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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

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Massenkristalle

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Bewegungslehre (5)

„Wer sich heute nicht setzt, kann morgen schon sitzen!“

Sitzstreikparole, Frankfurt 1962

Was bisher geschah: Am Abend des 26. Oktober 1962, einem Freitag, wurde in Hamburg die Spiegel-Redaktion von den Ermittlungsbehörden besetzt. Grund dieser „Nacht-und-Nebel“-Aktion: Verdacht auf Landesverrat. Am Samstagmittag stellte sich Rudolf Augstein der Polizei. Und schon am Sonntag fand die erste spontane Protestdemonstration in Stuttgart statt.

Ich hatte letzte Woche bereits darauf hingewiesen, daß die Demonstration in Stuttgart nicht von politisch völlig unerfahrenen und unorganisierten Leuten initiiert wurde. Vielmehr wurde die Demonstration ziemlich symbolträchtig aufgezogen. Die AktivistInnen vom Verband der Kriegsdienstgegner hatten sich die Münder mit Heftpflaster verschlossen, hielten Ausgaben des Spiegel in der Hand, bekannten sich mit handgeschriebenen Plakaten mit der Zeitschrift solidarisch. Außerdem hatten sie eine Presseerklärung geschrieben, die sie der Deutschen Presseagentur telefonisch durchgaben. Und sie standen direkt vor der Redaktion der Stuttgarter Nachrichten, so daß die lokale Presse den Protest nicht ignorieren konnte. Dabei hätten sie sich keine Sorgen machen müssen:

„Als die Reihe stand, brauchte ich gar nicht mehr ins Verlagsgebäude zu gehen. Ein Lokalreporter kam mit einer Sofortbildkamera, fragte wer wir seien und nahm meine Presseerklärung entgegen.“ ([3], S. 19)

Nach Beendigung der Aktion überlegten sich die Protestierenden, ob sie noch etwas trinken gehen sollten, entschieden sich dann aber dafür, sich vorher noch die Tagesschau anzusehen, ob es neue Entwicklungen in der Spiegel-Affäre gebe:

„Das war eine glückliche Entscheidung, denn es gab eine Überraschung. Der Reporter der Stuttgarter Nachrichten war fix gewesen. Unser Bild kam in der Tagesschau. Bürgerprotest zugunsten der Spiegel-Redakteure! Das erste Zeichen, dass der Mann auf der Straße sich von Adenauers Rede, dass hier »ein Abgrund von Landesverrat« klaffe, nicht einschüchtern ließ.
Auch der Ticker von dpa tat sein Werk. Wir hatten die Nachricht produziert, auf welche die Presse gewartet hatte. Die Stuttgarter Nachrichten – und sogar die Konkurrenz, die Stuttgarter Zeitung – berichteten am Montag über unsere Aktion, die eine mit Bild, die andere ohne. Mich freute, dass meine Presseerklärung vollständig zitiert wurde.“ ([3], S. 19)

Das macht deutlich, daß es noch einen weiteren wichtigen Akteur gibt, den wir bei unserem Versuch, die Natur von Protestbewegungen zu verstehen, mit in den Blick nehmen müssen: Die Medien. Doch dazu in einem späteren Beitrag mehr. Hier interessiert uns zunächst etwas anderes, nämlich die Natur der Spontaneität. Läßt sich, angesichts dieses professionellen Herangehens tatsächlich von spontanem Protest reden? Ist das nicht vielmehr genau die Art von organisierter Demonstration, die ich im vorletzten Beitrag etwas abfällig als „synthetische Bewegung“ bezeichnet hatte?

Keineswegs. Denn der Ursprung des Ganzen liegt im Ereignis – dem staatliche Angriff auf den Spiegel – zu finden, es war diese Aktion der Staatsmacht, die die Proteste auslöste. Die Demonstration entsprang keinen strategischen oder auch nur taktischen Planungszielen der Organisation. Die Verteidigung der Pressefreiheit war kein primäres Interesse des Verbandes der Kriegsdienstgegner (VK). Dessen Mitglieder reagierten nur sensibler und damit schneller als der Rest der Öffentlichkeit.

Im Gegensatz zum Großteil der Öffentlichkeit kannten sie den inkriminierten Artikel ziemlich genau, weil dieser tatsächlich in das Interessensgebiet ihrer Organisation fiel. Schließlich lag die Veröffentlichung bereits zwei Wochen zurück, doch den Kriegsdienstgegner war er ziemlich präsent, weil er ihre Kritik am Adenauerschen Militarismus und dessen potentiell katastrophalen Konsequenzen auch durch die gegnerische Seite beglaubigte:

„Dieser Bericht bestätigte quasi NATO-offiziell die schlimmsten Befürchtungen unserer Gruppe.“ ([3], S. 17)

Gegenstand des Protestes war aber nicht der Artikel selbst, sondern der offenkundige Versuch der Regierung, die kritische Berichterstattung zu einem der umstrittensten Politikfelder der Adenauer-Regierung zu unterdrücken. Es ging also um die Rolle der Presse in einer funktionierenden Demokratie, und das war nun gerade nicht ein zentraler programmatischer Bestandteil der VK. Konsequenterweise beschloß die Gruppe, ausdrücklich nicht als Stuttgarter Ortsgruppe der VK aufzutreten:

„Möglichst viele sollten sich mit unserem Protest identifizieren. War es da nicht besser, wenn wir uns heute nicht als Randgruppe der Gesellschaft zu erkennen gaben, also weder von Kriegsdienstverweigerung, noch von unserer Teilnahme an den Ostermärschen, noch gar von unserem Plan des Aufbaus einer Gewaltfreien Zivilarmee sprachen. »Wir tun so, als ob wir uns sonntagmorgens regelmäßig zu einer Art politischem Stammtisch treffen und uns nun spontan zu diesem Zeichen der Ermunterung für die inhaftierten Spiegel-Redakteure entschlossen haben.« Das sagte ich Günter am Telefon. Auch mit Artur Epp verständigte ich mich noch. Sie waren einverstanden: »Ja, um der Sache willen, ist heute Zurückhaltung geboten. Flagge zeigen, könnten wir ein andermal.«“ ([3], S. 18f)

Dieser Ablauf ist keineswegs untypisch. Am Anfang, bei der Initiierung einer Bewegung, sind es häufig Organisationen – oder besser: Menschen, die schon Organisationserfahrung haben – von denen die erste Aktivitäten ausgehen. Das heißt nicht, daß die Organisation die Bewegungen hervorbringen. Sie sind eher als Katalysatoren oder Kristallisationspunkte anzusehen, die den Prozeß zwar in Gang setzten, worauf dieser dann aber eine Eigendynamik gewinnt, die sich von den Initiatoren emanzipiert. Canetti spricht in diesem Zusammenhang von „Massenkristallen“ ([1], S. 79ff). Allerdings bleibt, da er nicht zwischen Massen und Bewegungen unterscheidet, seine Bestimmung dessen, was Massenkristalle überhaupt sind, seltsam unscharf. Dennoch hat er eine der wesentlichen Eigenschaften dieser Massenkristalle herausgearbeitet. Es ist die Eigenschaft, daß Massenkristalle deutlich langlebiger sind als Massen (und Bewegungen):

„Zwar bilden sich immer neue Formen aus, aber die alten in ihrem Eigensinn bleiben daneben bestehen. Sie mögen zeitweilig in den Hintergrund treten und an Schärfe und Unentbehrlichkeit verlieren. Die Massen, die zu ihnen gehörten, sind vielleicht abgestorben oder man hat sie ganz unterdrückt. Als harmlose Gruppen, ohne irgend etwas nach außen zu bewirken, leben die Kristalle dann für sich weiter. […] Der Augenblick, da sie gebraucht werden, kommt so sicher wieder, wie es neuartige Massen gibt, zu deren Erregung und Auslösung sie sich eignen mögen.“ ([1], S. 80f)

Gerade an der Spiegel-Affäre läßt sich sehr schön die Katalysatorfunktion der Massenkristalle aufzeigen, denn in unterschiedlichen Städten waren es sehr unterschiedliche Organisationen, die zu öffentlichem Protest aufriefen, die dann aber schnell weitere, bislang unorganisierte Menschen mobilisieren konnten:

„Insgesamt kam es in den ersten vier Wochen der Spiegel-Affäre zu mindestens 23 Demonstrationen in 17 Städten der Bundesrepublik, meist mit Sitz einer Universität oder Hochschule. Am häufigsten ging die Initiative von politischen Studentenverbänden, wie dem Liberalen Studentenbund Deutschlands (LSD), dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), dem Sozialdemokratischen Hochschulbund (SHB) oder gewerkschaftlichen Studentengruppen aus. Doch die Mehrzahl der Demonstranten bestand aus Studenten, die sonst nicht in politischen Studentenverbänden mitarbeiteten.“ ([4], S. 161)

Das heißt, es ist relativ egal, welche Organisation als Katalysator dient, es braucht nur einen Kristallisationspunkt, um den herum sich die Masse gruppieren kann. Im Extremfall kann das auch eine einzige Person sein. Ein gutes Beispiel hierfür findet sich bereits einen Tag nach der Stuttgarter Aktion in Düsseldorf. Dort stellte sich eine Einzelperson, der 30-jährige Werbegraphiker Günter W., mit einem selbstgemalten Plakat auf die Königsallee. Im Polizeibericht hieß es dazu:

„Das Plakat ist wie folgt bemalt: »Warte, warte noch ein Weilchen, bald kommt Josef auch zu Dir, mit dem großen Hackebeilchen und macht Büchsenfleisch aus Dir!« Weiter sind auf dem Plakat einige Büchsen mit den Aufschriften »Der Spiegel«, »Demokrat«, »…albohm«, »Takt und Anstand« und weiter eine feiste männliche Person mit einem Beil aufgemalt; vom Beil tropft rote Farbe.“ (zit. nach [4], S. 162)

Um diesen singulären Massenkristall sammelten sich dann in kürzester Zeit rund 200 Menschen ([2]) – bis Günter W. dann einfach von der Polizei festgenommen wurde. Mit anderen Worten: Wenn das Ereignis eintritt, muß jemand die Initiative ergreifen. Das können einzelne, bislang in der Öffentlichkeit unbekannte Personen sein, doch mit größerer Wahrscheinlichkeit sind es bereits bestehende Organisationen, die als Massenkristalle fungieren.

Unglücklicherweise leiden politische Organisationen notorisch an der Illusion, sie würden die Bewegungen hervorbringen, für die sie eigentlich nur als Katalysatoren dienen. Es ist nicht ihre geduldige politische Wühlarbeit, die irgendwann umschlägt in eine Bewegung. Sondern die Bewegung ist das Resultat eines unerwarteten, aber symbolischen Ereignisses, in dessen Folge dann Organisationen als Katalysatoren wirken können.

Nächste Woche schauen wir uns näher an, was das Ereignis, wenn es denn ein Symbol ist, überhaupt symbolisiert. Freuen Sie sich also darauf, wenn Harry Pross zur Spiegel-Affäre meint, sie habe geholfen,

„im Volk zwei Parteien quer durch alle Schichten zu bilden: die Landesverratspartei und die Anti-Willkür-Partei.“ (zit. nach [4], S. 215)

Nachweise

[1] Canetti, E., Masse und Macht, Frankfurt a.M. 1980.

[2] clj & BeK: „Protest: Die Zivilgesellschaft geht auf die Strasse“, URL: http://www.anstageslicht.de/themen/themenkategorien/geschichtenansicht/berichtansicht/kat/history/story/die-spiegel-affaere-1962-und-danach/kapitel/landkarte-des-protests-demonstrationen-und-diskussionen/report/158.html, abgerufen am 26. November 2014.

[3] Ebert, T.: „Auf der Suche nach einer gewaltfreien Alternative zur Bundeswehr – Erfahrungsbericht eines Friedensforschers“, URL: http://www.lebenshaus-alb.de/magazin/media/pdf/Ebert_Nuernberg_2_11_05.pdf, abgerufen am 28. November 2014.

[4] Liebel, M.: „Die öffentlichen Reaktionen in der Bundesrepublik“, in: Ellwein, T.; Liebel, M. & Negt, I., Die Spiegel-Affäre II – Die Reaktion der Öffentlichkeit, Olten 1966, S. 37 – 240.

Written by alterbolschewik

5. Dezember 2014 at 14:56

Spontaner Protest

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Bewegungslehre (4)

„Jeder Bürger muß es schrein – Augstein raus und Strauß muß rein“

Demonstrationsparole 1962

Was bisher geschah: Spontane Massen bilden sich als Reaktion auf ein Ereignis. Und zwar ein Ereignis, das die bestehende Ordnung als brüchig erscheinen läßt, beispielsweise ein extrem traumatisierendes Verbrechen. Oder auch ein politische Attentat wie das auf John F. Kennedy.

Bei der Ermordung Kennedys hatten wir bereits gesehen, daß das Ereignis den Charakter eines Symbols annehmen kann. Hier wurde nicht nur ein beliebter Politiker ermordet, sondern der Mord repräsentierte im Bewußtsein derer, die deswegen auf die Straße gingen, die Gefahr eines politischen Rückfalls in einen autoritären Politikstil, der mit Kennedy überwunden schien.

An dieser Stelle ist es wohl angebracht, Bewegungen von zwei anderen, nah verwandten sozialen Phänomenen abzugrenzen, nämlich von bloßen Massen einerseits und Organisationen andererseits. Ein Massenereignis, selbst wenn es einen politischen Inhalt hat wie die Trauerkundgebungen nach dem Tod von Kennedy, ist noch keine Bewegung. Damit spontan entstehende Massen zu Bewegungen werden, müssen sie mehr sein als eine bloße öffentliche Zusammenballung von Menschen. Bewegungen werden von mehr getragen als dem bloßen Gefühl, in der Masse aufgehoben zu sein. Sie wollen etwas, das sich nicht allein durch das Zusammenkommen befriedigen läßt. Sie weisen über den konkreten Anlaß hinaus. Andererseits wäre es aber zu weit gegriffen, wenn man dieses Mehr, diesen Überschuß, den Bewegungen gegenüber bloßen Massen haben, schon als ein klares Ziel bezeichnen würde. Das unterscheidet Bewegungen von Organisationen. Organisationen haben Ziele – und deshalb mischen sie sich auch oft in Bewegungen ein, um diese für ihre Ziele zu instrumentalisieren (über das komplexe Verhältnis von Bewegungen zu Organisationen wird in einem späteren Blogtext zu reden sein). Die Kurs einer Bewegung ist jedoch viel unbestimmter als bei organisierten Gruppen. Es gibt kein konkret ausformuliert Ziel, sondern nur eine vage Richtung, in die die Bewegung sich eben bewegt. Anders als bei Organisationen stellt sich deshalb die Einheit der Bewegung nicht über ausformulierte Programme her, sondern über Symbole. Und das Ereignis, das die Bewegung auslöst, ist das erste Symbol, das die Menschen zusammenbringt und in Bewegung setzt.

Als Symbol ist das Ereignis immer ein Doppeltes: Einerseits ein konkreter Vorfall, der meist als schockierend und traumatisierend empfunden wird. Andererseits lädt sich dieser Vorfall sofort mit einem Mehr an Bedeutung auf, durch ihn wird etwas, das bislang nur vage erahnt, befürchtet oder auch erhofft wurde, auf einmal konkret. Eine solche Ahnung, sei sie nun positiv oder negativ, wird durch das symbolische Ereignis Gewissheit. Und diese Gewissheit treibt die Menschen auf die Straße.

Ein ganz typisches Beispiel für ein derartiges Ereignis war etwa der GAU im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl. Die Gefahren der Atomenergie waren zum damaligen Zeitpunkt längst in der öffentlichen Diskussion, doch sie waren, wie es so schön heißt, „umstritten“. Zwar gab es erklärte Verfechter der Atomenergie und klare Gegner, doch ein Großteil der Bevölkerung war eher unschlüssig. Das Ereignis änderte dies grundlegend. Die schon totgesagte Anti-Atomkraft-Bewegung erlebte einen neuen Aufschwung, daß selbst die Parteien der schwarz-gelben Regierungskoalition dazu gezwungen waren, die Atomenergie nun nur noch als eine „Übergangslösung“ zu verkaufen. Bei einer diffus polarisierten Öffentlichkeit kann ein solches symbolisches Ereignis die öffentliche Meinung schlagartig nach einer bestimmten Seite hin kippen lassen.

Im Detail läßt sich dies an der Spiegel-Affäre des Jahres 1962 studieren. Ganz kurz zur Erinnerung die Fakten: Im Oktober 1962 veröffentlichte der Spiegel einen Artikel über das Nato-Manöver Fallex 62, das das Verteidigungskonzept der Bundesrepublik als völlig unzureichend aufgezeigt hatte. Die Informationen dazu waren dem Spiegel durch einen, wie man heute sagen würde, Whistleblower zugespielt worden. Dieser Indiskretion lagen Flügelkämpfe im Verteidigungsministerium zugrunde: Es gab offensichtlich eine Fraktion von Militärs, die den Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß diskreditieren wollte. Auf die Veröffentlichung im Spiegel erfolgte eine recht absurde Anzeige wegen angeblichen Landesverrates. Urheber der Anzeige war ein alter Nazi und jetziger Parteifreund von Franz-Josef Strauß; ob die Anzeige mit Wissen und Billigung von Strauß erfolgte, ist nicht bekannt. Doch das ist auch nicht weiter von Belang, da Strauß im Rahmen der Ermittlungen in kürzester Zeit informiert war, denn die Bundesanwaltschaft wandte sich im Rahmen ihrer Ermittlungen an das Verteidungsministerium, um ein Gutachten zu bekommen, ob es sich bei besagtem Artikel wirklich um Landesverrat handeln könne.

Spätestens jetzt wurde Strauß, der schon längere Zeit eine Fehde mit dem Spiegel austrug, zum Strippenzieher hinter den Kulissen. Am Freitag, den 26. Oktober, mitten während der Endredaktion der nächsten Spiegel-Ausgabe, besetzten in den Abendstunden rund 50 Mann des Bundeskrimialamtes, des Militärischen Abschirmdienstes und der Bundesanwaltschaft die Redaktionsräume des Spiegel. Sie hatten Haftbefehle für den Herausgeber Rudolf Augstein und den Autor des Artikels, Conrad Ahlers, doch keiner der beiden befand sich in der Redaktion. Augstein war bei seiner Geliebten, Ahlers in Spanien im Urlaub. Augstein stellte sich am nächsten Tag der Hamburger Polizei, Ahlers wurd auf direkte Intervention von Strauß im faschistischen Spanien festgenommen. In der Öffentlichkeit wurde die Aktion sofort als Racheakt Franz-Josef Strauß‘ am Spiegel interpretiert. Und schon am Sonntag begannen dann die uns interessierenden Proteste – zunächst im von Hamburg weit entfernten Stuttgart:

„20 junge Stuttgarter protestieren am Nachmittag »stumm« auf der Königsstraße gegen das Vorgehen der Bundesanwaltschaft. In einer Presseerklärung heißt es, sie seien »dem ‚Spiegel‘ für seinen couragierten Bericht über das Manöver Fallex 62 dankbar« und dass die Anschuldigungen gegen den Spiegel lächerlich seien, »da außer dem Bundesanwalt wohl niemand in der Bundesrepublik die russische Spionage für so unfähig hält, daß sie auf die Spiegel-Lektüre angewiesen wäre.«“ ([2])

Diese erste Protestaktion war ziemlich professionell gemacht. Gut gemachte Plakate, ein öffentlichkeitswirksamer Platz direkt vor der Redaktion der Stuttgarter Nachrichten, das symbolträchtige Auftreten mit verklebten Mündern und dem Spiegel in der Hand, die Formulierung und Verbreitung einer Presseerklärung: Das alles verweist darauf, daß diese ersten Protestierenden organisiert waren. Und das waren sie in der Tat – es war die Stuttgarter Ortsgruppe des Verbandes der Kriegsdienstgegner, die hinter der Aktion stand. Eigentlich wollte sich die Gruppe an diesem Sonntagmorgen zu einem Referat über den Widerstand der norwegischen Lehrer während der nationalsozialistischen Besatzung treffen. Doch die Verhaftung Augsteins wegen Landesverrates änderte schlagartig die Tagesordnung – angesichts dieses Vorfalls war nach Ansicht der Kriegsgegner der Verteidungsfall für die Demokratie eingetreten. Noch am selben Tag wollte man in der Stuttgarter Innenstadt demonstrieren. Und man plante taktisch äußerst geschickt, wie sich einer der Beteiligten, Theodor Ebert, später erinnerte:

„»Die meisten Journalisten werden in der Verhaftung Augsteins einen Angriff auf die Pressefreiheit sehen. Wir müssen ihnen ganz schnell die Nachrichten zum Protest der Bevölkerung liefern, die sie brauchen. Wir demonstrieren spontan auf der Königstraße. Wir stellen uns vor das Verlagsgebäude der Stuttgarter Nachrichten. Mitten in der Stadt. Dort sind wir nicht zu übersehen.« Das war meine Empfehlung.
Sie leuchtete ein. »Wir brauchen einen Blickfang. Wenn wir da nur rumstehen und ‚Freiheit für Augstein‘ rufen, hilft dies nicht viel«, gab Artur Epp zu bedenken. Und dann machte Jutta Vorwerk, die vom Krakeelen überhaupt nichts hielt, einen überraschenden Vorschlag: »Wir bilden vor dem Verlagsgebäude eine lange Reihe. Jeder nimmt irgendeine Nummer des ‚Spiegel‘ in die Hand und liest darin. Und wir kleben uns den Mund zu – mit Heftpflaster.« – Artur stimmte sofort zu: »Das ist genial. Da kapiert jeder sofort, was gemeint ist.« Auch mir gefiel der Vorschlag: »Da können sich Passanten spontan anschließen und wir sind sicher, dass sie keinen Unsinn erzählen und dies dann als die Meinung der Demonstranten zitiert wird.«“ ([3], S. 18)

Durch dieses Vorgehen wurde die Stuttgarter Ortsgruppe des Verbandes der Kriegsdienstgegner zu einem, wie es bei Canetti heißt, Massenkristall. Damit und mit der weiteren Dynamik der Proteste im Jahr 1962 beschäftigen wir uns nächste Woche. Freuen Sie sich also darauf, daß Elias Canetti nächste Woche erklärt:

„Als Massenkristalle bezeichne ich kleine, rigide Gruppen von Menschen, fest abgegrenzt und von großer Beständigkeit, die dazu dienen, Massen auszulösen.“ ([1], S. 79)

Nachweise

[1] Canetti, E., Masse und Macht, Frankfurt a.M. 1980.

[2] clj & BeK: „Protest: Die Zivilgesellschaft geht auf die Strasse“, URL: http://www.anstageslicht.de/themen/themenkategorien/geschichtenansicht/berichtansicht/kat/history/story/die-spiegel-affaere-1962-und-danach/kapitel/landkarte-des-protests-demonstrationen-und-diskussionen/report/158.html, abgerufen am 26. November 2014.

[3] Ebert, T.: „Auf der Suche nach einer gewaltfreien Alternative zur
Bundeswehr – Erfahrungsbericht eines Friedensforschers“, URL: http://www.lebenshaus-alb.de/magazin/media/pdf/Ebert_Nuernberg_2_11_05.pdf, abgerufen am 28. November 2014.

Written by alterbolschewik

28. November 2014 at 19:29

Risse in der Ordnung

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Bewegungslehre (3)

„Die Neigung der Menschen, zu Feuer zu werden, dieses alte Symbol zu reaktivieren, ist auch in späteren, komplexeren Kulturen stark.“

Elias Canetti, Masse und Macht

Was bisher geschah: In der letzten Woche wurde zwischen Bewegungen differenziert. Ich behauptete, daß es auf der einen Seite synthetische Bewegungen gebe, das heißt, Bewegungen bei denen die Mobilisierung bewußt von gesellschaftlichen Gruppen organisiert wird. Die Friedensbewegung der 80er Jahre wurde als derartige Bewegung bezeichnet. Und es gibt andererseits spontane Bewegungen, zu denen niemand aufruft, sondern die sich plötzlich wie von selbst konstituieren.

Während wir uns im letzten Beitrag hauptsächlich mit den synthetischen Bewegungen beschäftigt haben, soll es heute um die spontanen Bewegungen gehen. Hier hat keine Organisation einen Plan, hier wird nicht versucht, mit Hilfe des Drucks der Massen ein strategisches Ziel zu erreichen. Es geschieht einfach: Auf einmal findet sich eine Masse zusammen, ohne daß jemand explizit dazu aufgerufen hätte. Canetti hat versucht, das in Masse und Macht zu beschreiben:

„Eine ebenso rätselhafte wie universale Erscheinung ist die Masse, die plötzlich da ist, wo vorher nichts war. Einige wenige Leute mögen beisammen gestanden haben, fünf oder zehn oder zwölf, nicht mehr. Nichts ist angekündigt, nichts erwartet worden. Plötzlich ist alles schwarz von Menschen. Von allen Seiten strömen andere zu, es ist, als hätten Straßen nur eine Richtung. Viele wissen nicht, was geschehen ist, sie haben auf Fragen nichts zu sagen; doch haben sie es eilig, dort zu sein, wo die meisten sind. Es ist eine Entschlossenheit in ihrer Bewegung, die sich vom Ausdruck gewöhnlicher Neugier sehr wohl unterscheidet. Die Bewegung der einen, meint man, teilt sich den anderen mit, aber das allein ist es nicht: sie haben ein Ziel. Es ist da, bevor sie Worte dafür gefunden haben: das Ziel ist das schwärzeste – der Ort, wo die meisten Menschen beisammen sind.“ ([2], S. 11)

Was Canetti hier beschreibt ist der reinste, auf den grundlegendsten Mechanismus reduzierte Fall der Masse. Es ist die Masse, die keinen anderen Inhalt oder Zweck hat als sich selbst. Ich weiß nicht, ob es diese reine Masse historisch wirklich einmal gegeben hat. Die Masse, die einfach nichts anderes ist als Masse, erscheint mir eher als ein Phantasma des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Mit dem Wuchern der ersten Großstädte wie London oder Paris entstand auch die Furcht vor der Masse. Wo die Individuen nicht mehr einer rigiden sozialen Aufsicht unterworfen waren, fürchtete man ihre unkontrollierte Zusammenrottung zu einem amorphen Gebilde, das die klar definierten Klassenschranken in Frage stellte. Die Furcht vor der unkontrolliert zusammenströmenden Masse war immer die Furcht vor dem Zerfall der bürgerlichen Strukturen und Regeln. Und diese Masse aus den Alpträumen des Bürgertums scheint Canettis obiger Beschreibung eher Pate gestanden zu als reale Massen in benennbaren historischen Situationen.

Dennoch ist Canettis Beschreibung nicht falsch – man muß sie nur als Beschreibung eines Idealtyps verstehen. Massen, wenn sie im Entstehen begriffen sind, lösen einen Sog auf zunächst Unbeteiligte aus, der erstaunlich ist. Es gibt ein – und das ist eine wesentliche Erkennntis, die wir Canetti verdanken – archaisches Bedürfnis der Menschen, in der Masse aufgehen zu wollen. Im Alltag ist dieses Bedürfnis normalerweise unterdrückt – wir halten Distanz zu unseren Mitmenschen und empfinden es als unangenehm, wenn uns fremden Menschen zu sehr auf die Pelle rücken. In der Masse ist dies anders:

„Es ist die Masse allein, in der der Mensch von dieser Berührungsfurcht erlöst werden kann. Sie ist die einzige Situation, in der diese Furcht in ihr Gegenteil umschlägt. Es ist die dichte Masse, die man dazu braucht, in der Körper an Körper drängt, dicht auch in ihrer seelischen Verfassung, nämlich so, daß man nicht mehr darauf achtet, wer es ist, der einen »bedrängt«. Sobald man sich der Masse einmal überlassen hat, fürchtet man ihre Berührung nicht.“ ([2], S. 10)

Dieses archaische Bedürfnis, Teil einer Masse zu werden, ist ein ganz wichtiger Punkt, wenn wir begreifen wollen, wie spontane Bewegungen entstehen. Auch wenn es keine Massen geben sollte, die allein und ausschließlich aus diesem Massenbedürfnis hervorgehen, so ist dieses Verlangen dennoch in allen Massenphänomenen vorhanden. Selbst unsere angeblich so individualisierte Gesellschaft hat ihre ganz typischen Rituale, in denen dieses Massenbedürfnis befriedigt wird: Sei es in den Fanmeilen, die anläßlich eigentlich völlig banaler Sportereignisse eingerichtet werden, oder bei riesigen Open-Air-Konzerte, wo das Massenereignis noch dadurch gesteigert wird, daß beim stagediving einzelne kurzzeitig aus der Masse herausgehoben und buchstäblich von ihr getragen werden, bis sie wieder in der Masse untergehen.

Doch selbst wenn wir ein solches Massenbedürfnis unterstellen, bilden sich Massen nicht einfach grundlos, ohne äußeren Anlaß. Es braucht etwas, das die Menschen aus ihrem alltäglichen Trott herausreißt und sie dazu motiviert, sich mit anderen zu einer Masse zusammenzuschließen: Ein Ereignis. Etwas geschieht und unabhängig voneinander sind Menschen auf einmal der Meinung, das könne man nicht einfach achselzuckend abtun. Irgendetwas müsse man tun. Und selbst wenn es völlig unklar ist, was man denn tun könne, entsteht das Bedürfnis, andere zu finden, denen es ebenso geht. Und so trifft man sich an einem öffentlichen Ort, um einen gemeinsamen Umgang mit dem Ereignis zu finden.

Damit das Ereignis bei den Menschen ein solches Verhalten auslösen kann, muß es als Schock erfahren werden. Das Ereignis stellt die Ordnung der Welt, wie man sie sich tagtäglich zusammenkonstruiert in Frage. Dieser Riß, der auf einmal durch das eigene Weltbild läuft, verlangt nach Heilung. Es ist diese Heilung, die in der Masse gesucht wird.

Die einfachste Form eines solchen schockierenden Ereignisses ist ein Verbrechen. Damit es sich aber um ein massenbildendes Ereignis handelt, genügt kein einfaches Feld-, Wald- und Wiesen-Verbrechen, kein Bankraub, kein Mord aus Geldgier oder Leidenschaft. Derartige Verbrechen sind nicht wirklich schockierend – sie sind, wie man achselzuckend seufzt, unentschuldbar, kommen aber, so wie die menschliche Natur nun einmal ist, eben vor. Nein, es geht um die entsetzlichen Verbrechen, die grundsätzlich an der Menschheit zweifeln lassen. Nur diese werden als Ereignisse empfunden werden, die einen auf die Straße treiben. Da wird beispielsweise ein Kind vergewaltigt und ermordet, seine Leiche wird irgendwo im Park aufgefunden. Dann zieht es die Menschen an diesen Ort – nicht aus eitler Neugier, sondern weil man sich vergewissern will, daß dieses Ereignis die absolute Ausnahme ist, daß die Nachbarn im Viertel das Ganze als ebenso traumatisierend empfinden wie man selbst. Man legt Plüschtiere nieder, man zündet Kerzen an – das Feuer spielt hier als eines der mächtigsten Massensymbole ([2], S. 82f) eine wichtige Rolle. Mit diesem Tun vergewissert man sich, daß trotz des Ereignisses die Ordnung im wesentlichen intakt ist. Die Masse, in die man sich einreiht, wird zum Trost und zur Versicherung, daß die gestörte Ordnung nicht grundsätzlich in Frage gestellt ist.

Eine solche Masse ist noch längst keine Bewegung. Sie findet sich zusammen und zerstreut sich wieder, ohne daß daraus langfristig etwas folgen würde. Sie will gesellschaftlich nichts ändern, sondern sie sucht Trost angesichts des Geschehens und eine Bestätigung dafür, daß das Ereignis nichts verändert hat und die alte Ordnung weiterhin Gültigkeit besitzt.

Näher an der Entstehung politischer Bewegungen sind Ereignisse, in denen sich Verbrechen und Politik vermischen. Ein solches Ereignis war beispielsweise die Ermordung John F. Kennedys 1963. Damals schrieb Rudolf Augstein im Spiegel:

„Die uns bekannte Geschichte hat kein Beispiel dafür, daß der jähe Tod eines Menschen die gesamte bewohnte Erde so aufgestört hätte wie die Nachricht von der Ermordung des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy. Einige Augenblicke lang stockte Milliarden Menschen Pulsschlag und Atem. Fünfzehn Minuten, bis zur endgültigen Todesnachricht, verharrten die Völker ganzer Erdteile in lähmender Spannung.“ ([1], S. 22)

Die Trauer über den Tod Kennedys trieb nicht nur in den USA die Menschen auf die Straße, auch in der Bundesrepublik fanden Trauerkundgebungen und -märsche statt, zum Teil auch wieder unter Aufbietung des Massensymbols Feuer, hier in Form von Fackelzügen.

Von einem bloßen Verbrechen unterschied sich die Ermordung Kennedys dadurch, daß es nicht der Rechtsbruch als solcher war, der als schockierend empfunden wurde. Der Tod Kennedys symbolisierte mehr, nämlich eine politische Richtungsentscheidung. Augstein brachte das damals im Spiegel zum Ausdruck:

„Sein Versuch, unterstützt von den idealistischen Impulsen einer demokratischen Innenpolitik, die Friedenssicherung mit den Sowjets durch zäheste Strategie zu erreichen, ist durch seinen Tod unterbrochen und tausend Unberechenbarkeiten preisgegeben. Zum zweitenmal innerhalb eines Jahres, wie beim Tod des 81jährigen Papstes Johannes, überfällt einfache Leute und Intellektuelle schockartig der Zweifel, ob denn das Neue, das durch einen Menschen in die Welt gekommen ist, durch das Erstarren eines einzigen Gehirns abreißen und zu Ende sein kann.“ ([1], S. 22)

Die Menschen, die nach Kennedys Tod auf die Straße gingen, plädierten damit auch für eine Fortsetzung seiner Politik. Mit dem spontanen Gang auf die Straße wurde zum Ausdruck gebracht, daß man sich auch zukünftig eine Politik im Stil Kennedys wünschte, der als Alternative zum üblichen Politikstil des Kalten Krieges (miß-)verstanden wurde (es ist dabei völlig unerheblich, ob diese Projektion auf die Person Kennedys auch nur im geringsten realistisch war). Damit wurde sicherlich noch nicht der Übergang vom bloßen Zusammentreten einer Masse hin zu einer Bewegung vollzogen. Aber wir sind diesem Übergang einen Schritt nähergekommen. Ein Ereignis wie die Ermordung Kennedys brachte nicht nur einfach ein Gefühl der Betroffenheit hervor, das Bewußtsein einer grundlegenden Störung der Ordnung, die wiederhergestellt werden muß. Sondern sie offenbarte, daß bereits unabhängig vom Ereignis ein politischer Riß durch die Gesellschaft ging, den das Ereignis nur symbolträchtig bewußt machte. Die Masse ist hier nicht mehr nur ein tröstliches Zusammenrücken, sondern eine politische Stellungnahme für eine gesellschaftliche Alternative, wenn auch nur innerhalb des als allgemein akzeptierten Rahmens.

Nächste Woche werden diese Überlegungen fortgesetzt, wenn wir uns die Spiegel-Affäre des Jahres 1962 ansehen. Freuen Sie sich darauf, daß die Zeit angesichts der Verhaftung von Rudolf Augstein auf Betreiben von Franz-Josef Strauß schrieb:

„Es ist, als habe ein greller Blitz das Dämmerlicht unserer politischen Landschaft erhellt. Plötzlich wurde deutlich, wie wenig ins demokratische Bewußtsein dieses Volkes die rechtsstaatlichen Normen eingedrungen sind.“ ([3], S. 1)

Nachweise

[1] Augstein, R., „Der Präsident der Stärke und des Friedens“, in: Der Spiegel, Jg.7 (1963), Nr.48 (27. November 1963), S.22 – 23 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46172876.html).

[2] Canetti, E., Masse und Macht, Frankfurt a.M. 1980.

[3] Gresmann, H., „Spiegel-Affäre, Staats-Affäre“, in: Die Zeit, Jg.15 (1962), Nr.44 (2. November 1962), S.1 (http://www.zeit.de/1962/44/spiegel-affaere-staats-affaere/komplettansicht).

Written by alterbolschewik

21. November 2014 at 17:25

Veröffentlicht in Bewegung, Ereignis

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