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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

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Mal ’ne Lebensbeichte: Gibt ja so Sätze …

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… die so wichtig für mich sind, daß sie mein ganzes Leben prägen. Und paradoxerweise dann in der Kritik von Identitäts-Modellen sowas wie eine Identität generieren. Das ist hier sind solche für mich:

„Zur Zeit braucht die Schwulenbewegung eine Kunst des Lebens viel dringender als eine Wissenschaft oder ein wissenschaftliches Wissen (oder pseudo-wissenschaftliches Wissen) von Sexualität. Sexualität ist Teil unseres Verhaltens. Sie ist Teil unserer Freiheit. Sexualität ist etwas, was wir selbst schaffen – sie ist unsere eigene Kreation und viel mehr als das Aufdecken einer geheimen Seite unseres Begehrens. Wir müssen verstehen, daß in und durch unsere Begehren hindurch neue Formen von Beziehungen verlaufen, neue Formen der Gestaltung. Sex ist kein Schicksal; es ist eine Möglichkeit das Leben zu gestalten.

Darauf läuft es hinaus, wenn Du davon sprichst, daß wir versuchen sollten, schwul zu werden – und uns nicht nur als schwul zu bestätigen.

Ja, genau. Wir müssen nicht entdecken, daß wir Homosexuelle sind.

Oder was die Bedeutung davon ist?

Genau. Eher müssen wir ein schwules Leben entwerfen. Werden. […]

Wenn man sich anschaut, wie verschiedene Leute ihre sexuellen Freiheiten gelebt haben – wie sie ihre Kunstwerke geschaffen haben – müsste man sagen, daß Sexualität, so wie wir sie kennen, zu einer der kreativsten Quellen unserer Gesellschaft und unseres Seins geworden ist. Meiner Meinung nach sollte man es umgekehrt sehen: Im allgemeinen wird Sexualität als das Geheimnis des schöpferischen kulturellen Lebens angesehen; sie ist aber viel eher ein Prozeß, in dem wir ein neues kulturelles Leben entwerfen, das tiefer geht als sexuelle Wahlmöglichkeiten zu haben.

(…) wenn Identität zur Frage sexueller Existenz wird, und wenn Leute glauben, daß sie ihre „eigene Identität aufdecken“ müssen und daß diese zum Gesetz werden muß, zum Prinzip, zum Code ihrer Existenz; wenn sie beständig die Frage stellen „Entspricht das meiner Identität?“, dann kehren sie zurück zu einer Ethik, die der der alten heterosexuellen Männlichkeit sehr nahe ist. Wenn wir zur Frage der Identität Stellung nehmen müssen, dann sollte es um eine Identität zu unserem eigenen Selbst gehen. Aber die Beziehungen zu uns selbst, sind keine identitären; viel eher sind sie Beziehungen von Differenzierung, Kreierung und Erfindung. Stets dasselbe zu sein ist wirklich langweilig.“

Michel Foucault

Diese späten Interviews mit Foucault haben einst tatsächlich mein Leben verändert, meine Haltung, meine Praxis, mein Denken. Sehr weit über das Thema „Sexualität“ bzw. „schwul“ hinaus: Das betrifft auch den Umgang mit allen „Wurzeln“, seien es „kulturelle“ oder „familiäre“, seien es Szene- und Schicht-Zugehörigkeiten oder Berufs-„Identitäten“. Für mich war das der Abschied, ja, die Befreiung vom Freudomarxismus, von der vulgärpsychoanalytischen Hermeneutik des vorgängigen Selbst, von allen Entfremdungsmodellen, die Formen der „Eigentlichkeit“ (Heidegger) in sich selbst aufspüren wollen, um handeln und sein zu können.

„Ästhetik der Existenz“ wurde dann ja Schlagwort mit fataler Wirkungsgeschichte, nichtsdestotrotz: Meiner Ansicht nach kann man Foucaults Kritik der Macht nicht lesen, ohne sich zu fragen, was ihn zu diesem dubiosen, aber großartigen Spätwerk trieb.

Wer diesen und ähnlichen in den späten Interviews geäußerten Gedanken Foucaults nicht folgen will, kann ja gerne „authentisch“ bleiben … klar ist: Eine Kritik der politischen Ökonomie konnten sie nie ersetzen, und auch nicht eine Kritik der „entfremdeten Arbeit“. Aber wollten sie auch nie. Auch wenn Herr Welsch das gerne so gehabt hätte …


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Written by momorulez

22. November 2008 at 11:05