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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

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„Wer Keine Kraft Zum Träumen Hat, Hat Keine Kraft Zu Leben“ (Ernst Toller)

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„4.13 Uhr: Wer nicht auf der Party der unabhängigen Kleinverlage war, hat nicht gelebt. Junge Menschen tanzen zu Seal, und Wagenbach und Rotbuch geben sich über Treppengeländer hinweg die Hand. „Ist das nicht der Mann von Heidi Klum?“ fragt Jörg Sundermeyer, und das sagt ja wohl alles über den Stellenwert des Musikers in der heutigen Zeit. Oder jedenfalls beim Verbrecher-Verlag.“

„Mach das Licht aus, wenn Du gehst“: An Element of Crime habe ich immer schon geliebt die Aneignung untergegangener Welten auf fast verborgene Weise.

Schon damals, als sie noch englisch gesungen haben und mein erstes Konzert hier in Hamburg im Westwerk, wo ich ja neuerdings wieder ein- und ausgehe, gleich ein erstes Konzert-Highlight war: In der „Try to be Mensch“-Phase war das, Regener gab den kinskiesken Psycho und hatte eine saucoole Frisur, und mir kam’s vor wie eine Kombi von The Clash der „London Callin'“-Phase, Edgar Wallace-Filmen und Sartre-Romanen, was die da zelebrierten. Musikologisch wahrscheinlich völliger Quatsch, aber diese Kombi auf die zweite Hälfte der 80er zu beziehen, das ist noch nicht mal völlig falsch.

„Herr Lehmann“ halte ich ja immer noch für die gelungenste Thematisierung der 80er ausnahmsweise mal aus West-Perspektive, ansonsten haben ja Osis und VW-Werbe-Claims das Privileg, ihre Jugend aufzuarbeiten, ganz, als habe es West-Berlin nie gegeben und statt des Steigenberger und dieser doofen Privat-Klinik nie ’nen londonesken Parkplatz aus Schutt und Erde vorm Westwerk, direkt am Fleet.

Und dann kam dieses wundervolle, unerreichte „Damals hinter Mond“-Album, das erste von Element of Crime mit deutschen Texten, ich erinner mich noch gut an einen Artikel im ZEIT-Magazin, wo der sich lachend in’s Meer stürzende Dosenfisch zitiert sich fand.

Es war die Zeit von Haddayway und Dr. Alban, von Techno und auch Grunge, und dann kommen da diese ehemals von John Peel gespielten Berliner Musiker um die Ecke und bringen großartig zeitgemäße Chansons heraus: Perlen grantelnder Melancholie, und auf einmal steht ein Brecht im Zimmer, Musik aufersteht, diese wundervolle Tradition der Lieder der Zwanziger Jahre erwacht erneut und scheint mir rein formal ungleich politischer als jeder Politsong es je gewesen ist.

Hatten Element of Crime doch schon in ihrer englischsprachigen Phase auf einmal den „Surabaya“-Johnny auf die Bühne gebracht, nun retteten sie in einem phänomenalen Gegendiskurs zur „Wieder“-Vereinigung auf einmal genau jene Stränge der Ästhetik auf CD, die ein Neo Rauch bis heute nicht verstanden hat und die im Einheitsgedusel vor lauter Adenauerei und „Friede, Freude, Eierkuchen“ platt gewalzt wurden.

Ja, auch der hier gehört dazu, den kennt ja heute kein Schwein mehr, für mich mit 17, 18 ein immens wichtiger Autor, damals, als mir das sensationelle Buch „Die verbrannten Dichter“ in die Hände fiel und ein Toller, ein Mühsam, eine Else-Lasker-Schüler mir Welten eröffneten, die ein Konstantin Wecker zwar fortzuschreiben vermochte, nie jedoch auch nur irgendwer in der „offiziellen Kultur“.

Erinnerung marginalisiert Kulturen, und bis heute ist „Grün ist die Heide“ ja wirkungsmächtiger als „Die kleine Freiheit“, „Einsam bist Du sehr alleine, aus der Wanduhr tropft die Zeit“, na, vielleicht weiß ja der eine oder andere Kommentator, was ich meine.

Regener ist keiner, der je so platt politisch drauflosspazieren würde, wie ich das hier das tue, aber selbst so eine hingebloggte Miniatur wie die oben eröffnet mir gleich ganze Welten: Da höre ich nicht nur „Kiss from a Rose“ und Terence Trent d’Arby gleichzeitig, da habe ich auch das Gefühl von diesen schwarzgerandeten Wagenbach-Bändchen und  „Schon bist Du ein Verfassungsfeind“, war, glaube ich, im Rotbuch-Verlag erschienen, zwischen den Fingern.

Die fühlten sich ja anders an als dtv oder rororo, die Bücher. Da vergegenwärtigt man sich plötzlich die DDR-Buchausgaben von Mühsam aus dünnem Papier, den im Westen kaum jemand verlegte, „Ich bin verdammt zu warten, in einem Bürgergarten“ war so ein Gedichtbändchen aus dem Osten, und man sieht sich wieder durch die Niedersächsische Landesbibliothek spazieren und mit seltsamen, grün-schwarzen Computer-?, ja, wie hießen denn diese Dinger, die man in die Lesegeräte geschoben hat?, hantieren, um nach alten Ausgaben der „Weltbühne“ zu suchen.

Panther, Tiger & Co, das immerhin gab’s auch in Großverlagen, und bis heute empfinde ich tiefe Demütigung, wenn ich mich zurückerinner, wie ausgerechnet Helmut Kohl, der Ernst Jünger hofierte, Tucholsky zitierte – ja, ein paar Sätze von Regener und eine Welt geht auf, die andere wohlverschlossen halten wollen

Wenn jedoch am anderen Pol der Blogosphäre sich auf Picasso besonnen wird, dann besteht ja noch Hoffnung. Bei der Lektüre habe ich mich gefreut heute morgen.

Written by momorulez

19. Oktober 2008 at 9:44

Ach, wat hab ich das geliebt!

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Written by momorulez

5. August 2008 at 9:43

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