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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

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Unternehmer versagen nicht! Privatisiert Währungen!

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„(…) noch immer dominiert in Medienberichten der Trugschluss, die so genannte „Finanz-“ oder „Finanzmarktkrise“ sei Folge unternehmerischen Versagens.“ (via A-Team)

Der verlinkte Text hätte ausnahmsweise mal eine intensivere Diskussion verdient statt fortwährenden Genubbels; dazu fehlt mir aufgrund grippalen Angeschlagenseins wie auch der allgemeinen Lebenssituation aktuell die Kondition. Deswegen halte ich mich mal ganz an Davids Diktum „Die Ahnung ist der ärgste Feind des Wissens“ und haue raus, was mir beim Lesen so durch den Kopf schoß:

Da stehen schon annähernd all jene Faktoren drin, die mir in den letzten Tagen und Wochen in den Gazetten von FR über FAZ bis zur Süddeutschen so über wen Weg liefen. Als lediglich interessierter Laie kann ich das nicht wirklich beurteilen.

Die Bewertung des IUF freilich erfolgt – nicht überraschend – konträr zu woanders Gelesenem; dort fand zumeist die These sich, daß die „Politik des billigen Geldes“ gerade eine Lehre aus der „großen Depression“ um 1930 herum sei. Auch der folgende Passus:

„Schließlich haben umfangreiche Regulierungen zur Finanzkrise beigetragen. Der Bankensektor zählt zu den am stärksten regulierten Branchen in nahezu allen entwickelten Volkswirtschaften.“

fand sich nicht bestätigt; eher wurde dargestellt, daß das zwar bei „normalen Banken“ in den USA der Fall sei, bei den betroffenen Investmentbanken nun aber gerade nicht, und daß genau dies einer der Gründe für den Zusammenbruch sei und deren Stunde nun ein für allemal geschlagen habe, was zugleich das Zerplatzen neoliberaler Träume sei (z.B. dem Prinzip, alles handelbar zu machen, so auch die ganzen „Derivate“, also Kreditabsicherungen – ob die jüngst in London verbotenen „Leerkäufe“ auch sowas sind, kann mir ja vielleicht jemand erläutern). Daß zudem die deutschen Banken es bisher nicht so massiv erwischt habe, weil solche reinen Investmentbanken hier gar nicht existierten, sondern ein breiter gefächertes Geschäft der Fall sei – und dies auch einer der Gründe dafür sei, daß der Kauf der Postbank durch die Deutsche Bank (war’s die?) das zuletzt vernachlässigte Privatkundengeschäft wieder aufbauen solle.

Indirekt betsätigt das der Text sogar:

„Ihre Markt beherrschende Stellung hatten die Giganten durch staatlich garantierte geringere Risikoprämien, eine gefährlich geringe Kapitalquote, massenhaft öffentliche Aufträge und Steuerprivilegien erreicht.“

Insofern ist das Verlinkte im Grunde genommen gar kein Appell gegen Regulierung, sondern gegen falsche, das zieht sich durch, seltsam, daß dann der Schluß so konträr zum Geschriebenen erfolgt.

Auch sonst erscheint das ein wenig wie ein invertierter, historischer Materialismus, was wohl vor allem daran liegt, daß der Liberalismus die ältere Theorie ist: Das Geschehen auf den Märkten erscheint wie in blinder Effekt staatlicher Gefüge, nicht etwa umgekehrt dieser als der Produktivkrafentwicklung sich anpassend.

Das erscheint mir nicht nur unplausibel, das ist auch sehr seltsam, daß die ganzen Wiwis, die so viel von „Markt“ reden, im Grunde genommen diesen gar nicht beschreiben, siehe das Zitat eingangs – stattdessen schreiben sie eigentlich nur über den Staat und dessen Effekte. Unternehmerisches Handeln taucht ja nur und ausschließlich darauf bezogen auf in dieser Art von Analyse; und „rational choice“ ist ja auch ein ideologisccher Witz, wenn sie so durch die beschriebenen Parameter determiniert würde.

Das fiel mir schon bei der eher widerwillig vollzogenen Friedmann-Lektüre auf – der schreibt viel über Moral, viel über die Differenz zwischen „kollektivem“ und „individuellem“ Handeln, viel über richtige Formen der Beratung von Regierungen durch die Wirtschaftswissenschaften – aber eigentlich nix über das, was ich in meiner Feld-, Wald- und Wiesendenke unter „Wirtschaft“ verstehen würde. Abgesehen von der Rolle der Banken, in der Tat.

Kann es sein, daß die in dieser Tradtion stehenden Wissenschaftler ihre ganzen Modelle eher aus ihrer Legitimation durch das Beraten von Politikern gewinnen und gar nicht aus aus einer adäquaten Bestimmung des Gegenstandes – daß sie also tatsächlich gar nicht über Wirtschaft, sondern nur und ausschließlich über Politik schreiben? Daß über totalisierende Abstraktionen wie „Angebot“, „Nachfrage“ und „gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht“ hinaus diese Jungs von Wirtschaft eigentlich keine Ahnung haben? Ja, ich spitze das tatsächlich so zu, damit mir jemand widerspricht.

Das, was Praktiker Rayson neulich geschrieben hat, was mir ganz plausibel schien, unterschied sich ja nicht umsonst eklatant von solchen Plädyers wie dem Verlinkten … wie wär’s denn mit einer materialen Theorie des Marktes?

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Written by momorulez

24. September 2008 at 21:53

Veröffentlicht in Ökonomie, Staat=Markt?

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(netzeitung & blog) Zwei Thesen zu Politik und Blogs in Deutschland

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Deutsche Blogger sind unpolitisch und unreif (netzeitung)
festzustellen wäre: dass auch der aktuelle Vergleich US-amerikanischer politischer Blogs mit ihren deutschsprachigen Pendants ergab, welch geringe Rolle politische Blogs im deutschsprachigen Raum spielen.

Deutsche bloggen mit dem Arsch oder dem Kopf (ring2*)
Über Politik wird in Deutschland entweder verkopft gebloggt oder aus dem Darm. Der Bauch ist viel zu selten Entstehungsort von politischer Artikulation.

Written by ring2

11. April 2008 at 14:02