shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

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Gold

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Es ist goldener Oktober und die Fäulnis legt eine große Süße über das Land. Die Luft riecht nach Veränderung (the times they are a-changing) und Vierzigjährige (auch Blogger) schwelgen in den Zeiten, als die Teilung noch rein war. Die Teilung in alt und neu, wobei neu „rotten“ war. Die Teilung in cool und lahm. (Flash is fast)

Es ist Sonntag und die „Generation Walkman“ liegt müde in ihren 4-Zimmer-Lofts, regeneriert den von der Nacht angeranzten Körper. Es ist doch kein Wunder, dass wir uns in dieser Situation wohlig der Zeit zuwenden, die schon so weit zurück liegt, dass ihre Musik bei „Oldie95“ läuft. Die Zeit in der Rebellen ihre eigene Stadt in Manhattan hatten, die Polizei immer nur in Massenkarambolagen sich selbst vom Highway schubste und via Bud Spencer noch alles Schlimme mit pussierlicher Gewalt zu lösen war.

Wann war das denn eigentlich zuende? Ich befürchte in dem Moment, wo diese Naiven suchten den Ernsten zu folgen, selbst Revolutionäre zu werden. Und das Schlimme, sie haben wirklich geglaubt, dass sie es könnten, diese Narren, die wir waren.

Die popkulturelle Idee von Veränderung, war keine erfolgreiche. Hasch für das Gewissen, nichts weiter. Da hilft es nun auch nicht, im Angesicht der Bankenkrise den Herrn Marx zum Pop-Idol zu machen.
(… und was macht eigentlich Tracy Chapman?)

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Written by ring2

12. Oktober 2008 at 11:24

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Adorno an Thomas Mann – Santa Monica 1. 12. 1952

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„Die Grenze, die Sie zwischen sich selbst und Wagner setzen, scheint mir keine bloß individuelle, sondern eine geschichtsphilsoophische. Wollte man Begriffe in den Mund nehmen, wie sie einem von Literatur- und Kulturhistorikern verdorben sind, so müßte man wohl sagen, daß bei Wagner, wie etwa auch bei Baudelaire, der romantische Ästhetizismus, also der ungebrochene Glaube an das Kunstwerk als ein in sich Ruhendes, sinnvoll-Reales, noch naiv lebt, in Ihnen aber, und übrigens ähnlich in Gide, zum Selbstbewußtsein gefunden und dadurch von innen her, nicht etwa von außen aufgepropfte Weltanschauung sich transzendiert hat. Die Schwelle bezeichnet wohl Nietzsche, der auf der einen Seite an der Wagnerschen Setzung des Kunstwerks Zeit seines Lebens festgehalten hat (neulich las ich bei ihm eine Formulierung: eine anti-metaphysische Weltanschauung, ja, aber eine artistische) und von dem andererseits eben die Formulierung stammt, das Kunstwerk dürfe nicht geschaffen erscheinen; eine Formulierung, die sich wörtlich fast ebenso bei Valèry findet. Zuweilen habe ich den Verdacht, als sei das wie sehr auch gewandelte Erbe des Ästhetizismus, als Lossage von dem Reich der Zwecke, das allein wirksame Gegengift gegen die sich ausbreitende Barbarei, und wenn die Ursprünge des Unheils tatsächlich nicht nur auf die Entwicklungstendenz der bürgerlichen Gesellschaft, sondern auch auf die Komplexion ihrer Kritiker zurückdatiert, so ist daran wohl vorab zu denken. Vielleicht ist es die unscheinbare, aber in ihrer Tragweite gar nicht abzuschätzende Schwäche von Marx gewesen, daß er nicht wirklich substantiell die Kultur in sich verkörperte, gegen die er sich kehrte; seine Sprache, vor allem in der reiferen Zeit, läßt sehr darauf schließen, und wenn er die Spannung zwischem dem utopischen und dem positivistischen Element im Sinn des letzteren auflöste und damit vorbereitete, daß der Sozialismus selbst zu einem Stück der Produktiionsmaschinerie wurde, so hängt das wohl mit seiner eigentümlichen Frabenblindheit gegen den Schein zusammen, ohne den es keine Warheit gibt.“

Theodor W. Adorno/ Thomas Mann, Briefwechsel 1943 – 1955, Frankfurt/M.  2003, S.  126-127