shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

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Für solche Spiele wurde Fussball erfunden!

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„Der Verein vom Hamburger Millerntor, der mit sieben Millionen Mark in der Saison auskommen muss, blieb nach dem 1:0-Sieg gegen Spitzenreiter 1. FC Nürnberg auch das zehnte Spiel in Folge ohne Niederlage. „Wir gehören spielerisch zu den stärksten Mannschaften, haben viel Euphorie und Spaß am Fußball“, freute sich Mittelfeldspieler Markus Lotter, der vor 18.005 Zuschauern am Donnerstag das entscheidende Tor gegen den überraschend schwachen Herbstmeister erzielte.“

Ja, der magische FC St. Pauli. Mußte natürlich die ganzen Tage schon, wenn ich nicht gerade in „Verschwende Deine Jugend“ las, an jenes Spiel zurückdenken – an diesen supercoolen Freistoß von Markus Lotter damals, fast direkt von der Eckfahne, war schließlich mein erstes St. Pauli – Nürnberg-Spiel am Millerntor. Und eines der schönsten … war’s nicht das, wo Patsche mit dem Rücken zur Gegengerade das Publikum zur Welle animierte? Doll war das.

Aber heute auch. Hätte ich die Zeichen da in meinem Hirn, die wirren Assoziationen, richtig gedeutet, dann hätte ich ja ahnen können, daß es heute wieder ein 1:0 gibt. Gegen einen richtigen Gegner diesmal sogar! Die ersten 10, 15 Minuten dachte ich noch: „Oh Mann, wenn das mal gut geht!“, da standen die super, waren zweikampfstärker und richtig gut – aber als unsere Boys in Brown, ja, der Kampfsportverband FC St. Pauli dann aber das Spiel beschleunigte, und wie beschleunigte, also, da ging’s dann rund: Ich sah ständig braune Pfeile über den Platz flitzen, sah immens imposante Solo-Läufe über den halben Platz von Kalla, den alle immer „Schnecke“ nennen, sah einen Trojan, der einfach nicht zu stoppen war und den Gegner zum Eigentor dann zwang, also, hallelujah, das war einfach gigantisch heute.

Da braucht man weder über Regenlieder noch über Voodoo noch über Londoner Trendfrisuren schreib, da passierte nix als Fußball, Höchstspannung, Mann, war das aufregend! Das hätte aber noch richtig schief gehen können in den letzten 15 Minuten, fast nur noch Spiel auf ein Tor, leider unseres,  und als der Herr Gräfe gefühlte 20 Minuten zu lange spielen ließ und der Ball noch an unseren Pfosten ging, nachdem er ein Tor für uns nicht gegeben hatte und einen Elfer nicht gepfiffen und dafür der Hain einmal eher aussah, als sei er samt Ball in’s eigene Tor gesprungen, alles lange vor dem Pfostenschuß, allerdings – da bebte das Millerntor, da waren alle voll da, wundervoll laut war’s, da wirkten Adrenalinschübe in den Spielern, daß denen noch bei der Ehrenrunde so eruptive Jubel-Zappler passierten, da wollte keiner gehen, weil, für solche Spiele wurde Fussball erfunden. Und der heilige Geist, der bei uns unterm Rasen wohnt, das ist jener, der Leidenschaft zum Heiligtum erklärte. Ohne die wäre das Leben ja auch doof.

Written by momorulez

2. November 2008 at 20:36

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Die mit dem Zebra tanzen …. jaaaaaaa!

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Na, dann gratuliert mir mal, liebe Leser!

Habe ja neulich die Auswärtsniederlage ganz auf mich genommen, wo war das noch? Hoffenheim war’s nicht, hähähä – doch während Ring 2 durch München irrte auf der Suche nach einer Kneipe, in der das heutige Spiel zu sehen war, habe ich heroisch den Liveticker gemieden! Auch in der 70. habe ich nicht hineingeschaut, nicht in der 80., nein – steige so 19.25 h aus dem Frühabendschlaf-Bett, schalte das Radio ein, höre nur noch irgendwas zu Koblenz, 0:1 oder andersrum.  Haste zum Computer, fahre ihn hoch, denke schon bei der Startseite, St. Pauli-Forum, ist ja klar, „Mönsch, viel los hier, fast Vierstelstunde nach Spielende, entweder war’s ein Total-Debakel, oder, wer weiß? Vielleicht ja doch?????“, bewege mich zu kicker.de, und, und , und: Jaaaaaaaaa. Laute Jubelstürme treiben den Hund unter dem Bett hervor, tatsächlich, nach all den Chören am Freitag, in denen ein „Auswärtssieg!“ gefordert wurde, jaaaa, 2:1 für uns, jaaaaaaaaa.

Das wird aber für ordentlich schlechte Laune in der NDR 2-Sport-Redaktion gesorgt haben, die konseqeunt soeben lieber unendliche Vorberichte zu den Rothosen brachten, anstatt UNSEREN ersten Auswärtssieg zu feiern!

Einziger Wermutstropfen oder was auch immer man da so trinkt am Niederrhein ist, daß es ausgerechnet bei den Duisburgern war. War immerhin der Verein meines Vaters, der, in Meiderich geboren, noch auf dem Weg zur finalen OP fragte, wie denn sein Verein gespielt habe …. ja, das sind Fans. Da ist man auch 17 Jahre danach noch richtig stolz auf den Erzeuger. Und das keineswegs nur deshalb. Aber auch!

Kann nun aber auch sein, daß es gar nicht an meinem Fernbleiben vom Ticker lag, daß wir da, in der halben Wiege meines Werdens, gewonnen haben. Sondern daran, daß Ring 2 gar nicht durch München irrte, sondern flugs irgendein charmantes Lokal im Glockenbachviertel oder unweit des Gärtner-Platzes fand, wie hieß noch der Fassbinder-Laden, „Deutsche Eiche“? Sowas halt, und dort fieberte er mit Exil-Duisburgern und Exil-Hamburgern zu dem Kampf unserer Jungs.

Und um das herauszufinden, was nun der wahres Sieggrund war, muß Ring 2 jetzt jedes Mal zum Auswärtspiel nach München fliegen, um es dort zu schauen. Ich bleibe derweil vom Liveticker fern, und wenn wir dann immer gewinnen, dann war’s zumindest einer von uns beiden 😉 – was zwar die Ausgangsfrage nicht klärt, aber wenn jetzt auch nur nur einer von uns das Ritual ändert, dann ist das Risiko, doch wieder zu verlieren, einfach zu hoch. Also, Ring 2, da mußte jetzt durch!

Written by momorulez

29. Oktober 2008 at 20:38

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Die Kritik der Kritik und ihre Anwendung auf’s Fußballspiel

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„Oder ihr Essay „Against Interpretation“. Darin beschwört sie das Eigenleben der Kunst und verdammt die intellektuelle Suche nach „Bedeutungen“. Die Interpretation sei die „Rache des Intellekts an der Kunst“, denn wer das Kunstwerk auf seinen „Inhalt“ reduziert, der zähmt es. Es ist ein Hohelied auf die „sinnliche Erfahrung“. Es war, in gewissem Sinn, ein Angriff der Kritikerin auf ihr ureigenes Geschäft, der antiintellektuelle Wutausbruch einer Intellektuellen.

Es ist ein alteingesessenes intellektuellenfeindliches Vorurteil, dass das Denken lustfeindlich wäre. Wie falsch das ist, zeigen viele Intellektuellenleben. „Sinnliche Erfahrung“, „sensorische Fähigkeiten“, „Abstumpfung“, „Erotik der Kunst“ – es sind solche Formulierungen des reichen Erlebens, die Sontags „Interpretations“-Essay durchziehen.

Antagonistisch zum kritischen Räsonieren muss eine solche Sensitivität nicht sein. „Intellektuelles ,Begehren‘ wie sexuelles Begehren“, notierte sie in ihr Tagebuch.

Na gut. Als Kunstwerk war das Spiel gestern dezidiert anti-intensiv, aber auch fernab jeglicher Ironie.

Nur ist, was der Fan nach dem Spiel zum Spiel schreibt, für das Spiel eigentlich das, was die Ornithologie für Vögel ist? Ist es falsch, das Spiel auf seinen Inhalt zu reduzieren – okay, gewonnen, 3 Punkte, super, man muß ja nicht immer brillieren – oder gar Bedeutungen in ihm zu suchen? Vor allem, welche fände man dann eigentlich, wenn man sie suchte? Ist „Ich will ein Kind von Dir, Brunne“, dieser wohlverständliche Sehnsuchtsschrei, heute im St. Pauli-Forum niedergeschrieben, ach, könnte ich, würde ich auch wollen, all dieses pseudointellektuelle Rumschwadronieren hier ist ja der pure Gebärneid, Teil der Bedeutung des Spiels?

Na, immerhin ist Fußball ja ein relevantes Thema. Schon wegen dieser Aufrufe gegen Rassismus und Homophobie vor dem Spiel, um das Lieschen Müller aus dem Politbüro unter den Lesern zu befriedigen. Und ich fand die auch richtig gut.

Und die Kategorie der Abstumpfung paßt ebenso auf den Stil des Fußballerns der Wehen-Wiesbandener, also, sowas leidenschaftsloses habe ich ja selten gesehen. Schön war’s trotzdem, als die beiden Wehen-Wiesbadener Mannen nach Matchende sich zu dem kleinen Rolli-Fahrer am Fuße unsers Blogs gesellten, der so vehement 120 Minuten lang die Wehen-Wiesbadener Fan-Flagge inmitten von lauter St. Paulianern geschwenkt hatte, und ihn feierten. Und klar, der eine der beiden hatte sich natürlich ein St. Pauli-Trikot geschnorrt, weil das ja auch viel cooler ist als seines.

Aber das ist ja wahrscheinlich auch schon wieder die Rache des Intellekts an der Fußballkunst, jetzt wie doof im Gedächtnis nach Randanekdötchen zu suchen, weil das Spiel so seltsam langweilig war. Bis zu diesem Doppelschlag von Brunnemann und Boll hatten sich alle wenigstens noch damit unterhalten können, gramvoll sicher zu sein, daß wir uns sowieso in der siebzigsten Minute nach einem Dutzend vergébener Chance das 0:1 vom Tabellenletzten fangen würde. Damit war man als St. Paulianer ja schon die ganze Woche beschäftigt, sich in lustvollem Fatalismus von Smalltalk zu Smalltalk zu begeben und die so anvertraute Leidensmine zu tragen, weil ja die Grundbefindlichkeit des Fanseins abgrundtiefe Enttäuschung ist, hat Hornby das nicht geschrieben?

Und dann wurde man das gar nicht, konnte trotz dieses einen, einzigen Pfostentreffers der Wehen-Wiesbadener sein intellektuelles Begehren ganz auf Björn Brunnemann richten, weil der Rest der Spieler es ja nicht wirklich brachte gestern – okay, Ebbers hat schon super gespielt, hätten die anderen Spieler das zwischendurch mal bemerkt, wie und was der eigentlich gespielt hat, hätten wir 7:0 gewonnen, aber die wollten ja durch plötzliche Vorstöße allesamt selbst brillieren. Na, und Hoilett ist natürlich ein Kleinod ohnegleichen. Was jetzt aber wohl wieder ein komplettes Verkennen des Eigenlebens der Fußballkunst meinerseits ist, hier rumzuinterpretieren. Dabei würde ich doch die Jungs nie zähmen wollen …

Würde ich mich künstlerisch dem Spiel annähern, dann müßte ich jetzt ganz ganz viel schreiben ohne jegliche Pointe, aber mit vielen Anläufen zu solchen, das kann ich gut, um dannn nach zwei Dritteln zwei Hammersätze rauszuhauen, solche, über die man noch in 2 Jahren in der Blogosphäre schreibt, um dann weiter zu labern, bis sich alle wundern, daß der Text plötzlich aufhört.

Aber das so zu sehen, das liegt wieder daran, daß ich die sinnliche Erfahrung der Spieler einfach nicht teile, so als Zuschauer, der überdacht sitzt –  die ganzen blauen Flecken, die man sich abholt, die müder werdenden Beine, dieses Gefühl der von Nieselregen und Schweiß getränkten Trikots auf dem durchtrainierten Körper (alleine schon die sinnliche Erfahrung durchtrainierter Körper ist mir etwas abhanden gekommen), das Horchen auf die gemeinen Sprüche der gegenerischen Spieler… obwohl, mal abgesehen von der 18, wenn die Wehen-Wiesbadener Sprüche so waren, wie die Fußball gespielt haben, dann war das bestimmt in der Hinsicht auch ein ödes Spiel – und ein Kritiker ist ja auch nur gut, wenn der Künstler und sein Werk als Antagonisten ihm wirklich was bieten, nicht wahr?

Ein wenig war das Wehen-Wiesbadener Spiel sogar der antifußballerische Ausbruch von Fußballern, und immerhin habe ich jetzt eine echte Trend-Frisur, hat mein Friseur mir gestern gesagt. Der kam nämlich gerade aus London zurück, und jeder, der da was auf sich hält, hat so eine Frisur wie ich jetzt, was aber nix gegen die von Björn Brunnemann ist, in so einem blondierten Wuschel wühlt man ja eigentlich gerne mal rum, wenn man denn dazu käme. Und auch mein Friseur fragte als nun bestimmt Zehnter in den letzten Wochen, ob ich denn im Paul Weller-Konzert gewesen wäre, und auch ihm habe ich gesagt „Nee, ich war bei Joan Baez, war am gleichen Tag“, und auch der gackerte da überheblich vor lauter Eighties-Distinktionswille, weil er der sinnlichen Erfahrung beim Joan Baez-Konzert nämlich gar nicht gewachsen wäre, jawohl – ja liebe Leser, ist so: Mehr fällt mir zum Spiel gestern tatsächlich nicht mehr ein.

Der Zackenbarsch, der Zackenbarsch …

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… na, einen Reim kann sich ja jeder selbst drauf machen.

Bemerkenswerter Dialog im Thread des St. Pauli-Forums zu den „Vorkommnissen“ (laut Rostocker Funktionären ja „Nebensächlichkeiten“) in Rostock am Freitag:

 

Jeky: „Aber die Wechselgesänge „Wir haben einen Haßgegner..das sind die schwulen Hamburger“ mit reger Beteiligung, bin ich da auch empfindlich, Deiner Ansicht nach?“

Zackenbarsch: „Das ist eine (für mich) blöde Frage, auf die ich dir keine Antwort geben kann, die uns beide befriedigt. Natürlich bist du nicht zu empfindlich, und ich und viele andere singen sowas nicht mit (sehr viele tun es natürlich). Aber, und jetzt versteh mich bitte, bitte nicht falsch: Mir ist es momentan lieber, die Leute singen etwas, dass in Idiotenkreisen hoffähig als ‚reguläres‘ Schimpfwort ist, als offensichtlich nazistische oder antisemitische Scheisse.“

 

Womit Schwulenhaß als „in Idiotenkreisen reguläres Schimpfwort“ der nazistischen Scheiße sozusagen entronnen ist. Uff, Glück gehabt!

Die Avantgarde des libertären Sezessionsrechts

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Ein Aufstand der Anständigen gegen linke Zwangssysteme und deren Propagandisten fand gestern wieder in Rostock statt. Seltsam nur, daß zuvor so Lubhudeleien ausgesungen wurden, über „schwule Hamburger“ soll es Chöre gegeben haben. Früher hieß es noch ganz aufrecht „Deutsche, wehrt euch, geht nicht zu St. Pauli“, und dann diesen neuen, sanften Töne – wie kommt’s?

Written by momorulez

27. September 2008 at 9:08

VOODOO oder: Wie man Spiele lesen muß!

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„Man begreift: Die Szenerie des „Dornröschen“ entstammt Werken wie der „Rückkehr von der Herberge“ von Pieter Brueghel d. J., die Kulissen im „Dschungelbuch“ sind den Urwald-Visionen des malenden Zöllners Rousseau geschuldet. Und Piranesis schwindelerregende Treppen kehren wieder im „Schneewittchen“, in „Cinderella“ und „Alice im Wunderland“.“

So fragt sich halt der St. Paulianer am Morgen danach bei der werweißwievielten Zigarette danach, was im gestrigen Spiel an Verweisen auf alte und neue Meister wohl enthalten war.

Klar ist: Der Herr Bierofka von 1860 München, der war entschieden zu selten in der Pinakothek der Moderne und hat stattdessen zu viele Chuck Norris-Filme geguckt! So hat er sich zumindest bewegt. Was ein Poser!

Ging ja so weit, glaubt man der Hompepage von 1860 München, daß er sich in der Pause ohne Betäubung ganz in Rambo-Tradition hat nähen lassen. Oder er hat’s sogar selbst gemacht, sich ein rotes Tuch um die Stirn und den Schenkel ab-gebunden, die Nadel über irgendeinem Feuerchen desinfiziert und dann rein in’s Fleisch und kräftig durchchgezogen – so wie der da kraftstrotzdend, aber fußballerisch eher C-Movie-like über den Platz posierte, das war schon ein wenig erbärmlich.

Muß man ja auch mal sagen dürfen: Nee, der Gegner gestern war echt schlecht. Wer so blöd ist wie der süße Benny Lauth und sich beim HSV das Talent gründlich austreiben läßt, der landet halt irgendwann wie Christian Rahn in Rostock. Höchststrafe also. Warten’s ab, Herr Lauth, seit gestern steigen Ihre Chancen für derartiges Schicksal umgekehrt proprotional zu Aktienkursen in den USA …

Ansonsten, rein kunstgeschichtlich, lagen unsere Jungs gestern eher auf der Linie früher Arbeiterkunst: Nicht schön, aber im Schweiße ihres Angesichts rackernd und irgendwie sogar ein klein wenig heroisch.

Obwohl’s in der ersten Halbzeit ein paar Spielzüge gab, die wirkten so, als hätten sie den frühen Kompostionen Kandinskys auf den Platz gelegt und würden die Linien entlang laufen, das war schon verdammt elegant, und die Münchener standen auch recht beeindruckt daneben und guckten einfach mal zu. Wiewohl: Der Abschluß fehlte dann zumeist, schön war’s trotzdem.  Jetzt Filip Trojan loben wäre ja ebenso langweilig wie völlig zu recht Alexander Ludwig zu beschimpfen, da hat ja Ring2 schon all das aufgeschrieben, was ich ihm gestern so beim Döner noch diktiert habe. Sogar die Überschrift, die ich eigentlich verwenden wollte, hat er antizipiert und somit abgeguckt, der Schlingel. Aber auf die Idee mit dem Kunst-Vergleich isser nich‘ gekommen, hähähä …

Eigentlich immer, wenn’s um Kunst geht, geht es um Magie, und das ist beim Fußball ja auch so.

Zunächst sollte man eigentlich Zeichen zu deuten verstehen. Als gestern mittag meine heißgeliebte Pimp-Sonnenbrille von Sean John (oder wie dies P. Diddy-Label nun auch ganz genau heißt) die Treppe hinunterfiel und ein Glas aus dem Gestell sprang, hätte ich eigentlich nur einmal genau hingucken müssen: Klar, 1 zu 0. Daß die nette Optikerin auf dem Schulterblatt mir das gute Stück dann mal eben schnell wieder reparierte, war ein weiters gutes Omen.

Dann, so durch Planten & Blomen mit der Angst vor dem Spiel in den Knochen schurfend, weht auf einmal „Summer of 69“ von Bryan Adams zu mir herüber. Denke noch kurz „Ist da noch ’ne andere Veranstaltung auf dem Heiligengeistfeld?“, da höre ich schon das gellende Pfeiff-Konzert, alles klar, die St. Pauli-Geschmackspolizei hat außerordentlich treffsicher zugeschlagen und völlig zu Recht diesen akustischen Dreck aus dem Stadion gebuht. Geht ja auch gar nicht. Sowas paßt vielleicht zu den Truckertreffen im Niedersachsenstadion, aber doch nicht zu uns.

Dann das Fanlied der 1860er: Also, da fällt mir noch nicht mal ein Vergleich ein, so schlecht war das. Und Vereine mit schlechten Fanliedern verlieren eigentlich fast immer bei uns.

Später blieben immer mehr Hauptribünensitzer ganz, wie es sich gehört, auch wirklich sitzen, als die Südtribüne mal wieder „Aufstehen, Aufstehen!“ rief. Und prompt fiel das 1:0. Das konnte ich dann zwar deshalb nicht richtig sehen, aber: Wer sich nicht fügt, gewinnt, und schon deshalb haben wir Sitzenbleiber das Spiel gestern eigentlich gewonnen.

Dann jedoch die Zitterphase: Die Südtribüne fing an, ausgerechnet „Rivers of Babylon“ von Boney M. zu summen. Das hörte sich sich schon ziemlich cool an, als es gar nich mehr aufhörte, aber jetzt mal ehrlich, „Sunny“ oder „Ma Baker“, das ginge ja noch, aber „Rivers of Babylon“??? Wie kann man so leichtfertig einen Sieg auf’s Spiel setzen!

P.A. neben mir gefährdete den Sieg dann aber so richtig. Hätte ich ihn nicht gestoppt, wäre das noch richtig schief gegangen. Zwanzig Minuten vor Schluß wollte er mir seine Spielananlyse präsentieren!!!! Aaaaargh! Ich konnte gerade noch so intervenieren, „Sag das jetzt bloß nicht!!!!“, hatte er doch schon schon das 2:0 verhindert. Ich so ( 😉 ) vor der Ecke: „Fertig machen zum Torjubel, die geht rein!“, und er so: „Direkt!“, und natürlich klappte das dann nicht, weil die Beschwörung viel zu konkret war.

So zitterte man also doch noch ein wenig, zum Glück habe ich dann noch den Ludwig rausgepöbelt, nach 5-10  Minuten konstanten Gemeckers hat der Stani das spirituell empfangen und den dann endlich rausgenommen und Fußballgott Schultz gebracht. Und da war ja dann klar, daß wir’s schaffen würden, was sich auch daran zeigte, daß die Südtribüne uns mal wieder ohne diese botsigen „Aufstehen, Aufstehen!“-Chöre zum Wechselgesang aufforderte, und dann konnte ja gar nix mehr schief gehen.

So stimmte ich aus aus ganzem, braun-weißen Herzen zu, als sie bei der Ehrenrunde der Boys in Brown „That’s the way we like it“ anstimmten! Was rhythmisch hammerhart schwer zu singen ist, das würden wir auf der Haupttribüne tatsächlich nicht hinbekommen.

Und so stellte sich heraus: Das ganze Spiel hatte gar nix mit bildender Kunst zu tuen, sondern mit Musik!

Während sich die Münchener im B-Movie fühlten, eben zweitklassige Fußballdarsteller – und wer solche Spiele so derart falsch liest, der verliert dann auch.

Written by momorulez

20. September 2008 at 9:32

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Ja! Ich predige! Gebt mir eine Kanzel! Wie verbringt man denn jetzt …

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… den Rest des abends, wenn sowat schon wieder passiert?

Wenn man die ganze Woche dabei ist, sich eine Zukunft aufzubauen, ein paar Pflöcke einrammte, die wirklich halten könnten, wenn man bereits zum zweiten mal in 3 Tagen mit spannenden neuen Menschen mittags im O-Feuer sich wieder findet und spürt, daß man mit denen wahrscheinlich noch tolle Zeiten verbringen wird, und die Boys in Brown ziehen einfach nicht mit, sondern bewegen sich schnurstracks in Richtung Vergangenheit?

Nee, Leude, mit der „Back to the Future“-Palin haben wir doch nun wirklich nix zu tun! Change, Leute! Yes, we can! Zeigt das doch mal auch auswärts!

Gibt ja dieses wundervollen Song aus „Grease“, „There are worse things I could do„, aber ich kann ja jetzt schlecht unsere Abwehr beschimpfen, unsere Fußballgötter auf der Trainerbank anpöbeln oder – obwohl, jetzt höre ich gerade, was die da singt in diesem Grease-Song, hmmmm , vielleicht ja doch? Obwohl „Cold showers every day“, nee, das ist nix für Warmduscher wie mich.

Ja, ja, ja, Fussballfansein ist eigentlich Angstbewältigung, weil ja in der Regel es dann noch nicht so schlimm ist wie vorgestellt, wenn’s dicke kommt, denke ich ja immer. Ist die Illusion, Ohnmachtsgefühle auch überwinden zu können. Ist das Einüben in die Erkenntnis, daß das Leben ungerecht ist, weil die Coolsten ja eh viel zu selten das bekommen, was sie verdienen, die Erkenntnis, daß die Schweine sowieso immer mehr Geld haben, daß gerade Vereine wie Kaiserslautern sowieso durch Punktabzüge Dritter und ähnliche Lustigkeiten irgendwie in Ligen gehalten werden, daß es Söldner gibt und chronisch Ungebundene, denen schnurz ist, was mir heilig ist, und Unfähige auch  – all die Vorgänge, die des Lebens Würze vor den eigenen Augen breitest grinsend verspeisen, die allerorten anzutreffen sind und die deshalb man auf der nicht-symbolischen Ebene des Fußballspiels schon gar nicht mehr ertragen kann.

Weil’s da ja schon schlimm genug ist. Frustration erlernen und doch zur Demut übergehen: Ach, irgendwie christlich bleibt man doch … ja, Fußball simuliert das wahre Leben, deshalb redet man halt nur noch Müll, weil man’s nicht fassen kann und auch kein Ritual mehr hilft.
Wer nicht begreifen will, daß es darum geht, Einüben mittels Ersatzhandlung,  wie in allen großen mythischen Geschehen und allen Psychosen, Ersatzleid schaffen in halbwegs kontrollierten Rahmen, der wird auch Fußball nicht verstehen.

Wer glaubt, es ginge nur um Sport, um Leistung, um Konkurrenzkampf oder Vermarktungsinteressen, der deutet dieses Spektakel fehl und projiziert die Bedingung von etwas ins Etwas selbst hinein. Der verwechselt die Spielregel mit dem Spiel selbst. Und Fernsehen mit Fan-Interessen. Und so.

Hat nur einen Haken, diese Deutung: Somlu hat’s geschrieben – Liebesfähigkeit.

Selbst diesen Beck-Wählern in der Region ist diese unauslöschlich eingeschrieben in all ihrer rote Teufeligkeit, oder sogar gerade denen, es sei ihnen gegönnt, die haben ja sonst nix, nix als unverständliche Dialekte und guten Wein und Kurt Beck – und Liebe hebt wie in jeder Therapie dann auf diese Differenz zwischen Ersatzhandlung und der mittels ihrer verdrängten Realität.

(Das Kaminfeuer flackert, und Momorulez zündet sich noch eine Pfeife an und greift zum Grog).

Denn sie treibt die Geschichte voran, jede Geschichte, jede einzige verfickte kleine Story, mal klar und deutlich, mal verschämt, mal nur als Hass verzerrt oder als Macht deformiert,  und als neue Ebene ganz im Hegelschen Sinne erzeugt sie das, was ja eigentlich hinter diesen Elegien zur Schmerzbewältigung nach einer Niederlage steht: Poesie. Und die gibt’s ja vielen Varianten: Von Shakespeares Sonetten bis hin zu Baudelaires „Blumen des Bösen“ ist’s gar kein weiter Weg, und gäbe es keinen Verzicht, so bräuchte man das Leben ja auch nicht zu dichten, weil Dichten eben dieses Leben IST.

Ja, ich stell’s als These auf: Jeder verwaschene Schal, jede verdreckte Kutte, jeder vibrierende Schnurrbart auf der Schalker Nordwand oder in der Emscherkurve (Oberhausen, ich fühle mit euch, ehrlich!) ist eigentlich Poesie, und Poesie ist Leben und somit Liebe, jawohl.

Und, nun mal ganz im Ernst: Wie will man diesen pathetischen, so wundervoll pathetischen Quatsch in verwitterten Männeraugen, als Träne mal der Freude, mal des Leids, denn bitte mit einem Begriff wie EVOLUTION sinnvoll beschreiben?

PS: Und dieser ganze Wortschwall einzig nur, um nicht darüber nachdenken zu müssen, wie desatrös dieses 1:4 ausgerechnet bei FPKs Verein – Glückwunsch, übrigens – für uns ist, was das jetzt für uns bedeutet …. zitter …. bibber … von wegen Angstbewältigung …. von wegen Realitätsersatz …. die hat uns jetztaber wieder mal ganz heftig gepackt, die bittere Realität:

Jungs, liebe Mannschaft, bitte: Werdet wieder Poesie!!!

Jawohl!

Written by momorulez

12. September 2008 at 20:01

Veröffentlicht in Fussball, Liebe

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Hinsetzen, Hinsetzen!

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Die Südtribüne hat gestern dann doch gänzlich versagt. Ganz im Gegensatz zur Mannschaft.

Gibt ja am Millerntor die eingeübte Praxis, daß Wechselgesänge zwischen den Tribünen das Stadion in Wallung versetzen. Wahnsinnig komisch finden die „in der Süd“ Stehenden es, irgendwann „Aufstehen!“ zu uns Haupttribünensitzern zu rufen. Das nervt jedes Mal, deshalb bleibe ich auch sitzen und wunder mich über die Schafe rundherum – lasse mir doch von einer Horde Kinder da drüben nicht meinen geschundenen Rücken manipulieren. Und auffordern zunächst mal zu gar nix. Es lebe die negative Freiheit (in diesem Fall).

Sahen andere gestern wohl auch so. „Südtribüne, Südtribüne – Hinsetzen, Hinsetzen!“, das war die adäquate Antwort von der Haupttribüne. Und, was passierte? Nix. Blieben alle stehen. Mit denen bin ich durch.

Aber nicht mit meinem FC St. Pauli! Gut, Oberhausen war schlicht etwas überfordert. Was schade ist, der Club ist ja außerordentlich sympathisch. Da inmitten dieser ganzen großen Vereine zu überleben mit dem Image als ewige graue Maus; von Liga 2 bis Liga 4 hinab in einem Rutsch und dann direkt wieder hinauf mit jungen Spielern aus der Region, das ist schon enorm – gerade in der letzten Saison, wo in der Regionalliga es so eng und brenzlich war wie selten zuvor. Und gestern gaben sie wohl auch alles, extrem engagiert – aber wie will man einem Filip Trojan in dieser Form standhalten?

Weiß gar nicht, wie man eine solche Kondition aufbauen können kann. Unermüdlich rotierte und wirbelte der Mann, unglaublich. Das war dann auch der Minus-Punkt moralisch, den die Oberhausener Spieler eingefahren haben: Daß sie den noch umgetreten haben in Halbzeit 2, das gehörte sich nicht. Hoffentlich nix Schlimmes.

Auch herausragend Kalla, den alle „Schnecke“ nennen, keine Ahnung, warum. Ewig nur in der Zweiten Mannschaft gespielt, und dann ständig letzter Mann über 90 Minuten, hat er super gemacht. Auch das lange Wegschlagen der Bälle, also ganz auf Nummer sicher gehen, ist allemal besser, als wenn die Unseren versuchen, nun einen auf brasilianisch zu machen – welche Bedeutung die Jugendarbeit von Fußballvereinen hat, sowas wird ja in allen gesellschaftlichen Debatten ignoriert angesichts dieses gleichgeschalteten Schein-Individualismus, der sich über „Vereinsmeierei“ immer schon lustig gemacht hat.

Knackpunkt in unserem Spiel ist ja immer so um Minute 25 herum. Wenn die Unseren dann nachlassen, dann geht’s meistens schief. Wenn sie jedoch weiter Druck machen, hat der Gegner selten eine Chance. So sprach ich gestern ungefähr bei Minute 26 „Jetzt könnte ich noch ein Tor gebrauchen“, eins war ja schon gefallen – und prompt zapppelte der Ball im Netz. Schön! Und sie haben nicht nachgelassen, den Sack sogar mal zugemacht (schon zwei Klischee-Formulierungen hintereinander, im Netz zappelnde Bälle sind ja auch allerorten zu lesen – aber Fußball lebt halt vom Ritual!) – mit so einem 3:0 in die Halbzeit gehen, das ist ja doch angenehm. Ganz offenkundig haben sie aus dem Osnabrück-Spiel gelernt.

Völlig neues Millerntor-Feeling also: Ganz entspannt Halbzeit 2 gucken. Alle grinsten wie die Honigkuchenpferde (dritte Klischee-Formulierung, hätte ich jetzt die Zeit, würde ich den ganzen Text jetzt damit vollpropfen), die Jungs auf dem Platz legten immer dann sofort nach, wenn’s doch noch mal kurz gefährlich wurde – und dann kam auch noch Hoilett und flitzte da über den Rasen wie ein Kugelblitz, großartig.

Satt und zufrieden, gar nicht euphorisch und doch ganz umd gar selig stand man dann vor der Domschänke, der bis auf weiteres wohl letzte Sommertag streichelte die Sinne – wie beschrieb der Tucholsky das noch? „Die Seele baumeln lassen“?

Danke, ihr Boys in brown, für dieses tolle Geburtstagsgeschenk!

Written by momorulez

1. September 2008 at 8:39

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Liebe kann so weh tun …

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„Ich hatte alles Denken eingestellt. Mein Kopf war ein vereistes Fußballfeld, das einsam und traurig darauf wartete, dass jemand (ich) wieder darauf spielte. Aber so weit war ich noch nicht, denn das hätte bedeutet, alles wieder aufzuwühlen ….“


Steven Hall, Gedankenhaie, München 2007 – die genaue Seite habe ich gerade wieder verloren …

Gefühle beim Anblick eines blöden Computerbildschirms gestern abend, 19.45 h. Sie hielten an bis heute abend, 20.45 h. Jetzt kann ich darüber schreiben.

Manchmal tut es noch mehr weh als sonst.

Auch wenn ich das Spiel noch nicht mal live verfolgt habe, sondern nur den Liveticker beäugte.

Wie ist eigentlich die Relation zwischen Spiel und Liveticker bestimmt, ist das ein Abbild, eine Erzählung, eine Beschreibung? Und ist das Fussball-Spiel nur ein Konzept?

Weh tut’s jedenfalls trotzdem, wenn man die gegnerischen Tore fallen liest und zwischendurch rumsurft in dem Aberglauben, daß die Gegentore bestimmt nur dann fallen, wenn man passiv auf die Aktualisierung des Tickers wartet.

Dann holen die Boys in Brown zu zehnt noch zwei Mal einen Rückstand auf, um gegen Ende wohl ausgepowert sogar noch einen Elfmeter zu fangen, das 2:5. Was für ein verfickter Saison-Beginn!

Seufz.

Das mußte ich nach den Diskussionen weiter unten mit Che jetzt einfach verlinken, diese olle, wunderschöne Liebeskummer-Kamelle – das ist ja das Schöne an Camp: Man kann selbst dann noch über sich lachen, wenn man so ein absurdes Trauma durchleidet wie ein verlorenes Fußballspiel. Ist ja ungefähr so irreal, wie bei einer TV-Soap in Tränen auszubrechen, und das nicht, weil sie so schlecht ist – oder nicht doch viel mehr?

Auf jeden Fall sollte der Song mal langsam als Hymne nach vergeigten Spielen am Millerntor angestimmt werden. Wäre zudem noch ein weiteres wirksames Mittel gegen Homophobie.

Verloren, Verlust – man sinniert dann über Worte. Die braucht man ja.

Wieso sagen eigentlich immer alle, in der Kultur des Kapitalismus ginge es um Eigenverantwortung und Gewinnorientierung? Geht’s nicht viel eher für die meisten um Verlustvermeidung oder gar den Erwerb der Fähigkeit, Verluste zu ertragen?

Die Kultur des Kapitalismus ist schließlich wie alle Terror-Regime eine Kultur der Angst. Was noch nicht mal melodramatisch formuliert ist, da muß ich mir nur meine Noch-Chefs anschauen. Seit sie Investoren im Boot haben und der Finanzvorstand als deren Agent agiert, sind die nur noch von Angst getrieben und trauen sich gar nicht mehr, irgendetwas zu entscheiden. Ist das Eigenverantwortung?

Gerade mit meinen wahrscheinlichen, zukünftigen Investoren zusammen gesessen – natürlich und ganz verständlich ergreifen die erst mal Maßnahmen, das persönliche Risiko für mich odentlich zu erhöhen, damit ich wirklich was zu verlieren habe und ihre Kohle nicht versenke.

Zu verlieren habe. Es sei noch einmal betont. Ich altlinkes Geistes- und Sozialwissenschaftler-Viech habe komischerweise keinen Zweifel daran, daß gar kein Risisko besteht, aber nicht umsonst sind Ärzte die schlimmsten Hypochonder.

Verlust ist ja ein Thema, das eigentlich nur dann diskutiert wird, wenn mal Flugzeuge abstürzen und die armen Hinterbliebenen dann Leichen identifzieren müssen. Und das geht durch Mark und Bein, wenn man davon hört.

Wogegen so ein verlorenes Fußballspiel so eine Art Wellness ist.

Auch Banken gehen pleite, Konkurs, Insolvenz, man macht Miese oder Minus oder schreibt rote Zahlen, aber Verlust, das scheint mir nicht allzu oft als Wort gebraucht zu werden – obwohl: Verlust des Arbeitsplatzes, das ist gängig. Und „schwere Verluste“ gibt es auch beim Kriegsgeschehen.

„Verloren“ hingegen hat so eine seltsame Doppelbedeutung. Gestern hat der ganze FC St. Pauli verloren, allesamt, die sich irgendwie dazugehörig fühlen, und Scheiße, ich hatte wirklich den ganzen Tag Depressionen heute – komischerweise verliert man aber auch sein Portemonnaie. Na, mein Vater hat im Krieeg sein Bein „verloren“, und sehr, sehr viele auch ihr Leben – das ist so krude beiläufig fomuliert, wie etwas, was aus Versehen passiert ist. Wie eine verlorene EC-Karte.

Nun will ich keinem unserer Spieler unterstellen, er habe das Spiel verlieren wollen, aber etwas anderes, als wenn einem das Handy aus der Tasche rutscht, ist das dann wohl doch. Wiederfinden kann man auch weder Spiel noch Bein. Leben unter Umständen schon, aber nicht, wenn man es wirklich verloren hat ….

Grübel da nur so lange rum, weil dieses bereits oben zitierte „Gedankenhaie“ von Steven Hall sich um einen schweren Verlust dreht. Dem dann noch ganz andere Verluste folgen: Vor allem der der Differenz zwischen Satz und Sachverhalt, Konzept und Wirklichkeit, Idee und Sein, Kunstwerk und Leben, Objekt- und Meta-Sprache.

All diese Grenzen kollabieren, und so materialisieren sich die Konzepte ganz real als sich in der Welt bewegende Buchstabenwirbel mit vernichtender Energie. Sie folgen Daten- und Informationsspuren inmitten verfallener Krankenhäuser unweit von Manchester, lösen dessen Fußboden auf, um andere materialisierte Konzepte in Menschengestalt zu köpfen und zu verspeisen, vernichten Erinnerungen. Man kann sich vor manchen boshaften, animalischen Vertretern der Wiesen durchpflügenden Informationsverarbeitungswesen nur dadurch schützen, daß man verwirrende Informationen dazwischen schaltet: Bücherstapel, Diktiergerätschaltkreise, die Konzentration auf falsche Identitäten. Das Buch ist eine Mischung aus Matrix, Moby Dick und Amnesie-Psychothrillern – und doch:Es gibt sogar ganz reale autopoetische Systeme, die immer mehr Menschen infizieren.

Aber halt: Gibt es die denn nicht wirklich? Hier ist’s der Gegenschurke zum Schwammkopf-Geisterhai, der immer mehr Personen ihrer Identität beraubt und sie besetzt, um sich zu erhalten – aber hatte ich nicht oben noch über den Kapitalismus geschrieben, daß …

Und materialisieren sich Konzepte nicht ständig? Habe ja auch gerade eine Buisness-Plan geschrieben …. dieses Spiel, was Steven Hall da literarisch treibt, spitzt all diese Fragen so derart virtuos zu, daß der Anti-Held zum Schluß sogar ein Glas mit Papierschnipseln, auf denen „Wasser“ steht, trinken kann. Wohl bekommt’s!

Leide noch unter einem richtigen Lektüre-Schock, weil das so brilliant ist, das Buch. Der Verlust am Anfang der Geschichte, erst gegen Ende ganz erzählt, der erst Identitätsverlust und dann das Zusammbrechen des Konzepts des Konzeptes bewirkt, ist eben kein Konzept, sondern eine ERFAHRUNG, und die Pointe des Buches scheint mir ganz von Tschechow zu stammen:

„Dann erzählten wir uns Witze, wobei aber ausgemacht war, dass die eigenen eigenen immer zum Ablachen und die des anderen immer grottenschlecht waren. Nach einem besonders schlechten von mir (Kommt ein Krokodil in einen Pub …) blieb Scout plötzlich stehen und schaute mich in dem Flackerschein an.

„Kapier ich nicht. Weshalb fragt der Barmann jetzt: Warum das lange Gesicht?“ Im Ernst, sie sah mich an wie das Studivolk bei einem Krawall-Talk einen besonders abgedrehten Gast. „Ich meine, das ist doch komplett unlogisch.“

„Mann, bist Du langweilig“, erwiderte ich, und in diesem Moment wurde mir klar, was Leben ist.“

Steven Hall, Gedankenhaie, München 2008, S. 192

Was dann wohl auch den Unterschied ist zwischen dem Weinen bei einer Soap im Fernsehen und dem nach einer Niederlage ausmacht – nach Heimspielen kann ich nämlich immer sagen: Ich war so sehr dabei! Auch nach verlorenen. Leider …

Aber das kommt diese Saison bestimmt gar nicht vor! Womit ich gerne das Zusammbrechen der Differenz zwischen Satz und Sachverhalt beschwören würde, damit dieses Konzept auch wahr werde … nicht unken!

Written by momorulez

23. August 2008 at 21:25

Bayern mal anders

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Quelle: Wikipedia

Nachts um 6 kam kurz, ganz kurz nur, der Hustenreiz, die Nichtrauchergesetze haben mich ja noch nicht unterworfen. Das leckere Bier aus regionaler Produktion drückte in der Blase, „Ich will hier raus!“ sollte das heißen. War auch ’ne ganze Menge davon, was am Abend davor durch meine Kehle rann („Wie? Ihr Nordlichter mögt das? Ihr trinkt doch immer so herbes Pils!“). Gut,  mal eben aufstehen, so lange man nicht so besoffen ist, daß man in’s Bett pisst oder gar Jimi Hendrix imitiert, ist die Welt ja noch in Ordnung.

Dann ein Blick aus des Klosters Fenster,  angesichts dessen man schon Einhörner über die Ufer-Wiesen springen zu sehen glaubte:  Auf den See geschaut – nachts kühlte stark es ab, die Sonnenstrahlen ließen Nebel aufsteigen vom Gewässer, die Sonne hob sich empor, ganz erhaben, hinter dem Zwiebelturm der Dorfkirche am anderen Ufer. Fast schon verpilchert, diese Sicht auf die Dingwelt und doch sooooo süßlich schön – ist ja eh erstaunlich, wie sehr man Welt in Analogie zu Film- und TV-Erlebnissen wahr nimmt. Ich und mein gestriger Begleiter zumindest.

Da nimmt man einen süßen baseball-bekappten Anhalter mit, weil der so niedliche Waden hat – kaum sitzt er mit im Mietwagen, erfüllen Schnapsausdünstungen den Innenraum gänzlich, und das mitten in Bayern, nachmittags um halb vier! Na, vielleicht ist das ja da so üblich und gehört unter ethnischen Artenschutz gestellt – er jammert aus blutunterlaufenen Augen „Bitte, fahrt’s mi heim“ oder so ähnlich, fleht uns an, einen Umweg zu machen. Der Umweg führt mitten in’s Unterholz: Hinein in düstere Wälder über Kieswege fernab der Landstraße – mir zumindest ist es unmöglich, da nicht an Teenie-Horror-B-Movies zu denken, wo der Tramper eine Heckenschere rausholen würde und wir unsere letzte Ruhe gevierteilt am Fuße  bajuwarischer Buchen finden würden. Ganz ähnlich, später bei der Party, die Anlaß des Kurztripps in’s Chiemgau – den Chiemgau? Zum Gau kommen ich später eh noch mal! – war: Blick von der frisch gemähten Wiese auf ein hoch aufragendes Maisfeld, und mindestens zwei Horror-Filme fielen mir ein, in denen im Maisfeld gemetzelt wurde. Mein Begleiter assoziierte prompt „Signs“ mit Mel Gibson. Vielleicht auch wegen des unglaublichen Anblicks der Mondfinsternis, die man ja auch für ein Zeichen Außerirdischer halten könnte, wenn man’s nicht besser wüßte.

Doch auch fernab der audiovisuellen Bezüge: Der Blick morgens auf den See, der war schon dolle. Auch das Schreiten über den Holzboden der Klostergänge, wunderschön renoviert, man glaubt, die Spiritualität längst vergangener Epochen in sich aufzunehmen, weil man ja eigentlich gar nicht mehr weiß, ob’s nun Zen-Buddhismus oder Mönchstum ist, was eigene Vorstellungen von Andacht und Ruhe prägt.

Dann surft man am nächsten Tag so rum durch’s Netz, wissen wollend, ob Mönche oder Nonnen sich ganz dem Göttlichen und der Ausbeutung der umliegenden Bauernschaften hingaben damals – um festzustellen, daß das Gebäude bereits Anfang des 19. Jahrhunderts säkularisiert wurde und unter anderem ein Flüchtlingslager und eine einen SA-Schule beherbergte. Wo fand noch der Röhm-Putsch statt? Kenne ich ja auch vor allem durch Visconti vermittelt, doch, zum Glück, hat auch Mozart in den heiligen Hallen und Mönchszellen einst komponiert – und wirklich: Es ist wunderschön dort!

Quelle: Wikipedia

Schön auch das Sommerfest, zu dem wir geladen waren: Und zum Glück wird ja nicht jede ethnische Tradition auch bewahrt, dann wäre das nämlich gar nicht möglich gewesen, dieses Fest. Ja, eine krachlederne Trachtenkapelle war auch da und blasmusizierte blechern vor sich hin, es wurde sogar die Bayern-Hymne geschmettert (ich brachte das als ethnisch ganz über den FC St. Pauli definierter Nordling nicht über’s Herz, da mitzusingen, ohne mich zu verleugnen, obwohl wir Zettelchen mit dem Text erhielten – der pittoreske Charme der Folklore gefiel mir aber auch!), doch später tanzte eine buntes Gemisch aus Bauern anliegender Gehöfte, Professoren und Studenten, Theater- und Medienschaffenden und Juristen in Freude vereint auf der von der Dorfjugend gezimmerten Holzfläche zu Eddy Cochran, DJ Ötzi, Culture Beat und Y.M.C.A. im Garten des Landsitzes eines schwulen, jüdischen Ehepaares.

Ich bekenne, daß ich mir das wirklich nicht hätte träumen lassen, damals, in den 70ern, als sich der Bayerische Rundfunk bei „Die Konsequenz“ ausklinkte aus dem ARD-Programm, daß ich irgendwann ausgerechnet inmitten Bayerns diese kleine Zelebration der Utopie genießen dürfen würde.

Ach ja, die 70er: Ist ja immer wieder erstaunlich, daß die ganzen Homo-Knaller von „I am, what I am“ bis zu „I will survive“ alle vereinen, vom hart auf die 60 zugehenden Hetero-Prächen bis zur Mode-Reakteurin Mitte 20.

Ach ja, die 70er: Ist ja doch schmeichelnd, wenn sich die „Clique“ der Mitt- bis Endzwanziger zu uns gesellt, frei nach dem Motto: „Dann gehen wir mal zu den anderen jungen Leuten hier!“, und ihnen dann das Gesicht entgleitet: „Was, Du bist in den SECHZIGERN geboren?“, schön, hätten sie nicht gedacht 😉 …

Doch jenseits aller L’oreal Men Expert-Jugendwahn-Idiotien: Es ist schwierig, mit Leuten über Musik zu reden, die zu Zeiten der Wiedervereinigung gerade mal 10 Jahre alt waren. Ist ja doch eine Sozialisation in die Ahnungslosigkeit hinein, wenn man gerade zu jener Zeit die ersten Schritte on the Dancefloor machte. Und das auch noch in Mecklenburg-Vorpommern.

Immerhin kam dann dieser herrliche Satz „Ach, alle Leute, die ich aus Hamburg und Hannover so kenne, das sind ja immer so gestandene und aufrechte Linke!“, ja, die Ironie ist mir nicht entgangen, aber da im Ausland bei dieser wundervollen Party, dem leckeren Essen und der so wundervoll schlechten Musik, da ging mir das runter wie Öl und ich entflammte einmal mehr in Lokalpatriotismus – gerade WEIL’s da so schön war. Immerhin saß ich gerade bei einem Sommerfest, und alle, so verschieden sie waren, hatten viel Spaß miteinander und genossen das Leben – und genau so soll es doch sein!

PS: Zum Freitagsspiel des FC St. Pauli schreibe ich mal lieber nichts. Das war schon deprimierend ab Minute 20. Trotz Florian Bruns.

Dafür wird Charles nächste Woche im Playmobil-Stadion ständig Bälle in der Vorwärtsbewegung verlieren, und Ebbers und Bruns netzen im Gegenzug ein. Und daß Charles dann in der 87. Minute unter lautem Jubel unserer Fans noch eine Ecke direkt verwandelt, das wird die Freude nicht trüben, weil’s eben doch nur das 1:3 sein wird aus Fürther Sicht. Aber das ist ja auch in Franken und nicht im Bezirk Oberbayern!

Denn die Burghausener da gleich um die Ecke des Klosters in Seeon, das sind ja unsere guten Freunde – dieses Spiel, als sie allesamt in Trachten am Millerntor aufliefen, wir dem Burghausener Bürgermeister (der ein St. Pauli-Trikot mit der Aufschrifft „Bürgermeister“ trug) zujubelten und die ganzen Kerle in Lederhosen zum Punkrock mitwippten, das war ja im Grunde genommen so ähnlich wie dieses, mein Wochende, nur umgekehrt …

Written by momorulez

17. August 2008 at 22:35