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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

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Foucault/Merleau-Ponty

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„The second difference concerns the issue of change and stability. Merleau-Ponty suggests that the body-subject derives stability (in its relation to itself and its world) from its habits. The habitual body, for him, provides a stable bedrock upon which (relatively) free agency is based. Foucault, by contrast, stresses instability and change in his account. (…) The contrast between the two writers is considerable in this respect but, as with the first difference (existential vs. political, L.A.), it does not amount to an incommensurability or conflict between the two positions. The reason for this is that Merleau-Ponty and Foucault work within different temporal frames. Merleau-Ponty is concerned (in his work on the body-subject) with stability on an hour-by-hour, day-to-day basis, while Foucault is concerned with change and instability in a long term, historical perspective. There is no reason to assume that Merleau-Ponty would be opposed to the notion of corporeal change and instability in the (historical) long term or that Foucault would oppose the notion of a day-to-day stability. Indeed, given Merleau-Ponty’s concern for the historical contingency of the present and given Foucault’s concern that conducts is historically regulated (i.e. made regular) by systems of power and ‚moulded by a great many regimes‘ (i.e. cast into a specific mould), I suggest that their views converge on the question on stability, when we hold time-scale constant.“
Nick Crossley (1996) Body-Subject/Body-Power: ‚Agency, Inscription and Control in Foucault and Merleau-Ponty‘, Body & Society 2(2): 103.

Na, solange ich eben den Merleau-Ponty nicht vollständig habe, muss ich mich eben mit der Sekundärliteratur beschäftigen. Der Crossly macht da im übrigen einen interessanten Punkt, die für Momo’s Interpretation spricht, dass Foucault als Ausgangsbasis für die Residuen der Freiheit wenig taugt: der Körper ist reines Objekt, passiv, nicht handlungsfähig und deshalb aus einer Foucault’schen Perspektive dazu verdammt, zu reproduzieren, Effekte zu zeitigen. Und dann ist das Argument ja durchaus richtig, dass beide Autoren auf unterschiedlichen Zeitebenen operieren. Wenn ich also pessimitisch bzgl. einer freien Subjektivität bin, könnte das evtl. darin liegen, dass ich die kleinen Zeit des Subjekts (meint diesen day-to-day, hour-by-hour-Rythmus Merleau-Pontys) – Mensch ich habe bei dieser Diskussion nämlich die kleine Form vergessen! – mit der großen Zeit der Gesellschaft zusammenfallen lasse? Heißt das, dass ich dem Fehlschluß unterliege, die kleine Zeit des Subjekts von der großen und langen Zeit abhängig zu machen? Dass die kleine Zeit des Subjekts möglicherweise einer anderen Logik udn Pragmatik gehorcht als die der Institutionen, Strukturen und CEO-Karrieren? Ist mir fast schon ein bißchen peinlich, weil die Zeitstrukturen eigentlich zu den zentralen Kriterien der Mikro-Makro-Unterscheidung gehören.

Written by lars

18. Mai 2008 at 18:31

Was fang ich mit dem Körper an?

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Momorulez hat ja heute schon die großen Fragen auf die Füße gestellt. Ich würde ihm entgegenrufen und an die Überlegungen, die wir im März mal zur Leiblichkeit anstellten, anschließen: „Die wirklich großen Fragen betreffen unsere Körper!“

Also was mich gerade umtreibt, abgesehen von meinem Fachinteresse an der Körpersoziologie, ist folgendes. Weil ich einige Zitate aus unseren Kommentaren zusammen gesucht hatte, bin ich auf nochmal auf meine These gestoßen, dass Bildung nicht nur ein Wissen darstellt, das man erlernt (und in meinem Fall sowas wie Geslelschaft oder Sozialbeziehungen betrifft), sondern eben auch eine Schulung des Auges (also eine ästhetische Bildung) und untrennbar damit verbunden auch ein körperliches Verhältnis zu seinem Wissen. Mir ist das kürzlich auch nochmal an der schönen Studie zum Boxen aufgegangen, die Loic Wacquant schrieb. Das ging schon soweit, dass ich mir überlegte, ob ich nicht doch eine regelmäßig praktizierbare Sportart aufnehmen sollte (was bei mir einiges heißen soll; eine befreundete Soziologin hatte mir drauf auch prompt erzählt, dass sie wegen dieser Studie selbst zum Boxen anfing!).
Woran kann man dieses leibliche Engagement deutlich machen? Vielleicht mit der Erfahrung von Literatur: Die Romane von Albert Camus z.B. klingen für mich nach Weather Report und ich habe sofort den Geruch von warmen Frühlingstagen in der Nase: ich habe „Der glücklichen Tod“ und „Die Pest“ von Camus auf dem Balkon gelesen, während im Hintergrund „Black Market“ hoch und runter lief.

Ein anderes Beispiel wäre das Problem der Solidarität, was für mich immer ein ganz zentraler Wert sowohl im Politischen wie auch und im Privaten darstellt. Dass darin auch ästhetische Dimensionen zu stecken scheinen, deutete T.Albert die Tage mal an und wenn ich den Verweisauf Tschechovs Landhausgemeinschaften heranziehen darf, dann lässt sich Momo’s Satz

„Und weil dieses seltsame Geschöpf zum Knuddeln ist, wenn es Unsinn redet und dabei z.B. niedlich lächelt, einfach, um Kontakt zu halten nach langen Sommertagen, Beisammensein ausfüllend, ist doch egal, was man da quatscht, wenn man abends in den Salons russischer Landgüter zusammen sitzt.“

eben auch als ein solches körperliches/leibliches Verhältnis der Solidarität begreifen: Die Grundlage des Kommunismus ist eben das Beisammensein, eine Gemeinschaft der Körper. Da hatte der Durkheim schon recht, dass Solidarität durch eine gemeinsame Tätigkeit hervorgerufen wird (auch wenn er mit Solidarität das einverleibte moralische Zwangskorsett der Gesellschaft meinte und keineswegs eine Partizipation am Handeln und Denken anderer).
Aber was heißt das für einen Cezanne, oder einen Beckett, und meinetwegen auch für einen Meese?

Das ganze ist natürlich nich ganz unproblematisch. Eine der zentralen Schlagwörter von Judith Butler etwa ist das „leidenschaftliche Verhaftetsein“, welches noch die verletzten Identitäten körperlich an den sie verletztenden „normativen Heterosexismus“ bindet. Und doch bin ich mir sicher, dass ohne eine körperliche/leibliche Teilhabe die „großen Fragen“ nicht „beantwortet“ werden können. Bourdieu, der ja schon so etwas wie eine fundamentale Referenz meines Denkens darstellt, weil sich durch ihn meine Blicke anders richten, mein Denken andere Wege nimmt (alles Metaphern, die auf einen Körper bezug nehmen), hat die Vorstellung eines homo oeconomicus, oder die einer abstrakten und theoretischen Vernunft mal die“scholastische Verblendung“ genannt. Und recht hatte er. Ausdrücken kann er’s übrigens auch viel besser:

„Weil der Körper (in unterschiedlichem Ausmaß) exponiert ist, weil er in der Welt ins Spiel, in Gefahr gebracht wird, dem Risiko der Empfindung , der verletzung, des Leids, manchmal des Tods ausgesetzt, also gezwungen ist, die Welt ernst zu nehmen (und nichts ist ernsthafter als Empfindungen – sie berühren uns bis ins Innerste unserer organischen Ausstattung hinein), ist er in der Lage, Dispositionen zu erwerben, die ihrerseits eine Öffnung zur Welt darstellen, das heißt zu den Strukturen der sozialen Weltm deren leibgewordene Gestalt sie sind.“
P.Bourdieu (2001) Meditationen. Kritik der scholastischen Vernunft, Frankfurt/Main: Suhrkamp, S.180.

Written by lars

16. Mai 2008 at 14:47