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Alice Schwarzer und die Frauenaktion 70

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Der Kampf gegen den § 218 (16)

„Den Staatsanwaltschaften wird nichts anders übrigbleiben, als gegen alle Frauen, die sich öffentlich der Abtreibung beschuldigen, zu ermitteln.“

Alice Schwarzer

Was bisher geschah: Alice Schwarzer machte sich von Paris aus auf, um die französische Aktion, sich selbst öffentlichkeitswirksam der Abtreibung zu bezichtigen, auch nach Deutschland zu exportieren. Kontakte mit Parteien und Gewerkschaften blieben fruchtlos, doch Teile der Roten Frauen in München und der Sozialistische Frauenbund Westberlin unterstützten die Aktion und sammelten Unterschriften.

Bevor Alice Schwarzer allerdings die eher universitären, sozialistischen Frauengruppen kontaktierte, wandte sie sich – was eigentlich nicht weiter verwunderlich ist, an die Frauenaktion 70. Denn diese hatte ja schon einige Zeit vor Alice Schwarzer die Debatte um den § 218 in die bundesrepublikanischen Öffentlichkeit getragen. Nicht nur lokale Medien, sondern auch überregionale Zeitungen und Zeitschriften hatten über die Teach-Ins, Unterschriftensammlungen, Demonstrationen und Kundgebungen der Frauenaktion 70 berichtet. Und diese waren keineswegs auf Frankfurt beschränkt gewesen, sondern auch in Dortmund, Düsseldorf, Essen und Köln wurde das Frankfurter Modell kopiert ([2], S. 83). Wenn also damals jemand Ansprechpartner für eine Kampagne gegen den § 218 war, dann ganz sicher die Frauenaktion 70.

Doch in den diversen Darstellungen Alice Schwarzers, in denen sie ihre eigene Rolle bei der Initiierung der Bekenntnisaktion herausstreicht, spielte die Frauenaktion 70 eine mehr als untergeordnete Rolle. Ende 1971, als sich Schwarzer erstmals als Initiatorin der Stern-Kampagne offenbarte, wird die Frauenaktion 70 nur als bedeutungslose, lokale Vorläuferin erwähnt, eine Beteiligung an der Aktion wird nicht erwähnt. 1981 erscheint sie auf einmal als eine der Gruppen, die die Unterschriften für den Stern beibrachten. 2008 schreibt sie dann in der Emma:

„Die einzigen, die die »Aktion 218« als Gruppe mittrugen, war die »Frauenaktion 70« in Frankfurt.“ ([6])

In ihrer Autobiographie von 2011 ist dann die Frauenaktion 70 wieder verschwunden. Warum dieses merkwürdige Herumgeeiere? Aufklärung gibt ein Blick in die berühmte Ausgabe des Stern, in der Alice Schwarzer die Anfänge der Aktion beschreibt:

„Um einen runden Couchtisch in Frankfurt-Eschersheim, Fritz-Reuter-Straße 5, saßen am 3. Mai dieses Jahres sieben Damen, knabberten Käsegebäck und formulierten einen Text, der der Bundesregierung noch zu schaffen machen wird.
Die Frankfurter Damenrunde setzt sich aus Mitgliedern der »Frauenaktion 70« zusammen, die seit vergangenem Jahr Sturm läuft gegen den Paragraphen 218, der Schwangerschaftsunterbrechung unter Strafe stellt. Rund 50 Frankfurterinnen gehören der »Frauenaktion 70« an. Lehrerinnen, Studentinnen, Journalistinnen und vor allem Hausfrauen. Ihr Motto: »Mein Bauch gehört mir.« Jede Frau, so fordern sie, müsse das Recht haben, eine ungewollte Schwangerschaft mit ärztlicher Hilfe zu unterprechen.
Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, griffen die am Abend des 3. Mai zusammensitzenden Frauen eine revolutionäre Idee aus Frankreich auf: Alle Frauen sollten aufgerufen werden, öffentlich zu bekennen: »Ich habe abgetrieben!« Damit käme auf die deutsche Justiz eine Prozeßlawine zu, vor der Richter und Gesetzgeber kapitulieren müßten. Endziel: Streichung des »Abtreibungs-Paragraphen«. […]
In klaren Sätzen formulierten die Frankfurter Frauen den auf Seite 17 abgedruckten Appell.“ ([4], S. 21)

Die Frauenaktion 70 war also nicht nur eine unter mehreren Gruppen, mit denen Schwarzer zusammenarbeitete, es war diese Gruppe, die den eigentlich Appell verfaßte. Daß Schwarzer selbst in diesem ersten Bericht über die Ursprünge der Kampagne überhaupt nicht auftaucht, heißt nicht, daß sie später ihre initiierende Funktion einfach erfunden hätte. Es ist durchaus glaubwürdig, wenn sie schreibt:

„Während ich weiter Unterschriften sammele, schreibe ich für den Stern den Bericht über die Aktion. Dabei verschleiere ich meine Rolle als Initiatorin bewusst. Warum? Nicht weil ich etwas zu verbergen hätte. Nein. Ich will ganz einfach den Eindruck vermeiden, dies sei die Aktion einer Einzelnen.“ ([7], S. 241)

Das hat sicherlich auch etwas mit dem Vorbild des französischen Mouvement de Libération des Femmes (MLF) zu tun. Persönlichkeitskult war in der französischen Bewegung schwer verpönt, Artikel wurden in der Regel anonym oder nur mit dem Vornamen der Verfasserin gezeichnet veröffentlicht. Und es verwundert nicht, daß die einer persönlichen Profilierung nicht gerade abgeneigte Alice Schwarzer dies später bedauerte:

„Es existierte ein eigenartiges Namensverbot: Die Aktivistinnen, die an die Öffentlichkeit gingen oder Texte schrieben, nannten jahrelang nur ihren Vornamen. Grund: Alles sollte Ausdruck eines Kollektivs der Frauen sein. Dadurch blieb der MLF lange gesichtslos.“ ([7], S. 201)

Schwarzer wollte aber nicht gesichtslos bleiben und bereits Ende 1971 offenbarte sie allen, die es wissen wollten, daß sie die Kampagne ins Rollen gebracht hatte ([5], S. 148). Dennoch ist die im Stern dargestellte zentrale Rolle der Frauenaktion 70 nicht erfunden. Der Text des Appells zeigt deutlich ihre Handschrift. Zweifellos hatte Schwarzer den Text des französischen Manifests mitgebracht, denn dessen ersten Sätze wurden in nur wenig modifizierter Form übernommen:

„Eine Million Frauen pro Jahr lassen in Frankreich eine Abtreibung vornehmen. Sie tun dies unter gefährlichen Umständen, da die Abtreibung gesetzlich verboten ist. Wenn diese Operation unter ärztlicher Kontrolle geschieht, ist sie denkbar einfach.“ (zit. nach [3], S. 107)

Der deutsche Text begann mit:

„Jährlich treiben in der Bundesrepublik rund 1 Million Frauen ab. Hunderte sterben, zehntausende bleiben krank und steril, weil der Eingriff von Laien vorgenommen wird. Von Fachärzten gemacht, ist die Schwangerschaftsunterbrechung ein einfacher Eingriff.“ ([4], S. 17)

Doch insgesamt war der deutsche Text deutlich länger als der französische und endete mit Parolen und Forderungen, die bereits ein Jahr zuvor bei den Aktionen der Frauenaktion 70 verwandt wurden, darunter etwa die Demonstrations-Parole „Nur noch Wunschkinder“ ([2], S. 77), die im Appell als „Ich bin gegen den Paragraphen 218 und für Wunschkinder“ auftauchte ([4], S. 17). Das gilt auch für die Forderungen nach umfassender sexueller Aufklärung und die nach einer Kostenübernahme der Krankenkassen für Abtreibungen – alles Forderungen, die im französischen Aufruf nicht zu finden sind, die aber schon ein Jahr zuvor von den Frankfurterinnen erhoben worden waren.

Die Frauenaktion 70 hatte also, schon bevor es losging, einen nicht unwesentlichen Einfluß auf die Kampagne. Und sie sammelten auch fleißig Unterschriften – mit 61 Signaturen lagen sie nur knapp vor den von Schwarzer immer so gelobten Münchnerinnen, die nur unwesentlich mehr zusammenbrachten.

Es ist außerdem nicht ganz unwahrscheinlich, daß die Unterschriften aus Düsseldorf und Köln ebenfalls auf das Netzwerk der Frankfurterinnen zurückgingen. Allerdings habe ich keinen Hinweis darauf gefunden, wer hinter den Kölner und Düsseldorfer Unterschriften steckte (ebensowenig wie für die 6 rätselhaften Unterschriften von der Insel Sylt). Man kann aber davon ausgehen, daß die vorausgegangenen Aktionen der Humanistischen Aktion (aus der die Frauenaktion 70 hervorgegangen war) in diesen beiden Städten eine Rolle gespielt haben dürften.

Wenn also die Frauenaktion 70 so wichtig dafür war, daß die Aktion zustande kam, warum wird das von Alice Schwarzer zumeist nicht gewürdigt? War es nur Schwarzers Eitelkeit, die den Führungsanspruch in dieser Sache nicht mit jemandem anderen teilen wollte? Das sicherlich auch, aber nicht ganz: Das Problem der Frankfurterinnen war, daß sie zumindest anfänglich Angst vor der Kriminialisierung hatten. Damit hatten die sozialistischen Frauengruppen in München und Berlin kein Problem. Aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte aus der 68er-Bewegung wußten sie, daß der Spielraum für Provokationen deutlich größer ist, als gemeinhin angenommen wird. Doch die Frankfurterinnen zögerten. In Schwarzers Darstellung liest sich deren Haltung so:

„Als das Papier nach zwei Stunden Redigierarbeit auf dem Couchtisch lag, fand sich niemand der Initiatorinnen bereit, die Selbstbezichtigung, abgetrieben zu haben, auch zu unterschreiben.
Kleinlaut gab Renate Scheunemann Lebenserfahrung zum besten: »Deutsche Frauen, die sich selbst bezichtigen? Niemals! Die machen das nie mit, die gehen höchstens artig im Ministerium fragen, ob man das Gesetz nicht ändern will.
Eine zweite Teilnehmerin räsonnierte: »Bei der Position meines Mannes kann ich mir eine Unterschrift gar nicht erlaube. Er ist im Staatsdienst.«
Die Frauen beschließen, die Sache erst einmal zu überschlafen, im übrigen aber auch mit Freundinnen in anderen Städten über den Appell zu sprechen.“ ([4], S. 21f)

Das heißt nicht, daß aus der Frauenaktion 70 keine Unterschriften kamen – von der Handvoll Frauen aus der Frauenaktion 70, deren Namen ich kenne, finden sich immerhin zwei auf der Liste im Stern. Doch diese anfängliche Zögerlichkeit scheint Schwarzer, der so etwas immer fremd war und die auch aus Frankreich anderes gewohnt war, gegen die Frauenaktion 70 eingenommen zu haben, weshalb sie deren Rolle in der Entstehungsphase der Aktion künftig herunterspielte.

Seien Sie gespannt, wie es weiter geht, und freuen Sie sich auf nächste Woche, wenn ein Generalstaatsanwalt erklärt:

„Also wissen Sie, wenn ich den STERN mit dieser Veröffentlichung im Café lese, dann blättere ich lieber schnell darüber hinweg. Aber wenn mir die Veröffentlichung als dienstlicher Vorgang auf den Tisch kommt, dann kann ich kein Auge zudrücken, dann muß ich ermitteln.“ ([1], S. 22)

Nachweise

[1] Redaktioneller Beitrag, „Was werden die Staatsanwälte tun?“, in: Stern, Jg.24 (1971), Nr.24 (6. Juni 1971), S.22.

[2] Scheunemann, R. & Scheunemann, K.: „Die Kampagne der ‚Frauenaktion 70‘ gegen den § 218“, in: Grossmann, H. (Hg.), Bürgerinitiativen. Schritte zur Veränderung?, Frankfurt a.M. 1973 (3. Aufl.), S. 68 – 84.

[3] Schulz, K., Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich 1968–1976, Frankfurt a.M. / New York 2002 (http://www.hist.unibe.ch/unibe/philhist/hist/content/e267/e6141/e8165/datei/datei/schulz_provokation_ger.pdf).

[4] Schwarzer, A., Frauen gegen den § 218. 18 Protokolle, Frankfurt a.M. 1971.

[5] Schwarzer, A., „374 Frauen bekennen vor der Öffentlichkeit: Wir haben abgetrieben“, in: Stern, Jg.24 (1971), Nr.24 (6. Juni 1971), S.16 – 24.

[6] Schwarzer, A., „Mein persönliches 68“, in: Emma, Jg.32 (2008) (http://www.emma.de/artikel/alice-schwarzer-mein-persoenliches-68-263763).

[7] Schwarzer, A., Lebenslauf, Köln 2011.

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Written by alterbolschewik

24. Oktober 2014 at 16:48

Die Debatte zieht Kreise

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Der Kampf gegen den § 218 (5)

„Die Forderung, den Paragraphen 218 völlig zu streichen, akzeptiere ich nicht.“

Bundesjustizminister Jahn (SPD), 1971

Was bisher geschah: In der letzten Folge hatten wir uns angesehen, wie die katholische Kirche darauf reagierte, daß sich immer mehr Frauen gegen ihre patriarchalische Bevormundung auflehnten. Geschickt gelang es ihr, von der eigentlichen Frage nach dem Selbstbestimmungsrecht der Frauen abzulenken und eine Pseudodebatte über den angeblichen Beginn des menschlichen Lebens anzuzuzetteln.

Kehren wir zurück zur Frauenaktion 70, die in Frankfurt mit ihrem Teach-In, der öffentlichen Demonstration und der Unterschriftensammlung Furore machte. Die Wirkung dieser Aktionen blieb nicht auf Frankfurt beschränkt. Auch überregionale Medien berichteten: Praktisch alle Rundfunkanstalten der ARD, auch der Bayerische Rundfunk sendeten Beiträge, bundesweite Zeitungen wie Frankfurter Allgemeine, Frankfurter Rundschau, Welt, BILD und Bild-am-Sonntag veröffentlichten Artikel und selbst Zeitschriften wie die St. Pauli Nachrichten oder die Neue Revue fanden diese Aktionen der Berichterstattung wert.

Es kann also keine Rede davon sein, wie Alice Schwarzer später unterstellte, daß es sich bei der Frauenaktion 70 um „ein Häuflein Frauen“ gehandelt habe, die „tapfer und allein gegen den §218 protestiert hatten“ und – so wird suggeriert – nur darauf gewartet hatten, sich der großen Alice anschließen zu können ([4]). Die Frauenaktion 70 war im Gegenteil äußerst erfolgreich darin, das Thema Abtreibung in die Öffentlichkeit zu tragen. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Nur weil die Frauenaktion 70 die Öffentlichkeit bereits sensibilisiert und der Stern einen ganzseitigen Artikel über ihre Aktionen veröffentlicht hatte ([3], S. 79), konnte Alice Schwarzer dann später mit ihren Vorschlägen bei dieser Zeitschrift offene Türen einrennen.

Die Aktionen blieben dann auch nicht auf Frankfurt beschränkt. Rasch breitete sich die Bewegung aus. Vermittelt über die Humanistische Union wurde im November 1970 in weiteren Großstädten der BRD die Frankfurter Vorgehensweise kopiert:

„Der Information dienten zunächst drei Podiumsdiskussionen in Köln, Dortmund und Essen, bei denen vor zahlreichen Teilnehmern Juristen, Mediziner, Soziologen und Moraltheologen miteinander debattierten.
Außerdem wurden in Köln, Essen, Dortmund und Düsseldorf Straßenaktionen gemacht, bei denen Informationsmaterial verteilt und zur Unterschrift unter einen Offenen Brief an den Bundesjustizminister Gerhard Jahn aufgefordert wurde. Insgesamt wurden 90.000 Flugblätter ausgegeben. Bei den angesprochenen Passanten stießen die Aktivisten überwiegend auf Zustimmung. Ablehnung (und Beschimpfungen) waren sehr selten, sie kam vorallem aus katholischen Bevölkerungskreisen.“ ([5])

Die Zustimmung zu den Forderungen kam nicht unerwartet. Bereits ein Jahr zuvor hatte die Universität Mannheim eine großangelegte Studie zu Deutschlands Eliten durchgeführt und dabei auch deren moralische Einstellung in sexuellen Fragen abgefragt. Das Ergebnis war recht eindeutig (wohl vor allem, weil sich Mitglieder des katholischen Klerus rundweg geweigert hatten, an der Befragung teilzunehmen):

„64 Prozent billigen jeder Frau, entgegen dem Abtreibungsparagraphen 218 StGB, das Recht auf Schwangerschaftsunterbrechung zu;
66 Prozent sind nicht der Ansicht, daß ein Mädchen, »das etwas auf sich hält … auch heute noch unberührt in die Ehe gehen« solle;
75 Prozent wünschen, daß Homosexualität zwischen Erwachsenen (Paragraph 175 StGB) nicht bestraft wird; und
80 Prozent gar glauben, daß sich mit dem Wandel der Gesellschaft zwangsläufig auch die gesellschaftliche Moral wandle.“ ([1], S. 73)

Ausnahmen machten in diesen Fragen nur bestimmte Berufsgruppen:

„Hüter überkommener Moralprinzipien dominieren (beim Stichwort Abtreibung) unter den evangelischen Kirchenfürsten, den Funktionären der Berufsverbände und den Vorsitzenden der Bundestagsausschüsse. Intakte Bräute hingegen halten nur noch die Spitzenprotestanten (79 Prozent) für wichtig.“ ([1], S. 73)

Der katholische Klerus hatte, wie gesagt, die Auskunft verweigert, sonst stünden die Protestanten nicht ganz so einsam da.

Und auch sonst rumorte es allerorten. Die oben erwähnten Aktionen in Nordrhein-Westfalen wurden nicht nur von der Humanistischen Union getragen. Mit im Boot waren auch die Jungsozialisten und die Jungen Liberalen. Auf dem Bundeskongreß der Jusos, der im Dezember 1969 in Bremen stattfand, sprachen sich die Jusos für die Abschaffung des § 218 aus. In einem Spiegel-Interview erklärte der auf dem Kongreß neu gewählte Vorsitzende der Jusos, Karsten Voigt:

„Die Frage Abtreibung ist eine Frage der Selbstbestimmung der Frauen über ihren Körper und steht so im Zusammenhang mit der Selbstbestimmung des Menschen.“ ([6], S. 33)

Vorbereitet worden war diese Linie bereits einige Monate zuvor, während der Bundesfrauenkonferenz am 23. Oktober, als sich die Arbeitsgemeinschaft der Frauen in der SPD in Nürnberg traf. Dort hatte gleich zur Eröffnung die Frankfurter Juso-Vorsitzende Dorothée Vorbeck gefragt:

„Sollen wir weiter in der Ecke des still geduldeten Frauenkränzchens verharren? Wir müssen endlich die gesellschaftlichen Zusammenhänge der Unterprivilegierung der Frau auch im Parteisystem erkennen.“ (zit. nach [2], S. 117)

In der Folge kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen den jungen, linken Frauen und dem weiblichen Establishment in der Partei, das von Annemarie Renger angeführt wurde. Nachdem die Rebellinnen am ersten Tag der Konferenz eine Abstimmungsniederlage erlitten hatten, als sie die Geschäftsordnung demokratisieren wollten, zogen sich ungefähr 40 Frauen – immerhin rund ein Viertel der Delegierten – aus dem Hauptprogramm zurück und diskutierten in einem eigenen Raum über Fragen der Emazipation. Heraus kam dabei ein Resolutionsentwurf, den sie vervielfältigen und diskutieren wollten. Das Parteiestablischment verhielt sich autoritär, hatte aber nicht mit der Basis gerechnet:

„Hausherrin Annemarie Renger […] verbot ihnen die Benutzung der Hektographier-Maschine mit dem Argument: »Euch gibt es gar nicht, und was es nicht gibt, kann man auch nicht abziehen« […].
Mit Hilfe eines Nürnberger Hoteliers gelang es dem linken Zirkel dann doch, seine Diskussions-Ergebnisse zu vervielfältigen. Und die Delegierten – zumeist über 50 Jahre alt – votierten am letzten Tag sogar mit 84 zu 80 Stimmen dafür, im Plenum über das Minderheiten-Papier zu diskutieren.“ ([2], S. 118)

Noch verblüffender war, daß sich die Minderheit am Ende mit einem Resolutionsentwurf zum Paragraphen 218 gegen die Parteilinie durchsetzen konnte:

„Entgegen dem Vorschlag der Antragskommission votierten die Delegierten für den schärfsten Resolutionsentwurf zur Schwangerschaftsunterbrechung: Auf Kosten der Krankenkassen soll jede Frau berechtigt sein, »ihre Schwangerschaft in einer staatlich anerkannten Frauenklinik oder durch einen fachlich vorgebildeten Arzt unterbrechen zu lassen«. Der Abtreibungs-Paragraph 218 des Strafgesetzbuches solle ersatzlos gestrichen werden.“ ([2], S. 118)

Mit anderen Worten: Schon im Jahr 1970 hatte die Diskussion um die Abschaffung des § 218 weite gesellschaftliche Kreise erreicht und wurde breit diskutiert. Von einem Häuflein Frauen, die sich ganz allein tapfer gegen den gesellschaftlichen Mainstream stellten, konnte also nicht die Rede sein. Gerade in der Frage des § 218 war sich die Mehrheit der Frauen in der BRD ziemlich darin einig, daß dieser ihrem grundgesetzlich garantierten Selbstbestimmungsrecht massiv widersprach.

Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn eine Zeitzeugin und Gastautorin in diesem Blog erklären wird:

„Die Studentenproteste ab dem Jahr 1968 hatten mit meiner Lebenswirklichkeit nichts zu tun. Ich war 26 Jahre alt, berufstätig, verheiratet und Mutter eines vierjährigen Kindes. Dies unter einen Hut zu bekommen, brauchte all meine Kräfte.“

Nachweise

[1] Redaktioneller Beitrag, „Fragen an Uschi“, in: Der Spiegel, Jg.23 (1969), Nr.18 (28. April 1969), S.66 – 81 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45589675.html).

[2] Redaktioneller Beitrag, „Loch im Strumpf“, in: Der Spiegel, Jg.24 (1970), Nr.45 (2. November 1970), S.116 – 118 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44303087.html).

[3] Scheunemann, R. & Scheunemann, K.: „Die Kampagne der ‚Frauenaktion 70‘ gegen den § 218“, in: Grossmann, H. (Hg.), Bürgerinitiativen. Schritte zur Veränderung?, Frankfurt a.M. 1973 (3. Aufl.), S. 68 – 84.

[4] Schwarzer, A., „Mein persönliches 68“, in: Emma, Jg.32 (2008) (http://www.emma.de/artikel/alice-schwarzer-mein-persoenliches-68-263763).

[5] vg, „Neue Straßenaktion gegen den Abtreibungsparagraphen“, in: Vorgänge, Jg.9 (1970), Nr.12 (Dezember 1970), S.345.

[6] Voigt, K., „Wir wollen nicht wild herumfuchteln“, in: Der Spiegel, Jg.24 (1970), Nr.52 (21. Dezember 1970), S.31 – 34 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43801016.html).

Frauenaktion 70

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Der Kampf gegen den § 218 (3)

„Die gleichen Kirchen, deren höchste Vertreter einst Kanonen segneten und die fast ausnahmslos die Judenverfolgung erleichterten […], diese Kirchen sprechen von der Schutzbedürftigkeit des menschlichen Lebens angesichts von Zellverbänden.“

Renate Schürmann, Frauenaktion 70

Was bisher geschah: Nachdem in den ersten zwei Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg der § 218 aus der öffentlichen Diskussion verschwunden war, wurde Ende der 60er Jahre ein erneuter Anlauf unternommen, den Paragraphen abzuschaffen. Erstaunlicherweise wurde diese Kampagne aber weder von einer Frauenorganisation noch von der SPD unternommen. Erneut auf die Tagesordnung setzte diese Frage vielmehr die Humanistische Union. Ein offener Brief an die Abgeordneten des Bundestages und eine Unterschriftenkampagne bei Ärzten waren die ersten Aktionen.

Im Jahr 1970 nahm die Kampagne Fahrt auf, denn in Frankfurt wurde eine neue Frauengruppe gegründet, die Frauenaktion 70. Das war nicht die erste und auch nicht die einzige Frauengruppe in Frankfurt. Nach Helke Sanders Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS im September 1968 hatte sich aus dem Frankfurter SDS heraus eine eigenständige Frauengruppe gebildet, der Frankfurter Weiberrat. Dieser wurde dann berühmt-berüchtigt ob seines „Rechenschaftsberichtes“, ein zweiseitiges Flugblatt, das auf der 24. Delegiertenkonferenz des SDS verteilt wurde. Darin hieß es:

„Wir machen das maul nicht auf!
wenn wir es doch aufmachen, kommt nichts raus!
wenn wir es auflassen, wird es uns gestopft: mit kleinbürgerlichen schwänzen, sozialistischem bumszwang, sozialistischen kindern, liebe, sozialistischer geworfenheit, schwulst, sozialistischer potenter geilheit, sozialistischem intellektuellem pathos, sozialistischen lebenshilfen, revolutionärem gefummel, sexualrevolutionären argumenten, gesamtgesellschaftlichem orgasmus, sozialistischem emanzipationsgeseich. GELABER!“

Das ganze schloß mit der legendären Parole:

Befreit die sozialistischen Eminenzen
von ihren bürgerlichen Schwänzen.

Was dann auch auf der anderen Seite des Flugblattes plakativ illustriert wurde. Doch dieser erste Weiberrat löste sich schnell wieder auf. Im Frühjahr 1970 wurde er wieder neu gegründet, tappte dann aber in die selbe Falle wie der Sozialistische Frauenbund Westberlin: Es wurde ein völlig abstraktes Schulungsprogramm entwickelt, das mehr vom linken Zeitgeist als von tatsächlichen Bedürfnissen geprägt wurde. Man las Lohn, Preis und Profit von Marx und fragte sich, was das denn eigentlich mit der eigenen Situation zu tun habe.

Anders die Frauenaktion 70, die sich eben nicht aus dem studentischen Milieu heraus entwickelte. Ausgangspunkt war hier der Ortsverband der Humanistischen Union in Frankfurt. Dieser hatte 1969 beschlossen, sogenannte Projektgruppen einzurichten und machte dazu eine Mitgliederbefragung, welche Themen denn gewünscht würden. Darunter war auch das Thema Frauenemanzipation, an dem sich zwölf Frauen interessiert zeigten:

„Die meisten dieser zwölf Frauen waren kinderlose Berufstätige (allein die Hälfte im Schulwesen und in der Publizistik), aber es meldeten sich auch sogenannte Nur-Hausfrauen mit kleinen Kindern.“ ([1], S. 71)

Schon beim ersten Treffen wurde der § 218 als geeignetes Diskussions- und Kampagnenobjekt identifiziert:

„[Es gab] weitgehend Übereinstimmung darüber, daß die Strafandrohung gegen Schwangerschaftsabruch, also die Paragraphen 218 – 220 des Strafgesetzbuches wegen ihres eindeutig frauenfeindlichen Charakters ein sehr brauchbarer Ansatzpunkt für weitere Diskussionen und eventuelle Aktionen sein könnte. Dies auch deswegen, weil gerade diese Strafandrohung die patriarchalische Vorstellung von der Objektrolle der Frau symbolisiert.“ ([1], S. 71f)

Die Gruppe traf sich weiter und beschloß bei ihrem dritten Treffen, nicht länger als Frauengruppe der Humanistischen Union aufzutreten, sondern sich den Namen Frauenaktion 70 zu geben. Gleichzeitig wollte man offensiv neue Mitglieder für die Gruppe gewinnen; und zwar mit Hilfe einer öffentlichen Aktion:

„Es wurde beschlossen, auf offener Straße Unterschriften gegen den § 218 zu sammeln, genauer gesagt: Unterschriften unter einen »Offenen Brief« an die Bundesministerin Käte Strobel mit der Forderung nach Straffreiheit bei Schwangerschaftsabbruch.“ ([1] , S. 74)

Bei der Vorbereitung der Aktion konnte man dann gut sehen, daß die Frauen in der Frauenaktion 70 einiges an politischer Erfahrung besaßen – hatten sie sich zum Teil schon in Parteien, in Gewerkschaften oder eben auch der Humanistischen Union engagiert:

„Es wird beschlossen, der Straßenaktion ein Teach-in im Frankfurter Volksbildungsheim voranzustellen. Man will vermeiden, ein ähnliches Schicksal zu erleiden wie zahlreiche studentische Gruppen, die mit ihren Demonstrationen auf eine uninformierte und unvorbereitete Öffentlichkeit stießen und z.T. auch deshalb mit ihren sachlichen Vorstellungen nur selten Resonanz fanden.“ ([1], S. 74)

Am 3. Juli 1970 führten sie dann das Teach-in durch, zu dem 120 Interessierte kamen. Knapp eine Woche später, am 9. Juli, fand dann in Frankfurt die Demonstration statt, bei der Unterschriften unter den offenen Brief an die Gesundheits- und Familienministerin Strobel gesammelt wurden. In diesem offenen Brief – der auch auf den vorhergehenden offenen Brief der Humanistischen Union verwies – hieß es:

„Jede Frau hat das Recht, über ihren Körper selbst zu bestimmen. Jedes Kind hat das Recht, willkommen geboren zu werden. Jeder Mann hat das Recht, nur bei gewollter Elternschaft Vater zu werden. Deshalb fordern wir die konsequente Freigabe der Schwangerschaftsunterbrechung, die auf Kosten der gesetzlichen Krankenkassen von Gynäkologen vorgenommen werden soll.“ (zit. nach [1], S. 78)

Innerhalb von zwei Stunden konnten die Frauen rund 1000 Unterschriften sammeln. Um dem Ganzen aber noch mehr Wucht zu verleihen, verließ man sich nicht allein auf die Straßenaktion, sondern brachte zusätzlich einige wichtige Persönlichkeiten dazu, ihre Unterschrift zu geben – darunter den Frankfurter Oberbürgermeister und den Präsidenten des Oberlandesgerichtes. Das Ganze machte Eindruck: Für den 28. Oktober wurden Vertreterinnen der Frauenaktion 70 zu einem Gespräch mit der Familienministerin und dem Justizminister gebeten.

Doch auch die Gegenseite schlief nicht. Am 25. September reagierte die katholische Bischofskonferenz. Offensichtlich sahen die Bischöfe ihre Felle davonschwimmen, denn es war klar, daß sich die Kampagne zur Abschaffung des § 218 auf eine breite Mehrheit in der Bevölkerung stützen konnte. Es ist schon fast rührend anzusehen, wie sie versuchten, den Eindruck zu erwecken, ihre Intervention sei gar nicht auf ihrem eigenen Mist gewachsen:

„Gewisse politische Gruppen versuchen, die Strafbestimmungen zum Schutze des werdenden Lebens für die ersten drei:Monate der Schwangerschaft […] abzuschaffen oder einzuschränken. […] Wir Bischöfe erhalten in den letzten Wochen und Monaten eine steigende Zahl von Zuschriften, in denen wir – oft in geradezu beschwörender Weise – darum gebeten werden, den bezeichnenden Tendenzen eine klare Haltung und ein deutliches Wort der Kirche entgegenzusetzen.“ (zit. nach [2], S. 367)

Und dann vertraten sie natürlich ihre üblichen frauenfeindlichen Positionen. Worauf die Frauenaktion 70 prompt mit einem neuerlichen offenen Brief reagierte. Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn die Frauen den katholischen Bischöfen am 30. September folgendes entgegenschleudern:

„Ihre Argumentation ist scheinheilig und ruft unseren schärfsten Protest hervor. Sie sprachen vom Schutz des menschlichen Lebens, bleiben aber auf dem Schutz von Embryonen fixiert. In Wirklichkeit ist die Position der Bischöfe zutiefst lebensfeindlich: kinderfeindlich, frauenfeindlich, sexualfeindlich. Zu alledem hat sie Klassencharakter.“ (zit. nach[1], S. 82)

Nachweise

[1] Scheunemann, R. & Scheunemann, K.: „Die Kampagne der ‚Frauenaktion 70‘ gegen den § 218“, in: Grossmann, H. (Hg.), Bürgerinitiativen. Schritte zur Veränderung?, Frankfurt a.M. 1973 (3. Aufl.), S. 68 – 84.

[2] vg, „Bischöfe haben was gegen Pornographie und Abtreibung“, in: Vorgänge, Jg.9 (1970), Nr.10 (Oktober 1970), S.366 – 367.

Written by alterbolschewik

18. Juli 2014 at 15:24

Veröffentlicht in Feminismus, Paragraph 218

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