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Orientalismus, Regierung, Repräsentation (Said)

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„Yet if we eliminate from the start any notion that ‚big‘ facts like imperial domination can be applied mechanically and deterministically to such complex matters as culture and ideas, then we will begin to approach an interesting kind of study. My idea is that European and American interest in the Orient was political according to some of the obvious historical accounts of it that I have given here, but that it was culture, that created that interest, that acted dynamically along with brute political, economic, and military rationales to make the Orient the varied and complicated place that it obviously was in the field I call Orientalism.
Therefore, Orientalism is not a mere political subject matter or field that is passively reflected by culture, scholarship, or institutions; nor is it a large and diffuse collection of texts about the Orient; nor is it representative and expressive of some nefarious ‚Western‘ imperialist plot to hold down the ‚Oriental‘ world. It is rather a distribution of geopolitical awareness into aesthetic, scholarly, economic, sociological, historical, and philological texts; it is an elaboration not only of a basic geographical distinction (the world is made up of two unequal halves, Orient and Occident) but also of a whole series of ‚interests‘ which, by such means as scholarly discovery, philological reconstruction, psychological analysis, landscape and sociological description, it not only creates, but also maintains; it is rather than expresses, a certain will or intention to understand, in some cases to control, manipulate, even to incorporate, what is a manifestly different (or alternative and novel) world; it is, above all, a discourse that is by no means in direct, corresponding relationship with political power in the raw, but rather is produced and exists in an uneven exchange with various kinds of power, shaped to a degree by the exchange with power political (as with a colonial or imperial establishment), power intellectual (as with reigning sciences like comparatative linguistivs or anatomy, or any of the modern policy sciences), power cultural (as with orthodoxies and canons of taste, texts, values), power moral (as with ideas about what ‚we‘ do and what ‚they cannot do or understand as ‚we‘ do).“
Said, Edward (1979) Orientalism, New York: Vintage Books, S. 12.

Written by lars

12. August 2008 at 9:32

Kulturwurschtdiskurs

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Update: Oder muss das jetzt Kulturmülldiskurs heißen?

Ich sitze ja mal wieder über diesen unglaublich schlechten Reden der Berliner Konferenz. Das funktioniert ja ganz absurd. Da sagt dann der Herr Kulturstaatssekretär Neumann, dass man dem Bürger eine positive Vorstellung von Europa vermitteln solle (und Kultur das geeignete Medium sei), während die EU-Außenkommissarin die Aufklärung quasi nur als Update der religiösen Wurzeln begreift, als Katalysator und Modernisierung der Tradition. Das ist ja immer noch das für mich Erschreckende an diesem Diskurs, dass er zwischen einem autoritärem Gestus (Man muss die Menschen zur Kultur erziehen, und hier besonders Südosteuropa) und dem alten Veredelungsgedanken oszilliert.

Dabei ist auch den Akteuren völlig klar, und sie benennen das auch ganz eindeutig, dass Kultur hier tatsächlich nur Mittel zum Zweck ist.

„Wir sind keine Kulturlobby, wenn wir sagen, dass Europa für sein Fortkommen sich seine kulturellen Kräfte nutzen muss.“ (Volker Hassemer)

„Es soll nicht primär der Kultur, sondern der Europapolitik weitergeholfen werden.“
„Die Kultur nicht als Anspruchsteller, sondern als Anbieter europapolitisch verwertbarer Konzepte.“ (Hans-Gert Pöttering)

Die politischen Wünsche schwanken allerdings zwischen einer „guten Regierung“ Europas (Ferrero-Waldner) und einer „offenen Gesellschaft“ (George Soros), die eines solche gerade ablehnt.

Was heißt das? Zuallererst, dass die innere Form des Kulturdiskurses, wie er von den nationalen und supranationalen Akteuren geführt wird, vollkommen irrelevant ist. Kultur ist deswegen von Interesse, weil sie entweder Ressource europäischer Entwicklungs- und Wirtschaftspolitik darstellen soll, oder weil sie zur Legitimation weltpolitischer Interventionen im Namen der Zivilisation und des Fortschritts dienlich erscheint. Schließlich lässt sich auf Grundlage der imaginierten Wertematrix auch eine Migrations- und Integrationspolitik gründen, die es im Namen des Guten, Wahren, Schönen erlaubt, sich an der eigenen Angst vor dem Anderen festklammern zu können.

Ein letztes Indiz für diese Vewertungslogik der Kultur, die sich um innere Rationalität nichts schert, könnte auch die wirklich eigenartige Aneignung des Briefes von Habermas und Derrida vom 31. Mai 2003 durch Ferrero-Waldner sein. Die Philosophen schrieben damals im Angesicht des Irakkriegs:

„Heute wissen wir, daß viele politische Traditionen, die im Scheine ihrer Naturwüchsigkeit Autorität heischen, „erfunden“ worden sind. Demgegenüber hätte eine europäische Identität, die im Licht der Öffentlichkeit geboren würde, etwas Konstruiertes von Anfang an. (…)
Jede der großen europäischen Nationen hat eine Blüte imperialer Machtentfaltung erlebt und, was in unserem Kontext wichtiger ist, die Erfahrung des Verlusts eines Imperiums verarbeiten müssen. Diese Abstiegserfahrung verbindet sich in vielen Fällen mit dem Verlust von Kolonialreichen. Mit dem wachsenden Abstand von imperialer Herrschaft und Kolonialgeschichte haben die europäischen Mächte auch die Chance erhalten, eine reflexive Distanz zu sich einzunehmen. So konnten sie lernen, aus der Perspektive der Besiegten sich selbst in der zweifelhaften Rolle von Siegern wahrzunehmen, die für die Gewalt einer oktroyierten und entwurzelnden Modernisierung zur Rechenschaft gezogen werden. Das könnte die Abkehr vom Eurozentrismus befördert und die kantische Hoffnung auf eine Weltinnenpolitik beflügelt haben.“

Demgegenüber argumentiert die EU-Außenkommissarin stets mit Begriffen wie „Leitwerte“ „Grundkonsens“ oder „Wertefundament“.
Denn die Kultur Europas selbst ist bei ihr ganz klar von der Antike her bestimmt:

„Den Reichtum Europas kurz zusammenfassen, grenzt ans Unmögliche. Lassen Sie mich es dennoch versuchen und mit Paul Valéry beginnen: ‚Europäisch ist alles, was von den drei Quellen Jerusalem, Athen und Rom herrührt‘.
Unsere kulturelle Basis ist unsere jüdisch-christliche Prägung, wie sie durch die Aufklärung
modernisiert wurde. Es ist die Trias von Spiritualität, Demokratie und individueller, verrechtlichter
Freiheit.“

Ganz ungeniert plädiert sie dann für eine Missionierung, wenn nicht mit Waffen, so doch mit einer „Ideeninvasion“:

„Und es ist unsere Aufgabe, diesen ‚way of life‘ auszustrahlen. Das ist der Kern der EU-Außenpolitik im 21. Jahrhundert. Es geht somit nicht nur um die innere ‚Verfasstheit‘ Europas, sondern auch um seine internationale ‚Mission‘. Vielleicht ist Europas globale Rolle ja die Keimzelle eines neuen europäischen Narratives.
Das wäre – frei nach Derrida und Habermas – die ‚Wiedergeburt Europas aus dem Geist der
Globalisierung‘.“

Written by lars

7. Mai 2008 at 14:27

Alles zurück auf Anfang

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Während der Westen sich bei seinem Blick auf den Globus noch von einem anachronistischen »kontinentalen Denken« leiten lässt, verwandelt sich die Weltgesellschaft immer stärker in Archipele, in ein Multiversum, in dem die Kulturen ihre Identität nicht mehr aus einer Wurzel beziehen, sondern aus einem »Wurzelgeflecht«.

schreibt Constantin von Barloewen in der aktuellen ZEIT, und

Der Westen macht gerade die Erfahrung, wie der Universalitätsanspruch seiner Kultur infrage gestellt wird. Sein monolithisches Denken wird den Entwicklungen der Weltgesellschaft nicht mehr gerecht, auch wenn es mit Panzern durchgesetzt werden soll. Stattdessen wird immer deutlicher, dass das Universale ohne das kulturell Besondere nicht zu existieren vermag – keine Einheit ohne Vielfalt. Der westliche Anspruch auf ein Monopol der Vernunft und des Weltgewissens ist nicht mehr aufrechtzuerhalten. Der Westen wird multiple Modernitäten zulassen müssen, auch konkurrierende Begriffe des Fortschritts, entsprechend den konkurrierenden kultur- und religionsgeschichtlichen Voraussetzungen der Moderne.

Das nährt Hoffnung, das kanalisiert Protest in das ibero-creolische. Ist die nächste Jugendbewegung auch in Europa eine lateinamerikanische? Die Antifaschisten am HHer Hauptbahnhof beschimpften die Nazis aus Rostock auf ihrem Heimweg traditionell auf spanisch, der Sprache des Widerstandes. Alles zurück auf Anfang.

Written by ring2

3. Mai 2008 at 11:08

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

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