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Historisierung

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Bewegungslehre (7)

„Die affektiven Hauptformen der Masse […] treten sehr früh auf, ihre Geschichte ist so alt wie die der Menschheit selbst und zwei dieser Formen noch älter.“

Elias Canetti

Was bisher geschah: Im letzten Beitrag haben wir gesehen, daß es bei Bewegungen darum geht, sich einer bestimmten Vorstellung, wie die gesellschaftliche Ordnung sein solle, zu versichern. Und, wenn diese Ordnungsvorstellungen mit den Realitäten nicht übereinstimmen, zu versuchen, eine solche Übereinstimmung herzustellen.

In diesem Beitrag (und wohl auch den nächsten) wird es darum gehen, wie denn solche alternativen Vorstellungen von gesellschaftlicher Ordnung entstehen, wie sie sich verbreiten und konsolidieren. Denn erst die Verbreitung alternativer gesellschaftlicher Ordnungsvorstellungen über das unmittelbare initiierende Ereignis hinaus führt dazu, daß weitreichende gesellschaftliche Veränderungen möglich sind – im Guten wie im Schlechten. Und wenn wir darüber reden, wie bestimmte Weltbilder in Umlauf gesetzt werden, dann müssen wir über die Kanäle reden, die zur Verbreitung von Ideen benutzt werden. Mit anderen Worten: Es geht um die Medien.

Damit machen wir einen gewaltigen Sprung in unserer Untersuchung. Die bisherigen Überlegungen bewegten sich in einer anthropologischen Sphäre, in der Geschichte wenig Platz hatte. Wenn ich vom Ereignis als Schock, der Masse als Selbstvergewisserung und so weiter geschrieben habe, dann fehlte dem immer die präzise historische Verortung. Wo ich Beispiele brachte – wie etwa die Spiegel-Affäre – dienten diese Beispiele der Illustration von Invarianten, nicht der Analyse von etwas völlig Neuem. Der manifeste Inhalt eines Massenphänomens mochte noch so historisch bestimmt sein, seine Form fand und findet sich in den unterschiedlichsten Massenphänomenen wieder. Insofern suggeriert meine bisherige Darstellung, daß die wesentlichen Bestimmungen, die Massen und Bewegungen auszeichnen, einer mehr oder minder konstant angenommenen Natur des Menschen entspringen. Schuld daran ist sicherlich der ständige Bezug auf Elias Canettis Masse und Macht.

Canetti betrachtet Massenphänomene weitgehend als anthropologische Konstanten – ob er deren Mechanismen an australischen Aborigines oder aber an einem modernen Konzertpublikum studiert, ist ihm völlig egal. Das ist auch der Grund, warum ich, als ich vor rund zwanzig Jahren zum ersten Mal Masse und Macht las, das Buch nicht wirklich ernst nahm. Als guter Marxist hielt ich die gesellschaftliche Überformung der menschlichen Natur für viel wesentlicher als irgendwelche angeblichen anthropologischen Konstanten.

Im Großen und Ganzen halte ich das auch heute immer noch für richtig. Die menschliche Natur zeichnet sich ja gerade dadurch aus, daß sie hochgradig flexibel ist und sich sowohl an sehr unterschiedliche Naturbedingungen wie auch an mannigfaltige gesellschaftliche Ordnungsstrukturen anpassen kann. Während immer dann, wenn von angeblichen anthropologischen Konstanten die Rede ist, dabei Blödsinn herauskommt wie der, daß Männer angeblich nicht zuhören und Frauen nicht einparken könnten. Kurz und gut: Das Wissen um die historische Variabilität der menschlichen Natur erzeugte in mir ein gesundes Mißtrauen gegenüber Canettis Thesen.

Doch der eigentliche Witz an Canettis Thesen, wie ich sie heute sehe, ist genau dies, daß in Massenphänomenen die gesellschaftliche Überformung der menschlichen Natur aufgebrochen wird. Am deutlichsten wird das zweifellos am Phänomen Massenpanik, wenn eine existierende Masse aus irgendeinem Grund rapide zerfällt. Vermutlich reagieren heute die Menschen beim Brand in einem Kino genau so wie ihre Ahnen vor Jahrzehntausenden bei einem Buschfeuer. Canetti verfolgt dieses Verhalten sogar zurück bis zu Tierhorden.

So wie ich Canetti inzwischen interpretiere heißt das aber nicht, daß er an die Stelle historisch-gesellschaftlicher Erklärungen für Massenphänomene einfach ahistorisch-anthropologische Erklärungen setzt. Aus meiner heutigen Sicht sind das nicht zwei Alternativen, die sich gegenseitig ausschließen. Es geht vielmehr darum, daß in bestimmten historisch-gesellschaftlichen Situationen die bestehende Ordnung aufbricht (in verkürzter Marxscher Terminologie: Die Entwicklung der Produktivkräfte führt dazu, daß der gesellschaftliche Überbau den entwickelteren Produktionsverhältnissen nicht mehr entspricht). Und dieser Zerfall der bestehenden Ordnung führt dazu, daß archaische Handlungsmuster wieder reaktiviert werden; allerdings zu einem ganz bestimmten Zweck, nämlich dem, wieder eine neue Ordnung herzustellen. Massenphänomene und die daraus resultierenden Bewegungen sind somit Rückfälle in archaische Verhaltensmuster, dabei aber auch gleichzeitig Versuche zur Herstellung einer neuen Ordnung. Oder noch einmal anders formuliert: Die neue Ordnung muß, um sich durchzusetzen, gerade diese Archaismen reaktivieren, die sie dann wieder verdrängen wird, wenn sie sich einmal etabliert hat.

Wenn man diese Doppelnatur begriffen hat, werden etwa Diskussionen wie die, ob der Nationalsozialismus ein archaischer Rückfall oder aber eine perverse Modernisierungsbewegung war, obsolet: Er war beides zur gleichen Zeit. Er war eine Bewegung, die eine gesellschaftliche Modernisierung durchzusetzen versuchte, indem er ein durch und durch archaisches Potential reaktivierte. Gerade deshalb sollte uns der Nationalsozialismus immer als Warnung dienen. In allen Bewegungen, egal ob man sie nun reaktionär oder progressiv nennt, ist ein solches archaisch-regressives Potential enthalten – da sollte man sich keine Illusionen machen.

Und weil Massenbewegungen immer ein solches Potential reaktivieren, gibt es die nachvollziehbare, aber dennoch falsche Meinung, daß sie grundsätzlich abzulehnen und dort, wo sie auftreten, zu bekämpfen seien. Doch diese Möglichkeit gibt es überhaupt nicht. In dem Maße, in dem sich die Gesellschaft fortentwickelt, werden gesellschaftliche Widersprüche auftreten, die gelöst werden müssen. Und es wird Institutionen geben, die nicht in der Lage sind, auf derartige Widersprüche zu reagieren. Deshalb ist es äußerst unwahrscheinlich, daß man der Problematik der Massenbewegungen irgendwie entkommen könnte.

Natürlich gab und gibt es Ansätze, dieses Problem zu lösen. Das parlamentarische Modell ist ein ziemlich weit entwickelter Versuch, um gesellschaftliche Widersprüche rechtzeitig zu entschärfen, bevor sich daraus Bewegungen entwickeln. Doch wenn man sich die noch nicht sehr alte Geschichte des Parlamentarismus anschaut, dann sieht man, daß das selbst einem so flexiblen System wie dem Parlamentarismus nur sehr unzureichend gelingt. Grundlegende notwendige Modernisierungen wurden selbst in parlamentarischen Demokratien in der Regel immer von Bewegungen durchgesetzt. Das heißt, selbst ein parlamentarisch moderierter Erneuerungsprozeß der Gesellschaft stößt immer wieder an seine Grenzen und provoziert außerparlamentarische Bewegungen, die einen gesellschaftlichen Wandel einfordern.

Die westlichen parlamentarischen Demokratien haben deswegen einigermaßen gelernt, wie man mit den unvermeidlich entstehenden Bewegungen umgehen muß, damit diese nicht zu einem grundsätzlichen Umsturz der Ordnung führen. Doch die Zeichen mehren sich, daß sich gerade innerhalb dieser parlamentarischen Demokratien Bewegungen herausbilden, deren parlamentarische Entschärfung schwierig werden dürfte. Ich meine damit natürlich die europafeindlichen, antiislamistischen und homophoben Bewegungen, die in ganz Europa Zulauf erhalten. Das Problem an diesen ist, daß sie die Vorstellung von einer neuen Ordnung bereits ziemlich komplett ausgebildet haben – auch wenn diese Vorstellung für Außenstehende komplett wahnwitzig erscheint.

Angesichts dieser Bewegungen stellt sich die Frage, wie sich denn solche Weltbilder entwickeln und ausbreiten, welche Kanäle es gibt und welche Rolle diese spielen. Und diese Frage läßt sich nun überhaupt nicht mehr ahistorisch-anthropologisch beantworten. In spezifischen historischen Situationen sind es ganz unterschiedliche Medien, die die Verbreitung von Gedanken bestimmen. Und deren Art und Weise der Verbreitung ist gegenüber dem Inhalt nicht neutral, sondern bestimmt diesen mit. Die Reformation wäre ohne den Buchdruck nicht möglich gewesen; die bürgerlichen Revolutionen ebenso wie die Arbeiterbewegung wurden ganz wesentlich durch die Zeitungen geprägt; Hitler brauchte den Volksempfänger, um an der Macht zu bleiben; die anti-autoritären Bewegungen wurden vom Fernsehen beeinflußt; und die Irren von Pegida scheinen den schlimmsten Befürchtungen von Internetkritikern recht zu geben.

Das heißt nicht, daß Medien Bewegungen machen. Aber die zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt zur Verfügung stehenden Medien beeinflussen die Art und Weise, wie gesellschaftliche Widersprüche in alternative Vorstellungen von einer gesellschaftlichen Ordnung gegossen werden. Und es hängt auch von den entsprechenden Medien ab, wie realitätsgerecht diese Weltbilder auf die gesellschaftlichen Widersprüche reagieren – oder auch nicht.

Ab nächste Woche sollen diese grundsätzlichen Überlegungen dann wieder am historischen Beispiel entwickelt werden. Und wir werden uns einer Bewegung zuwenden, die wohl als erste durch ein modernes Medium geprägt wurde: Dem deutschen Bauernkrieg zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Freuen Sie sich also darauf, daß Friedrich Engels erklärt:

„Um dieselbe Zeit, wo im Schwarzwald die vierte Bundschuhverschwörung unterdrückt wurde, gab Luther in Wittenberg das Signal zu der Bewegung, die alle Stände mit in den Strudel reißen und das ganze Reich erschüttern sollte. Die Thesen des thüringer Augustiners zündeten wie ein Blitz in ein Pulverfaß.“ ([1], S. 372)

Nachweise

[1] Engels, F.: „Der deutsche Bauernkrieg“, in: Marx, K. & Engels, F., Werke Bd. 7, Berlin 1956ff, S. 327 – 413.

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19. Dezember 2014 at 16:10

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Massenkristalle

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Bewegungslehre (5)

„Wer sich heute nicht setzt, kann morgen schon sitzen!“

Sitzstreikparole, Frankfurt 1962

Was bisher geschah: Am Abend des 26. Oktober 1962, einem Freitag, wurde in Hamburg die Spiegel-Redaktion von den Ermittlungsbehörden besetzt. Grund dieser „Nacht-und-Nebel“-Aktion: Verdacht auf Landesverrat. Am Samstagmittag stellte sich Rudolf Augstein der Polizei. Und schon am Sonntag fand die erste spontane Protestdemonstration in Stuttgart statt.

Ich hatte letzte Woche bereits darauf hingewiesen, daß die Demonstration in Stuttgart nicht von politisch völlig unerfahrenen und unorganisierten Leuten initiiert wurde. Vielmehr wurde die Demonstration ziemlich symbolträchtig aufgezogen. Die AktivistInnen vom Verband der Kriegsdienstgegner hatten sich die Münder mit Heftpflaster verschlossen, hielten Ausgaben des Spiegel in der Hand, bekannten sich mit handgeschriebenen Plakaten mit der Zeitschrift solidarisch. Außerdem hatten sie eine Presseerklärung geschrieben, die sie der Deutschen Presseagentur telefonisch durchgaben. Und sie standen direkt vor der Redaktion der Stuttgarter Nachrichten, so daß die lokale Presse den Protest nicht ignorieren konnte. Dabei hätten sie sich keine Sorgen machen müssen:

„Als die Reihe stand, brauchte ich gar nicht mehr ins Verlagsgebäude zu gehen. Ein Lokalreporter kam mit einer Sofortbildkamera, fragte wer wir seien und nahm meine Presseerklärung entgegen.“ ([3], S. 19)

Nach Beendigung der Aktion überlegten sich die Protestierenden, ob sie noch etwas trinken gehen sollten, entschieden sich dann aber dafür, sich vorher noch die Tagesschau anzusehen, ob es neue Entwicklungen in der Spiegel-Affäre gebe:

„Das war eine glückliche Entscheidung, denn es gab eine Überraschung. Der Reporter der Stuttgarter Nachrichten war fix gewesen. Unser Bild kam in der Tagesschau. Bürgerprotest zugunsten der Spiegel-Redakteure! Das erste Zeichen, dass der Mann auf der Straße sich von Adenauers Rede, dass hier »ein Abgrund von Landesverrat« klaffe, nicht einschüchtern ließ.
Auch der Ticker von dpa tat sein Werk. Wir hatten die Nachricht produziert, auf welche die Presse gewartet hatte. Die Stuttgarter Nachrichten – und sogar die Konkurrenz, die Stuttgarter Zeitung – berichteten am Montag über unsere Aktion, die eine mit Bild, die andere ohne. Mich freute, dass meine Presseerklärung vollständig zitiert wurde.“ ([3], S. 19)

Das macht deutlich, daß es noch einen weiteren wichtigen Akteur gibt, den wir bei unserem Versuch, die Natur von Protestbewegungen zu verstehen, mit in den Blick nehmen müssen: Die Medien. Doch dazu in einem späteren Beitrag mehr. Hier interessiert uns zunächst etwas anderes, nämlich die Natur der Spontaneität. Läßt sich, angesichts dieses professionellen Herangehens tatsächlich von spontanem Protest reden? Ist das nicht vielmehr genau die Art von organisierter Demonstration, die ich im vorletzten Beitrag etwas abfällig als „synthetische Bewegung“ bezeichnet hatte?

Keineswegs. Denn der Ursprung des Ganzen liegt im Ereignis – dem staatliche Angriff auf den Spiegel – zu finden, es war diese Aktion der Staatsmacht, die die Proteste auslöste. Die Demonstration entsprang keinen strategischen oder auch nur taktischen Planungszielen der Organisation. Die Verteidigung der Pressefreiheit war kein primäres Interesse des Verbandes der Kriegsdienstgegner (VK). Dessen Mitglieder reagierten nur sensibler und damit schneller als der Rest der Öffentlichkeit.

Im Gegensatz zum Großteil der Öffentlichkeit kannten sie den inkriminierten Artikel ziemlich genau, weil dieser tatsächlich in das Interessensgebiet ihrer Organisation fiel. Schließlich lag die Veröffentlichung bereits zwei Wochen zurück, doch den Kriegsdienstgegner war er ziemlich präsent, weil er ihre Kritik am Adenauerschen Militarismus und dessen potentiell katastrophalen Konsequenzen auch durch die gegnerische Seite beglaubigte:

„Dieser Bericht bestätigte quasi NATO-offiziell die schlimmsten Befürchtungen unserer Gruppe.“ ([3], S. 17)

Gegenstand des Protestes war aber nicht der Artikel selbst, sondern der offenkundige Versuch der Regierung, die kritische Berichterstattung zu einem der umstrittensten Politikfelder der Adenauer-Regierung zu unterdrücken. Es ging also um die Rolle der Presse in einer funktionierenden Demokratie, und das war nun gerade nicht ein zentraler programmatischer Bestandteil der VK. Konsequenterweise beschloß die Gruppe, ausdrücklich nicht als Stuttgarter Ortsgruppe der VK aufzutreten:

„Möglichst viele sollten sich mit unserem Protest identifizieren. War es da nicht besser, wenn wir uns heute nicht als Randgruppe der Gesellschaft zu erkennen gaben, also weder von Kriegsdienstverweigerung, noch von unserer Teilnahme an den Ostermärschen, noch gar von unserem Plan des Aufbaus einer Gewaltfreien Zivilarmee sprachen. »Wir tun so, als ob wir uns sonntagmorgens regelmäßig zu einer Art politischem Stammtisch treffen und uns nun spontan zu diesem Zeichen der Ermunterung für die inhaftierten Spiegel-Redakteure entschlossen haben.« Das sagte ich Günter am Telefon. Auch mit Artur Epp verständigte ich mich noch. Sie waren einverstanden: »Ja, um der Sache willen, ist heute Zurückhaltung geboten. Flagge zeigen, könnten wir ein andermal.«“ ([3], S. 18f)

Dieser Ablauf ist keineswegs untypisch. Am Anfang, bei der Initiierung einer Bewegung, sind es häufig Organisationen – oder besser: Menschen, die schon Organisationserfahrung haben – von denen die erste Aktivitäten ausgehen. Das heißt nicht, daß die Organisation die Bewegungen hervorbringen. Sie sind eher als Katalysatoren oder Kristallisationspunkte anzusehen, die den Prozeß zwar in Gang setzten, worauf dieser dann aber eine Eigendynamik gewinnt, die sich von den Initiatoren emanzipiert. Canetti spricht in diesem Zusammenhang von „Massenkristallen“ ([1], S. 79ff). Allerdings bleibt, da er nicht zwischen Massen und Bewegungen unterscheidet, seine Bestimmung dessen, was Massenkristalle überhaupt sind, seltsam unscharf. Dennoch hat er eine der wesentlichen Eigenschaften dieser Massenkristalle herausgearbeitet. Es ist die Eigenschaft, daß Massenkristalle deutlich langlebiger sind als Massen (und Bewegungen):

„Zwar bilden sich immer neue Formen aus, aber die alten in ihrem Eigensinn bleiben daneben bestehen. Sie mögen zeitweilig in den Hintergrund treten und an Schärfe und Unentbehrlichkeit verlieren. Die Massen, die zu ihnen gehörten, sind vielleicht abgestorben oder man hat sie ganz unterdrückt. Als harmlose Gruppen, ohne irgend etwas nach außen zu bewirken, leben die Kristalle dann für sich weiter. […] Der Augenblick, da sie gebraucht werden, kommt so sicher wieder, wie es neuartige Massen gibt, zu deren Erregung und Auslösung sie sich eignen mögen.“ ([1], S. 80f)

Gerade an der Spiegel-Affäre läßt sich sehr schön die Katalysatorfunktion der Massenkristalle aufzeigen, denn in unterschiedlichen Städten waren es sehr unterschiedliche Organisationen, die zu öffentlichem Protest aufriefen, die dann aber schnell weitere, bislang unorganisierte Menschen mobilisieren konnten:

„Insgesamt kam es in den ersten vier Wochen der Spiegel-Affäre zu mindestens 23 Demonstrationen in 17 Städten der Bundesrepublik, meist mit Sitz einer Universität oder Hochschule. Am häufigsten ging die Initiative von politischen Studentenverbänden, wie dem Liberalen Studentenbund Deutschlands (LSD), dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), dem Sozialdemokratischen Hochschulbund (SHB) oder gewerkschaftlichen Studentengruppen aus. Doch die Mehrzahl der Demonstranten bestand aus Studenten, die sonst nicht in politischen Studentenverbänden mitarbeiteten.“ ([4], S. 161)

Das heißt, es ist relativ egal, welche Organisation als Katalysator dient, es braucht nur einen Kristallisationspunkt, um den herum sich die Masse gruppieren kann. Im Extremfall kann das auch eine einzige Person sein. Ein gutes Beispiel hierfür findet sich bereits einen Tag nach der Stuttgarter Aktion in Düsseldorf. Dort stellte sich eine Einzelperson, der 30-jährige Werbegraphiker Günter W., mit einem selbstgemalten Plakat auf die Königsallee. Im Polizeibericht hieß es dazu:

„Das Plakat ist wie folgt bemalt: »Warte, warte noch ein Weilchen, bald kommt Josef auch zu Dir, mit dem großen Hackebeilchen und macht Büchsenfleisch aus Dir!« Weiter sind auf dem Plakat einige Büchsen mit den Aufschriften »Der Spiegel«, »Demokrat«, »…albohm«, »Takt und Anstand« und weiter eine feiste männliche Person mit einem Beil aufgemalt; vom Beil tropft rote Farbe.“ (zit. nach [4], S. 162)

Um diesen singulären Massenkristall sammelten sich dann in kürzester Zeit rund 200 Menschen ([2]) – bis Günter W. dann einfach von der Polizei festgenommen wurde. Mit anderen Worten: Wenn das Ereignis eintritt, muß jemand die Initiative ergreifen. Das können einzelne, bislang in der Öffentlichkeit unbekannte Personen sein, doch mit größerer Wahrscheinlichkeit sind es bereits bestehende Organisationen, die als Massenkristalle fungieren.

Unglücklicherweise leiden politische Organisationen notorisch an der Illusion, sie würden die Bewegungen hervorbringen, für die sie eigentlich nur als Katalysatoren dienen. Es ist nicht ihre geduldige politische Wühlarbeit, die irgendwann umschlägt in eine Bewegung. Sondern die Bewegung ist das Resultat eines unerwarteten, aber symbolischen Ereignisses, in dessen Folge dann Organisationen als Katalysatoren wirken können.

Nächste Woche schauen wir uns näher an, was das Ereignis, wenn es denn ein Symbol ist, überhaupt symbolisiert. Freuen Sie sich also darauf, wenn Harry Pross zur Spiegel-Affäre meint, sie habe geholfen,

„im Volk zwei Parteien quer durch alle Schichten zu bilden: die Landesverratspartei und die Anti-Willkür-Partei.“ (zit. nach [4], S. 215)

Nachweise

[1] Canetti, E., Masse und Macht, Frankfurt a.M. 1980.

[2] clj & BeK: „Protest: Die Zivilgesellschaft geht auf die Strasse“, URL: http://www.anstageslicht.de/themen/themenkategorien/geschichtenansicht/berichtansicht/kat/history/story/die-spiegel-affaere-1962-und-danach/kapitel/landkarte-des-protests-demonstrationen-und-diskussionen/report/158.html, abgerufen am 26. November 2014.

[3] Ebert, T.: „Auf der Suche nach einer gewaltfreien Alternative zur Bundeswehr – Erfahrungsbericht eines Friedensforschers“, URL: http://www.lebenshaus-alb.de/magazin/media/pdf/Ebert_Nuernberg_2_11_05.pdf, abgerufen am 28. November 2014.

[4] Liebel, M.: „Die öffentlichen Reaktionen in der Bundesrepublik“, in: Ellwein, T.; Liebel, M. & Negt, I., Die Spiegel-Affäre II – Die Reaktion der Öffentlichkeit, Olten 1966, S. 37 – 240.

Written by alterbolschewik

5. Dezember 2014 at 14:56

Risse in der Ordnung

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Bewegungslehre (3)

„Die Neigung der Menschen, zu Feuer zu werden, dieses alte Symbol zu reaktivieren, ist auch in späteren, komplexeren Kulturen stark.“

Elias Canetti, Masse und Macht

Was bisher geschah: In der letzten Woche wurde zwischen Bewegungen differenziert. Ich behauptete, daß es auf der einen Seite synthetische Bewegungen gebe, das heißt, Bewegungen bei denen die Mobilisierung bewußt von gesellschaftlichen Gruppen organisiert wird. Die Friedensbewegung der 80er Jahre wurde als derartige Bewegung bezeichnet. Und es gibt andererseits spontane Bewegungen, zu denen niemand aufruft, sondern die sich plötzlich wie von selbst konstituieren.

Während wir uns im letzten Beitrag hauptsächlich mit den synthetischen Bewegungen beschäftigt haben, soll es heute um die spontanen Bewegungen gehen. Hier hat keine Organisation einen Plan, hier wird nicht versucht, mit Hilfe des Drucks der Massen ein strategisches Ziel zu erreichen. Es geschieht einfach: Auf einmal findet sich eine Masse zusammen, ohne daß jemand explizit dazu aufgerufen hätte. Canetti hat versucht, das in Masse und Macht zu beschreiben:

„Eine ebenso rätselhafte wie universale Erscheinung ist die Masse, die plötzlich da ist, wo vorher nichts war. Einige wenige Leute mögen beisammen gestanden haben, fünf oder zehn oder zwölf, nicht mehr. Nichts ist angekündigt, nichts erwartet worden. Plötzlich ist alles schwarz von Menschen. Von allen Seiten strömen andere zu, es ist, als hätten Straßen nur eine Richtung. Viele wissen nicht, was geschehen ist, sie haben auf Fragen nichts zu sagen; doch haben sie es eilig, dort zu sein, wo die meisten sind. Es ist eine Entschlossenheit in ihrer Bewegung, die sich vom Ausdruck gewöhnlicher Neugier sehr wohl unterscheidet. Die Bewegung der einen, meint man, teilt sich den anderen mit, aber das allein ist es nicht: sie haben ein Ziel. Es ist da, bevor sie Worte dafür gefunden haben: das Ziel ist das schwärzeste – der Ort, wo die meisten Menschen beisammen sind.“ ([2], S. 11)

Was Canetti hier beschreibt ist der reinste, auf den grundlegendsten Mechanismus reduzierte Fall der Masse. Es ist die Masse, die keinen anderen Inhalt oder Zweck hat als sich selbst. Ich weiß nicht, ob es diese reine Masse historisch wirklich einmal gegeben hat. Die Masse, die einfach nichts anderes ist als Masse, erscheint mir eher als ein Phantasma des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Mit dem Wuchern der ersten Großstädte wie London oder Paris entstand auch die Furcht vor der Masse. Wo die Individuen nicht mehr einer rigiden sozialen Aufsicht unterworfen waren, fürchtete man ihre unkontrollierte Zusammenrottung zu einem amorphen Gebilde, das die klar definierten Klassenschranken in Frage stellte. Die Furcht vor der unkontrolliert zusammenströmenden Masse war immer die Furcht vor dem Zerfall der bürgerlichen Strukturen und Regeln. Und diese Masse aus den Alpträumen des Bürgertums scheint Canettis obiger Beschreibung eher Pate gestanden zu als reale Massen in benennbaren historischen Situationen.

Dennoch ist Canettis Beschreibung nicht falsch – man muß sie nur als Beschreibung eines Idealtyps verstehen. Massen, wenn sie im Entstehen begriffen sind, lösen einen Sog auf zunächst Unbeteiligte aus, der erstaunlich ist. Es gibt ein – und das ist eine wesentliche Erkennntis, die wir Canetti verdanken – archaisches Bedürfnis der Menschen, in der Masse aufgehen zu wollen. Im Alltag ist dieses Bedürfnis normalerweise unterdrückt – wir halten Distanz zu unseren Mitmenschen und empfinden es als unangenehm, wenn uns fremden Menschen zu sehr auf die Pelle rücken. In der Masse ist dies anders:

„Es ist die Masse allein, in der der Mensch von dieser Berührungsfurcht erlöst werden kann. Sie ist die einzige Situation, in der diese Furcht in ihr Gegenteil umschlägt. Es ist die dichte Masse, die man dazu braucht, in der Körper an Körper drängt, dicht auch in ihrer seelischen Verfassung, nämlich so, daß man nicht mehr darauf achtet, wer es ist, der einen »bedrängt«. Sobald man sich der Masse einmal überlassen hat, fürchtet man ihre Berührung nicht.“ ([2], S. 10)

Dieses archaische Bedürfnis, Teil einer Masse zu werden, ist ein ganz wichtiger Punkt, wenn wir begreifen wollen, wie spontane Bewegungen entstehen. Auch wenn es keine Massen geben sollte, die allein und ausschließlich aus diesem Massenbedürfnis hervorgehen, so ist dieses Verlangen dennoch in allen Massenphänomenen vorhanden. Selbst unsere angeblich so individualisierte Gesellschaft hat ihre ganz typischen Rituale, in denen dieses Massenbedürfnis befriedigt wird: Sei es in den Fanmeilen, die anläßlich eigentlich völlig banaler Sportereignisse eingerichtet werden, oder bei riesigen Open-Air-Konzerte, wo das Massenereignis noch dadurch gesteigert wird, daß beim stagediving einzelne kurzzeitig aus der Masse herausgehoben und buchstäblich von ihr getragen werden, bis sie wieder in der Masse untergehen.

Doch selbst wenn wir ein solches Massenbedürfnis unterstellen, bilden sich Massen nicht einfach grundlos, ohne äußeren Anlaß. Es braucht etwas, das die Menschen aus ihrem alltäglichen Trott herausreißt und sie dazu motiviert, sich mit anderen zu einer Masse zusammenzuschließen: Ein Ereignis. Etwas geschieht und unabhängig voneinander sind Menschen auf einmal der Meinung, das könne man nicht einfach achselzuckend abtun. Irgendetwas müsse man tun. Und selbst wenn es völlig unklar ist, was man denn tun könne, entsteht das Bedürfnis, andere zu finden, denen es ebenso geht. Und so trifft man sich an einem öffentlichen Ort, um einen gemeinsamen Umgang mit dem Ereignis zu finden.

Damit das Ereignis bei den Menschen ein solches Verhalten auslösen kann, muß es als Schock erfahren werden. Das Ereignis stellt die Ordnung der Welt, wie man sie sich tagtäglich zusammenkonstruiert in Frage. Dieser Riß, der auf einmal durch das eigene Weltbild läuft, verlangt nach Heilung. Es ist diese Heilung, die in der Masse gesucht wird.

Die einfachste Form eines solchen schockierenden Ereignisses ist ein Verbrechen. Damit es sich aber um ein massenbildendes Ereignis handelt, genügt kein einfaches Feld-, Wald- und Wiesen-Verbrechen, kein Bankraub, kein Mord aus Geldgier oder Leidenschaft. Derartige Verbrechen sind nicht wirklich schockierend – sie sind, wie man achselzuckend seufzt, unentschuldbar, kommen aber, so wie die menschliche Natur nun einmal ist, eben vor. Nein, es geht um die entsetzlichen Verbrechen, die grundsätzlich an der Menschheit zweifeln lassen. Nur diese werden als Ereignisse empfunden werden, die einen auf die Straße treiben. Da wird beispielsweise ein Kind vergewaltigt und ermordet, seine Leiche wird irgendwo im Park aufgefunden. Dann zieht es die Menschen an diesen Ort – nicht aus eitler Neugier, sondern weil man sich vergewissern will, daß dieses Ereignis die absolute Ausnahme ist, daß die Nachbarn im Viertel das Ganze als ebenso traumatisierend empfinden wie man selbst. Man legt Plüschtiere nieder, man zündet Kerzen an – das Feuer spielt hier als eines der mächtigsten Massensymbole ([2], S. 82f) eine wichtige Rolle. Mit diesem Tun vergewissert man sich, daß trotz des Ereignisses die Ordnung im wesentlichen intakt ist. Die Masse, in die man sich einreiht, wird zum Trost und zur Versicherung, daß die gestörte Ordnung nicht grundsätzlich in Frage gestellt ist.

Eine solche Masse ist noch längst keine Bewegung. Sie findet sich zusammen und zerstreut sich wieder, ohne daß daraus langfristig etwas folgen würde. Sie will gesellschaftlich nichts ändern, sondern sie sucht Trost angesichts des Geschehens und eine Bestätigung dafür, daß das Ereignis nichts verändert hat und die alte Ordnung weiterhin Gültigkeit besitzt.

Näher an der Entstehung politischer Bewegungen sind Ereignisse, in denen sich Verbrechen und Politik vermischen. Ein solches Ereignis war beispielsweise die Ermordung John F. Kennedys 1963. Damals schrieb Rudolf Augstein im Spiegel:

„Die uns bekannte Geschichte hat kein Beispiel dafür, daß der jähe Tod eines Menschen die gesamte bewohnte Erde so aufgestört hätte wie die Nachricht von der Ermordung des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy. Einige Augenblicke lang stockte Milliarden Menschen Pulsschlag und Atem. Fünfzehn Minuten, bis zur endgültigen Todesnachricht, verharrten die Völker ganzer Erdteile in lähmender Spannung.“ ([1], S. 22)

Die Trauer über den Tod Kennedys trieb nicht nur in den USA die Menschen auf die Straße, auch in der Bundesrepublik fanden Trauerkundgebungen und -märsche statt, zum Teil auch wieder unter Aufbietung des Massensymbols Feuer, hier in Form von Fackelzügen.

Von einem bloßen Verbrechen unterschied sich die Ermordung Kennedys dadurch, daß es nicht der Rechtsbruch als solcher war, der als schockierend empfunden wurde. Der Tod Kennedys symbolisierte mehr, nämlich eine politische Richtungsentscheidung. Augstein brachte das damals im Spiegel zum Ausdruck:

„Sein Versuch, unterstützt von den idealistischen Impulsen einer demokratischen Innenpolitik, die Friedenssicherung mit den Sowjets durch zäheste Strategie zu erreichen, ist durch seinen Tod unterbrochen und tausend Unberechenbarkeiten preisgegeben. Zum zweitenmal innerhalb eines Jahres, wie beim Tod des 81jährigen Papstes Johannes, überfällt einfache Leute und Intellektuelle schockartig der Zweifel, ob denn das Neue, das durch einen Menschen in die Welt gekommen ist, durch das Erstarren eines einzigen Gehirns abreißen und zu Ende sein kann.“ ([1], S. 22)

Die Menschen, die nach Kennedys Tod auf die Straße gingen, plädierten damit auch für eine Fortsetzung seiner Politik. Mit dem spontanen Gang auf die Straße wurde zum Ausdruck gebracht, daß man sich auch zukünftig eine Politik im Stil Kennedys wünschte, der als Alternative zum üblichen Politikstil des Kalten Krieges (miß-)verstanden wurde (es ist dabei völlig unerheblich, ob diese Projektion auf die Person Kennedys auch nur im geringsten realistisch war). Damit wurde sicherlich noch nicht der Übergang vom bloßen Zusammentreten einer Masse hin zu einer Bewegung vollzogen. Aber wir sind diesem Übergang einen Schritt nähergekommen. Ein Ereignis wie die Ermordung Kennedys brachte nicht nur einfach ein Gefühl der Betroffenheit hervor, das Bewußtsein einer grundlegenden Störung der Ordnung, die wiederhergestellt werden muß. Sondern sie offenbarte, daß bereits unabhängig vom Ereignis ein politischer Riß durch die Gesellschaft ging, den das Ereignis nur symbolträchtig bewußt machte. Die Masse ist hier nicht mehr nur ein tröstliches Zusammenrücken, sondern eine politische Stellungnahme für eine gesellschaftliche Alternative, wenn auch nur innerhalb des als allgemein akzeptierten Rahmens.

Nächste Woche werden diese Überlegungen fortgesetzt, wenn wir uns die Spiegel-Affäre des Jahres 1962 ansehen. Freuen Sie sich darauf, daß die Zeit angesichts der Verhaftung von Rudolf Augstein auf Betreiben von Franz-Josef Strauß schrieb:

„Es ist, als habe ein greller Blitz das Dämmerlicht unserer politischen Landschaft erhellt. Plötzlich wurde deutlich, wie wenig ins demokratische Bewußtsein dieses Volkes die rechtsstaatlichen Normen eingedrungen sind.“ ([3], S. 1)

Nachweise

[1] Augstein, R., „Der Präsident der Stärke und des Friedens“, in: Der Spiegel, Jg.7 (1963), Nr.48 (27. November 1963), S.22 – 23 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46172876.html).

[2] Canetti, E., Masse und Macht, Frankfurt a.M. 1980.

[3] Gresmann, H., „Spiegel-Affäre, Staats-Affäre“, in: Die Zeit, Jg.15 (1962), Nr.44 (2. November 1962), S.1 (http://www.zeit.de/1962/44/spiegel-affaere-staats-affaere/komplettansicht).

Written by alterbolschewik

21. November 2014 at 17:25

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