shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

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Travestie, Gender oder Sex?

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Natur, Kultur oder Kunst? Eine Ästhetik der Existenz oder des Erscheinens? Oder Möglichkeiten vor der Erfindung der Sexualität? Oder vielmehr Ausdrucks des Patriarchats?

Das „Pulverfass“ gibt’s ja auch noch, aber Beatrix, Sarkozy oder Elisabeth schauen da nicht vorbei, wenn sie mal in der Stadt sind …

„Goethe sagte, als er in Rom Frauenrollen durch Männer dargestellt sah: „… ich fühlte ein mir noch unbekanntes Vergnügen und bemerkte, daß es viele andere mit mir teilten. Ich dachte der Ursache nach und glaubte, sie darin gefunden zu haben: daß bei einer solchen Vorstellung, der Begriff der Nachahmung, der Gedanke an Kunst, immer lebhaft blieb (…) (Es) besteht ein doppelter Reiz daher, daß diese Personen keine Frauenzimmer sind, sondern Frauenzimmer vorstellen. Der Jüngling hat die Eigenheiten des weiblichen Geschlechts in ihrem Wesen und Betragen studiert; er kennt sie und bringt sie als Künstler wieder hervor; er spielt nicht nur sich selbst, sondern eine dritte und eigentlich fremde Natur. Wir lernen diese dadurch nur desto besser kennen, weil sie jemand beobachtet, jemand überdacht hat, und uns nicht die Sache, sondern das Resultat der Sache vorgestellt wird. Da sich nun alle Kunst hierdurch vorzüglich von der eigentlichen Nachahmung unterscheidet, so ist natürlich, daß wir bei einer solchen Vorstellung eine eigene Art von Vergnügen empfinden … Ich wiederhole also: man empfand das Vergnügen, nicht die Sache selbst, sondern ihre Nachahmung zu sehen, nicht durch Natur, sondern durch Kunst unterhalten zu werden, nicht eine Individualität, sondern ein Resultat anzuschauen.“

Hans Rothe, Shakespeare als Provokation, München 1961, S. 53

Der Autor vermutet unter anderem, Shakespeare habe z.B. die Rolle der Lady Macbeth für sich selbst geschrieben – betont jedoch, daß dafür keine Belege vorlägen. Jedoch auch keine, die die Behauptung falsifizieren würden.

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Written by momorulez

22. April 2008 at 8:21

Der Widerwille will bei mir nicht schwinden … und jubeln will ich heute doch!

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Nee, nee, nee. Wat ich bin ich froh, daß die Briten, Amis und Iren uns befreit haben von mancher Bildungsbürgersauce.

Wenn man des Morgens Kaffee schlürfend auf dem Sofa sich räkelt, den Rosen beim Austreiben zuschaut und dabei van Morrison seine Ehrfurcht vor der US-Black-Culture in Gesang gurgelt und knödelt und dergestalt kurz glücklich macht, so ist das ja Leben, wie es sein soll.

Und dann liegt dieser ekle Goethe-Gedichtband vor mir rum, und ich kann nicht anders, ich lese rein. Die Ausgabe „Goethe: Gedichte“, kommentiert von Erich Trunz im C.H. Beck-Verlag 1998 ist schon in der Hinsicht kurios, daß der Kommentar-Apparat umfangreicher ist als das lyrische Werk selbst, ganz so, als handele es sich um einen religiösen Text.

Zufällig schlage ich S. 645 auf, da wird das Sonett „Natur und Kunst“ flankiert – und natürlich kommen einem diese Derrida-Scherze in den Sinn, wo die Fußnoten ein reges Eigenleben entwickeln und irgendwann die Seiten überwuchern, schon gar nicht mehr bezogen auf das Befußnotete. Da schreibt der werte Herr Trunz:

„Schillers philosophische Aufsätze sahen Sinnlichkeit und Vernunft, Freiheit und Gesetz zur Harmonie gebracht im Schönen, so daß durch das Ästhetische der Mensch zur wahren Humanität gelangt.“

Na, die Kant-Paraphrasen seien fremd, aber akzeptiert, und daß Kunst Menschen erst menschlich macht, das ist noch den Modernsten nicht fremd. Liebe Spieler des FC St. Pauli, nehmt das mal ernst und erzieht uns heute abend durch einen schönen Sieg zu wahrer Humanität! Sollen der Herr Hopp und sein schnöder Mammon doch bleiben, wo die klassische Stiftung wächst, da macht er ja meines Wissens auch Dolles. Bei uns blüht halt der Hopfen im Herzen (kennst Du das Land, wo die Astra-Flaschen sich leeren?).

Aber wat macht der Goethe, dieser Banause, dieser Geheimrat, dieser Kleist-Versenker daraus, aus dem Schillerschen Gedanken? Auf S. 245 macht er das:

„Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen

Und haben sich, eh‘ man es denkt, gefunden;

Der Widerwille ist auch auch mir verschwunden,

Und beide scheinen gleich mich anzuziehen.

 

 

Es gilt wohl nur ein redliches Bemühen!

Und wenn wir erst in abgemeßnen Stunden

Mit Geist und Fleiß uns an die Kunst gebunden,

Mag frei Natur im Herzen wieder glühen.

 

 

So ist’s mit aller Bildung auch beschaffen:

Vergebens werden ungebundne Geister

Nach der Vollendung reiner Höhe streben.

 

 

Wer Großes will, muß sich zusammenraffen;

In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister,

und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.“

 

 

Gut, „In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister“, das meint van Morrison wohl auch, wenn er sein Album „Keep it simple!“ nennt. Ich habe aber auch nix gegen opulente Ergebnisse, so lang sie für die eigene Mannschafft fallen, die Tore, und das redliche Bemühen heißt in diesem Zusammenhang einfach Training und „nachsetzen“. Mit Geist und Fleiß sollen sie auch die Hoffenheimer an die Wand spielen!

Klar: Ohne Regelwerk auch nicht die Freiheit, mit tollen Hackentricks Tore vorzubereiten; Und Cézannes Kugel-, Kegel- und Zylinder-Theorie der Harmonie parallel zur Natur strebt auch zur Größe. Und trotzdem sträubt sich in mir ALLES, wenn ich das lese. Warum eigentlich?

Written by momorulez

16. April 2008 at 8:56