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Burka für alle!

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Eigentlich ist dieses Blog ja nicht mehr so richtig aktiv. Aber ich will der geneigten Leserin, dem geneigten Leser ein Fundstück aus dem Umkreis der social justice warriors nicht vorenthalten, das in seiner Komik kaum mehr zu überbieten ist. Für ein Summercamp in der Nähe von Freiburg, wo sich angebliche „Linke“ treffen, hat die „awareness“-Gruppe einen „code of conduct“ herausgegeben, in dem es heißt:

„Was gerade bei Sommercamps immer wieder zu Auseinandersetzungen führt, ist der Umgang mit Nacktheit. In dieser Gesellschaft genießen nach wie vor nur Männer* gesellschaftliche Akzeptanz bei oberkörperfreiem Auftreten in der Öffentlichkeit. Dies führt häufig dazu, dass viele Männer* dieses Privileg nutzen und schnell ihr T-Shirt ausziehen, wenn es warm ist.“

Schockierend! Junge Männer ziehen bei sommerlicher Hitze ihr T-Shirt aus! Haben die denn nicht ihre Privilegien gecheckt? Daß die linke Szene, vor allem die universitäre, seit den 90er Jahren im Umgang mit Sexualität zusehends prüder wurde, habe ich noch registriert. Ich hätte aber nicht gedacht, daß inzwischen Körperlichkeit selbst als Affront betrachtet wird.

Doch es kommt noch doller:

„Auf der anderen Seite kann ein Sich-Ausziehen auch bestärkend sein, zum Beispiel für Frauen* oder Trans*Personen, die sonst in der Öffentlichkeit ganz anderen Blicken oder Sprüchen ausgesetzt sind.“

Während sich also die Männer züchtig bedecken sollen, ist es für Frauen ein Akt der Emanzipation, sich auszuziehen? Man fragt sich wirklich, in welcher Welt die AutorInnen leben. Überall in der Öffentlichkeit wird der mehr oder minder nackte weibliche Körper in Szene gesetzt. Damit einher geht die Definition einer Norm, wie der nackte weibliche Körper unter kapitalistischen Bedingungen auszusehen habe. Und wer nicht so aussieht, soll gefälligst die Produkte und Dienstleistungen kaufen, die den Konsumenten vorgaukeln, sich dadurch dieser Norm anzunähern.

Meinen die Privilegienchecker wirklich, daß diese Normen auf ihrem Sommercamp außer Kraft gesetzt sind? Es werden in der von ihnen inszenierten Atmosphäre garantiert nicht die kleinen, mit Speckfalten gesegneten, bleichen Stubenhockerinnen ihr T-Shirt ausziehen und sich dadurch „empowern“. Denn gerade dadurch, daß Nacktheit zu einem Thema gemacht und mit moralischen Hinweisen umstellt wird, schaffen die TugendwächterInnen eine Atmosphäre, in der nackte Körper ungebührliche Aufmerksamkeit erregen. Aus einem bloßen Ausziehen wird automatisch ein Zurschaustellen gemacht – und genau das schreckt die ab, deren Körper den gesellschaftlichen Normen nicht entsprechen.

Das war, gerade in der Linken, einmal anders. In den 70er und 80er Jahren dachte sich wirklich niemand etwas dabei, wenn sich auf einem sommerlichen Treffen in freier Natur Menschen auszogen. Ob da jemand eine Wampe hatte oder die Brüste herunterhingen, war völlig belanglos. Das Ausziehen hatte nichts von Inszenierung, war keine Leistungsschau der Körper und hatte auch keine sexuelle Komponente. Es war einfach Sommer und warm… Und die repressive bürgerliche Moral hatte man, zumindest bildete man sich das ein, längst hinter sich gelassen.

Die sich links gebärdende Prüderie hingegen läuft hingegen auf eine Talibanisierung hinaus: Der einzige Ausweg aus ihren Dilemmata ist die Burka – und zwar für alle. Dann endlich, wenn alle Körper hinter einer Komplettverschleierung verschwunden sind, können sie sich von gleich zu gleich begegnen, ohne daß irgendjemand von seinen Privilegien profitiert.

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Written by alterbolschewik

14. August 2015 at 12:38