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Brot und Rosen (1)

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Die Frauenbewegung in der BRD (30)

„As we come marching, marching, unnumbered women dead
Go crying through our singing their ancient cry for bread.
Small art and love and beauty their drudging spirits knew.
Yes, it is bread we fight for — but we fight for roses, too!“

James Oppenheim, Bread and Roses

Was bisher geschah: Ende 1969 verließ Helke Sander den von ihr mitgegründeten Aktionsrat zur Befreiung der Frauen. Statt sich auf das abstrakte marxistisch-leninistische Schulungsprogramm des sich nunmehr Sozialistischer Frauenbund West-Berlin nennenden Aktionsrates einzulassen, drehte sie lieber Filme. In diesen thematisierte sie in neuer Form die Fragestellungen, die ursprünglich einmal zur Gründung des Aktionsrates geführt hatten.

Doch während Sander Kinder sind keine Rinder und Eine Prämie für Irene drehte, fand in der Frauenbewegung ein enormer Aufschwung statt. Und das an einem Thema, das weder in den Diskussionen des Aktionsrates noch des Sozialistischen Frauenbundes vorgekommen war: Der Frage der Strafbarkeit von Schwangerschaftsabbrüchen. Zwar gab es bereits seit 1969 eine Kampagne gegen den § 218, der die Abtreibung rechtlich regelte, aber diese Kampagne ging ursprünglich nicht von den Frauengruppen aus, sondern war von der Humanistischen Union initiiert worden. Dazu in einer der späteren Folgen dieses Blogs mehr. 1971 jedoch wurde aus dieser, von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommenen Kampagne ein Politikum, das die ganze Republik aufwühlte. Alice Schwarzer hatte die Redaktion des Stern dazu gebracht, auf der Titelseite das Bekenntnis von 374 Frauen abzudrucken: „Wir haben abgetrieben!“

Dieses öffentliche Bekenntnis zum Rechtsbruch war die Initialzündung für die Frauenbewegung als Massenbewegung. Am 6. Juni war die Veröffentlichung im Stern, bereits einen Monat später, am 10. Juli 1971 fand in Frankfurt ein bundesweites Treffen von Frauengruppen statt. Hatte sich Alice Schwarzer zur Vorbereitung ihres Medien-Coups gerade einmal auf vier existierende Frauengruppen stützen können, kamen nun in Frankfurt Vertreterinnen von Aktionsgruppen aus 21 Städten zusammen. Eine weitere Konferenz fand im Oktober statt, auf der für den 6. November koordinierte Demonstrationen in Berlin, München, Bremen und Frankfurt beschlossen wurden.

Nach diesen Demonstrationen war zweierlei klar: Die Gegnerinnen des § 218 hatten zwar eine riesige Öffentlichkeit für das Problem geschaffen, doch das nützte leider nichts:

„Heute haben wir ca. 70 bis 80% der Bevölkerung hinter uns, wenn wir die Abschaffung des Paragraphen verlangen.
Nur, was machen wir mit dieser überwältigenden Mehrheit, wenn der Bundestag, das Justizministerium und die Regierung sich über unsere massiven Demonstrationen, Unterschriftensammlungen und Selbstanzeigen einfach hinwegsetzen. Wir und viele andere haben daraus gelernt, dass diese »Volksvertreter« nicht unsere Forderungen vertreten, sondern die Interessen derjenigen, die sowieso die Macht in dieser Gesellschaft haben.“ ([1], S. 3)

Aus diesem gemischten Gefühl heraus – wir sind viele, aber wir werden ignoriert – entstand dann Ende 1971 die Gruppe Brot und Rosen, bei der wieder deutlich die Handschrift von Helke Sander sichtbar wurde. Diese Gruppe unterschied sich allerdings organisatorisch gewaltig vom Aktionsrat. Der Aktionsrat war im Grunde ein regelmäßig stattfindendes öffentliches Plenum gewesen, zu dem jede kommen konnte, die Lust dazu hatte. Dadurch hatte es dem Aktionsrat an Stringenz und Verbindlichkeit gefehlt. Das um Schulungen konzentrierte Organisationskonzept, das die Fraktion um Frigga Haug entwickelte, sollte zwar mehr Verbindlichkeit schaffen – doch ein produktiver Arbeitszusammenhang entstand daraus nicht. Der Sozialistische Frauenbund fungierte in den ersten Jahren als reiner Durchlauferhitzer, es bildete sich keine stabile, handlungsfähige Kontinuität heraus.

Brot und Rosen sollte anders sein. Die ursprüngliche Gruppe bestand wohl zu Beginn aus ungefähr zehn Frauen ([1], S. 3), die sich dann schnell auf einen harten Kern von fünf Aktivistinnen reduzierte ([2], S. 7). Diese Beschränkung auf wenige, aber engagierte Mitglieder dürfte den Erfahrungen mit dem Aktionsrat geschuldet gewesen sein:

„Wir haben bei Frauengruppen nicht nur den Ruf, eine »gute Gruppe« zu sein, sondern auch den, autoritär und überheblich zu sein. Das sind wir nicht, aber wir sind oft abweisend und das wird als unangenehm empfunden.“ ([2], S. 8)

Das Wachstum der Gruppe im Laufe der nächsten zwei Jahre wurde bewußt begrenzt:

„Wir haben uns bis jetzt mehr zufällig und privat erweitert. Meistens war es so, daß Frauen längere Zeit praktisch gezeigt haben, daß sie unsere Forderungen unterstützen und sich dafür mit viel Arbeit – theoretischer und praktischer – einsetzen.“ ([2], S 8)

Tatsächlich bemühten sich Brot und Rosen, Theorie und Praxis eng miteinander zu verzahnen, nicht nur, um bloße Mitläuferinnen abzuschrecken. Wobei sie unter Theorie etwas anderes verstanden als blutleere Mao- oder Leninschulungen. Theorie begriff die Gruppe als intellektuelle Selbstermächtigung:

„Wir Frauen müssen uns selbst dazu befähigen, das, was mit uns gemacht wird, fachlich beurteilen zu können. Wir müssen lernen, irgendwelchen Fachidioten, seien es Gynäkologen oder Pillenfabrikanten, Gesetzemachern oder Arbeitgebern auf die Finger zu schauen. Wir müssen unsere Angst verlieren vor Männern, die im Namen irgendeiner Wissenschaft Respekt für sich und ihre Handlungen fordern. Wir müssen es wagen, Fragen zu stellen, so gründlich zu stellen, dass sie uns nicht mehr abtun können wie bisher.
Wir müssen die Furcht verlieren, etwas Falsches zu sagen und uns nicht richtig ausdrücken zu können. Schliesslich ist es nicht unsere Schuld, dass wir nicht ausgebildet sind, und es ist nicht ihr Verdienst, dass sie privilegiert sind.“ ([1], S. 4f)

Und so lasen die Frauen von Brot und Rosen nicht Engels‘ Vom Ursprung der Familie, sondern Our Bodies, Ourselves vom Boston Women’s Health Book Collective. Die amerikanische Historikerin Nancy MacLean charakterisierte diese 1971 erstmals veröffentlichte Broschüre folgendermaßen:

„Eine der elektrisierendsten Kräfte war ein weitverbreiteter und erschwinglicher Selbsthilfe-Ratgeber zur Frauengesundheit, der 1970 vom Boston Woman’s Health Collective veröffentlicht wurde, einer Gruppe von zwölf Frauen, die verschiedene Aspekte der weiblichen Physiologie untersuchten. Von der ersten, auf billigem Papier gedruckten Ausgabe wurden innerhalb von drei Jahren 250.000 Exemplare verkauft. […] Hier bildete sich das Beste der neuen Bewegung ab, indem die Aufmerksamkeit auf die Unterschiedlichkeit von Frauen gelenkt wurde, zudem Körper und Geist verbunden und Selbstfürsorge mit einem Engagement zum Aufbau einer Gemeinschaft vereint wurden. Vor allem wurde Frauen das Wissen zur Verfügung gestellt, das sie benötigten, um ihr Leben selbstbestimmter leben zu können.“ ([3], S. 25)

Insofern ist Theorie vielleicht das falsche Wort. Was Brot und Rosen anstrebten, war nicht eine abstrakte Theorie, sondern die Aneignung und Verbreitung von Wissen, praktischem Wissen, das den Frauen unmittelbar helfen sollte, sich aus gesellschaftlichen Abhängigkeiten zu befreien. Hier scheint erneut die programmatische Absicht des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen auf, wo es ja auch darum ging, Frauen den Freiraum zu schaffen, in dem sie selbst über ihr Leben entscheiden konnten.

Doch in dieser reinen Wissensaneignung und -vermittlung sollte sich die Arbeit von Brot und Rosen nicht erschöpfen. Ihre Programmatik enthielt noch einen anderen Punkt:

„Wir müssen den Frauen, die vorerst noch nicht an unserer Arbeit teilnehmen, durch direkte und allgemein verständliche Aktionen zeigen, wer aus unserer Lage Profit schlägt. Wir müssen die einzelnen Gynäkologen und ihre Interessensverbände bekämpfen, wir müssen die pharmazeutisch Industrie und einzelne Firmen angreifen. Wir müssen die Kirche und ihre Vertreter blosstellen.“ ([1], S. 6)

Damit stellte sich Brot und Rosen ausdrücklich in die Tradition der antiautoritären Bewegungen, indem sie die vor dem Zerfall der antiautoritären Bewegungen propagierte Einheit von Aktion und Aufklärung erneut aufgriff und zum Programm machte.

Nächste Woche werden wir uns genauer ansehen, wie Brot und Rosen versuchten, diesen programmatischen Anspruch tatsächlich umzusetzen. Freuen Sie sich also darauf, wenn die Gruppe schreibt:

„Nur wenn wir wissen, was wir wollen, sind wir eine gesellschaftliche Kraft, mit der andere sich auseinanderzusetzen haben. Nur, wenn wir unsere Interessen kennen und klar benennen, nur dann können wir mit Männern zusammenarbeiten, nur dann sind »Männer und Frauen stark«.“ ([2], S. 28f)

Nachweise

[1] Brot und Rosen, Frauenhandbuch Nr. 1. Abtreibung und Verhütungsmittel (1. Auflage), Berlin 1972.

[2] Brot und Rosen, Frauenhandbuch Nr. 1. Abtreibung und Verhütungsmittel (2. Auflage), Berlin 1974.

[3] MacLean, N., The American Women’s Movement, 1945 – 2000, Boston und New York 2009.

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16. Mai 2014 at 16:20

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Das Ende des Aktionsrates

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Die Frauenbewegung in der BRD (26)

„Beim Sozialistischen Frauenbund besteht immer, oder ich empfand es so, diese Tendenz zum Perfekten, die einfach abhält, selber aktiv zu werden.“

Maren, Karteileiche des Sozialistischen Frauenbundes West-Berlin

Was bisher geschah: Im Herbst 1969 spitzte sich im Aktionsrat zur Befreiung der Frauen die Auseinandersetzung zwischen der anti-autoritären Fraktion um Helke Sander und der traditionsmarxistischen Fraktion um Frigga Haug zu. Die einen forderten konkrete Veränderungen – auch und gerade innerhalb der radikalen Linken, die anderen wollten vor allem ein marxistisches Schulungsprogramm durchsetzen.

Ende 1969 spaltete sich Helke Sanders Gruppe vom Aktionsrat zur Befreiung der Frauen ab und machte später unter dem schönen Namen Brot und Rosen weiter (auf diese Gruppe werde ich in späteren Beiträgen dieses Blogs noch zurückkommen). Damit hatte sich Frigga Haug im Aktionsrat mit ihrem Schulungsprogramm durchgesetzt. An die Stelle der weitgehend informellen Struktur des Aktionsrates trat ein fester Organisationsaufbau. In langwierigen Diskussionen wurden ein Statut und ein Schulungsprogramm entwickelt. Diese grundlegende Veränderung wurde öffentlich dokumentiert, indem sich der Aktionsrat im Jahr 1970 einen neuen Namen gab: Sozialistischer Frauenbund West-Berlin.

Es wäre nun sehr verführerisch, Frigga Haug zur alleinigen Buhfrau aufzubauen, die den eigentlich tollen Aktionsrat zu einer drögen sozialistischen Schulungsanstalt umfunktioniert hat. Natürlich ist das nicht ganz falsch, aber es ist auch nicht richtig. Denn das Statut des Sozialistischen Frauenbundes versuchte eine Antwort auf konkrete Probleme zu geben, die den Fortbestand oder besser: die Weiterentwicklung des Aktionsrates lähmten. Auch die Gruppe Brot und Rosen setzte später nicht einfach die Politik des Aktionsrates fort; nur zog sie aus der Tatsache, daß sich der Aktionsrat überlebt hatte, andere Konsequenzen als die Frauen aus dem Sozialistischen Frauenbund. Wir müssen uns deshalb die Probleme genauer ansehen, die letztlich zur Auflösung des Aktionsrates führten.

Helke Sander führte im Rückblick die Probleme im Aktionsrat darauf zurück, daß seine Aufgaben innerhalb kürzester Zeit über die ursprüngliche Gründungsproblematik hinauswuchsen:

„Es kamen mehr Studentinnen und Kinderlose mit ihren eigenen, für die einzelnen aktuell dringenden aber verschiedenen Problemen, die im Aktionsrat zwar noch geäußert, aber kaum mehr behandelt werden konnten, was zu unzähligen Organisationsansätzen führte, die aber wegen der Fülle der Fragen und der mangelnden Zeit zu keiner befriedigenden Organisationsstruktur führten.“ ([3], S. 6f)

Mit Frigga Haug war Ende 1968 eine Frau in den Aktionsrat gekommen, die einen klaren Plan hatte – auch wenn sich die Umsetzung dieses Planes eher als Fehlschlag erweisen sollte. Haug war aus dem Umfeld der marxistischen Theoriezeitschrift Das Argument gekommen, die wesentlich von ihrem Mann, Wolfgang Fritz Haug, geführt wurde. Diese politische Sozialisation prägte dann ihr Verhalten im Aktionsrat:

„Mein Standpunkt war: »Um diese Frauenunterdrückung bei der Wurzel zu packen, müssen wir viel theoretische Literatur lesen.« Binnen kurzer Zeit hatte ich diesen Aktionsrat auf ordentliche Schulungsfüße gestellt, und im Grunde habe ich dort lauter kleine »Argument-Clubs« gegründet.“ ([2], S. 191)

Nicht alle Frauen im Aktionsrat waren davon begeistert. Helke Sander erinnerte sich später:

„An dieser Schulungsfrage entwickelten sich Konflikte, die ganze Gruppen aus dem Aktionsrat austreten ließ […]. Die Konflikte bestanden vor allem darin, daß die einen […] die Frauenfrage nur aus der Klassenfrage ableiten wollten und die anderen – die meistes theoretisch auch weniger gebildet waren – darauf bestanden, daß es eine patriarchale Kultur gibt, die klassenunspezifisch ist und kapitalismusunspezifisch.“ ([3], S. 7)

Das Problem war, daß der scheinbare Erfolg Frigga Haug recht zu geben schien. Es ist nicht ganz falsch, wenn sie später bemerkte, daß man, trotz des Austrittes verschiedener Gruppen, nicht von einer Spaltung des Aktionsrates reden konnte:

„Dass der Aktionsrat sich spaltete, habe ich in absolut guter Erinnerung. Ich fand die Politik, die vorher gemacht wurde, falsch. […] Es war vielleicht ein Machtkampf zwischen Helke und mir, aber der Aktionsrat blieb bestehen. Manche sagen, er wurde »gespalten«. Doch Spaltung ist nicht das richtige Wort, wenn sieben gehen und etwa hundert Frauen und damit die Mehrheit übrig bleiben.“ ([2], S. 191)

Daß es nur sieben Frauen gewesen seien, die durch die Neuorientierung vergrault wurden, ist sicherlich untertrieben. Doch der Sozialistische Frauenbund erwies sich dann als erstaunlich stabil. Zumindest die Organisation existierte bis zu Beginn der 80er Jahre, auch wenn es viel Fluktuation und heftige Brüche im Selbstverständnis gab.

Die Organisationsstruktur, die im Statut von 1971 festgeschrieben wurde, war durchaus basisdemokratisch angelegt. Höchstes beschlußfassendes Organ war die Mitgliederversammlung, die einmal im Monat stattfinden sollte und die für alle Mitglieder verbindlich war. Die eigentliche (Schulungs-) Arbeit wurde in kleineren Gruppen durchgeführt, wobei drei Typen unterschieden wurden. Zum einen Arbeitsgruppen für die Grundschulung, dann Kapital-Arbeitskreise und schließlich Untersuchungsgruppen. Koordiniert werden sollten diese Gruppen einerseits durch einen Delegiertenrat, der über die inhaltliche Ausrichtung des Frauenbundes wachte, andererseits durch ein Sekretariat, das sich um den Formalkram wie Einzug der Mitgliedsbeiträge kümmerte.

Die Grundidee war, daß jeder Frau, die neu zum Frauenbund hinzukam, erst einmal eine einjährige Grundschulung verpaßt wurde. Dadurch qualifizierte sie sich einerseits für die Untersuchungsgruppen, die im Kollektiv, ohne Leitung, eigenständig Themen aufarbeiten sollten. Andererseits sollte die Teilnahme an einer Grundschulung auch dazu befähigen, selbst Grundschulungen zu leiten. Damit sollte eine Art Schneeball-System etabliert werden, das immer größere Kreise zog. Doch de facto funktionierte das aus verschiedenen Gründen nicht. Eine Frau, die als ärztliche Schreibkraft arbeitete, berichtete etwa über ihre Tätigkeit als Schulungsleiterin:

„In dieser Zeit habe ich mitgekriegt, daß ich mit meinem Wissen nicht mehr mit den anderen Frauen mitkam. In meiner Schulungsgruppe waren mehrere Akademikerinnen – die eigentlich nicht meine Zielgruppe waren –, denen nicht ich als Schulungsleiterin was beibringen konnte, sondern die mir. Das war so entsetzlich und ein Grund, warum ich ausgetreten bin.“ ([3], S. 9)

Ein anderes Problem war, daß das Schulungsprogramm hochgradig abstrakt und meilenweit von der Lebenswirklichkeit der Frauen entfernt war. Das ursprüngliche Grundschulungsprogramm umfaßte die folgenden Texte ([1], S. 14): Von Marx und Engels das Kommunistische Manifest sowie Lohn, Preis, Profit und von Mao Tse-Tung die beiden Schriften Unser Studium umgestalten und Über die Praxis. Als einziger von einer Frau geschriebener Text stand Rosa Luxemburgs Aufsatz über Massenstreik, Partei und Gewerkschaften auf dem Programm. Mit anderen Worten: Unmittelbare Frauenthema wurden nicht angesprochen.

Interessanterweise wurde dieser Abstand zur eigenen Lebenswirklichkeit teilweise gar nicht als so besonders tragisch angesehen. Die schon zitierte ärztliche Schreibkraft meinte:

„Wir haben nur Polit-Ökonomie gemacht, was mich sehr interessiert hat. Ich konnte einiges davon auch in meinem späteren Beruf anwenden bzw. das Wissen hat mir geholfen.“ ([3], S. 9)

Insofern muß man Frigga Haug wahrscheinlich recht geben, wenn sie im Rückblick meinte:

„Das waren Frauen, die das Gefühl hatten, bisher mit dem Lernen zu kurz gekommen zu sein und nun gehe es endlich los. […] Ich habe Leselisten erstellt, und ich bin auch heute noch der Meinung, es schadet nichts, Marx, Engels, Bebel und Clara Zetkin zu lesen. Frauentexte, wie wir sie heute kennen, gab es damals nicht. Allerdings war es wirklich blödsinnig, nicht mit dem Alltag der Frauen anzufangen und mit etwas, das sie direkt betraf. Aber dieses Schulungsprogramm war eben kein spezifisches Frauenprogramm, sondern ganz genau das, was die anderen Gruppen in der Studentenbewegung auch gemacht haben, vielleicht mit anderen Schwerpunkten.“ ([2], S. 192)

Ganz stimmte das natürlich nicht. Es hätte durchaus feministische Literatur gegeben – Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht war bereits seit 1951 auch auf deutsch verfügbar, Betty Friedans Der Weiblichkeitswahn seit 1966. Man hätte also durchaus auch andere Lektüre heranziehen können. Doch das verbot sich aufgrund der eigentümlichen Ideologie, die im Sozialistischen Frauenbund vorherrschte.

Diese werden wir uns nächste Woche genauer anschauen. Freuen Sie sich also darauf, wenn der Sozialistische Frauenbund ex kathedra erklärt:

„Von allen nicht berufstätigen Frauen aber kann gesagt werden, daß sie keine organisierbaren Interessen haben, die auf den kapitalistischen Grundwiderspruch hinweisen und einen kontinuierlichen Kampf notwendig machen.“ ([1], S. 5)

Nachweise

[1] Anonym, „Frauen im Kapitalismus. Ansätze zu einer Analyse“, in: Pelagea, Jg.1 (1970), Nr.1 (Mai 1970), S.1 – 15.

[2] Haug, F.: „»Frauenpolitik galt als kleinbürgerlich«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 180 – 198.

[3] Menschik, J.; Sander, H. & andere, „10 Jahre Sozialistischer Frauenbund – 10 Jahre neue Frauenbewegung“, in: Pelagea, Jg.9 (1978), Nr.7/8, S.2 – 14.

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18. April 2014 at 14:26

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„Politisierung“

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Die Frauenbewegung in der BRD (25)

„Die bürgerliche Reduktion des politischen Kampfes der linken Frauen auf den Sektor Kind und Familie kann eine Änderung allenfalls für wenige Individuen zur Folge haben.“

Einige Genossinnen aus dem Aktionsrat (1969)

Was bisher geschah: Die „Mütter-Fraktion“ im Aktionsrat zur Befreiung der Frauen hatte Anfang Oktober 1969 noch einmal versucht, den Aktionsrat wieder zu seinen ursprünglichen Zielen zurückzuführen. Unter dem Gruppennamen „Gegen das Alte und für das Neue“ veröffentlichten sie eine Art Manifest in der Roten Presse-Korrespondenz. Darin erklärten sie, daß ohne die Lösung der Kinderfrage, also der Frage, wie die Last der Kindererziehung von den Müttern genommen werden kann, eine sozialistische Perspektive nicht denkbar sei.

Damit wurde die schon länger existierende Fraktionierung innerhalb des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen öffentlich. Die erste Reaktion auf das Manifest der Mütter-Fraktion erschien gleich im Anschluß an den Artikel. Es handelte sich dabei um die Übersetzung eines Interview mit Frauen aus der Black Panther Party. Die Black Panther Party war eine linksradikale militante Organisation der Schwarzen in den USA, deren Entschlossenheit, Gewalt mit Gegengewalt zu beantworten, in Teilen der deutschen Linken ziemlich bewundert wurde. Das war allerdings nicht das entscheidende Thema des Interviews und auch nicht der Grund, warum dieses abgedruckt wurde. Darin ging es vielmehr um etwas ganz anderes, nämlich darum, ob sich Frauen getrennt von den Männern organisieren sollten oder doch lieber, im Dienste der gemeinsamen Sache, zusammen. Die Black-Panther-Frauen äußerten sich dazu eindeutig:

„Der Widerspruch zwischen Männern und Frauen ist ein Widerspruch, der innerhalb der revolutionären Kräfte ausgefochten werden muß. Er ist nicht vergleichbar mit den Klassenwidersprüchen. Daher kommt dem Klassenkampf Priorität zu. In dem Maße, in dem die Frauenorganisationen sich nicht dem Klassenkampf oder dem nationalen Befreiungskampf zuwenden, fördern sie nicht wirklich die Befreiungsbewegung der Frauen.“ ([1], S. 13)

Heute erscheint uns eine derartige Argumentation mehr als fremd. Wir empfinden es als völlig normal, daß sich Frauen unabhängig von irgendwelchen Männer organisieren – auch weil wir nicht mehr an den Klassenkampf als Ausdruck eines kapitalistischen Hauptwiderspruches glauben. Zu der Zeit, um die es hier geht, war das aber noch keineswegs ausgemacht. Es ist schlicht und ergreifend falsch, wenn etwa Jutta Menschik schreibt, daß es sich beim Aktionsrat zur Befreiung der Frauen um einen Arbeitskreis handelte, „in dem Männer nicht mitarbeiten durften“ ([4], S. 358). Das widerspricht der Aussage von Helke Sander, die vom ersten Treffen des Aktionsrates berichtet: „Es waren auch ein paar Männer dabei, die wir nicht wegschickten.“ ([5], S. 165) Allerdings erlahmte das männliche Interesse offensichtlich sehr schnell, weshalb Männer im Aktionsrat keine Rolle spielten. Aber es gab keinen expliziten Ausschluß von Männern – zumindest habe ich darauf keinen Hinweis gefunden. Und wenn es so etwas gegeben hätte, dann wären darüber sicherlich erbitterte Diskussionen geführt worden.

Insofern war der Abdruck des Black-Panther-Interviews verblüffend, denn er stellte eine Erwiderung auf eine Forderung dar, die so gar nicht erhoben worden war, nämlich die nach einer getrennten Frauenorganisation. Die Gruppe „Gegen das Alte und für das Neue“ hatte offensichlich etwas Unerhörtes gemacht. Sie hatte Forderungen erhoben, die sich nicht nur an die Adresse der bösen Kapitalisten oder abstrakt der Gesellschaft richteten, sondern ganz direkt an die männlichen Genossen. Diese sollten sich gefälligst ein paar Fragen zu Familie und Kindererziehung stellen und vor allem entsprechend handeln. Daß in solchen Forderungen ein massives Konfliktpotential steckte, das auf die Dauer zur Abspaltung einer autonomen Frauenbewegung führen könnte, war den Übersetzerinnen des Black-Panther-Interviews offensichtlich bewußt. Tatsächlich sollten die „Pantheretten“ im Aktionsrat dann auch einen Weg einschlagen, der sie von unmittelbaren Frauenfragen wegführen sollte. Doch dazu in einem der folgenden Beiträge mehr.

Eine direkte Antwort auf das Manifest der Gruppe „Gegen das Alte und für das Neue“ erschien dann in der übernächsten Nummer der Roten Presse-Korrespondenz. Dort forderten „einige Genossinnen aus dem Aktionsrat“ eine „Politisierung des Aktionsrates zur Befreiung der Frau“ ([2]). Es ist symptomatisch, daß diese Fraktion den falschen Namen „Aktionsrat zur Befreiung der Frau“ statt „der Frauen“ verwendete. Diese Verballhornung des Names war uns schon früher begegnet. Damals hatte ich darauf hingewiesen, daß diese veränderte Namensgebung durchaus eine inhaltliche Bedeutung hat. Im ursprünglichen Ausdruck „Befreiung der Frauen“ wird anerkannt, daß die Subjekte dieser Befreiung sehr unterschiedliche Individuen sind, die sich nicht über einen Leisten schlagen lassen. Bei der Befreiung „der Frau“ geht es schon sprachlich um ein abstraktes Konzept, nicht um einen lebendigen Prozeß. Es ist die Sprache von Bürokratinnen und der Text macht genau in diesem bürokratischen Stil weiter. Da wird mit leeren Abstraktionen nur so um sich geworfen. Die Autorinnen unterstellen der Gruppe „Gegen das Alte und für das Neue“, sie würde sich auf die „verschleiernde Argumentationsebene des Klassenfeindes“ begeben und sei sich des „Grundwiderspruchs von Lohnarbeit und Kapital“ nicht bewußt.

Als wirklicher Witz erweist sich dann die Forderung nach „Politisierung“ des Aktionsrates, die sich als deren genaues Gegenteil erweist. Denn wenn man nachschaut, worin denn nun diese Politisierung bestehen soll, erfährt man, daß es darum gehe, „unser vages Bewußtsein von Unterdrückung in ein politisches Bewußtsein umwandeln“. Die Forderungen der Gruppe „Gegen das Alte und für das Neue“ mögen vielleicht unausgegoren und schwer umsetzbar gewesen sein – daran hätte eine Kritik durchaus ansetzen können. Doch diesen konkreten Forderungen wurde nun ein völlig abstraktes Konzept entgegengesetzt, das sich schon durch seine bürokratische Sprache verriet:

„Unumgänglich für die Erarbeitung einer Perspektive zur Veränderung unserer politischen und privaten Praxis ist die Orientierung an den objektiven Notwendigkeiten, die sich aus den bestehenden Produktionsverhältnissen und unserem Kampf dagegen ergeben. Die Analyse schafft zudem erst die Bedingungen für die politische Aktion über den bisherigen Rahmen des Aktionsrates hinaus, z. B. Agitation und Organisation von Arbeiterinnen.“ ([2])

Mit anderen Worten: Es sollte überhaupt nicht politisch agiert werden, sondern man wollte durch Schulung erst einmal die Bedingung der Möglichkeit für politisches Agieren herstellen. Nun bin ich der letzte, der sich gegen Theoriearbeit ausspricht. Aber den Rückzug in die Studierstube als „Politisierung“ zu verkaufen, ist schon ziemlich gewagt.

Das alles war nicht zufällig, sondern eine klare Strategie einer ganz bestimmten Frau. Es war Frigga Haug, die Ende 1968 beschlossen hatte, aus dem Aktionsrat nun einen Schulungsrat zu machen. Frigga Haug war seit 1965 mit Wolfgang Fritz Haug, dem Herausgeber der angesehenen marxistischen Theoriezeitschrift Das Argument verheiratet. Während ihr Mann eine wichtige öffentliche Rolle spielte, war Frigga Haug nach politischen Anfängen zu Beginn der ’60er Jahre nun, nachdem sie ihr Studium abgebrochen hatte, auf die Rolle als Hausfrau und Mutter reduziert:

„Mein jetziger Mann kommt aus einer ganz traditionellen schwäbischen Familie. Trotzdem war er bereit, zweimal in der Woche zu kochen. Ich sollte dreimal kochen, und einmal wollten wir in die Mensa gehen.
Aber ich habe allein das Kochen übernommen, das Einkaufen und den ganzen Haushalt, weil ich fand, dass ich das besser mache. Das hing genau damit zusammen, dass ich als Hausfrau keinen anderen Ort und keine Position für mich hatte.“ ([3], S. 186f)

Interessanterweise war es gerade nicht die Auseinandersetzung mit ihrer Hausfrauen- und Mutterrolle, die Frigga Haug in den Aktionsrat trieb. Vielmehr suchte sie sich anscheinend ganz bewußt ein politisches Aktionsfeld, in dem sie sich unabhängig von ihrem Mann profilieren konnte, wobei sie aber keinerlei inhaltlichen Bezug zu ihrer eigenen Situation herstellte.

Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn Frigga Haug erklärt:

„Neben politischen Aktionen, dem »Argument« und diesen ganzen Hilfstätigkeiten, die ich inzwischen an mich gerafft hatte, beschloss ich, dass der »Aktionsrat zur Befreiung der Frauen« mein Hauptbetätigungsfeld sein sollte. Ich war dabei, eine eigene Identität aufzubauen.“ ([3], S. 189)

Nachweise

[1] Anonym, „Pantheretten und die Emanzipation“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.1 (1969), Nr.33 (3. Oktober 1969), S.12 – 14 (http://www.infopartisan.net/archive/1967/266745.html).

[2] Genossinnen aus dem Aktionsrat, „Zur Frauenemanzipation. Für eine Politisierung des Aktionsrates zur Befreiung der Frau“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.1 (1969), Nr.35 (17. Oktober 1969), S.9 (http://www.infopartisan.net/archive/1967/266747.html).

[3] Haug, F.: „»Frauenpolitik galt als kleinbürgerlich«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 180 – 198.

[4] Menschik, J.: „Vom »Aktionsrat zur Befreiung der Frau« zum »Sozialistischen Frauenbund Westberlin«“, in: Menschik, J. (Hg.), Grundlagentexte zur Emanzipation der Frau, Köln 1977 (2. Aufl.), S. 358 – 371.

[5] Sander, H.: „»Nicht Opfer sein, sondern Macht haben«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 161 – 179.

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11. April 2014 at 17:15

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Haare!

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Die Frauenbewegung in der BRD (23)

„Daß also Frauen freiwillig mit anderen Frauen etwas gemeinsam gemacht haben, das war sensationell.“

Helke Sander

Was bisher geschah: Der große Kindergärtnerinnen-Streik, der in Berlin nicht nur die Bedingungen in den öffentlichen Kindergärten verbessern, sondern allgemein die Macht der arbeitenden Frauen sichtbar machen sollte, wurde durch mutwillige Sabotage der Gewerkschaften verhindert.

Es ist schwer zu sagen, welchen Anteil die gescheiterte Streikagitation an der Krise des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen hatte. Aber man spekuliert wohl nicht ganz ins Blaue hinein, wenn man vermutet, daß eine derartige gemeinsame Anstrengung für einige Zeit die inneren Widersprüche im Aktionsrat unter den Teppich kehren konnte. Diese Widersprüche brachen dann nach dem Scheitern dieser aktivistischen Phase umso vehementer auf.

Doch bevor ich auf die Details eingehe, wie im Herbst 1969 der Aktionsrat in verschiedene Fraktionen zerbrach, will ich einige eher allgemeine Überlegungen zur Diskussion stellen, wie sich das Verhältnis von Ereignis, spontanter Aktion und Organisation denken läßt.

Ich hatte in diesem Blog schon mehrfach auf die Kategorie des Ereignisses verwiesen. Das Ereignis ist ein kontingenter historische Augenblick, der als Trauma erfahren wird. Und dieses traumatische Ereignis verändert, zumindest für einen Teil der Gesellschaft, die Wahrnehmung dieser Gesellschaft grundlegend. Für die BRD und ganz besonders für West-Berlin war dieses traumatische Ereignis sicherlich die Ermordung Benno Ohnesorgs durch einen Polizisten während des Schah-Besuches in Berlin.

Diejenigen, die dem Treiben der linksradikalen Grüppchen in den Monaten und Jahren zuvor vielleicht nicht ganz ablehnend gegenüberstanden, deren Thesen über den gewalttätigen und ausbeuterischen Charakter des gegenwärtigen Gesellschaftssystems dennoch als hoffnungslos übertrieben abtaten, wurden durch das Ereignis aufgeschreckt. Zuvor herrschte der naive Glaube, es würde in dieser Gesellschaft schon alles richtig laufen; und wo es nicht so richtig lief, was ja kein Wunder ist, denn die Menschen sind ja fehlbar, dann waren die gesellschaftlichen Institutionen schon so eingerichtet, daß sie derartige Schieflagen wieder ausgleichen konnten. Etwas Protest konnte nicht schaden, um den demokratischen Prozeß in Gang zu halten, aber man brauchte es dabei ja auch nicht zu übertreiben.

Die Kugel im Schädel Benno Ohnesorgs, die Lügen der Polizei und der Medien, der Versuch der Verantwortlichen, den Tod Ohnesorgs den Demonstranten in die Schuhe zu schieben, all das ließ diesen naiven Glauben wie eine Seifenblase zerplatzen. Gleichzeitig machten dann viele neben der Erfahrung der gemeinsamen Trauer, auch die der Solidarität und des kollektiven Handelns: Aus isolierten Grüppchen wurde eine Bewegung.

Man darf sich das alles nicht zu sehr sponaneistisch vorstellen. Das Ereignis kommt nicht einfach aus dem Nichts, es entspringt nicht einer mystischen Spontaneität der Massen. Es ist vorbereitet, es existiert bereits in Form einer Leerstelle, die es dann ausfüllt, wenn es eintritt. Ich meine das nicht zynisch in dem Sinn, daß auf die Ermordung eines Studenten gewartet worden wäre. Sondern in dem Sinn, daß die alte Werteordnung schon so angegriffen und brüchig war, daß es nur eines Anstoßes bedurfte, um die alte symbolische Ordnung wie ein Kartenhaus zum Einsturz zu bringen. Notwendig war dafür nur ein Symbol, in dem sich das ganze Unbehagen an der gegenwärtigen Ordnung mit einem Schlag auskristallisieren konnte. Darin unterscheidet sich der Tod Benno Ohnesorgs grundlegend vom Tod des Demonstranten Philipp Müller fünfzehn Jahre zuvor: Letzterer blieb für die Ordnung der BRD folgenlos, denn die Situation des Jahres 1952 war nicht so, als daß sein Tod Symbolcharakter hätte annehmen können.

Das Ereignis zerbricht also durch seinen Symbolcharakter zumindest für einen Teil der Gesellschaft die Bindung an die alte Werteordnung. Das ist zum einen zweifellos eine befreiende Erfahrung. Zum anderen ist diese Befreiung aber auch erschreckend. An die Stelle der alten Werteordnung muß eine neue Ordnung treten, eine neue Struktur, die das Chaos bändigt, das der Zerfall der alten Ordnung im Bewußtsein der Individuen hervorruft. In diesem Augenblick schlägt die Stunde der Organisationen – im Fall des 2. Juni 1967 die Stunde des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes. Der SDS hatte sich schon vor dem 2. Juni als Sprachrohr der außerparlamentarischen Opposition hervorgetan, er war durch die Medien bekannt und somit die erste Adresse, an die man sich wenden konnte, als der Aktionismus der ersten Tage nach dem Tod von Benno Ohnesorg abflachte.

Allerdings mußten gerade Frauen feststellen, daß ihnen der SDS keineswegs die Orientierung bot, die sie sich von ihm erwartet hatten. Hier kam ganz massiv die Diskrepanz zum Tragen, auf die ich schon früher hingewiesen habe. Frauen, die vor dem Ereignis am 2. Juni 1967 Mitglied im SDS geworden waren, wurden durchaus als gleichberechtigt angesehen und prägten den Verband sowohl organisatorisch wie auch intellektuell entscheidend mit. Als der Verband aber auf einmal zu einer Massenorganisation anschwoll, dominierten auf einmal die Wortführer diverser Fraktionen; und diese debattierten in einer Sprache, die für die Neuhinzugekommenen ein Buch mit sieben Siegeln war. Und das galt für die Frauen um so mehr, als diese ja deutlich schlechtere Chancen hatten, den Wissensvorsprung der SDS-Macker einzuholen. Die ursprüngliche Intention, die Helke Sander und Marianne Herzog mit der Gründung des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen hatten, war ja dann auch gerade dies, den Frauen die Gelegenheit zu geben, zu den Männern in politischer Hinsicht aufzuschließen:

„Die Veranstaltungen, bei denen der SDS dabei war, zeichnete sich dadurch aus, daß das zuhörende Publikum auf das intelligenteste informiert wurde und daß die Argumente […] nirgendwo anders zu erfahren waren. Daß sie gleichzeitig unlösbar verquickt waren mit Eitelkeiten und männlicher Selbstdarstellung und auch Machtkämpfen, war ein Beiprodukt […]. Die Frauen, die angefangen hatten, sich zu versammeln, die die ersten Kinderläden gegründet hatten, hatten das gemacht, um für sich selbst mehr Zeit zu gewinnen, um an genau diesen Veranstaltungen, nach denen wir ausgehungert waren, mitzumachen und unseren Teil dazu beizutragen, für mehr Gerechtigkeit auf der Welt zu sorgen.“ ([4], S. 47f)

Das erste Ziel, das mit der Gründung des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen verfolgt wurde, war somit ein praktisches: Frauen, insbesondere Müttern die Zeit zu geben, sich am politischen Prozeß zu beteiligen. Und es gab sehr viele Mütter, die durch das Ereignis aufgerüttelt wurden und das Gefühl hatten, daß sich etwas grundsätzlich ändern müßte.

Das zweite Ziel ergab sich beiläufig, aus der Tatsache der Existenz des Aktionsrates: Selbstverständigung und dadurch auch die Schaffung von Selbstvertrauen. Helke Sander erinnert immer wieder gern an die ganz subjektive Bedeutung der Treffen für die Individuen:

„Ich werde nie vergessen, was diese eine Frau gesagt hat. Wir hatten uns immer mittwochs getroffen […]. Also: Mittwochs kommt sie immer ganz beschwingt nach Hause zu ihrem Freund und ist ganz stark, und dann sagt er irgend etwas, und dann kan man lachen und nimmt das so hin; am Donnerstag denkt sie daran, wie schön es doch am Mittwoch war; am Freitag ist sie dann nicht mehr ganz so stark und ab Sonnabend fängt sie nur noch an, sich wieder auf Mittwoch zu freuen.“ ([3], S. 34)

Tatsächlich begründete der Aktionsrat eine neue Form des Umgangs, die so bislang in den politischen Gruppen nicht existierte. Frigga Haug erinnert sich ganz entsetzt an ihre erste Teilnahme an einem Aktionsratsplenum:

„Das Treffen fand im Republikanischen Club statt, und ich kann dieses erschreckende Gefühl nur so ausdrücken: »Der Raum war voller Haare.« Das war wirklich mein Haupteindruck, nur Haare! Viele Frauen hatten lange Haare, und ich merkte daran, dass ich bisher nur Männergruppen gewohnt war, und nun musste ich durch diese Haare hindurch wie durch einen Dschungel. […] Hinzukam, dass die Frauen sich alle untereinander kannten und sich umarmten. […] In diesem Raum befanden sich also nur lange Haare, die zudem alle ineinander verschlungen waren, weil die Frauen sich herzten und küssten und einander fast auf dem Schoß saßen.“ ([2], S. 189f)

Die ursprüngliche Absicht, die hinter der Gründung des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen steckte, bezog sich höchstens mittelbar auf die Veränderung der Gesellschaft, sondern zunächst einmal auf die Veränderung der Individuen und deren realer Situation. Der Aktionsrat war zunächst unmittelbar praktisch gedacht, nicht theoretisch.

Doch keine Praxis ohne Theorie. Seien Sie also gespannt auf nächste Woche, wenn für einige „Genossinnen aus dem Aktionsrat“ Schluß ist mit lustig:

„Um mit der Schulung anzufangen, beginnen wir noch in diesem Monat mit einem Arbeitskreis über das Kapital, zudem empfehlen wir, in unserem Seminar an der PH über geschlechtsspezifische Sozialisation mitzuarbeiten.“ ([1], S. 9)

Nachweise

[1] Genossinnen aus dem Aktionsrat, „Zur Frauenemanzipation. Für eine Politisierung des Aktionsrates zur Befreiung der Frau“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.1 (1969), Nr.35 (17. Oktober 1969), S.9 (http://www.infopartisan.net/archive/1967/266747.html).

[2] Haug, F.: „»Frauenpolitik galt als kleinbürgerlich«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 180 – 198.

[3] Sander, H.: „Das Private ist das Politische. Gespräch mit Hilke Schlaeger“, in: Schlaeger, H. (Hg.), Mein Kopf gehört mir. Zwanzig Jahre Frauenbewegung, München 1988, S. 23 – 36.

[4] Sander, H.: „Der Seele ist das Gemeinsame eigen, das sich mehrt“, in: Heinrich-Böll-Stiftung und Feministisches Institut (Hg.), Wie weit flog die Tomate?, Berlin 1999, S. 43 – 56.

Written by alterbolschewik

28. Februar 2014 at 17:13