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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

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Frauenbefreiungsfront (1)

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Die Frauenbewegung in der BRD (33)

„Die militanten Panthertanten Terror schon vor Rauschgift kannten.“

Panthertanten

Was bisher geschah: Der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen spaltete sich in die Mehrheitsfraktion des Sozialistischen Frauenbundes und die kleine Gruppe Brot und Rosen – wobei die politische Wirkungsmächtigkeit im umgekehrten Verhältnis zur Größe der Fraktionen stand. (Falls sich jemand für den Stand meiner Küchenrenovierungsarbeiten interessiert: Nein, die Küche ist immer noch nicht fertig…)

Es wird meine verbliebenen treuen Leserinnen und Leser erleichtern, daß die Erlösung von diesem Endlosthema Aktionsrat unmittelbar bevorsteht: Die Geschichte des Aktionsrates und seiner Ausläufer neigt sich dem Ende zu. Es bleibt nur noch eine Fraktion zu skizzieren, die ebenfalls aus dem Aktionsrat heraus entstanden ist. Allerdings sind deren Spuren schwer zu finden und noch schwerer zu deuten. Denn es führt, was selten erwähnt wird, auch eine Linie vom Aktionsrat zum linken Terrorismus der 70er Jahre, zur RAF und zur Bewegung 2. Juni.

Allerdings, es fällt verhältnismäßig schwer, diese Linie anhand von existierenden Dokumenten und veröffentlichten Erinnerungen nachzuziehen. Quellen, die einen Zusammenhang herstellen, sind Mangelware und mir ist nur ein Erinnerungstext bekannt ([6]), der diese Verbindung explizit ausspricht.

Äußerst verrätselt finden sich Spuren davon in Helke Sanders Film Der Subjektive Faktor. Heute würde man den Film als eine Art „Doku-Fiction“ bezeichnen, weil er als Spielfilm versucht, die Geschichte des Aktionsrates zu erzählen. Dort gibt es am Ende eine kryptische Szene. Man sieht die Hände „Annis“, dem alter ego von Helke Sander, die an einem Schreibtisch sitzt und nervös die Finger ineinanderknetet. Aus dem off ertönt eine Männerstimme, die „Anni“ in herrischem Ton dazu auffordert, in die Küche zu gehen, wenn es klingelt. Als wir die ganze Szene sehen, wird klar, daß die Stimme dem Freund von „Annemarie“ gehört, mit der zusammen „Anni“ den Aktionsrat gegründet hatte. Das Paar sitzt „Anni“ gegenüber, der Mann hält eine Pistole in der Hand. Dann folgt ein harter Schnitt, „Anni“ ist deutlich älter und versucht, eine Narbe zu überschminken. Als sie den Schminkspiegel weglegt, reflektiert dieser ein Buch mit dem Titel Der Fall Stammheim.

Ich glaube nicht, daß damals, 1981, als der Film herauskam, das Publikum die Zusammenhänge verstand. Das Vorbild für diesen Freund mit der Pistole war Jan-Carl Raspe. 1969 war Raspe einer der Mitbegründer der Kommune II gewesen, die einen wichtigen Einfluß auf die Kinderladenbewegung hatte. Anfang der 70er Jahre zog er mit Marianne Herzog zusammen, einer der zentralen Gründungsfiguren des Aktionsrates. Diese wiederum war mit Ulrike Meinhof befreundet, und so kamen beide, nach der Befreiung Baaders, ins Umfeld der sich formierenden Roten Armee Fraktion. Raspes Schicksal ist bekannt: 1972 wurde er zusammen mit Andreas Baader verhaftet und nahm sich 1977 in Stammheim das Leben. Im Gegensatz zu Raspe trennte sich Herzog recht schnell von der RAF, und zwar schon zu Beginn des Jahres 1971, als die RAF noch niemanden umgebracht hatte und nur einige Banküberfälle auf ihr Konto gingen ([7], S. 79). Anfang 1972 wurde Marianne Herzog in Köln erkannt und ließ sich widerstandslos festnehmen. Sie wurde des Banküberfalls und der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung angeklagt und Ende 1973 zu 27 Monaten Gefängnis verurteilt – ob sie tatsächlich je an einem Banküberfall beteiligt war, ist mehr als zweifelhaft ([1], S. 21). Die Erfahrungen im Gefängnis dokumentierte sie in dem Buch Nicht den Hunger verlieren ([5]).

Nun ließe sich diese Verbindung zwischen dem Aktionsrat und dem sogenannten „bewaffneten Kampf“ einfach als individueller biographischer Zufall abtun, als etwas, das in keinem inneren Zusammenhang steht. Und wenn dies die einzige Verbindung zwischen dem Aktionsrat und militanten Gruppen gewesen wäre, würde das hier auch nicht weiter thematisiert werden. Doch dies ist eben nicht die einzige existierende Verbindung. Von durchaus einigem Gewicht ist die Frauenbefreiungsfront, die in der (Vor-)Geschichte des „bewaffneten Kampfes“ so gut wie nicht erwähnt wird, die dort aber eine nicht zu unterschätzende Rolle spielte.

Die Frauenbefreiungsfront war keine strikt organisierte Gruppe wie die RAF, sondern gehörte zum Dunstkreis dessen, was in West-Berlin „Der Blues“ genannt wurde – dieser Zirkel der Umherschweifenden Haschrebellen, aus dem sich später die Bewegung 2. Juni herauskristallisieren sollte. Zum ersten Mal namentlich in Erscheinung trat die Frauenbefreiungsfront im Dezember 1969, als ein offener Brief an den ehemaligen Justizminister und aktuellen Bundespräsidenten Gustav Heinemann von folgenden Gruppen unterzeichnet wurde: „Zentralkomitee der Palästinafront, Zentralkomitee der Tupamaros Westeuropa, Zentralkomitee der Frauenbefreiungfront. Die Kommandos: Schwarze Ratten, Schwarze Front, die Panthertanten, Che, Brian Jones, Amnestie International, Viva Maria“. Dieses Gerede von „Zentralkomitees“ war natürlich ironisch gemeint und machte sich über die ganzen K-Gruppen und ihren Organisationsfimmel lustig. De facto handelte es sich um einen ziemlich chaotischen, weitgehend unorganisierten Haufen, der seine Stützpunkte in verschiedenen Berliner Kommunen hatte. In diesem Dunstkreis bewegte sich auch eine Gruppe von Frauen, die vorher im Aktionsrat gewesen war und sich nun Frauenbefreiungsfront oder Panthertanten nannte.

In diesem offenen Brief, der den erneuten Prozeß gegen den Kommunarden Karl Pawla zum Anlaß hatte, äußerten sich die Autoren und Autorinnen folgendermaßen:

„Fest steht: wir haben aufgegeben zu jammern. Anfangs sind wir noch massenhaft friedlich vor die Justizpaläste marschiert – die Prozesse fingen gerade an. Dann haben wir alle Verhandlungen auf den Kopf gestellt – es prasselte Ordnungsstrafen. Am Schluß begannen wir, Fensterscheiben einzuschmeißen – die Urteile der letzten Instanz wurden verkündet. […] Wir spielen nicht die Juden. Wir marschieren nicht freiwillig in den Knast. Wir wehren uns, wir kämpfen, wir schlagen zu. Die Mittel dieses Kampfes bestimmen wir. […] Fassen wir zusammen: von der Uni-Revolte zum Kampf gegen die Justiz, vom Knastologen zum Guerillakämpfer, von der radikaldemokratischen Massenbewegung zur Stadtguerilla.“ ([8], S. 4)

Was hatte das nun alles mit dem Aktionsrat zu tun? In einem Grundsatzartikel, der im April 1970 in der Berliner Zeitschrift Agit 883 erschien, wies die Frauenbefreiungsfront auf genau diese ihre Ursprünge hin:

„Wir haben schon lange erkannt, daß wir alleine nichts tun können. Deshalb haben wir damals den Aktionsrat gegründet, und unsere erste Parole hieß: FRAUEN GEMEINSAM SIND STARK. Der Aktionsrat als bürgerlicher Frauenverein mußte scheitern, deshalb machen wir die Frauenbefreiungsfront.“ ([3], S. 6)

In einem späteren Text von Anfang Mai wurde die Kritik am Aktionsrat präzisiert und seine Wendung hin zum Schulungsprogramm des Sozialistischen Frauenbundes verdammt:

„Nichts von dem, was wir im Aktionsrat erreichen wollten, ist in Verhalten und Praxis der einzelnen eingegangen. Die Frauen stehen nach wie vor im Konkurrenzkampf untereinander. Früher haben wir uns mit Kleidern geschmückt, um den Männern zu gefallen, heute schmücken wir uns mit Theorien.“ ([4])

Das sollte grundsätzlich anders werden. Dazu wurde ein Konzept vertreten, das sich von dem des Aktionsrates und auch der späteren autonomen Frauenbewegung unterschied:

„Die Frauenbefreiungsfront will nicht die Frauen, die politisch kämpfen aus den Gruppen ziehen, um sie wie im Aktionsrat in einer reinen Frauengruppe zu sammeln, sondern daß gerade die Frauen in den politischen Gruppen bleiben und dort ihre Vorstellungen durchsetzen. Wir dürfen uns nicht wieder in die traditionellen Frauen- und Fürsorgetätigkeiten abdrängen lassen, sondern wir schalten uns massiv in den Kampf aller politischen Gruppen ein; wir bilden keine neue in-group, sondern wir kämpfen und dabei überwinden wir das Sektierertum.“ ([4])

Das war natürlich eine viel zu abstrakte und unverbindliche Perspektive, als daß sie in einen wirklichen Organisierungsprozeß hätte münden können. Dennoch: Dieses Konzept, daß Frauen wirklich gleichberechtigt in politischen Organisationen agieren sollen, setzte sich dann in überraschendem Maße in den bewaffnet agierenden Gruppen durch.

Als die Rote Armee Fraktion mit ihren Aktionen die Bundesrepublik erschütterte, fiel das auch dem politischen Gegner auf:

„Günter Nollau, damals im Bundesinnenministerium und später Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, sah »etwas Irrationales an der ganzen Sache«. Ihm fiel auf, »daß viele Mädchen dabei sind«, und er hatte auch gleich eine Erklärung parat: »Vielleicht ist das ein Exzeß der Befreiung der Frau.«“ ([2], S. 176)

Natürlich ist diese Rede mehr als schief und frauenfeindlich. Schon die Begriffe „Mädchen“, „Irrationalität“ und „Exzeß“ verbannen die terroristischen Aktionen aus dem Bereich männlich konnotierter Rationalität. Doch diese Beobachtung hatte, wenn man von der Form, in der sie geäußert wurde, absieht, durchaus einen nicht wegdiskutierbaren richtigen Kern.

Seien sie deshalb gespannt auf nächste Woche, wenn die Frauenbefreiungsfront folgende Losungen ausgibt:

„Die revolutionäre Situation durch erfolgreiche Aktionen vorantreiben
Die Sicherheitsbedingungen diszipliniert beachten
Verräter liquidieren“ ([3], S. 7)

Nachweise

[1] Anonym, „Weg mit dem Schandurteil gegen Marianne Herzog!“, in: Rote Hilfe, Jg.2 (1974), Nr.1 (Januar 1974), S.21 – 22.

[2] Aust, S., Der Baader Meinhof Komplex, München 2008 (8. Auflage).

[3] Frauenbefreiungsfront, „Der Kampf der Frauenbefreiungsfront in den Metropolen“, in: agit883, Jg.2 (1970), Nr.56 (16. April 1970), S.6-7.

[4] Frauenbefreiungsfront, „Frauen erhebt euch und die Welt erlebt euch“, in: agit883, Jg.2 (1970), Nr.58 (1. Mai 1970), S.8.

[5] Herzog, M., Nicht den Hunger verlieren, Berlin 1980.

[6] Perincioli, C.: „Anarchismus, Lesbianismus, Frauenzentrum. Warum mußte die Tomate so weit fliegen?“, in: Heinrich-Böll-Stiftung und Feministisches Institut (Hg.), Wie weit flog die Tomate?, Berlin 1999, S. 98 – 117.

[7] Redaktioneller Beitrag, „Verräter und Verschwundene“, in: Der Spiegel, Jg.61 (2007), Nr.40 (1. Oktober 2007), S.78 – 79 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-53135553.html).

[8] Zentralkomitee der Tupamaros Westeuropa, Zentralkomitee der Frauenbefreiungsfront u.a., „Offener Brief an Gustav Heinemann und andere“, in: agit883, Jg.1 (1969), Nr.44 (11. Dezember 1969), S.4.

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13. Juni 2014 at 15:27

Brot und Rosen (1)

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Die Frauenbewegung in der BRD (30)

„As we come marching, marching, unnumbered women dead
Go crying through our singing their ancient cry for bread.
Small art and love and beauty their drudging spirits knew.
Yes, it is bread we fight for — but we fight for roses, too!“

James Oppenheim, Bread and Roses

Was bisher geschah: Ende 1969 verließ Helke Sander den von ihr mitgegründeten Aktionsrat zur Befreiung der Frauen. Statt sich auf das abstrakte marxistisch-leninistische Schulungsprogramm des sich nunmehr Sozialistischer Frauenbund West-Berlin nennenden Aktionsrates einzulassen, drehte sie lieber Filme. In diesen thematisierte sie in neuer Form die Fragestellungen, die ursprünglich einmal zur Gründung des Aktionsrates geführt hatten.

Doch während Sander Kinder sind keine Rinder und Eine Prämie für Irene drehte, fand in der Frauenbewegung ein enormer Aufschwung statt. Und das an einem Thema, das weder in den Diskussionen des Aktionsrates noch des Sozialistischen Frauenbundes vorgekommen war: Der Frage der Strafbarkeit von Schwangerschaftsabbrüchen. Zwar gab es bereits seit 1969 eine Kampagne gegen den § 218, der die Abtreibung rechtlich regelte, aber diese Kampagne ging ursprünglich nicht von den Frauengruppen aus, sondern war von der Humanistischen Union initiiert worden. Dazu in einer der späteren Folgen dieses Blogs mehr. 1971 jedoch wurde aus dieser, von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommenen Kampagne ein Politikum, das die ganze Republik aufwühlte. Alice Schwarzer hatte die Redaktion des Stern dazu gebracht, auf der Titelseite das Bekenntnis von 374 Frauen abzudrucken: „Wir haben abgetrieben!“

Dieses öffentliche Bekenntnis zum Rechtsbruch war die Initialzündung für die Frauenbewegung als Massenbewegung. Am 6. Juni war die Veröffentlichung im Stern, bereits einen Monat später, am 10. Juli 1971 fand in Frankfurt ein bundesweites Treffen von Frauengruppen statt. Hatte sich Alice Schwarzer zur Vorbereitung ihres Medien-Coups gerade einmal auf vier existierende Frauengruppen stützen können, kamen nun in Frankfurt Vertreterinnen von Aktionsgruppen aus 21 Städten zusammen. Eine weitere Konferenz fand im Oktober statt, auf der für den 6. November koordinierte Demonstrationen in Berlin, München, Bremen und Frankfurt beschlossen wurden.

Nach diesen Demonstrationen war zweierlei klar: Die Gegnerinnen des § 218 hatten zwar eine riesige Öffentlichkeit für das Problem geschaffen, doch das nützte leider nichts:

„Heute haben wir ca. 70 bis 80% der Bevölkerung hinter uns, wenn wir die Abschaffung des Paragraphen verlangen.
Nur, was machen wir mit dieser überwältigenden Mehrheit, wenn der Bundestag, das Justizministerium und die Regierung sich über unsere massiven Demonstrationen, Unterschriftensammlungen und Selbstanzeigen einfach hinwegsetzen. Wir und viele andere haben daraus gelernt, dass diese »Volksvertreter« nicht unsere Forderungen vertreten, sondern die Interessen derjenigen, die sowieso die Macht in dieser Gesellschaft haben.“ ([1], S. 3)

Aus diesem gemischten Gefühl heraus – wir sind viele, aber wir werden ignoriert – entstand dann Ende 1971 die Gruppe Brot und Rosen, bei der wieder deutlich die Handschrift von Helke Sander sichtbar wurde. Diese Gruppe unterschied sich allerdings organisatorisch gewaltig vom Aktionsrat. Der Aktionsrat war im Grunde ein regelmäßig stattfindendes öffentliches Plenum gewesen, zu dem jede kommen konnte, die Lust dazu hatte. Dadurch hatte es dem Aktionsrat an Stringenz und Verbindlichkeit gefehlt. Das um Schulungen konzentrierte Organisationskonzept, das die Fraktion um Frigga Haug entwickelte, sollte zwar mehr Verbindlichkeit schaffen – doch ein produktiver Arbeitszusammenhang entstand daraus nicht. Der Sozialistische Frauenbund fungierte in den ersten Jahren als reiner Durchlauferhitzer, es bildete sich keine stabile, handlungsfähige Kontinuität heraus.

Brot und Rosen sollte anders sein. Die ursprüngliche Gruppe bestand wohl zu Beginn aus ungefähr zehn Frauen ([1], S. 3), die sich dann schnell auf einen harten Kern von fünf Aktivistinnen reduzierte ([2], S. 7). Diese Beschränkung auf wenige, aber engagierte Mitglieder dürfte den Erfahrungen mit dem Aktionsrat geschuldet gewesen sein:

„Wir haben bei Frauengruppen nicht nur den Ruf, eine »gute Gruppe« zu sein, sondern auch den, autoritär und überheblich zu sein. Das sind wir nicht, aber wir sind oft abweisend und das wird als unangenehm empfunden.“ ([2], S. 8)

Das Wachstum der Gruppe im Laufe der nächsten zwei Jahre wurde bewußt begrenzt:

„Wir haben uns bis jetzt mehr zufällig und privat erweitert. Meistens war es so, daß Frauen längere Zeit praktisch gezeigt haben, daß sie unsere Forderungen unterstützen und sich dafür mit viel Arbeit – theoretischer und praktischer – einsetzen.“ ([2], S 8)

Tatsächlich bemühten sich Brot und Rosen, Theorie und Praxis eng miteinander zu verzahnen, nicht nur, um bloße Mitläuferinnen abzuschrecken. Wobei sie unter Theorie etwas anderes verstanden als blutleere Mao- oder Leninschulungen. Theorie begriff die Gruppe als intellektuelle Selbstermächtigung:

„Wir Frauen müssen uns selbst dazu befähigen, das, was mit uns gemacht wird, fachlich beurteilen zu können. Wir müssen lernen, irgendwelchen Fachidioten, seien es Gynäkologen oder Pillenfabrikanten, Gesetzemachern oder Arbeitgebern auf die Finger zu schauen. Wir müssen unsere Angst verlieren vor Männern, die im Namen irgendeiner Wissenschaft Respekt für sich und ihre Handlungen fordern. Wir müssen es wagen, Fragen zu stellen, so gründlich zu stellen, dass sie uns nicht mehr abtun können wie bisher.
Wir müssen die Furcht verlieren, etwas Falsches zu sagen und uns nicht richtig ausdrücken zu können. Schliesslich ist es nicht unsere Schuld, dass wir nicht ausgebildet sind, und es ist nicht ihr Verdienst, dass sie privilegiert sind.“ ([1], S. 4f)

Und so lasen die Frauen von Brot und Rosen nicht Engels‘ Vom Ursprung der Familie, sondern Our Bodies, Ourselves vom Boston Women’s Health Book Collective. Die amerikanische Historikerin Nancy MacLean charakterisierte diese 1971 erstmals veröffentlichte Broschüre folgendermaßen:

„Eine der elektrisierendsten Kräfte war ein weitverbreiteter und erschwinglicher Selbsthilfe-Ratgeber zur Frauengesundheit, der 1970 vom Boston Woman’s Health Collective veröffentlicht wurde, einer Gruppe von zwölf Frauen, die verschiedene Aspekte der weiblichen Physiologie untersuchten. Von der ersten, auf billigem Papier gedruckten Ausgabe wurden innerhalb von drei Jahren 250.000 Exemplare verkauft. […] Hier bildete sich das Beste der neuen Bewegung ab, indem die Aufmerksamkeit auf die Unterschiedlichkeit von Frauen gelenkt wurde, zudem Körper und Geist verbunden und Selbstfürsorge mit einem Engagement zum Aufbau einer Gemeinschaft vereint wurden. Vor allem wurde Frauen das Wissen zur Verfügung gestellt, das sie benötigten, um ihr Leben selbstbestimmter leben zu können.“ ([3], S. 25)

Insofern ist Theorie vielleicht das falsche Wort. Was Brot und Rosen anstrebten, war nicht eine abstrakte Theorie, sondern die Aneignung und Verbreitung von Wissen, praktischem Wissen, das den Frauen unmittelbar helfen sollte, sich aus gesellschaftlichen Abhängigkeiten zu befreien. Hier scheint erneut die programmatische Absicht des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen auf, wo es ja auch darum ging, Frauen den Freiraum zu schaffen, in dem sie selbst über ihr Leben entscheiden konnten.

Doch in dieser reinen Wissensaneignung und -vermittlung sollte sich die Arbeit von Brot und Rosen nicht erschöpfen. Ihre Programmatik enthielt noch einen anderen Punkt:

„Wir müssen den Frauen, die vorerst noch nicht an unserer Arbeit teilnehmen, durch direkte und allgemein verständliche Aktionen zeigen, wer aus unserer Lage Profit schlägt. Wir müssen die einzelnen Gynäkologen und ihre Interessensverbände bekämpfen, wir müssen die pharmazeutisch Industrie und einzelne Firmen angreifen. Wir müssen die Kirche und ihre Vertreter blosstellen.“ ([1], S. 6)

Damit stellte sich Brot und Rosen ausdrücklich in die Tradition der antiautoritären Bewegungen, indem sie die vor dem Zerfall der antiautoritären Bewegungen propagierte Einheit von Aktion und Aufklärung erneut aufgriff und zum Programm machte.

Nächste Woche werden wir uns genauer ansehen, wie Brot und Rosen versuchten, diesen programmatischen Anspruch tatsächlich umzusetzen. Freuen Sie sich also darauf, wenn die Gruppe schreibt:

„Nur wenn wir wissen, was wir wollen, sind wir eine gesellschaftliche Kraft, mit der andere sich auseinanderzusetzen haben. Nur, wenn wir unsere Interessen kennen und klar benennen, nur dann können wir mit Männern zusammenarbeiten, nur dann sind »Männer und Frauen stark«.“ ([2], S. 28f)

Nachweise

[1] Brot und Rosen, Frauenhandbuch Nr. 1. Abtreibung und Verhütungsmittel (1. Auflage), Berlin 1972.

[2] Brot und Rosen, Frauenhandbuch Nr. 1. Abtreibung und Verhütungsmittel (2. Auflage), Berlin 1974.

[3] MacLean, N., The American Women’s Movement, 1945 – 2000, Boston und New York 2009.

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16. Mai 2014 at 16:20

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Zwei Filme

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Die Frauenbewegung in der BRD (29)

Kinder sind keine Rinder

Ein braves Rind
Gehorcht geschwind.
Zwei brave Rinder
Gehorchen geschwinder.
Drei brave Rinder
folgen aufs Wort.
Doch Katzen und Kinder,
die laufen fort.

Hans Stempel und Martin Ripkens: Purzelbaum. Verse für Kinder, München 1972

Was bisher geschah: Im Dezember 1969 kam es zu einer Fraktionierung innerhalb des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen. Als sich Frigga Haug mit ihrem marxistisch-leninistischen Schulungskonzept durchsetzte, trennte sich Helke Sander zusammen mit einigen anderen Frauen vom Rest.

Doch Helke Sander war zu dieser Zeit mit anderen Dingen beschäftigt, denn natürlich war sie hauptberuflich nicht Kämpferin für Frauenrechte, sondern Filmemacherin. Als solche hatte sie sich schon früher in die antiautoritären Bewegungen eingebracht. Zunächst 1967/68 mit dem Film Brecht die Macht der Manipulateure, den Sander im Umfeld der Enteignet-Springer!-Kampagne gedreht hatte. Kleine Anekdote am Rande: In den 90er Jahren setzte der Konzern den Film bei Schulungen über seine eigene Geschichte ein ([3], S. 99). 1969 unterstützte Sander den hier im Blog schon thematisierten Kindergärtnerinnenstreik, mit einem sogenannten Flugblattfilm: »Vor der Videozeit wurde das auf Umkehrmaterial versucht, morgens wurde gedreht und abends wurde der Film möglichst auf Veranstaltungen gezeigt.« ([4], S. 99). 1970/71, nach der Trennung vom Aktionsrat, drehte sie dann zwei Filme, die sich mit ihrem zentralen Thema beschäftigten, nämlich der Problematik einer vergesellschafteten Kindererziehung und dem Status der Mütter in der Gesellschaft. Das erste Thema schlug sich im Film Kinder sind keine Rinder nieder, die zweite in Eine Prämie für Irene.

Ursprünglich hatte Sander vor, für das Fernsehen einen Film über den Aktionsrat drehen. Doch ein solcher Film wurde, wie sie sich 2003 erinnerte, „wegen meiner »mangelnden Objektivität als Frau« (O-Ton NDR-Redakteur) nicht genehmigt.“ ([5], S. 101) Ein anderer Vorschlag, nämlich einen Film über Kinderläden zu machen, wurde ebenfalls abgelehnt. Und das, obwohl der NDR das Thema wohl durchaus interessant fand. Nur wurde an Stelle von Helke Sander jemand anderes losgeschickt, um einen Film über die Kinderläden zu drehen, nämlich Gerhard Bott. Botts Film wurde am 1. Dezember 1969 im NDR ausgestrahlt und stieß eine große öffentliche Debatte an. Über 600 Zuschriften und 200 Telefonanrufe wurden von der Sendeanstalt registriert, der Film wurde rege zur Ausleihe nachgefragt. Im April 1970 wurde er, zusammen mit einer Diskussion zwischen Befürwortern und Gegnern der Kinderläden, erneut ausgestrahlt (vgl. [7], S. 109ff).

Weniger Furore macht des Projekt, das Helke Sander dann selbst auf die Beine stellte, nämlich ein Film über den ersten Schülerladen in der Witzlebenstraße. Natürlich als low-budget Produktion ohne öffentlich-rechtliche Unterstützung:

„Ich erinnere mich an eine Szene, bei der Bott und ich gleichzeitig im Schülerladen Neukölln drehten. Ich mit kleinstem Team, alle arbeiteten unbezahlt, er mit großem Equipment vom NDR.“ ([5], S. 102)

Sanders Film wurde am 9. Oktober während der Internationalen Filmwoche in Mannheim uraufgeführt, später dann auch im Berliner Kino Arsenal und im Jugendfreizeitheim Prisma (über das Prisma werde ich vielleicht in einem der folgenden Blogbeiträge noch schreiben). 1972 legte Sander ihn in einer gekürzten Neufassung noch einmal auf. Leider ist der Film in der wunderbaren und sehr empfehlenswerten DVD-Box mit Filmen von Helke Sander nicht enthalten, weshalb ich über den Inhalt nur das wiedergeben kann, was im Helke Sander gewidmeten Kinemathek-Heft steht:

„Die Kinder geben gemeinsam die Zeitung »Radau« heraus, schreiben, malen und drucken die Zeitung und verteilen sie an andere Kinder.“ ([5])

Mit ihrem nächsten Film hatte Sander mehr Glück. Eine Prämie für Irene wurde vom Westdeutschen Rundfunk produziert. Ausgestrahlt wurde er am 18. September 1971, nachdem er vorher auf der Berlinale gelaufen war. Es lohnt sich wirklich, diesen Film anzuschauen – die erwähnte DVD-Box gibt einem die Gelegenheit dazu. Aus heutiger Sicht verblüfft, daß damals im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Filme gezeigt wurden, die versuchten, die arbeitende Bevölkerung zum Widerstand gegen ihre Arbeits- und Lebensbedingungen aufzustacheln. Ein solcher Agitationsfilm würde heute bestenfalls noch in einem kommunalen Kino oder einem autonomen Jugendzentrum gezeigt werden.

Was den Film von anderen Arbeiterfilmen, die zur damaligen Zeit entstanden, unterscheidet, ist die Frauenperspektive. Die titelgebende Irene arbeitet in einer Waschmaschinenfabrik, wo sie im Akkord Platinen bestückt. Doch der Film thematisiert nicht allein die Arbeitsbedingungen in der Fabrik. Irene ist eine alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Und der Film kritisiert, neben den Arbeitsbedingungen, auch die Situation, in der sich Frauen und insbesondere alleinerziehende Mütter befinden. Es geht eben nicht nur um die Gewalt, die in der Fabrik ausgeübt wird, sondern auch die Gewalt, die Frauen im sogenannten Privatleben erfahren.

Im Film gibt es eine Szene, die die Scharnierstelle zwischen diesen beiden Welten markiert. Diese Szene ereignet sich auf dem Heimweg von der Arbeit in die Wohnung. Irene geht auf dem Weg noch im Supermarkt einkaufen. Vor ihr an der Kasse ist ein Ehepaar. Als der Ehemann entdeckt, daß seine Frau eine Flasche Likör in den Einkaufswagen geschmuggelt hat, demütigt er sie vor den anderen Kunden und der Kassiererin, erklärt ihr, daß er so etwas von seinem Geld nicht bezahlen werde, und läßt die Flasche an der Kasse stehen. Im anschließenden Dialog zwischen Irene und der Kassiererin wird deutlich, daß die beiden Frauen, trotz ihrer beschissenen Jobs, dank ihrer ökonomischen Unabhängigkeit immerhin eine gewisse Freiheit besitzen, von der diese völlig abhängige Ehefrau nur träumen kann.

Doch das ist ein schwacher Trost. Denn trotz ihrer ökonomischen Unabhängigkeit ist Irene als Frau und alleinerziehende Mutter einer Vielzahl von Schikanen ausgesetzt. Beim Abendspaziergang wird sie angegrapscht, in der Kneipe kann sie kein Bier trinken, ohne dumm angemacht zu werden, wenn ihre Kinder in der Wohnung spielen, beschweren sich die Nachbarn. Man merkt diesen ganzen Szenen an, daß hier das Drehbuch auf bitterer, eigener Erfahrung beruht. Etwas hölzerner wirken die Szenen in der Fabrik, die aber dennoch ziemlich visionär sind.

Denn Sander thematisiert die Ausbeutung in der Fabrik keineswegs als traditionellen Konflikt zwischen Kapital und Arbeit im Sinne der alten Arbeiterbewegung. Ihr feministisch geschärfter Blick auf die Macht erinnert weniger an Marx als vielmehr an Foucault. Es geht Sander darum zu zeigen, wie sich die Fabrikleitung bemüht, die Arbeiterinnen nicht direkt zu unterdrücken, sondern vielmehr zu manipulieren. So ist Sanders Fabrik – damals ihrer Zeit deutlich voraus – überall mit Bildschirmen ausgestattet, über die die Fabrikleitung versucht, die Arbeiterinnen zu Komplizinnen ihrer eigenen Unterdrückung und Ausbeutung zu machen. In der Mittagspause werden Gymnastik-Filme zum Mitmachen ausgestrahlt, es wird Mitarbeiterinnen zum Geburtstag gratuliert und ihnen irgendein unsäglicher Schlager gewidmet. So wird vorgetäuscht, daß der Betrieb seine Arbeiterinnen als menschliche Individuen ernst nehmen würde. Höhepunkt dieser Farce ist der „Frischluft“-Mann, der mit zwei Gasflaschen auf dem Rücken durch das Fabrikgebäude geht und in der stickigen Halle „Frischluft“ versprüht. Die Arbeiterinnen dürfen dann entscheiden, ob sie lieber „Waldluft“ oder „Seeluft“ haben wollen.

Parallel zu dieser angeblichen „Fürsorge“ ist in der Fabrik ein striktes Überwachungsregime installiert. Nicht nur, daß die Arbeiterinnen beim Verlassen der Fabrik durchsucht werden. In der Fabrikhalle selbst sind überall Überwachungskameras installiert, mit der die Arbeiterinnen während der gesamten Arbeitszeit kontrolliert werden. Der Film endet dann auch konsequent damit, daß die Arbeiterinnen spontan eine der Überwachungskameras zerstören.

Während Sander an diesem Film arbeitet, erfährt die schon tot geglaubte Frauenbewegung in der Bundesrepublik einen unglaublichen Aufschwung. In der Kampagne gegen den § 218 werden auf einmal Frauen massenhaft aktiv. Und auch Helke Sander beschließt, wieder mitzumischen. Ende 1971 gründet sie eine neue Frauengruppe, Brot und Rosen.

Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn Brot und Rosen schreiben:

„Alle Frauen müssen sich damit auseinandersetzen, daß die Geschlechtsunterdrückung als gesellschaftlich anerkannte Kategorie von Unterdrückung nicht zählt. Gegen die Geschlechtsunterdrückung gibt es noch keine institutionalisierten Kampforganisationen, wie es dies für den Kampf gegen die ökonomische Ausbeutung in Form der Gewerkschaften gibt.“ ([1], S. 4)

Nachweise

[1] Brot und Rosen, Frauenhandbuch Nr. 1. Abtreibung und Verhütungsmittel (2. Auflage), Berlin 1974.

[2] Diverse Basisgruppen, „Aufruf zum 1. Mai“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.2 (1970), Nr.60 (10. April 1970), S.3 – 5.

[3] Sander, H., „Brecht die Macht der Manipulateure“, in: Kinemathek, Jg.40 (2003), Nr.97 (Oktober 2003), S.97 – 99.

[4] Sander, H., „Kindergärtnerin, was nun?“, in: Kinemathek, Jg.40 (2003), Nr.97 (Oktober 2003), S.99.

[5] Sander, H., „Kinder sind keine Rinder“, in: Kinemathek, Jg.40 (2003), Nr.97 (Oktober 2003), S.100 – 102.

[6] Sander, H.: „Geburtstagsbesuch bei meiner Schwester“, in: Sander, H. & Christians, U. (Hg.), Subkultur Berlin, Darmstadt 1969, S. 55 – 57.

[7] Bott, G. (Hg.), Erziehung zum Ungehorsam. Kinderläden berichten aus der Praxis der antiautoritären Erziehung, Frankfurt a.M. 1970.

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10. Mai 2014 at 10:56

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Haare!

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Die Frauenbewegung in der BRD (23)

„Daß also Frauen freiwillig mit anderen Frauen etwas gemeinsam gemacht haben, das war sensationell.“

Helke Sander

Was bisher geschah: Der große Kindergärtnerinnen-Streik, der in Berlin nicht nur die Bedingungen in den öffentlichen Kindergärten verbessern, sondern allgemein die Macht der arbeitenden Frauen sichtbar machen sollte, wurde durch mutwillige Sabotage der Gewerkschaften verhindert.

Es ist schwer zu sagen, welchen Anteil die gescheiterte Streikagitation an der Krise des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen hatte. Aber man spekuliert wohl nicht ganz ins Blaue hinein, wenn man vermutet, daß eine derartige gemeinsame Anstrengung für einige Zeit die inneren Widersprüche im Aktionsrat unter den Teppich kehren konnte. Diese Widersprüche brachen dann nach dem Scheitern dieser aktivistischen Phase umso vehementer auf.

Doch bevor ich auf die Details eingehe, wie im Herbst 1969 der Aktionsrat in verschiedene Fraktionen zerbrach, will ich einige eher allgemeine Überlegungen zur Diskussion stellen, wie sich das Verhältnis von Ereignis, spontanter Aktion und Organisation denken läßt.

Ich hatte in diesem Blog schon mehrfach auf die Kategorie des Ereignisses verwiesen. Das Ereignis ist ein kontingenter historische Augenblick, der als Trauma erfahren wird. Und dieses traumatische Ereignis verändert, zumindest für einen Teil der Gesellschaft, die Wahrnehmung dieser Gesellschaft grundlegend. Für die BRD und ganz besonders für West-Berlin war dieses traumatische Ereignis sicherlich die Ermordung Benno Ohnesorgs durch einen Polizisten während des Schah-Besuches in Berlin.

Diejenigen, die dem Treiben der linksradikalen Grüppchen in den Monaten und Jahren zuvor vielleicht nicht ganz ablehnend gegenüberstanden, deren Thesen über den gewalttätigen und ausbeuterischen Charakter des gegenwärtigen Gesellschaftssystems dennoch als hoffnungslos übertrieben abtaten, wurden durch das Ereignis aufgeschreckt. Zuvor herrschte der naive Glaube, es würde in dieser Gesellschaft schon alles richtig laufen; und wo es nicht so richtig lief, was ja kein Wunder ist, denn die Menschen sind ja fehlbar, dann waren die gesellschaftlichen Institutionen schon so eingerichtet, daß sie derartige Schieflagen wieder ausgleichen konnten. Etwas Protest konnte nicht schaden, um den demokratischen Prozeß in Gang zu halten, aber man brauchte es dabei ja auch nicht zu übertreiben.

Die Kugel im Schädel Benno Ohnesorgs, die Lügen der Polizei und der Medien, der Versuch der Verantwortlichen, den Tod Ohnesorgs den Demonstranten in die Schuhe zu schieben, all das ließ diesen naiven Glauben wie eine Seifenblase zerplatzen. Gleichzeitig machten dann viele neben der Erfahrung der gemeinsamen Trauer, auch die der Solidarität und des kollektiven Handelns: Aus isolierten Grüppchen wurde eine Bewegung.

Man darf sich das alles nicht zu sehr sponaneistisch vorstellen. Das Ereignis kommt nicht einfach aus dem Nichts, es entspringt nicht einer mystischen Spontaneität der Massen. Es ist vorbereitet, es existiert bereits in Form einer Leerstelle, die es dann ausfüllt, wenn es eintritt. Ich meine das nicht zynisch in dem Sinn, daß auf die Ermordung eines Studenten gewartet worden wäre. Sondern in dem Sinn, daß die alte Werteordnung schon so angegriffen und brüchig war, daß es nur eines Anstoßes bedurfte, um die alte symbolische Ordnung wie ein Kartenhaus zum Einsturz zu bringen. Notwendig war dafür nur ein Symbol, in dem sich das ganze Unbehagen an der gegenwärtigen Ordnung mit einem Schlag auskristallisieren konnte. Darin unterscheidet sich der Tod Benno Ohnesorgs grundlegend vom Tod des Demonstranten Philipp Müller fünfzehn Jahre zuvor: Letzterer blieb für die Ordnung der BRD folgenlos, denn die Situation des Jahres 1952 war nicht so, als daß sein Tod Symbolcharakter hätte annehmen können.

Das Ereignis zerbricht also durch seinen Symbolcharakter zumindest für einen Teil der Gesellschaft die Bindung an die alte Werteordnung. Das ist zum einen zweifellos eine befreiende Erfahrung. Zum anderen ist diese Befreiung aber auch erschreckend. An die Stelle der alten Werteordnung muß eine neue Ordnung treten, eine neue Struktur, die das Chaos bändigt, das der Zerfall der alten Ordnung im Bewußtsein der Individuen hervorruft. In diesem Augenblick schlägt die Stunde der Organisationen – im Fall des 2. Juni 1967 die Stunde des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes. Der SDS hatte sich schon vor dem 2. Juni als Sprachrohr der außerparlamentarischen Opposition hervorgetan, er war durch die Medien bekannt und somit die erste Adresse, an die man sich wenden konnte, als der Aktionismus der ersten Tage nach dem Tod von Benno Ohnesorg abflachte.

Allerdings mußten gerade Frauen feststellen, daß ihnen der SDS keineswegs die Orientierung bot, die sie sich von ihm erwartet hatten. Hier kam ganz massiv die Diskrepanz zum Tragen, auf die ich schon früher hingewiesen habe. Frauen, die vor dem Ereignis am 2. Juni 1967 Mitglied im SDS geworden waren, wurden durchaus als gleichberechtigt angesehen und prägten den Verband sowohl organisatorisch wie auch intellektuell entscheidend mit. Als der Verband aber auf einmal zu einer Massenorganisation anschwoll, dominierten auf einmal die Wortführer diverser Fraktionen; und diese debattierten in einer Sprache, die für die Neuhinzugekommenen ein Buch mit sieben Siegeln war. Und das galt für die Frauen um so mehr, als diese ja deutlich schlechtere Chancen hatten, den Wissensvorsprung der SDS-Macker einzuholen. Die ursprüngliche Intention, die Helke Sander und Marianne Herzog mit der Gründung des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen hatten, war ja dann auch gerade dies, den Frauen die Gelegenheit zu geben, zu den Männern in politischer Hinsicht aufzuschließen:

„Die Veranstaltungen, bei denen der SDS dabei war, zeichnete sich dadurch aus, daß das zuhörende Publikum auf das intelligenteste informiert wurde und daß die Argumente […] nirgendwo anders zu erfahren waren. Daß sie gleichzeitig unlösbar verquickt waren mit Eitelkeiten und männlicher Selbstdarstellung und auch Machtkämpfen, war ein Beiprodukt […]. Die Frauen, die angefangen hatten, sich zu versammeln, die die ersten Kinderläden gegründet hatten, hatten das gemacht, um für sich selbst mehr Zeit zu gewinnen, um an genau diesen Veranstaltungen, nach denen wir ausgehungert waren, mitzumachen und unseren Teil dazu beizutragen, für mehr Gerechtigkeit auf der Welt zu sorgen.“ ([4], S. 47f)

Das erste Ziel, das mit der Gründung des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen verfolgt wurde, war somit ein praktisches: Frauen, insbesondere Müttern die Zeit zu geben, sich am politischen Prozeß zu beteiligen. Und es gab sehr viele Mütter, die durch das Ereignis aufgerüttelt wurden und das Gefühl hatten, daß sich etwas grundsätzlich ändern müßte.

Das zweite Ziel ergab sich beiläufig, aus der Tatsache der Existenz des Aktionsrates: Selbstverständigung und dadurch auch die Schaffung von Selbstvertrauen. Helke Sander erinnert immer wieder gern an die ganz subjektive Bedeutung der Treffen für die Individuen:

„Ich werde nie vergessen, was diese eine Frau gesagt hat. Wir hatten uns immer mittwochs getroffen […]. Also: Mittwochs kommt sie immer ganz beschwingt nach Hause zu ihrem Freund und ist ganz stark, und dann sagt er irgend etwas, und dann kan man lachen und nimmt das so hin; am Donnerstag denkt sie daran, wie schön es doch am Mittwoch war; am Freitag ist sie dann nicht mehr ganz so stark und ab Sonnabend fängt sie nur noch an, sich wieder auf Mittwoch zu freuen.“ ([3], S. 34)

Tatsächlich begründete der Aktionsrat eine neue Form des Umgangs, die so bislang in den politischen Gruppen nicht existierte. Frigga Haug erinnert sich ganz entsetzt an ihre erste Teilnahme an einem Aktionsratsplenum:

„Das Treffen fand im Republikanischen Club statt, und ich kann dieses erschreckende Gefühl nur so ausdrücken: »Der Raum war voller Haare.« Das war wirklich mein Haupteindruck, nur Haare! Viele Frauen hatten lange Haare, und ich merkte daran, dass ich bisher nur Männergruppen gewohnt war, und nun musste ich durch diese Haare hindurch wie durch einen Dschungel. […] Hinzukam, dass die Frauen sich alle untereinander kannten und sich umarmten. […] In diesem Raum befanden sich also nur lange Haare, die zudem alle ineinander verschlungen waren, weil die Frauen sich herzten und küssten und einander fast auf dem Schoß saßen.“ ([2], S. 189f)

Die ursprüngliche Absicht, die hinter der Gründung des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen steckte, bezog sich höchstens mittelbar auf die Veränderung der Gesellschaft, sondern zunächst einmal auf die Veränderung der Individuen und deren realer Situation. Der Aktionsrat war zunächst unmittelbar praktisch gedacht, nicht theoretisch.

Doch keine Praxis ohne Theorie. Seien Sie also gespannt auf nächste Woche, wenn für einige „Genossinnen aus dem Aktionsrat“ Schluß ist mit lustig:

„Um mit der Schulung anzufangen, beginnen wir noch in diesem Monat mit einem Arbeitskreis über das Kapital, zudem empfehlen wir, in unserem Seminar an der PH über geschlechtsspezifische Sozialisation mitzuarbeiten.“ ([1], S. 9)

Nachweise

[1] Genossinnen aus dem Aktionsrat, „Zur Frauenemanzipation. Für eine Politisierung des Aktionsrates zur Befreiung der Frau“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.1 (1969), Nr.35 (17. Oktober 1969), S.9 (http://www.infopartisan.net/archive/1967/266747.html).

[2] Haug, F.: „»Frauenpolitik galt als kleinbürgerlich«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 180 – 198.

[3] Sander, H.: „Das Private ist das Politische. Gespräch mit Hilke Schlaeger“, in: Schlaeger, H. (Hg.), Mein Kopf gehört mir. Zwanzig Jahre Frauenbewegung, München 1988, S. 23 – 36.

[4] Sander, H.: „Der Seele ist das Gemeinsame eigen, das sich mehrt“, in: Heinrich-Böll-Stiftung und Feministisches Institut (Hg.), Wie weit flog die Tomate?, Berlin 1999, S. 43 – 56.

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28. Februar 2014 at 17:13

Eine falsche Diskussion

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Die Frauenbewegung in der BRD (17)

„Die Reaktion der Männer auf der DK […] zeigt, daß noch erst ganze Güterzüge von Tomaten verfeuert werden müssen, bis da etwas dämmert“

Ulrike Meinhof

Was bisher geschah: Helke Sanders Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz stilisierte die Frauen keineswegs zum Opfer patriarchalischer Unterdrückung im SDS. Stattdessen verwies sie darauf, daß der SDS ein strategisches und organisatorisches Problem hätte. Und deshalb bot sie die Hilfe des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen an.

Die Perspektive, die Sander dann beschwor und für die sie im SDS für Zusammenarbeit warb, knüpfte nahtlos an antiautoritäre Zielsetzungen an:

„Wir wollen versuchen, schon innerhalb der bestehenden Gesellschaft Modelle einer utopischen Gegengesellschaft zu entwickeln. In dieser Gegengesellschaft müssen aber unsere eigenen Bedürfnisse endlich einen Platz finden.“ ([4], S. 18)

Das sind zwei ganz entscheidende Punkte. Zum einen wird einer bürokratisch-technischen Vorstellung von Revolution eine Absage erteilt. Es kann nicht einfach darum gehen, die eine große Revolution organisatorisch vorzubereiten, in der die herrschenden Verhältnisse in einem Handstreich umgestürzt werden. Es geht vielmehr darum, Dinge schon im hier und jetzt anders zu machen, den herrschenden Institutionen eigene Institutionen entgegenzusetzen. Die Kinderläden, die der Aktionsrat initiiert hatte, sind für Sander solche Gegeninstitutionen. Der zweite Punkt ist aber ebenso wichtig: Dabei die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und einen Raum zu schaffen, in dem sie sich artikulieren können. Und genau hier trat dann auch der Konflikt mit den Männern auf, die sofort, nachdem sie die Relevanz der Kinderläden erkannt hatten, diese in eine Strategie der Arbeiteragitation umwidmen wollten. Sander erteilt dieser Politik eine strikte Absage:

„Im Augenblick haben wir der Arbeiterschaft nichts zu bieten. Wir können nicht Arbeiterkinder in unsere Kinderläden nehmen, wo sie ein Verhalten lernen, für das sie zu Hause bestraft werden.“ ([4], S. 20)

Doch diese richtige Einsicht hinderte die Männer nicht daran, die Arbeit des Aktionsrates in eigener Regie übernehmen zu wollen. Und leider gelang ihnen das oft genug allzu leicht:

„Aufgrund ihrer gewandteren Formulierungen übernehmen sie in manchen Arbeitskreisen die Führung, wogegen viele Frauen nach wie vor hilflos sind.“ ([4], S. 20)

Dabei, so Sanders Diagnose, sind diese Machtansprüche auch nur ein Versuch, die eigenen Probleme zu übertünchen:

„Der Versuch, möglichst schnell andere Bevölkerungsschichten mit unseren Kinderläden zu erfreuen, mag darauf zurückzuführen sein, daß sich die Männer nach wie vor weigern, ihre eigenen Konflikte zu artikulieren.“ ([4], S. 20)

Denn der Bruch, der die alte Gesellschaft von einer hypothetischen neuen trennt, läuft mitten durch die Individuen. Es geht nicht nur darum, neue Institutionen zu schaffen. Vielmehr müssen sich die Menschen im Prozeß, in dem sie neue Institutionen schaffen, selbst verändern. Es sind die anerzogenen Verhaltensweisen der kapitalistisch-patriarchalen Gesellschaft, die auch die selbst ernannten Revolutionäre prägen. Individuelle Veränderungsprozesse müssen deshalb selbst Teil der politischen Strategie zur Überwindung bestehender gesellschaftlicher Strukturen sein. Aus diesem Grund ist der gesamte Erziehungssektor ein entscheidender Hebel zur Veränderung der Gesellschaft:

„Die Kinder, die jetzt in unseren Läden sind, werden sich nicht mehr in die gewöhnlichen Schulen einfügen. Die Eltern dieser Kinder werden die bestehenden Schulen nicht mehr hinnehmen. Durch die breite Basis, die wir den Läden geben wollen, versuchen wir eine breite Basis für den Konflikt an den Volksschulen zu schaffen. Dieser Konflikt wird Wirkungen haben, die sich zeigen bei den Kindern und Eltern, die nicht durch unsere Läden gegangen sind.“ ([4], S. 20)

Und daraus ergibt sich für Helke Sander dann die Notwendigkeit, über politische Strategien zu diskutieren, und in dieser Diskussion die Perspektive des Aktionsrates mit zu berücksichtigen. Zum Schluß ihrer Rede führt sie einige strategische Optionen des SDS auf und kontert diese mit einem eigenen Vorschlag, nämlich einer „Verbreiterung der Basis der Kindergärten“ ([4], S. 21). Und ihr Argument dafür ist, man müsse sich auf „die gesellschaftlichen Bereiche konzentrieren, die den Angelpunkt bilden, die Machtstrukturen zu verewigen.“ ([4], S. 22) Nicht mehr und nicht weniger war der Sinn von Sanders Rede: In der Diskussion um strategische Optionen des SDS möge doch bitte auch dieser Vorschlag des Aktionsrates berücksichtigt werden.

Doch genau das wurde nicht verstanden. Schon damals nicht, als diese Rede gehalten wurde, und erst recht nicht später. Eine der größeren Absurditäten ist in dieser Hinsicht der Abdruck von Sanders Rede in Ilse Lenz‘ Quellen-Dokumentation zur Frauenbewegung in Deutschland ([5], S. 38ff). Nicht nur, daß die Rede im Kapitel Diskurse über Geschlecht, Autonomie und Gleichheit abgedruckt wird statt im Kapitel Einmischung in die Politik, wo sie hingehört hätte. Nein, Lenz kürzt die Rede auch noch um gerade den Abschnitt, in dem Sander ihren Diskussionvorschlag formuliert. Und so bleiben in der von Lenz gekürzten Fassung Sanders Schlußworte ziemlich unverständlich:

„Genossen, wenn ihr zu dieser Diskussion, die inhaltlich geführt werden muß, nicht bereit seid, dann müssen wir allerdings feststellen, daß der SDS nichts weiter ist als ein aufgeblasener kontrrevolutionärer Hefeteig.
Die Genossinnen werden dann die Konsequenzen zu ziehen wissen.“ ([4] , S. 22)

Diese Sätze werden zwar immer wieder zitiert, doch dabei wird immer unterstellt, die Diskussion, um die es jetzt gehen müsse, sei die über das Verhältnis von Männern und Frauen im SDS, und nicht, wie von Sander gewollt, eine Diskussion über politische Strategien, in der die Frauenperspektive eine entscheidende Rolle spielen sollte.

Es ist bekannt, daß zunächst die Diskussion unterblieb; und als Sigrid Rüger dann mit ihren Tomaten eine solche erzwang, wurde eben nicht über politische Strategien diskutiert, sondern über das Dominanzverhalten der Männer im SDS. Und naturgemäß kam bei dieser Diskussion nichts Konstruktives heraus:

„Reimut Reiches Vorschlag für die Frauen, doch einfach den Geschlechtsverkehr zu verweigern, bestätigte Helke Sanders Vorwurf, daß die Männer den Konflikt noch ganz verdrängen, wollte auch er ihn doch in jene Privatsphäre zurückverweisen, aus der er eben erst durch Referat mit Tomaten ausgebrochen war.“ ([1], S. 166)

Auch nicht intelligenter war Fritz Teufel,

„der sich anderntags mit einer Spielzeug-MP nebst Zielfernrohr in die Diskussion über den »genitalen Primat des Mannes« im SDS einschaltete. Teufel empfahl, alle Genossinnen auszuschließen, »weil sie doch nur die patriarchalischen Strukturen im Verband verschleiern« und im übrigen »noch entfremdeter und blöder daherquatschen als die Genossen«.“ ([2] , S. 77f)

Das mag satirisch gemeint gewesen sein, brachte aber auch keinen politischen Mehrwert.

Über Sanders konkreten Vorschlag hätte man diskutieren können, über die patriarchalen Strukuren im SDS nur sehr schwer und sicherlich nur nach längerer Vorbereitung. Tatsächlich ging noch gut ein Jahrzehnt ins Land, bis es auf diese Frage einen institutionelle Antwort gab: Bei ihrer Gründung beschloß die Partei Die Grünen, nach einem Jahrzehnt Frauenbewegung, eine Frauenquote. 1968 wäre das im SDS noch undenkbar gewesen.

Es ist andererseits unrealistisch anzunehmen, daß die von Sander gewünschte Diskussion darüber, wie man in einer zukünftige Strategie des SDS die spezifische Situation der Frauen berücksichtigen könne, den SDS wirklich aus seiner Lähmung befreit hätte. Seit dem Generalstreik in Frankreich stand das Proletariat für die radikale Linke viel zu explizit als Projektionsfläche im Raum, als daß sich der Blick tatsächlich auf die Frauen hätte lenken können. Die Männer mußten erst noch das politische Potential entdecken, das in den Frauen steckte.

Letztere bewiesen ihre Talent zum politisch-strategischen Denken im Frühjahr des nächsten Jahres – ohne den SDS. Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen eine große Aktion plant:

„Man stelle sich vor, Berlin wird an einem Tag von den Frauen lahm gelegt.“ ([3], S. 172)

Nachweise

[1] Meinhof, U. M.: „Die Frauen im SDS oder In eigener Sache“, in: Becker, B. (Hg.), Unbekannte Wesen. Frauen in den 60er Jahren, Berlin 1987, S. 166.

[2] Redaktioneller Beitrag, „Hü und Hott“, in: Der Spiegel, Jg.22 (1968), Nr.39 (23. September 1968), S.77 – 78.

[3] Sander, H.: „»Nicht Opfer sein, sondern Macht haben«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 161 – 179.

[4] Sander, H.: „Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS (1968)“, in: Schlaeger, H. (Hg.), Mein Kopf gehört mir. Zwanzig Jahre Frauenbewegung, München 1988, S. 12 – 22.

[5] Lenz, I. (Hg.), Die Neue Frauenbewegung in Deutschland, Wiesbaden 2009.

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17. Januar 2014 at 17:11

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Die Rede

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Die Frauenbewegung in der BRD (16)

„Ich wollte eigentlich Filme machen, und dann habe ich gedacht, vielleicht sollte ich erst mal Politik machen.“

Helke Sander

Was bisher geschah: Helke Sander hält eine Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS im September 1968. Danach wirft Sigrid Rüger Tomaten gegen die Herrenriege auf dem Podium. Das wird in der Presse und später auch in der Geschichtsschreibung als Aufstand der Frauen im SDS gegen die Männer interpretiert und damit als Beginn der autonomen Frauenbewegung.

Doch darum, daß sich die Frauen als Opfer der Männer im SDS fühlten, ging es Helke Sander in ihrer Rede überhaupt nicht. Sogar im Gegenteil. Der Berliner Aktionsrat zur Befreiung der Frauen, erst ein Dreivierteljahr alt, war mit schweren organisatorischen Problem konfrontiert: Die Zahl der Frauen, die im Aktionsrat eine Möglichkeit sahen, sich am politischen Geschehen zu beteiligen, war seit dem Januar 1968 kontinuierlich gestiegen. Und genau dieser Erfolg stellte den Aktionsrat vor organisatorische Probleme. Die ursprüngliche Form eines offenen Plenums war auf die Dauer nicht durchzuhalten. Zum einen war das schlicht ein Problem der Masse. Zum anderen bildeten sich in dieser informellen Struktur sehr schnell Hierarchien heraus. Es gab einerseits Frauen, die aus individueller Betroffenheit zum Aktionsrat gestoßen waren, die aber wenig bis keine politische und theoretische Vorbildung hatten. Auf der anderen Seite gab es Frauen, die schon länger im SDS organisiert waren und den anderen sowohl inhaltlich wie auch rhetorisch deutlich überlegen waren. Ein internes Dokument vom Oktober 1968 beschreibt den Zustand sehr eindrücklich:

„Eine Zeitlang waren die Mittwochsveranstaltungen von den selbstgefälligen Paraden dieser Frauen geprägt. Die unbedingt notwendige Vermittlung der Kenntnisse und Erfahrungen dieser Frauen, die den Aktionsrat hätten gestalten können, fand auf diesem Wege nicht statt. Es stellte sich keine solidarische organisatorische Struktur her, sondern eine in hohem Maß autoritäre. Die Folge war, daß sich der Aktionsrat sehr schnell in viele einzelne Arbeitskreise aufsplitterte.“ ([2], S. 58f)

Flügelkämpfe und Zersplitterung prägten das innere Bild des Aktionsrates im Herbst 1968. Damit war der Aktionsrat allerdings nicht allein. Im SDS herrschten ähnliche Zustände. Einem internen Papier zufolge war der Höhepunkt der Bewegung der Vietnamkongreß vom Februar 1968, danach ging es bergab:

„Überall zeigten sich kurzfristig nicht bewältigbare Organisationsprobleme. Das Attentat auf Dutschke leitete eine.Übersprungphase ein. In einer spontanen Massenaktion […] wurde der Anspruch der Herbstresolution: Kampf den Manipulateuren, erfüllt. Sie überforderte jedoch gleichzeitig die theoretischen und organisatorischen Kräfte. Den neuen Ansprüchen konnte nur in einer Höhepunktsakrobatik begegnet werden. Die Anspannung der Kräfte an Ostern mußte bis zum Sternmarsch im. Mai aufrechterhalten werden. Die Gruppen versuchten das mit Informationsstrategien, Aktionspermanenz und Gewinntaktiken zu gewährleisten. Die Folge war: Aufschub der Organisationsprobleme, Kräfteverschleiß, Argumentationsverflachung durch die Heterogenität der Handlungsbasis. Das Ende der Akrobatik war der Fall in Apathie, Passivität, Resignation und Stagnation. […] Die Überbeanspruchung führte zu einem zeitweiligen Kollaps des Selbstbewußtseins und des Aktionswillens, damit zu einem Theorievakuum, zu Organisationslethargie und zu Aktionsunfähigkeit.“ ([1], S. 3)

Es ist diese desolate Situation, in deren Rahmen Helke Sanders Rede entstanden ist. Und man versteht diese Rede nicht, wenn man diese Situation nicht vor Augen hat. Sander kam nicht als Bittstellerin, als armes Opfer männlicher Machenschaften nach Frankfurt auf die Delegiertenkonferenz. Sie wußte genau, in welchem Zustand der SDS war:

„Genossen, eure Veranstaltungen sind unerträglich. Ihr seid voll von Hemmungen, die ihr als Aggressionen gegen die Genossen auslassen müßt, die etwas Dummes sagen oder etwas, was ihr schon wißt. […] Warum sagt ihr nicht endlich, daß ihr kaputt seid vom letzten Jahr, daß ihr nicht wißt, wie ihr den Streß länger ertragen könnt, euch in politischen Aktionen körperlich und geistig zu verausgaben, ohne damit einen Lustgewinn zu verbinden. Warum diskutiert ihr nicht, bevor ihr neue Kampagnen plant, darüber, wie man sie überhaupt ausführen soll? Warum kauft ihr euch denn alle den Reich? Warum sprecht ihr denn hier vom Klassenkampf und zu Hause von Orgasmusschwierigkeiten? Ist das kein Thema für den SDS?“ ([4], S. 17f)

Dies ist der Kernpunkt, um den es Sander in ihrer Rede ging: Die Trennung von scheinbar Privatem auf der einen und dem angeblich Politischen auf der anderen Seite. Das war, zumindest in der antiautoritären Fraktion des SDS nicht unbedingt eine Neuheit. Bereits ein Jahr zuvor hatten Dutschke und Krahl auf der 22. Delegiertenkonferenz erklärt:

„Wir wissen sehr genau, daß es viele Genossinnen und Genossen im Verband gibt, die nicht mehr bereit sind, abstrakten Sozialismus, der nichts mit der eigenen Lebenstätigkeit zu tun hat, als politische Haltung zu akzeptieren.“ ([3], S. 95)

Und die Kommune-Diskussion, die 1966 beim Treffen in Kochel begonnen hatte, war ja bereits in diese Richtung gegangen. Die Erweiterung des traditionellen Politikbegriffs, der nun auch den Alltag mit einschließen sollte, war also zu dem Zeitpunkt, als Sander ihre Rede hielt, nicht mehr ganz neu. Neu war hingegen, daß dieses Konzept einer Revolutionierung des Alltags mit einer konkreten politischen Strategie verknüpft wurde. Sander sah – und das war politisch mehr als hellsichtig – gerade in der Situation der Frauen ein gesellschaftsveränderndes Potential. Zwar widersprach das allen gängigen sozialistischen Theorien, doch die Praxis des Aktionsrates hatte gezeigt, daß gerade bei den Frauen mit Kindern ein Leidensdruck herrschte, der in politisches Bewußtsein und längerfristig in politisches Handeln verwandelt werden konnte. Sander berichtete aus der Praxis des Aktionsrates:

„Da die Bereitschaft zur Solidarisierung und Politisierung bei den Frauen mit Kindern am größten ist, weil sie den Druck am meisten spüren, haben wir uns in der praktischen Arbeit bisher auf ihre Konflikte konzentriert. Das heißt nicht, daß wir die Konflikte der Studentinnen ohne Kinder nicht wichtig nehmen, heißt nicht, daß wir nicht trotz der gemeinsamen Merkmale aller Frauen in der Unterdrückung der klassenspezifischen Unterdrückungsmechanismen übersehen, es heißt lediglich, daß wir eine möglichst effektive Arbeit leisten wollen.“ ([4], S. 16)

Sanders Vorschlag bestand im wesentlichen darin, den SDS aufzufordern, gemeinsam in diese Richtung zu marschieren. Der Aktionsrat hatte einen Schwachpunkt innerhalb des kapitalistischen Reproduktionsprozesses gefunden, der politisch ausnutzbar war: Die Reproduktion der Arbeitskraft in der Familie. Und dieser Konflikt war nicht nur objektiv vorhanden, wie der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeiterklasse, sondern auch subjektiv. Immer mehr Frauen mit Kindern hatten die Nase gestrichen voll und waren willens, an ihrer Situation etwas zu ändern. Und genau das versuchte Sander den Genossen klarzumachen:

„Die Hilflosigkeit und Arroganz, mit der wir hier auftreten müssen, macht keinen besonderen Spaß. Hilflos sind wir deshalb, weil wir von progressiven Männern eigentlich erwarten, daß sie die Brisanz unseres Konfliktes einsehen. Die Arroganz kommt daher, daß wir sehen, welche Bretter ihr vor den Köpfen habt, weil ihr nicht seht, daß sich ohne euer Dazutun plötzlich Leute organisieren, an die ihr überhaupt nie gedacht habt, und zwar in einer Zahl, die ihr für den Anbruch der Morgenröte halten würdet, wenn es sich um Arbeiter handeln würde.“ ([4], S. 17)

Wenn nun Aktionsrat und SDS zusammenarbeiten würden, so Sanders Hoffnung, hätten beide eine Chance, sich aus ihren organisatorischen Problemen herauszuarbeiten und eine gemeinsame, langfristig angelegte Strategie zu entwickeln.

Wie diese Strategie aussehen sollte und wie der SDS auf diesen Vorschlag reagierte, erfahren Sie nächste Woche, wenn Sander erklärt:

„Im Augenblick haben wir der Arbeiterschaft nichts zu bieten. Wir können nicht Arbeiterkinder in unsere Kinderläden nehmen, wo sie ein Verhalten lernen, für das sie zu Hause bestraft werden.“ ([4], S. 20)

Nachweise

[1] Anonym [Klaus Theweleit?], Arbeitspapier zur Beurteilung der 23. o. DK und der Lage der Gruppen, o.O. o.J. (1968).

[2] Conradt, L.: „Beitrag zur Organisationsdebatte (Oktober 1968)“, in: Schlaeger, H. (Hg.), Mein Kopf gehört mir. Zwanzig Jahre Frauenbewegung, München 1988, S. 58 – 63.

[3] Dutschke, R.: „Das Sich-Verweigern erfordert Guerilla-Mentalität“, in: Dutschke, R., Geschichte ist machbar, Berlin 1992, S. 89 – 95.

[4] Sander, H.: „Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS (1968)“, in: Schlaeger, H. (Hg.), Mein Kopf gehört mir. Zwanzig Jahre Frauenbewegung, München 1988, S. 12 – 22.

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10. Januar 2014 at 17:47

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Tomaten

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Die Frauenbewegung in der BRD (15)

„Die neue Frauenbewegung entstand in einer bestimmten Phase der antiautoritären Bewegung, zugleich im Widerspruch zu dieser Bewegung und als eine Konsequenz dieser Bewegung“

Sigrid Damm-Rüger

Was bisher geschah: Helke Sander, Mitgründerin des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen und Mitglied des SDS versucht den Berliner Landesverband davon zu überzeugen, daß er sie als Rednerin auf die 23. Delegiertenkonferenz des SDS in Frankfurt schickt. Das Vorhaben ist schon fast gescheitert, als eine andere SDS-Genossin mit einer Buttersäure-Attacke droht, falls Helke in Frankfurt nicht reden dürfe.

Diese rothaarige Genossin mit dickem Schwangerschaftsbauch, die Helke Sanders Anliegen unterstützte, war nicht irgendjemand. Es handelte sich dabei um die bereits hier im Blog ansatzweise gewürdigte Sigrid Rüger, eine der zentralen Figuren im Berliner SDS. Ihr Wort hatte Gewicht, und so wurde Helke Sander tatsächlich die Gelegenheit gegeben, am 13. September 1968 in Frankfurt zu reden, direkt vor der großen Rede des SDS-Cheftheoretikers Hans-Jürgen Krahl.

Helke Sanders Rede ist Legende. Sie wurde wieder und wieder nachgedruckt. Und nie wirklich inhaltlich rezipiert. Sie ging unter im Ereignis, das unmittelbar auf sie folgte: Als die Delegiertenversammlung nach Sanders Rede einfach ohne Diskussion in der Tagesordnung fortfahren wollte, kam es zum Eklat. In der Zeit las sich das damals so:

„Geschwängert war die Luft von Havanna- und Roth-Händle-Rauch, theorieschwer die Diskussion – mit Resignation und Euphorie kämpften wortreich die übermüdeten Genossen. Der Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) drohte der revolutionäre Atem auszugehen.
Da meldete sich artig eine Genossin im prallen Umstandskleid, dem Frankfurter Studenten-Idol Hans-Jürgen Krahl eine Zwischenfrage zu stellen. Ob er nichts zur Unterdrückung der Frau in der Gesellschaft und insbesondere im SDS zu sagen habe, wollte sie wissen. Ehe der vielwissende Krahl noch hilflos mit den Schultern zucken konnte, antwortete sie für ihn, attestierte ihm autoritäre Ignoranz und nestelte dabei an einer Einkaufstasche. Sie hielt etwas Rotes in der Rechten, schleuderte dem wortgewandten Mann am Mikrophon erst den Satz entgegen »Du bist objektiv ein Agent des Klassenfeinds« und dann ein paar Tomaten. Eine der Früchte traf den überraschten Krahl voll, die übrigen zerplatzten am – ausschließlich von maskulinen Genossen okkupierten – Präsidiumstisch.
Die Delegiertenkonferenz hatte ihren Höhepunkt.“ ([1])

Natürlich war diese schwangere Genossin erneut Sigrid Rüger. Und was der Artikel völlig unterschlägt, ist die vorausgehende Rede von Helke Sander. Oder vielmehr wird die Rede später mit einem einzigen Satz zitiert, nämlich: „Hier sprecht ihr vom Klassenkampf und mit euren Freunden vom Orgasmus.“ ([1]) Die Unverschämtheit des Zeit-Autors ist wirklich atemberaubend. Zum einen ist das Zitat falsch wiedergegeben und zum anderen aus dem Zusammenhang gerissen. Sander hatte wörtlich gesagt: „Warum sprecht ihr denn hier vom Klassenkampf und zu Hause von Orgasmusschwierigkeiten?“ ([3]) Dabei ging es ihr um die falsche Trennung von Privatem und Politischen. Doch damit nicht genug. Dieses Zitat wird dann noch so hingestellt, als handle es sich um einen Wortbeitrag aus dem Publikum, der nach dem Tomatenwurf von Sigrid Rüger laut geworden sei. Und um das Faß der Frechheiten vollzumachen, wird Sander nur als „fragiles Mädchen“ bezeichnet: Eine dreißigjährige, alleinerziehende Mutter, die eben eine wichtige politische Rede vor den Delegierten des bedeutendsten westdeutschen Studentenverbandes gehalten hat, muß sich von einem dahergelaufenen Journalisten als „Mädchen“ titulieren lassen.

Die Konkurrenz vom Spiegel war auch nicht viel besser. Immerhin wird die Rede thematisiert und Sander beim Namen genannt:

„Die Berliner Filmakademikerin Helke Sander, 30, gab sich am Mikrophon als Mitglied eines »Aktionsrates zur Befreiung der Frau« aus, führte Klage über »Unterdrückung« weiblicher Mitglieder und glaubte in den SDS-Debatten ein Produkt gewisser »Verdrängungsmechanismen« zu erkennen: »Warum sprecht ihr hier von Klassenkampf und zu Hause von Orgasmusschwierigkeiten?« Als Redner Hans-Jürgen Krahl, 25, dazu nichts sagen mochte, sprang vor ihm die rothaarige, hochschwangere Berliner Volkswirtschaftlerin Sigrid Rüger, 29, vom Stuhl und schleuderte mit dem Ruf »Konterrevolutionär… Agent des Klassenfeindes« sechs Tomaten auf Krahl; eine traf ihn, am linken Schlüsselbein.“ ([2], S. 77)

Die Präzision des Spiegels in unwesentlichen Dingen wie der genauen Anzahl der geworfener Tomaten ist wie immer beeindruckend. Auch das „Orgasmus“-Zitat ist hier, im Gegensatz zur Zeit, richtig wiedergegeben. Daß es hingegen überhaupt nicht das Thema von Sanders Rede gewesen war, die Unterdrückung der Frauen im SDS anzuprangern, ganz im Gegenteil, paßt einfach nicht in die Geschichte, die der Reporter erzählen will. Sander hatte ihre Rede, nachdem sie sich als Sprecherin des Aktionsrates vorgestellt hatte, mit den Worten begonnen:

„Wir sprechen hier, weil wir wissen, daß wir unsere Arbeit nur in Verbindung mit anderen progressiven Organisationen leisten können, und dazu zählt unserer Meinung nach heute nur der SDS.“ ([3], S. 12)

Doch das war natürlich keine Story. Tomatenwürfe, in der damaligen Öffentlichkeit verpönte Worte wie „Orgasmus“ und einen einfach zu vermittelnden Konflikt zwischen Männern und Frauen: Darauf fuhren die Reporter ab. Der eigentliche Inhalt von Sanders Rede hingegen fiel komplett unter den Tisch. Denn darin ging es mitnichten darum, daß sich die Frauen als Opfer der Männer im SDS sahen. Doch darauf werde ich erst nächste Woche eingehen. Der heutige Beitrag soll sich ausschließlich der Rezeption widmen.

Daß die „bürgerlichen“ Medien die Rede nur in äußerst verzerrter Form dargestellt haben, ist nicht weiter verwunderlich. Man muß das noch nicht einmal als politische Manipulation interpretieren. Der eigentliche Vorschlag Sanders paßte einfach nicht ins Rezeptionsraster des Journalismus, also wurde eine völlig andere Geschichte daraus. Und das wirklich Schlimme daran ist, daß diese andere, von den Journalisten erfundenen Geschichte die weitere Rezeption der Rede und des Tomatenwurfes dominierte. Und zwar auch auf Seiten der feministischen Geschichtsschreibung.

1975, als sich die junge Frauenbewegung ihrer Geschichte zu versichern begann, wurde die Rede im Frauenjahrbuch 1 erneut vollständig abgedruckt, aber ohne jeden Kontext; Helke Sanders Name wurde nicht erwähnt, genausowenig der von Sigrid Rüger:

„Im Anschluß an ihre Rede bewarf eine Genossin die SDS-Autoritäten mit Tomaten. – dies war die erste Ankündigung einer neuen deutschen Frauenbewegung.“ ([5], S. 15)

Und im Anschluß daran wurde fleißig am Opfermythos gestrickt:

„Dieses Ereignis wurde als ganz unerhört empfunden, als so unglaublich, daß die SDS-Männer, aber auch die anwesenden Frauen, sich zunächst nicht dazu verhalten konnten. So kam es, daß die Rede kein unmittelbares Echo auslöste. Im kleineren Kreis konnten sich die Männer dann allerdings nicht enthalten, höhnische Bemerkungen über die Frauen zu machen. Das gab vielen Frauen den letzten Anstoß, sich in Frauengruppen zusammenzuschließen. Die Frauen waren im SDS so offensichtlich unterdrückt, daß die Idee dazu schon längere Zeit in der Luft lag, spätestens jedoch seit der Gründung des Berliner »Aktionsrat zur Befreiung der Frauen« im Frühjahr 1968.“ ([5], S. 15)

Man fragt sich wirklich, ob die Autorinnen die Rede, die sie abdruckten, eigentlich gelesen hatten.

Diese Verfälschung der Geschichte schaffte es dann auch in die sogenannte seriöse, wissenschaftliche Literatur. In der 1980 erstmals erschienenen Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland von Herrad Schenk wird das Ganze in einem Satz zusammengefaßt:

„1968 hält eine Vertreterin des Berliner »Aktionsrats zur Befreiung der Frau« auf der Delegiertenkonferenz des SDS eine Anklagerede gegen das patriarchalische Gehabe der Genossen und bewirft sie am Ende mit Tomaten.“ ([4], S. 85)

Und dann geht es auch schon weiter mit dem Frankfurter Weiberrat. Nicht nur, daß die ganz konkreten Akteurinnen ihrer Individualität beraubt werden. Auch der Aktionsrat will nun, nach dem Willen von Schenk, nicht mehr die Frauen in all ihrer Unterschiedlichkeit und Vielfalt befreien, sondern ein Abstraktum namens „die Frau“ (den aufmerksamen Leserinnen meines Blogs ist dies wahrscheinlich auch schon beim Zentralrat der sozialistischen Kinderläden aufgefallen, der den Namen des Aktionsrates auf die selbe Art und Weise verunstaltet hatte).

Angesichts dieser Verdrehung des politischen Programms, das Helke Sander für den Aktionsrat formuliert hatte, ist es eine Erleichterung, wenn Helke Sander nächste Woche meint:

„Wenn sich der SDS als ein Verband begreift, der innerhalb der bestehenden Gesellschaft emanzipatorische Prozesse in Gang setzen will, damit eine Revolution überhaupt möglich wird, dann muß der Verband Konsequenzen für seine Politik aus unserer Arbeit ziehen.“ ([3], S. 21)

Nachweise

[1] Hermann, K., „»Was denn nun, Genossen?«“, in: Die Zeit, Jg.21 (1968), Nr.38 (20. September 1968), S.2.

[2] Redaktioneller Beitrag, „Hü und Hott“, in: Der Spiegel, Jg.22 (1968), Nr.39 (23. September 1968), S.77 – 78.

[3] Sander, H.: „Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS (1968)“, in: Schlaeger, H. (Hg.), Mein Kopf gehört mir. Zwanzig Jahre Frauenbewegung, München 1988, S. 12 – 22.

[4] Schenk, H., Die feministische Herausforderung. 150 Jahre Frauenbewegung in Deutschland, München 1981 (2. Aufl.).

[5] Frankfurter Frauen (Hg.), Frauenjahrbuch 1, Frankfurt 1975 (2. Aufl.).

Written by alterbolschewik

3. Januar 2014 at 16:59