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Brot und Rosen (3)

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Die Frauenbewegung in der BRD (32)

„Im Kampf um die Abschaffung des Abtreibungsparagraphen entwickelt die Frauenbewegung die Theorie zur Befreiung der Frauen aus der Geschlechtsunterdrückung unter den spezifischen Bedingungen des Kapitalismus.“

Brot und Rosen, 1974

Was bisher geschah: Der Autor dieses Blogs ist dabei, seine Küche zu renovieren und muß gestehen, damit immer noch nicht fertig zu sein. Doch für die Leserinnen interessanter ist wohl die Erkenntnis aus dem letzten Blogbeitrag, daß die Gruppe Brot und Rosen 1972 ein sogenanntes „Frauenhandbuch“ verfaßte. Dieses Frauenhandbuch klärte einerseits über Verhütung und Abtreibung auf, machte aber andererseits auch die politische Dimension dieses vermeintlich privaten Themenkomplexes sichtbar.

Wenn man so will, kann man die Erstellung des Frauenhandbuches und in der Folge dann dessen Überarbeitung für die zweite Auflage als die theoretische Seite von Brot und Rosen ansehen. Gleichzeitig war die Gruppe aber auch praktisch tätig. Mit ihrer praktischen Tätigkeit wurde sowohl in der privaten, individuelle Sphäre interveniert wie auch in der politischen Öffentlichkeit. Und auch wenn ich das hier schon mehrfach geschrieben habe: Gerade dieser Versuch, Individuelles mit Kollektivem, Privates mit Öffentlichem zu verknüpfen, macht meines Erachtens den Kern der antiautoritären Revolte aus. Brot und Rosen blieben diesem antiautoritären Konzept treu – im Gegensatz zu denen, die in irgendwelchen marxistisch-leninistischen Gruppen diese Spaltung von Privatleben und Politik, gegen die sich die antiautoritäre Revolte einmal richtete, wieder herstellten.

Was hieß das nun für Brot und Rosen konkret? Beginnen wir mit der öffentlichen, politischen Seite. Natürlich war das Frauenhandbuch selbst bereits praktisch und ein Politikum. Und so wurde es auch aufgefaßt. Schnell waren Brot und Rosen wegen ihres „Expertinnenwissens“ auch überregional gefragt und eine der tonangebenden Gruppen in der Aktion 218, dem bundesweiten Bündnis von Frauengruppen im Kampf gegen den § 218. Deutlich wird dies beim Tribunal gegen den § 218, das im Mai 1972 in Köln stattfand. Das originelle an diesem Tribunal war, daß nicht einfach trocken Zahlen, Fakten, Argumente heruntergebetet wurden, sondern die unterschiedlichen Themenkomplexe in kleinen Theaterstücken dargestellt werden sollten. Brot und Rosen fiel die Aufgabe zu, die Rolle der pharmazeutischen Industrie offenzulegen – und das, obwohl die Gruppe gerade einmal ein halbes Jahr existierte.

Das Tribunal selbst geriet zu einem Fiasko – zu unterschiedlich war das Publikum, zu unterschiedlich die Erwartungen. Doch darauf will ich an dieser Stelle noch nicht eingehen, denn das gehört in die Geschichte des Kampfes gegen den § 218. Für den aktuellen Zusammenhang interessant ist die Kritik, die Brot und Rosen danach formulierten. Denn diese zeigt, daß die Gruppe recht klare politische Vorstellungen hatte und diese auch zu artikulieren verstand:

„Ziel des Tribunals war es, die Öffentlichkeit über die Forderungen der Aktion 218 zu informieren und den Weg zu zeigen, wie wir sie durchsetzen wollen. Dazu wäre folgendes notwendig gewesen:
1. Das Entstehen der Aktion zu erklären
2. Die Forderungen ausführlich zu nennen und zu begründen
3. Die katastrophalen Zustände im medizinischen, pharmazeutischen, kirchlichen, politischen, juristischen und journalistischen Bereich anzuklagen
4. Weitere Schritte zur Abschaffung des § 218 zu erarbeiten.
Bei dem Tribunal lag die Betonung nahezu ausschließlich auf Demonstration und Anklage, also Punkt 3. Für uninformierte Frauen fehlte 1.) und 2.). Für bereits organisierte der letzte Punkt.“ ([3], S. 69)

Diese Fehler wurden nicht wiederholt, als Brot und Rosen kurz vor der Dritten Lesung des „reformierten“ § 218 selbst eine Großveranstaltung auf die Beine stellten. Am 6. Februar 1974 organisierten sie an der TU Berlin ein Teach-In, das es dann auch in die überregionalen Medien schaffte. Zu diesem Zweck hatten sich die Brot und Rosen-Frauen eine besondere Aktion überlegt, auf die weiter unten noch einzugehen sein wird.

Doch wenden wir uns zunächst einmal dem anderen Teil der Praxis von Brot und Rosen zu, dem Teil, der scheinbar nur auf das Private, Individuelle zielte. Denn die Gruppe agitierte nicht nur öffentlichkeitswirksam auf großen Veranstaltungen, sondern richtete im Kleinen auch eine regelmäßige Sprechstunde ein. In diese Sprechstunde konnten Frauen kommen, die Fragen zur Verhütung hatten oder die Beratung wegen einer Abtreibung brauchten. Das war zunächst einmal ganz konkrete Hilfe im Einzelfall, der aber scheinbar die politische Dimension fehlte:

„Am Anfang machten wir die Sprechstunde nicht gerne. Wir fanden sie auch unpolitisch. Wir machten sie hauptsächlich deswegen, weil wir nicht dauernd zu Hause angerufen werden wollten. Wir wollten die Frauen nicht in der Sprechstunde agitieren. Wir wußten, daß sie von uns einen Rat haben wollten und sich sonst für nichts interessierten. Für manche Leute wurden wir eine Art barmherziger roter Schwestern, die man gern in Anspruch nahm, wenn Hilfe nötig war, deren Tätigkeit man aber für belanglos und unpolitisch hielt.“ ([2], S. 10)

Doch die Sprechstunde erwies sich als interessanter, als das zunächst den Anschein hatte. Denn zusehends mauserte sich diese zu einer Quelle von Informationen. Sie war eben nicht nur eine Beratung durch Expertinnen, die anderweitig angesammeltes Wissen weitergaben. Sondern die „Expertinnen“ verlangten – und bekamen auch – Rückmeldungen von den Hilfesuchenden. Schon bald wurde ein detaillierter Fragebogen ([2], S. 170-173) entwickelt, um systematisch Informationen zu sammeln:

„In der Sprechstunde versuchten wir den Frauen klarzumachen, warum wir von ihnen eine Rückantwort, d.h. Erfahrungsberichte über Verhütung und ihre Abtreibungen erwarteten (bei wem, mit welcher Methode, unter welchen Bedingungen, in welcher Woche, zu welchem Preis usw.) und wieso das ihr Beitrag sein muß zum Gelingen der 218-Kampagne. Durch diese Erfahrungen veränderte sich allmählich unser Verhältnis zu Sprechstunde: sie war nicht mehr nur eine lästige Pflichtübung, sondern wir lernten darin die sexuelle Misere der Frauen und die Bedingungen unseres Gesundheitswesens kennen.“ ([2], S. 11)

Und das führte dann zur wohl spektakulärsten Aktion, die die Gruppe Brot und Rosen durchführte. Der Spiegel berichtete:

„Sechs Wochen vor der dritten Lesung der Bonner Abtreibungsreform haben in West-Berlin 13 Mitglieder der Frauengruppe »Brot und Rosen« fünf Ärzte angezeigt. Die Vorwürfe der Feministinnen gegen die Mediziner reichen von »Unzucht mit Abhängigen« (Paragraph 174 im Strafgesetzbuch) bis zur »Steuerhinterziehung« (Paragraph 392 der Reichsabgabenordnung) – Paragraph 218 des Strafgesetzbuches aber, nach dem die Abtötung einer »Leibesfrucht« noch immer mit maximal zehn Jahren Freiheitsstrafe geahndet werden kann, ist nicht dabei.“ ([5])

Diese Strafanzeigen, die auf dem Teach-In in der TU-Berlin öffentlich gemacht wurden, waren unmittelbares das Resultat der Sprechstundenpraxis:

„In der Sprechstunde haben wir erfahren, daß jede Frau, die abtreiben will, die notwendigen Schritte dazu privat und isoliert auf sich nehmen muß. Am Ende ist sie mürbe, dankbar und zu allem bereit: sich demütigen, vergewaltigen, medizinisch unzureichend versorgen zu lassen, sich von Ärzten behandeln zu lassen, die ihrer Sinne nicht mehr ganz mächtig sind, die kaum mehr sehen können oder ein zittrige Hand haben.“ ([2], S. 12)

Es ist wichtig zu betonen, daß Brot und Rosen diese fünf Ärzte nicht wegen Abtreibung angezeigt hatte, sondern wegen anderer Vergehen und Verbrechen, die sie im Umfeld ihrer Praxis als Abtreibungsärzte begingen. Diese Anzeigen sollten nur der Beginn einer größeren Kampagne sein, doch das beruhte, wie damals Frauen aus dem Frankfurter Frauenhaus schrieben, auf einer Überschätzung der realen Möglichkeiten:

„Die Brot und Rosen-Frauen hatten gehofft, daß diese ersten Anzeigen eine ganze Anzeigenkampagne in der BRD und in Westberlin folgen würde. Hierbei hatten sie jedoch nicht überlegt, daß die Abtreibungslage in Berlin sich wesentlich unterscheidet von anderen Städten in der BRD, in denen es zum Teil nur sehr wenige Abtreiber gibt. […] Anzeigen sind jedoch nur möglich, wenn wir von den Ärzten, die abtreiben, unabhängig sind. Das sind wir leider nicht.“ ([1], S. 5)

So blieb es bei den öffentlichkeitswirksamen Anklagen von Brot und Rosen. Was aus diesen Anklagen wurde, ob irgend einer der Ärzte verurteilt wurde, konnte ich nicht herausfinden. Auch Brot und Rosen zogen sich im Laufe des Jahres 1974 zurück. Nach dem Teach-In im Februar brachten sie noch die zweite Auflage ihres Frauenhandbuches heraus. Darin kündigen sie bereits an, daß sie „bis Ende des Jahres 1974 nicht mehr öffentlich auftreten werden“ ([2], S. 8) – und auch danach hörte man nichts mehr von der Gruppe.

Damit hätten wir auch die zweite Linie, die aus dem Aktionsrat zur Befreiung der Frauen hervorgegangen war, zu ihrem historischen Recht verholfen. Und wenn wir der (rudimentären) offiziellen Geschichtsschreibung der Frauenbewegung folgen, dann sind mit dem Sozialistischen Frauenbund einerseits und Brot und Rosen andererseits alle Spaltprodukte des Aktionsrates abgehandelt. Doch es gibt noch eine inoffizielle, selten bis gar nicht thematisierte Linie, die auch vom Aktionsrat ausging.

Freuen Sie sich deshalb ganz besonders auf nächste Woche, wenn die Frauenbefreiungsfront 1970 meint:

„Der Aktionsrat ist eingegangen, nur noch vereinzelte Frauengrüppchen murkeln vor sich hin, überlegen sich dauernd, wie sie sich organisieren sollen, und machen nichts. Nichts von dem, was wir im Aktionsrat erreichen wollten, ist in Verhalten und Praxis der einzelnen eingegangen.“ ([4])

Nachweise

[1] 218-Gruppe Frauenzentrum Frankfurt, § 218. Dokumentation einer Aktionswoche, Frankfurt a.M. o.J. [1974].

[2] Brot und Rosen, Frauenhandbuch Nr. 1. Abtreibung und Verhütungsmittel (2. Auflage), Berlin 1974.

[3] Brot und Rosen: „Kritik am Tribunal zum § 218“, in: Linnhoff, U., Die neue Frauenbewegung. USA – Europa seit 1968, Köln 1974, S. 68 – 70.

[4] Frauenbefreiungsfront, „Frauen erhebt euch und die Welt erlebt euch“, in: agit883, Jg.2 (1970), Nr.58 (1. Mai 1970), S.8.

[5] Redaktioneller Beitrag, „Sehkraft geschwächt“, in: Der Spiegel, Jg.28 (1974), Nr.7 (11. Februar 1974), S.122 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41784145.html).

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7. Juni 2014 at 14:26

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Brot und Rosen (2)

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Die Frauenbewegung in der BRD (31)

„Die Ärzte sind jedoch gewöhnt, uns als dumme oder hysterische Patientinnen zu behandeln und nicht als Menschen, die verlangen können, alles zu erfahren, was für ihre Gesundheit und Sicherheit notwendig ist.“

Brot und Rosen, Frauenhandbuch Nr. 1

Was bisher geschah: Ende 1971 tauchte Helke Sander, die seit dem Ende des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen nur noch als Filmemacherin in Erscheinung getreten war, in einer neuen Frauengruppe auf: Brot und Rosen. Brot und Rosen sollte nicht viel länger existieren als der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen – gute zwei Jahre. Aber in dieser Zeit sollte die Gruppe, wie schon vorher der Aktionsrat, einiges anstoßen, was für die Entwicklung der Frauenbewegung in der BRD entscheidend sein sollte.

Brot und Rosen verknüpften während ihres Bestehens theoretische mit praktischer Arbeit; und zwar auf eine Weise, die in der besten Tradition der antiautoritären Bewegungen stand. Im Vordergrund stand die Aufklärung – durch Aufklärung sollten Menschen befähigt werden, über ihr eigenes Leben entscheiden zu können. Und die praktischen Aktionen sollten dann dieser Aufklärungsarbeit die notwendige Publizität verschaffen, damit sie nicht im medialen Grundrauschen unterging.

Doch worüber klärten Brot und Rosen auf? Ich hatte schon erwähnt, daß die Gruppe im Zusammenhang mit den Aktionen gegen den Abtreibungsparagraphen 218 gegründet wurde. In diesem Kontext bewegte sich dann auch ihre Aufklärungsarbeit. Ausgehend von der Abtreibungsfrage verfaßte die Gruppe eine 144 Seiten starke Broschüre mit dem Titel Frauenhandbuch Nr. 1. In dieser Broschüre beantworteten sie nicht nur praktische Fragen zur Abtreibung, sondern thematisierten den gesamten Bereich der Geburtenkontrolle, von der Verhütung bis eben zur Abtreibung.

Ursprünglich hatte die Gruppe zu diesem Zweck nur vor, die amerikanischen bzw. kanadischen Broschüren Our Bodies, Ourselves und Handbook for Birth Control einem deutschen Publikum zugänglich zu machen:

„Zuerst wollten wir diese Hefte nur übersetzen, aber dann zweifelten wir an den ungeheuerlichen und völlig neuen Sachen, die wir erfuhren, wir glaubten den amerikanischen Frauen nicht so ganz (weil sie doch auch keine Fachleute sind).“ ([1], S. 5)

Doch im Laufe ihrer Recherchen stellten sie dann fest, daß die Amerikanerinnen völlig recht hatten. Was an Mythen über Verhütung und Abtreibung im Umlauf war und auch von Ärzten vertreten wurden, war unglaublich. Selbst in der Frauenbewegung machten sich die Brot und Rosen-Frauen unbeliebt, als sie die angebliche Unschädlichkeit der Pille aufs Korn nahmen:

„Als wir anfingen, über die Pille nachzudenken, fanden wir sie im grossen und ganzen gut. Fast alle von uns nahmen sie Tag für Tag schon mehrere Jahre, und an Krampfadern, blaue Hände, mehr Gewicht, trockene Haut, Haarausfall oder auch Bartwuchs hatte sich jede so gewöhnt, dass es schon vergessen war. Jetzt, wo die Broschüre fertig ist, und wir sehr viel mehr über die Pille wissen, haben einige von uns aufgehört, sie zu nehmen.“ ([1], S. 75)

In der ersten Auflage der Broschüre listeten die Frauen verschiedene Verdachtsmomente zur Gesundheitsschädlichkeit der Pille auf und zitieren eine medizinische Veröffentlichung:

„Man sollte sich darüberhinaus bewusst machen, dass alle Frauen, die heute Ovulationshemmer einnehmen, sich an einem Grossexperiment beteiligen, dessen Ausgang noch völlig offen ist, da über Langzeitauswirkungen (insbesondere genetische Auswirkungen) zur Zeit noch keine Aussagen möglich sind.“ (zit. nach [1], S. 79)

Daraus zogen Brot und Rosen den Schluß, daß die damals in der Abtreibungsdebatte gängige Forderung der „Pille auf Krankenschein“ abzulehnen sei. Stattdessen beharrten sie auf einer staatlich gesponsorten Langzeitstudie zu schädlichen Nebenwirkungen der Pille und die Entwicklung unschädlicher Verhütungsmittel. In der zweite Auflage der Broschüre verteidigten sie diese Forderungen ausdrücklich:

„Uns wurde vorgeworfen, wir würden den Frauen die Pille wegnehmen wollen oder wir wurden gefragt, welche Alternative wir denn anzubieten hätten. Wir haben keine Alternative anzubieten. Wir haben aber klarmachen können, daß das, was uns vorgesetzt wird, nicht akzeptabel ist. Wir haben klarzumachen versucht, daß wir die Alternativen politisch erkämpfen müssen.“ ([2], S. 2)

Leider müssen junge Frauen auch heute noch feststellen, daß in diesem Kampf in den letzten vierzig Jahren keinerlei Fortschritte erzielt wurden. In dem aktuellen, trotz seines bescheuerten Titels sehr lesenswerten Buch Tussikratie muß Theresa Bäuerlein feststellen:

„Mein Leben lang haben Frauenärzte mir gesagt, die Nebenwirkungen der Pille seien minimal. Deshalb hatte ich lange wenig Ahnung davon, dass Hormontabletten durchaus nennenswerte, durchaus unerwünschte Effekte wie Kopfschmerzen, Depressionen und Wassereinlagerungen auf den Körper haben können.“ ([4], S. 148)

Nichts Neues also an der Verhütungsfront. Daß auch die amerikanischen Frauen zu derartigen Schlüssen gekommen waren, die Frauen von Brot und Rosen also doppelte Arbeit geleistet hatten, hatte durchaus positive Nebenwirkungen.

„Eigentlich wollten wir nur ein Heft über Abtreibung schreiben, dann aber merkten wir, womit alles das zusammenhängt. Um ein richtiges Bild zu geben, mussten wir ausserdem folgende Themen behandeln: die Verhütungsmittel, besonders die Pille, Verhütungsmittel für Männer, die Standesorganisationen der Ärzte, die chemische Industrie, die Kirche.“ ([1], S. 5f)

Die Diskussion über Reproduktion und Verhütung bewegt sich nämlich keineswegs im Rahmen eines rein privaten Problems. Sie ist hochpolitisch, weil sich hier ökonomische, politische und ideologische Interessen kreuzen. Erneut kam die alte Parole des Aktionsrates, daß das Private politisch sei, zu ihrem Recht. Das spielt sich zunächst auf der Ebene ab, die im obigen Zitat schon angezeigt wurde. Die Broschüre von Brot und Rosen enthielt eben nicht nur ganz praktische Informationen über die verschiedenen Verhütungsmethoden oder Hinweise, wie man legal zu einer Abtreibung kommen konnte. Sondern es gab auch allgemeinere, politische Kapitel darüber, welche Interessen Ärzte und ärztliche Standesorganisationen, die Pharmaindustrie (am Beispiel von Schering) und die Kirche daran haben, den sexualpolitischen Ist-Zustand aufrecht zu erhalten.

Doch die Broschüre geht sogar noch einen Schritt weiter und lenkt den Blick über den eigenen Tellerrand hinaus. Auch in den Ländern der sogenannten Dritten Welt ist die Geburtenkontrolle ein Politikum. Allerdings auf eine ganz andere Art und Weise, als das in den kapitalistischen Metropolen der Fall ist. In den USA wurde seit den 60er Jahren die Propagandatrommel gerührt, daß der Untergang der Menschheit bevorstünde, wenn das Bevölkerungswachstum nicht eingedämmt würde. In der BRD übernahm dieses Propagandageschäft dann der Fernseh-Professor Heinz Haber. In dieser Propaganda kam, so analysieren Brot und Rosen, die Angst vor den pauperisierten Massen zum Ausdruck, die durch die neo-imperialistischen Politik der kapitalistischen Metropolen ihrer Subsistenz beraubt wurden. Am Beispiel der „Grünen Revolution“ in Indien führten sie aus:

„»Grüne Revolution« bedeutet, dass die alten Anbaumethoden durch moderne ersetzt werden […] und dass der landwirtschaftliche Betrieb ganz nach kapitalistischen Vorbildern durchorganisiert wird. […] Das bedeutet für viele kleine Pächter, dass sie rausgeschmissen werden, um für die Maschinen Platz zu machen.
Die Folge ist: mehr und landlose Bauern strömen in die Städte. […] Die »Grüne Revolution« produziert grosse Gewinne für die ausländischen Kapitalisten und für die neuen Agrarkapitalisten. Gleichzeitig aber produziert sie auch die rasante Zunahme der Arbeitslosen. Das erfordert dringend Massnahmen zur Geburtenkontrolle, um die Profite aus der »grünen Revolution« nicht zu gefährden.« ([1], S. 66)

Und so kommt es zu einem Paradoxon:

„Während wir hier in Deutschland gegen die Bundesregierung kämpfen müssen, um wenigstens die übelsten Formen des Gebärzwanges (z.B. Jahn’s Paragraph 218) abzuschaffen, lässt dieselbe Bundesregierung durch gemeinnützige Vereine gedeckt, Omnibuskliniken in Tunesien und anderen Entwicklungsländern herumfahren, um Geburtenkontrollen durchzuführen.“ ([1], S. 67)

Indem Brot und Rosen auf diesen neo-imperialistischen Aspekt der Geburtenkontrolle hinwiesen, waren sie der linken Diskussion um eineinhalb Jahrzehnt voraus. Erst mit den Materialien gegen Bevölkerungspolitik und Gentechnologie, die ab 1987 erscheinen sollten, wird dieses Thema in der linken Diskussion breiteren Raum einnehmen.

So verzahnten damals Brot und Rosen die alltäglichen Aspekte von Abtreibung und Verhütung mit einer allgemeinen Kapitalismuskritik, die sich von der anderer Frauengruppen qualitativ deutlich unterschied. Zum einen setzten sie sich damit von den rein feministischen Gruppen ab, die in der ganzen Reproduktionsfrage nur ein Männerkomplott sehen wollten. Zum anderen ging ihr präziser Blick auf die konkreten Zusammenhänge weit über die marxistisch-leninistischen Abstraktionen der sogenannten sozialistischen Frauengruppen hinaus. Das Frauenhandbuch Nr. 1 wurde zunächst mit 10.000 Exemplaren aufgelegt, 1974 erschien dann eine gründlich überarbeitete Neuauflage mit der beeindruckenden Stückzahl von 100.000 Exemplaren.

Nächste Woche werden wir uns der aktivistischen Seite von Brot und Rosen widmen. Freuen Sie sich also schon jetzt darauf, daß uns Brot und Rosen erklären werden:

„Zwar kann spontanes Handeln ein Zeichen für Bewußtsein und Organisiertheit, doch ebenso auch von Ziellosigkeit und schlechter Organisation sein.“ ([3], S. 70)

Nachweise

[1] Brot und Rosen, Frauenhandbuch Nr. 1. Abtreibung und Verhütungsmittel (1. Auflage), Berlin 1972.

[2] Brot und Rosen, Frauenhandbuch Nr. 1. Abtreibung und Verhütungsmittel (2. Auflage), Berlin 1974.

[3] Brot und Rosen: „Kritik am Tribunal zum § 218“, in: Linnhoff, U., Die neue Frauenbewegung. USA – Europa seit 1968, Köln 1974, S. 68 – 70.

[4] Bäuerlein, T. & Knüpling, F., Tussikratie, München 2014.

Written by alterbolschewik

24. Mai 2014 at 8:38

Brot und Rosen (1)

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Die Frauenbewegung in der BRD (30)

„As we come marching, marching, unnumbered women dead
Go crying through our singing their ancient cry for bread.
Small art and love and beauty their drudging spirits knew.
Yes, it is bread we fight for — but we fight for roses, too!“

James Oppenheim, Bread and Roses

Was bisher geschah: Ende 1969 verließ Helke Sander den von ihr mitgegründeten Aktionsrat zur Befreiung der Frauen. Statt sich auf das abstrakte marxistisch-leninistische Schulungsprogramm des sich nunmehr Sozialistischer Frauenbund West-Berlin nennenden Aktionsrates einzulassen, drehte sie lieber Filme. In diesen thematisierte sie in neuer Form die Fragestellungen, die ursprünglich einmal zur Gründung des Aktionsrates geführt hatten.

Doch während Sander Kinder sind keine Rinder und Eine Prämie für Irene drehte, fand in der Frauenbewegung ein enormer Aufschwung statt. Und das an einem Thema, das weder in den Diskussionen des Aktionsrates noch des Sozialistischen Frauenbundes vorgekommen war: Der Frage der Strafbarkeit von Schwangerschaftsabbrüchen. Zwar gab es bereits seit 1969 eine Kampagne gegen den § 218, der die Abtreibung rechtlich regelte, aber diese Kampagne ging ursprünglich nicht von den Frauengruppen aus, sondern war von der Humanistischen Union initiiert worden. Dazu in einer der späteren Folgen dieses Blogs mehr. 1971 jedoch wurde aus dieser, von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommenen Kampagne ein Politikum, das die ganze Republik aufwühlte. Alice Schwarzer hatte die Redaktion des Stern dazu gebracht, auf der Titelseite das Bekenntnis von 374 Frauen abzudrucken: „Wir haben abgetrieben!“

Dieses öffentliche Bekenntnis zum Rechtsbruch war die Initialzündung für die Frauenbewegung als Massenbewegung. Am 6. Juni war die Veröffentlichung im Stern, bereits einen Monat später, am 10. Juli 1971 fand in Frankfurt ein bundesweites Treffen von Frauengruppen statt. Hatte sich Alice Schwarzer zur Vorbereitung ihres Medien-Coups gerade einmal auf vier existierende Frauengruppen stützen können, kamen nun in Frankfurt Vertreterinnen von Aktionsgruppen aus 21 Städten zusammen. Eine weitere Konferenz fand im Oktober statt, auf der für den 6. November koordinierte Demonstrationen in Berlin, München, Bremen und Frankfurt beschlossen wurden.

Nach diesen Demonstrationen war zweierlei klar: Die Gegnerinnen des § 218 hatten zwar eine riesige Öffentlichkeit für das Problem geschaffen, doch das nützte leider nichts:

„Heute haben wir ca. 70 bis 80% der Bevölkerung hinter uns, wenn wir die Abschaffung des Paragraphen verlangen.
Nur, was machen wir mit dieser überwältigenden Mehrheit, wenn der Bundestag, das Justizministerium und die Regierung sich über unsere massiven Demonstrationen, Unterschriftensammlungen und Selbstanzeigen einfach hinwegsetzen. Wir und viele andere haben daraus gelernt, dass diese »Volksvertreter« nicht unsere Forderungen vertreten, sondern die Interessen derjenigen, die sowieso die Macht in dieser Gesellschaft haben.“ ([1], S. 3)

Aus diesem gemischten Gefühl heraus – wir sind viele, aber wir werden ignoriert – entstand dann Ende 1971 die Gruppe Brot und Rosen, bei der wieder deutlich die Handschrift von Helke Sander sichtbar wurde. Diese Gruppe unterschied sich allerdings organisatorisch gewaltig vom Aktionsrat. Der Aktionsrat war im Grunde ein regelmäßig stattfindendes öffentliches Plenum gewesen, zu dem jede kommen konnte, die Lust dazu hatte. Dadurch hatte es dem Aktionsrat an Stringenz und Verbindlichkeit gefehlt. Das um Schulungen konzentrierte Organisationskonzept, das die Fraktion um Frigga Haug entwickelte, sollte zwar mehr Verbindlichkeit schaffen – doch ein produktiver Arbeitszusammenhang entstand daraus nicht. Der Sozialistische Frauenbund fungierte in den ersten Jahren als reiner Durchlauferhitzer, es bildete sich keine stabile, handlungsfähige Kontinuität heraus.

Brot und Rosen sollte anders sein. Die ursprüngliche Gruppe bestand wohl zu Beginn aus ungefähr zehn Frauen ([1], S. 3), die sich dann schnell auf einen harten Kern von fünf Aktivistinnen reduzierte ([2], S. 7). Diese Beschränkung auf wenige, aber engagierte Mitglieder dürfte den Erfahrungen mit dem Aktionsrat geschuldet gewesen sein:

„Wir haben bei Frauengruppen nicht nur den Ruf, eine »gute Gruppe« zu sein, sondern auch den, autoritär und überheblich zu sein. Das sind wir nicht, aber wir sind oft abweisend und das wird als unangenehm empfunden.“ ([2], S. 8)

Das Wachstum der Gruppe im Laufe der nächsten zwei Jahre wurde bewußt begrenzt:

„Wir haben uns bis jetzt mehr zufällig und privat erweitert. Meistens war es so, daß Frauen längere Zeit praktisch gezeigt haben, daß sie unsere Forderungen unterstützen und sich dafür mit viel Arbeit – theoretischer und praktischer – einsetzen.“ ([2], S 8)

Tatsächlich bemühten sich Brot und Rosen, Theorie und Praxis eng miteinander zu verzahnen, nicht nur, um bloße Mitläuferinnen abzuschrecken. Wobei sie unter Theorie etwas anderes verstanden als blutleere Mao- oder Leninschulungen. Theorie begriff die Gruppe als intellektuelle Selbstermächtigung:

„Wir Frauen müssen uns selbst dazu befähigen, das, was mit uns gemacht wird, fachlich beurteilen zu können. Wir müssen lernen, irgendwelchen Fachidioten, seien es Gynäkologen oder Pillenfabrikanten, Gesetzemachern oder Arbeitgebern auf die Finger zu schauen. Wir müssen unsere Angst verlieren vor Männern, die im Namen irgendeiner Wissenschaft Respekt für sich und ihre Handlungen fordern. Wir müssen es wagen, Fragen zu stellen, so gründlich zu stellen, dass sie uns nicht mehr abtun können wie bisher.
Wir müssen die Furcht verlieren, etwas Falsches zu sagen und uns nicht richtig ausdrücken zu können. Schliesslich ist es nicht unsere Schuld, dass wir nicht ausgebildet sind, und es ist nicht ihr Verdienst, dass sie privilegiert sind.“ ([1], S. 4f)

Und so lasen die Frauen von Brot und Rosen nicht Engels‘ Vom Ursprung der Familie, sondern Our Bodies, Ourselves vom Boston Women’s Health Book Collective. Die amerikanische Historikerin Nancy MacLean charakterisierte diese 1971 erstmals veröffentlichte Broschüre folgendermaßen:

„Eine der elektrisierendsten Kräfte war ein weitverbreiteter und erschwinglicher Selbsthilfe-Ratgeber zur Frauengesundheit, der 1970 vom Boston Woman’s Health Collective veröffentlicht wurde, einer Gruppe von zwölf Frauen, die verschiedene Aspekte der weiblichen Physiologie untersuchten. Von der ersten, auf billigem Papier gedruckten Ausgabe wurden innerhalb von drei Jahren 250.000 Exemplare verkauft. […] Hier bildete sich das Beste der neuen Bewegung ab, indem die Aufmerksamkeit auf die Unterschiedlichkeit von Frauen gelenkt wurde, zudem Körper und Geist verbunden und Selbstfürsorge mit einem Engagement zum Aufbau einer Gemeinschaft vereint wurden. Vor allem wurde Frauen das Wissen zur Verfügung gestellt, das sie benötigten, um ihr Leben selbstbestimmter leben zu können.“ ([3], S. 25)

Insofern ist Theorie vielleicht das falsche Wort. Was Brot und Rosen anstrebten, war nicht eine abstrakte Theorie, sondern die Aneignung und Verbreitung von Wissen, praktischem Wissen, das den Frauen unmittelbar helfen sollte, sich aus gesellschaftlichen Abhängigkeiten zu befreien. Hier scheint erneut die programmatische Absicht des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen auf, wo es ja auch darum ging, Frauen den Freiraum zu schaffen, in dem sie selbst über ihr Leben entscheiden konnten.

Doch in dieser reinen Wissensaneignung und -vermittlung sollte sich die Arbeit von Brot und Rosen nicht erschöpfen. Ihre Programmatik enthielt noch einen anderen Punkt:

„Wir müssen den Frauen, die vorerst noch nicht an unserer Arbeit teilnehmen, durch direkte und allgemein verständliche Aktionen zeigen, wer aus unserer Lage Profit schlägt. Wir müssen die einzelnen Gynäkologen und ihre Interessensverbände bekämpfen, wir müssen die pharmazeutisch Industrie und einzelne Firmen angreifen. Wir müssen die Kirche und ihre Vertreter blosstellen.“ ([1], S. 6)

Damit stellte sich Brot und Rosen ausdrücklich in die Tradition der antiautoritären Bewegungen, indem sie die vor dem Zerfall der antiautoritären Bewegungen propagierte Einheit von Aktion und Aufklärung erneut aufgriff und zum Programm machte.

Nächste Woche werden wir uns genauer ansehen, wie Brot und Rosen versuchten, diesen programmatischen Anspruch tatsächlich umzusetzen. Freuen Sie sich also darauf, wenn die Gruppe schreibt:

„Nur wenn wir wissen, was wir wollen, sind wir eine gesellschaftliche Kraft, mit der andere sich auseinanderzusetzen haben. Nur, wenn wir unsere Interessen kennen und klar benennen, nur dann können wir mit Männern zusammenarbeiten, nur dann sind »Männer und Frauen stark«.“ ([2], S. 28f)

Nachweise

[1] Brot und Rosen, Frauenhandbuch Nr. 1. Abtreibung und Verhütungsmittel (1. Auflage), Berlin 1972.

[2] Brot und Rosen, Frauenhandbuch Nr. 1. Abtreibung und Verhütungsmittel (2. Auflage), Berlin 1974.

[3] MacLean, N., The American Women’s Movement, 1945 – 2000, Boston und New York 2009.

Written by alterbolschewik

16. Mai 2014 at 16:20

Veröffentlicht in Feminismus

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