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„Unser Bauch gehört uns“

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Der Kampf gegen den § 218 (13)

„Ich weinte vor Freude. […] Das greifbare Resultat unserer Aktion breitete sich in den Zeitungen aus. Die Frauenbewegung existierte in der Öffentlichket; man konnte sie nicht mehr ignorieren.“

Anne Zelensky

Was bisher geschah: Anfang 1971 hatte der Journalist Jean Moreau angesichts der sich sprunghaft entwickelnden Frauenbewegung eine Idee. Wie wäre es, wenn eine große Zahl von Frauen erklären würden, das Gesetz gebrochen und abgetrieben zu haben? Damit würde man den Staat unter Zugzwang setzen: Entweder müßte er die Frauen juristisch verfolgen oder endlich die unerträgliche Gesetzeslage ändern. Er kontaktierte die Abtreibungsgruppe im Mouvement de libération des Femmes (MLF); es gab Widerstände, aber eine Gruppe um Anne Zelensky beschloß, den Vorschlag aufzugreifen.

Das eigentliche Problem war jedoch: Wie sollte man an genügend prominente Frauen heranzukommen, damit sich eine mögliche juristische Verfolgung der Unterzeichnerinnen zu einem veritablen Skandal ausweiten würde? Zelensky griff auf einen Kontakt zurück, der im Herbst 1970 zustande gekommen war: Simone de Beauvoir. Die Lebensgefährtin von Sartre war das große Vorbild all der engagierten Frauen, die nicht mehr bereit waren, den traditionellen Rollenbildern zu entsprechen, die die Gesellschaft für Frauen vorsah. Ihr Buch Das andere Geschlecht von 1949 war so ziemlich das Einzige, was damals an theoretischer Grundlage für die Frauenemanzipation zur Verfügung stand. Und für Frauen, die wenig Lust hatten, den umfänglichen Wälzer durchzulesen, war immerhin die offene Beziehung, die Sartre und de Beauvoir führten, ein praktisches Identifikationsangebot.

Und so trugen Zelensky und einige Mitstreiterinnen ihr Anliegen Simone de Beauvoir vor. Die Reaktion folgte ohne großes Zögern:

„»Nun, ich finde die Idee sehr gut. Was mich betrifft, ich unterzeichne das Manifest«, hat sie sofort mit lauter, fester Stimme geantwortet.
Ich wäre ihr am liebsten um den Hals gefallen!
»Ich kann versuchen die Frauen, die ich kenne, anzusprechen. Machen wir eine Liste! Also…«“ ([1], S. 56)

Mit Hilfe des Adressbuchs von Simone de Beauvoir und deren Unterstützung war es beinahe ein Kinderspiel, genügend prominente Frauen dazu zu bringen, die Aktion mit ihrer Unterschrift unter dem Selbstbezichtigungsmanifest zu unterstützen. Jetzt mußt nur noch das MLF einsteigen. Zelensky schwante, daß das nicht einfach werden würde. Schon mit der Thematisierung der Abtreibungsproblematik war sie im Plenum auf erbitterten Widerstand gestoßen. Und im kleinen Arbeitskreis zum Schwangerschaftsabbruch hatte es selbst bei diesen prinzipiell interessierten Frauen Kritik an der Aktion gegeben: Reformistisch sei das, mit der bürgerlichen Presse wolle man nicht zusammenarbeiten, und überhaupt: Was sollte das mit diesen Star-Frauen? Doch jetzt, als die Sache weiter gediehen war und man die Unterstützung von Simone de Beauvoir hatte sollte es doch kein Problem sein, daß sich das MLF mit Elan in die Kampagne stürzte. Und so stellte Zelensky das Projekt im Plenum des MLF vor und wies ausdrücklich darauf hin, daß man die Unterstützung von Simone de Beauvoir hatte. Die Reaktion kam wie aus der Pistole geschossen:

„»Auf die können wir verzichten! Deren Feminismus stammt doch aus der Zeit unserer Mütter! Das andere Geschlecht ist längst überholt…«
Ich kochte vor Wut. Es war nicht mehr möglich, zu Wort zu kommen. Es war nur noch ein Gebrüll. Die Frauen keiften einander an. Marfa stieg auf einen Tisch, und ihre Stimme brachte einen Augenblick lang den Tumult unter Kontrolle:
»Verdammte Weiber! Soll das die Frauenbewegung sein? Dieser bourgeoise Haufen hier kotzt mich an! Ihr scheint euch ja jederzeit eine Abtreibung leisten zu können…«“ ([1], S. 56f)

Daß eine Mehrheit des MLF die Manifest-Aktion ablehnte ist für die damalige Zeit durchaus typisch. Die Vorstellung einer autonomen Frauenbewegung existierte noch überhaupt nicht; vielmehr verstanden sich die bestehenden Gruppen als Teil der linken revolutionären Bewegungen in der Folge von 1968. Und diese Bewegungen orientierten sich bei ihrer Vision radikaler gesellschaftlicher Veränderung an der Arbeiterklasse als dem revolutionären Subjekt. Das galt auch für den größten Teil der engagierten Frauen. Sicher kämpften sie für die Befreiung der Frauen (oder redeten zumindest davon), aber dies wurde im Rahmen einer allgemeineren sozialistischen Bewegung gedacht. Eine grundlegende Emanzipation der Frauen innerhalb des Kapitalismus erschien in diesem theoretischen Rahmen unrealistisch.

Natürlich liegt der böse Verdacht nahe. Wenn man wirklich daraufhinarbeiten wollte, die Situation der Frauen zu verbessern, hätte man im hier und jetzt die Ärmel hochkrempeln müssen. So lange man das Fernziel einer großen, alles verändernden Revolution hatte, konnte man endlos diskutieren und Theorien wälzen. Damit ersparte man es sich, konkret etwas anzupacken. Und man konnte es vermeiden, sich in der Öffentlichkeit zu exponieren. Das gilt sicherlich nicht für alle, aber für einen gewissen Prozentsatz von Mitläuferinnen ist dieser Verdacht nicht ganz von der Hand zu weisen.

Kurz und schlecht: Die eigentliche Sammlung der Unterschriften blieb also an einer kleinen Minderheit hängen.

Im Vergleich dazu war der Umgang mit den „bürgerlichen“ Medien geradezu ein Kinderspiel. Jean Moreau, der Journalist des Nouvel Observateur, von dem die Idee zu der Aktion stammte, hatte niemanden in der Zeitung informiert. Erst im letzten Moment, als ein Großteil der Unterschriften bereits beisammen war, stellte er das Projekt dem Leiter der Zeitung und der Redaktion vor – und erntete allgemeinen Zuspruch. Tatsächlich brachte auch die Belegschaft des Nouvel Observateur noch weiter Unterschriften bei.

Die konkreten Verhandlungen zwischen den Frauen und der Leitung des Nouvel Observateur verlief etwas konfrontativer:

„»Ich fürchtete ein bißchen, daß die Genossinnen die Hölle losmachen würden.« amüsiert sich Jean Moreau. Wie üblich, zogen sie ihre Show ab: Provokationen, Geschrei, auf die Tische steigen, sie wollten die ganze Zeitung für sich. »Ich mußte mich dieser Meute stellen« erinnert sich [der Geschäftsführer des Nouvel Observateur] Jean Daniel. »Manche waren beleidigend. Sie sahen in mir einen Reaktionär im Dienste des maskulinen kapitalistischen Systems. Das mir, der ich immer der Meinung war, daß die feministische Revolution die bedeutendste von allen ist…« Nach stundenlanger Verhandlung machte der Chef des »Obs« das Zugeständnis, alle Namen und Vornamen der Unterzeichnerinnen abzudrucken und dem MLF eine Seite zur freien Verfügung zu stellen. Sie gaben ihr die Schlagzeile »Unser Bauch gehört uns.«“ ([2])

Am 5. April erschien dann das Manifest, dessen Endredaktion von Simone de Beauvoir stammte:

„Eine Millionen Frauen pro Jahr lassen in Frankreich eine Abtreibung vornehmen. Sie tun dies unter gefährlichen Umständen, da die Abtreibung gesetzlich verboten ist. Wenn diese Operation unter ärztlicher Kontrolle geschieht, ist sie denkbar einfach. Man schweigt über die Millionen Frauen die abgetrieben haben. Ich erkläre, daß ich eine davon bin. Ich erkläre, daß ich abgetrieben habe.“ (zit. nach [3], S. 107)

Und dann folgten 343 Unterzeichnerinnen, darunter prominente Schauspielerinnen wie Jeanne Moreau oder Autorinnen wie Françoise Sagan oder Marguerite Duras. Zeitgleich wollten die Organisatorinnen Anzeigenplatz in Le Monde kaufen, um auch dort das Manifest und zumindest einen Teil der Unterschriften abzudrucken. Doch es kam anders. Am 6. April erschien Le Monde mit der Schlagzeile „Ein historisches Ereignis“, das Manifest stand direkt auf der Titelseite und die komplette Liste der Unterzeichnerinnen füllte zwei Seiten. Die Zeitung hatte kein Geld dafür genommen, es genügte ihr, selbst Teil des historischen Ereignisses zu sein.

Der Aktion schlug landesweit eine Welle der Sympathie entgegen, daß es die Justiz nicht wagte, irgendetwas zu unternehmen. Weder gegen die Unterzeichnerinnen noch gegen die abdruckenden Zeitungen. Und innerhalb weniger Jahre war der Kampf gewonnen: Im Dezember 1974 legalisierte das französische Parlament die Abtreibung.

Doch die Aktion hatte auch ein Echo außerhalb Frankreichs. Lesen Sie nächste Woche weiter, wenn Jean Moreau einen Anruf aus Deutschland bekommt. Und erfahren Sie, warum er daraufhin eine gewisse Alice Schwarzer anruft…

Nachweise

[1] Anne Tristan [A. Zelensky] und Annie de Pisan [A. Sugier], Jedesmal, wenn eine Frau sich wehrt…, Münster 1979.

[2] Le Nouvel Observateur, 30. März 2006:L’histoire secrète du manifeste des 343 »salopes«“ (Deserts, S. D.).

[3] Schulz, K., Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich 1968–1976, Frankfurt a.M. / New York 2002 (http://www.hist.unibe.ch/unibe/philhist/hist/content/e267/e6141/e8165/datei/datei/schulz_provokation_ger.pdf).

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3. Oktober 2014 at 14:03

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Ein wagemutiger Plan

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Der Kampf gegen den § 218 (12)

„Ich habe in meinem Leben eine ganze Menge Unfug angerichtet, aber das ist einer, mit dem ich nicht ganz unzufrieden bin.“

Jean Moreau

Was bisher geschah: Die 68er-Bewegung in Frankreich brachte keine öffentlich sichtbare Frauenbewegung hervor – aber jenseits der bürgerlichen wie der linken Öffentlichkeit bildeten sich Gruppen, in denen die Frage der Frauenemanzipation diskutiert wurde. Das Jahr 1970 sollte dann das „Jahr null“ der französischen Frauenbewegung werden. Einzelne Artikel erschienen in linken Publikationen, eine Kranzniederlegung für die „Unbekannte Frau des Unbekannten Soldaten“ schuf die erste mediale Öffentlichkeit. Im Herbst wurde dann eine Doppelnummer der Zeitschrift Partisans zur, von der und für die Frauenbewegung veröffentlicht. Das Heft verkaufte sich wie warme Semmeln. Als dann die Frauen des Mouvement de Libération des Femmes (MLF) auf einem Frauenkongreß der Zeitschrift Elle intervenierte, war klar, daß die Frauenbewegung eine Kraft darstellte, mit der man rechnen mußte.

Man darf sich das MLF nicht als eine statische Organisation vorstellen. Es gab verschiedene Grüppchen mit unterschiedlichem Hintergrund und unterschiedlichen Zielvorstellungen. Die Bezeichnung MLF war einfach ein (dankbar angenommenes) Label, das von den Medien vergeben worden war. Und es war gut und sinnvoll, unter diesem Label aufzutreten, denn das gab den Aktionen in der Öffentlichkeit mehr Gewicht. De facto war das MLF jedoch einfach ein loser, unverbindlicher Zusammenschluß. Fixpunkt waren Plena, die regelmäßig alle zwei Wochen in der École nationale supérieure des Beaux-Arts abgehalten wurden. Auf diese Plena kamen regelmäßig mehrere hundert Frauen. Vom Organisationsprinzip entsprach dies in etwa dem Aktionsrat zur Befreiung der Frauen in Berlin, bevor sich dieser unter dem Diktat von Frigga Haug in eine mehr formelle Organisation umwandelte.

Aus dem Plenum heraus sollten dann Arbeitsgruppen entstehen – das Prinzip war in Paris das selbe wie in Berlin. Wenn eine oder mehrere Frauen Lust hatten, eine Arbeitsgruppe zu gründen, dann wurde das im Plenum vorgetragen, ein Ort und ein Termin festgelegt und dann wurde geschaut, wer auftauchen würde. Und so schlugen Anne Zelensky und Christine Delphy vor, eine Arbeitsgruppe zum Thema Abtreibung zu machen. Die Reaktionen waren, wie sich Anne Zelensky erinnerte, nicht besonders hilfreich:

„Wie gewöhnlich wurde Unmut laut: »Schon wieder Abtreibung! Können wir denn nicht mal über was anderes reden!« Diese Reaktion macht mich wütend. Unglaublich! Als ob ihnen das nicht passieren könnte, diesen dummen Weibern! Einige von diesen Frauen regten mich wirklich auf mit ihrem »intellektuellen Gehabe«. Was hatten sie in einer Frauengruppe verloren? Ich war, weiß Gott, nicht vom Missionseifer besessen, aber diese Abwehr dagegen, an die Öffentlichkeit zu treten, machte mich rebellisch.“ ([1], S. 53f)

Die Parallelen zur Fraktionierung im Berliner Aktionsrat sind nicht zu übersehen. Auf der einen Seite finden wir Frauen, die schon etwas älter sind, die konkrete Erfahrungen gemacht haben und aus dieser konkreten Erfahrung heraus öffentlichkeitswirksame Aktionen machen wollen, damit sich an der Situation der Frauen in der Gesellschaft etwas ändert. In Berlin steht hierfür exemplarisch Helke Sander, die die Situation der Mütter in der Bundesrepublik Deutschland thematisierte und mit der Gründung von Kinderläden oder der Unterstützung des Kindergärtnerinnenstreiks die Öffentlichkeit erreichen wollte.

Auf der anderen Seite finden sich hauptsächlich junge Studentinnen, die von der intellektuellen Atmosphäre angezogen wurden. Man muß sich klarmachen: Die frühen siebziger Jahre waren eine Zeit, in der intellektuelle Auseinandersetzungen sexy waren. Wer irgendwie im Trend liegen wollte, mußte einfach über ein Minimum an gesellschaftskritischem Wissen verfügen. Doch die Diskussionen darüber wurden weitgehend von Männern dominiert und deren Diskussionsverhalten war meist nicht dazu geeignet, Frauen zu ermutigen, sich mit kritischer Gesellschaftstheorie zu beschäftigen. Die frühe Frauenbewegung war deshalb auch ein Versprechen, sich dieses Wissen in einer Umgebung aneignen zu können, das von männlicher Dominanz verschont blieb. Ironischerweise lief das darauf hinaus, daß sich diese mehr an der Theorie orientierenden jungen Frauen der Autorität weiblicher Führungsfiguren unterwarfen. So scharten sie sich dann im Berliner Aktionsrat um jemanden wie Frigga Haug oder in Paris um Antoinette Fouque.

Die Frauen, die der Meinung waren, daß die Probleme eigentlich auf der Hand lägen und daß man endlich anfangen müßte, dagegen etwas zu tun, waren zu Beginn des Jahres 1971 ganz klar in der Minderheit. Zum ersten Treffen der Abtreibungsgruppe kamen neben Zelensky und Delphy gerade einmal zwei Frauen. Doch davon ließen sie sich nicht entmutigen, das nächste Treffen war dann mit rund fünfzehn Teilnehmerinnen schon erfolgreicher:

„Die Mund-zu-Mund-Propaganda der Frauenbewegung hatte funktioniert. Einige Frauen, die nicht aufs Plenum gingen, weil das Chaos dort sie verschreckt hatte, die aber Lust zu konkreter Arbeit hatten, waren gekommen.“ ([1], S. 54)

Die Gruppe diskutierte, schrieb Flugblätter und überlegte sich einen Aktionsplan. Doch noch bevor sie eine Aktion aushecken konnte, kam die Aktion zu ihnen. Die Journalistin Nicole Muchnik rief bei Zelensky an und bat sie um ein Treffen. Sie wolle ein gemeinsames Projekt ihrer Zeitung Le Nouvel Observateur mit den Frauen des MLF besprechen. Man traf sich in einem Café, doch die Journalistin kam nicht allen. Sie hatte ihren Kollegen Jean Moreau mitgebracht:

„Jean Moreau, das war die große Klappe des »Obs«, der ewig Revoltierende. Ein Journalist, wie man sie heute nicht mehr herstellt, der Sohn eines Automechanikers […], ein Freund von Sartre und Glucksmann, ein kommunistischer Gewerkschaftler, der von seinen Chefs geschätzt wurde, der sein Leben in den Fabriken, auf Demonstrationen, auf den großen Boulevards verbrachte, wo er »La Cause du peuple« [verbotene maoistische Zeitung] verkaufte.“ ([2])

Und Moreau kam mit einem Vorschlag, der so simpel wie genial war: Um das geltende Abtreibungsrecht auszuhebeln, sollten die Frauen ein Manifest verfassen. Darin sollten sie sich nicht einfach nur für eine Abschaffung des Abtreibungsverbotes aussprechen, sondern in einer Form des zivilen Ungehorsams erklären, daß sie bereits gegen geltendes Recht verstoßen hätten: Sie sollten öffentlich dazu stehen, abgetrieben zu haben. Und der Nouvel Observateur würde dieses Manifest veröffentlichen.

Damit diese Aktion gelingen konnte, mußte sie natürlich so gestaltet werden, daß es der Justiz unmöglich wäre, das geltende Recht durchzusetzen. Genau das ist ja das Ziel von zivilen Ungehorsam: Das Recht auf eine Art und Weise zu brechen, daß der Versuch, es durchzusetzen, auf den Staat und die Strafverfolgungsbehörden zurückfällt. Für Moreaus Vorschlag hieß dies: Es mußten einfach so viele Frauen wie möglich sein. Und es mußten genügend Prominente dabei sein. Das Kalkül dabei war folgendes: Sollten sich die Strafverfolgungsbehörden wirklich dazu entscheiden, Anklage zu erheben, dann müßte dafür gesorgt werden, daß dies ein maximales Medienecho auslösen würde. Und dies wäre garantiert, wenn zumindest einige der Frauen die nötige Prominenz besäßen, daß die Medien daran nicht vorbeigehen konnten. Jean Moreau war ein gerissener Hund und wußte genau, wie man die Politik mit Hilfe der Medien unter Druck setzen konnte.

Zelensky und Delphy trugen dieses Angebot zurück in ihre Abtreibungsgruppe. Und waren schockiert: Statt daß das Ganze enthusiastisch begrüßt worden wäre, hagelt es Kritik. Kritik an der Zusammenarbeit mit der „bürgerlichen“ Presse. Und Kritik daran, daß man mit Prominenten zusammenarbeiten wollte, mit „Star-Frauen“. Offensichtlich begriffen diese Frauen nicht, daß das ganze Konzept gerade darauf beruhte, die Medien mit großer Reichweite zu erobern und daß die „Star-Frauen“ dafür eine notwendige Voraussetzung waren. Zelensky regte sich zurecht auf:

„Diese Argumente – bürgerliche Presse, reformistisch – hatte ich oft genug gehört. Sie kamen mir vor wie eine fruchtlose Utopie. Wenn man irgendetwas an dieser kaputten Welt ändern wollte, was auch immer es sei, mußte man sich wohl oder übel dieser Kanäle bedienen, um sich überhaupt Gehör zu verschaffen. Man ändert die Dinge von innen her nicht, indem man sie ignoriert.“ ([1], S. 55)

Und zurecht stellte sie fest, daß es ein ganz bestimmter Typus von Aktivistinnen war, die mit solchen Einwänden kamen:

„Die Frauen, die sich ablehnend geäußert hatten, kamen im übrigen nicht regelmäßig in die Gruppe, die ja für alle Frauen offen war. Ich hatte schon gemerkt, daß oft diejenigen, die am meisten redeten und systematisch gegen alles etwas einzuwenden hatten, nichts machten. Ihr »Purismus« löste ihre Zunge, aber sonst auch nichts.“ ([1], S. 55)

Und so beschloß ein kleiner Kreis, die Aktion auch gegen die Widerstände in der eigenen Gruppe durchzuziehen. Doch wie an die prominenten Frauen herankommen, die für das Gelingen des Plans unabdingbar waren?

Seien Sie gespannt auf nächste Woche, wenn Anne Zelensky berichtet:

„Ich setzte mich mit Simone de Beauvoir in Verbindung, die ich im Herbst mit einigen anderen Frauen kennengelernt hatte. […] Wir besuchten sie zu dritt. Wie bei unserer ersten Begegnung saß sie am Rand des Sofas, zurückhaltend und aufmerksam. Wir haben es gewagt. Als wir zu Ende waren, klopfte mein Herz.“ ([1], S. 55)

Nachweise

[1] Anne Tristan [A. Zelensky] und Annie de Pisan [A. Sugier], Jedesmal, wenn eine Frau sich wehrt…, Münster 1979.

[2] Le Nouvel Observateur, 30. März 2006:L’histoire secrète du manifeste des 343 »salopes«“ (Deserts, S. D.).

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26. September 2014 at 16:00

Veröffentlicht in Feminismus, Paragraph 218

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Einberufung der Generalstände

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Der Kampf gegen den § 218 (11)

„ELLE fragt: Halten Sie es, absolut gesehen, für wünschenswert, daß eine Frau einen Beruf ausübt?
MLF übersetzt: Denken Sie, daß Frauen, die siebzig Stunden in der Woche umsonst arbeiten und völlig von ihrem Mann abhängig sind, das Recht haben, hundertzehn Stunden pro Woche zu arbeiten, um die gleiche ökonomische Unabhängigkeit zu erreichen, die ihre Ehemänner mit nur vierzig Stunden erreichen?“

Mouvement de Libération des Femmes (MLF), 1970

Was bisher geschah: Die Kranzniederlegung am Arc de Triomphe im Sommer 1970 bot der entstehenden feministischen Bewegung in Frankreich die notwendige mediale Öffentlichkeit. Von nun an agierten die locker verbundenen Gruppen unter dem von der Presse erfundenen Namen Mouvement de Libération des Femmes (MLF). Und mit der Doppelnummer 54/55 der Zeitschrift Partisans, die den Titel Frauenbewegung Jahr Null trug, konnte man sich ab Oktober 1970 auch aus erster Hand darüber informieren, was diese Frauen wollten.

Doch zunächst machen wir heute einen Sprung zurück in der Geschichte: 1789 sah sich Ludwig XVI dazu gezwungen, die Generalstände einzuberufen: Das Parlament wollte ihm nicht länger die Gelder bewilligen, die er benötigte, um den drohenden Staatsbankrott abzuwenden. Die Einberufung der Ständeversammlung (der ersten seit 1614) schien dem absoluten Monarchen die einzige Chance, die Blockade durch das Parlament zu durchbrechen. Am 5. Mai 1789 traten die Generalstände erstmals zusammen. Doch statt die Steuerwünsche einfach abzunicken, erhob der sogenannte dritte Stand, das Bürgertum, die Forderung nach weitergehende Mitbestimmungsrechten. Als diese Hoffnungen enttäuscht wurden, konstituierten sich die Generalstände als Nationalversammlung neu, um eine Verfassung auszuarbeiten. Nur gut zwei Monate nach der Einberufung der Generalstände wurde am 14. Juli 1789 die Bastille gestürmt, im weiteren Verlauf der Geschichte verlor Ludwig XVI dann seinen Kopf unter der Guillotine…

Diese Einberufung der Generalstände hatte und hat in Frankreich einen hohen symbolischen Gehalt. Und diese politische Symbolik versuchte sich 1970 die Frauenzeitschrift Elle zu Nutze zu machen. Sie berief im November einen Frauenkongreß ein, den sie „Die Generalstände der Frauen“ betitelte. Daß eine Frauenzeitschrift, die ein mehr als zweifelhaftes Frauenbild vermittelte, die revolutionäre Tradition und Symbolik zu kapern versuchte, provozierte zurecht den Zorn der sich gerade konstituierenden feministischen Bewegung.

Verantwortlich für das Ganze zeichnete natürlich keine Frau, sondern der Chef der Zeitschrift, Jean Mauduit. Und dieser lud dann auch die Presse zu Cocktails in einem Restaurant auf den Champs Elysées ein, um das Programm vorzustellen. Wie ein Stier, dem ein rotes Tuch hingehalten wird, reagierte das MLF – rund dreißig Frauen sprengten die Veranstaltung. Christine Delphy entwand Mauduit das Mikrophon und verlas einen vorbereiteten Text. Außerdem wurde ein Fragebogen verteilt. Beziehungsweise die Übersetzung eines Fragebogens, denn die Zeitschrift Elle hatte einen Fragebogen für die Teilnehmerinnen ihrer „Generalstände“ entworfen, den die Frauen des MLF übersetzt hatten. Beispielsweise so:

Elle fragt: Wenn eine Frau ihren Gatten betrügt, dann ist das
– auf jeden Fall ein unentschuldbares Vergehen
– ein unter Umständen mehr oder weniger verzeihbares Vergehen?
MLF übersetzt: Sind Sie der Meinung, daß eine Frau, die ihren Unterdrücker mit anderen Frauen teilt, das Recht hat, sich auch anderswo unterdrücken zu lassen?“ (zit. nach [2])

Und sie übersetzten den Fragebogen nicht nur, sondern ergänzten ihn auch um Fragen, die von Elle überhaupt nicht gestellt wurde, wie etwa:

„Sie sind schwanger und wollen ihr Kind nicht austragen, was ziehen Sie vor:
– Stricknadeln
– Weinreben
– Eisen-, Kupfer-, Messing-, Stacheldraht
– Auf den Strich gehen, um 2000 Francs zu beschaffen.“ (zit. nach [1], S. 51)

Nachdem sie ihre Stellungnahme verlesen hatten, verließen die Frauen die Veranstaltung. Das Presseecho fiel nur zu erwartbar aus:

„Am nächsten Tag war im Figaro zu lesen, daß »furchterregende, kurzgeschorene Amazonen mit großen Filzhüten« den Eröffnungs-Cocktail gestürmt hätten. Dabei waren wir alle langhaarig und ohne Kopfbedeckung! Der Mythos der furchterregenden, hysterischen, lesbischen »Frauenbewegung« war im Begriff zu entstehen.“ ([1], S. 51)

Der eigentliche Kongreß fand dann vom 18. bis zum 20. November 1970 in Versailles statt. Und die Frauen des MLF waren wieder mittendrin:

„Wir waren bei den »Etats Généraux« dabeigewesen. Im Saal. Am Mikrofon. Unsere erste chaotische Aktion hatte Aufsehen erregt. Zur zweiten wurden wir von der »Direktion« selbst aufgefordert. Wir hatten in der großen Vorhalle einen ebenfalls nicht genehmigten Infostand aufgebaut, wo wir mit großem Erfolg Partisans verkauften. Wir waren nicht eingeladen worden, aber wir waren überall.“ ([4], S. 52)

Entscheidend ist hier wieder, daß bei dieser Aktion die besten Traditionen der antiautoritären Revolte wieder aufgriffen wurden: Selbsttätigkeit der Aktivistinnen, Koordination in der Aktion und nicht Verfolgung eines vorher ausgeklügelten Planes, der von irgendwelchen Strategen ausgearbeitet worden war:

„Wir mußten völlig improvisieren. Es gab keinen Aktionsplan, keine Anweisungen, wenig Koordination. Jemand hatte eine Idee, und wenn sie gut war bzw. der Mehrzahl gut erschien, wurde sie ausgeführt.“ ([4], S. 52)

Die Frauen waren schon viel zu lange Statistinnen in ihrem eigenen Leben gewesen, als daß sie sich nun feministischen hierarchischen Strukturen unterworfen hätten. Dieser antiautoritäre Geist übertrug sich dann auf andere Veranstaltungsteilnehmerinnen:

„Viele Frauen verließen den Saal und kamen in den Abtreibungs-Arbeitskreis. Sie waren mehr an Diskussionen interessiert, bei denen sie über sich selbst sprechen konnten, als an endlosen, geschraubten Vorträgen von männlichen »Experten«.“ ([4], S. 52)

Und genau das war das Thema, das den Nerv der Zeit traf. In der Abtreibungsfrage bündelte sich all das, was gesellschaftlich als unerträglich empfunden wurde. In ihrem parodistischen Fragebogen hatten die Frauen des MLF das bereits auf den Punkt gebracht:

„Wer ist am besten geeignet, darüber zu entscheiden, wie viele Kinder Sie haben sollen?
– der Papst, der niemals welche gehabt hat
– der Präsident, der sich leisten kann, sie aufziehen zu lassen
– der Arzt, der das Leben des Fötus über das der Frau stellt
– Ihr Mann, der abends, wenn er nach Hause kommt, kurz killekille mit ihnen macht
– Sie, die Sie die Kinder austragen und aufziehen?“ (zit. nach [4], S. 119f)

Nirgendwo wurde die fehlende Selbstbestimmung der Frauen deutlicher als in der Frage der Abtreibung, nichts bot ein größeres Mobilisierungspotential. Und deshalb konzentrierte sich das MLF in der Folge auf das Thema Schwangerschaftsabbruch.

Ich weiß nicht genau, ob ich dazukomme, für nächsten Freitag einen Text vorzubereiten, da ich unterwegs bin. Falls es nicht klappt, können Sie sich auf in zwei Wochen freuen, wenn das MLF-Komitee aus dem Pariser 18. Bezirk meint:

„Als wir unsere Kräfte maßen und über die Arbeit des vergangenen Jahres nachdachten, sahen wir klar, daß wir uns nicht verzetteln durften, uns auf einen bestimmten Punkt konzentrieren mußten, um ein genaues Resultat zu erzielen, bevor wir etwas Neues begannen. Darum brauchten wir ein Thema, mit dem wir möglichst viele Frauen ansprechen konnten.
Und wir entschlossen uns, auf den Märkten eine Unterschriftenkampagne für die Freigebung der Abtreibung durchzuführen.“ ([3], S. 84)

Nachweise

[1] Anne Tristan [A. Zelensky] und Annie de Pisan [A. Sugier], Jedesmal, wenn eine Frau sich wehrt…, Münster 1979.

[2] Les Poupées en Pantalon: „1970, les militantes du MLF aux Etats Généraux de la Femme…“, URL: http://lespoupeesenpantalon.blogspot.de/2010/04/1970-les-militantes-du-mlf-aux-etats.html, abgerufen am 12. September 2014.

[3] MLF-Komitee für den 18. Bezirk: „Stadtviertelarbeit im 18. Bezirk von Paris“, in: Linnhoff, U., Die neue Frauenbewegung. USA – Europa seit 1968, Köln 1974, S. 82 – 88.

[4] Schulz, K., Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich 1968–1976, Frankfurt a.M. / New York 2002 (http://www.hist.unibe.ch/unibe/philhist/hist/content/e267/e6141/e8165/datei/datei/schulz_provokation_ger.pdf).

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12. September 2014 at 16:02

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Die Frau des Unbekannten Soldaten

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Der Kampf gegen den § 218 (9)

„Wir fühlten uns als direkte Erbinnen der Suffragetten, sowohl was die Theorie betraf als auch und vor allem im Hinblick auf die Anwendung gewaltsamer Methoden. Leider hatten wir bislang noch keine Möglichkeit gefunden, sie anzuwenden…“

Anne Zelensky

Was bisher geschah: Der Mai 1968 in Frankreich brachte keine unmittelbar sichtbare Frauenbewegung hervor. Erst im Frühjahr 1970 fanden einige schon länger existierende Zirkel zusammen und traten an die Öffentlichkeit. Eine erste Demonstration, die von der Universität Paris-Vincennes ausging, blieb so ohne Resonanz, daß heute nicht einmal mehr ihr Datum rekonstruierbar ist.

Die Herangehensweise in Frankreich war eine völlig andere als in der BRD. Dort war der Berliner Aktionsrat zur Befreiung der Frauen vor allem praktisch tätig geworden – durch Gründung antiautoritärer Kinderläden oder die Unterstützung eines Kindergärtnerinnenstreiks. Die Französinnen hatten sich dagegen zwei bis drei Jahre lang (je nachdem, welche Gruppe man nimmt) in eher privaten Zirkeln theoretisch und unter weitgehendem Ausschluß der Öffentlichkeit mit Fragen der Frauenemanzipation beschäftigt. Der Gang an die Öffentlichkeit gestaltete sich dementsprechend: Die ersten Schritte waren publizistischer Natur.

Es begann, wie bereits letzte Woche erwähnt, mit Artikeln in der Zeitschrift L’Idiot international. Im Mai erschien der Artikel „Combat pour la libération de la femme“ (Kampf für die Befreiung der Frau). Geschrieben wurde er von den Schwestern Monique und Gilles Wittig, zusammen mit den beiden Amerikanerinnen Marcia Rothenburg und Margaret Stephenson. Diese Frauen gehörten zu der namenlosen Gruppe um Antoinette Fouque, die sich an Marx, Freud und Lacan orientierte.

Zur selben Zeit arbeiteten Anne Zelensky und Jacqueline Feldmann-Hogasen von der Gruppe FMA (das Akronym stand inzwischen nicht mehr für feminin – masculin – avenir, sondern für Féminisme – Marxisme – Action) an einem Buch mit dem Titel Féminisme, Sexualité et Révolution. Sie boten das Manuskript dem linken Verlag Maspero an, der das Ganze allerdings ziemlich überarbeitungswürdig fand. Vom Verlag kam der Kompromißvorschlag, die besten Teile aus dem Buch herauszunehmen und in der verlagseigenen Zeitschrift Partisans zu veröffentlichen. Und zwar im Rahmen einer Nummer, die sich ausdrücklich Frauenfragen widmen sollte. Zelensky und Feldmann nahmen dieses Angebot begeistert an und überzeugten die Redaktion, daß ein solches Heft ausschließlich von Frauen gemacht werden sollte.

Und so wurde fieberhaft an einer schließlich mehr als 250 Seiten umfassenden Doppelnummer der Zeitschrift gearbeitet, die nach einigen Verzögerungen endlich im Oktober herauskommen sollte. Die erste Hälfte des Heftes bestand aus Übersetzungen von Texten der amerikanischen Frauenbewegung, die aus einem von Shulamith Firestone und Anne Koedt herausgegebenen Sammelband übernommen wurden. Der Titel dieses Sammelbandes – Notes From The Second Year – inspirierte dann auch den Titel der französischen Veröffentlichung, der schlicht Libération des femmes année zero (Frauenbefreiung Jahr Null) lautete. Die andere Hälfte bestand aus aktuellen Texten französischer Autorinnen (und dem einzigen Text eines Mannes, der in den Anhang abgedrängt wurde).

Während an der Zeitschrift gearbeitet wurde, begannen die verschiedenen Frauengruppen aufeinander aufmerksam zu werden. Die Frauen der FMA hatten den ersten Artikel in L’idiot international zur Kenntnis genommen und versuchten, Kontakt zur Gruppe um Fouque aufzunehmen. Andererseits war im Nouvel Observateur ein Brief der FMA veröffentlicht worden, worauf sich eine Gruppe namens Les oreilles vertes (Die scharfen Ohren) bei ihnen meldete. Verblüffenderweise stellte sich dann bei einem Treffen heraus, daß es sich bei den Frauen von Les oreilles vertes um Mitglieder der Gruppe von Fouque handelte, die sich auf die Anfrage der FMA nicht gemeldet hatte ([1], S. 40f).

Doch bereits bei den ersten Treffen gab es Unstimmigkeiten. Es war der klassische Streit, der die Anfänge der zweiten Frauenbewegung durchzog: Verstand man sich als Teil einer revolutionären Bewegung, die sich im wesentlichen auf das Proletariat als Subjekt der gesellschaftlichen Umwälzung stützte? Oder begriff man sich als reine Frauenbewegung, für die zunächst einmal die eigenen Belange im Zentrum standen? Es kam zu einem harten Schlagabtausch zwischen der marxistischen und der feministischen Fraktion:

„Die Diskussion konzentrierte sich immer mehr auf Antoinette [Fouque], Monique [Wittig] und Christine [Delphy]. Eine Spaltung zeichnete sich ab zwischen den Verfechtern der »F.M.A./Christine«-Thesen – sie waren in der Minderheit und wurden von Monique vertreten – und den Gegnern dieser Thesen, die die Mehrheit bildeten und von Antoinette vertreten wurden. Die zukünftigen Gruppen des späteren Mouvement de Liberation des Femmes waren an jenem Abend im Keim entstanden, und sie würden sich in Zukunft immer über die Fragen »Klassenkampf« oder »Feminismus« definieren.“ ([1], S. 44)

Das waren die analogen Auseinandersetzungen, die im Berliner Aktionsrat zur Befreiung der Frauen zwischen Helke Sander und Frigga Haug ausgetragen wurden. Und wie in Berlin waren es natürlich die Feministinnen, die das antiautoritäre Erbe der 60er Jahre bewahrten und mit spektakulären öffentlichkeitswirksamen Aktionen die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse vorantrieben.

Gelegenheit dazu gab es am 26. August 1970. An diesem Tag inszenierten die Feministinnen die Aktion, die die Existenz einer Frauenbewegung ein für alle Mal ins öffentliche Bewußtsein Frankreichs rückte. Der eigentliche Anlaß dafür war wieder einmal eine Sache von außerhalb, diesmal aus den USA. Die von Betty Friedan gegründete National Organization for Woman hatte für eben diesen Tag zu einem Frauenstreik aufgerufen. Anläßlich des fünfzigsten Jahrestages des Frauenwahlrechtes sollte dieser Streik – zusammen mit landesweiten Demonstrationen – darauf aufmerksam machen, daß mit dem Wahlrecht die Gleichberechtigung der Frauen noch lange nicht erreicht war.

Dieser Streik elektrisierte auch die französischen Feministinnen. Anne Zelensky erinnert sich:

„Ich schlief noch […] Das Telefon weckte mich. Es war Mano. »Hast du jetzt sofort Zeit? Ich erklär‘ dir weshalb. Die amerikanischen Feministinnen streiken heute. Ein Frauenstreik.«
»Sagenhaft«, ich war sofort wach.
»Wir haben uns überlegt, eine Aktion zu ihrer Unterstützung zu machen. Aber ich will es dir am Telefon nicht sagen. Komm‘ gegen Mittag in das Café oben an den Champs-Elysées.«
Eine Frauenaktion? Davon träumte ich seit Jahren. Ich zog mich schnell an und ging zum vereinbarten Treffpunkt.“ ([1] , S. 46)

Dort fand sie nur eine kleine Gruppe von Frauen vor – ungefähr zehn, denn es war August und ganz Frankreich war in den Ferien. Aber sie hatten die Presse informiert, Transparente gemalt und vor allem: Einen Kranz besorgt, wie man ihn an Gräbern ablegt, mit Blumen und beschrifteten Schleifen. Diese Schleifen widmeten den Kranz der Frau des Unbekannten Soldaten, die, wie es auf einem der Transparente hieß, noch viel unbekannter war als ihr Mann (ein anderes Transparent trug den schönen, ins Deutschen nicht wirklich übersetzbaren Slogan „Jeder zweite Mann/Mensch ist eine Frau“). Dieser Kranz, so war es geplant, sollte am Grabmal des Unbekannten Soldaten am Arc de Triomphe abgelegt werden.

„Aber kaum waren wir aus dem Auto gestiegen und auf das Grab zugegangen, als Bullen auftauchten und uns brutal unsere Blumen und Spruchbänder aus den Händen rissen. Bevor wir richtig merkten was los war, hatten sie kurzerhand einige von uns festgenommen. […] Am nächsten Morgen war auf der Titelseite des France-Soir zu lesen: »Die feministischen Demonstrantinnen am Etoile konnten ihren Kranz „für die unbekannte Frau des Soldaten“ nicht niederlegen.« Zum ersten mal sprach man von Mouvement de liberation des femmes. War hatten uns diesen Namen nicht gegeben. Die Presse hat uns in Anlehnung an die amerikanische Women’s Lib so getauft. Der Frauenkampf war im Begriff wiederaufzuleben.“ ([1], S. 46)

Das war die symbolische Geburtsstunde der zweiten Frauenbewegung in Frankreich – so wie der Tomatenwurf Sigrid Rügers in der BRD zum Symbol geworden war. Von diesem Datum an existierte das MLF, die Bewegung zur Befreiung der Frauen. Und im Gegensatz zum Tomatenwurf gibt es sogar Filmaufnahmen, die man sich auf der Seite des Institut National de l’Audiovisuel anschauen kann.

Über den Charakter dieser Bewegung und die weiteren spektakulären Aktionen erfahren Sie nächste Woche mehr, wenn Anne Zelensky sich empört:

„Als erstes mußte nun eine Abtreibungsgruppe gegründet werden. […] Wie gewöhnlich wurde Unmut laut: »Schon wieder Abtreibung! Können wir denn nicht mal über was anderes reden!« Diese Reaktion machte mich wütend. Unglaublich! Als ob ihnen das nicht passieren könnte, diesen dummen Weibern! […] Was hatten sie in einer Frauengruppe verloren?“ ([1], S. 53)

Nachweise

[1] Tristan, A. & de Pisan, A., Jedesmal, wenn eine Frau sich wehrt…, Münster 1979.

Written by alterbolschewik

29. August 2014 at 15:57