird, in welch schwierigem Spannungsfeld das Gedenken für die Opfer der Dresdner Bombennacht oszilliert. Das Statement wurde ganz bewußt in Form einer Provokation in die Öffentlichkeit geschleudert. Und die Form ist dem Inhalt keineswegs äußerlich.

Die politische Provokation ist ein ganz spezielles Mittel aus dem politischen Werkzeugkasten. Und sie ist ein gefährliches Werkzeug, das in den Händen von Dilettanten sehr schnell ziemlichen Schaden anrichten kann – wie eben im geschilderte Fall. Um aber zu verstehen, was im Fall von #bombergate alles schief lief, werden wir uns dazu einem ähnlichen, aber professionell durchgezogenen Fall politischer Provokation zuwenden. Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn die Kommune I schreibt:

„Ein brennendes Kaufhaus mit brennenden Menschen vermittelt zum erstenmal in einer europäischen Großstadt jenes knisternde Vietnamgefühl (dabei zu sein und mitzubrennen), das wir in Berlin bislang noch missen müssen.“ ([1])

Nachweise

[1] Langhans, R. & Teufel, F., Klau mich, Frankfurt a.M. 1968.

Written by alterbolschewik

7. März 2014 at 17:21

Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen

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