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Synthetische Mobilisierung

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Bewegungslehre (2)

„In keinem modernen Lande der Welt ist das Waldgefühl so lebendig geblieben wie in Deutschland. Das Rigide und Parallele der aufrechtstehenden Bäume, ihre Dichte und ihre Zahl erfüllt das Herz des Deutschen mit tiefer und geheimnisvoller Freude.“

Elias Canetti, Masse und Macht

Was bisher geschah: Letzte Woche wurde eine entscheidende Differenzierung getroffen. Nicht immer, wenn Bürger sich außerhalb der üblichen gesellschaftlichen Institution kollektiv um Belange kümmern, die auch die Gesamtgesellschaft angehen, handelt es sich um eine Bewegung. Bewegungen, so wurde postuliert, zeichnen sich nicht nur durch ein konkretes Ziel aus, sondern zusätzlich durch ein transzendierendes Moment.

Der eigentliche Plan für heute war, angesichts der letztwöchigen Erkenntnisse zwischen genuinen gesellschaftlichen Bewegungen einerseits und inszenierten Pseudobewegungen andererseits zu unterscheiden. Die echten Bewegungen, so war meine Arbeitshypothese, entstehen ohne einen festen Plan, werden durch ein Ereignis ausgelöst, das unerwartet und plötzlich einschlägt. Inszenierte Pseudobewegungen dagegen sind Massenaufläufe, die von irgendwelchen Gruppen geplant und organisiert werden, ohne daß ein initiierendes Ereignis hinzukommt. Und diesen synthetischen Bewegungen fehlt, so wollte ich argumentieren, der gesellschaflich transzendierende Horizont, der den eigentlichen Kern einer echten Bewegung ausmacht.

Inzwischen habe ich gewisse Zweifel an dieser Hypothese; zumindest die einfache Abqualifizierung synthetischer Bewegungen als Pseudobewegungen erscheint mir mittlerweile als falsch. Als Paradebeispiel für eine synthetisch inszenierte Bewegung würde ich beispielsweise die Friedensbewegung ansehen, die Anfang der 80er Jahre Massen gegen den Nato-Doppelbeschluß auf die Straße gebracht hatte, wie es das in der Bundesrepublik niemals vorher oder nachher gegeben hat. Diese Bewegung hätte ich gerne als inszenierte Pseudobewegung einfach aus der Diskussion über echte Bewegungen herausgenommen.

Und es gibt gute Gründe, das zu tun: Zum einen war so gut wie nichts Spontanes an dieser Bewegung. Sie wurde generalstabsmäßig organisiert, woran die aus der DDR finanzierte DKP als verlängerter Arm der russischen Außenpolitik einen nicht unbeträchtlichen Anteil hatte – aber auch andere Institutionen wie Gewerkschaften oder Kirchen. Zum anderen fehlte dieser Bewegung auf den ersten Blick ein transzendierendes, nach vorne weisendes Moment. Natürlich wollte man keinen Atomkrieg – aber das war’s dann auch schon. Zwar wurde von diversen linken Gruppen, die sich an die Bewegung anhängten, versucht, ein derartig überschreitendes Moment mit einzubringen. Die Argumentationslinie war dabei ungefähr die, daß eine derartige Kriegsgefahr im Rahmen einer kapitalistisch verfaßten Gesellschaft nie gebannt werden könne, so lange mächtige Rüstungsinteressen von einer permanenten Aufrüstung profitierten. Doch die Verknüpfung des konkreten Protestes gegen die unmittelbar bevorstehende Aufstellung atomarer Mittelstreckenraketen mit einer größeren, antikapitalistischen Perspektive blieb völlig marginal und wäre, wenn sie mehr Bedeutung gewonnen hätte, für die Mobilisierung eher hinderlich gewesen. Während andere Bewegungen gerade vom Pathos einer Überwindung des status quo leben, war es für die große Masse derer, die sich gegen die Nato-Doppelbeschluß mobilisieren ließen, gerade der Wunsch nach Bewahrung des status quo, der sie auf die Straße brachte.

Mangelnde Spontaneität und mangelndes Pathos der Überschreitung wären also meine Argumente gewesen, mit denen ich Bewegungen wie die gegen den Nato-Doppelbeschluß aus dem Kanon der „echten“ Bewegungen verstoßen hätte. Doch letztendlich ist das absurd: Man kann nicht der größten außerparlamentarischen Massenmobilisierung in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland unterstellen, daß sie sich fälschlich das Mäntelchen der Friedens-„Bewegung“ umgehängt habe. Denn sie unterschied sich nicht nur durch die Menge der Mobilisierten von einer bloßen Bürgerinitiative, die gegen eine Bahntrasse durch ihre Vorgärten protestiert.

Die Friedensbewegung war nicht einfach durch schnödes Eigeninteresse getrieben. Natürlich kann man sagen, daß der Wunsch, nicht in einem Atomkrieg pulverisiert zu werden, durchaus eine ziemlich individuelle Komponente hat. Aber das war meines Erachtens nicht der zentrale mobilisierende Faktor. Auch nicht ein „typisch deutscher“ Antiamerikanismus, der der Friedensbewegung von anderen als wesentliche Motivation unterstellt wurde (in New York demonstrierten 1982 doppelt so viele Menschen gegen die „Nachrüstung“ wie bei der großen Friedensdemonstration in Bonn; und den US-Bürgern wird wohl niemand Antiamerikanismus unterstellen). Meine augenblickliche Hypothese lautet: Das eigentlich treibende Motiv hatte durchaus eine transzendierende Komponente, allerdings eine negative. Und bei diesem Motiv handelte sich um die Vorstellung einer atomaren Apokalypse. Es war eben nicht die Furcht vor der individuellen Auslöschung, die mobilisierende Wirkung entfaltete, sondern die Furcht vor der Auslöschung der gesamten Menschheit.

Was ziemlich interessant ist. Warum sollte es weniger wichtig sein, wenn man sowieso schon tot sein wird, ob man das alleine oder zusammen mit der ganzen Menschheit ist? Eigentlich sollte doch die individuelle Todesgefahr eine größere mobilisierende Wirkung entfalten als die doch recht abstrakte Vorstellung, die ganze Menschheit würde ausgelöscht. Die Differenz liegt wieder einmal im Symbol. Mit dem Sinnbild der Apokalypse wurde eine ungeheuer starke Symbolik evoziert, die tief in unser christliches kulturelles Gedächtnis eingebrannt ist. Offensichtlich reicht die Macht dieser Symbolik so weit, daß es mit ihrer Hilfe gelingen konnte, eine synthetische Massenmobilisierung in Gang zu setzen, ohne daß es ein initiierendes Ereignis gab.

Damit unterscheidet sich die apokalyptische Symbolik wesentlich von der, die ich letzte Woche angeführt hatte. Damals hatte ich das Symbol des Märtyrers herausgestellt, das für die Mobilisierung von Bewegungen typisch ist. Der Märtyrer als Symbolfigur ist unzweideutig an ein Ereignis geknüpft, eben das seines Martyriums. Und dieses symbolische Ereignis hat unmittelbar mobilisierende Wirkung. Das Symbol der Apokalypse verweist jedoch auf ein zukünftiges Ereignis. Offensichtlich wirkt dieses noch gar nicht eingetretene Ereignis so eindrücklich, daß es, obwohl es noch nicht eingetreten ist, seine Wirkung entfalten kann. Die mobilisierende Kraft der Apokalypse beruht also nicht auf einem realen Ereignis, sondern darauf, daß ein Ereignis nicht eintreten soll.

Das sind nicht nur formale Differenzierungen. Aus diesen Differenzierungen ergibt sich ein weiterer wesentlicher Unterschied für die gesellschaftliche Bedeutung der Bewegungen. Tatsächlich hatte ich noch einen dritten Grund, die Friedensbewegung nicht unter die „echten“ Bewegungen zählen zu wollen. Und dieser Grund ist der eigentlich entscheidende: Sie brachte keine nachhaltigen gesellschaftlichen Veränderungen hervor.

Die Frauenbewegung, die durch die Veröffentlichung des Bekenntnisses „Wir haben abgetrieben!“ angestoßen wurde, hatte Auswirkungen, die die gesamte Gesellschaft in ganz zentralen Bereichen verändert hat. Zweifellos haben wir noch lange nicht den utopischen gesellschaftlichen Zustand erreicht, in dem nicht mehr über Geschlechtergerechtigkeit diskutiert werden muß, weil diese sowieso selbstverständlich ist. Aber die Veränderungen in den Geschlechterverhältnissen, die sich seit der Veröffentlichung des Stern vom 6. Juni 1971 ergeben haben, sind tiefgreifend und bedürfen keiner näheren Ausführung.

Die Mobilisierung der Friedensbewegung hingegen verpuffte ohne irgendwelche greifbaren Spuren im gesellschaftlichen Alltag zu hinterlassen. Noch nicht einmal auf die Wahlen hatte die größte Protestbewegung in der Geschichte der BRD einen bedeutenden Einfluß: 1983, mitten in der Hochphase des Protestes gewann die CDU/CSU 4,3% der Wählerstimmen hinzu. Bestenfalls am erstmaligen Einzug der GRÜNEN in den Bundestag (mit 5,6%) kann man, wenn man will, eine gewisse politische Wirkung der Friedensbewegung ablesen. Doch die Anti-AKW-, Ökologie- und Frauenbewegung dürften für diesen ersten bundesweiten Wahlerfolg der GRÜNEN einen größeren Einfluß gehabt haben als die Friedensbewegung.

Wir können also festhalten, daß es zweierlei Arten von Bewegungen gibt: Spontane und synthetische. Beiden gemeinsam ist, daß sie über eine starke Symbolik verfügen müssen, um tatsächliche Massen mobilisieren zu können. Die Symboliken würden in beiden Fällen nicht funktionieren, wenn sie nicht eine den status quo überschreitende Qualität besäßen, doch die Überschreitung selbst ist eine grundlegend andere. Im Fall der spontanen Bewegungen ist die Symbolik der Überschreitung eine utopische: Es soll nicht nur ein Mißstand im Rahmen der allgemeinen Verhältnisse behoben werden, sondern die Verhältnisse selbst sollen verändert werden. Im anderen Fall, dem der synthetischen Bewegungen, ist es die Furcht vor einer grundlegenden Veränderung, die mobilisierende Wirkung besitzt. Wenn diese Veränderung dann nicht eintritt, die Apokalypse ausbleibt, zerfällt die Bewegung und hinterläßt wenig bis keine Spuren.

Dieser Dualismus von spontanen und synthetischen Bewegungen ist zweifellos etwas differenzierter als mein ursprünglicher Ansatz, zwischen „echten“ und „falschen“ Bewegungen zu unterscheiden. Aber ganz befriedigend ist er auch nicht. Was ist beispielsweise mit der Anti-AKW- und Ökologiebewegung? Diese mischte munter einen utopischen und einen apokalyptischen Part zusammen, was sich dann auch in einer doppelten Symbolik niederschlug: Dem utopischen Symbol der Sonne, wie es die Anti-Atomkraft-Aufkleber zierte, stand das apokalyptische des sterbenden Waldes entgegen. Wie ist eine derartige Doppelnatur einzuschätzen?

Für heute habe ich keine Antwort auf diese Frage. Und auch nächste Woche wird es (hoffentlich) erst einmal um etwas anderes gehen, nämlich um das Ereignis, das die spontanen Bewegungen auslöst.

Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn Elias Canetti meint:

„Eine besondere Art von Masse bildet sich durch ein Verbot: Viele zusammen wollen nicht mehr tun, was sie bis dahin als einzelne getan habe. Das Verbot ist plötzlich; sie erlegen es sich selber auf.“ ([1], S. 57)

Nachweise

[1] Canetti, E., Masse und Macht, Frankfurt a.M. 1980.

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Written by alterbolschewik

14. November 2014 at 16:12

Veröffentlicht in Bewegung, Ereignis

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Na, hallelujah!

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„Überträgt man die Planungen für die «Stossgruppe Bayern» auf den Norden und legt die Erkenntnisse aus Übungsunterlagen des Warschaupakts zugrunde, die die ostdeutsche Armee vor ihrer Auflösung nicht mehr vernichten konnte, so dürften die Annahmen über die Stossgruppen 1 bis 3 der Realität ziemlich nahe kommen. Danach waren für den Zielraum Schleswig-Holstein 62, für Ostniedersachsen 115 und für den Zielraum Nordkassel 175 Nuklearwaffeneinsätze vorgesehen. Diese Zahlen stammen ausschliesslich aus Übungen, die in den achtziger Jahren durchgeführt wurden. Damit ist zugleich festgestellt, dass sich die tatsächliche Kriegsplanung nach 1964 nicht wesentlich veränderte.

 

Ist ja durchaus beeindruckend, was die NZZ da berichtet und was Martin treffsicher kommentiert. Mich überrascht, daß das als überraschend aufbereitet wird: Das ist nicht weit weg von dem, was man sich damals so vorstellte. Da trat dann noch hinzu, daß man davon ausging, die USA würde billigend in Kauf nehmen, daß der „Blockgegensatz“ auf mitteleuropäischem Boden ausgetragen werden könnte, nicht anders als die Sowjetunion eben auch. Es gab keine Orientierung an Leuten wie Breschnew damals unter den Friedensbewegten, den fand man schauerlich. Entsprechend wollte man, dem österreichischen und schweizer Vorbild folgend, eine neutrale Zone inmittens Europas, sozusagen als geographischer Puffer zwischen den Blöcken.

Argument – oder Vision – von Friedensbewegten wie mir war ja gerade: Leute, laßt solche Planspiele doch einfach sein, macht Mitteleuropa zur atomwaffenfreien Zone. Ob das nun illusionär war oder nicht, das sei mal dahingestellt. Zumindest gab es einen klaren Schulterschluß zwischen DDR-Opposition („Schwerter zu Pflugscharen“), für die spätere Bügerrechtsbewegung ja eine Art Vorstufe, und westlichen Friedensbewegten – während Kalte Krieger wie Franz-Josef Strauss noch Milliardenkredite verteilten.

Klar war auch immer, daß die Sowjetunion davon ausging, daß sie sich in Verteidigungsposition gegenüber der NATO befände, die berühmte „Interpunktion von Ereignisfolgen“, der ich keineswegs beipflichten würde, aber wenn’s solche Perspektiven gibt, so sind die ja relevant.

Daß die USA die Atomwaffen auch einzusetzen bereit waren, das hatten sie in Hiroshima und Nagasaki ja nun mal eindrucksvoll unter Beweis gestellt, das Wettrüsten und der „Kalte Krieg“ kamen nun mal erst darauf folgend. Und allen retrospektiven Unkenrufen zum Trotze hat man ja gegen SS 20 und Pershings gleichermaßen demonstriert, wer anderes behauptet, geht retrospektiv Leuten wie Franz-Josef Strauß auf den Leim, was ja erstaunlich häufig passiert.

 

Was sich mir deshalb überhaupt nicht erschließt, ist dieses peinliche Triumphgeheul drüben beim A-Team (ich meine das in der Kommentarsektion, wenn Jo@chim glaubt, Kalte Krieger feiern zu müssen, sei ihm das ja unbenommen). Kann ja jeder im Nachhinein finden, daß der NATO-Doppelbeschluß richtig war, der Text bei der NZZ liefert dafür nun aber gerade keine Gründe.

 

„Mehr noch. Zwischen 1975 und 1988 häuften sich die Forderungen der sowjetischen Militärführung, einer technologischen Überlegenheit des Westens militärisch zuvorzukommen.“

 

Ließe sich daraus  nicht eher ableiten, daß die  fortgesetzte Aufrüstung des Westens (und des Ostens) die Kriegsgefahr drastisch erhöht hat?

Zudem es mich arg wundern würde, wenn ähnliche Präventivschlags-Szenarien von der NATO nicht auch durchgespielt worden wären. Es ist ja kein Zufall, daß „Präventivkriege“ zeitweise von den USA forciert wieder schwer en vogue waren.

Written by momorulez

16. September 2008 at 11:08