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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

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Wie alles begann: Die Geschichte der Gegenwart

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Vielleicht isses ja nun so weit – daß jenseits dieses nicht enden wollenden Gequassels über ’68 endlich das in’s Blickfeld rückt, was tatsächlich die letzen 40 Jahre geprägt hat: Der in den späten 70ern, frühen 80ern dann auch politisch als Klassenkampf von oben durchgedrückte ökonomische Wandel, der immer auch einer der De-Industrialsierung in den einst großen Industrienationen ist.

Erscheint ja ein wenig hilflos, wenn die Bundesregierung jetzt mal wieder, wie Schröder schon, auf die Autoindustrie setzt, lautstark verkündend, daß jeder sechste Arbeitsplatz an dieser hinge – der letzte noch verbliebene, industrielle Kern soll’s retten, nachdem die ganzen Finanzgeschäfte es gerade mal nicht mehr bringen für die wenigen, die davon profitierten.

So sitzen nunmehr „Experten“ in irgendwelchen Talkshows und diagnostitzieren, England habe es ja noch viel härter getroffen, da gäbe es ja gar keine nennenswerte Industrie mehr. Parallel recherchiere ich über Post-Punk und New Pop in England und Deutschland, surfe herum, um noch mal den zeitgeschichtlichen Hintergrund genauer zu fassen.

Vieles weiß man ja noch irgendwie, aaber eher irgendwie. Als ich dann gestern den im folgenden verlinkten Text noch mal las, das wurde mir eiskalt. Glaube nicht, daß es Zuafll ist, daß gerade in einer Zeitung aus Österreich mir die erste prägnante Zusammenfassung über den Weg lief; ebenso ist es kein Zufall, daß 1979 das Jahr war, in dem die National Front in England enormen Zulauf erhielt und in der Statistik die höchste Zahl „fremdenfeindlicher“ Übergriffe zu verzeichnen war – wobei die Quantifzierung der Statistik immer dazu dient, die Qualität des Phänomens erträglicher zu machen. Maggie Thatcher fand, daß die national Front ja auf wirklich wichtige Probleme hinweisen würde ….

The Specials und andere haben darauf reagiert, als sie die Ghost Towns in Musik überführten – und auch das kein Zufall, daß die schwarz/weiß gestreifte Hose, die ich stolz als Zweiter in der Schule einst trug, gerade in Deutschland jeglicher Konnotation entkleidet wurde, während in England schon klar war, was die schwarz/weißen Karos der Specials bedueten sollten. Hier trug’s dann Nena auf, das Gestreifte, und alle feierten die DEUTSCHEN Stars, die man endlich wieder habe. Kohl hielt Händchen in Bitburg, ach nee, Händchen halten war ja in Verdun, egal, hat die SS-Männer da in Bitburg mit Reagan besucht, und ihm ist’s trotz der „Gnade der späten Geburt“ hoch anzurechnen, daß er den Thatcher-Kurs trotz Lambsdorff, der zeitweise ja fast aus dem Knast regierte, nicht so massiv durchgesetzt hat.

Was trotzdem nicht verhindern konnte, daß Gabi Delgados Ausruf „Wir sind die Türken von Morgen“ dann Neonazi-Slogan wurde und in Britannien sich Madness zunächst mal nicht so richtig von den neofaschistisch gewendeten Skins distanzieren wollten, die sich den eigentlich schwarzweißen Ska zur eigenen Musik erwählten. Und immerhin konnte auch der „Sozialist“ Mitterand das Aufkommen der Front National nicht verhindern. Doch dort gab’s, ich glaube, auch von Gewerkschaften initiiert, diese Hand mit dem „Ne touche pas mon pôte“ am Revers, ich hoffe, ich habe das richtig geschrieben – in Hoyersverda und Lichtenhagen trug diese gelbe Hand kein Schwein. Dafür wurde dann der Asylrechtsparagraph geändert, weil die in Hoyersverda ja auf wichtige Probleme hingewiesen hätten, und bis heute weiß kaum noch jemand, daß auch Deutschland Kolonialmacht war – sowas verschwand im „Pogo in Togo“ der United Balls. Dafür hatten wir nunmehr Nena. Und die haben wir im Gegensatz zu einem adäquaten Asylrechtsparagraphen immer noch.

Schauen wir also zurück, wie alles begann – vielleicht wird ja ’ne Serie draus:

„Dann gewann Margaret Thatcher im Mai 1979 für die Konservativen die Wahlen. Nach „dreißig Jahren Sozialismus“, versprach Thatcher, werde sie das Land aus der Umklammerung der „faschistischen Linken“ befreien. Das Sozialsystem wollte die Premierministerin nicht reformieren, sondern zerschlagen. Die Unternehmer sollten von den Fesseln der Bürokratie befreit werden, die Menschen von der Bevormundung des Wohlfahrtsstaates, der den „Tatkräftigen, Erfolgreichen und Sparsamen Geld wegnimmt, um es den Untätigen, Versagern und Schwachen zu geben“. Die öffentlichen Ausgaben begriff Thatcher als „unproduktive Last“, so viele Aufgaben wie möglich wollte sie „dem Markt und den Familien“ übertragen. Was vom sozialen Netz übrig bleibe, dürfe kein „Sofa“, sondern maximal ein „Sprungbrett“ sein. „So etwas wie eine Gesellschaft gibt es nicht“, sagte Thatcher: „Ich habe den Individualismus immer als christliche Mission verstanden.“


(….)


Als größtes Hindernis für ihre konservativ-liberale Revolution identifizierte Thatcher die in Großbritannien mächtigen Gewerkschaften – und bekämpfte sie mit brutalen Mitteln. Als Thatcher die alte britische Industrie von einem Tag auf den anderen dem internationalen Wettbewerb aussetzte, brachen ganze Branchen zusammen. Millionen Arbeiter standen plötzlich auf der Straße – und die Gewerkschaften verloren Mitglied um Mitglied. Die Massenarbeitslosigkeit nahm Thatcher bewusst in Kauf, wenn sie sie nicht sogar gefördert hat, um ihre Erzfeinde auszuschalten. „Die Arbeitslosen kosteten ihr ein Achselzucken“, sagt der Politikwissenschafter Peter Pulzer, emeritierter Professor der Universität Oxford: „Das humane Gespür früherer konservativer Regierungen schaffte sie ab.“


(…)


Zehntausende Bergarbeiter blockieren die Zufahrten zu den Gruben. Die Regierung schickt paramilitärische Polizeieinheiten. Die gehen nicht gerade zimperlich vor. Die TV-Stationen senden täglich neue Bilder von blutigen Zusammenstößen. Monatelang. Den Gewerkschaften geht das Geld aus. Dutzende Frauen und Kinder von Kohlearbeitern stehen hungrig vor den Supermärkten. Sie schnorren Lebensmitteldosen. Doch die Regierung bleibt hart. Die Bevölkerung empört sich – hauptsächlich über gewalttätige Bergarbeiter. Die Streikenden geben auf. Nach einem guten Jahr ziehen die Zeitungen Bilanz: fünf Tote, tausend Verletzte auf beiden Seiten. 10.000 Verhaftungen. Insgesamt gingen 100.000 Arbeitsplätze verloren.


(…)


„Thatcher hat mit ihren Feinden Glück gehabt“, sagt der Politologe Pulzer. Den militanten Scargill stellte Thatcher mit dem Nationalfeind Argentinien, den das Empire eben im Falklandkrieg besiegt hatte, auf eine Stufe. Die Propaganda ging auf. Selbst die Labour Party distanzierte sich von der Brutalität der Bergarbeiter, die arbeitswillige Kumpel zusammenschlugen. Nach einem Jahr hatte Thatcher den Streik ausgesessen. Die entscheidende Schlacht war verloren. Flexibilisierungen des Arbeitsrechts und eine Reihe von Gesetzen, die ihren Freiraum beschnitten, gaben den Gewerkschaften den Rest. Bis heute fristen sie in Großbritannien ein Schattendasein.


Für viele Briten hatte der Thatcherismus aber verheerende Folgen: Die Zahl der Arbeitslosen schnellte in die Höhe, allein in drei Jahren von 1,3 auf 3,3 Millionen. Der Anteil der Armen erhöhte sich während der Thatcher-Regentschaft von sieben auf 21 Prozent. Weil die Gewerkschaften abgemeldet waren, drifteten die Löhne immer weiter auseinander. Ein Drittel der Werktätigen musste sich in unsicheren Jobs durchschlagen, ein weiteres Drittel war arbeitslos oder verdiente zu wenig, um ordentlich davon leben zu können. Das Phänomen der working poor tauchte in Europa zuerst in Großbritannien auf. Die Banker und Spekulanten in der Londoner Innenstadt freuten sich über schwindelerregende Profite, doch vor ihren Büros lagerten immer mehr Obdachlose und Bettler.

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Written by momorulez

7. November 2008 at 10:14

Des einen Gier, des anderen Neid

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„Wo kommt das ganze Geld denn her, das permanent auf der Jagd nach der höchsten Rendite ist? Die Gier ist ja nicht plötzlich entstanden. Gier gab es schon immer. Aber sie hat im Finanzkapitalismus plötzlich die Chance bekommen, sich auszutoben.

Das viele Geld kommt zum einen von jenen, die die Profiteure der großen weltweiten Umverteilung von unten nach oben sind, seit Ronald Reagan und Maggie Thatcher begannen, die Nachkriegsordnung der globalen Wirtschaft zurückzudrehen. Zum anderen kommt das Geld von den Menschen, die privat für ihr Alter vorsorgen müssen. Pensionsfonds füttern mit dem Geld der kleinen Leute die Töpfe der spekulativen Hedgefonds, weil mehr Rendite immer besser ist.

(….)
Weil aber der Finanzkapitalismus zweistellige Renditen abwarf, haben immer mehr Firmen aufgehört zu investieren und Wachstum samt Jobs zu schaffen.“

Robert von Heusinger in der gestrigen FR

Written by momorulez

27. September 2008 at 9:22

Veröffentlicht in Ökonomie

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